Der Weimarer Reichstag

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Weimarer Reichstag' von  Philipp Austermann
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Weimarer Reichstag"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:338
Verlag: Böhlau Köln
EAN:9783412519858
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Rezensionen zu "Der Weimarer Reichstag"

  1. Bei der letztjährigen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Jan 2022 

    Bei der letztjährigen Bestellung bei der Landeszentrale für politische Bildung hatte ich noch einige Titel offen, weshalb ich mich für dieses Buch entschied, obwohl ich für mich selbst das Feld Weimarer Republik weitestgehend bestellt finde (das soll jetzt nicht arrogant klingen, aber das Thema war und ist eines meiner Hauptinteressensfelder im Bereich der Geschichte und ich habe so viel darüber gelesen, dass es nur wenig Neues zu erwarten gibt). Philipp Austermann beschreibt in seiner Studie "Der Weimarer Reichstag - Die schleichende Ausschaltung, Entmachtung und Zerstörung eines Parlaments" am Beispiel dieses Verfassungsorgans den Niedergang der Weimarer Republik, wobei, dem Untertitel entsprechend, der Schwerpunkt auf den Jahren 1930 bis 1933 liegt. Allerdings beginnt er mit den Belastungen, denen die Reichstagsarbeit von Anfang an durch den verlorenen Krieg, das Erbe des Kaiserreichs und die Reparationsverpflichtungen ausgesetzt war. Danach folgt ein etwas trockener Teil über den parlamentarischen Alltag, die Verfahrensweisen und die Arbeit der Abgeordneten.

    Was den Schwerpunkt betrifft, dem sachkundigen Leser bietet die Darstellung wenig Neues. Die Entwicklungen vom Zerfall der letzten Koalitionsregierung über die Präsidialkabinette bis zum Ermächtigungsgesetz sind so oft und vielfältig beschrieben worden, dass das auch nicht erwarten gewesen ist. Dennoch schafft es Ackermann, das alles noch einmal komprimiert auf den Punkt zu bringen, und darin liegt die Daseinsberechtigung dieser Studie. Natürlich waren die Parteien damals weitaus stärker als heute Milieuparteien, die stark Rücksicht auf ihr jeweiliges Klientel nehmen mussten, was die für Demokratie notwendige Kompromissfähigkeit/-bereitschaft erschwerte, aber das war nicht der Grund für das Scheitern der ersten deutschen Demokratie. Weitaus sägten die stockkonservativen Kräfte am Ast der Demokratie, die ihnen zutiefst wesensfremd und zuwider war. Ein Reichspräsident Hindenburg nutze schamlos die Schwächen der Reichsverfassung aus, um sie zu untergraben, beraten von Militärs wie Schleicher und Adligen wie dem unsäglichem Franz von Papen, der sich anmaßte, Hitler kontrollieren zu können. Wenn es so etwas wie eine göttliche Gerechtigkeit gibt, so mögen sie alle auf ewig in der Hölle schmoren für das, was sie zu verantworten haben. Nebenbei, man fragt sich überhaupt, warum in Deutschland noch Straßen und ein Damm nach dem Totengräber der Republik benannt sind, denn Hindenburg steht nun für alles andere als demokratische Traditionen. Auch der Reichskanzler Brüning kommt bei Ackermann zu recht schlecht weg, weniger deshalb, weil er sich auf Hindenburgs Spiel, einen autoritären Staat aufzubauen, der von den konservativen Eliten des untergegangenen Kaiserreichs geleitet werden sollte, einließ als vielmehr deshalb, dass er ohne wirkliche Not den Reichstag auflösen ließ und damit die Nationalsozialisten stark machte. Seine Politik der Deflation und der Ablösung der Reparationsverpflichtungen ist bis heute umstritten, war aber, zumindest was das Letztere betrifft, erfolgreich, wenngleich Brüning selbst davon nicht mehr profitierte, weil ihn bereits der ewige Intrigant Papen beerbt hatte. Doch Brünings Plan, dem Ausland die deutsche Zahlungsfähigkeit durch strikte Ausgabenkürzung zu demonstieren und damit dem einfachen Volk durch Gehalts- bzw. Unterhaltskürzungen die Hauptlast aufzubürden, war ein Spiel mit hohem Risiko, vor allem vor dem Hintergrund des Aufstiegs der NSDAP, aber auch der KPD. Da es sich letztlich um einen Betrug an den Siegermächten handelte, konnte er dem Volk ja kaum seine Absichten erklären, so dass dieses nur das ständig zunehmende Elend registrierte. Das Ziel, später mit den durch den Wegfall der Reparationsverpflichtungen Arbeitsbbeschaffungsprograme zu finanzieren, war ja so nicht vermittelbar und fiel dann seinem späteren Nachfolger Hitler in den Schoß, Stichpunkt Autobahnbau, dessen Pläne ja noch in der Zeit der Republik gemacht wurden.

    Am Ende der Lektüre muss sich der Leser fragen, ob es angesichts des Aufstiegs der AfD, den "Spaziergängen" der Corona-Leugner und anderer Verschwörungsfanatiker nicht angebracht ist, auch sichtbar auf die Straße zu gehen, um diese nicht den Krawallmacher sang- und klanglos zu überlassen. Es hat nicht immer der Recht, der am lautesten schreit, aber was daraus erwachsen kann, sollten wir Deutschen am besten wissen.

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Die Türken vor Wien. Zwei Weltmächte im Ringen um Europa. Vom Fall Konstantinopels bis zum Ende der Türkenkriege

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Türken vor Wien. Zwei Weltmächte im Ringen um Europa. Vom Fall Konstantinopels bis zum Ende der Türkenkriege' von  Klaus-Jürgen Bremm
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Inhaltsangabe zu "Die Türken vor Wien. Zwei Weltmächte im Ringen um Europa. Vom Fall Konstantinopels bis zum Ende der Türkenkriege"

Lesern von "Die Türken vor Wien. Zwei Weltmächte im Ringen um Europa. Vom Fall Konstantinopels bis zum Ende der Türkenkriege" gefiel auch

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:432
EAN:9783806241327
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Rezensionen zu "Die Türken vor Wien. Zwei Weltmächte im Ringen um Europa. Vom Fall Konstantinopels bis zum Ende der Türkenkriege"

  1. Lesenswerte Darstellung eines gut 450 Jahre dauernden Konflikts

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Dez 2021 

    Mit der Eroberung Konstantinopels wurde das osmanische Reich endgültig zum Player auf dem europäischen Spielfeld. Die Hauptlast im Kampf gegen das weitere Vordringen der Türken wurde das benachbarte Habsburgerreich. "Spielfeld" war vor allem das Gebiet des heutigen Ungarn, in dem ganze Landstriche verwüstet und entvölkert wurden. Zunächst schien kein Kraut gegen den schier unaufhaltsam scheinenden Eroberungszug gewachsen zu sein, die Söldnerheere der christlichen Staaten waren den Glaubenskämpfern des Islam hoffnungslos unterlegen. So kam es zu den zwei bekannten Belageungen Wiens 1529 und 1683, deren erste nicht ganz so bedrohlich war, während der zweiten stand die Auseinandersetzung bis zum Eintreffen des Entsatzheeres unter dem Polenkönig Johann Sobieski in buchstäblich letzter Sekunde auf des Messers Schneide. Mit der Einführung stehender Heere, die durch ständigen Drill und Untergliederung in kleinere, unahbhängig voneinander agierende Abteilungen zu einer moderneren Kriegsführung übergingen, wendete sich das Kriegsglück zugunsten der Habsburger, die nach und nach weite Teile des Balkans zurückerobern konnten. Am Ende übernahmen die Russen die Federführung im Kampf gegen das osmanische Reich, mit dem die Habsburger längst ihren Frieden gemacht hatten. Nunmehr galt es, den "kranken Mann vom Bospurus" am Leben zu erhalten, damit er als Puffer zwischen den österreich-ungarischen und russischen Interessen auf dem Balkan dienen konnte.

    All dieses schildert der Militärhistoriker Klaus-Jürgen Bremm in seiner Studie "Die Türken vor Wien" in höchst anschaulicher Weise. Immer wieder verweist er dabei auch auf die Folgen für die Bevölkerung der umkämpften Gebiete, die massenhaft von beiden Seiten massakriert, versklavt und verschleppt wurde. Deutlich macht er aber auch, dass es keineswegs so etwas wie ein gemeinsames Interesse der christlichen europäischen Mächte an einer Abwehr des weiteren Vordringens des Islam in Europa gab, im Gegenteil, insbesondere Frankreichs Interessen an westlich gelegenen Gebieten des deutschen Reiches sowie preußische Interessen an Schlesien führten des Öfteren zu einem Paktieren mit dem osmanischen Reich, um den gemeinsamen Gegner Habsburg zu schwächen, insgesmt also eher kein Ruhmesblatt der europäischen Gechichte

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Die Hanse

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Hanse' von  Rolf Hammel-Kiesow
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Hanse"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
EAN:9783806243451
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Rezensionen zu "Die Hanse"

  1. Sehr, sehr lesenswert!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Nov 2021 

    Klappentext:

    „Der Bund der Hansestädte bestimmte über Jahrhunderte die Geschicke des Handels, vom Spätmittelalter bis in die frühe Neuzeit. Im Laufe ihres langen Bestehens gehörten über 200 europäische Städte zwischen IJsselmeer und Peipussee der Hanse an.“

    Diese große und wunderschön gestaltete Buch ist eine Mischung aus Coffeetable-Book und Lexika gleichermaßen. Der Leser erfährt hier alles rund um das Thema „Hanse“. Einerseits erhalten wir geschichtlichen Fakten, Analysen, Betrachtungen, Seerouten… aber eben auch wahnsinnig opulente Bilder und Fotos bzw. Zeichnungen von damals und heute. Die „Hanse“ galt für viele als ein Mysterium, eine Vereinigung mit immensen Wissen und Geschäften auch international - richtig so, denn hier gan es Köpfe die nicht nur helle sondern unheimlich schlau und ihrer Zeit voraus waren. Die Hanse half vielen Städten zu Reichtum und Anerkennung, aber der Weg dorthin war schwer und mühsam. Hier werden wirklich alle aufkommenden Fragen geklärt: Wie ist die Hanse entstanden und warum?, Was hat es mit den Kontoren auf sich?, Durch was ist die Hanse zerbrochen?. Aber ist sie wirklich zerbrochen? Schließlich haben viele Städte unseres Landes und auch anderweitig immer noch den stolzen Titel „Hansestadt“ im Namen…so verloren kann die Hanse also gar nicht sein…

    Ein Buch das nicht nur Fragen aller Richtung zu diesem Thema beantwortet, sondern auch einfach nur wunderschön und stimmig anzusehen ist. Ich vergebe hier sehr gern 5 von 5 Sterne!

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King George II.

Buchseite und Rezensionen zu 'King George II. ' von Norman Davies
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "King George II. "

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
EAN:9783806243109
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Rezensionen zu "King George II. "

  1. Ein Deutscher auf dem britischen Thron

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Nov 2021 

    Klappentext:

    „Mit seinen Bediensteten sprach er Deutsch, in der Familie vorzugsweise Französisch. Georg II. August, der zum ersten Mal mit 31 Jahren nach England kam, herrschte 33 Jahre als kritisch beäugter „Ausländer“ über das britische Empire. Zugleich war Georg August Kurfürst seiner Heimat Braunschweig-Lüneburg. Mit leichter Hand portraitiert der britische Historiker Norman Davies dieses barocke Schwergewicht und zieht alle Register stilistischer Eleganz und britischer Ironie.“

    Autor Norman Davies hat es doch tatsächlich geschafft eine Biografie zu verfassen, die nicht nur Wissen, sondern auch gewissen Witz und Charme enthält. Seine Worte und Gedanken zu Georg II. sind sehr bildhaft und flüssig geschrieben. Er lässt eine alte Zeit wieder aufleben und schnell wird klar, welche Rolle Georg August Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg damals inne hatte: er war ein gewisser schwarzer Fleck in der Optik, wenn auch ein dicker, denn der britische Thron hatte dies vorher noch nie inne, einen Ausländer zum König. Heute würde man von Integration sprechen, damals war es frevelhaft zumindest hinter vorgehaltener Hand, aber es war nunmal so vorgesehen und der arme Kerl konnte ja nichts dafür das er aus Deutschland kam…so etwas sucht sich ja bekanntlich niemand aus ob er den Thron besteigen will oder nicht. Wie gesagt, die bildhaften und ausschweifenden Beschreibungen über die Person und die damalige Zeit sind sehr gelungen und man erschrickt schon manches Mal wenn man an die heutige Zeit denkt und dies mal reflektiert.

    Wer hätte gedacht das eine Biografie so erhellend sein kann?!

    Die Aufmachung ist ebenfalls sehr gelungen: Bilder und Texte sind harmonisch zusammen gesetzt und untermalen diese gekonnt.

    Ein ganz besonderes Buch über eine besondere Person: 5 von 5 Sterne!

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1866. Bismarcks deutscher Krieg.

Buchseite und Rezensionen zu '1866. Bismarcks deutscher Krieg. ' von  Klaus-Jürgen Bremm
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "1866. Bismarcks deutscher Krieg. "

Format:Taschenbuch
Seiten:312
Verlag: wbg Paperback
EAN:9783534273508
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Rezensionen zu "1866. Bismarcks deutscher Krieg. "

  1. 4 Sterne

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 11. Nov 2021 

    Klappentext:

    „Otto von Bismarck war grundsätzlich davon überzeugt, dass der Konflikt zwischen Hohenzollern und Habsburgern nur militärisch, durch „Blut und Eisen“, aufgelöst werden könne. Doch wie kam es zu dem Krieg, der die Entwicklung Europas so entscheidend beeinflusste?

    Klaus-Jürgen Bremm, Historiker und ausgewiesener Experte für Militärgeschichte, schildert in seinem Buch den sechswöchigen deutschen Bruderkrieg zwischen Preußen und Österreich. Dabei geht er insbesondere auf seine Bedeutung als zweitem der sogenannten Einigungskriege ein. Der Sieg in der Schlacht von Königgrätz hatte zur Folge, dass Preußen sowohl seinen Status als mitteleuropäische Großmacht als auch seine Vormachtstellung in Norddeutschland nachhaltig festigen konnte - ein entscheidender Schritt auf dem Weg zum Deutschen Reich!“

    Die Bücher von Klaus-Jürgen Bremm haben eines ganz gewiss: jede Menge Fachwissen und genau dies will uns der Historiker nochmal mit seinen Worten verdeutlichen. Das Thema hier wird tiefgreifend betrachtet, ohne dabei den eigentlichen Faden zu verlieren. Bremm erklärt plausibel und ohne zu viel Fachtermini aber dennoch wissenschaftlich. Einerseits erläutert er die geschichtlichen Gegebenheiten aber eben auch gewisse Theorien und eben auch seine Gedanken dazu.

    Da dies nicht mein erstes Buch von diesem Autor ist, kenne ich seine Art und schätze dies sehr. Nach einem Werk von Bremm ist man immer schlauer, aber man macht sich auch danach noch weitreichend Gedanken zum gelesenen.

    Wenn ein Geschichtsbuch nachhallt, hat der Autor alles richtig gemacht! 4 von 5 Sterne!

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Achterbahn

Buchseite und Rezensionen zu 'Achterbahn' von Ian Kershaw
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

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Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:832
EAN:9783421047342
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Rezensionen zu "Achterbahn"

  1. Ein Meisterwerk der Geschichtsschreibung

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Sep 2021 

    Der britische Historiker Ian Kershaw kann es einfach. Nachdem ich bereits "Höllensturz", der Geschichte Europas in den Jahren von 1914 bis 1949 beschreibt, mit Genuss und Gewinn gelesen haben, folgt nun mit "Achterbahn" der zweite Teil seiner Darstellung, die die Jahre 1950 bis 2017 umfassst. Zwar fehlen auch hier, wie er im Vorwort beschreibt, aus Gründen der Lesbarkeit die Fußnoten, die man sich manchmal wünschet, aber das tut dem Werk nur wenig Abbruch. Der Titel versinnbildlicht das Auf und Ab der europäischen Geschichte seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wobei Kershaw ein ambivalentes Fazit zieht. Sicherlich sind bewaffnete Auseinandersetzungen in dem zuvor von zwei Weltkriegen zerrissenem Kontinent bis zum Balkankrieg nach dem Zerfall Jugoslawiens ausgeblieben, auch ist der Lebensstandard der Menschen deutlich gestiegen, zunächst nur im Westen, nach dem Zerfall des Ostblocks jedoch, nach schweren Geburtswehen, auch dort. Und auch die Demokratie, so scheint es, ist gefestigter als in der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Doch beschreibt Kershaw auch die zahlreichen Bedrohungen, denen sie ausgesetzt ist, angefangen von der Abhängigkeit von wirtschaftlichen Entwicklungen, dem Klimawandel, dem fundametalistischem Terror, den internationalen Migrationsbewegungen und den vor allem durch die beiden letztgenannten beiden Aspekte aufkommenden Populismus von rechts. Insofern steht Europa auch heute vor gravierenden Herausforderungen, die nur gemeinsam gemeistert werden können, fogerichtig plädiert Kershaw, ein Brite, der den Brexit hart verurteilt und beschreibt, mit welchen Lügen- und Schauergeschichten die sogenannten Brexiteers diesen vorangetrieben haben, für eine Stärkung der EU und eine Führungsrolle deren wirtschaftlichen Motors, der Bundesrepublik Deutschland.

    Für einen Leser wie mich selbst, der vieles des Beschriebenen seit 1980 bewusst miterlebt hat, kommt noch dieser Reiz dazu. Man ist überrascht, wie schnelllebig die Zeit doch ist und wie schnell manches in Vergessenheit gerät, weil es durch neue Problemlagen und Ereignisse obsolet wird. Auch die kurze Hofnung des Jahres 1989, als nach dem Zerfall der Ostblocks, dem der Berliner Mauer und vor allem dem Wegfall der akuten atomaren Bedrohung der Weg in eine rosige Zukunft offen zu stehen schien, wird bei der Lektüre noch einmal gegenwärtig. Der Katzenjammer wurde (jedenfalls bei mir) allerdings weniger durch die ernüchternden Kriege im Irak und in Jugoslawien ausgelöst als vielmehr dadurch, dass sich nach dem Wegfall der Systemalternative der Kapitalismus zunehmend von seiner hässlichen Seite zeigte, der zuvor im Westen Entscheidungen leitende Keynesianismus wich zunehmend den Neokapitalismus/-liberalismus, eine Entwicklung, die leider auch noch heute festzustelllen ist.

    Alles in allem ein absolut lesenwertes Werk.

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Die Habsburger: Aufstieg und Fall einer Weltmacht

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Habsburger: Aufstieg und Fall einer Weltmacht' von Martyn Rady
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Habsburger: Aufstieg und Fall einer Weltmacht"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:624
EAN:9783737101080
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Berlin 1936: Sechzehn Tage im August

Buchseite und Rezensionen zu 'Berlin 1936: Sechzehn Tage im August' von Oliver Hilmes
3.65
3.7 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Berlin 1936: Sechzehn Tage im August"

Die Diktatur im Pausenmodus: Stadt und Spiele im Sommer 1936


Im Sommer 1936 steht Berlin ganz im Zeichen der Olympischen Spiele. Zehntausende strömen in die deutsche Hauptstadt, die die Nationalsozialisten in diesen sechzehn Tagen als weltoffene Metropole präsentieren wollen. Oliver Hilmes folgt prominenten und völlig unbekannten Personen, Deutschen und ausländischen Gästen durch die fiebrig-flirrende Zeit der Sommerspiele und verknüpft die Ereignisse dieser Tage kunstvoll zum Panorama einer Diktatur im Pausenmodus.


Die »Juden verboten«-Schilder sind plötzlich verschwunden, statt des »Horst-Wessel-Lieds« klingen Swing-Töne durch die Straßen. Berlin scheint für kurze Zeit eine ganz normale europäische Großstadt zu sein, doch im Hintergrund arbeitet das NS-Regime weiter daran, die Unterdrückung zu perfektionieren und das Land in den Krieg zu treiben.


In »Berlin 1936« erzählt Oliver Hilmes präzise, atmosphärisch dicht und mitreißend von Sportlern und Künstlern, Diplomaten und NS-Größen, Transvestiten und Prostituierten, Restaurantbesitzern und Nachtschwärmern, Berlinern und Touristen. Es sind Geschichten, die faszinieren und verstören, überraschen und bewegen. Es sind die Geschichten von Opfern und Tätern, Mitläufern und Zuschauern. Es ist die Geschichte eines einzigartigen Sommers.


Format:Taschenbuch
Seiten:304
EAN:9783328101963
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Rezensionen zu "Berlin 1936: Sechzehn Tage im August"

  1. Brot und Spiele

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 09. Sep 2016 

    Inhalt

    Oliver Hilmes stellt die Ereignisse rund um die Olympischen Spiele in kleinen Episoden dar, die er sehr gut recherchiert hat und von die auf Tatsachen basieren. Am Beginn jeden Tages steht der Wetterbericht für Berlin, es folgen unterschiedliche Eindrücke des Tages auf verschiedenen Perspektiven.
    Einen roten Faden bilden dabei die Erlebnisse des Schriftstellers Thomas Wolfe, der auf Einladung des Rowohlt-Verlags nach Berlin gekommen ist und dessen anfängliche Begeisterung für diese Stadt und die Organisation der Spiele verblasst. Nach seiner Rückkehr nach Amerika veröffentlicht er eine autobiographische Erzählung, die "einerseits eine Liebeserklärung an Berlin, andererseits (...) eine wortgewaltige Abrechnung mit den Nazis und ihrem Regime" (S.278) ist.

    Neben der Sicht des Literaten zeigen Goebbels Tagebuchaufzeichnungen einen nüchternen Blick auf die Spiele und verdeutlichen die gnadenlose Instrumentalisierung des Sportes für die machtpolitischen Ziele des NS-Regimes, auf die Hilmes immer wieder hinweist, indem er zum Beispiel Anweisungen der Gestapo zitiert. Erhellend sind auch die Tagesmeldungen der Staatspolizeistelle Berlins oder die Auszüge der täglichen Anweisungen der Reichspressekonferenz, die verdeutlichen, dass um jeden Preis der schöne Schein aufrecht zu erhalten ist.

    Auch die sportliche Ereignisse kommen nicht zu kurz, wie das Ausscheiden der deutschen Mannschaft beim Fußball oder die Alibi-Jüdin der deutschen olympischen Mannschaft, die Fechterin Helene Mayer. Der Unwille Hitlers über die Siege des schwarzen Sprinterstars Jesse Owens dagegen sind hinlänglich bekannt.
    Wirklich berühren die Geschichten der sogenannten "kleinen Leute", die im Fahrtwasser der Spiele untergehen. Wie zum Beispiel die kleine Elisabeth, deren Familie, da sie zu den Sinti und Roma gehören, im Rahmen der Olympiade aus dem Zentrum Berlins verbannt werden und unter menschenunwürdigen Bedingungen am Rande der Stadt zusammengepfercht werden. Diese Geschichten hätten noch stärker in den Vordergrund gerückt werden müssen, da sowohl die politischen als auch die sportlichen Ereignisse nicht Neues erzählen.

    Die Darstellung der glamourösen Etablissements, denen eine Gnadenfrist während der Olympiade gewährt wird, um das Bild des mondänen Berlins aufrecht zu erhalten, wie das Beispiel des Quartier Latin zeigt, runden die Eindrücke, die Außenstehende während der olympischen Spiele haben, ab.
    Der letzte Teil des Buches beleuchtet, was aus den einzelnen Personen nach den Spielen geworden ist.
    So entsteht insgesamt ein interessantes Kaleidoskop der Olympischen Spiele in Berlin im Jahre 1936.

    Bewertung

    Zu Beginn ist es mir schwer gefallen, in den Roman hineinzukommen. Die Episoden sind zunächst sehr kurz, verschiedene Personen tauchen auf, Schicksale werden angedeutet, ein schneller Wechsel der Orte und Perspektiven erfolgt. Bis auf wenige Einzelschicksale tauchen die Figuren jedoch immer wieder auf und es spinnen sich rote Fäden, wie z.B. die Erlebnisse des Autors Thomas Wolfe oder Goebbels Tagebuchaufzeichnungen, die den Roman stringenter werden lassen.
    Trotzdem bin ich der Meinung, dass weniger Figuren eine größere Identifikationsfläche geboten hätten und man so eventuell tiefer in das Geschehen hätte eintauchen können. So berühren die Einzelschicksale, der Rest zieht vorüber, ohne tiefere Spuren zu hinterlassen.

    Insgesamt entsteht ein facettenreiches "Gemälde" der 16 Tage im August, in denen es den Nationalsozialisten leider gelungen ist, einen Großteil der Besucher im Glauben zu lassen, sie hätten eine friedliche Gesinnung. Das Buch zeigt jedoch auf, dass es durchaus Menschen, wie Thomas Wolfe gegeben hat, die es vermochten, hinter den schönen Schein geblickt haben und verdeutlicht erneut die Unmenschlichkeit und Skrupellosigkeit des NS-Regimes. Dadurch gehört es für mich in die Reihe jener Werke gegen das Vergessen.

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  1. Hervorragend recherchiert ohne zu berühren

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 03. Sep 2016 

    Die Olympischen Spiele der Nationalsozialisten in Berlin 1936 gelten bis heute als Musterbeispiel staatlicher Propaganda. Nie zuvor war eine Veranstaltung mit soviel technischem und personellem Aufwand so perfekt inszeniert worden. Die Welt sollte beeindruckt sein - und sie war es auch. Bis heute wird Leni Riefenstahls Propagandafilm „Olympia“, die Dokumentation jener Tage und finanziert von Propagandaminister Joseph Goebbels, kontrovers diskutiert.

    Der Historiker Oliver Hilmes berichtet in „Berlin 1936 - 16 Tage im August“ über diese scheinbaren Tage der Normalität in einer pulsierenden Metropole. Unzählige ausländische Besucher sind in die Stadt gekommen, denen die Nazis Weltoffenheit demonstrieren wollen. Die „Juden verboten“-Schilder sind für gut zwei Wochen verschwunden.

    Jedem dieser 16 Tage ist ein eigenes Kapitel gewidmet, angefüllt mit Anekdoten zu mehr oder minder bekannten Persönlichkeiten der damaligen Zeit. Der Leser erfährt Details über den Tagesablauf des amerikanischen Autors Thomas Wolfe, der sich in der Stadt aufhält und die legendären Feiern und Saufgelage bei Verleger Ernst Rowohlt. Amüsant ist auch die Geschichte des unehelichen Sohnes Heinz Ledig. Verleger und Sohn wollen die Geschichte geheim halten, tatsächlich kennt sie der ganze Verlag. Hilmes zitiert auch aus den Tagebuchaufzeichnungen von Goebbels. Der Seitensprung seiner Frau und das sehr spezielle Verhältnis von beiden zum Führer werden beleuchtet. Das alles ist interessant und von Hilmes hervorragend recherchiert, bleibt aber immer seltsam oberflächlich.

    Es gibt in diesem Buch viele Anekdoten über Diplomaten, Komponisten, Schriftsteller und Nachtclubbesitzer, die sich während dieser Tage in der Stadt tummeln und das Partyleben der mondänen Clubs geniessen. Die Opfer der Nazis oder wie es um diesen Staatsapparat tatsächlich bestellt ist, werden eher nebenbei abgehandelt. So wird beispielsweise der damals schon berühmte Thomas Wolfe von einer Begleitung darüber aufgeklärt, dass in Deutschland unbequeme Personen schnell im Konzentrationslager landen. Das alles wird aber nur in wenigen Sätzen abgehandelt.

    Ja, man fühlt sich durch die vielen kurzen Geschichten wirklich ins Berlin des Jahres 1936 versetzt. Aber ein Buch über eine Diktatur im Pausenmodus ist dieses Buch nicht. „Ein Sommer der Widersprüche: Im Olympiastadion jubeln die Massen, und vor der Stadt entsteht das KZ Sachsenhausen“, beschreibt der Klappentext. Die Geschichte der Konzentrationslager beginnt bereits 1933. 1936 sind Hunderttausende inhaftiert und der Willkür ihrer Bewacher ausgesetzt. Was ist eigentlich mit denen? Das erfahren wir nicht, nur ansatzweise, nicht aber detailliert anhand von Einzelschicksalen. Das Los, der Überlebenskampf dieser Personen vor der Fassade von Olympia 1936 wäre sicher interessanter und beeindruckender gewesen als noch eine Anekdote mehr über den Nachtclub Sherbini und seinen zwielichtigen Betreiber.

    Hätte sich da nicht der eine oder andere Zeitzeuge finden lassen, der in diesen 16 Tagen um den verschleppten Bruder, die verschleppte Schwester gebangt hat oder vielleicht selber schon in der Zelle der Gestapo sass? Dann hätte „Berlin 1936 - 16 Tage im August“ ein berührendes Werk werden können - schade.

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  1. Sehr interessant

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Jul 2016 

    Es gibt sehr viele Bücher und Filme über den Nationalsozialismus, und ich bin immer wieder erstaunt darüber, dass noch mehr Bücher dazu geschrieben werden. Es zeigt, dass man nie fertig ist mit dieser Thematik.

    "Berlin 1936" hat mir auch recht gut gefallen.

    Ich denke, dass es dem Historiker Oliver Hilmes ziemlich gut gelungen ist, zu den Olympischen Spielen 1936 hinter die Kulissen zu schauen. Am 1. August begann die Eröffnungsfeier und endete mit einer Abschlussfeier am 16. August. Adolf Hitler bzw. das Deutsche Reich ist Gastgeber gewesen.

    Die sechzehn Tage werden jeweils in einzelne Kapitel gegliedert. Zu Beginn eines neuen Tages gibt es einen kleinen Wetterbericht.

    Neben den sportlichen und politischen Ereignissen beschreibt Hilmes auch das Berliner Stadtleben, in dem viele Feierlichkeiten in Bars und gehobenen Tanzlokalen stattgefunden haben ...

    Der Autor hat die Propagandapolitik gut beschreiben können. Viele interessante Zitate aus verschiedenen Tagebüchern der Akteure wie z. B. Hitler, Goebbels und diverse andere Tagebuchschreiberlinge können dem Buch entnommen werden.

    Was sehr nachdenklich stimmt, ist, dass nicht nur das deutsche Volk manipulierbar gewesen ist, sondern auch die Sporttouristen. In diesem Sinne wurden die Olympischen Spiele zu politischen Zwecken im Nazi-Deutschland instrumentalisiert.

    Hitler und Goebbels waren eigentlich gegen die Olympischen Spiele. Goebbels äußerte sich in seinem Tagebuch recht abfällig dazu und dass er froh sei, wenn alles wieder schnell vorbei ginge. Manche Beteiligte bezeichnete er als "Zirkusflöhe."

    Goebbels und Hitler fühlten sich in ihrer Politik gestört, niemand sollte dahinterkommen, dass sie antisemitische Politik betreiben. Während der Olympischen Spiele setzte die Politik kurzweilig aus. Anderenorts wurde sie im Untergrund heimlich weiter betrieben. 1936 gab es schon vereinzelt KZ.

    Hitlers Auftreten in der Öffentlichkeit zeugte von großer Sympathie bei den Touristen. Seine Ausstrahlung war geprägt von väterlichem Charisma. Nur wenige konnten hinter seine Fassade schauen.

    Hilmes stellt sich die Frage, ob Hitler sich sogar als getarnter Friedensstifter ausgab, als dieser zu den verschiedenen Nationen spricht:

    >>Wir wollen uns kennen und schätzen lernen und dadurch eine Brücke bauen, auf der die Völker Europas sich verständigen können. << (2016,106)

    Oliver Hilmes gebraucht den Begriff Das Spiel als Massensuggestion.

    Dazu ein kritisches Zitat der Sportjournalistin Bella Fromm aus ihrem Tagebuch:

    >>Die Ausländer werden verwöhnt, verhätschelt, umschmeichelt und getäuscht (…). Indem man die Olympischen Spiele als Vorwand benutzt, versucht die Propagandamaschine bei den Besuchern einen günstigen Eindruck vom Dritten Reich zu schaffen.<< (105)

    Was hat mich persönlich berührt?

    Tief berührt hat mich der amerikanische Sportler Jesse Owens, schwarze Hautfarbe, der in den Olympischen Spielen mit mehreren Goldmedaillen ausgezeichnet wurde, über die sich Hitler massiv erregt hat. Hitler konnte nicht verstehen, dass die Amerikaner Schwarze für sich kämpfen ließen. Dass Jesse Owens so athletisch war, erklärte Hitler damit, dass Schwarze (Nigger) gegenüber der weißen Rasse keine fairen Konkurrenten abgeben würden, da die Schwarzen aus dem Dschungel kommen würden. Als würden die Menschen dort wie Affen nur auf Bäumen klettern ... Wobei der dunkelhäutige Athlet Amerikaner ist und nicht aus Afrika kommt.

    Auf Seite 206 findet man ein kritisches Gedicht mit dem Titel Nazi-Olympiade von dem Schriftsteller Alfred Kerr, der in London im Exil lebte. In seinem Gedicht hat er den Rassismus gegenüber Juden und Schwarzen deutlich gemacht.

    Dazu dritter Vers:

    "Der >>Führer<< ächzt: >>Die Olympiad´
    (Das ist schon durchgesickert)
    Scheint ganz wie der Franzosenstaat
    Verjuddet und Verniggert<<.
    Er stöhnt: >>Gott, du Gerechter!<<
    (Olympisches Gelächter)."

    Der amerikanische Schriftsteller Thomas Wolfe hat mich auch beschäftigt. Wolfe liebte Berlin so sehr, dass er erst Probleme hatte, die rassistisch gefärbte Politik, auch gegen andersgeartete Menschen, in Deutschland wahrzunehmen. Zu sehr idealisierte er das Land. Später kommt er zu einer anderen Erkenntnis:

    Ihm wird klar, dass die Nationalsozialisten dieses Land, das Tom so sehr liebt, schleichend mit ihrem Gift durchsetzen, dass sie es zerstören wollen: >>Es war eine solche Leistung -unsichtbar, aber unverkennbar, wie der Tod. (214f)

    Mein Fazit?

    Oliver Hilmes bestätigt meine Theorie, dass in den Sportmeisterschaften die Menschen hochgradig manipulierbar sind, und dass die Spiele aus meiner Sicht auch heutzutage noch politisch instrumentalisiert werden, weshalb ich mich selbst nicht für Sport interessiere. Fußball-WM und -EM können Sportdesinteressierten dadurch völlig kalt lassen. Man kann aber bei der Vorstellung, wenn die Masse vor dem Kasten sitzt und sie sich von dem Spiel und dem Sportmoderator emotional hochkochen lässt, leicht Gänsehaut bekommen, weil es deutlich macht, wie sehr der Mensch sich davon beeindrucken und beeinflussen lässt ...

    Nun habe ich durch dieses Buch jene Sportattraktionen im Nazi-Deutschland mitbekommen. Das hatte ich bisher neben den vielen anderen Nationalsozialistischen Büchern, die ich gelesen habe, noch nicht gehabt.

    Das Buch ist gut geschrieben, leicht verständlich, sehr interessant und gut recherchiert.

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Von den Nazis trennt mich eine Welt

Buchseite und Rezensionen zu 'Von den Nazis trennt mich eine Welt' von Peter Graf
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Von den Nazis trennt mich eine Welt"

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Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:448
EAN:9783608983296
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Rezensionen zu "Von den Nazis trennt mich eine Welt"

  1. Der Blick von Innen als wertvoller Zugang zur Geschichte

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 25. Aug 2021 

    1948 erschien das Tagebuch Hermann Stresaus unter dem Titel „Von Jahr zu Jahr“, gekürzt vom Autor selbst. Über 70 Jahre später bringt der Klett-Cotta-Verlag die Tagbücher neu heraus, versehen mit einem umfangreichen Kommentarteil und ergänzt um die komplett gestrichenen Tage oder Passagen, nur die stilistischen Änderungen Stresaus wurden beibehalten. Der erste Band umfasst die Jahre bis zum Kriegsbeginn, im Herbst 2021 wird dann der zweite Band mit den Jahren 1939 – 1945 erscheinen.

    Hermann Stresau wurde 1894 in den USA geboren und kam mit seinen deutschen Eltern bereits 1900 nach Frankfurt zurück. Er kämpfte als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, arbeitete nach abgebrochenem Studium als Bibliothekar in Spandau und wurde 1933 aus politischen Gründen entlassen. Danach schrieb er Artikel für Zeitungen, Übersetzungen, arbeitete als Lektor und veröffentlichte Sachbücher und Romane.
    Der Verlust seiner Stelle, der Kampf um Wiedereinstellung, die Auseinandersetzungen mit denen, die dafür verantwortlich waren, sowie die ständigen juristischen Konflikte rund um einen Hauskauf und -umbau, die Stresau fast alle verlor, weil seine Kontrahenten zwischenzeitlich Mitglieder der NSDAP waren, und der oft auch finanziell schwierige Aufbau einer neuen Existenz – das alles prägt neben den großen politischen Ereignissen die Aufzeichnungen Stresaus. Hellsichtig und hochintellektuell berichtet hier jemand, der kein Blatt vor den Mund nimmt und dem schlimmste Konsequenzen gedroht hätten, wenn diese Aufzeichnungen in falsche Hände gekommen wären.

    Aber hier schreibt kein Widerstandskämpfer, Stresaus Ansichten sind teilweise selbst rechts-konservativ. Über Tucholsky schrieb er, dass dieser „wie sein geistiger Vorfahr Heine in politischer Hinsicht nichts taugt“ und ein „Mann wie Stefan Zweig hat freilich verheerend gewirkt“. Man findet bei ihm, gerade in den frühen Jahren, auch Begriffe wie „Wucherjuden“ oder „Entartung“. Aber er erkannte zumindest sehr schnell beim Vorgehen der Nazis gegen Juden, „daß wir dafür noch einmal teuer zu bezahlen haben würden.“

    Wie so oft bei der Beschäftigung mit Menschen, die sich gegen den Nationalsozialismus aussprachen, passen das heute vorherrschende bequeme Denken in Schwarz-Weiß-Kategorien, das Bedürfnis nach Schubladen-Ordnung überhaupt nicht. Hermann Stresau zeigt vielmehr, wie Menschen sich vom Nationalsozialismus abwandten, ohne dessen Ideen immer komplett abzulehnen. Und gerade hier sind Tagebücher hervorragende Zeugnisse, da sie Veränderungen, Entwicklungen und Wandlungen zeigen.
    So schrieb Stresau noch im November 1933, als seine Abneigung noch mehr auf Äußerlichkeiten, weniger auf Inhaltlichem beruhten:
    „Das Verwirrende in dem ganzen Vorgang ist dies: manches ist zu bejahen, selbst im Grundsätzlichen. Wer wollte leugnen, daß Gemeinnutz vor Eigennutz geht? (…) Kein Mensch kann im Augenblick ermessen, was längeren Atem hat: Schaden oder Nutzen eines Systems, das seine Leistungen ja erst vor sich hat. Es bleibt nur ein Gefühl des inneren Widerstandes, moralischen, ästhetischen Widerstandes, die Ablehnung der gemeinen Methoden, der Ruhmredigkeit, der Dummheit…“ S. 153f)

    Zwei Jahre später aber hatte er erkannt, dass nichts die Art und Weise dieses Regimes entschuldigen kann, dass die aus seiner Sicht eventuell guten Seiten der nationalsozialistischen Revolution nicht ins Gewicht fallen beim Rückschritt in eine „massenhaft gezüchtete Gesinnungslosigkeit.“:

    „Aber wenn die Ignoranz, die mit keinerlei Erfahrung oder Wissen belastete Skrupellosigkeit das Ruder ergreift, dann hilft auch ein subjektiv guter Wille nichts, und die Herrschaft ist keine Herrschaft, sondern eine bloße Diktatur.“ (S. 217)

    Und so zeigt sich mit fortschreitender Dauer der Aufzeichnungen immer mehr, wie hellsichtig, wie unglaublich vorausschauend Stresau die Umstände analysierte. Seine Ablehnung der Person Hitlers und anderer Nazigrößen bezieht sich nicht nur auf tagesaktuelle Erkenntnisse, sondern basiert auf grundlegenderen Überlegungen, so z.B. auf historischen Parallelen, die der Autor mit hoher Intellektualität sieht:

    „Was die sogenannten Großen Männer hinterließen, war immer Stückwerk, das binnen kurzem zerfiel. Und doch erscheint immer wieder einer, der glaubt tun zu können, was seine Vorgänger nicht fertig brachten, der meint, mit ihm beginne die Geschichte erst eigentlich…“ (S. 238) Oder: „Mir geht für die Ideologie der heutigen Machthaber jedes Verständnis ab, außer dem einzigen: daß sie eben Machthaber sind und ihre Macht mit allen Mitteln, ob erlaubt oder unerlaubt, erhalten.“ (S. 341)

    Bereits 1938 erkannte er ganz klar die Gefahren eines Krieges für Deutschland und seine Überlegungen zu den Folgen der massiven Aufrüstung, zu dem angeblich abschreckenden Effekt könnten genauso aus der Abrüstungsdebatte der 70er und 80er-Jahre stammen.

    Stresau machte bei aller Kritik aber auch klar, dass für ihn eine Emigration ins Ausland nicht in Frage kam. Er sah keinen Weg, sein „Selbstvertrauen im Ausland zu festigen, er brauchte die „Verbindung mit dem deutschen Geschick“. Außerdem fühlte er sich mit seiner Frau schlicht zu alt für einen so gravierenden Schritt und wusste auch um die große finanziellen Probleme einer solchen Entscheidung.

    Die Tagebücher von Hermann Stresau bieten wie z.B. auch die von Friedrich Percyval Reck-Malleczewen, Friedrich Kellner oder Victor Klemperer einen direkten, unmittelbaren Blick ohne nachschauende Reflexion. Das führte selbstverständlich auch zu Fehleinschätzungen, da dem Autor zu vielem keine oder falsche Informationen vorlagen, aber solche Aufzeichnungen sind unentbehrlich für eine gesamtheitliche Beurteilung der Auswirkungen des Nationalsozialismus. Denn hier zeigen sich nicht nur die Vorgänge auf politischer Ebene im „Dritten Reich“, sondern auch der zunehmende Eingriff und Einfluss des Regimes in das berufliche und private Leben jedes einzelnen in dieser Zeit.

    Und noch ein Hinweis: Dieses Buch war ein kostenloses Rezensionsexemplar vom Verlag, aber selbstverständlich bekomme ich für eine Rezension keinerlei Geld.

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