Jahre aus Seide

Buchseite und Rezensionen zu 'Jahre aus Seide' von Ulrike Renk
3.25
3.3 von 5 (4 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Jahre aus Seide"

Träume aus Seide in Zeiten des Aufruhrs.
1932: Ruth hat eine unbeschwerte Jugend. Die meiste Zeit verbringt sie in der Villa des benachbarten Seidenhändlers Merländer. Sie ist fasziniert von den kunstvoll bedruckten Stoffen, lernt Schnittmuster zu entwerfen und Taschen und Zierrat zu fertigen. Hier begegnet sie auch Hans, ihrer ersten großen Liebe. Als die Nazis an die Macht kommen, scheint es für sie beide keine Zukunft zu geben, denn Ruth ist Jüdin. Über Nacht muss sie aus ihrer Heimatstadt fliehen, und lässt ihre Eltern und alles, was ihr wichtig ist, zurück. Und dann kommt der Tag, an dem das Schicksal ihrer Familie in Ruths Händen liegt.

Eine dramatische Familiengeschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht.

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:576
EAN:9783746634418
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Rezensionen zu "Jahre aus Seide"

  1. Ein Buch voller ungehaltener Versprechen...

    Die Autorin konnte mich vor einigen Jahren mit ihrer Australien- Saga so sehr begeistern, dass ich jetzt unbedingt mal wieder ein Buch von ihr lesen wollte. Leider wird nicht ein Versprechen des Klappentextes gehalten.

    In der Geschichte geht es um die Jüdin Ruth, die unbeschwert in Deutschland groß wird und ein erfülltes Leben genießt bis die Nazis an die Macht kommen. Was wird sich in ihrem Leben alles ändern? Und was wird aus der Liebe zu Kurt, dessen Eltern unbedingt auswandern wollen, wenn es hart auf hart kommt?

    Selten fiel es mir schwer in ein Buch hineinzufinden wie hier. Dies liegt vor allem daran, weil eigentlich während des ganzen Buches nicht wirklich viel passiert. Interessante Passagen wie etwa Ruth ihren Kurt kennenlernt, werden auf einer halben Seite abgerissen, während Feiertage ausführlichst beschrieben werden, aber eben nicht wirklich die Bräuche, sondern was es jeweils für Festessen gibt.

    Zudem ist der Roman, der auf wahren Begebenheiten beruht, gänzlich anders als beim Inhalt beschrieben. Ewig geht es erstmal um Ruths Mutter Martha und wie gut es doch der Familie geht. Man erlebt Ruth bereits als Kleinkind, was ich ehrlich gesagt als unnötig empfand.

    Des Weiteren gelang es der Autorin nicht mir einen der Charatere schmackhaft zu machen, da keine Figur wirklich aus dem Leben gegriffen erscheint.

    Die Hauptfigur Ruth kann bereits in jungen Jahren Dinge, die ich mir einfach nicht vorstellen kann und als unglaubwürdig empfunden habe. Natürlich können Kinder besondere Begabungen haben, aber nicht in der Ausprägung, da gerade bei der Schneiderei ja auch handwerkliches Geschick gefragt ist, was aber gewisse motorische Ausprägungen erfordert, die Kinder in jungen Jahren schlichtweg noch nicht haben.

    Auch Ruths Mutter konnte mich leider nur sehr selten berühren, da ich überhaupt keinen Zugang zu ihr gefunden habe. Klar hat es mir gut gefallen, dass sie eine gute Mutter sein wollte, aber alle Pflichten, die damit einhergehen, gibt sie an das Hauspersonal ab. Zudem empfand ich ihr Leben doch als sehr langweilig, wenn sie ausschließlich Gesellschaften gibt, aber sonst nichts weiter kann.

    Karl war für mich ein Charakter, der einfach zu gut für die Welt ist. Auch wenn das im wahren Leben so abgelaufen sein soll, empfand ich seine enorme Gutmütigkeit, mit der er seine Familie teilweise sogar in Gefahr bringt, als anstrengend und belastend. Beim Lesen fragte ich mich schon, was denn der Messias Karl als nächstes für gute Taten vollbringen wird?

    Außerdem wurde immer wieder betont, dass die Familie sehr reich sei und nahezu mit matierellen Dingen geprahlt. Auch als es schon zahlreichen Familien schlecht geht, soll sich Ruth Skier kaufen und ihr Leben genießen. Wo bleibt da das Feingefühl den anderen Mädchen gegenüber?

    Die Geschichte erschien mir leider an vielen Stellen an den Haaren herbeigezogen. Nie gibt es wirkliche Höhen und Tiefen in der Handlung. Wenn mal etwas Schlimmes passiert, ist wenige Zeilen später die Lösung da. Daher fiel es mir auch unendlich schwer konstant zu lesen, weil ich immer wieder hoffte, das nun endlich etwas mit Wums passiert und dann kommt dies wieder nicht.

    Man merkt schon, dass durchaus recherchiert worden ist, aber die Einstreuung von politischen Ereignissen wirkt einfach zu gestelzt und gewollt. Auch führen die jüdischen Mädchen wie Anne Frank Tagebuch, was auch so sehr betont worden ist, dabei haben Mädchen in dem Alter wohl schon immer das Bedürfnis gehabt Tagebuch zu führen, egal welcher Ethnie oder Glaubensrichtung sie angehören.

    Ehrlich gesagt bin ich jetzt sogar erleichtert, dass das Buch zu Ende ist. Die Fortsetzungen dazu werde ich gewiss nicht lesen.

    Fazit: Für Leser, die sehr seichte Kost mögen, die zudem sprachlich nicht anspruchsvoll ist, werden sicherlich einen Mehrwert in diesem Buch entdecken. Ich kann hier jedenfalls keine Leseempfehlung aussprechen.

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  1. 3
    31. Dez 2018 

    Jahre aus Seide

    Beruhend auf einer wahren Geschichte erzählt Ulrike Renk das Leben der jüdischen Familie Meyer in den 30er Jahren in Krefeld. Familie Meyer lebte zur damaligen Zeit in Krefeld in privilegierteren Verhältnissen. Karl Meyer ist als Vertreter für Schuhe erfolgreich in ganz Deutschland unterwegs. Martha Meyer ist zu Hause und kann sich ganz der Betreuung der Kinder Ruth und Ilse widmen. Unterstützung erhält sie dabei vom Kindermädchen Leni und auch von der Haushaltshilfe Frau Jansen. Der Familie geht es für damalige Verhältnisse ausgesprochen gut, sie haben keine Not. Und doch verändert sich das Leben in Krefeld. Die Repressalien gegen Juden nehmen zu und machen auch vor der Familie Meyer nicht halt. Anfänglich wollen sie diese nicht wahrhaben und hoffen immer noch auf eine Besserung der Situation, aber im Gegenteil, es wird immer schwieriger für alle. Änderungen im persönlichen Umfeld der Meyers nehmen zu. Viele Freunde und Verwandte versuchen ins Ausland zu kommen, nach Palästina oder in die USA. Die Frage ist nur, ob es auch den Meyers gelingen wird?

    Mit viel Liebe erzählt die Autorin hier aus dem Leben dieser jüdischen Familie. Aufgrund der geschichtlichen Ereignisse wissen wir alle bereits beim Lesen was passieren wird. Das macht das Leben auf der einen Seite so spannend. Wie geht die Familie mit den Einschränkungen in ihrem Leben um? Wie reagieren sie auf die Veränderungen? Auf der anderen Seite ist es aber so, dass die Veränderungen und Einschränkungen gerade in dieser Familie erst sehr spät zum Tragen kommen. Ich hatte wahrscheinlich eine andere Vorstellung und habe mir das Leben der Familie sehr viel tragischer vorgestellt.

    Toll fand ich die Charakterisierung der übrigen Familienmitglieder und ihren Umgang miteinander. Ganz großartig war Karl Meyer, der für seine Schwiegermutter immer die passende schlagfertige Antwort parat hatte.

    Unbedingt empfehle ich auch das Nachwort zu lesen. Hier schreibt Ulrike Renk, wie es eigentlich dazu kam dieses Buch und auch die nachfolgenden Bücher zu schreiben.

    Auch wenn ich mir einiges im Buch anders vorgestellt hätte, empfehle ich dieses Buch sehr gerne. Von mir gibt es dafür 3,5 Lesesterne.

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  1. Eine historische Figur in einem teilweise fiktiven Roman verwebt

    Kurz zum Inhalt:
    Die jüdische Familie Meyer lebt in Krefeld, wo sie in der Nähe des reichen Seidenhändlers Merländer ein Haus baut. Vater Karl hat aufgrund einer Sehschwäche einen katholischen Chauffeur, der ihn im ganzen Land herumführt, wo er Schuhkollektionen verkauft. Der Familie geht es finanziell sehr gut.
    Ruth freundet sich mit Rosi, der Tochter von Merländers Chauffeur an, und verbringt viel Zeit in der Villa Merländer. Dort kommt sie auch zum ersten Mal mit teuren Stoffen und Seide in Kontakt und ist sofort begeistert. Ihre Oma bringt ihr das Nähen bei und wie man Schnittmuster entwirft.
    Ruth hat eine behütete Kindheit, und in ihrer Jugend verliebt sie sich in Kurt.
    Doch die Nationalsozialisten erlangen immer mehr Macht, und die Juden werden in ihrem Leben immer mehr eingeschränkt.
    Viele jüdische Familien planen auszuwandern, ebenso die Familie von Kurt, doch Karl ist lange Zeit dagegen und hofft, dass die furchtbare Zeit bald vorbei ist...

    Meine Meinung:
    "Jahre aus Seide" ist der erste Teil der Trilogie um die jüdische Familie Meyer vor und im Zweiten Weltkrieg, im Vordergrund steht die Tochter Ruth. Dieser erste Teil handelt von Ruths Kindheit in den 1920er und 1930er Jahren vor dem Weltkrieg.
    Der Schreibstil ist ruhig und authentisch. Leider suggeriert der Klappentext einen etwas anderen Inhalt, nichts desto trotz war ich von dem Buch begeistert! Es wird die Familiengeschichte der Meyers erzählt, nach einer wahren Begebenheit. Dadurch, dass man als Leser weiß, welches politische Ereignis passieren wird, sieht man alles natürlich durch andere Augen.
    Auch wenn jetzt nicht ein spannendes Ereignis dem anderen folgt - es ist eine Familiensaga, und wer Tempo und Spannung will, möge einen Krimi oder Thriller lesen.
    Vor allem die Familie Aretz, allen voran Hans Aretz, Karls Chauffeur, hat das Herz am rechten Fleckt und die Meyers sehen die Aretz' nicht nur als Angestellte, sondern als Freunde, mit denen sie auch oft in Urlaub gefahren sind.
    Die ersten zwei Drittel 'plätschern so vor sich hin', um es mal salopp zu sagen, und das letzte Drittel nimmt dann an Fahrt auf, denn die Zustände für die Juden werden immer schlimmer.
    Das Buch endet leider mit einem fiesen Cliffhänger, bei dem man als Leser unbedingt sofort den nächsten Band zur Hand nehmen will um zu erfahren, wie es mit der Familie Meyer weitergeht!
    Das Cover suggeriert sofort einen historischen Roman, und auch die Cover der anderen beiden Bände lassen die Zusammengehörigkeit dieser Trilogie erkennen.

    Fazit:
    Emotionale und dramatische Familiensaga nach einer wahren Begebenheit, die mich sehr gut unterhalten hat. Ich bin schon sehr neugierig auf die anderen beiden Bände!

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  1. Familienschicksal

    Ulrike Renks Familiensagas basieren häufig auf einer wahren Begebenheit. Das macht ihre Romane meist besonders intensiv. In ihrem neuen Buch „Jahre aus Seide“ ist es das Schicksal der jüdischen Krefelder Familie Meyer. Karl und Magda Meyer und ihre beiden Töchter Ruth und Ilse leben ein harmonisches Familienleben. Nach den schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg geht es wirtschaftlich aufwärts. Man baut ein neues Haus in bester Krefelder Lage und die Zukunft verspricht wirklich Jahre aus Seide. Doch am Horizont ziehen bereits dunkle Wolken auf.

    Sehr intensiv beschreibt die Autorin wie der Alltag der Familie immer häufiger durch das Erstarken der neuen Partei eingeschränkt wird. Erst nur durch gehässige Bemerkungen und Einschränkungen im kulturellen Leben, aber immer schneller dreht sich die Spirale der Gewalt. Die Meyers die sich als assimilierte Juden in erster Linie als Deutsche fühlen, die Synagoge höchstens zu den Feiertagen besuchen und auch keine koschere Küche pflegt, hoffen – wie viele andere auch – das dieser Spuk bald vorüber ist. Aber auch sie können die Augen nicht länger verschließen und denken über eine Auswanderung nach.

    Dieser Teil der Geschichte hat mich sehr berührt, es ist oft das Alltagsleben ganz gewöhnlicher Leute, die die Gräuel der Nazis besonders deutlich machen. Deshalb hat mich das Buch auch erst in der letzten Hälfte richtig angesprochen.

    Der erste Teil beschreibt sehr ausführlich und oft auch mit vielen netten, aber letztlich nichtssagenden Details das Leben einer erfolgreichen Familie. Dem harmonischen Familienleben wird viel Platz eingeräumt. Da wird ein Idyll geschildert, mit einer liebevollen Umwelt und Eltern. Das Hauptaugenmerk in diesem Buch, das als Beginn einer Trilogie angekündigt ist, liegt auf der älteren Tochter Ruth. Ein Mädchen, das oft allzu altklug dargestellt wird. Schon als 4-5 Jährige spricht sie druckreif und reflektiert. Selbst wenn ich berücksichtige, dass Ruth meist nur Erwachsenen Umgang hat, wirkt das aufgesetzt und unecht. Wir lesen von ihrer Kinderzeit, den Freundschaften mit den Nachbarskindern, von den ersten Schuljahren und später den Jahren auf dem Lyzeum, von den ersten schwärmerischen Verliebtheiten.

    Da „Jahre aus Seide“ der erste Band ist, werden natürlich viele Personen und Handlungsstränge eingeführt, deren weitere Entwicklung offen bleibt und die wahrscheinlich erst wieder in der Fortsetzung aufgegriffen werden. Das ist zwar verständlich, hat mich aber trotzdem gestört.

    Gestört haben mich auch die vielen Druckfehler im Buch. Es gab eine Namensverwechslung und Sätze, die durch seltsame Satzstellung oder Wortverwechslungen sinnlos scheinen. Ich finde, das darf einem aufmerksamen Lektorat in einem renommierten Verlag nicht passieren.

    Ich lese die Bücher der Autorin ausgesprochen gern und die Australien- und die Ostpreußensaga habe ich verschlungen. Deshalb bin ich enttäuscht, dass mich die Geschichte einfach nicht zu fesseln vermochte.

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Indian Cowboy: Ungebrochen

Buchseite und Rezensionen zu 'Indian Cowboy: Ungebrochen' von Brita Rose Billert
NAN
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Inhaltsangabe zu "Indian Cowboy: Ungebrochen"

Format:Taschenbuch
Seiten:316
EAN:9783740781224
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Die drei Hochzeiten von Manolita: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die drei Hochzeiten von Manolita: Roman' von Almudena Grandes
NAN
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Inhaltsangabe zu "Die drei Hochzeiten von Manolita: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:672
EAN:9783446274013
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Santo Fiore

Buchseite und Rezensionen zu 'Santo Fiore' von Antonia Riepp
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Santo Fiore"

Format:Broschiert
Seiten:496
Verlag: Piper
EAN:9783492062039
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Rezensionen zu "Santo Fiore"

  1. Eine tolle Reihe!

    Klappentext:

    „Da ihre Gärtnerei im Allgäu kaum Gewinn abwirft, wagt Simona den Neuanfang bei ihrer Familie in den italienischen Marken. In Belmonte will die junge Landschaftsgärtnerin einen verwilderten Klostergarten wiederaufleben lassen und ihr Herzklopfen für Gutshofbesitzer Adriano ergründen. Doch dann erfährt sie von der Mailänderin Carla, die ein Zimmer bei ihm bezogen hat ...

    Für Carla gleicht der Besuch des Gutshofs ihrer Kindheit einer Reise in die Vergangenheit: Jeder Winkel des herrschaftlichen Gebäudes ist ihr vertraut, und Erinnerungen an ihre Mutter werden lebendig. Aber in der Vergangenheit lauert Dunkles. Und die Gerüchteküche im Dorf brodelt: Was führt die Tochter eines Mörders zurück nach Belmonte?“

    Autorin Antonia Riepp lässt ihre „Reihe“ rund um Italien, genauer „Belmonte“ und „Villa Fortuna“, mit diesem Band wieder etwas wachsen. Die Geschichte ist in sich abgeschlossen und man muss nicht unbedingt die beiden Vorgänger gelesen haben um hier etwas zu verstehen. Riepp hat hier wieder ein besonderes Händchen bewiesen, denn indirekt erliest sich der Leser auch hier wieder etwas aus den Vorgänger-Büchern. Ihre Protagonistin Simona darf nämlich ebenfalls in Belmonte einen Neuanfang ihres Lebens starten genau wie Carla. Carla ist die zweite Protagonistin in diesem Buch und beide Damen haben einen Neuanfang gewagt, müssen sich erstmal Respekt im Dorf verschaffen und ja, es wird über sie getuschelt. Was wollen die beiden ausgerechnet hier in Belmonte? Sie denken nun hier geht es um den Dorf-Klatsch? Weit gefehlt. Riepp spannt wieder gekonnt verschiedene Spannungsbögen, erzählt wieder beide Geschichten mal getrennt, mal zusammen und hält auch mit Emotionen nicht zurück. Als Leser der beiden Vorgänger-Bände ergibt sich auch hier wieder das Spiegelbild: die Damen suchen sich selbst und wollen sich finden. Jede trägt ein Geheimnis mit sich umher und diese gilt es zu lösen. Neugier bleibt hier beim Leser automatisch immer auf Standby - da kann man gar nicht anders. Riepp schafft immer wieder interessante Situationen und lässt den Kitsch und die Klischees Gott sei Dank meist draußen. Die Zeitensprünge sind Riepp wieder gelungen und als Leser erfährt man so gekonnt wie sich das Puzzle immer weiter zusammen setzt. Zum Schluss gibt es dann ein fertiges Bild.

    Mein Fazit: wieder einmal eine wirklich tolle und lesenswerte Geschichte von Antonia Riepp, die einfach weiß wie Italien tickt! 5 von 5 Sterne hierfür!

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Ein Alman feiert selten allein: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Ein Alman feiert selten allein: Roman' von Aylin Atmaca
NAN
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Inhaltsangabe zu "Ein Alman feiert selten allein: Roman"

Autor:
Format:Broschiert
Seiten:192
EAN:9783365000724
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Lügen über meine Mutter

Buchseite und Rezensionen zu 'Lügen über meine Mutter' von Daniela Dröscher
3.65
3.7 von 5 (11 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Lügen über meine Mutter"

Format:Audio CD
Seiten:0
Verlag: Argon Verlag
EAN:9783839820568
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Rezensionen zu "Lügen über meine Mutter"

  1. Das Buch macht mich so wütend.

    Zum Einen bringt es Erinnerungen zurück: Ich war ein dickes Kind, später ein dünner Teenager, dann eine normalgewichtige Frau, dann fettleibig, inzwischen nur noch ‘normal’ übergewichtig, so dass ich in ‘normalen’ Läden einkaufen kann. Zu meinen frühsten Erinnerungen gehört es, Menschen flüstern zu hören über meinen »fetten Arsch, und das in dem Alter«. Fast mein ganzes Leben habe ich mit meinem Gewicht gekämpft, habe verschiedene Diäten ausprobiert, Weight Watchers, Intermittent Fasting etc. Wäre doch ganz einfach, wurde mir gesagt, FDH, friss die Hälfte. Jedes Pfund geht durch den Mund. Viele Menschen haben es sicher nur gut gemeint, aber ich habe meinen Selbstwert immer in Verbindung mit meinem Gewicht gesehen, untrennbar verbunden. Wofür wurde ich vielleicht am häufigsten gelobt? Für Gewichtsverlust. Gut siehst du aus, wie viel hast du abgenommen?

    Daniela Dröscher schreibt über Themen, die in den letzten Jahren viel diskutiert wurden: Body Shaming. Übergewicht und die damit verbundene gesellschaftliche Ächtung. Übergewicht und die seelischen Ursachen. Und das ist nicht nur topaktuell, sondern auch wichtig. Es geht hier um nicht weniger als das Recht eines Menschen, über den eigenen Körper zu bestimmen – ohne von allen Seiten dafür beurteilt, verurteilt zu werden.

    Alles, ALLES ist in diesem Roman die Schuld der Mutter. Immer. Der Vater lässt keine Gelegenheit aus, seine Frustrationen auf sie zu projizieren, seine tief verwurzelten versteckten Minderwertigkeitsgefühle. Genauer sagt: Alles, was schiefgeht in seinem Leben, ist Schuld ihres Gewichts. Ja. Er wird nicht befördert, weil sie dick ist, das macht Sinn. In seinem Kopf. Ich habe beim Lesen oft geradezu geschäumt. Die Mutter arbeitet sich kaputt, aber wer dick ist, muss ja auch faul sein. Die Mutter hat gravierende gesundheitliche Probleme, unerträgliche Schmerzen, aber das muss ja wohl an ihrer Fettleibigkeit liegen. Ihr Mann kauft sich mal eben so ein teures Auto, aber SIE gibt zu viel Geld aus.

    Das ist Psychoterror vom Feinsten – du kannst als Leser:in nur erahnen, dass dahinter eine tiefverwurzelte Angst des Vaters steckt, im Klassenkampf nicht gewinnen zu können. Die Autorin zeigt ihn nicht als Monster, sondern als verwundeten Menschen.

    Immer wieder klingt an: In dieser Familie sind im Grunde alle unglücklich, die Kommunikation ist gewaltsam, die Anforderungen ungerecht. Der Vater, der gefangen ist in einem beschämten Klassendenken, seinem Sehnen nach sozialem Aufstieg, reicht sein Unglück weiter an die Mutter. Die reicht es weiter an die Tochter, indem sie dem kleinen Mädchen aus purer Überforderung zu viel aufhalst. Und die hat schon in sehr jungen Jahren das gestörte Verhältnis zum eigenen Körper verinnerlicht.

    Die Mutter ist eine starke, kluge, warmherzige Frau, aber ich wünschte, sie hätte sich im Verlauf der Geschichte stärker emanzipiert, hätte die durchaus vorhandenen Chancen, aus einer toxischen Ehe auszubrechen, genutzt. Es ist eine Leidensgeschichte, eine Opfergeschichte, die Mutter wird über lange Passagen auch literarisch schon wieder ein Stück weit auf ihr Gewicht reduziert – aber das Buch ist ja autofiktional, und so sind die Dinge nun mal gelaufen. Schwierig, das zu vermeiden in diesem Spagat zwischen persönlicher Familiengeschichte und Literatur. Und es ist leicht, als Leser:in zu sagen: Also, spätestens dann hätte ich mir ja meine Kinder gepackt und wäre gegangen. Aber so einfach ist das nicht, war es in den 80ern noch weniger.

    Mir gefiel “Lügen über meine Mutter”, das auf jeden Fall. Es ist intelligent geschrieben, durchleuchtet die familiären und gesellschaftlichen Strukturen mit wachem Blick und einer Prise Humor. Das löste ein wahres Gedankenkarussel in mir aus – was will man mehr von einem Roman.

    Aber. Aber einen kleinen Kritikpunkt habe ich dann doch.

    Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr hätte ich mir eine Straffung des Romans gewünscht. Vieles wiederholt sich auf den 448 Seiten, ohne dass sich dadurch neue Perspektiven eröffnen würden; das Buch prangert den Status Quo an, ohne den Käfig der Autofiktion meines Empfindens je wirklich aufzubrechen.

    Anderseits. Anderseits unterstreicht das, wie rettungslos gefangen sich die Mutter fühlt, weil die Gesellschaft ihr sagt: Das ist deine eigene Schuld. Reiß dich am Riemen. Diese Ehe wird funktionieren, wenn du funktionierst. Als Mutter, als Ehefrau, als Prestigeobjekt. Du musst zurechtkommen mit den Kindern, dem Haushalt, dem Pflegen der dementen Mutter. Und zwar alleine. Da schrammt das Buch oft haarscharf an einer Glorifizierung ihrer Leidensfähigkeit vorbei.

    Fazit:

    Daniela Dröscher schreibt über ihre Kindheit in den 80ern. Die Plattentektonik ihrer Famile wird scheinbar bestimmt vom Übergewicht der Mutter; die Eltern bewegen sich aufeinander zu, voneinander weg, bis es mal wieder zum Erdbeben kommt: Du bist schuld, sagt der Vater. Wegen dir, weil du nicht vorzeigbar bist, werde ich nicht befördert, nicht anerkannt. Mein Gott, hast du etwa schon wieder zugenommen? Du bist faul. Du hast keinen Elan. Du hast keine Selbstkontrolle.

    Dass die Mutter sich halb zu Tode arbeitet, sieht er gar nicht. Zu gefangen ist er in seinen eigenen Minderwertigkeitsgefühlen, zu sehr steht und fällt sein Selbstwert mit seinem gesellschaftlichen Status, den er wiederum untrennbar mit dem Gewicht der Mutter verbindet. Absurd, lachhaft, tragisch. Tragisch für alle Beteiligten. Du ahnst: Wäre es nicht das Gewicht, denn würde der Vater ein anderes Totschlagkriterium finden, um das eigene Scheitern auf die Mutter abzuwälzen.

    Der Roman bediente bei mir alle emotionalen Tasten, aber es war vor allem die Wut, die immer wieder aufschäumte ob dieser Ungerechtigkeit, ob dieser Übergriffigkeit. Und damit hat das Buch meines Erachtens schon viel erreicht. Es führt dir glasklar vor Augen, warum der Wert eines Menschen nicht davon bestimmt werden darf, wie gut oder schlecht sich sein Körper ins vorherrschende Schönheitsideal fügt, warum das auch Teil des patriarschalichen Instrumentariums ist.

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  1. 3
    24. Sep 2022 

    Willkommen im Patriarchat...

    Daniela Dröscher erzählt vom Aufwachsen in einer Familie, in der ein Thema alles beherrscht: das Körpergewicht der Mutter. Ist diese schöne, eigenwillige, unberechenbare Frau zu dick? Muss sie dringend abnehmen? Ja, das muss sie. Entscheidet ihr Ehemann. Und die Mutter ist dem ausgesetzt, Tag für Tag. »Lügen über meine Mutter« ist zweierlei zugleich: die Erzählung einer Kindheit im Hunsrück der 1980er, die immer stärker beherrscht wird von der fixen Idee des Vaters, das Übergewicht seiner Frau wäre verantwortlich für alles, was ihm versagt bleibt: die Beförderung, der soziale Aufstieg, die Anerkennung in der Dorfgemeinschaft. Und es ist eine Befragung des Geschehens aus der heutigen Perspektive: Was ist damals wirklich passiert? Was wurde verheimlicht, worüber wurde gelogen? Und was sagt uns das alles über den größeren Zusammenhang: die Gesellschaft, die ständig auf uns einwirkt, ob wir wollen oder nicht? (Klappentext)

    Vier Jahre lang (1993-1987) begleitet der/die Hörer:in die zu Beginn sechsjährige Ela in ihrem Familienleben - denn dass es sich bei der Ich-Erzählerin um das kindliche Alter Ego der Autorin handeln dürfte, daran kann wohl kein Zweifel bestehen. Vater-Mutter-Kind, eine klassische Familie also, Ort des Geschehens ist ein kleines Dorf im Hunsrück.

    Doch von Familienidyll kann keine Rede sein. Die Mutter hat sich von Anfang an in alles fügen müssen. Nach der Hochzeit musste sie in das Haus der Schwiegereltern ziehen, und v.a. die Schwiegermutter macht keinen Hehl aus ihrer Abneigung. Die Mutter (beide Etlern bleiben namenlos) erhält nur dann die Unterstützung ihrer Schwiegermutter, wenn sie sich wie erwünscht verhält und keine eigenmächtigen Entscheidungen trifft. Eine Zwickmühle, aus der die Mutter häufig als Verliererin herausgeht. Durch ihren Ehemann erfährt sie allerdings auch keine Unterstützung, denn als daheimgebliebener Prinz der Schwiegermutter stellt er deren Verhalten kein bisschen in Frage.

    Doch immerhin hat die Mutter einen Beruf, dem sie gerne nachgeht, und dort ist sie auch anerkannt. Sie verdient sogar mehr als ihr Mann, was diesem sichtlich ein Dorn im Auge ist. Eine weitere Schwangerschaft macht allerdings alle Zukunftspläne der Mutter zunichte, und schlussendlich ist sie vollkommen an Haus und Familie gebunden. Der Vater dagegen nimmt sich ganz selbstverständlich alle Freiheiten heraus. Er bestimmt, welches Auto gekauft wird, er legt fest, wer mit in den Urlaub fährt und wer nicht (die Mutter nicht, weil sie zu dick geworden ist), er ist aktiv im Vereinsleben und angedeutet möglicherweise auch in Liebschaften. Und die Mutter erduldet.

    Dass die Mutter dabei eigentlich eine starke Frau ist, erkennt Ela in verschiedenen Situationen. So setzt sie beispielsweise ein Fremdsprachenstudium durch, weil sie sich weiterbilden will - und trotzt dabei sämtlichen Widerständen von Seiten ihres Mannes und der Schwiegermutter. Auch lässt sie es sich nicht nehmen, sich um das Nachbarskind zu kümmern, das zwischenzeitlich sogar bei ihnen wohnt - auch das gegen heftige Widerstände. Und doch lässt sie sich im Alltag viel vorschreiben und sich demütigen.

    Das Gewicht. Ein Thema, das sich durch den gesamten Roman zieht und an Dimension gewinnt, je dicker die Mutter wird. Appelle, Befehle, gehässige Bemerkungen vor den Ohren des Kindes, Drangsalierungen wie das Sich-Wiegen vor den Augen des Mannes - nichts lässt der Vater aus. Er macht das Gewicht seiner Frau für seinen eigenen beruflichen Nicht-Erfolg verantwortlich - er kann sich mit ihr auf keiner Weihnachtsfeier sehen lassen, einfach nur peinlich. Selbst offenbar mit großen Minderwertigkeitskomplexen und dem zwanghaften Bestreben bloß nicht aufzufallen behaftet, zeigt er zu Hause keinerlei Hemmungen. Da markiert er gerne den starken Mann. Willkommen im Patriarchat...

    Was die Erzählung geschafft hat: sie hat mich empört und bedrückt. Zudem kamen Erinnerungen an die eigenen Kindheit hoch, und manche der Szenen konnte ich mir so mehr als bildhaft vorstellen. Eine doppelte Empörung also. Und auch wenn ich älter bin als die Autorin - ich glaube ungesehen, dass es diese Familienstrukturen in einem kleinen spießbürgerlichen Dorf im Hunsrück auch in den 80er Jahren noch gab. Was also ist mein Problem mit dem Roman? Das sind kurz gefasst zweierlei Aspekte.

    Das eine sind die in den Text eingeschobenen essayistischen Erklärungen der Autorin aus Erwachsenensicht, um dem Verhalten ihrer Eltern mögliche Erklärungsansätze zu unterlegen. Diese wirkten auf mich allerdings zum einen oft platt und eher übergestülpt, gerade im Hinblick auf den Vater zum anderen aber auch zuweilen fast wie eine Entschuldigung. Und das habe ich nur schlecht ertragen.

    Und so sehr ich mich über das Verhalten des Vaters empören konnte, so fassungslos war ich zunehmend auch über das Verhalten der Mutter. Da gibt es keine Weiterentwicklung, sie verharrt in dem Familiensystem und lässt alles über sich ergehen, auch wenn sie sichtlich leidet. Und das Kind (später die Kinder) genau zwischen den Stühlen, oftmals instrumentalisiert von einer der beiden Parteien. Gerade dass die Mutter nicht ausbricht aus dem System, vor allem nachdem sie eine größere Erbschaft gemacht hat, die in erster Linie ihr Mann dann selbstherrlich verprasst, kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Selbst als erzkatholische gebürtige Schlesierin (im Dorf: die Polin) waren die 80er Jahre doch wohl modern genug um sagen zu können: es reicht. Zumal die Mutter dem Dorfleben nie wirklich etwas abgewinnen konnte.

    Durch das Verharren im Familiensystem machte es mir die Mutter dann etwa ab der Hälfte des Romans auch schwer, mich weiterhin zu empören und betroffen zu sein. Da wäre ich gerne empahtischer gewesen, aber die stetige Wiederholung ähnlich gelagerter Szenen hat seinerzeit sicher das Trauma der Kindheit von Daniela Dröscher vertieft, ermüdete mich beim Hören aber leider zunehmend. Als autobiografischer Ansatz kann das kaum verurteilt werden, denn wenn die Kindheit der Autorin so war, war sie eben so. Aber ich persönlich hatte mir hier eben einen stärkeren feministisch-emanzipatorischeren Ansatz erhofft. Vor allem, weil der Klappentext verspricht: "Vor allem aber ist dies ein tragik-komisches Buch über eine starke Frau, die nicht aufhört, für die Selbstbestimmung über ihr Leben zu kämpfen." Da kann ich nur sagen: Njeinaja.

    Das Buch mit der "literarischen Mikrosoziologie aus der Kinderperspektive" ist nun nicht nur auf der Longlist des diesjährigen Buchpreises gelandet, sondern steht sogar auch auf der Shortlist. Es sei Daniela Dröscher gegönnt, allerdings ist der Schreibstil nicht hochliterarisch, sondern sehr leichtgängig zu lesen. Es muss also am Thema liegen oder an der außergewöhnlichen Perspektive? Wer weiß...

    11 Stunden und 40 Minuten dauert die ungekürzte Hörbuchfassung, angenehm gelesen von Sandra Voss.

    EIn Buch der Empörung, das vom autobiografischen Anteil her sicherlich Sinn ergibt, das aber in meinen Augen eine klare Botschaft vermissen lässt.

    © Parden

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  1. Sichtbarkeit in einer auf Unsichtbarkeit angelegten Welt

    Das Dorf Obach im Hunsrück der 1980er-Jahre: Ländlich und familiär, so erscheinen die persönlichen Verhältnisse der Grundschülerin Ela auf den ersten Blick. Doch hinter den Mauern des elterlichen Hauses herrscht Psychoterror. Ihre Mutter ist zu dick. Das behauptet zumindest ihr Vater - und lässt keine Gelegenheit aus, um seine Frau wegen ihres Gewichts zu beleidigen, zu erpressen und auf andere Weise zu beschämen.

    „Lügen über meine Mutter“ ist ein Roman von Daniela Dröscher.

    Meine Meinung:
    In vier Teile ist der Roman aufgebaut, die jeweils ein Jahr umfassen und in verschiedene Kapitel untergliedert sind. Die Haupthandlung spielt in den Jahren 1983 bis 1986. Darüber hinaus gibt es zwischen einzelnen Kapiteln Einschübe aus der Gegenwart, die die erzählten Episoden aus erwachsener Sicht einordnen und analysieren.

    Der Schreibstil ist insgesamt unauffällig und unspektakulär. Die dialektalen Einstreuungen und phrasenhaften Formulierungen im Vergangenheitsstrang passen jedoch gut zur Geschichte. Erzählt wird in der Ich-Perspektive aus der Sicht von Ela.

    Die Charaktere habe ich als vielschichtig und menschlich empfunden. Der Autorin gelingt es sehr gut, Widersprüchlichkeiten und Schwächen herauszuarbeiten, sodass ihre Figuren ambivalent und mit vielen Grautönen daherkommen, obwohl die Sympathien dennoch klar verteilt sind.

    Auch inhaltlich ist der Roman durchaus facettenreich. Zwar steht das Bodyshaming beziehungsweise Fatshaming im Vordergrund. Die Geschichte zeigt auf, wie das Gewicht der Mutter ständig im Fokus der Kritik steht und welche psychischen Folgen erzwungene Diäten und verbale Attacken auf Dauer haben. Außerdem hat der Roman einen feministischen Ansatz. Er beleuchtet patriarchale Strukturen und deren Konsequenzen wie finanzielle Abhängigkeiten. Zudem werden weitere Aspekte wie Rassismus, Krankheit und einiges mehr thematisiert, was die Geschichte ein wenig überfrachtet. Nach eigenen Angaben der Autorin ist der Roman autobiografisch motiviert. Deshalb ist es schwierig, die Authentizität zu bewerten und den Wahrheitsgehalt abzuschätzen.

    Trotz der mehr als 400 Seiten und mehrerer inhaltlicher Wiederholungen habe ich den Roman lediglich an sehr wenigen Stellen als langatmig empfunden. Nur das zwar überraschende, aber etwas märchenhafte Ende hat mich nicht ganz überzeugt. Auch nach den letzten Kapiteln bleiben ein paar Fragen bewusst offen.

    Der Titel ist mehrdeutiger als gedacht und lässt auch nach dem Ende der Lektüre Raum für eigene Interpretationen. Das abstrakte Cover sagt mir dagegen weniger zu, zumal ich die Farbwahl thematisch unpassend finde.

    Mein Fazit:
    Preisverdächtig ist der für den Deutschen Buchpreis nominierte Roman „Lügen über meine Mutter“ von Daniela Dröscher für mich zwar nicht. Dennoch konnte mich die autobiografisch inspirierte Geschichte gut unterhalten.

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  1. 3
    18. Sep 2022 

    ein Empörungsbuch

    Nähme man den Titel des Romans „Lügen über meine Mutter“ für bare Münze, müssten sich bei Daniela Dröscher, Autorin dieses Buches, die Balken biegen, was sie aber nicht tun. Denn tatsächlich lässt sich kaum bewerten, was in diesem Buch wahr oder gelogen ist.
    Daniela Dröscher erzählt von ihrer Kindheit und den Personen, die ihr in dieser Zeit wichtig waren, vorausgesetzt, dass dieser Roman autobiografisch ist. Der Verdacht liegt aber nahe. Denn Ich-erzählende Protagonistin dieses Romans ist Ela (Daniela?). In ihren Kindheitserinnerungen beschränkt sie sich auf die 80er Jahre. Zu Beginn des Romans, 1983, ist Ela 7 Jahre alt, lebt mit ihren Eltern in Obach, einem Dorf im Hunsrück, zusammen mit Elas Großeltern väterlicherseits. In Obach regiert das Spießbürgertum. Die Zeit scheint in den 50er/60er Jahren stehengeblieben zu sein.
    Und wie sich das für das gute deutsche Spießbürgertum gehört, ist man misstrauisch gegenüber allem Neuen und Modernen, fast schon feindselig gegenüber allem Fremden.
    In diese „Idylle" gerät Elas Mutter – also diejenige, über die Lügen erzählt wird -, als sie nach der Heirat mit ihrem Mann, einem gebürtigen Obacher, aus der Großstadt hierhinzieht. In der Familienrangordnung bekleidet sie den letzten Platz. Die Schwiegermutter, ganz Obacherin, macht keinen Hehl aus ihrer Abneigung gegen die Schwiegertochter.
    Die Ehe von Elas Eltern ist eigentlich keine. Man wundert sich, wieso die beiden geheiratet haben, denn der Alltag ist ein ständiger Kampf zwischen den Eheleuten. Einer der Reibungspunkte, wenn nicht der Reibungspunkt, ist das Körpergewicht von Elas Mutter. Für den Ehemann ist sie zu dick, was er ihr auch in jeder sich bietenden Situation vorhält. Und man wundert sich, was Übergewicht alles verursachen kann - abgesehen von allgemein bekannten körperlichen Schäden und Erkrankungen. Ein Beispiel: die dicke Ehefrau trägt die Schuld an den beruflichen Misserfolgen des Ehemannes, da sie im Kreis der Arbeitskollegen und Vorgesetzten nicht vorzeigbar ist.
    Dies ist nur ein Beispiel von vielen, auf die man nur mit Kopfschütteln reagieren kann.
    Auf dieser Idiotie baut nun der Roman zu großen Teilen auf und definiert die Rolle von Elas Mutter in diesem Buch: Sie ist das leidende Opfer. Wir erleben eine Frau, die die Schuld an allem trägt, die permanentem Psychoterror ausgesetzt ist, ihre Familie aber nicht verlässt - vielleicht der Kinder wegen? (Ela bekommt noch eine Schwester.)
    Im permanenten Konflikt der Eltern sitzt Tochter Ela zwischen den Stühlen und wird von den streitenden Parteien für die jeweils eigene Sache instrumentalisiert.
    Dieser Roman schildert zwar das Familienleben in den 80er Jahren, ist aber erst Jahre später entstanden, wodurch sich eine zusätzliche Erzählebene ergibt.
    Ela ist mittlerweile erwachsen und schreibt diesen Roman mit dem Einverständnis ihrer Mutter und unter Wahrung der Privatsphäre der Familie, weswegen Elas Eltern nicht namentlich genannt werden.
    Die einzelnen Kapitel, welche die Geschichte aus der Sicht des Kindes Ela erzählen, werden von gedanklichen Einschüben einer erwachsenen Ela (Daniela Dröscher?) unterbrochen, die im Rückblick ihre Kinderjahre analysiert und versucht, die Handlungsweisen ihrer Eltern im Nachhinein zu verstehen.
    „Lügen über meine Mütter" ist ein Empörungsbuch. Und genau das ist mein Problem mit diesem Roman. Denn hier wird Empörung mit Spannung gleichgesetzt. Von Beginn an wird man mit den Zumutungen, Anfeindungen und Beleidigungen gegen Elas Mutter konfrontiert. Man kann nicht anders als sich zu empören. Doch irgendwann erreicht einen die seelische Tortur der Mutter nicht mehr. Denn dieses Übermaß ließ mich abstumpfen, zumal auch die von Daniela Dröscher dargestellten Handlungen und Reaktionen der Mutter zu Lasten der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte gehen.
    Warum hat nun Daniela Dröscher „Lügen über meine (ihre) Mütter" erzählt? Wobei es bei dieser Frage nicht um den Wahrheitsgehalt ihrer Geschichte geht, sondern um Frau Dröschers Motiv für einen derartigen Roman.
    Wenn es ihr darum ging, Literatur als Therapie zu nutzen, mag ihr das gelungen sein. Die Reaktionen der Leserschaft sollten sie dabei wenig interessieren, denn schließlich geht es um ihr persönliches Seelenheil.
    Wenn sie ein feministisches Motiv hatte und am Beispiel von Elas Mutter ein Frauenbild der 80er Jahre zeichnen wollte, ist ihr das leider nur im Ansatz gelungen. Denn leider sind zu viele Ungereimtheiten und offene Fragen in diesem Buch, die mich an dem, von Daniela Dröscher dargestellten Frauenbild zweifeln lassen.
    Irgendwo in diesem Buch bekennt sich Daniela Dröscher zu dem Motiv der Verarbeitung ihrer seelischen Probleme, die aus ihrer Kindheit resultieren. Ich will ihr das glauben. Natürlich ist es schwierig, einen autobiografisch gefärbten Roman zu kritisieren, stellt man doch dadurch den Autor und seine Vergangenheit auf den Prüfstand. Ich schätze aber, dass es nicht viel negative Kritik zu „Lügen über meine Mutter“ geben wird. Denn immerhin hat dieser Roman es in diesem Jahr bereits auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft. Mich konnte dieses Buch aber leider nicht für sich einnehmen.

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  1. Abarbeiten an der eigenen Kindheit

    Der Roman scheint starke autobiografische Züge zu haben. Die heute erwachsene Ich-Erzählerin Ela (geb. 1977) reflektiert ihre Kindheit in den 1980er Jahren. Ihr besonderer Fokus liegt auf der Beziehung ihrer Eltern. Ihre übergewichtige Mutter wird ständig vom Vater diesbezüglich gegängelt: Sie soll schuld sein, dass ihm beruflicher Aufstieg verwehrt bleibt und er keine soziale Anerkennung genießt. Er muss sich schämen, weil sie keine ansehnliche Figur abgibt. Die Konflikte um das Körpergewicht durchziehen die gesamte Kindheit Elas, die zwischen beiden Elternteilen steht und zwangsläufig von den Vorwürfen des Vaters beeinflusst wird.

    In vier Abschnitten werden die Jahre 1983 bis 1986 nacheinander behandelt. Beim Lesen fühlt man sich eigentlich in die 1960er Jahre zurückversetzt, so altmodisch wirkt das Umfeld. Die Familie lebt in einem kleinen Ort im Hunsrück im Haus der Großeltern väterlicherseits. Nicht nur der Vater bevormundet, auch die Schwiegermutter lässt aus unterschiedlichen Gründen kein gutes Haar an der Schwiegertochter, die ihr nichts rechtmachen kann. „Drei Dinge, sagt meine Mutter, hat sie bei ihrer Heirat unterschätzt: die Schwerkraft des Dorfes, die Bedürfnisse ihres Prinzen, den Neid der Schwiegermutter.“ (S. 28) Elas Mutter wird also heillos unterdrückt. Vieles wirkt dabei völlig unglaublich und überzogen. Sie muss sich um Haus und Kind kümmern, ist aber auch als Sekretärin in einer Lederfabrik berufstätig. Ihr Gehalt wird für den Familienunterhalt benötigt, ihre Leistung aber ständig marginalisiert. Doch Elas Mutter hat Biss: Sie resigniert nicht, sondern bildet sich weiter, lernt eine weitere Fremdsprache und verbessert ihre beruflichen Aussichten – denen leider eine erneute Schwangerschaft in die Quere kommt. Die Flügel werden gestutzt, die Mutter wird erneut auf Heim und Herd zurückgeworfen. Dieser frustrierende Ablauf wiederholt sich.

    Wir begleiten die Familie durch vier Jahre, in denen viel passiert und was sich wirklich flüssig lesen lässt. Die aus kindlicher Perspektive beobachteten Szenen lassen die Wut auf das Patriarchat brodeln. Die Beleidigungen, denen sich Elas Mutter ausgesetzt sieht, gehen unter die Haut und man staunt, wie die Frau das aushält. Immer wieder erkämpft sie sich eine Chance, sucht nach Lösungen, nach Weiterentwicklung und wird doch nur wieder zurückgeworfen, weil Gatte und Schwiegermutter ihr jegliche Hilfe versagen. Dieses Umfeld ist lieblos und entwürdigend. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass der Leibesumfang durch Frustessen und Trotz genährt wurde, richtig geklärt wird das nicht. Das Thema Gewicht nimmt großen Raum in der Familie ein. Ständig kommen Diätvorschläge, Sport- und Ernährungstipps sowie Kurangebote. Die Mutter leistet, wenn überhaupt, nur stillen Widerstand. Sie duldet. Man möchte sie schütteln. Man kann nicht nachvollziehen, dass eine solch vielseitig begabte Powerfrau nicht in der Lage sein soll, ihre persönlichen Rechte einzufordern und sich gegen den komplexbehafteten Gatten durchzusetzen.

    Die kindliche Sicht gibt freilich keine Antworten auf das Warum. Ela beobachtet nur. Daher hat sich die Schriftstellerin den Kunstgriff erlaubt, die einzelnen Kapitel um Reflexionen, Hintergründe, Gespräche mit der Mutter oder allgemeine essayistisch gehaltene Erklärungen zu ergänzen. Diese Einschübe habe ich anfangs als Bereicherung empfunden, weil sie den Blick um die erwachsene Perspektive erweitern. Nach und nach erhalten diese Ergänzungen aber weit hergeholte, belehrende Nuancen, wenn z.B. über patriotische Beschützerinstinkte, slawische Untermenschen, Parentifizierung, Protestmännlichkeit oder Care-Revolution schwadroniert wird.
    Der Roman als solcher liest sich leicht. Die Sprache ist wenig anspruchsvoll. Es werden zahlreiche Redewendungen und Bezüge auf Filme, Musik, Sportidole oder gesellschaftliche Trends der 1980er Jahre im Text untergebracht. Dieses Zeitkolorit erzeugt Wiedererkennungseffekte, wirkt jedoch teilweise auch gewollt. Während ich die erste Hälfte des Romans fast atemlos mit großem inneren Aufruhr gelesen habe, nutzt sich das erlittene Unrecht und die Opferbereitschaft der Mutter in meinen Augen zunehmend ab. Es wird immer wieder dasselbe Muster vorgeführt: der Vater bestimmt uneingeschränkt, was getan wird. Er diskriminiert latent auf Basis ihres Übergewichts seine Frau, während die Mutter die Opferrolle annimmt und die sich ihr bietenden Gelegenheiten auf ein selbstbestimmtes Leben ausschlägt. Das mag so gewesen sein, wirkt aber vor dem zeitlichen Hintergrund nicht besonders glaubwürdig. Eine Scheidung wäre in den 1980ern keine furchtbare Stigmatisierung mehr gewesen. Elas Mutter hätte die Freiheit gehabt zu gehen, spätestens als eine Erbschaft ihr finanzielle Freiheit ermöglichte.

    Es fällt nicht leicht, diesen Roman eindeutig zu bewerten. Wäre er reine Fiktion, würde ich mich an der strengen Typisierung der Figuren stören, an der Übertreibung, an der Wiederholung derselben Rollenmuster. Doch die Autorin lässt keinen Zweifel daran, dass sich die geschilderten Episoden genau so zugetragen haben sollen. Sie mag eine kindlich unzuverlässige Erzählerin sein, hat die Geschichte aber zumindest mit ihrer Mutter abgeglichen. Die Beweggründe des Vaters bleiben leider weitgehend im Dunklen und basieren auf Vermutungen.

    Autobiografische Romane liegen im Trend. Das feministische Ansinnen hier ist klar erkennbar und wird um das Thema „Bodyshaming“ erweitert. Ich halte dem Roman seine wichtige, leider immer noch zeitlose Grundthematik zu Gute. Dieser Ort im Hunsrück wirkt seltsam aus der Zeit gefallen, die Handlung wirkt deshalb nicht durchgehend authentisch. Ich reibe mich an der Duldungsbereitschaft dieser Mutter. Welches Vorbild für partnerschaftliches Zusammenleben hat sie ihren beiden Töchtern mitgegeben?

    Daniela Dröscher scheint mit dem Schreiben dieses Buches ihre Ziele erreicht zu haben. Sie wollte Klarheit über ihre Kindheit und die „Lügen über ihre Mutter“ erhalten. Darüber hinaus hat sie die Nominierung auf die Longlist des DBP 2022 errungen. Ich empfehle diesen Roman nur eingeschränkt. Man sollte nicht alles hinterfragen wollen, sondern das Autobiografische als gegeben hinnehmen. Dann ist der Genuss wahrscheinlich größer.

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  1. Lügen nichts als Lügen

    In diesem Buch erzählt und verarbeitet die Autorin Daniela Dröscher ihre Kindheit und durchleuchtet dabei vorrangig die Sicht auf ihre Mutter.

    Ela wächst in den Achtzigerjahren in einem kleinen Dörfchen in der Pfalz auf. Schon früh bemerkt das Mädchen, dass der Vater sehr auf das Aussehen der Mutter bedacht ist. Ihr Gewicht scheint er mit seinem Erfolg gleichzusetzen. Er möchte sich bei der Weihnachtsfeier für sie nicht schämen müssen, hat Angst aus solchen Gründen selbst in einem schlechten Licht dazustehen, ja sogar weniger Chancen auf die heiß ersehnte Beförderung zu haben. Groß ist so natürlich der Druck auf die Mutter, die zu Beginn der Erzählung sogar nur leichtes Übergewicht zu haben scheint.
    Natürlich macht es auch etwas mit der achtjährigen Ela, wenn sie erlebt wie die Mutter dem Vater nie etwas recht machen kann.
    Ansonsten wirkte die Mutter, die genau wie der Vater übrigens namenlos bleibt, recht durchsetzungsfähig auf mich. Sie stemmt den gesamten Haushalt, kümmert sich um das Nachbarskind, um das man sich dort nur wenig kümmert. Für Ela definitiv ein Gewinn, da sie kaum Freunde im Dorf hat. Die Eltern, vor allem der Vater, werden als was besseres angesehen, was es nicht leicht macht für ein Kind. In einem Dorf setzen die Menschen was das angeht noch andere Prioritäten., an wird schon wegen solcher Kleinigkeiten ausgegrenzt.

    Das Gewicht der Mutter steigt, ebenso wie der Unmut des Vaters, viele Geschichten bringen dies zum Ausdruck. Als dann ein Erbe einen großen Geldsegen bringt, driftet einiges ins unglaubhafte ab.

    Ich habe den Roman sehr gerne gelesen, aber eben mit dieser Einschränkung. Ob wirklich alles genauso stattgefunden hat, wissen wir nicht, wir können uns dahingehend ja nur auf die kindlichen Eindrücke stützen. Fest steht aber, dass die Autorin anschaulich schildert was solche Vorwürfe auslösen. Hätte der Vater nicht immer und an allem etwas herumzumäkeln gehabt, hätte er vielleicht die Frau mit dem Gewicht bekommen, dass er sich vorgestellt hat. So setzte er sie einem enormen Druck aus, der großen Frust mit sich brachte. Lügen waren vorprogrammiert. Oder noch besser, seine Frau so nehmen wie sie ist! Doch dazu war er mit sich selbst zu unzufrieden, er hätte so seinen Frust nicht mehr weitergeben können.
    Für Ela tut es mir sehr leid. Ihre Mutter hätte ausbrechen können, wenn sie gewollt hätte, aber das sagt sich so leicht, wenn man nicht in der Haut des anderen steckt.
    Ich bin gespannt wo die Reise bezüglich des Buchpreises hingeht. Mir hat das Buch zwar gut gefallen, als Gewinner sehe ich es aber nicht.

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  1. Opferrolle Mutter.

    Kurzmeinung: Wird kontrovers diskutiert.

    Daniela Dröscher arbeitet in diesem Roman das Bild auf, dass sie aus kindlicher Sicht auf ihre Mutter hatte, die mit Gewichtsproblemen kämpfte, aber vor allem, eine unglückliche Ehe führte, denn der Vater lässt keine Gelegenheit aus, seine Frau zu demütigen, öffentlich fällt er ihr in den Rücken und privat ist er einfach ein unsensibler Kerl, der nicht weiß, wie man Partnerschaft buchstabiert.

    Der Kommentar:
    Über die Figurenzeichnung in diesem Roman kann man trefflich streiten. Wer sagt, sie seien platt und schablonenhaft, hat durchaus recht und wer sagt, sie seien konkret und fassbar hat ebenfalls recht, aber leider nur deshalb, weil fast jeder ein Bild von real existierenden, den Schablonen entsprechenden Personen vor Augen hat. Das ist die Schwäche und die Stärke dieses Romans. Er spielt mit Rollen, die wir alle kennen.

    Auf der Bühne stehen der dämonisierte Vater, empathielos, unsensibel, überheblich und voller Minderwertigkeitskomplexe, ihm gegenüber die Mutter, tatkräftig, aber geduckt, unterdrückt und jedes Mal mit Liebesentzug bestraft, wenn sie aufmuckt, eine fatalistische Figur, voller Demut und Hingabe.

    Die Thematik der Abwertung der weiblichen Figur und der Forderung ihrer Optimierung ist es wert, literarisch verarbeitet zu werden. Dicksein ist in unserer Gesellschaft verpönt und wird mit Missachtung der Person und mit Herabsetzung derselben bestraft. Aber passiert dies in Dröschers Roman?

    Nein. Nicht wirklich. Der Roman bleibt privat. Familie unter sich. Was der Leser in dem Roman „Lügen über meine Mutter“ bekommt, ist insofern eine reine Familienerzählung aus kindlicher Perspektive, die nicht ins Allgemeine führt und natürlicherweise keine präzisen Innenansichten anbieteten kann.

    Die erzählende Sicht eines achtjährigen Kindes eignet sich überdies nicht für tiefgreifende Reflexionen und ist naturgemäß eingeschränkt. Denn sind es wirklich die patriarchalischen Strukturen der 1980er, die der Ehefrau eine Partnerschaft auf Augenhöhe verweigern oder ist es nicht doch „nur“ der labile Charakter des aus dem Dorf kommenden Vaters, der in vollkommen unsinnigen Entscheidungen immer wieder durchschlägt und der seine beruflichen Niederlagen an seiner Frau abarbeitet. Und wenn ja, woher kommt es?

    Die Mutter ist taff, hübsch und tatkräftig, aber durch den geringschätzigen Blick des Ehemanns erstarrt wie die Maus vor der Schlange. Sie lässt sich von ihrem Würstchen von Ehemann alles verbieten, was Spaß macht. Diese umfassende Opferrolle der Mutter ist um so weniger glaubhaft als eine unerwartete Erbschaft ihr eigentlich alle finanziellen Möglichkeiten in die Hände spielt, ihrem emotionalen Gefängnis zu entkommen. Warum schafft sie es nicht?

    Vieles an dieser Erzählung wirkt unausgegoren. Die Autorin stellt der gewählten Kinderperspektive nach jedem Kapitel einen kurzen essayistischen Einschub gegenüber, nun aus nachgereichter Erwachsenensicht. Diese kurzen Blöcke wirken zuerst wie aufarbeitende Gespräche mit der Mutter. Zu Anfang sind sie persönlich und durchaus interessant, aber dann werden immer mehr platte feministische Parolen aufgefahren und eingearbeitet, die belehrend, langweilig und platt sind; keine davon ist neu.

    Fazit: Obwohl flott geschrieben, einen gewissen Lesesog kann man dem Roman nicht absprechen, allerdings mit ziemlich schlicht gehaltenem Stil versehen, von hochliterarisch kann keine Rede sein - bietet der Roman „Lügen über meine Mutter“ zwar ein gewisses Empörungspotential, - was lässt eine Frau alles mit sich machen – aber keine hinreichenden Erklärungen - warum lässt eine Frau alles mit sich machen.

    Die gesamtgesellschaftliche Einbindung betrachte ich als misslungen. Von mir gibt es daher leider keine Leseempfehlung für diesen Roman, der überraschenderweise auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gelangte.

    Kategorie: Gute Unterhaltung
    Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 2022
    Auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2022

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  1. Geisteraustreibung

    Was sich im Rückentext noch wie ein Dickenbashing der 80er Jahre ausnimmt, entpuppt sich über eine Zeitspanne von 4 Jahren, in denen Ela von ihren Kindheitserinnerungen berichtet, zunehmend zu einem Ehedrama in einem kleinen rheinland-pfälzischem Dorf.
    Der Vater quittiert jeden seiner beruflichen Misserfolge mit der Behauptung, seine korpulente Frau sei nicht vorzeigbar und also schuld daran, ja, man müsste sich für sie schämen. Elas Mutter kämpft Diät um Diät um jedes Kilo. Doch sie hat wenig Rückhalt. Die Familie wohnt im Haus der Schwiegereltern, aber die Missgunst über die angeheiratete Pollacksfrau ist mit jeder Bemerkung zu spüren. Auch ihre eigenen Eltern haben wenig Kontakt zu ihr, da sie "unter ihrem Stand" geheiratet hat.

    Warum diese lieblose Ehe zustande gekommen ist, kann man nur erahnen. Von Schwangerschaftsabbrüchen und geplatzen Träumen ist die Rede und der Vater sieht schließlich dem bewunderten Arzt sehr ähnlich. Aber auch der Vater ist einem Flirt nicht abgeneigt, hat er sich doch nach einem anstrengenden Arbeitstag das gesellschaftliche Dorfleben beim Tanzabend, oder Tennisturnier ohne seine Frau verdient.

    Die Situation eskaliert, als die Mutter ungewollt mit einem Geschwisterchen schwanger wird, ihre Karriere an den Nagel hängt, aus Missgunst und Neid verklagt wird und schließlich ihre Mutter pflegen muss. Für das vernachlässigte Nachbarskind in Elas Alter ist sie zusätzlich da. Da verstirbt ihr Vater und sie wird beerbt. Was nun folgt ist eine Musterstudie in Geldverprassen. Ein Eigenheim wird gebaut, Autos gekauft, Urlaub gemacht. Die Mutter sitzt zuhause und kümmert sich, wie sehr, wird erst klar, als sie sich endlich die Freiheit nimmt und verschwindet. Die Quittungen liegen verstreut im Arbeitszimmer.

    All diese Ereignisse sollen sich in 4 Jahren, von 1983 bis 1986, abgespielt haben. Sie sind aus Elas kindlicher Sicht geschildert und passen auch zur bundesrepublikanischen Geschichte, einschließlich Weight Watschers, Bum-Bum-Boris und Tschernobyl. Eingeleitet und auch immer wieder als Unterbrechung im Text, sind Passagen von Gesprächen die Daniela Dröscher mit ihrer Mutter geführt hat, psychologische Einschübe, Textfragmente der Autorin und schließlich Fragen der Autorin, die sie sich jetzt, nachdem sie sich alles von der Seele geschrieben hat, endlich stellen kann. Es ist eine Geisteraustreibung. Es ist der Versuch, sich aus dem Denkmuster der patriarchalen Gesellschaft der 80er Jahre zu befreien, die Ketten der Unterordnung, der freiwilligen Carearbeit, dem Auftrag die Familie vollständig aufrechtzuerhalten, Demütigungen zu ertragen und die eigenen Werte kleinzureden und vor allem, alles was man hat, bedingungslos zu opfern. Der Lohn wäre Anerkennung und Respekt,.... wenn es denn nicht noch all die alten Strukturen gäbe, die eine Frau mit nicht perfektem Aussehen zu Fall bringen könnten.

    Ich las das Buch unter falschen Voraussetzungen, erwartete ich in der Hauptsache den Kampf um ein Idealbild der Frau. Doch geht dieser Roman weit über die Körperlichkeit hinaus und schneidet tief in die psychologische Selbstbehauptung einer Frau. Weder Bildung noch Geld hilft der Mutter aus der Falle und die Trennung entpuppt sich dann auch nur als weiterer Kompromiss, um den Schein vor der Dorfgemeinschaft zu wahren.

    Mit Spannung verfolgte ich die Unverschämtheiten des Vaters, der alles in allem, als verkorkster Home-Macho rüberkam. Fassunglos las ich von den Reaktionen des Umfeldes, insbesondere den Schwiegereltern und der Nachbarin. Die Rückschläge der Mutter machten mich traurig.

    Dieser Roman bringt alles mit, um sich ordentlich empören zu können. Deshalb konnte ich über Übertreibungen und lehrmeisterliche Einschübe hinwegsehen und meinen Frieden schließen mit dem schriftlichen Versuch einer Geisteraustreibung. Ich denke, dass das Buch ein Anstoß sein kann, um die eigene Erlebniswelt der damaligen Zeit in einem anderen, oder auch nur helleren Licht zu betrachten.

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  1. 2
    04. Sep 2022 

    Das falsche Narrativ

    Die 80er Jahre bilden die Kulisse dieses Romans. Wer diese Zeit kennt, wird sich zurückversetzt fühlen: Dallas, Boris Becker, Tennis als neuer Volkssport, Aerobics, Sonnenstudio und Trennkost-Diäten. Die Erzählerin ist die 6jährige Ela, die uns die familiären Ereignisse der Jahre von 1983 und 1986 aus ihrer Sicht schildert. Nach jedem Kapitel gibt es ein bis zwei Seiten aus der Sicht der erwachsenen Erzählerin – die könnte die Autorin sein. Hier erklärt sie, stellt ihrer Mutter Fragen, wendet soziologische Theorien auf ihre Familie an und philosophiert auf ziemlich flache Art. Der Mehrwert für den Roman hält sich in Grenzen.

    Das Feuilleton liest den Roman als eine Geschichte über Klassismus. Aus meiner Sicht geht es hier keineswegs um das Unbehagen des Aufsteigers in der ungewohnten Höhe. Sondern um übelste patriarchalische Gewalt, um Übergriffigkeit, Ausbeutung, Besitzdenken und Bodyshaming – ein Begriff, den es zu der Zeit noch nicht gab. Zu Beginn des Romans musste ich mich mehrmals rückversichern, dass die Geschichte Anfang der 80er Jahre spielt – ich wurde das Gefühl nicht los, mich in den 50ern zu befinden. Der Roman schien mir wie aus der Zeit gefallen.

    Sprachlich fand ich ihn eher mittelmäßig, manche Satzkonstrukte wirken unbeholfen. Die Autorin verwendet in ihrer Erzählung viele Phrasen der damaligen Sprache, in Kursivschrift abgehoben, bei denen sich manche/r sicher heute noch ertappt. „Das Herz schlug bis zum Hals. Ihm platzte der Kragen. Sie biss die Zähne zusammen. Rank und schlank. Zur Entlastung der Autorin gibt es auch hierzu ein Erklärkapitel – mich hat diese Sprache dennoch gestört.

    Was mich sehr bald irritiert hat, ist das völlige Fehlen von Ambivalenz der Figuren und ein Overkill an Übergriffen seitens des Vaters. Ich erspare mir eine Aufzählung der väterlichen Hasstaten und psychischen Sadismen, die mich auf den ersten 100 Seiten schier fassungslos gemacht haben. Das Einzige, was er auslässt, ist physische Gewalt. Von der Mutter erfolgt nur sporadisch Gegenwehr, im Gegenteil: Stetes Bemühen um das Wohlwollen des Ehemanns. Ihre zweite Schwangerschaft macht alle beruflichen Träume zunichte. Und ich bin noch irritierter: Dass das Sexualleben darniederliegt, wenn ein Paar nicht harmoniert, ist eine Binsenweisheit, wie also zum Teufel…?! Und immer so weiter, es hört nicht auf - eine Schändlichkeit folgt der anderen. Wir erleben die totale Ausbeutung durch unbezahlte Arbeit. Ab etwa der Mitte des Romans hatte ich keine Energie mehr, mich zu empören. Was hat um Himmels willen die Jury dazu bewogen, dieses Buch auf die Longlist 2022 zu setzen?

    Selbst oder gerade wenn wir es hier mit Fiktion, nicht mit Fakten, zu tun haben, stellt sich mir die Frage nach dem Ziel der Autorin. Mir ist das alles zu klischeehaft. Der Vater das exemplarische männliche A...loch. Die Mutter das exemplarische weibliche Opfer, das aber auch wirklich alles erdulden muss, selbstverständlich schön (als sie noch schlank war) und ständig bestrebt, zu "retten, pflegen, heilen, versorgen". Eine Personifizierung des unerreichbaren deutschen Mutterideals, der Selbstverlust ist darin einkalkuliert. Eine weitere Idealisierung erfolgt am Ende durch die Enthüllung der ultimativen guten Tat schlechthin. Das war mir endgültig zu viel; ich habe mich nur noch an den Kopf gefasst.

    Wird das irgendwann relativiert? Mitnichten. Am Ende die Huldigung des Opfermutes. „Meine Mutter kann stolz auf sich sein. […] sie hat ihr großes Herz nie verloren.“ Für die Autorin ist ihre Mutter „the heroine of my life“. Das ist auf der persönlichen Ebene sicherlich rührend und nachvollziehbar.

    Nur: Was sollen die jungen Frauen von heute mit dieser Geschichte, diesem Fazit anfangen? Wir sind einen langen, steinigen Weg gekommen, ja, das müssen sie wissen, damit sie verstehen, was es zu verlieren gibt. Aber jetzt brauchen wir Narrative, die mit dem falschen Heldinnentum aufräumen. Nicht solche, die es im Nachgang noch feiern.

    Von mir leider keine Leseempfehlung.

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  1. Ein aufwühlender Roman

    Die Autorin Daniela Dröscher setzt sich in diesem Buch mit ihrer Kindheit und der Ehe ihrer Eltern auseinander. Sie wächst in den achtziger Jahren in einem kleinen rheinland-pfälzischen Dort auf. Seit eh und je ist die Figur der Mutter das große Thema für den Vater. Er macht ihr Übergewicht verantwortlich dafür, dass bei ihm nicht alles so läuft, wie er sich das vorgestellt hat. Er zwingt seine Frau zu immer neuen Diäten, was zur Folge hat, dass sie nach kurzfristiger Abnahme umso mehr zunimmt. Ela steht zwischen den Fronten, soll Stellung beziehen und versteht doch nicht wirklich, was vorgeht.
    Auch als Leser fühlt man sich in diesem Kampf hineingezogen, fühlt sich berührt und abgestoßen und weiß nicht so recht, wo das alles hinführt. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des achtjährigen Mädchens Ela. Zwischendurch gibt es Einschübe, in denen die inzwischen erwachsene Ela das Geschehen reflektiert und versucht zu verstehen.
    Die Charaktere sind gut und glaubhaft dargestellt, so dass man sich in Ela hineinversetzen kann. Bei der Mutter fiel mir das Einfühlen oft schwer, denn ich habe nicht verstanden, dass sie das alles ertragen hat. Erst zum Ende hin erkannte ich, wie stark sie eigentlich war. Der Vater ist ein Versager, der seine Schwächen und Komplexe überdecken will, indem er andere herabsetzt und kleinmacht.
    Dieser Roman ist authentisch, fesselnd und sehr erschütternd.

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  1. 5
    08. Aug 2022 

    Berührend und bedrückend

    Im Buch erzählt die Autorin von ihrer Mutter, welche den Großteil des Haushalts schmiss und währenddessen fettfeindlichen Aussagen und psychischen Missbrauch des Vaters ausgesetzt war.

    Das Buch ist gut aufgebaut. Die Vergangenheit wird aus der Perspektive der kindlichen Autorin erzählt und ist zwischendurch von kurzen Kapiteln unterbrochen, welche Kontext aus der Gegenwart der Autorin liefern. Dadurch können die Ereignisse der Vergangenheit noch einmal durch ebenjene, teilweise im Dialog mit ihrer Mutter, reflektiert werden.
    Der Inhalt spricht viele Probleme an, welche in der Familie vorhanden waren. Dabei vor allem die Fettfeindlichkeit des Vaters und der daraus resultierende psychische Missbrauch sowie die Auswirkungen auf das Kind, die Autorin.
    Die Probleme waren so lebensecht beschrieben, dass sie mir teilweise so nahe gegangen sind, als wären es meine eigenen.
    Das unfassbare Drängen des Vaters auf den Gewichtsverlust und seine Schuldzuweisungen haben an Wahn gegrenzt und es war manchmal schwer zu lesen. Es war tragisch zu sehen, wie die nicht endende Kritik am Körper der Mutter auch bei der Autorin für Scham und Ängste gesorgt hat.

    Das Buch ist sehr berührend und bedrückend. Es behandelt sehr wichtige Themen und stellt diese so dar, dass man sie tief nachempfinden kann. Ich kann dieses Buch wirklich nur jedem empfehlen.

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Die Schwestern vom See: Roman (Die Bodensee-Reihe)

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Schwestern vom See: Roman (Die Bodensee-Reihe)' von Lilli Beck
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Schwestern vom See: Roman (Die Bodensee-Reihe)"

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:416
EAN:9783734110849
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Rezensionen zu "Die Schwestern vom See: Roman (Die Bodensee-Reihe)"

  1. Das Geheimnis aus der Vergangenheit

    "Keine Beziehung kann am Leben erhalten bleiben, wenn nur ein Partner um sie kämpft." (Pinterest)
    Max König ist tot, er hat einstmals den Tortenhimmel in Auerbach am Bodensee eröffnet. Dort findet man die feinsten Torten und Gebäcke, wie man sie von Wien kennt. Dies ist nicht verwunderlich, den Max hat seine Handwerkskunst in Wien verfeinert. Nicht nur seine Kinder Herbert und Annemarie trauern, sondern ebenso seine Enkelkinder Iris, Rose und Viola. Überrascht sind alle, als sie Max Geheimnis entdecken, das er vor allen verborgen hatte. Jedoch das Schicksal beschert der Familie keine guten Zeiten. Erst scheint jemand die Pension in den sozialen Medien schlecht zu machen und dann schlägt das Schicksal erneut bei der Familie selber zu.

    Meine Meinung:
    In diesem Buch begebe ich mich auf eine Reise an den idyllischen Bodensee nach Auerbach. Die dortige Pension mit einem Café und Konditorei wird nicht nur von Touristen geschätzt, sondern ebenso von Einheimischen. Besonders die beeindruckenden Kreationen an Torten und Gebäck können sich sehen lassen. Ob Apfelstrudel, Annatorte oder die leckeren Schokoberge alle wurden von Max kreiert oder verfeinert. Besonders schwerfällt es den drei Schwestern Iris, Rose und Viola vom Großvater Abschied zu nehmen. Nun wird Viola in seine Fußstapfen treten und die Konditorei weiterführen. Rose dagegen kümmert sich um die Pension und Iris ist vor drei Jahren mit ihrem Mann Christian weggezogen, um im elterlichen Hotel mitzuarbeiten. Allerdings scheint nach drei Jahren ihre Liebe zu bröckeln und die erste Krise sich anzubahnen, vor allem weil sich noch kein Nachwuchs ankündigt. Da kommt die Beerdigung gerade recht, damit beide etwas Abstand bekommen. Lilli Becks Roman nimmt mich mit in eine wundervolle Familie, bei der Zusammenhalt, Liebe und Freundlichkeit sofort zu spüren ist. Kein Wunder, haben sie das doch von ihrem Vorfahren Max König in die Wiege gelegt bekommen. Jetzt hat ausgerechnet er ein Geheimnis, von dem nicht einmal seine Familie etwas wusste. Allerdings ist für alle klar, sie müssen unbedingt mehr über seine Zeit in Wien in Erfahrung bringen. Der belebende, lockere Schreibstil macht mir leicht, an dieser Geschichte dranzubleiben. Was insbesondere an den zwei Zeitebenen liegt, bei denen ich zum einen die Gegenwart und eben Max Vergangenheit in Wien mit verfolgen darf. Gut finde ich das innige Verhältnis der drei Schwestern und den Schwur immer füreinander dazu sein, wenn eine von ihnen in Not gerät. Dass sie dies allerdings schneller umsetzen müssen, als ihnen lieb ist, ahnt zu der Zeit noch keine von ihnen. So fliegen die Seiten einfach dahin, weil ich wissen muss, wie es mit den Schwestern weitergeht. Gut umgesetzt wurde ebenfalls Florence französischer Akzent, allerdings musste ich mich erst daran gewöhnen. Ebenso gut gefällt mir das Setting, das hier immer wieder zu spüren ist. Als totaler Unsympath entpuppt sich Christian. Schade nur, dass man nicht erfährt, warum er diese drastische Entscheidung trifft. Am Ende lässt mich das Buch etwas traurig zurück, doch mir ist klar, mit dieser Familie sind wir noch nicht durch. Den hauptsächlich haben wir bisher nur um einen Teil der Familie durchleuchtet. Von allen anderen erhoffe ich im nächsten Band mehr zu lesen. Für mich jedenfalls war es eine unterhaltsame Geschichte, von der ich liebend gerne mehr lesen möchte, besonders nach der Leseprobe am Ende. Dafür gebe ich natürlich gerne 5 von 5 Sterne.

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Wattenmeerfeuer

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Rezensionen zu "Wattenmeerfeuer"

  1. 4
    19. Sep 2022 

    Mord auf Pellworm

    Schon ungefähr ein Jahr leben Jan Benden, Inselpolizist, und seine Frau Laura auf Pellworm. Wenn sie ehrlich sind, ein wenig vermissen sie ihre Tätigkeit bei der Kriminalpolizei in Essen. Dass heißt aber nicht, dass es auf Pellworm nichts zu tun gibt. Gerade im Moment hat es auf der Insel mehrere Brände gegeben. Während Jan den Feuerteufel sucht, kümmert sich Laura um ihre Ferienwohnungen und natürlich macht sie sich auf Gedanken über die Brände und wer sie gelegt haben könnte. Nicht lange dauert es und es wird richtig ernst. An einem der Brandorte, einem verlassenen Bauernhaus, wird eine Leiche gefunden.

    In ihrem zweiten Fall bekommen es Jan Benten und seine Frau Laura mit einem verzwickten Fall zu tun. Eigentlich dürfte es auf einer Insel mit gut tausend Einwohnern keine Verbrechen geben, denn jeder kennt jeden. Streit kann eigentlich nur durch die zahlreichen Urlaubsgäste hereingetragen werden, oder? Während der kalten Jahreszeit gibt es davon allerdings nicht so viele. Jans selbsternannter Co-Ermittler Tamme hat da schon eine Idee, die immerhin nicht sofort völlig von der Hand zu weisen ist. Doch es gibt auch naheliegendere Ansätze. So kommen Jan und seine Kollegen vom Festland auf eine beinahe unglaubliche Geschichte, die lange in die Vergangenheit reicht.

    Toll vorgetragen von Uve Teschner kann man zu diesem Hörbuch zwei Dinge sagen, man hat es schnell gehört, weil es gekürzt ist; man hat es schnell gehört, weil es einfach klasse gelesen ist und die Handlung so spannend ist, dass man immer weiterhören möchte. Der Fall steht dabei wirklich im Mittelpunkt des Geschehens. Es ist einfach rätselhaft, wieso es zu diesen Bränden kommt. Erst als die Leiche identifiziert werden kann, ergeben sich weitere Hinweise, die zu einer sehr packenden Geschichte führen. Doch auch der Humor kommt in diesem Krimi nicht zu kurz, immer wenn Tamme auftaucht, bekommt man was zu schmunzeln, sei es wegen seiner verqueren Gedanken oder auch wegen seiner Norddeutschen Ausdrucksweise. Insgesamt ein ausgesprochen hörenswerter Roman eines bestens funktionierenden Autorenduos.

    4,5 Sterne

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Der Gott jenes Sommers

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Gott jenes Sommers' von Ralf Rothmann
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Gott jenes Sommers"

Format:Taschenbuch
Seiten:254
EAN:9783518469590
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Über uns: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Über uns: Roman' von Eshkol Nevo
3.65
3.7 von 5 (8 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Über uns: Roman"

Ein Haus, drei Etagen und jede Menge Geheimnisse


Arnon und Ayelet haben seit der Schwangerschaft Probleme mit dem Sex. Damit die Dinge wieder ins Lot kommen zwischen ihnen, passen Ruth und Hermann, das reizende ältere Ehepaar von nebenan, gern auf ihre kleine Tochter auf. Ein Stockwerk drüber hadert Chani Doron, die »Witwe« (ihr Mann ist ständig auf Geschäftsreise), mit ihrem Leben und Dvorah Edelman, ehemalige Richterin und tatsächlich verwitwet, träumt in der obersten Etage nachts davon, ihr Über-Ich werde amputiert. Lügen und Selbsttäuschung durchdringen Alltag und Familienleben. Nevo wirft Licht in die dunklen Winkel der menschlichen Natur und ist seinen Figuren zugleich mitfühlender Freund. Einfach davonkommen aber lässt er sie nicht ...

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:320
EAN:9783423147514
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Rezensionen zu "Über uns: Roman"

  1. Ein Stadthaus wird Modell

    Eshkol Nevo zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern Israels und wurde bereits vielfach ausgezeichnet. Sein Roman „Über uns“ wurde von Markus Lemke übersetzt und erschien im Januar 2018 im dtv-Verlag. Auf dem Cover ist ein mehrstöckiges Stadthaus vor leicht bewölktem Himmel zu sehen. Dieses Haus bildet auch den Rahmen des Romans, der in drei große Abschnitte gegliedert ist: Die Erste Etage, die Zweite Etage und die Dritte Etage. Im Großen und Ganzen steht jede dieser Etagen für sich allein, es gibt nur wenige Berührungspunkte. Allen gleich ist, dass jeweils nur ein Erzähler in der Ich-Perspektive erzählt, und zwar einer dritten Person.

    In der Ersten Etage berichtet Arnon, offensichtlich einem alten Freund, den er seit Jahren nicht gesehen hat. Er wohnt dort mit seiner Frau Ayelet, dem Sohn Yaeli und der gemeinsamen Tochter Ofri. Arnon ist absolut überzeugt, dass Ofri von Ayelet vernachlässigt wird. Das versucht er, mit Liebe und Aufmerksamkeit zu kompensieren. Nebenan wohnt das alte Ehepaar Ruth und Hermann. Hermann leidet unter Alzheimer Demenz, dennoch beaufsichtigt das Rentnerpaar oftmals die kleine Ofri, deren Eltern sich dadurch mehr persönliche Freiräume schaffen. Schnell bemerkt der Leser, dass Arnon dabei absolut berechnend vorgeht. So auch eines Abends, als er zum Sport gehen möchte, Frau und Sohn aber nicht rechtzeitig daheim sind. Die Eheleute hatten sich vorgenommen, Ofri nur noch bei den Nachbarn abzugeben, wenn Ruth zu Hause ist, weil sie Hermann aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr für zuverlässig halten. Darüber setzt sich Arnon hinweg, was in einem Drama endet, weil nämlich Hermann und Ofri anschließend für Stunden verschwinden. Als sie wieder aufgefunden werden, ist der alte Mann derangiert und in Tränen aufgelöst. Das Mädchen verhält sich in der folgenden Zeit auffällig, man vermutet ein psychisches Trauma. In Folge benimmt sich Arnon absolut selbstgerecht und cholerisch, lässt nur seine eigene Wahrheit zu. Dass er selbst sich dazu noch in ein absolut unmoralisches Verhältnis stürzt, das er vor sich selbst zu rechtfertigen versucht, gibt dem Abschnitt weitere Würze.

    In der Zweiten Etage leben Chani und Assaf mit ihren Kindern. Meistens ist Chani jedoch alleinerziehend, da ihr Mann oft geschäftlich unterwegs ist. Sie fühlt sich absolut nicht wohl als Hausfrau, schnell wird klar, dass sie sich bereits früher in psychischer Behandlung befunden hat. Da sie ihren Therapeuten nicht erreicht, beginnt sie, ihrer Freundin Briefe zu schreiben, in der sie sehr ehrlich ihre Erlebnisse und Schwächen schildert. Spannend wird es, als ihr Schwager Eviatar bei Chani auftaucht und sie um Hilfe bittet. Er ist offenbar in schmutzige Immobiliengeschäfte verwickelt, wird sowohl von der Polizei als auch der Unterwelt gesucht und braucht eine Bleibe. Beide lernen sich besser kennen, Eviatar scheint genau der Typ Mann und Vater zu sein, den sie sich früher gewünscht hat. Chani muss zu ergründen versuchen, wie sie selbst leben möchte. In diesem Abschnitt verschwimmen Realität und Fiktion, was einen besonderen Reiz ausmacht.

    In der Dritten Etage wohnt Dvorah, eine pensionierte Richterin. Ihr Ehemann Michael, ein höchst angesehener Mann, der mit seinen festen moralischen Grundsätzen auch Dvorahs Leben bestimmte, ist vor kurzer Zeit gestorben, so dass sie sich nun neu sortieren und befreien muss. Das tut sie, indem sie die ganze Geschichte auf einen Anrufbeantworter spricht, auf dem eingangs noch die Stimme ihres Mannes zu hören ist. Dvorah beschreitet ganz neue Wege. Sie verlässt ihre geborgene Wohnung, um zu demonstrieren, um die Studentenbewegung mit juristischem Rat zu unterstützen. Dort lernt sie den etwa gleichaltrigen Avner kennen, der eine erwachsene Tochter hat. Dadurch wird sie auch an ihren eigenen Sohn erinnert, zu dem sie aufgrund eines Vorfalles seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, was sie natürlich noch immer belastet. Zwischen Avner und Dvorah entwickelt sich eine wunderbare Freundschaft, die man als Leser sehr gerne verfolgt. Dieser dritte Teil ist im Kern eine glaubwürdige Familiengeschichte. In der Vergangenheit sind Dinge passiert, die man nicht ungeschehen machen kann. Dennoch fiebert man mit und wünscht sich eine Verständigung.

    Wie bereits erwähnt, kann man diese drei Abschnitte weitgehend unabhängig voneinander betrachten. Das große Ganze ergibt sich aus dem Interpretationsansatz, den der Autor selbst mitliefert, es soll sich nämlich bei dem Haus um ein Modell zu Freuds Psychoanalyse-Struktur handeln: " Die Enzyklopädie der Ideengeschichte schließlich half mir, dass nach Freuds Theorie in der ersten Etage alle unsere Bedürfnisse und Triebe angesiedelt sind, das Es. In der mittleren Etage wohnt das Ich, das versucht zwischen unseren Begehrlichkeiten und der Realität zu vermitteln. Und in der obersten Etage, der dritten, wohnt seine Majestät, das Über-Ich, das uns immer mit finsterer Miene zur Ordnung ruft und von uns verlangt, auch den Einfluss unserer Taten auf das Gemeinwohl der Gesellschaft zu berücksichtigen." (S. 237)

    Ich persönlich fand die ersten beiden Abschnitte gewöhnungsbedürftig. Die erzählenden, unzuverlässigen Erzähler blieben mir als Personen und in ihren Handlungen fremd. Die Geschichten wirken sehr skurril und nebulös, was für den einen oder anderen aber auch einen Reiz ausmachen könnte. Beide würden von mir 3 Sterne bekommen. Der dritte Abschnitt war im Gegensatz dazu von Anfang an fesselnd. Die verwitwete Richterin, die versucht, sich in ihrem neuen Lebensabschnitt vom Einfluss ihren mächtigen Mannes zu befreien und neue Wege zu gehen, wirkte sehr authentisch. Die Dritte Etage allein hätte von mir 5 Sterne bekommen.

    Freuds Theorie als umspannende Klammer für dieses Buch ist eine interessante Idee, die mich jedoch nicht an allen Stellen überzeugen konnte. „Über uns“ ist ein spezielles Buch, aber kein schlechtes. Da es in Tel Aviv spielt, bekommt man auch einiges über die Probleme, Lebensgewohnheiten und die latente Kriegsgefahr in Israel mit. Dass das Haus auch ein Spiegel der israelischen Gesellschaft sein könnte, wie einige Rezensenten vermuten, konnte ich nicht entdecken.

    Wer sich für psychologische Zusammenhänge in der menschlichen Seele interessiert, der kann mit diesem Buch möglicherweise noch weit mehr anfangen als ich. Das gemeinsame Lesen in unserer Leserunde hat mir mit Sicherheit viele Aspekte des Romans erschlossen, die mir allein verborgen geblieben wären.

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  1. 3
    04. Jun 2018 

    Überich - Überuns

    Passend zu den Feierlichkeiten des 70-jährigen Bestehens des Staates Israel durfte ich mich auch lesend mit diesem Land befassen und zwar im Rahmen der Leserunde zu Eshkol Nevos „Über uns“, frisch erschienen im dtv-Verlag.
    Der Roman führt uns in ein Mietshaus in einem Teil Tel Avivs. In diesem Haus arbeitet sich der Autor für den Leser durch die drei Etagen und erzählt in drei unterschiedlichen und nur lose verbundenen Teilen die Geschichten der jeweiligen Bewohner.
    In der ersten Etage geht es dabei um ein junges Ehepaar mit einer kleinen Tochter von 8 (?) Jahren. Der Mann erzählt einem alten Freund bei einem Treffen im Café die Geschichte seiner aktuellen Situation. Dabei geht es um einen eher diffusen Verdacht eines sexuellen Übergriffs gegenüber dem Nachbarn. Diesem hatte das Ehepaar die Tochter zur Aufbewahrung anvertraut und in einer etwas zweifelhaften Situation wieder abgeholt. Der Mann setzt danach alles daran, um den Zweifel aufzuklären und auszuräumen und den alten Nachbarn des Übergriffs zu überführen. Dabei nähert er sich auch dessen minderjähriger Enkelin an, die ihn /die er verführt.
    In einer Atmosphäre des Selbstmitleids und des tiefen Leidens wird diese Geschichte dem Freund erzählt. Ein kommunikativer Austausch findet dabei nicht statt. Es geht einzig um die nach Bestätigung heischende Sichtweise des Mannes.
    Diesen Teil des Romans fand ich nur schwer erträglich wegen dieser vor Selbstmitleid und männlicher Selbstgefälligkeit triefenden Grundhaltung.
    In der zweiten Etage lebt eine junge Mutter, die nach der Geburt eines Kindes ihre Stellung aufgegeben hat und den Plan verfolgt, parallel zur Kinderbetreuung von zu Hause aus Arbeit als Architektin zu verrichten. Das schafft sie aber nicht. Sie verbittert an dieser Situation immer mehr und gibt an der Bitterkeit der Lebenslage vor allem ihrem Mann die Schuld, der sich in seinem Job ständig auf Dienstreise befindet und sie und das Kind vernachlässigt. Die Frau aber wacht und blüht auf, als sich bei ihr ihr Schwager in einer kritischen Lebenssituation meldet. Dieser Schwager (Bruder des Ehemannes) ist das genaue Gegenteil des Ehemannes und deshalb auch schon seit langem mehr oder weniger ohne Kontakt zu ihm. Nun ist die Polizei auf seinen Fersen wegen des Verdachts auf groß angelegten Betrug und er braucht für einige Tage ein Versteck. Die Lebensfreude und die unkonventionelle Einstellung des Schwagers kann die Frau ein wenig anstecken und aus ihrer Lethargie und ihrem Selbstmitleid herausreißen. Das führt dazu, dass sie einen Anstoß zur Veränderung erhält und diesen auch umsetzt nachdem der Schwager wieder verschwunden ist: sie versucht in ihren alten Job zurückzukehren.
    Diese Geschichte erfahren wir wiederum in einer eindimensional ausgerichteten Kommunikation. Dieses Mal ist es ein Brief der Frau an eine alte, nach Amerika ausgewanderte Freundin.
    In der dritten Etage lebt eine pensionierte Richterin, die ihrem verstorbenen Mann in kleinen Einheiten (so wie es die Technik jeweils zulässt) auf dessen Anrufbeantworter davon berichtet, wie sie ausbricht und die von ihm in der Vergangenheit aufgestellten Regeln und Konventionen bricht und verlässt, um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen und den langjährig anhaltenden Bruch mit dem Sohn zu überwinden. Sie nimmt an einer großen sozialpolitischen Demonstration teil, trifft dort auf eine Gruppe von Psychologen, die ihren juristischen Rat brauchen und einen Mann, der sie zu ihrem lange verlorenen Sohn zurückführt. Das alles krempelt ihr Leben komplett um und hilft ihr, die dritte Etage des Hauses schließlich auch verlassen zu können.
    In diesem dritten Teil des Romans gibt der Autor dem Leser einen sehr deutlichen Hinweis auf den Schlüssel zum Verständnis des Romans oder zumindest dessen Konstruktion: die drei Etagen, die hier beschritten werden, stehen irgendwie stellvertretend für das Strukturmodell der Psyche nach Sigmund Freud (Es, Ich, Überich) und der Leser hat sich mit Lesen des Romans langsam nach oben durcharbeiten können und hat die Tiefen des Es, das für das Lustprinzip mit Trieben, Wünschen und Verdrängtem steht, verlassen können, um schließlich das Moralitätsprinzip zu erreichen, in dem Regeln und Gebote herrschen und den Menschen bestimmen.
    FAZIT:
    Auch wenn ich Teile des Romans von Eshkol gern und mit Freude gelesen habe bleiben bei mir doch sehr entscheidende Probleme damit bestehen:
    1. Es ist mir nicht gelungen, die drei Teile tatsächlich zu einem Roman zusammenzufügen. Es bleibt bis zum Ende für mich eher eine Erzählsammlung, die bestenfalls durch eine etwas mühsame Erzählkonstruktion des Autors zusammengehalten wird. (siehe 2)
    2. Der „Roman“ erscheint mir etwas überkonstruiert. Schon die Vorstellung der drei Etagen eines Hauses funktioniert für mich nicht. Es bleiben einzelne Wohnungen/Etagen und das Haus an sich wird für mich im Roman nie greif- oder sichtbar. Die Überstülpung des Freud-Schlüssels über diese Konstruktion dann setzt dem noch einen drauf. Hier geht Eshkol mit der Holzhammermethode auf den Leser los und lässt ihm nicht die eigene Interpretation und Bewertungswelt, sondern stellt ihm die Bewertungsanleitung gleich zur Verfügung. Will ich das wirklich in einem literarischen Text?
    3. Die erzählten Geschichten erscheinen mir in die Überkonstruktion des Romans (siehe 2) so sehr hereingepresst, dass wenig Raum bleibt, um tatsächlich in das Leben der israelischen Gesellschaft einzutauchen. Ich erfahre letztendlich erstaunlich wenig über diese Gesellschaft, ihre Probleme, Anliegen und Wünsche und tauche nicht ein in sie. Hieran scheint mir vor allem der durchgängig eindimensionale Kommunikation in dem Roman geschuldet. Wo kein Austausch stattfindet, findet keine Reibung statt. Erkenntnisse über die gesellschaftlichen Wirklichkeiten kann ich so nur sehr eingeschränkt gewinnen.
    Ich kann diesem Roman aus all diesen Gründen leider nicht mehr als 3 Sterne geben.

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  1. Wer wohnt in diesem Haus?

    Wer wohnt in diesem Haus?

    Eskhol Nevo - Über uns

    "Es passiert etwas, und ich kann niemandem davon erzählen. Aber ich muss, muss es einfach jemandem erzählen?"

    Dieser Satz, der den Leser auf dem Einband mitgeteilt wird, beschreibt das Gefühl, dass mich nach Lesebeginn beschlichen hat sehr treffend.
    Auch mir kam es so vor, als ob hier jemand seine Geschichte loswerden möchte.

    Der Autor bringt dem Leser die Handlung auf eine sehr interessante Weise näher. Er erzählt von den Hausbewohnern eines Komplexes in Tel Aviv, wobei die drei Abschnitte für die drei Etagen des Hauses stehen.
    In der ersten Etage lernen wir Arnon und seine Frau Ayelet kennen. Die beiden haben zwei Mädchen, das ältere der beiden, Ofri, findet sich oft in der Obhut des alten Ehepaares wieder, dass auf derselben Etage wohnt. Ruth und Hermann haben Spaß daran, wahrscheinlich weil ihnen die eigenen Kinder und Enkel sehr fehlen, die nicht so häufig zu Besuch kommen können. Doch bald steht ein schlimmer Verdacht im Raum, der das Leben beider Familien durcheinander bringt. Arnon führt durch die Etage, erzählt seine Geschichte einem Bekannten, von dem wir im Grunde nur erfahren, dass er Schriftsteller ist, in Monologform.
    Die zweite Etage wird von Chani bestritten, die ebenso wie Arnon ihre Sicht ihres Lebens darstellt. Sie bewerkstelligt dies, indem sie eine E-Mail an eine entfernt lebende Freundin verfasst.
    Chani fühlt sich von ihrem Mann Assaf allein gelassen, er ist häufig auf Geschäftsreise. Als sein Bruder Eviatar auftaucht, um dort unterzutauchen, hilft Chani ihm, obwohl sie weiß, dass die Brüder zerstritten sind.
    Chani beichtet ihrer Freundin im weiteren Verlauf einiges, nimmt den Leser so mit auf ihrem Weg.
    Die dritte und letzte Etage brachte mir am meisten, zumal sie mir nicht nur eine aufregende Geschichte bot, sondern auch ein paar Antworten lieferte, die die ersten beiden mir schuldig geblieben sind.
    Die pensionierte Richterin Dvorah, spricht über den Anrufbeantworter mit ihrem verstorbenen Mann. Sie spricht über das schwierige Verhältnis zu deren gemeinsamen Sohn. Im weiteren Verlauf nimmt die Geschichte eine Wendung, die mich in ihr Gefühlsleben blicken lässt. Hier wird für mich das erste mal wirklich eine Leb Nagelschuhe erzählt, die mich fesseln konnte.

    Diese drei Geschichten haben mich zum grübeln gebracht. Die Erkenntnis die hinter allem steckt wurde allerdings für mich nur über weitere Nachforschungen ersichtlich. Durch Berichte im Internet konnte ich schließlich das Konzept, welches hinter allem steckt nachvollziehen. Aus diesem Blickwinkel noch einmal auf diesen Roman zu schauen, hat mir einiges klar gemacht und regte zum nachdenken an. Ein psychologisch durchdachtes Werk, dass den Leser wirklich fordert.

    Habe lange über eine Bewertung gegrübelt. Zu Beginn war ich wenig angetan von Nevos Werk, aber es hat mich weit über das Ende hinaus beschäftigt, das schaffen nicht viele Bücher. Und ist es nicht das, was ein gutes Buch ausmacht? Dass man es nicht einfach weglegt und vergisst? Vergessen werde ich die Leseerfahrung mit dem Roman nicht, daher spreche ich zwar eine Leseempfehlung aus, allerdings mit der Einschränkung, dass man diesem Buch bis zum Ende folgen muss, um den vollen Nutzen aus ihm ziehen zu können.

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  1. 3
    27. Mai 2018 

    Ein Freud-en-haus...

    Zentraler Schauplatz in diesem Buch ist ein dreistöckiges Haus in einem bürgerlichen Vorort von Tel Aviv ('Bourgeoisistan'). Kein Unkraut wächst zwischen den Platten auf dem Bürgersteig, kein lauter Streit dringt durch die Wohnungstüren, im Treppenhaus begegnet man sich höflich. Doch in den eigenen vier Wänden geht es zuweilen anders zu.

    Der Autor widmet sich nacheinander allen drei Etagen des Hauses, wodurch der Leser die Möglichkeit hat, die dort wohnenden Parteien näher kennenzulernen. Im Grunde sind es dadurch jedoch drei Geschichten, die sich von unten nach oben durch die Stockwerke bewegen, ohne wirklich eng miteinander verknüpft zu sein - eben so, wie auch die Nachbarschaft lediglich eine lose ist.

    Im Erdgeschoss wohnt eine junge Familie mit zwei Kindern, und zwischen den Eltern ist seit der letzten Geburt das Sexleben zum Erliegen gekommen. Der Familienvater bemüht sich sehr, seiner Rolle gerecht zu werden, verrennt sich jedoch bald in die Vorstellung, dass der alte Nachbar von nebenan, der gelegentlich gemeinsam mit dessen Frau auf seine ältere Tochter aufpasst, sich an der 7Jährigen vergangen haben könnte. Je mehr er darüber nachdenkt, desto mehr steigert er sich in diese Idee hinein, bis alles in eine unumkehrbare Schieflage gerät...

    In der Etage darüber wohnt eine vom Leben frustrierte Frau, die von den anderen Hausbewohnern hinter vorgehaltener Hand als 'Witwe' bezeichnet wird. Ihr Mann ist jedoch nur ständig auf Geschäftsreise, so dass sie für die Kinder alleine verantwortlich ist. Ständig zu Hause, wächst ihre Unzufriedenheit, und sie beginnt an allem zu zweifeln, v.a. an ihren eigenen Fähigkeiten - und an ihrer Wahrnehmung. Als der kriminelle Bruder ihres Ehemanns plötzlich bei ihr auf der Schwelle steht, beginnt sie mit diesem eine Affäre. Oder vielleicht doch nicht?

    Im obersten Stockwerk schließlich lebt eine verwitwete pensionierte Richterin, die versucht, sich von dem übermächtigen Schatten ihres toten Ehemanns zu befreien. Auch das Zerwürfnis mit ihrem einzigen Sohn versucht sie zu kitten, was zu Lebzeiten ihres Mannes nicht mögich war.

    Eshkol Nevo lässt die drei Personen ihre Geschichte jeweils selbst erzählen - Monologe, die in unterschiedlicher Form präsentiert werden. Der junge Familienvater aus dem Erdgeschoss erzählt seine Gedanken einem nicht näher bezeichneten Freund, die Frau aus der Etage darüber schreibt einer Freundin einen langen Brief, und die Richterin spricht ihrem Mann auf einen in der Schublade gefundenen Anrufbeantworter - in zweiminütigen Sequenzen, jeweils vom Piepton unterbrochen. Einen zusammenhängenden Roman ergibt das in meinen Augen nicht, auf bereits zurückgelassene Etagen geht die Erzählung anschließend kaum noch ein, höchstens einmal durch eine flüchtige Bemerkung.

    Hat mich die Tatsache schon gestört, dass es sich hierbei kaum um einen Roman handelt, fand ich es noch viel ärgerlicher, dass mir die Schilderungen der ersten beiden Etagen einfach nicht gefallen haben. Unbeherrscht und sexbesessen der junge Familienvater, abgedreht und nahe am Wahnsinn die Frau aus dem Stockwerk darüber - keine angenehmen Zeitgenossen, und die Handlungen rund um die beiden waren für mich bestenfalls verstörend, was dazu noch jeweils offen endete, so dass ich mit den Geschichten in der Luft hängen gelassen wurde.

    Die abschließende Geschichte um die Richterin allerdings hat mir gut gefallen - ein wenig ausgeschmückt hätte mir diese vollkommen als Roman gereicht, und auch so hätte ich einen kleinen Einblick in die gesellschaftliche Lage in Israel erhalten, was wohl in der Intention des Autors lag.

    Nicht aufgegangen dagegen wäre dann jedoch bei nur einer Geschichte das Konzept, das Eshkol Nevo seinem Roman zugrunde gelegt hat. Er hat das Haus so gestaltet, dass es das Drei-Instanzen-Modell der Psyche nach Freud repräsentiert: unten das Es (Triebe, Bedürfnisse, Affekte, handelnd nach dem Lustprinzip), in der Mitte das Ich (bewusstes Denken, Selbtsbewusstsein, Regulativ zwischen Es und Über-Ich), und schließlich ganz oben das Über-Ich (Normen, Werte, Gehorsam, Moral, Gewissen). Wem sich dieser Gedanke nicht aufdrängt, dass es sich hier um ein Freud-en-haus handelt und wer sich dazu auch noch nicht das Literarische Quartett vom 20. April 2018 angesehen hat, dem wird diese Interpretation im dritten Teil des 'Romans' demonstrativ (und wortwörtlich) aufgedrängt...

    Dieser Interpretationsansatz ist zwar innovativ und erklärt auch einige Aspekte der Erzählung, wirkt für mich aber schon arg konstruiert und experimentell. Da wurde die Erzählung mühsam über ein Konstrukt gestülpt, was ich persönlich als zu gewollt empfand. Als ich in der Vita des Autors las, dass er vor einiger Zeit Psychologie studiert hat, erklärte sich mir, wie Eshkol Nevo auf die Idee kam - doch gefallen hat mir dieser Aufbau letztlich nicht. Auch die häufigen Verweise und Anspielungen auf Psychologen in Israel, seien sie auch noch so ironisch vorgebracht, erzeugten bei mir allenfalls ein müdes Lächeln. Den Einblick in die heutige israelische Gesellschaft dagegen fand ich durchweg interessant.

    Der Schreibstil ist angenehm und flüssig zu lesen, doch hat mir die Form mit den drei doch recht isoliert stehenden Geschichten nur mäßig gefallen. Die dritte Erzählung gefiel mir am besten und hat letztlich für den dritten Stern gesorgt - und mich mit dem Rest halbwegs versöhnt...

    © Parden

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  1. Freud und die unvollendete Geschichte

    Wer sind meine Nachbarn eigentlich? Und könnte es hinter der schönen Fassade vielleicht doch nicht so schön aussehen. Hinter drei dieser Fassaden blickt der israelische Autor Eshkol Nevo in seinem knapp 300 Seiten langen Roman „Über uns“.

    Drei Hausbewohner eines Mietshauses in einem Vorort der Millionenmetropole Tel Aviv erzählen ihre und die Geschichte ihrer Familien. Gemeinsam ist allen drei, dass sie auf irgendeine Weise emotional beschädigt sind.

    In der ersten Etage wohnt Arnon mit Frau und Kindern. Die Tochter wird regelmäßig den alten Nachbarn anvertraut, deren eigene Kinder schon lange ausgezogen sind und die sich gerne des Nachbarmädchens annehmen. Nach einem Zwischenfall steht plötzlich der Verdacht des Kindesmissbrauchs im Raum, der von Seiten der Polizei zwar mit hoher Wahrscheinlichkeit verneint wird, als Möglichkeit aber immer im Raum stehen bleibt.

    Eine Etage darüber lebt die Familie eines erfolgreichen Geschäftsmannes, der kaum zuhause ist. Ehefrau Chani kümmert sich um die Kinder. Sie ist bedrückt, verunsichert und kann die an sie gestellten Aufgaben kaum meistern. Se redet sich alles in einem Schreiben an ihre Jugendfreundin von der Seele.

    Und schließlich Etage drei: dort ist die pensionierte Richterin Dvorak zuhause. Sie ist verwitwet. Nach und nach erfahren wir, dass sie vor die schreckliche Wahl gestellt wurde sich zwischen ihrem Sohn, der irgendwie vom Weg abgekommen ist, und ihrem überkorrekten Mann zu entscheiden. Jetzt, wo sie alleine ist, hinterfragt sie viel. Hätte sie nicht öfter auch privat Position beziehen sollen, sie, die doch beruflich immer Position beziehen musste?

    Dieser dritte Teil ist der mit Abstand beste und anrührendste. Ein wenig ausgebaut hätte die Geschichte um Dvorah und ihr ernsthaftes Bemühen frühere Fehler zu korrigieren durchaus ein eigenständiger und interessanter Roman werden können.

    Wer aber als Leser auf die Klammer wartet, der die drei Erzählungen zum Ende hin doch noch zu einer Romaneinheit verbindet, der wartet vergeblich.

    Freud soll mit seinem Ich, Über-Ich und Es Pate gestanden haben für den Aufbau der Geschichte in drei Etagen. So weit, so gut und sperrig. Man hat als Leser manchmal den Eindruck den Vorspann eines Films zu sehen, der dann aber nicht kommt. Schade.

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  1. Drei Geschichten aus Tel Aviv

    Von einem Roman erwartet man normalerweise den Auftritt von Protagonisten, die interagieren und Handlungsstränge, die zumindest am Ende zusammengeführt werden. In Eshkol Nevos Roman "Über und" werden diese Erwartungen nicht unbedingt erfüllt. Wir Leser lernen drei Protagonisten kennen. Jeder dieser drei Personen befindet sich gerade in einer schwierigen emotionalen Situation. Sie erzählen jeweils unterschiedlichen Zuhörern, fast wie in einem Monolog von Ihren Nöten, Ängsten und Sorgen. Diese drei Personen interagieren jedoch kaum, die Erzählungen sind scheinbar unabhängig voneinander. Gemeinsam ist allen drei Protagonisten lediglich, dass sie im selben Haus wohnen: einem dreistöckigen Mehrfamilienhaus in Tel Aviv.
    In der untersten Etage wohnt der Familienvater Arnon, der seine Sorgen einem Freund anvertraut. Er hat den Verdacht, dass seine Tochter von einem Nachbarn sexuell belästigt worden ist. Sympathisch ist dieser Arnon nicht, denn er scheint jähzornig zu sein und berichtet zuletzt noch von seinen sexuellen Erfahrungen mit einer Minderjährigen.
    In der zweiten Etagen lebt eine junge Mutter, die sich gerade in Elternzeit befindet und deren Mann nur selten zuhause ist, Sie kommt mit diesem Hausfrauendasein nicht zurecht, fühlt sich einsam und hat Angst den Verstand zu verlieren. In dieser Situation schreibt sie einen langen Brief an ihre, in den USA lebende, Freundin. Das Ende des Briefes lässt Hoffnung auf eine Wende in ihrem Leben zu.
    In der oberen Etage wohnt eine Witwe, deren Ehemann Richter war. Auch die Witwe selbst hat früher als Richterin gearbeitet. Die Pensionärin findet einen alten Anrufbeantworter ihres Mannes und spricht durch diesen Apparat mit ihrem verstorbenen Mann. Dabei gelingt es ihr allmählich, sich innerlich von den strengen moralischen Regeln, nach denen ihr Mann gelebt hatte und an die sie sich angepasst hatte, zu lösen.
    Drei Konflikte auf drei Ebenen: einen Konflikt um die Triebe, einen um das Verhältnis zur Realität und ein moralisches Dilemma. Das erinnert an das Strukturmodell von Freud mit den Bereichen: Es, Ich und Über-Ich. Der Autor selbst gibt einen Hinweis darauf indem er die Witwe gegen Ende des Romans in Freuds Werken lesen lässt. Er plädiert dafür, dass wir die verschieden Geschichten auf verschiedene Art lesen können. Mit Verständnis für die Fehler der Menschen, unter sachlichen oder moralischen Gesichtspunkten.
    Dvorhah, die ehemalige Richterin, sagt an einer Stelle: "Verstehst du, Sigmund Freud war ein kluger Mann, aber gesten Nacht, nachdem ich das letzte Werk seiner Gesamtausgabe fertiggelesen hatte,...dachte ich bei mir, dass er doch mindestens einem Irrtum aufgesessen ist. Ein Seelenhaus mit seinen drei Etagen existiert in uns überhaupt nicht. Diese drei Etagen sind in der Luft zwischen uns und jemand anderem, im Abstand zwischen unserem Mund und dem Ohr desjenigen, dem wir unsere Geschichte erzählen."
    Das Stukturmodell von Freud könnte also eine Klammer sein für diese drei inhaltlich unabhängigen Erzählungen. Der Roman lässt jedoch noch Raum für die Suche nach weiteren Gemeinsamkeiten. Da ist ja auch die Tatsache, dass alle drei Protagonisten in Israel, einem Land, das sich im Dauerbelagerungszustand befindet, aufgewachsen sind. Alle erzählen von ihrer Militärzeit, von Wachdiensten und gefährlichen Situationen.

    Ich persönlich habe den Roman gern gelesen. Der Sprachstil ist flüssig und leicht, oft eine Art Alltagssprache. Die drei Geschichten sind von ihrer Qualität her jedoch recht verschieden. So bereitet die Lektüre der ersten Geschichte nicht immer Vergnügen. Schließlich muss man sich die Ausreden eines unsympathischen Cholerikers "anhören". Die zweite und die dritte Geschichte ist jeweils spannender erzählt. Insbesondere die letzte Erzählung ist zudem sehr vielschichtig und hinterlässt beim Lesen den tiefsten Eindruck.
    Insgesamt darf man von "Über uns" keinen in sich geschlossenen Roman erwarten. Dafür ist die freudsche Klammer zu konstruiert. Aber die Erzählungen geben auf leicht zu lesende Weise Einblick in seelische Abgründe und vermitteln gesellschaftliche Eindrücke aus dem heutigen Israel.

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  1. Drei Etage, drei Geschichten, ein Roman?

    In der Diskussion hat uns @Leseglück darauf aufmerksam gemacht, dass Nevo seinem "Roman" das psychoanalytische Modell Freuds zugrunde gelegt hat.

    "Ein Seelenhaus mit seinen drei Etagen existiert in uns überhaupt nicht! Diese drei Etagen sind in der Luft zwischen uns und jemand anderem, im Abstand zwischen unserem Mund und dem Ohr desjenigen, dem wir unsere Geschichte erzählen." (315)

    Drei Menschen, die in einem Haus wohnen, erzählen einer anderen Person von einem Ereignis, das ihr Leben auf den Kopf stellt. Drei Etagen, die für "Es", "Ich" und "Über-Ich" stehen, deren Geschichten jedoch nur lose miteinander verknüpft sind, so dass es sich eher um drei Erzählungen handelt, die aufgrund des theoretischen Überbaus miteinander verzahnt sind.

    Erste Etage - "Es"
    Arnon und Ayelet geben ab und zu ihre Tochter Ofri zu den Nachbarn Ruth und Hermann, einem älteren Rentnerpaar.

    "Das sind ja höfliche, kultivierte Menschen, richtige Jeckes, er läuft zu Hause in Anzug und Kravatte rum, und sie ist Klavierlehrerin am Konservatorium, verwendet Ausdrücke wie gütigst." (10)

    Arnon ist der Ich-Erzähler dieser Episode und spricht zu einem befreundeten Schriftsteller über ein Ereignis, das ihn sehr belastet.

    "Die Anzeichen waren die ganze Zeit da gewesen, aber ich hab´s vorgezogen, sie zu ignorieren. Was ist praktischer als Nachbarn, die dir auf deine Tochter aufpassen?" (9)

    - wenn man mal übereinander herfallen will. Als die zweite Tochter geboren wird, die unter gesundheitlichen Problemen leidet, benötigen die beiden Ruth und Hermann noch häufiger, obwohl bei Hermann deutliche Anzeichen von Demenz zu erkennen sind. Die sensible Ofri bemerkt es als Erstes und stellt fest: "Hermann ist kaputtgegangen." (16)

    Arnon beschließt, dass Ofri nicht mehr allein bei Hermann bleiben kann. Es scheint, als ob er sich mehr Sorgen um sie macht als ihre Mutter. Das Verhältnis der beiden beschreibt Arnon als gespannt.
    Doch dann muss er dringend zu seinem Spinning-Kurs, obwohl Ayelet noch nicht zuhause ist. Ofri bleibt bei Hermann und beide verschwinden - sie werden wohl behalten aufgefunden, doch Arnon vermutet, dass etwas geschehen ist.
    Er lässt sich von seinen "Trieben" - Zerstörung und Sex - leiten und handelt völlig irrational, das Ende der Geschichte bleibt offen...

    Zweite Etage - "Ich"
    Chani, Mutter zweier Kinder, Liri und Nimrod, ist die Protagonistin der zweiten Geschichte. Sie schreibt einen Brief an ihre beste Freundin, die in den USA lebt. Seit der Geburt ihres zweiten Kindes ist Chani zuhause und fühlt sich allein. Sie glaubt, dass ihr Mann Assaf, der fast immer auf Geschäftsreisen ist, weswegen sie im Haus auch die "Witwe" genannt wird, sie nicht genügend unterstützt. Dafür führt sie zahlreiche Beispiele an, lässt aber auch fiktiv Assaf zu Wort kommen. Diese Passagen hören sich viel realistischer an, so dass man unsicher ist, wem man glauben kann.
    Offenkundig ist sie in ihrer Mutterrolle unglücklich:

    "Es gibt Lichtblicke, Glücksmomente, aber alles in allem laufe ich jetzt schon seit acht Jahren als wandelnde Sprengfalle durch die Gegend - ja, das ist das richtige Bild-, schleppe den Sprenggürtel meiner Hoffnung mit mir herum, die Aufgabe meistern zu können, an der meine Mutter gescheitert ist." (149)

    Ein unvorhergesehenes Ereignis verändert Chanis Leben und ihre Ich-Identität. Assafs Bruder Eviatar, mit dem er keinen Kontakt hat, bittet sie um Hilfe. Er ist ein Immobilienmakler und hat sich verzockt. Jetzt wird er von seinen Gläubigern und der Polizei gesucht, trotzdem hilft ihm Chani. Warum? Weil er einen Draht zu den Kindern hat? Existiert Eviator wirklich, oder hat sich Chani, die permanent Angst hat, wie ihre Mutter verrückt zu werden, ihn nur erfunden?

    An ihrer Freundin bewundert sie, dass sie eine "innere Ruhe [habe]. Die Ruhe einer Frau, die ihre Feld auf dem Schachbrett des Lebens gefunden hat." (125)

    Dritte Etage - "Über-Ich"
    In der letzten Episode steht die pensonierte Richterin Dvorah im Mittelpunkt, die ihre Geschichte auf eine Anrufbeantworterin (!) spricht, auf der die Stimme ihres verstorbenen Mannes zu hören ist. Das ist ihre Art mit ihm in Kontakt zu treten, ihm von den ungewöhnlichen Ereignissen ein Jahr nach seinem Tod zu erzählen.
    Man erhält einen kurzen Einblick in die Geschehnisse im ersten und zweiten Stock, aber es gibt keine weitreichende Verbindung zwischen den Geschichten. Diese besteht in der räumlichen Nähe der Protagonisten, dem psychoanalytischen Ansatz und den Ereignissen, die jeweils das Leben der Ich-Erzähler*innen verändern.
    Zu Dvorah: Sie sieht im Fernsehen, dass junge Menschen Zelte in Tel Aviv aufstellen, um gegen die Wohnungspreise zu demonstrieren. Kurzentschlossen macht sie sich auf den Weg, wird jedoch in der Menschenmenge ohnmächtig. Sie landet im Zelt einer jungen Frau, die sich um sie kümmert und als bekannt wird, dass sie juristischen Beistand leistet, ist sie eine gefragte Person. Über die junge Frau lernt sie den Geschäftsmann Avner Ashdot kennen, der ihr anbietet, ihre Wohnung im Gegenzug zu einer in der Innenstadt zu kaufen. Zuerst muss sie sich jedoch von ihrem "Über-Ich" befreien, der Meinung ihres Mannes, die sie in ihrem Kopf hört. Lange haben sie alles gemeinsam entschieden und Dvorah erkennt, dass er sie in manchen Entscheidungen überstimmt hat, aber auch, dass sie sich von ihm löst.

    "Und dann spüre ich eine Leerstelle dort, wo du gewesen bist. Spüre, dass die ganze Wohnung eine Leerstelle ist für den Ort, an dem wir wir waren. Und dass ich, wenn ich hier wohnen bleibe, mich in den Spinnfäden deines Todes verfangen werde, die sich um mich herum ausbreiten, bis ich wie ein Insekt darin verende." (226)

    Diese Geschichte, die mir am besten gefallen hat, erzählt von einem Aufbruch, von dem Versuch dem Leben auch im fortgeschrittenen Alter eine neue Richtung zu geben, aber auch von der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit - denn Dvorah hat einen erwachsenen Sohn, zu dem sie keinen Kontakt mehr hat.

    Fazit?
    Auch wenn die Erzählungen meines Erachtens stärker hätten verbunden sein können, damit man wirklich von einem Roman sprechen kann, gefällt mir die Idee, sie thematisch zu verknüpfen. Für sich gesehen erzählt jeweils ein Mensch von einschneidenden Erlebnissen in seinem Leben, die diesem eine neue Richtung geben werden. So ist jede Geschichte lesenswert, wenn auch die letzte allen in der Leserunde am besten gefallen hat.

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    20. Mai 2018 

    Drei Etagen

    Verschiedene Parteien leben in einem Mietshaus, da sind zum Bespiel Arnon und Ayelet, die nach der Geburt der Kinder auch mal wieder Zeit für sich brauchen, Chani, deren Mann so oft unterwegs ist, dass sie schon die Witwe genannt wird, und Dvorah, deren Mann tatsächlich verstorben ist. Während Arnon und Ayelet ihre Tochter gerne mal für ein paar Stunden bei den Nachbarn gegenüber parken, glaubt Chani, sie sei dabei sich selbst zu verlieren. Dvorah dagegen hat schon alles verloren, vielleicht hat sie eine Chance, sich neu zu erfinden. Ein Haus - drei Etagen, Nachbarn, die man grüßt, von denen man allerdings kaum weiß, wie es hinter verschlossenen Türen aussieht.

    Auf verschiedene Arten erzählen die Bewohner von ihrem Leben, Leben, die anders verlaufen als man beim Anblick des einfachen, zeitlosen Miethauses vermuten würde. Ehen, die nach außen glücklich scheinen, erweisen sich als schwierig oder schon vergangen. Da werden Nachbarn zur Kinderbetreuung herangezogen und nicht bezahlt. Da erweisen sich verloren geglaubte Brüder als Gefahr für das eigene Denken, da könnte man den Eindruck bekommen, es bestehe auch nach dem Tod eines Ehegatten noch die Möglichkeit, sich von diesem zu trennen. Eshkol Nevo überrascht mit seinen Ideen der Darstellung.

    Vielleicht würde man sich einen gewissen Zusammenhalt oder Zusammenhang zwischen den Geschichten wünschen, mehr als das sehr lockere Gerüst, das der Autor gewählt hat. Dennoch ist jede der Erzählungen über die Hausbewohner auf ihre Art spannend. So wie man in den Etagen aufsteigt, so steigert sich nach meinem Empfinden auch die Qualität der Geschichten. Gemeinsam ist ihnen allerdings, dass man hinter die schöne Fassade blicken darf und nicht immer eitel Sonnenschein zu sehen bekommt. Wobei die erste Etage mit dem selbstmitleidigen Arnon eher unangenehm wirkt, während die zweite einen schon fast hoffnungsvoll stimmt und die dritte einem Mut macht, dass es auch spät noch Aufbrüche zu neuen Ufern geben kann.

    Die schöne Sprache, die der Autor beziehungsweise sein Übersetzer Markus Lemke verwendet, macht die Lektüre zu einem Genuss, der größer wird je weiter man die Treppe nach oben steigt.

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