Vivian

Buchseite und Rezensionen zu 'Vivian' von Christina Hesselholdt
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Vivian"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:208
Verlag: Hanser Berlin
EAN:9783446265899
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Rezensionen zu "Vivian"

  1. Innovativ

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 29. Okt 2020 

    So ein Buch habe ich noch nie gelesen. Es ist eigen, originell und hat einen ganz speziellen Charme.

    Wikipedia:
    „Vivian Dorothy Maier (* 1. Februar 1926 in New York; † 21. April 2009 in Chicago) war eine US-amerikanische Staatsbürgerin französischer Prägung, Kindermädchen, Haushälterin und Amateur- bzw. Freizeitfotografin. Bekanntheit erlangte Maier erst kurz nach ihrem Tod durch die zufällig entdeckte, unfreiwillig versteigerte Hinterlassenschaft einer ungewöhnlich großen Zahl fotografischer Schwarzweißaufnahmen.“

    Eine wirklich kuriose Vita. Wer war diese Frau, die als Kindermädchen arbeitete aber immer und überall nahezu besessen fotografierte?
    Diese Frage behandelt dieses Buch auf ganz eigene Weise. Eine Romanbiografie in Stichworten kann man es vielleicht nennen. Vivian Maier erzählt aus ihrem Leben und unterhält sich mit einem Erzähler darüber, eine Art Schlagabtausch, der witzig und aufschlussreich ist. Zusätzlich melden sich noch die unterschiedlichsten Menschen zu Wort, die in ihrem Leben eine Rolle gespielt haben und erzählen von ihrer eigenen Situation aber auch davon, was sie mit Vivian erlebt haben.

    Die Kapitel sind kurz, manchmal sind es sogar nur wenige Sätze, stellen aber Vivians sehr speziellen Charakter sehr schön dar. Sie war eine Einzelgängerin, menschenscheu aber nicht schüchtern, eine Frau, die weiß was sie will. Sie wollte ihre Ruhe haben und Fotos machen, sah ständig Motive, die festgehalten werden müssen und die sie dann sammeln konnte, ohne ihre Werke der Öffentlichkeit zu präsentieren. Warum so jemand ausgerechnet Kindermädchen wird ist eine Frage, die offen bleibt.

    Die Handlung selbst, also der Verlauf von Vivians Leben, geht dagegen etwas sprunghaft voran. Eigentlich sind es eher Impressionen aus ihrem Leben als eine stringente Handlung. Das ist zwar kunstvoll, hat mir aber weniger gefallen. Man springt von ihrer Kindheit in ihre 40er Jahre und dann wieder zurück zur Teenagerzeit. Ich hatte etwas Schwierigkeiten, mich darauf einzulassen.

    Außerdem haben mir Fotos gefehlt. Ein Buch über eine Fotografin ohne Fotos ist deutlich verschenktes Potenzial. Viele ihrer Aufnahmen werden beschrieben, auch die Situationen, während denen sie entstanden sind. Man kann sie mit etwas Glück bei Google finden, grandios wäre es gewesen, sie im Buch zu entdecken. Wenigstens Fußnoten, die zu einer Bildergalerie irgendwo im Web führen, hätte man leicht einbauen können und hätten diesen spannenden biografischen Roman zu einem Erlebnis machen können.

    Trotzdem hat mir das Buch gut gefallen. Es hat mir unterhaltsam und sehr originell eine ganz besondere Frau nahegebracht, von der ich vorher noch nie gehört hatte. Diese höchst innovative Art, eine Biografie zu schreiben, sollte Schule machen.

 

Schatten der Welt: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Schatten der Welt: Roman' von Izquierdo, Andreas
4.75
4.8 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Schatten der Welt: Roman"

Thorn in Westpreußen, 1910. Der schüchterne Carl, der draufgängerische Artur und die freche Isi sind frohen Mutes, dass der Ernst des Lebens noch ein wenig auf sich warten lässt. Nicht einmal die Nachricht, dass ein Komet namens »Halley« die Menschheit zu vernichten droht, kann die drei Jugendlichen schockieren. Im Gegenteil – ungerührt verkaufen sie Pillen gegen den Weltuntergang, während Halley still vorbeizieht. Doch das Erwachsenwerden lässt sich nicht aufhalten: Carl beginnt eine Ausbildung zum Fotografen, Artur und Isi werden ein Paar. Als 1914 die große Weltpolitik über sie hineinbricht, reißt es die Freunde auseinander. Artur und Carl werden eingezogen, fernab der Heimat werden die beiden Teil eines Kriegs, der jede Vorstellungskraft sprengt. Derweil hat Isi zuhause in Thorn ganz andere Kämpfe auszufechten. 1918 ist der Krieg endlich vorbei. Nichts ist geblieben, wie es einmal war – und doch scheint ein Neuanfang möglich … Mitreißend und mit viel Gefühl für seine Figuren erzählt Andreas Izquierdo die Geschichte dreier Jugendlicher, die in den Wirren des frühen 20. Jahrhunderts ihren Weg suchen. ›Schatten der Welt‹ ist Abenteuerroman, Coming-of-Age-Geschichte und spannender historischer Roman zugleich.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:544
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "Schatten der Welt: Roman"

  1. Helle Jugend - finsterer Schatten Krieg

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Aug 2020 

    Thorn in Westpreußen, 1910: Carl Friedländer, Sohn eines jüdischen Schneiders, und Artur Burwitz, dessen Vater Wagner und Trinker ist, sind Freunde, die unterschiedlicher nicht sein können. Carl, der besonnene, vorsichtige, kluge Bursche. Artur der bauernschlaue Draufgänger voller herrlicher und gefährlicher Ideen. Als Carl auf Isi trifft, wünscht er sich zunächst das Mädchen niemals kennengelernt zu haben, so unliebsam war seine erste Begegnung mit ihr. Doch die forsche, freche und mutige Lehrerstocher wird bald Dritte im Bunde dieser Freundschaft. Eine Freundschaft, die vielen Prüfungen ausgesetzt ist. Denn die Welt steht am Rande eines Abgrundes. Nach dem Ersten Weltkrieg ist nichts mehr wie es war und doch ist es die Zeit für einen Neuanfang.
    Der deutsche Drehbuchautor und Schriftsteller Andreas Izquierdo erzählt in seinem Roman „Schatten der Welt“ feinfühlig und bewegend von drei jungen Menschen an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Er erzählt von einer Zeit, in der die Welt, wie sie bisher war, nicht mehr existierte, vom Krieg, vom Umbruch und vom Aufbruch in andere Zeiten.
    Alles beginnt bei den Geburtstagsfeierlichkeiten für den Kaiser. Es ist der legendäre „Baracken-Bumms“, den Artur initiiert hat, ein militärischer Skandal. Dann folgt der Halley’sche Komet und mit nicht ganz astreinen Methoden kommen die Carl, Artur und Isi - die Leichtgläubigkeit der Mitmenschen ausnutzend - an eine kleine Summe Geldes. Sie sind fast noch Kinder, haben die ganze Welt vor sich. Jeder für sich hat trotz ihrer jungen Jahre eine Bürde zu trage. Carl Schneiderssohn, wie er oft neckisch von Isi genannt wird, muss sich mehr und mehr um seinen Vater kümmern, der immer mehr in die Vergesslichkeit abgeleitet. Artur erlebt den rauen Umgang mit seinem meist betrunken Umgang mit stoischer Ruhe. Isis Vater hingegen ist ein patriarchalischer Haustyrann, der Frau und Töchter gerne misshandelt und dessen politische Gesinnung am rechten Rand zu finden ist.
    Mit Staunen und Neugier richten sie ihre Aufmerksamkeit auf Neuerungen, die der Fortschritt bietet, während der Großteil in Thorn noch den Schlaf der Gerechten schläft. Es ist die Fotografie, die Carl begeistert und Artur erkennt das Potential von Lastkraftwagen und wird trotz seiner 17 Jahre zum erfolgreichen Unternehmer.
    „Carl! begann Artur von Neuem. Verstehst du denn nicht, was da heute Morgen passiert ist?
    Wir haben einen Lkw gesehen antwortete ich ratlos.
    Nein, wir haben die Zukunft gesehen!“
    Im hellen Licht ihrer Jugend wirft der Erste Weltkrieg einen finsteren Schatten auf eine verheißungsvolle Zukunft.
    „Ich scherzte, tröstete, warnte, pflichtete bei, lachte und beschwor, fühlte weder Hunger noch Durst, sondern nur den unstillbaren Drang, den Menschen das zu geben, was sie am meisten wollten: Lügen. Denn ich war Carl Friedländer, der Schneiderssohn, der alles erreichen konnte.“
    Carl ist die Erzählstimme dieses mitreißenden Romans. Anhand der Geschichte der drei Freunde wird Weltgeschichte lebendig. Izquierdo verpackt mit einer Leichtigkeit, schwungvoller Sprache und trotzdem großer Ernsthaftigkeit die Grausamkeit des Krieges, Schützengräben, Widerstand, militärische Propagandamaschinerie, Nationalismus, die Geringschätzung von Frauen, den aufkeimenden Sozialismus.
    „Isi hätte schreien können…..Männer wie ihr Vater regierten Thorn, sie regierten Preußen, das Deutsche Reich, die ganze Welt. Sie bestimmten die Regeln, die Religion, die Politik, verfälschten Tatsachen, machten Karriere, und wenn gar nichts mehr half, begannen sie Kriege und stürzten die Welt ins Chaos: Kaiser, General, Kanzler, Pfarrer, Vater. Doch was war mit ihr? Was war mit all den Frauen, die in ihren Schatten starben, so leise, dass man nicht mal wusste, dass sie überhaupt gelebt hatten? Zählten sie nicht? Nichts?“
    Diese Buch ist wie Kino, ein historisches Coing-of-Age mit viel Liebe zu den Protagonisten. Das Ende lässt Spielraum über. Aber wie wir wissen, hat sich bald ein neuer Schatten auf die Welt gelegt.

  1. Ein spannendes Zeitbild

    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Jul 2020 

    „Damals erwachte in mir das unstillbare Verlangen, mir immer ein eigenes Bild zu machen. Ich wollte selbst beobachten, wollte wissen, wie sich die Dinge wirklich verhielten, und nicht von Beschreibungen anderer abhängig sein.“ (Zitat Pos. 551)

    Inhalt
    Sie sind Freunde und schon mit knapp vierzehn Jahren wissen sie, was sie nicht werden wollen: Carl Friedländer will Fotograf werden und nicht die väterliche Schneiderei übernehmen, Artur Burwitz will Erfolg haben und kein Wagner bleiben, wie sein Vater. Luise „Isi“ Beese will auf keinen Fall so werden, wie ihr strenger Vater Gottlieb Beese, Lehrer mit politischen Ambitionen. Sie haben kreative Geschäftsideen und können sie auch erfolgreich umsetzen, doch dann kommt das Jahr 1914 und damit der Krieg. Artur und Carl, beide achtzehn Jahre alt, werden sofort eingezogen. Die Jahre bis 1918 verlangen von jedem der drei jungen Menschen beinahe Unmögliches, und der Einfluss der mächtigen Gutsbesitzerfamilie Boysen, die feudal über ganz Thorn herrscht, reicht bis an die Front.

    Thema und Genre
    Im Mittelpunkt dieses historischen Romans, der gleichzeitig auch ein Abenteuer- und Entwicklungsroman ist, stehen drei mutige junge Menschen am Beginn des 20. Jahrhunderts, ihre Träume, Hoffnungen und die Realität. Wichtige Themen sind die Unterdrückung der Menschen im feudalen Ständesystem dieser Zeit, die schrecklichen Schlachten des Ersten Weltkrieges, Hunger, Schwarzhandel und der Kampf ums Überleben. Es geht aber auch um Familie, Tradition, Mut zum Neubeginn, Freundschaft, Vertrauen und Liebe.

    Charaktere
    Carl ist eher schmächtig, zurückhaltend und vorsichtig. Durch den draufgängerischen, ehrgeizigen Artur, der immer eine Idee hat, zu Geld und Erfolg zu kommen, oft am Rand der Gesetze, wird auch das Leben seines Freundes Carl abenteuerlich. Die unangepasste Isi entspricht absolut nicht den Vorstellungen dieser Zeit von einem wohlerzogenen Mädchen. Klug, keck und schauspielerisch begabt, nützt sie ihr gutes Aussehen für die Umsetzung ihrer Einfälle. Dazu kommen ihr Mut und ihre Willensstärke, sich nicht unterkriegen zu lassen.

    Handlung und Schreibstil
    Der Roman beginnt mit einer Vorstellung der drei Hauptfiguren: Carl, Artur und Isi. Die Handlung ist in fünf Abschnitte eingeteilt, diese wiederum in einzelne Kapitel. Die Ereignisse werden von Carl in der Ich-Form geschildert, chronologisch, ergänzt durch Rückblicke. Teilweise gleichzeitig an unterschiedlichen Orten stattfindende Episoden im Leben von Artur und Isi, von denen Carl nichts wissen kann, werden jedoch personal erzählt und stellen jeweils Artur oder Isi in den Mittelpunkt. Die Geschichte ist spannend und auch emotional fesselnd, da die einzelnen Figuren überzeugend und nachvollziehbar handeln. Die Sprache erzählt und beschreibt packend und einfühlsam und lässt auch den Humor nicht vermissen. „Es folgte eine lange Schimpfkanonade im breitesten Wiener Schmäh. Es war nicht das erste Mal, dass ich mich fragte, wie ein Volk, das so melodisch fluchen konnte, einen solchen Krieg gewinnen wollte.“ (Zitat Pos. 4683).

    Fazit
    Ein spannender historischer Roman über die Hoffnungen und Träume einer Generation, die, kaum erwachsen, sich plötzlich in einem furchtbaren Krieg wiederfand. Jede der drei Hauptfiguren, die völlig unterschiedlich und doch durch eine tiefe Freundschaft verbunden sind, muss den eigenen Weg finden und aus Träumen werden Werte, für die es sich einzustehen lohnt, auch wenn der Einsatz das eigene Leben ist. Ein großartiges Leseerlebnis.

  1. Informativ, spannend, berührend und mitreißend...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 21. Jul 2020 

    In Thorn, einer Militärstadt, gehen die Uhren 1910 noch anders. Nahe der Grenze zu Polen dauert es lange, bis Fortschrittliches oder auch weltpolitische Ereignisse ihren Weg in die abseits gelegene Stadt in Westpreußen finden. In einer Atmosphäre althergebrachter Strukturen wachsen die Jugendlichen Carl, Artur und Isi auf und nichts deutet darauf hin, dass sich daran so bald etwas ändern wird.

    Zu Beginn der Erzählung ist Carl 13 Jahre alt und lebt mit seinem alleinerziehenden Vater in einem winzigen Häuschen, das ihnen Wohn- und Arbeitsstätte zugleich ist. Dort gelangen allabendlich Kartoffeln auf den Küchentisch, gleichzeitig werden in der winzigen Stube Kunden empfangen, die sich vom Schneider Friedländer ein neues Gewand fertigen lassen wollen. Reich werden sie dabei nicht, zumal sie als Juden misstrauisch beäugt werden, aber irgendwie haben sie ihr Auskommen.

    Carl geht gerne zur Schule, doch schon in wenigen Wochen ist damit Schluss, denn das Realgymnasium kann sich der Vater nicht leisten. Mit ihm zur Schule geht Artur, der vierzehnjährige Sohn eines Wagners und bester Freund von Carl. Gegensätzlicher könnten die beiden nicht sein: Carl schmächtig und schüchtern, dabei gut in der Schule - Artur kräftig und voller Selbstbewusstsein, doch mit der Schule hat er kaum etwas am Hut.

    Als die beiden die Tochter des ortsansässigen Lehrers der Mädchenschule kennenlernen, ist gleich klar, dass Luise, genannt Isi, bestens zu ihnen passt. Dreist und unerschrocken trotzt sie den widrigen häuslichen Verhältnissen, ebenso wie Artur. Nur Carl hat zu seinem Vater ein liebevolles Verhältnis.

    "Männer wie ihr Vater regierten Thorn, sie regierten Preußen, das Deutsche Reich, die ganze Welt. Sie bestimmten die Regeln, die Religion, die Politik, verfälschten Tatsachen, machten Karriere, und wenn gar nichts mehr half, begannen sie Kriege und stürzten die Welt ins Chaos..." (S. 415)

    Artur und Isi überbieten sich in ihren verrückten Ideen, und Carl, eher erschrocken denn überzeugt, lässt sich ein ums andere Mal von den beiden mitziehen. Wichtig ist es den dreien, schnellstmöglich viel Geld zu verdienen, um eines Tages auf eigenen Füßen zu stehen.

    Die Ereignisse um das Erwachsenwerden der drei Jugendlichen wird aus der Ich-Perspektive von Carl erzählt. Dabei dominiert bereits in der vermeintlich schönen Jugendzeit ein oftmals melancholischer Ton. Die armseligen Lebensbedingungen, die Dominanz des Militärs im Stadtbild, die Vergeblichkeit von Lebensträumen, der Standesdünkel, der Judenhass, der selbstherrliche und willkürliche Umgang der Mächtigen (ob nun Gutsherr, Gendarmeriekommandant oder tyrannischer Vater) mit den Schwächeren oder schlechter Gestellten - all dies erlebt der Leser emotional dicht am Geschehen mit.

    Glücklicherweise retten schlitzohrige Aktionen und die freche Dreistigkeit der drei Hauptcharaktere die Erzählung vor zu viel Schwere. Mit Beginn des Krieges allerdings wird der Ton ernster, und fortan wird das Geschehen abwechselnd aus der Perspektive der drei nun getrennt lebenden Freunde erzählt. Jeder der drei kämpft mit schweren Verlusten und letztlich auch einem Gefühl der Schuld, was angesichts der Ereignisse wohl unvermeidlich ist. Eine harte, brutale Art, erwachsen zu werden.

    Ich habe bereits mehrere Bücher von Andreas Izquierdo gelesen, und so unterschiedlich die Themen auch waren, eines hat sie geeint: der Faktor 'Menschlichkeit'. Auch in diesem historischen Roman, dem eine akribische und detaillierte Recherche attestiert werden muss, stehen die Charaktere im Vordergrund. Durch seine einfühlsame Art zu schreiben, schafft Izquierdo einen emotional dichten Zugang zu seinen Figuren, so dass der Leser zwangsläufig mitdenkt, mitempfindet, mitleidet.

    Dies war für mich nicht immer leicht zu ertragen. Wer Ungerechtigkeiten, Willkür und Menschenverachtung nicht gut aushält, der sei hiermit gewarnt. Immer wieder musste ich das Buch zwischendurch zur Seite legen, um Wut und Rachegelüste runterkochen zu lassen, bevor ich weiterlesen konnte. Gleichzeitig ist es genau das, was den Roman zu etwas Besonderem macht. Kriegsgräuel sind furchtbar, schon allein, wenn man darüber liest. Wenn man aber wie hier, daran auch emotional beteiligt ist, stehen diese Gräuel in ihrer ganzen Entsetzlichkeit vor einem und lassen den Leser an den monströsen Geschehnissen geradezu teilhaben.

    "...und der Tod begegnete mir allenfalls als friedliches weißes Kruzifix auf einem sonnenbeschienenen Friedhof. Doch unter dieser Erde lagen das zerrissene Fleisch, die gebrochenen Knochen und zerstörten Seelen. Unter dem Heldenkreuz verfaulte eine ganze Generation, deren Hoffnungen und sprühender Optimismus von alten Männern zu Angst, Ekel und Entsetzen verwandelt worden waren." (S. 484)

    Der Blick auf die damaligen Ereignisse ist ungeschönt und detailliert, und die damit verbundenen Traumata geradezu greifbar. Das Ende - es kann kein Happy End sein, das würde nicht passen. Aber doch bietet es einen kleinen hoffnungsvollen Ausblick, eine Möglickeit des Weiterlebens, trotz alledem.

    Und wie der Autor verriet: es wird einen zweiten Teil geben, frühestens im Herbst 2021 - die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Sehr schön. Denn Carl, Artur und Isi würde ich sehr gerne nocht einmal begegnen...

    © Parden

  1. Eine Welt im Umbruch

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Jun 2020 

    „Schatten der Welt“, der neue Roman von Andreas Izquierdo, führt ins westpreußische Thorn im Jahr 1910. Dort lebt Carl, ein gewitzter, ein wenig schüchterner Junge zusammen mit seinem Vater, einem jüdischem Schneider Friedländer. Sein bester Freund ist Arthur, das genaue Gegenteil von ihm: groß und bullig, keine Leuchte in der Schule, aber bauernschlau und furchtlos. Dann kommt noch Isi dazu, die Tochter des bigotten Lehrers Beese, der die Rebellion in den Knochen steckt. Sie lehnt sich gegen die Vater auf, begeht kleinere Gaunereien und wird bald der Kopf des ungleichen Trios.

    Das Erscheinen des Halleyschen Kometen steht bevor und sie nutzen den Aberglauben und die Furcht der Menschen und ziehen den Leuten mit harmlosen Pillen und Gasmasken das Geld aus der Tasche. Später soll dieses Geld für sie ein Startkapital werden, aber der Große Krieg steht vor der Tür und beendet ihre Jugend abrupt.

    Dieser großartige Roman umfasst den Zeitraum von 8 Jahren, die nicht nur die unmittelbare Geschichte des Trios radikal verändert, auch die Welt ist nicht mehr die gleiche. Die Wege der Freunde trennen sich und doch bleibt ein unverbrüchliches Band zwischen ihnen bestehen.

    Was für eine wortmächtige Geschichte! Farbig erzählt, spannend und wie ich finde, sehr akribisch recherchiert. Ich konnte mich kaum losreißen, der Roman fesselte mich von der ersten Seite. Da ist einerseits das Leben in einer kleinen westpreußischen Stadt, immer ein bisschen dem Weltgeschehen hinterher, mit einer festgefügten Ordnung. Auf ihren Gütern beherrschen die Junker ihre Leute und in der Stadt die kaisertreue Obrigkeit die Bürger. Arm und Reich trennen Welten und wer sich dagegen auflehnt, bekommt es hart zu spüren.

    Izquierdo vereint in seinem Buch eine einfühlsame Beschreibung des Erwachsenwerdens, samt Gauner-und Schelmenstücken drei Protagonisten, die mich immer wieder schmunzeln ließen, mit einem großen historischen Roman. Erzählt wird das im Rückblick von Carl. Dieses Stilmittel bringt eine leise Melancholie in den Roman, denn selbst die Erinnerung an ihre Jugendstreiche ist für Carl mit Wehmut verbunden.

    Dieses Buch hat mich berührt und beeindruckt.

 

Die Fotografin - Die Welt von morgen: Roman (Fotografinnen-Saga, Band 3)

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Fotografin - Die Welt von morgen: Roman (Fotografinnen-Saga, Band 3)' von Durst-Benning, Petra
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Fotografin - Die Welt von morgen: Roman (Fotografinnen-Saga, Band 3)"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:480
Verlag:
EAN:9783764506643

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Die Galerie am Potsdamer Platz: Roman (Die Galeristinnen-Trilogie)

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3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Galerie am Potsdamer Platz: Roman (Die Galeristinnen-Trilogie)"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
Verlag:
EAN:9783959674096
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Rezensionen zu "Die Galerie am Potsdamer Platz: Roman (Die Galeristinnen-Trilogie)"

  1. Familienbande halten viel aus...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 03. Mai 2020 

    Der Klappentext klang nach einem Buch, welches wie für mich gemacht ist, da ich doch Geschichten aus der Zeit der Weltkriege, gepaart mit Familiengeheimnissen, schlichtweg liebe.

    In der Geschichte geht es um Alice, die zwischen den Seilen hängt, da ihr Kunststudium nicht so läuft wie sie es erwartet hat. So beginnt sie einen Neuanfang in Berlin, wo auch die Familie ihrer verstorbenen Mutter lebt. Diese sind wenig erfreut den Kuckuck der Familie vor Augen geführt zu bekommen, doch Blut ist eben manchmal doch dicker als Wasser. Wird die neu gefundene Familie ihr Leben verändern?

    Ein beobachtender Erzähler führt durch die Handlung, so dass man einen objektiven Blick auf alle agierenden Figuren bekommt.

    Es passiert nicht so oft, dass mir Nebenfiguren allesamt lieber sind als der Hauptcharakter, aber hier war dies der Fall. Ich mochte es, dass Alice selbstbewusst ist, aber ihre aufmüpfige Art wirkte zu aufgesetzt und unecht, so dass ich der Autorin diese Figur einfach nicht abgekauft habe. Erst relativ zum Schluss wurde ich dann mit Alice warm. Sie ist allem ablehnend gegenüber, greift aber stets mit vollen Händen zu.

    Richtig klasse fand ich den Deutsch- Iren John, da er nicht dem typischen Beuteschema entspricht und stets zu dem steht was er sagt. Im Gegensatz zu Alice mochte ich das Geheimnissvolle an ihm am meisten. Wenn es spannend bleiben soll, muss man doch nicht sofort alles über seinen Partner wissen, oder?

    Großmutter Helena habe ich als gar nicht so schlimm empfunden. Der Grund warum sie mit ihrer Tochter gebrochen hat, war nachvollziehbar und man spürte bei allem was sie tat wie warmherzig sie ist, auch wenn sie das nach außen hin nicht zeigt.

    Tante Rosa und die beiden Onkel Johann und Ludwig mochte ich auch sofort, da sie die verlorene Nichte mit offenen Armen empfangen und quasi dauerhaft Wiedergutmachung betrieben haben.

    Gut gefallen haben mir die Einblicke in die Kunstszene und die Arbeit in einer Galerie, denn darüber habe ich bisher noch nie nachgedacht.

    Literarisch anspruchsvoll ist dieser Roman leider nicht. Die sprachlichen Bilder wirken oft sehr gewollt. Man muss für meinen Geschmack nicht tausend Adjektive benutzen, um einen grauen Himmel zu beschreiben.

    Des Weiteren ist die Autorin nicht immer konsequent. Viele Kapitel sind mit Monaten überschrieben und dann plötzlich mit den Jahreszeiten. Hier hätte mir eine klarere Linie besser gefallen. Zudem sind die Sprünge auch nicht immer ganz gelungen, da es sich teils so anfühlt als wäre nur ein Tag vergangen, obwohl ein Monat rum ist und mal ist so viel Zeit vergangen und man hat das Gefühl wichtiges verpasst zu haben.

    Zudem hat mich gestört, dass auf jeder Seite eine Zigarette angesteckt und wieder ausgedrückt wird. Natürlich war es damals üblich zu rauchen und das in allen Gesellschaftsschichten, aber dies auf jeder Seite zu erwähnen, empfand ich als nervig. Auch wird alle Nase lang Alkohol gebechert, was mir auch zu oft erwähnt wurde.

    Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um ein Debüt, was man auf jeder Seite gespürt hat. Es ist der Startband einer Reihe, der mich ganz gut unterhalten hat, der aber nicht unbedingt dazu führt, dass ich weitere Bände der Geschichte lesen wollen würde.

    Fazit: Durchaus unterhaltsam, aber definitiv mit Luft nach oben. Ich kann nur bedingt eine Leseempfehlung aussprechen.

 

Die seltsamsten Orte der Welt: Geheime Städte, Wilde Plätze, Verlorene Räume, Vergessene Inseln

Buchseite und Rezensionen zu 'Die seltsamsten Orte der Welt: Geheime Städte, Wilde Plätze, Verlorene Räume, Vergessene Inseln' von Alastair Bonnett
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die seltsamsten Orte der Welt: Geheime Städte, Wilde Plätze, Verlorene Räume, Vergessene Inseln"

Format:Taschenbuch
Seiten:296
Verlag: C.H.Beck
EAN:9783406698170

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Die Bildermacherin und der böse Wolf

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Bildermacherin und der böse Wolf' von Christiane Omasreiter
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Bildermacherin und der böse Wolf"

Format:Taschenbuch
Seiten:352
EAN:9788868393847
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Rezensionen zu "Die Bildermacherin und der böse Wolf"

  1. Die Fortsetzung ist gelungen

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 29. Nov 2019 

    Endlich hat Amalia auch noch den allerletzten Fotoauftrag in Berlin abgewickelt und kann ihren Umzug nach Südtirol in Angriff nehmen. Sie hat von ihrer verstorbenen Großmutter ein Haus geerbt und bei ihrem letzten Aufenthalt funkte es zwischen ihr und ihrem alten Kindheitsfreund Felix gewaltig und sie wurden ein Paar. Ungeduldig wartete er auf ihren Umzug und bei jeder neuen Verzögerung wurde er ärgerlicher. Nun hat er sich schon seit Wochen nicht gemeldet und Amalia ahnt, dass sie einiges in Ordnung bringen muss.

    Aber sie scheint zu spät zu kommen, denn Felix hat eine neue Liebe. Dr. Beate Sommer ist die neue Frau an seiner Seite, was Amalia erst mal einen Schock versetzt. Die Sommer ist zusammen mit einer weiteren Biologin, Celina Uhlig im Pustertal. Sie sollen dort die Ansiedlung von Wölfen wissenschaftlich begleiten. Ein heikles Thema in der Bevölkerung, die Bauern und Almhirten fürchten um ihr Wild und die Jäger um ihre Reviere. Die charmante und attraktive Celina kümmert sich allerdings nicht nur um die Wölfe. Auch den meisten männlichen Bewohnern des Ortes hat sie den Kopf verdreht und in einigen Ehen hängt der Haussegen gewaltig schief.

    Doch dann ist es ausgerechnet Amalia die bei einer Skitour die übel zugerichtete Leiche von Celina Uhlig findet. Ganz offensichtlich wurde sie von Wölfen angegriffen. Amalia beweist ein weiteres Mal, dass sie über detektivischen Spürsinn verfügt und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Dabei lernt sie auch den ausgesprochen charmanten neuen Polizeikommandanten Maresciallo Marchetti kennen.

    Ein interessantes Thema bildet den Hintergrund für den neuen Kriminalroman um Amalia Engl. Die Ansiedlung von Wölfen ist in jedem Land sehr umstritten, so sehr die Umweltschützer und Naturfreunde die Rückkehr begrüßen, so sehr stellen sich Bauern und Viehhirten quer. Die Diskussion darüber fand auch Eingang in diese Geschichte und das gefiel mir sehr gut. Auch was ein fremder und frischer Wind in einer eingeschworenen Gemeinde anrichten kann, kommt sehr gut rüber.

    Amalia ist eine taffe Frau, erfolgreich als Modefotografin will sie nun wieder in ihrer alten Heimat ansässig werden und merkt aber auch, dass sie schon ein wenig fremd geworden ist. Diesen Kontrast finde ich ebenfalls sehr reizvoll. Dann sorgen die Liebeswirren auch noch für ein turbulentes Durcheinander, was mein Lesevergnügen erhöhte. Die beiden Autorinnen, Christiane Omasreiter und Kathrin Scheck, erzählen farbig und lebendig. Die schöne, winterliche Landschaft des Pustertals bietet einen weiteren Höhepunkt. Man möchte am liebsten in den tiefverschneiten Wäldern – Wölfe hin oder her – Tourengehen und die Gegend erkunden.

    Eine gelungene Auflösung, an die ich lange nicht auf dem Schirm hatte, rundet den Krimi ab. Und es gibt Grund sich auf den nächsten Band zu freuen, denn es ist noch nicht klar, wie sich Amalia entscheidet.

 

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