Die vielen Leben des Jan Six

Buchseite und Rezensionen zu 'Die vielen Leben des Jan Six' von Geert Mak
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die vielen Leben des Jan Six"

Autor:
Format:Broschiert
Seiten:512
EAN:9783570553626
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Rezensionen zu "Die vielen Leben des Jan Six"

  1. 5
    19. Jun 2017 

    Eine gut recherchierte Familiendynastie aus den Niederlanden

    Boa, was für ein Buch. So viel Recherche, die sich über einen Zeitraum von mehr als acht Jahrhunderten bezieht. Eine langwährende Familiendynastie namens Six, und in der die männlichen Personen immer wieder mit Jan benannt werden. Die Dynastie beginnt 1535 und geht bis ins Jahr 2013. Hinten im Buch ist ein Stammbaum abgebildet, der hilft, die vielen Generationen aus den unterschiedlichsten Epochen auseinanderzuhalten.

    Ein Geschichtsbuch, das die niederländische und die französische Geschichte behandelt. Immerhin galten die Six einst als von Frankreich vertriebener Adel…
    Aber auch mit dem Nationalsozialismus, der in den Niederlanden eingebrochen ist, waren die Six konfrontiert …

    Zur Erinnerung gebe ich erneut den Klappentext rein:

    "Sie sind die Buddenbrooks der Niederlande: Die Six-Dynastie gehört seit dem Goldenen Zeitalter zu den politisch und kulturell bedeutendsten Familien des Landes. Bestsellerautor Geert Mak folgt den Spuren dieser Familie, die seit mehr als vierhundert Jahren in Amsterdam ansässig ist, und erweckt ihre Geschichte und Geschichten zu neuem Leben. Er erzählt die Biographie der Familie bis heute und entwirft zugleich ein ebenso farbiges wie schillerndes Panorama ihrer unterschiedlichen Epochen.

    Jan Six – Mäzen, Aufklärer, Kunstsammler, Amsterdamer Regent und verewigt auf einem der schönsten Porträts, das Rembrandt je schuf – gilt als Begründer der Dynastie und hatte eine ganze Reihe von Nachkommen, von denen der jeweils Erstgeborene seinen Namen trug. Wie er gelangten viele von ihnen in den darauffolgenden Jahrhunderten in Kunst, Politik und Wissenschaft zu Reichtum und Ruhm. Andere Familienmitglieder wiederum verbrachten ihr Leben in Armut und Einsamkeit. Zahlreiche Tagebücher, Briefe, Notizen und Aufzeichnungen, die sich zusammen mit dem Rembrandt-Bildnis bis heute im Besitz der Familie befinden, zeugen davon. »Die vielen Leben des Jan Six« ist die Geschichte einer Familie und ihrer Stadt über viele Generationen hinweg. Es ist eine Geschichte von Ambitionen und Scheitern, von Größe und der ewigen Angst vor dem Niedergang."

    Ich kannte die Six bisher gar nicht ... Das Buch hatte mich lediglich wegen der Buddenbrooks gelockt. Ich habe es gelesen und mehrmals die Verfilmung aus den 1970er Jahren gesehen. Dieser Film wurde sehr nah am Buch gedreht, selten, dass mir beides, Buch und Film, gefallen haben. Die Six selber waren mir fremd, und ich habe noch immer nicht dieselben Empfindungen, die ich für die Buddenbrooks hatte, deshalb werde ich mich hier in der Buchbesprechung recht kurz halten. Was soll ich noch schreiben, was der Autor mit seiner überaus gelungenen Recherche nicht schon geschrieben hat? Ich habe keine Lücke zu füllen, die Recherchen sind topp.

    Der vorliegende Band hatte nicht nur jede Menge Buddenbrook‘sches, sondern auch Proust‘sches. Noble und hohe Gesellschaftsformen, Adel und Patrizier, ähneln sich von ihrer Lebensweise alle sehr, ganz gleich, aus welchen Ländern sie stammen. Alle sind geprägt mit dem selben Verhaltencodex. Aber es gibt auch in dieser Gesellschaftsschicht Außenseiter, die aus diesen vergebenen gesellschaftlichen Normen versucht haben auszubrechen ...

    Allerdings ist das vorliegende Buch eher ein Sachbuch, es geht um Personen, die es in der Tat gegeben hat, und die in Amsterdam ansässig waren, während die Boddenbrooks eine fiktive norddeutsche Familiengeschichte ist, die gerade mal vier Generationen umfasst. Die vier Generationen konnte man viel leichter verinnerlichen. Man konnte mit ihnen bangen, man konnte mit ihnen Freude teilen, traurig sein, als die Familie sich in der letzten Generation aufgelöst hat. Familie Buddenbrook erlitt einen folgenschweren Untergang, und die Ursache dazu konnte man sich als Leser*in denken … Die vielen Jan Six dagegen konnte ich schwer verinnerlichen und auseinanderhalten, demnach war mir der Stammbaum auf der hinteren Seite eine große Hilfe. Im Gegensatz zu den Buddenbrooks existieren die Sixe außerdem noch heute …

    Dennoch fand ich dieses Geschichtsbuch spannend, die darin vorkommenden Probleme waren mir allzu menschlich. Kindersterblichkeit, Epidemien und andere Probleme rafften auch Angehörige reicher Menschen weg ... Und der Sklavenhandel in den Niederlanden war mir fremd … Auch die Frauen in den Niederlanden lebten, verglichen mit den Frauen anderer europäischer Länder, recht fortschrittlich. Sie waren aktiv in der Politik, Literatur, in der Kunst, etc.

    Wer sich etwas besser als ich mit den Six auskennt, dem ist unbedingt dieses Sachbuch ans Herz zu legen. Wer gerne über die gesellschaftliche Entwicklung aus den Niederlanden erfahren möchte, kann dieses vorliegende Buch auch wie ein reines Geschichtsbuch betrachten, wie sehr diese Familiendynastie das Land geprägt hat.

    Das Buch hat bei mir auf dem Blog 12 von 12 Punkten erhalten.

    ____________
    Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, dann ist nötig, dass alles sich verändert.
    (Eintrag aus einem Poesiealbum der Familie Six)

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Die Säulen der Erde

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Säulen der Erde' von Ken Follett
NAN
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Inhaltsangabe zu "Die Säulen der Erde"

England 1123-1173. Es ist eine Zeit blutiger Auseinandersetzungen zwischen Adel, Klerus und einfachem Volk, das unter Ausbeutung und Not leidet.

Philip, ein junger Prior, dessen Eltern von marodierenden Söldnern abgeschlachtet wurden, träumt den Traum vom Frieden: der Errichtung einer Kathedrale gegen die Mächte des Bösen. Er und sein Baumeister Tom Builder, dessen Stiefsohn Jack und die Grafentochter Aliena müssen sich in einem Kampf auf Leben und Tod gegen ihre Widersacher behaupten, ehe Kingsbridge Schauplatz des größten abendländischen Bauwerks, der "Säulen der Erde" wird ...

Autor:
Format:Broschiert
Seiten:1296
Verlag: Lübbe
EAN:9783404178124
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Französische Hauptstadt, deutsche Provinz

Buchseite und Rezensionen zu 'Französische Hauptstadt, deutsche Provinz' von Hans Dieter Zimmermann
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Inhaltsangabe zu "Französische Hauptstadt, deutsche Provinz"

Format:Taschenbuch
Seiten:272
Verlag: Rimbaud
EAN:9783890864068
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Kafka-Kurier

Buchseite und Rezensionen zu 'Kafka-Kurier' von Roland Reuß
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Inhaltsangabe zu "Kafka-Kurier"

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:44
Verlag: Wallstein
EAN:9783835335110
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Vier Zimmer, Küche, Boot

Buchseite und Rezensionen zu 'Vier Zimmer, Küche, Boot' von Uta Eisenhardt
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Inhaltsangabe zu "Vier Zimmer, Küche, Boot"

Format:Taschenbuch
Seiten:244
EAN:9783667104250
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Die Intelligenz der Psyche

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Intelligenz der Psyche' von Artho Stefan Wittemann
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Inhaltsangabe zu "Die Intelligenz der Psyche"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:280
Verlag: Kösel-Verlag
EAN:9783466305186
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Kafkas Welt: Eine Lebenschronik in Bildern

Buchseite und Rezensionen zu 'Kafkas Welt: Eine Lebenschronik in Bildern' von Hartmut Binder
NAN
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Inhaltsangabe zu "Kafkas Welt: Eine Lebenschronik in Bildern"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:688
EAN:9783498006433
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Fischers Frau

Buchseite und Rezensionen zu 'Fischers Frau' von Karin Kalisa
3.35
3.4 von 5 (6 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Fischers Frau"

Südliche Ostsee, 1928: Ein dreijähriges Fangverbot macht die Fischer arbeitslos – statt hinaus aufs Meer zu fahren, setzen sie sich an Webstühle und knüpfen Teppiche, die die Welt der See zeigen – oder der Welt die See, wie man es nimmt. Ein österreichischer Tapisserist lehrt sie die Knoten, auf die es ankommt: Senneh und Smyrna. Die "Perser von der Ostsee" entwickeln sich europaweit zum Verkaufsschlager. Fast einhundert Jahre später wird der zurückgezogen lebenden Kuratorin Mia Sund ein sehr seltsames Exemplar auf den Tisch gelegt: In seinem Flor irrlichtern Hunderte von Grüntönen, segeln Koggen unter mysteriösen Flaggen, tanzen kleine Wellen in den Augen der Fische und eine ornamentale Borte entpuppt sich als vieldeutige Chiffre. Zum ersten Mal nach zwölf Jahren beantragt Mia eine Dienstreise und macht sich quer durch Europa auf die Suche nach der Knüpferin und ihrer Botschaft, die die alte Erzählung vom Fischer und seiner Frau auf den Kopf stellt.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:256
Verlag: Droemer HC
EAN:9783426282090
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Rezensionen zu "Fischers Frau"

  1. "Manntje, Manntje, Timpe Te"

    „Manntje, Manntje, Timpe Te“ – so magisch wie diese Formel aus dem Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“, welches, aufgezeichnet von den Gebrüdern Grimm, zum vielzitierten Bezugsrahmen wurde, wenn es um die Unersättlichkeit menschlicher Gier nach Reichtum und Ruhm geht, ist auch diese Geschichte von Karin Kalisa.

    Und ich kann gar nicht sagen, wie erleichtert und froh ich darüber bin. Dazu muss man wissen: Kalisas vorheriger Roman „Bergsalz“ gehört für mich zu den schwächsten und ärgerlichsten Leseerlebnissen des Jahres 2020. Da ich eine Verfechterin mehrfacher Chancen bin, habe ich mich trotzdem an „Fischers Frau“ gewagt und wurde überreichlich belohnt: mit einer wunderbar gesponnen Geschichte, üppigen Farben, sanfter Liebe, einem fantasievollen Blick in eine mehr oder weniger erdachte Historie, einer wärmenden Reise durch Europa, die auch den Weg zur Selbstwerdung ebnet, mit Sprachästhetik und viel Lesevergnügen zwischen Ostsee und Adria.

    Karin Kalisa konzentriert sich mit jeder Faser ihres Erzählens auf ihr Thema: ihre Protagonistin Mia Sund, die durch die Entdeckung eines Fischerteppichs ominöser Herkunft aus ihrer Vergangenheit und ihrem Schneckenhaus gelockt wird und mit sehr viel (unwissenschaftlicher) Begeisterung an der Chronik der Entstehung dieses Teppichs strickt und schließlich als Geschichte in der Geschichte ihre Gedanken zu Nina, des Fischers Frau, präsentiert. Mia Sunds Bemühungen führen quer durch ein atmosphärisch sehr stimmungsvoll gezeichnetes Europa und zeigen auf recht unwiderstehliche Weise, wie eng Erzähl- und Handwerkskunst verbunden sind und verleihen diesem Unterhaltungsroman eine unerwartet tiefgehende Komponente.

    Die Sprache, die Kalisa verwendet, ist üppig, fast schon ausschweifend und sich ihrer selbst sehr bewusst. So manches Mal werden kleine Reflexionen über die Bedeutung von Wörtern eingeflochten oder ein Wort mehrfach wiederholt – so als ob man es schmecken wollte. Das wirkt sehr sinnlich, ist für mich an mancher Stelle aber stilistisch einfach zu viel, auch wenn es sich um eine durchaus angebrachte Spiegelung der Detailverliebtheit der Teppichkunst handelt und so ein in gewisser Weise märchenhafter Grundton erzielt wird.

    Neben diesen sprachlichen Verschwurbelungen habe ich mich mit den doch recht häufigen grammatikalischen Ungenauigkeiten schwergetan, die offensichtlich nicht gründlich genug korrigiert wurden, und vor allem auch mit einigen erzählerischen Ungenauigkeiten. So werden einige Sachverhalte und Personen völlig selbstverständlich als bekannt vorausgesetzt, obwohl sie bis zu diesem Punkt noch gar nicht erwähnt wurden. In anderen Erzählteilen erscheint es so, als ob gar ein ganzer erklärender Absatz fehlte und wie die Großmutter (!!!) von Liz Elms ein Leben lang ledig bleiben konnte (wir sprechen hier immer noch von der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf dem Land – außerdem wird das „ledig“ hier in den Kontext unerwiderter Liebe gesetzt, sodass suggeriert wird, die Oma hätte für immer den Männern entsagt), erschließt sich mir leider überhaupt nicht.

    Insgesamt ist „Fischers Frau“ jedoch ein Roman, der das Erzählen, das mündliche Überliefern, das Handwerk zelebriert, ein schönes Buch, in dem man sich verlieren kann und der einem schöne Lesestunden zu schenken vermag.

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  1. Eher ein Flickenteppich...

    Klappentext:
    „Südliche Ostsee, 1928: Ein dreijähriges Fangverbot macht die Fischer arbeitslos – statt hinaus aufs Meer zu fahren, setzen sie sich an Webstühle und knüpfen Teppiche, die die Welt der See zeigen – oder der Welt die See, wie man es nimmt. Ein österreichischer Tapisserist lehrt sie die Knoten, auf die es ankommt: Senneh und Smyrna. Die "Perser von der Ostsee" entwickeln sich europaweit zum Verkaufsschlager. Fast einhundert Jahre später wird der zurückgezogen lebenden Kuratorin Mia Sund ein sehr seltsames Exemplar auf den Tisch gelegt: In seinem Flor irrlichtern Hunderte von Grüntönen, segeln Koggen unter mysteriösen Flaggen, tanzen kleine Wellen in den Augen der Fische und eine ornamentale Borte entpuppt sich als vieldeutige Chiffre. Zum ersten Mal nach zwölf Jahren beantragt Mia eine Dienstreise und macht sich quer durch Europa auf die Suche nach der Knüpferin und ihrer Botschaft, die die alte Erzählung vom Fischer und seiner Frau auf den Kopf stellt.“

    Karin Kalisa ist mir bereits durch ihr Buch „Bergsalz“ bekannt. Richtig zufrieden war ich mit der Lektüre damals nicht und ich versuchte nun einen zweiten Start mit ihrem neusten Werk „Fischers Frau“. In ihrer Geschichte rund um die Fischerteppiche verknotet sie sich in meinen Augen in zu vielen Phrasen und Nebensächlichkeiten. Der Faden beginnt sich immer weiter mal aufzudröseln und manches mal dreht es ihn wieder zusammen - mühsam war es dieses Buch zu lesen. Als Kind der DDR sind mir diese Teppiche bekannt und ich hoffte auf eine interessante Geschichte. Der springende Punkt ist: geschichtliche Parts sind sehr gut in der Geschichte benannt aber die Story an sich rund um Mia ist fad und nichtssagenden. Viele Parts verlaufen im Nirgendwo und man sucht nach der Antwort, nach dem Aha-Effekt. Gefunden habe ich sie nicht - leider! Ausdruck und Wortwahl machen es dem Leser nicht leicht dem roten Faden zu folgen. Viele Sätze sind ausdruckslos und ohne jeglichen Zusammenhang. Eine Romanze wird dann noch mit angeknüpft und schiebt das Buch in die immer-nervende Schublade des Liebes-Kitsch`. Muss doch nicht sein!
    Mein Fazit: Die Geschichte verläuft mit ihren vielen Fäden im Nichts aber nicht zu einem gesamten Teppich heran. Man sucht nach Antworten auf die aufkommenden Fragen, erhält aber eher nur Flickwerk, fast wie von Motten zerfressen. Hier und da kann man etwas auf dem Teppich erkennen aber ein feiner Pommerscher Fischerteppich kam mir nicht vor das Leserauge - 2 von 5 Sterne. Die Geschichte hat so viel Potential aber leider wurde das im Wollknäuel der Autorin verknotet.

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  1. Geschichte(n) knüpfen

    „Es war und es war nicht“

    Mia Sund ist Faserarchäologin und Kuratorin in einem Greifswalder Museum. Eines Tages landet ein Teppich auf ihrem Schreibtisch, den sie auf seine Echtheit überprüfen soll. Mia macht sich auf eine Spurensuche und findet in Zagreb Hinweise auf Nina, die Herstellerin des Teppichs.

    „Nicht, dass es eine Fälschung ist“

    Es ist dieser Satz aus dem Mund von Mias Vorgesetzten, der Mia zunächst mit ihrer eigenen Familiengeschichte konfrontiert und sie veranlasst, die Entstehungsgeschichte eines Teppichs, einer Lebens- und Liebesgeschichte zu rekonstruieren.

    „Bin ich das denn, Fischers Frau?“

    Es geht in diesem Buch sehr stark um das Erzählen, dem Verschwimmen von Erlebten und Erfundenen. Es geht um Herkunft, Wünschen und dem sich genug sein.

    Fischers Frau ist ein sprachlich ausgefeilter Roman von Karin Kalisa. Die Leichtigkeit eines Sungs Ladens habe ich bei diesem Buch nicht gefunden. Dafür ist es ein kunstvoll gewebter Stoff. Die „Perser der Ostsee“ wurden die Fischerteppiche genannt wurden, deren Herstellung eine Zeitlang aus der Not geboren waren, weil der Fischbestand knapp war. Neben den historisch belegbaren Fakten knüpft Karin Kalisa einen eigenen kunstvollen Text, lässt Nina, die „kleine Fischerin“ wie eine Prinzessin aus orientalischen Nächten erzählen und gibt ihrer Protagonistin Mia Sund den Mut, ihr Leben neu auszurichten. Eine kleine Geschichte in der Zusammenschau der großen europäischen Geschichte des letzten Jahrhunderts.

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  1. Echt, oder Fälschung?

    Mit dieser Frage muss sich die Kuratorin Mia Sund beschäftigen, als ihr ein Teppich von außergewöhnlicher Farbe und Symbolik auf den Tisch kommt. Sie ist Faserarchäologin und als solche erkennt sie die Alterung der Fäden und die Ungleichmäßigkeit der Handarbeit. Das Stück ist den Fischerteppichen der Ostsee zuzurechnen. Sie entstanden Ende der 1920er Jahre aus der Not eines dreijährigen Fischfangverbots heraus. Die Fischerfamilien konnten sich mit dem Knüpfen der Unikate über Wasser halten.
    Allerdings sind das Grün und Blau des Teppichs sehr ungewöhnlich und als Mia dann auch noch einen umlaufenden Schriftzug im Rand entdeckt, ist ihre Neugier größer als die Angst, aus ihrem selbstgewählten Mittelstandleben herauszutreten. Sie macht sich auf die Reise nach Zagreb, von wo dieser Teppich unaufgefordert gen Greifswald geschickt wurde. Dort trifft sie auf eine, in Auflösung befindliche, Teppichreparaturwerkstatt und auf Milan, der sie bei der Recherche unterstützt.

    Bald schon merkt Mia, dass sie nichts mehr an ihren alten Arbeitsplatz zurückzieht. Stattdessen schreibt sie die Geschichte des Teppichs und seiner Knüpferin nieder und beginnt ein neues Leben.

    Mit diesem Bruch im Roman, vom fach- und sprachspiellastigen Krimi einer Protagonistin mit belasteter Vergangenheit in Greifswald zum, mit umgedrehten Vorzeichen versehenen, Märchen des Fischers und seiner Frau (Meine Frau die Ilsebill, will nicht so, wie gern will...), verlässt die Autorin auch den Rahmen einer geradlinigen Erzählung. Vielmehr präsentiert sie uns ein Kaleidoskop der jüngsten europäischen Geschichte, mit all seinen Hoffnungen, Schrecken und Aufbrüchen und knüpft sie, bishin zur Neuen Seidenstraße, deren Endpunkte sich über ganz Europa verteilen, zu einem fiktiven Teppich, der mit seiner Außergewöhnlichkeit beeindruckt.

    Es ist der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz, der vielleicht irritiert, mich aber angenehm überrascht hat. Die Fadenenden des Geküpften sind es, die das Licht brechen und die schillernde Vielfalt der Vergangenheit in seiner ganzen Dimonsion zeigen. Karin Kalisa bezeichnet die Vergangenheit als Brausepulver und die Gegenwart als Glas Wasser, was sie mit diesem Roman eindrucksvoll bewiesen hat. Der Fischerteppich war genau der richtige Aufhänger dafür.

    Eine liebevoll gestaltete Europakarte im Vorsatz erleichtert das Hinterherreisen der Protagonisten mit dem Finger.

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  1. 2
    20. Jun 2022 

    Prätentiöses Flickwerk

    Fischerteppiche? Niemand, den ich kenne, hat je von ihnen gehört, und jeder, der von ihnen hört, googelt sie und ist sofort geflasht. Mir ging es nicht anders. Insofern hat Kalisa es mit ihrem neuen Roman goldrichtig gemacht. Und rund um das Thema der Teppichknüpferei funktioniert der Roman auch ganz wunderbar. Die Fakten sind bestens recherchiert, die Internationalität und Verwobenheit dieser Welt wird einem vor Augen gestellt. Und so schön, optisch wie haptisch, Kalisa den außergewöhnlichen Fischerteppich beschreibt, der auf dem Schreibtisch ihrer Protagonistin Mia Sund landet, würde man ihn sich am liebsten an die Wand hängen und im Vorbeigehen jedes Mal streicheln. Auch die Vorstellung zweier verflochtener Frauenleben gefiel mir gut. Die Fakten nutzen, um entlang dieses Gerippes ein vergangenes Leben zu rekonstruieren, meinetwegen auch erfinden, und mit einem gegenwärtigen zu verbinden, dadurch Resonanz erzeugen – tolle Sache.

    Nur tut Kalisa das nicht. Etwa in der Mitte schneidet sie den Roman in zwei Teile, die notdürftig mit dünnem Faden zusammengehalten werden. Ab diesem Punkt spielen Fakten und Recherche keine Rolle mehr. Kalisas Protagonistin will eigentlich einen Forschungsbericht verfassen; stattdessen beginnt sie völlig unmotiviert, die Geschichte der historischen Frauenfigur als sehr ausführliches Märchen zu fantasieren. Zum Buchtitel passt das, schießt aber über´s Ziel hinaus. Das Ende soll alles zusammenführen, was aber nicht gelingt: Ich habe noch NIE eine schlechtere letzte Seite gelesen.

    Kalisas Sprache will literarisch sein und bemüht geschraubte Schachtelsätze, die Mühe haben, den Inhalt rüberzubringen. Auch mit ihren Versuchen, Aphorismen zu schaffen, kam ich nicht zurecht, zum Beispiel: „Nur wenn man irgendwo auch mal stehen bleibt, kann es weitergehen. Sonst geht man einfach.“ Aha. Oder „Nicht Papier ist geduldig, dachte sie, die Zeit selbst ist es.“ Diese Art von Pseudotiefsinn finde ich schwer aushaltbar. Dazu immer wieder Wortspiele wie „…eine bestimmte Schönheit oder eine schöne Bestimmtheit…“ Sowas ist für mich nur Wortgeklingel; ich hatte den Eindruck, Kalisa könne keinem Wortspiel widerstehen, ob es Sinn macht oder nicht. Das Hauptthema des Romans scheint Echtheit und Fälschung zu sein. Die Autorin philosophiert über deren Wesen in langen Sätzen, aus denen ich keine Erkenntnis gewonnen habe.

    Auch die Figurenzeichnung gefiel mir nicht. Sämtlichen Romanfiguren mangelt es an physischer Präsenz und Tiefe. Eine Nebenfigur, die mir aufgrund ihrer Unkonventionalität anfangs gut gefallen hat, entpuppt sich als bloße Stichwortgeberin. Die Probleme der mit traumatischen Erlebnissen belasteten Hauptfigur Mia, die im ersten Drittel des Romans auf sehr verrätselte Weise viel Raum einnehmen, lösen sich im letzten Drittel quasi in Luft auf. Die Liebesromanze, die ab der Hälfte das Hauptthema des Romans und zur Erlösung der Hauptfigur wird, bleibt für mich körperlos, wird bis zur Blutlosigkeit idealisiert. Warum muss „die Liebe“ immer noch die ultimative Rettung weiblicher Figuren sein?

    Fazit: Ihren thematischen Glücksgriff hat Kalisa verspielt. Das Ergebnis ist ein prätentiöser, sprachlich ärgerlicher Roman, aus Versatzstücken zusammengeflickt, der für mich kein stimmiges Ganzes ergeben hat.

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  1. Spurensuche

    Auf Mia Sunds Schreibtisch landet eines Tages ein in auffälligen Grüntönen geknüpfter Teppich, der Ähnlichkeit mit Fischerteppichen von der Ostsee aufweist, sich bei genauere Betrachtung aber durch viele besondere Details von anderen bekannten Exemplaren abhebt. Als Kuratorin und Faserarchäologin soll Mia die Echtheit des Teppichs prüfen. „Nicht, dass es eine Fälschung ist“ (S. 9) - mit diesem Satz aus dem Mund ihres Vorgesetzten wird Mia schlagartig von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Verunsichert, aber auch mit großer Faszination und Hartnäckigkeit beginnt die zurückgezogen lebende Kuratorin mit Nachforschungen. 1928 wurde den Fischern in der südlichen Ostsee ein dreijähriges Fangverbot auferlegt. Ein Österreicher unterwies die arbeitslosen Fischer und ihre Frauen in die Kunst der Teppichherstellung. Bereits nach kurzer Zeit avancierten diese Fischerteppiche, die heute auch als „Perser der Ostsee“ bezeichnet werden, zu begehrten Kulturgütern und sicherten den Lebensunterhalt der Familien. Dies, die Motivik, die Färbe- und Knüpftechniken sind historisch belegt, alles weitere webt die Autorin auf unterschiedlichen Ebenen um diese Fakten herum. Wir begleiten Mia auf ihrer mühsamen Spurensuche bis nach Zagreb in eine alte Werkstatt für Teppichknüpferei und -reparatur. Ausgehend von neuen Fundstücken und Hinweisen rekonstruiert sie die Geschichte der „Kleinen Fischerin“, die eine Meisterin im Erzählen war und die Entstehungsgeschichte des Teppichs. Als Mia versucht, die Spuren zu einem Gesamtbild zusammenzufügen, drängt sich ihr eine mögliche Geschichte auf. Dabei treten durchaus auch Parallelen im Leben von Mia und der „Kleinen Fischerin“ zutage.

    Karin Kalisas Roman ist zugleich Märchen und Sachbuch, eine Reise in die europäische Vergangenheit und Gegenwart, eine leise Liebesgeschichte, der Versuch einer Vergangenheitsbewältigung und eine Suche nach dem Glück. Jenseits von Labeln und Echtheitszertifikaten geht es immer wieder auch um die Frage, was ein Original, was eine Fälschung ausmacht. Manchmal findet sich das Wahre im Falschen und umgekehrt - das gilt nicht nur für Gegenstände, sondern auch für das Leben.
    Fischers Frau liest sich zuweilen sperrig; der Erzählstil ist nüchtern und distanziert. Es ist ein leiser Roman, der vor allem durch die gut recherchierten Fakten zur Materialkunde, der Motivik und den gesamten historischen Hintergrund punktet. Mir hat auch die Rolle gefallen, die das Erzählen von Geschichten, in diesem Roman einnimmt. „Es war und es war nicht“ (S. 250).
    Diese Formel, mit der spanische Märchenerzähler ihre Geschichten eröffnen, ist auch für Karin Kalisa in ihrem Roman „Fischers Frau“ essentiell, wenn sie historisch Belegtes mit Fiktivem vermischt. Als Leserin hatte ich ein distanziertes Verhältnis zur Handlung und den Protagonist:innen. Im Gegensatz dazu sehe ich den besonderen Fischerteppich aufgrund der sehr detaillierten Beschreibung vor meinem inneren Auge in leuchtenden Farben. Zu gerne würde ich ihn wie Mia aus den unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten, mich in die Nuancen vertiefen und über die Wolle streichen.
    Insgesamt hat mir der Roman gut gefallen - auch, weil ich selbst einige Jahre in einem Museum gearbeitet habe und weiß, wie schwierig, aber auch faszinierend es sein kann, die Geschichten hinter den Objekten herauszufinden.

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Das Buch der Begegnungen

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Buch der Begegnungen' von Ottmar Ette
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Inhaltsangabe zu "Das Buch der Begegnungen"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:416
EAN:9783717524441
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Vermeer: Das Gesamtwerk

Buchseite und Rezensionen zu 'Vermeer: Das Gesamtwerk' von Arthur K. Wheelock
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Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:232
Verlag: Belser
EAN:9783763025602
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