Die Rezepte meines Vaters

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Rezepte meines Vaters' von Jacky Durand
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Rezepte meines Vaters"

Monsieur Henri ist ein unvergleichlicher Koch, einer von denen, der die Geschmacksnerven seiner Gäste mit ganz wenigen Mitteln erfreuen kann. Er leitet "Le Relais Fleuri", ein unprätentiöses Bistro im Osten Frankreichs, das den Gästen noch alles geben kann, was sie sich wünschen - zumindest auf dem Teller. Aber eins steht für Henri fest: "Le Relais" wird schließen, wenn er mal nicht mehr sein wird. Unter keinen Umständen soll sein Sohn Julien es übernehmen. Als Henri unheilbar erkrankt, verbringt Julien viele Stunden am Sterbebett seines Vaters. Er hält seine Hand und versucht, sein kulinarische Erbe in Erinnerung zu rufen. Bald hat Julien einen einzigen Wunsch: das Rezeptbuch zu finden, in das sein Vater seine Küchentricks notiert hat. Doch während er sucht, stößt er auf ein anderes Geheimnis, eines aus seiner Familie.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
EAN:9783463000084
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Rezensionen zu "Die Rezepte meines Vaters"

  1. Ein tiefgründiger Leckerbissen mit überraschenden Wendungen!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Nov 2020 

    Eine berührende Familiengeschichte.
    Eine ergreifende Geschichte über eine Vater-Sohn-Beziehung.
    Eine erstaunliche Coming-of-Age Geschichte.
    Ein bewegender Entwicklungsroman.

    So könnte man das Buch „Die Rezepte meines Vaters“ einordnen.

    Zu Beginn des Romans, der in Frankreich spielt, sitzt der erwachsene, ca. 1960 geborene, Ich-Erzähler Julien, am Krankenhausbett seines Vaters in der Palliativstation.

    Seit sechs Monaten liegt Henri dort. Vor drei Wochen ist er ins Koma gefallen.
    Der Tod scheint unmittelbar bevorzustehen.

    Julien schwelgt in Erinnerungen und erzählt seinem Vater aus seinem Leben.
    Er erinnert sich an viele Episoden und gemeinsame Erlebnisse im „Le Relais fleuri“, dem Bistro seines Vaters, das er jetzt am Laufen hält.

    Dabei wird immer klarer, dass wir es mit einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung zu tun haben.

    Julien konnte seinen Vater, den kühlen, wortkargen und unnahbaren Küchenchef wohl trotz aller Bemühungen emotional nicht erreichen.

    Es resultierte ein distanziertes Verhältnis, das von Seiten des Sohnes einerseits von Bewunderung, tiefer Zuneignung und großer Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung sowie andererseits von Wut und manchmal sogar Hass geprägt war.

    Eine eindrückliche Aussage des Sohnes, die diese traurige Tatsache bestätigt, ist: „Ich mag es, wenn du mit mir meckerst. Das heißt, dass du dich für mich interessierst.“ (S. 68)

    Es macht großen Spaß, über die Gedanken und Erinnerungen des Ich-Erzählers in die Welt des Kochens einzutauchen.
    Julien erinnert sich an die Spezialitäten und Lieblingsrezepte seines Vaters Henri, einem außergewöhnlichen und leidenschaftlichen Koch, es fallen ihm Szenen aus der Küche ein und er erzählt feinfühlig und warmherzig Anekdoten aus seiner Kindheit und Jugend im Bistro, das im Erdgeschoss des Elternhauses untergebracht ist.

    Wir lernen Julien, seine Biographie, seinen Alltag, seine Innenwelt und seine Bezugspersonen auf diese Weise immer besser kennen.

    Obwohl das Setting ernst, bedrückend und traurig ist und obwohl ein Hauch von Sehnsucht und Wehmut über der Geschichte schwebt, ist es keineswegs deprimierend, den Roman zu lesen.

    Wenn man von pochierten Eiern mit Pfifferlingen und Zitronentarte liest, läuft einem das Wasser im Mund zusammen, wenn man sich mit Hilfe von Juliens gedanklicher Beschreibung vorstellt, wie Königinpastete zubereitet wird, bekommt man Lust aufs Kochen, es ist amüsant, zu lesen, dass der Sohn nicht selten Rotwein, Schinken im Heumantel, Käse und andere Delikatessen ins Krankenzimmer geschmuggelt hat, um seinem Vater eine kleine Freude zu bereiten und es ist rührend, zu beobachten, wie der Sohn seinen Vater mit einem Duftwasser einreibt, obwohl dessen Motto während seiner Berufstätigkeit war: „Ein Koch benutzt kein Duftwasser. Das verdirbt ihm die Nase und die Geschmackszellen.“ (S. 11)

    Daneben gibt es auch Momente, in denen man ziemlich wütend auf den ungeduldigen, barschen und ziemlich kaltherzigen Vater wird.
    Er war dem Sohn, der von Kindesbeinen an selbst leidenschaftlich am Kochen interessiert war und nach drei zermürbenden Jahren an der technischen Fachoberschule und einem Studium der Literaturwissenschaften inzwischen Vaters Bistro über Wasser hält, ein ziemlich schlechter Lehrmeister.

    Stop! Darauf sollte ich vielleicht differenzierter eingehen.
    Julien hat Talent und Begeisterung von seinem Vater „geerbt“ und unglaublich viel von seinem Vater gelernt, weil der ihn mithelfen, über die Schulter schauen und ausprobieren ließ, aber er hat ihm kein einziges Rezept erklärt und sich strikt geweigert, ihm seine Kochgeheimnisse anzuvertrauen oder sein Rezeptbuch zu vererben.
    Und nicht nur das!
    „In einem Anfall kalter Wut“ (S. 16) hat der Vater wohl eines Tages beschlossen, seine Rezeptsammlung verschwinden zu lassen.
    Nicht selten fragt der Sohn sich nun, wo der Vater „das verfluchte Rezeptbuch“ (S. 18) versteckt haben könnte.

    Julien erzählt trotz der spürbaren Einsamkeit und Wehmut zackig und lebendig. Man saust regelrecht durch das Buch, weil man neugierig auf diese Vater-Sohn-Beziehung und auf alles andere drum herum ist.

    Schon recht bald erfährt man, dass Juliens Mutter Hélène eine Französischlehrerin ist, die ihre Nase ständig in Bücher steckt und man bekommt den Eindruck, dass Henri seine Partnerin, die er unter allen Umständen von der Küche fernhaften will, aufrichtig liebt und äußerst gern mit Champagner und Austern verwöhnt.

    Etwas verblüfft lese ich, dass die Beziehung zwischen Vater und Sohn einst recht gut gewesen zu sein scheint.
    Julien erinnert sich an viele Episoden mit seinem Vater, in denen man ihr Verhältnis unschwer als unbeschwert und den Vater ohne weiteres als liebevoll und geduldig beschreiben kann.

    Eines Tages schenkt Hélène Henri ein Notizbuch, in das hinein sie seine Rezepte, die er ihr diktieren soll, schreiben möchte.
    Von Diktat zu Diktat entfernen sich die beiden voneinander.
    Sie, die einst so liebevoll und neckisch miteinander umgegangen sind, entfremden sich mehr und mehr.

    Was ist da passiert?
    Haben die Rezeptsammlung und der dadurch eingeleitete Prozess etwas damit zu tun, dass Henri und seine Beziehung zu seinem Sohn Julien sich so zum Nachteil verändert hat?
    Und wo ist das Rezeptbuch, bei dem es um weit mehr als nur um Rezepte geht?

    All das werde ich natürlich nicht erzählen.
    Aber so viel verrate ich noch:
    Es macht große Freude, Julien durch seine Kindheit und Jugend zu begleiten und darüber hinaus seine Familie, Freunde und Bekannte kennenzulernen.
    Unaufgeregt, aber zügig und flott, feinfühlig und psychologisch stimmig und nachvollziehbar beschreibt Jacky Durand die inneren Prozesse und Handlungen seiner Protagonisten.
    Ich war voll dabei und mitten drin.
    Einige unvorhergesehene Wendungen überraschen den Leser ganz plötzlich und machen das Werk auf diese Weise zusätzlich zu einem Schmankerl.

    Ich empfehle diesen besonderen und berührenden Roman, der schon gut beginnt und immer besser wird, äußerst gerne weiter.

 

Zara und Zoë - Tödliche Zwillinge: Thriller (Die Profilerin und die Patin, Band 2)

Buchseite und Rezensionen zu 'Zara und Zoë - Tödliche Zwillinge: Thriller (Die Profilerin und die Patin, Band 2)' von Alexander Oetker
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Zara und Zoë - Tödliche Zwillinge: Thriller (Die Profilerin und die Patin, Band 2)"

Format:Broschiert
Seiten:336
EAN:9783426307670

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Rezensionen zu "Zara und Zoë - Tödliche Zwillinge: Thriller (Die Profilerin und die Patin, Band 2)"

  1. Das Restaurant

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 20. Nov 2020 

    Die ungleichen Zwillingsschwestern Zara und Zoë müssen einen gemeinsamen Weg finden. Zara von Hardenberg, die bei einer geheimen europäischen Polizeieinheit arbeitet, fürchtet, es könne ein Anschlag drohen. Doch sie selbst sieht sich nicht in der Lage, harte Maßnahmen zu ergreifen. Die einzige Möglichkeit scheint zu sein, mit ihrer Schwester die Rolle zu tauschen. Diese ist die Fürstin, eine Patin der korsischen Mafia und wesentlich weniger skrupellos. Doch Zara muss einfach ausnutzten, dass kaum jemand weiß, dass sie eine Zwillingsschwester hat. Doch wie wird sich Zara in Zoës Haut behaupten?

    Nachdem sich die Schwestern im ersten Band der Reihe erst wieder gefunden hatten, wird ihre Beziehung im zweiten Band auf eine Probe gestellt. Der Rollentausch ist alles anders als einfach, schließlich bewegen die beiden Frauen sich in sehr unterschiedlichen Umgebungen, allerdings unter Menschen, die alles andere als dumm sind. So leicht kann die Täuschung nicht gelingen. Und doch, ein Anschlag muss einfach verhindert werden. Zu viele Menschenleben stehen auf dem Spiel. Letztendlich begeben sich Beide in Gefahr und es steht keinesfalls fest, dass sie erfolgreich sein werden.

    Während im ersten Band sehr schön beschrieben ist, wie sich die Schwestern wieder annähern und gleichzeitig für Zara ein Fall zu lösen ist, entsteht im zweiten Band etwas der Eindruck, dass die innere Linie fehlt. Beruhend auf einem Albtraum, wird eine Maschinerie in Gang gesetzt, die sehr ungewöhnlich ist. Wie Erkenntnisse zustande kommen, bleibt hin und wieder im Ungewissen. Auch wie eng Vertraute sich von den Schwestern narren lassen, ist manchmal schwer nachzuvollziehen. Einige Fragen werden nicht immer einleuchtend erklärt und einige Ereignisse erscheinen unnötig. Vielleicht sind das Ansätze für einen Folgeband, aber dadurch wird diesem Roman der Zusammenhalt genommen. Und ob die Schwestern in dieser Richtung weitergehen müssen, nun ja. Dieser szenische Thriller ist zwar nicht ganz so packend wie der erste Band, aber doch rasant und spannend geschrieben.

 

Die Schrift

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Schrift' von Simon Sailer
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Schrift"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:120
EAN:9783990650394
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Rezensionen zu "Die Schrift"

  1. Wunderschön – in vielerlei Hinsicht

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Nov 2020 

    Dem Ägyptologen Leo Buri wird eine merkwürdige Schrift zugespielt, die er selbst als Experte für zahlreiche alte Schriftarten nicht lesen kann. Und mit einem Schlag verändert sich für ihn alles – Menschen, sogar Unbekannte, schneiden ihn oder begegnen ihm mit offener Aggression, und jeder scheint davon auszugehen, ihm müsse seine enorme Schuld bewusst sein.⠀

    Obwohl Leo schnell klar wird, dass es mit der Schrift zu tun haben muss, bringt er es nicht über sich, sie zu vernichten oder sich ihrer zumindest zu entledigen. Er beginnt ein wahres Nomadenleben, das sich immer wieder um die rätselhafte Schrift dreht – eine kafkaeske Abwärtsspirale.⠀

    ZITAT:⠀
    “Leo Buri arbeitete damals im Archiv des Instituts für Ägyptologie in Wien. Seine Aufgabe bestand darin, relevante Zeitungsartikel zu sammeln und abzuheften sowie Digitalisierungen von Keilschriften, Hieroglyphen und meroitischen Schriftrollen anzufertigen und zu katalogisieren. Allerdings, so sehr ihn die Nähe der alten Texte auch ehrte, die er als Zeitreisende, Botschafter einer untergegangenen Vergangenheit betrachtete, mehr als ihre stoffliche Erscheinung interessierte Leo Schrift selbst.”⠀

    Alle paar Seiten dachte ich mir so etwas wie: “Was für ein großartiges Buch, was für eine Freude, was für ein kleiner Schatz!” – und verzweifelte schon im Voraus ob der Aufgabe, eine Rezension zu schreiben und meine Begeisterung zu erklären. Ich glühte für dieses Buch, ich versank voll und ganz darin und hätte gerne auch doppelt so viele Seiten gelesen… Aber warum, warum nur? Das innere Kind bockt: Darum.⠀

    Daher fange ich mit etwas an, worauf ich buchstäblich den Finger legen kann: mit den grandiosen Illustrationen. Die sind unglaublich stimmig und visualisieren die Geschichte meines Erachtens nicht nur, sondern erweitern sie und schicken die Gedanken auf wunderbare Abwege. Illustration und Text vereint wirken wie das stark komprimierte Bild einer Wirklichkeit, die nur fast die unsere ist.⠀

    Worum geht es hier im Kern?⠀

    Was bedeutet diese Irrfahrt eines ganz gewöhnlichen Mannes, der unversehens aus seinem ganz gewöhnlichen Leben vertrieben wird? Die Erzählung lässt alles offen, gibt weder Lösungen noch Erklärungen für den kafkaesk-rätselhaften Abstieg des Protagonisten vor. Ja, sie setzt unzählige Impulse, die zur Interpretation anregen – doch wenn man einmal damit anfängt, das Rätsel entschlüsseln zu wollen, zersplittern die denkbaren Bedeutungsebenen wie Fraktale.⠀

    Eigentlich wollte ich Kafka nicht schon wieder in einer Rezension bemühen, aber Leo passt allzu gut in die Ahnenreihe seiner Helden: Wie diesen gehen ihm Freiheit und Selbstbestimmung immer mehr verloren – und wie diese fühlt er sich zunehmend beherrscht von den Gesetzen und Symbolen einer omnipräsenten Macht, die er weder verstehen noch kontrollieren kann. Die Luft wird dünn, so fühlt es sich beim Lesen an, die unsichtbare Last wird erdrückend. Man fragt sich beklommen, ob Unterwerfung und Selbstaufgabe unvermeidlich sind.⠀

    Erklärungsansätze gibt es viele, hier nur einer davon:⠀

    Leo verliert alles: Arbeit, Wohnung, Freunde, Frau – sogar Heimatland. Er wird des Theaters verwiesen, in Restaurants nicht mehr bedient, überall mit Abscheu oder Mitleid betrachtet. Es ist so, als wisse die ganze Welt von einer unverzeihlichen Ursünde, die Leo selber nicht bewusst ist. Fleht er aber darum, man möge ihm zumindest seine Schuld erklären, wird ihm zu Verstehen gegeben, das müsse er wohl selber am besten wissen. Zuletzt bleibt ihm nur der verzweifelte Wunsch, wenigstens wie ein Mensch behandelt zu werden.⠀

    Die Geschichte wird zunehmend surrealer, wie die Art von Traum, aus dem man mit unsäglicher Erleichterung erwacht. Es ist die Kommunikation, die hier zusammenbricht, während Leo sich dem Urteil einer namenlosen Masse ausgesetzt sieht, die ihn ohne Scheu ausgrenzt und anfeindet. Dabei ist er fest verwurzelt in traditionellen (gar antiken) Medien der Kommunikation, während die Menschen, die ihn abweisen, immer wieder über ihre Smartphones wischen.⠀

    Der Vergleich mit einer typischen digitalen Hexenjagd liegt wohl nahe, verlegt in eine reale Welt, in der die Hemmschwellen gefallen sind. Leo kann sich weder lösen vom dem, was ihn an diesen Albtraum fesselt (die Schrift), noch den Menschen, die ihm feindlich begegnen, die Macht absprechen.⠀

    Das Buch strotzt vor Symbolik, mehr als Ahnungen und leise Möglichkeiten verweigerte mir die Novelle letztendlich indes – was ihre Wirkung aber nicht schmälert.⠀

    Sprache und Schrift:⠀

    ZITAT:⠀
    “Zudem versuchte Leo hektisch, als bliebe ihm keine Zeit, sein Schriftsystem zu vollenden, das er als sein wichtigstes Vermächtnis ansah. Offenbar war er der Meinung, es sei ihm gelungen, eine universelle Schrift unserer Zeit zu entwickeln, mit der sich nicht nur alle Sprachen effizient schreiben ließen, sondern die auch so etwas wie ein Wissen über Gesellschaft enthalte, das in jeden mit ihr verfassen Text eingehe.”⠀

    Das Buch weckt Neugier auf die rätselhafte Welt der Schrift und der Zeichen. Mehr als einmal kribbelte es mir geradezu in den Fingern, mich näher mit der Geschichte und Entwicklung verschiedener Schriftsysteme zu beschäftigen.⠀

    Leo arbeitet seit Jahrzehnten an an einer zeitgenössischen Hieroglyphenschrift. Er sammelt Symbole, Gesten und Zeichen – nicht nur aus diversen Schriftsystemen, sondern aus seiner Umgebung, die er abzeichnet und abstrahiert. Form und Inhalt sollen verschmelzen, doch die Zeichen fügen sich nicht zusammen – noch lässt sich damit nicht mal der simpelste Text schreiben. Ein Versuch, neue Ebenen der Kommunikation aufzubauen, weil alte Formen der Kommunikation unserer modernen Welt nicht mehr standhalten? Den Bogen zu schlagen zwischen Vergangenheit und Zukunft?⠀

    Im Laufe des Buches begegnet Leo einem jungen Künstler, der sich ebenfalls mit der Trennung von Inhalt und Schrift beschäftigt. So schreibt er zum Beispiel auf große Seiten Übersetzungen lateinischer Texte und beginnt dazu mit dem lateinischen Alphabet, lässt die Zeichen aber allmählich in chinesische Han-Schrift übergehen. Das würde ich zu gerne im echten Leben als Kunstausstellung sehen!⠀

    Die Erzählperspektive:⠀

    Die Geschichte wird nicht, wie man erwarten könnte, aus der Ich-Perspektive erzählt. Stattdessen erreichen die Erzähl-Fragmente den Leser sozusagen aus dritter Hand: der personale Erzähler, ein Bekannter Leos, bezieht seine Informationen zum großen Teil aus Dokumenten und von einem gemeinsamen Freund, dessen Erinnerungen möglicherweise nicht hundertprozentig zu trauen ist.⠀

    Durch den unzuverlässigen Erzähler bleibt der Wahrheitsgehalt der Geschehnisse weiter in der Schwebe und gewinnt den Charakter eines Fiebertraums.⠀

    Zu guter Letzt: ein moderner Schauerroman?⠀

    Ich habe mir beim Lesen zahlreiche Passagen notiert, mir Wörter und Sätze angestrichen, die eine zum Schneiden dichte Atmosphäre aufbauen. Manches unterstreicht ganz offensichtlich das düstere Ambiente der Geschichte, anderes kommt hingegen mit einer Prise Humor daher – so übernachtet Leo, unser Ritter von der traurigen Gestalt, zum Beispiel im Hotel Schierling in der Essiggasse.⠀

    ZITAT:⠀
    “Beim Nachhausegehen trieb der Wind Leo durch die Straßen, drückte sich durch die Löcher in der Kleidung bis an die nackte Haut und zerrte an seiner Wollmütze. Die Fenster der Hochhäuser stierten bedrohlich auf ihn herab.”⠀

    Fazit:⠀

    Ich fand dieses kleine Büchlein unwiderstehlich; ich war geradezu bezaubert und las es leider allzu schnell durch. Man muss sich nur von dem Gedanken lösen, am Schluss würde sicher alles aufgeklärt – gerade die Offenheit der Interpretation eröffnet so viele Möglichkeiten, die Novelle mehrmals zu lesen und dabei immer wieder neue Aspekte zu entdecken.

 

Der Hase mit den Bernsteinaugen: Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Hase mit den Bernsteinaugen: Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi' von Edmund de Waal
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Hase mit den Bernsteinaugen: Das verborgene Erbe der Familie Ephrussi"

Format:Taschenbuch
Seiten:352
EAN:9783423142120

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Kind aller Länder: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Kind aller Länder: Roman' von Irmgard Keun
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Kind aller Länder: Roman"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
EAN:9783462048971
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Rezensionen zu "Kind aller Länder: Roman"

  1. Eine Flüchtlingsgeschichte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 30. Okt 2020 

    Kurzmeinung: Eines der schönsten Erzählung, die ich gehört habe. Was haben Kinder für ungewöhnliche Sichtweisen in ihrer Unbedarftheit. Die Beobachtungsgabe von Kully ist allerdings unbeschreiblich phantasievoll. Diese Autorin sollte ein versierter Leser unbedingt kennen.

    Kully ist 10 Jahre alt und heimatlos. Ihr Vater ist Schriftsteller und aus Deutschland geflohen, er ist recht leichtsinnig im Umgang mit Geld und ein Charmeur, der sich mehr Geld zum Überleben leiht, als er zurückzahlen kann. Kully und ihre Eltern leben hauptsächlich in Hotels und sind gezwungen häufig das Land zu wechseln. Deshalb kennt sich Kully auch mit Wechselkursen und Länderwährungen besser aus, als
    mit Geschichte über Könige und Feldherren. Sie lernt schnell, wie man mit einer Mahlzeit am Tag auskommen muss und kann mehrere Sprachen sprechen.

    Irmgard Keun (1905-1982) kannte das häufige Umziehen von Stadt zu Stadt schon aus ihrer eigenen Kindheit. Ihre Schauspielkarriere verlief mäßig und so kam sie dann zum Schreiben. Sie umgab sich schon früh mit Schriftstellern und heiratete dann auch einen Regiesseur und Autor. Mit 2 Romanen feierte sie großen Erfolg. Das kunstseidene Mädchen und ihr Erstlingswerk Gilgi, eine von uns. Obwohl sie keine Jüdin war, wurden ihre Bücher 1933/34 beschlagnahmt und sie ging 2 Jahre später ins Exil erst nach Ostende (Belgien) und später in die Niederlande. Zu ihrem Freundeskreis gehörten u.a. Egon Erwin Kisch, Stefan Zweig und Heinrich Mann. Joseph Rot wurde einer ihrer Liebhaber. Genau dieser Joseph Rot ist wohl die Person, die Kullys Vater darstellt. Im Abspann des Hörbuchs referieren ein Literaturkritiker Weidermann und ein Moderator von einem Radiosender über Irmgard Keun und auch ihrer Beziehung zu Joseph Roth. Das alleine ist schon interessant und hörenswert, nachdem man dieses Buch gehört hat.

    Ich kann es nur jedem Leser wärmstens empfehlen. Auf jeden Fall werde ich dieses Hörbuch bei Gelegenheit noch einmal hören.

 

Couscous mit Zimt (Debütromane in der FVA)

Buchseite und Rezensionen zu 'Couscous mit Zimt (Debütromane in der FVA)' von Elsa Koester
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Couscous mit Zimt (Debütromane in der FVA)"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:448
Verlag:
EAN:9783627002787
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Rezensionen zu "Couscous mit Zimt (Debütromane in der FVA)"

  1. Alles andere als trivial

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 03. Okt 2020 

    Romane mit schmackhaften Titeln wie "Der Duft von Apfeltarte, "Ein Sommer voller Himbeereis" oder "Koriandergrün und Safranrot" assoziieren appetitliche Geschichten voller Leichtigkeit. Nicht selten sind diese Bücher der Trivialliteratur zuzuordnen.
    Daher war ich sehr erstaunt, im Programm der Frankfurter Verlagsanstalten, also einem Verlag, den ich als Garant für anspruchsvolle Literatur kennen- und schätzen gelernt habe, den Titel "Couscous mit Zimt" zu entdecken. Diese Diskrepanz zwischen "verdächtigem" Romantitel und renommiertem literarischem Ruf des Verlags hat mich neugierig gemacht, weshalb ich meine Vorbehalte mutig über Bord geworfen habe. Und jetzt, nachdem ich diesen Roman gelesen habe, steht fest: Trivial ist der Roman "Couscous mit Zimt" von Ella Koester ganz sicher nicht.

    Worum es geht:
    Der Roman erzählt die Geschichte der Frauen der Familie Bellanger, etwa von den 50er/60er Jahren bis in die Gegenwart.

    1. Generation: Lucille, eine Französin, die mit ihrer Familie lange Jahre in in der französischen Kolonie Tunesien gelebt hat und nach der Unabhängigkeit dieses Landes wieder nach Paris zurückgeht und hier bis zu ihrem Tod im hohen Alter von 105 Jahren leben wird. Lucille wird von der Familie "Mamie" genannt.

    2. Generation: Solange und Marie, Töchter von Lucille, die Mädchen sind in Tunesien geboren und haben hier die ersten Jahre ihres Lebens verbracht. Insbesondere Marie wird Tunesien ihr Leben lang als ihre Heimat ansehen.

    3. Generation: Lisa, Tochter von Marie, ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Mittlerweile ist sie Anfang 30. Sie hat eine enge Bindung zu ihrer Mutter Marie, die ihr viele Geschichten über ihre Kindheit sowie ihrer Familie erzählt. Über die Jahre hatte Lisa durch wenige Besuche in Frankreich nur sporadischen Kontakt zu ihrer französischen Großmutter Lucille.

    "Lisa hat nicht an den Geruch gedacht, denn natürlich, die Wohnung riecht nach Piment, Paprika und Zimt, gemischt mit abgestandenem Zigarettenqualm und modrigem Moschus, nach alter Frau in ungewaschenem Hauskleid mit Blümchenmuster. Natürlich, die Wohnung riecht nach Mamie."

    Lisa soll nun die Wohnung ihrer Großmutter in Paris aufzulösen. Vor einiger Zeit ist diese im hohen Alter von 105 Jahren gestorben und hat diese Wohnung ihren beiden Töchtern Solange (Lisas Tante, die in der Nähe von Paris lebt) und Marie (Lisas Mutter) hinterlassen. Tante Solange hat sich nach dem Tod von Lucille sofort von ihrer Schwester auszahlen lassen. Daher ist die Pariser Wohnung nun in Maries alleinigem Besitz. Doch sie hat sich nie um diese Wohnung gekümmert. Nun ist sie selbst verstorben und hat ihrer Tochter Lisa die Aufgabe der Wohnungsauflösung in Paris überlassen.

    Lisa reist also nach Paris. Hier wird sie mit Erinnerungen konfrontiert, die sowohl schön aber auch schmerzhaft sind. Die Frauen der Familie Bellanger waren und sind keine einfachen Menschen. Es ist offensichtlich dass das Familienleben bei jeder Generation Wunden hinterlassen hat.

    Betrachtet man die ersten Kapitel dieses Romans, mag man jedoch zunächst nicht glauben, welche Konflikte die Frauen der Familie Bellanger austragen mussten.

    "Versteht das denn niemand, dass eine Frau es satthat, immer wieder wie ein Elefant durch die Gegend zu laufen, über neun Monate, um dann schon wieder jemanden an der Brust hängen zu haben, erst an der Brust und dann am Rockzipfel, über Jahre und Jahre? Wo gibt es das denn bitte sonst in der Natur, alle Tiere werden schneller selbstständig, einfach alle, nur diese kleinen Gören von Menschen nicht!"

    Der Einstieg in diesen Roman beginnt mit einem Kapitel, in dem die hochbetagte Lucille auf ihr Leben zurückblickt. Dabei präsentiert sie sich als eine Person, die zeitlebens ihre Frau gestanden hat, die selbstbewusst war und das Leben geliebt hat. Im Gegensatz zu vielen Frauen ihrer Generation hing ihr Lebensglück nicht vom Muttersein ab. Diese Einstellung macht sie sehr sympathisch. Trotzdem will man ihr die offen zur Schau gestellte Abneigung gegenüber Kindern nicht so recht abnehmen. Lucille scheint diesbezüglich Witze zu machen, die den Leser fröhlich einstimmen und ihn auf eine falsche Fährte locken. Nach diesem Einstieg in den Roman rechnet man mit einer Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt ein entspanntes und liebevolles Miteinander zwischen einer Mutter und ihren Töchtern steht. So wie sich Lucille dem Leser präsentiert hat, wird sie in dieser Familie zwar den Ton angeben. Doch da man sie als liebevolle Matriarchin einschätzt, gesteht man ihr dies gerne zu.
    Später wird sich dann herausstellen, dass der erste Eindruck nicht der richtige ist.

    Die Erzählperspektive wechselt zwischen den Frauen der Familie Bellanger, maßgeblich kommen hier Enkelin Lisa und ihre Mutter Marie zu Wort. Die Perspektive von Lisa bewegt sich in der Gegenwart, unterbrochen von ihren Erinnerungen an die wenigen Besuche bei ihrer Großmutter sowie an die letzten Jahre mit ihrer Mutter Marie, die ihr Leben lang unter dem Einfluss ihrer Mutter Lucille zu leiden hatte. Maries Erinnerungen hingegen konzentrieren sich auf ihre Kindheit in Tunesien und das Erwachsenwerden in Paris. Im Mittelpunkt steht dabei der Einfluss von Lucille, den diese ihr Leben lang auf Marie hatte.

    Dabei wird von Lucille ein völlig anderes Bild gezeigt, als jenes aus dem ersten Kapitel. Schenkt man den Erinnerungen von Marie Glauben, wundert man sich nicht, warum Marie ihr Leben lang mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte. Denn mit einer Mutter wie Lucille war es schwierig, als Tochter zu bestehen.

    "Sie war eine Lügnerin, hat sie gesagt. Lisa hat sie nicht verteidigt. Solange hat ihre Mutter angegriffen, und sie hat nichts gesagt. Weil sie sich nicht ganz sicher war. Vielleicht stimmt es ja. Lisas Mutter hat oft gelogen. Wenn sie getrunken hat, und sie hat oft getrunken oder Geschichten verdreht, und vielleicht hat sie diese Geschichte verdreht, fragen kann Lisa sie jedenfalls nicht mehr."

    Es fällt nicht leicht, in diesem Roman Partei zu ergreifen. Denn auch Tante Solange gibt ihre Einschätzung über Mutter Lucille zum Besten. Zwar hat sie ihre Mutter als schwierig und eigenwillig in Erinnerung, hat aber dennoch eine völlig andere Sichtweise als ihre Schwester Marie, was die Mutter-Töchter-Beziehungen angeht. Die Wahrheit über Lucille und ihrem Verhältnis zu ihren Töchtern scheint also im Auge des Betrachters zu liegen.

    Diese Thematik des Mutter-Tochter-Konflikts, in der die Autorin mit unterschiedlichen Sichtweisen spielt, hat mir ausgesprochen gut gefallen.

    Für mich hätte das konfliktgeladene Zusammenspiel der starken Frauencharaktere ausreichend Potenzial für einen herausragenden Roman gehabt. Doch die Autorin wollte scheinbar mehr, weswegen sie weitere unterschiedliche Themen in diesem Roman verpackt hat.

    Einzig das Thema "Pieds Noirs" scheint für dass Zusammenspiel der Frauen Bellanger eine Rolle zu spielen. Unter "Pieds Noirs" versteht man französische Auswanderer, die in den damaligen Kolonien Tunesien, Marokko oder Algerien gelebt haben und später nach Frankreich zurückkehren mussten, so auch die Familie Bellanger. Durch die Unabhängigkeit der arabischen Länder in den 60ern, waren die französischen Kolonialisten nicht mehr erwünscht. Die Rückkehr nach Frankreich glich also einer Flucht. Und damals wie heute stoßen Flüchtlinge in der Gesellschaft auf Ablehnung.

    "Ich frage mich, was das soll, Rückkehrer. Ich jedenfalls bin nicht zurückgekehrt, wenn du mich fragst, ich bin in Tunesien aufgewachsen, ich kannte gar nichts anderes, ..., ich bin in Tunesien geboren, und ich habe mich auch nie dazu entschieden, Tunesien zu verlassen und nach Frankreich zu gehen. Verschleppt wurde ich, meine Mutter hat mich aus meinem Heimatland nach Frankreich verschleppt."

    Die Autorin schlägt einen Bogen zur heutigen Situation arabisch-stämmiger Flüchtlinge, mit der Lisa während ihres Aufenthalts in Paris konfrontiert wird. Diese Ähnlichkeit zwischen den sogenannten Pieds-Noirs-Familien und der heutigen Flüchtlingssituation lassen das Einbinden dieser Thematik in die Handlung also durchaus rechtfertigen.

    An dieser Stelle hätte die Autorin einen Schlussstrich ziehen sollen.
    Doch indem sie weitere gesellschaftspolitische und historische Themen aufgreift, welche die Handlung um die Frauen begleiten, lässt sie den Roman insgesamt überfrachtet erscheinen. Hier wäre weniger mehr gewesen.

    Mein Fazit:
    Der Roman "Couscous mit Zimt" erzählt eine Familiengeschichte über 3 Generationen. Die Handlung wird dabei von den Konflikten, welche die weiblichen starken Charaktere zeitlebens geprägt haben, dominiert. Dieser Part des Romans hat mich gefesselt. Darüberhinaus greift die Autorin in ihrem Roman weitere gesellschaftskritische Themen auf, die für mich leider des Guten zuviel waren. Dieser Themen-Overflow hat meiner Begeisterung am Ende einen Dämpfer verpasst.

    © Renie

 

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