Sperling

Buchseite und Rezensionen zu 'Sperling' von Katharina Korbach
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Sperling"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:320
Verlag: Berlin Verlag
EAN:9783827014481
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Rezensionen zu "Sperling"

  1. Gelungener Debütroman mit vielen offenen Fragen

    Als der Doktorand Wolfgang seine kleine Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg bezieht, ahnt er noch nicht, welche Auswirkungen diese Entscheidung auf sein zukünftiges Leben haben wird. Denn direkt gegenüber wohnt eine junge Frau, die nachts am Küchenfenster sitzt und zeichnet. Aus der anfänglichen Faszination der Beobachtung entwickelt sich eine Art Obsession, die auch nicht schwächer wird, als Wolfgang die Identität seiner Nachbarin entschlüsselt: Es ist Charlotte, Teilnehmerin seines Literaturseminars an der Universität...

    Katharina Korbach erzählt in ihrem Debütroman "Sperling" die Geschichte zweier einsamer Seelen im Großstadtdschungel Berlin. Studentin Charlotte hat sich gerade erst in Therapie bei einem mysteriösen Arzt namens Doktor Szabó begeben, um dort ihre nicht nur aus der Kindheit stammenden seelischen Narben behandeln zu lassen. Und auch Wolfgang ist ein Einzelgänger, der die familiären Erwartungen nicht erfüllen konnte und stattdessen versucht, seinen eigenen Weg zu gehen. Gemein haben die beiden jedoch nicht nur ihre Einsamkeit, sondern auch ihr Fremdsein in Berlin. Sie beide sind Zugereiste, auf der Suche nach Heimat und irgendwie auch nach ihrer Identität.

    Korbach erzählt in kurzen, pointierten Sätzen, die durch den Einsatz des erzählerischen Präsens eine hohe Unmittelbarkeit ausstrahlen. Den Leser:innen gibt sie dadurch das Gefühl, direkt am Leben der beiden Einzelgänger:innen teilzuhaben. Seine besondere Spannung zieht "Sperling" dabei vor allem aus der ersten Hälfte des Romans, die ich für die insgesamt gelungenere halte. Wenn Wolfgang abends an seinem Fenster sitzt und Charlotte heimlich beobachtet, dabei die Lichter und Geräusche der Stadt wahrnimmt und sich immer stärker in die Beobachtung der jungen Frau verliert, überzeugt der Roman nicht nur durch seine besondere Atmosphäre, sondern sorgt auch für einen gewissen Nervenkitzel. Denn der Doktorand bewegt sich auf dünnem Eis, seine zunehmenden Avancen gleichen denen eines Stalkers, ohne dass ich ihn jedoch als explizit bedrohlich oder unsympathisch empfand. Und auch Charlottes Geschichte - die Rückblenden beim Therapeuten, ihr geheimnisvolles Sperling-Tattoo an ihrem Oberkörper - sorgte gerade zu Beginn für eine Art Sog, der man sich schwer entziehen konnte.

    Leider gelingt es der Autorin nicht ganz, diese Intensität bis zum Ende des Romans durchzuhalten. Zwar stellt sich durch die häufigeren Kontakte zwischen den beiden Figuren keine gewöhnliche Beziehung ein, doch das Besondere - der Voyeurismus und die Atmosphäre - lassen wie die Spannungskurve ein Stückchen nach. Hinzu kommt, dass mir die Figuren trotz ihrer dauerhaften Präsenz und ihrer abwechselnden Perspektiven ein wenig fremd blieben. Es stellte sich keine Nähe, keine Wärme ein. Einen gehörigen Anteil daran haben fehlende innere Monologe, sowie zu viele offene Fragen.

    Diese werden dann auch bis zum Finale nicht befriedigend geklärt. Obwohl ich nichts gegen offene Enden einzuwenden habe, zerfaserten mir die Erzählfäden doch zu stark. So bleiben die Verletzungen der Vergangenheit letztlich eine Behauptung, doch sie werden nicht gezeigt und erklärt, wodurch es mir auch schwerfiel, die Motive der Hauptfiguren vollends zu begreifen. Eine vertane Chance, die den Roman zu einem noch größeren Ereignis gemacht hätten. Denn dies wäre durchaus möglich gewesen, wie zwei wunderbare Szenen zeigen.

    So strahlt beispielsweise das 28. Kapitel fast von ganz allein und nimmt eine Sonderstellung im Roman ein. Zwischen den ohnehin schon recht kurzen Kapiteln fasst Katharina Korbach hier auf gerade einmal etwas mehr als einer Seite prägnant und fast schmerzhaft eindringlich zusammen, was diese Beziehung zwischen Charlotte und Wolfgang zu einer besonderen macht. Da treffen sich Blicke, Körper bleiben reglos, Vorhänge bewegen sich und das Mondlicht beleuchtet den Berliner Hinterhof. Ein wirklich großartiger Moment, der allein "Sperling" schon zu einer lesenswerten Lektüre macht.

    Ähnliches gelingt der Autorin noch einmal zu Beginn des Epilogs, als sie sich kurz in eine Art Erzählerdrohne begibt und ein alternatives Ende vorwegnimmt, um dieses gleich von Beginn an als unmöglich abzutun - ein sehr gelungenes literarisches Spiel mit den Hoffnungen und Erwartungen der Leser:innen.

    In diesen Momenten zeigt "Sperling", welch großartiger Roman er hätte werden können. So bleibt er am Ende "nur" ein guter Roman, den ich vor allem wegen der hier aufgeführten Szenen, aber auch wegen der insgesamt sehr intensiven ersten Hälfte trotzdem gern gelesen habe.

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Wir sind das Licht: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Wir sind das Licht: Roman' von Gerda Blees
4.45
4.5 von 5 (14 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Wir sind das Licht: Roman"

Eine Wohnung, drei Frauen, ein Mann. Eine der Frauen ist tot. Als der Notarzt eintrifft, herrscht eine ruhige, ja unheimliche Atmosphäre, und er stellt fest: Elisabeth ist – vor den Augen ihrer Mitbewohner – verhungert. Muriel, Petrus und Elisabeth haben, jeder auf eigene Art, den Halt im Leben verloren. Elisabeths Schwester Melodie und der Verzicht auf Nahrung scheinen diese Lücke zu füllen. Was sich von innen – bis in den Tod – richtig anfühlt, ist von außen nur sehr schwer zu fassen. Gerda Blees erzählt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, auch die Eltern, die Polizei oder der Tatort selbst kommen zu Wort. Für ihren herausragend modernen Debütroman erhielt sie zahlreiche Preise.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:240
EAN:9783552072749
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Rezensionen zu "Wir sind das Licht: Roman"

  1. Wir sind der Applaus.

    Ich verneige mich vor Gerda Blees, die mir mit ihrem Debütroman ein unvergessliches Leseerlebnis beschert hat. Auf der Handlungsebene geschieht kaum etwas: Eine Frau stirbt an Unterernährung. Ihre Mitbewohner:innen werden festgenommen. Die Polizei versucht zu ergründen, was sich in dieser WG, die sich „Klang und Liebe“ nennt, abspielte und warum niemand einen Notarzt verständigte.

    „Wir sind das Licht“ besticht durch eine äußerst gelungene, kreative Erzählweise, in der nicht nur Personen, sondern auch Gegenstände und abstrakte Begriffe ihre Sicht der Dinge schildern. Jedes Kapitel beginnt mit der immer gleichen „Vorstellungsformel“ der jeweiligen Perspektive: „Wir sind die Nacht.“ (S. 7), „ Wir sind die …“.

    Ich möchte die unterschiedlichen Perspektiven hier nicht beim Namen nennen, da für mich ihre Unvorhersehbarkeit maßgeblich zur Spannung beitrug. Obwohl das Thema des Romans beklemmend und von gesellschaftlicher Relevanz ist, hat es mir unglaublich viel Freude bereitet, den ungewöhnlichen Blickwinkeln zu folgen und dadurch Stück für Stück immer tiefer in die Geschichte einzutauchen. Gerda Blees gelingt es sehr überzeugend die jeweiligen Sichtweisen einzunehmen. Ihr Roman regt zum Nachdenken an, thematisiert Manipulation, Hilflosigkeit und konfrontiert mit Fragen, die sich um Verantwortung, Abhängigkeiten und individuelle Lebensentscheidungen drehen.

    Zuweilen blitzt bei einigen Sichtweisen auch ein gewisser Humor durch, der mir ausgesprochen gut gefallen hat.

    „Wir sind das Licht“ ist schon jetzt ein Jahreshighlight für mich!

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  1. Wir denken nach

    In einem Reihenhaus in einer nicht näher genannten Stadt in den Niederlanden leben vier Menschen miteinander. Die Schwestern Melodie und Elisabeth, Muriel und Petrus, der einzige Mann in dieser Wohngemeinschaft. Klang und Liebe nennen sie ihre Gruppe. Eines Morgens ist Elisabeth tot, gestorben an Unterernährung.

    Gerda Blees‘ Debütroman Wir sind das Licht ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswerter Roman. Es ist nicht nur die Geschichte, wie es möglich sein kann, dass in unserer Wohlstandsgesellschaft Menschen verhungern. Nicht nur die Geschichte über Fanatismus und esoterische Hingabe abseits jeder Vernunft. Nicht nur die Geschichte über den Anfang und das Ende des menschlichen freien Willens. Nicht nur die Geschichte über Verblendung und Manipulation.

    Die Geschichte ist so einzigartig, wie mutig und innovativ erzählt. Jedes Kapitel hat eine wir-Perspektive, sowohl dingliche als auch menschliche. Wir erfahren die Geschichte nicht direkt aus dem Mund von Melodie, der autoritären Anführerin dieser Mikrosekte, nicht direktaus dem Mund von Muriel, die nach dem Tod von Elisabeth zu zweifeln beginnt, nicht direkt aus dem Mund von Petrus, der oft so unkontrollierbar zornig ist. WIR, das sind Dinge, Gegebenheiten wie das Haus, der Tatort, die Nacht, die Demenz, das Licht, die uns das Personal vorstellen. WIR, das sind die Nachbarn, die Eltern, die Schuldige suchen, Schuld von sich weisen.

    Wir, das sind aber auch wir Leser*innen, die mit so vielen existenziellen Fragen konfrontiert werden. Fragen der Moral, der Naturgesetze, der Rechtswissenschaft. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit ist ein unabdingbares, kann der einzelne auf dieses Recht verzichten. Haben wir hier schuldhaftes Verhalten, nach dem Strafgesetzbuch oder nach dem eigenen moralischen Kompass?

    Alle Perspektiven zusammen ergeben ein Bild, das immer noch nicht vollständig ist. Wir, die Leser*innen erhoffen uns gerne eine Beantwortung aller Fragen, eine Lösung jeglicher Rätsel und einen glücklichen Ausgang. Das alles können wir zum Ende dieses Buches nicht sehen, so sehr auch die unterschiedlichen Blickwinkel beleuchtet werden, sondern nur einen Lichtblick.

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  1. Das Universum nährt mich

    "Es ist sonderbar, dass wir das Licht so anbeten, als wüssten wir, dass es Leben ist." (Carmen Sylva)
    Die außergewöhnliche Wohngemeinschaft "Klang und Liebe", bestehend aus Melodie, Elisabeth, Muriel und Petrus. Alle vier waren sie auf der Suche nach Veränderung in ihrem Leben, bis sie bei Melodies Zusammenkünften auf die Lichttherapie gestoßen sind. Dann jedoch verstirbt eines Tages Melodies Schwester Elisabeth und im Raum stehen Vorwürfe an die einzelnen Mitbewohner. Haben sie Elisabeths Hilferufe nicht wahrgenommen? Ist das Weglassen von Nahrung wirklich schuld an ihrem Tod? Was sich für die Mitbewohner als Erlösung und neue Zukunft in ihrem Leben anfühlt, können Außenstehende nicht begreifen. Doch in der Haft kommen auch jedem Einzelnen so seine Zweifel.

    Meine Meinung:
    Der Kühlschrank auf dem Cover, gefüllt nur mit Licht, steht als Inbegriff für den Inhalt dieses Buches. Lichttherapie ist in bestimmter Form sicherlich gut gegen Winterdepressionen. Allerdings, was die Autorin hier als Thematik aufgreift, ist die aus der Esoterik kommende krankhafte Lichtnahrung. Hier reduzieren die Bewohner ihr Essen auf ein Minimum und leben hauptsächlich von Meditation, Gesprächen und Licht als Nahrung. Dabei lässt Gerda Blees außer den einzelnen Bewohnern auch Gegenstände, wie zum Beispiel Socken, Brot, Kugelschreiber, der Entsafter der WG und weitere zu Wort kommen. Außerdem haben die Nachbarn und sogar die Demenz ihren ganz eigenen Standpunkt. Das ist wirklich etwas ganz Neues für mich, weil ich dadurch viel besser die Wohngemeinschaft und Situation begreifen kann. Keiner hatte Elisabeths Tod vorausgesehen, jedoch hat ihn auch keiner verhindert. Schon mehrere Menschen starben, nach dem sie so eine radikale Fastenkur gemacht haben. Zuletzt kam 2019 auf diese Weise ein junger Deutscher ums Leben, der außer Licht nichts mehr zu sich genommen hat. Erschreckend ist für mich, wie naiv die einzelnen Protagonisten hier sind. Alle lassen sich von Melodies Träumen blenden und machen mit, ohne zu hinterfragen. Man spürt zwar den guten Zusammenhalt, der jedoch mit Elisabeths Tod zu bröckeln beginnt. Fraglos sehen sie die positive Veränderung in ihrem Leben, jedoch blenden sie dagegen die Negativen einfach aus. Dies liegt größtenteils sicher an Melodies Einflüssen und so werden sie nach und nach zu Mitläufern. Melodie ist hierbei kommunikativ, energisch und dogmatisch. Muriel hingegen ist eher ein Mauerblümchen, zurückhaltend, nachdenklich und leicht beeinflussbar. Petrus dagegen ist mitunter aggressiv, wütend oder total ruhig, was an der Therapie liegt. Elisabeth scheint das genaue Gegenteil ihrer Schwester zu sein, mir erscheint sie depressiv und absolut lethargisch. Der Autorin ist es hier hervorragend gelungen, mir klarzumachen, was Menschen dazu bewegt, eine solche Therapie zu machen. Zum anderen zeigt es, wie manipulativ und beeinflussbar bestimme Menschen sein können. Für mich ein wirklich ungewöhnliches Debüt, das mich gleichzeitig erschreckt, fasziniert, betroffen gemacht und zum Nachdenken einlädt. Von mir bekommt es eine Leseempfehlung und 5 von 5 Sterne.

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  1. Vor den Augen der Mitbewohner verhungert

    In einem Reihenhaus in den Niederlanden: Elisabeth van Hellingen stirbt an einem frühen Morgen an Unterernährung. Ihre drei Mitbewohner der Wohngruppe Klang & Liebe sind dabei. Peter Zwarts, Muriel de Vree und Elisabeths Schwester Melodie sind ebenfalls abgemagert. Sie werden festgenommen wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung.

    „Wir sind das Licht“ ist der Debütroman von Gerda Blees.

    Meine Meinung:
    Aufgeteilt ist der Roman in 25 eher kurze Kapitel. Bei jedem wechselt die Erzählperspektive. Das Ungewöhnliche dabei: Erzählt wird nicht nur aus der Sicht von menschlichen Figuren, sondern auch aus der von Gegenständen und sogar eher abstrakten Begriffen. Das funktioniert - mit nur kleinen Unstimmigkeiten - sehr gut und sorgt für ein besonderes Lesevergnügen.

    Die Handlung spielt in einer nicht näher beschriebenen Stadt in den Niederlanden. Sie erstreckt sich über wenige Tage. Erzählt wird chronologisch, unterbrochen von nur wenigen Rückblenden.

    Auch in sprachlicher Hinsicht hat mich der Roman überzeugt. Die Ausdrucksweise variiert ausreichend zwischen den unterschiedlichen Perspektiven. Zudem verfügt der Roman - trotz der ernsten Thematik - über eine Menge Wortwitz.

    Zu den vier Protagonisten bleibt man in gewisser Distanz. Das hält die Spannung aufrecht. Obwohl man nicht viele Details zu den persönlichen Hintergründen der Personen erfährt, wirken die Charaktere authentisch.

    Inhaltlich ist der Roman beklemmend. Wie kann es so weit kommen, dass eine erwachsene Frau ohne Not an Unterernährung stirbt? Wie kann es sein, dass ihre Wohngemeinschaft tatenlos zugesehen hat? Diesen zwei Fragen geht die Geschichte nach, die lose auf einer wahren Begebenheit basiert: Die Autorin wurde von dem Tod einer Frau im Sommer 2017 inspiriert, die in einer Wohngruppe in Utrecht lebte. Im Roman werden die näheren Umstände eines solchen Vorfalls geschildert. Unfassbar und unbegreiflich ist mir das Ganze aber dennoch geblieben, und so soll es vermutlich auch sein. Der unnötige Tod hat mich betroffen und nachdenklich gemacht.

    Thematisch ist der Roman durchaus sehr aktuell und hat auch gesellschaftspolitische Dimensionen. Es geht um psychische Manipulation, alternative Wahrheiten, das Negieren von wissenschaftlichen Tatsachen und ähnliche Aspekte, die ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen möchte.

    Trotz der Dramatik der Ausgangssituation ist das Erzähltempo eher ruhig. Die Handlung auf den weniger als 240 Seiten ist darüber hinaus überschaubar. Dennoch konnte mich der Roman konstant fesseln. Schlüssig und stimmig ist für mich, dass die Geschichte nicht alle Fragen komplett beantwortet und Platz für eigene Interpretationen lässt.

    Der deutsche Titel ist wortgetreu aus dem Niederländischen („Wij zijn Licht“) übernommen. Er passt sehr gut zum Inhalt. Das gilt auch für das ungewöhnliche Cover.

    Mein Fazit:
    „Wir sind das Licht“ von Gerda Blees ist ein aus erzählerischer und inhaltlicher Sicht sehr außergewöhnlicher und lesenswerter Roman. Eine empfehlenswerte Lektüre, die noch lange nachhallen wird.

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  1. Ein besonderer Lichtblick

    Was bin ich angetan, um nicht zu sagen restlos begeistert, von dem Debütroman von Gerda Blees. Wie oft liest man Bücher, die einen hohen Anspruch und großes Potenzial verheißen und einen mit unerfüllten Erwartungen zurücklassen. Bei „Wir sind das Licht“ ist das nicht der Fall. Im Gegenteil: der Roman ist ein Lichtblick, ein Jahreshighlight, ein Glücksgriff für alle Leser und Leserinnen, die Freude am Entdecken, am Neuen, am Innovativen haben und für die die Diskurs-Ebene eines Romans ebenso spannend ist wie die eigentliche Geschichte. In diesem Buch strahlt die Ebene der erzählerischen Vermittlung so hell, dass die Story der verhungerten Elisabeth fast zum Nebenschauplatz gerät.

    Elisabeth, Mitglied einer esoterischen Sekte, die sehr autoritär von ihrer Schwester Melodie geleitet wird, fällt der Annahme zum Opfer, dass der Mensch sich auch ausschließlich von Licht ernähren könnte. Auch wenn die Diskussion um eine mögliche Schuld der anderen Sektenmitglieder die Basis des Romans bildet, dient die eigentliche Handlung lediglich als Gerüst für die vor Energie, sprachlicher Abwechslung und detaillierter Selbstcharakterisierung strotzenden unterschiedlichen Erzählinstanzen. Voller Vorfreude erwartet man als Leser das nächste Kapitel um herauszufinden, aus welcher Perspektive der Vorfall nun im Sprachduktus eines sehr umfassenden pluralis majestatis geschildert wird. Das kann das „Licht“ sein oder auch die „Nacht“, vielleicht auch etwas ganz anderes, das hier aber nicht vorweggenommen werden soll. Alle Kapitel werden durch die unglaublich präzise Treffsicherheit mit der der Charakter der jeweiligen Erzählinstanz eingefangen wird, die Glaubhaftigkeit mit der das Eigeninteresse des Erzählers an dem Fall dargelegt wird und die manchmal schon gnadenlose Selbstentlarvung des Sprechers vereint.

    „Wir sind das Licht“ ist ein Roman, der auf kunstvolle Weise Objekten, Menschen und abstrakten Konzepten eine Stimme verleiht, die man so noch nicht gehört hat. Das Buch ist ein Fest des literarischen Anspruchs, welches sich erstmal abschreckend anhören mag, aber für niveauvollen Lesegenuss sorgt. Es ist besonders, faszinierend, einfallsreich, frisch, sehr unterhaltend und dabei in seiner Anlage schon fast genial. Schön, dass es solch ein Buch gibt, das sich traut, so facettenreich und unverbraucht die Handwerkskunst einer gediegenen Erzählperspektive aufzeigt.

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  1. Manipulation ohne genauen Fokus auf die Tat

    Klappentext:

    „Eine Wohnung, drei Frauen, ein Mann. Eine der Frauen ist tot. Als der Notarzt eintrifft, herrscht eine ruhige, ja unheimliche Atmosphäre, und er stellt fest: Elisabeth ist – vor den Augen ihrer Mitbewohner – verhungert. Muriel, Petrus und Elisabeth haben, jeder auf eigene Art, den Halt im Leben verloren. Elisabeths Schwester Melodie und der Verzicht auf Nahrung scheinen diese Lücke zu füllen. Was sich von innen – bis in den Tod – richtig anfühlt, ist von außen nur sehr schwer zu fassen. Gerda Blees erzählt aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, auch die Eltern, die Polizei oder der Tatort selbst kommen zu Wort.“

    „Wir sind das Licht“ ist der Debüt-Roman von Autorin Gerda Blees. Was erwartete uns hier? Schwierige Frage, denn diese Geschichte hat mich fasziniert und erstaunt aber dennoch habe ich etwas anderes erwartet. Beginnen wir mit dem Inhalt: als Leser erfahren wir im ersten Kapitel den Hungertot von Elisabeth. Er ist verstörend, schmerzt und lässt einen nur wortlos zurück. Eine Gräueltat wird hier beschrieben. Diese Wortlosigkeit wir dann in den nächsten Kapiteln von Gegenständen, Situationen etc. komplett abgelöst. Uns erwarten hier Kapitel wie „Wir sind das Cello.“ oder „Wir sind die Demenz.“. Diese erzählen uns das Seelenleben von Melodie, Muriel und Petrus. Elisabeth bleibt leider etwas außen vor und kommt nur selten darin vor. Wir erleben unterschiedliche Perspektiven und dies in endlos-erscheinenden, langen Bandwurmsätzen. Es ist ein hypotaktischer Stil den Blees hier nutzt. Einerseits verlieren wir Leser völlig die innere Betonung für Sätze, verlieren manches Mal den Sinn, den Hauptaugenmerk und werden auf bestimmte Weise von der Autorin geleitet. Wir werden manipuliert, genau wie Melodie ihre Mitbewohner mit ihrer Lichttherapie manipuliert. Wir Leser werden eingelullt von Wort-Geblubber das scheinbar nie enden will. Für meine Begriffe verlor sich daher der Blick auf den Tod von Elisabeth komplett. Muriel wurde dann weiter in den Fokus gerückt. Ich suchte nach dem Warum. Warum wurde dieses Elend mit angesehen? Warum wurde hier nicht eingegriffen? Sekte? Alles ist hier schonungslos und selbstredend so von der Autorin gewollt. Wir sollen den Fokus von Elisabeth aus den Augen verlieren. Wir sollen uns den Worten hingeben. Der Schreibstil ist äußerst interessant und wie gesagt, psychologisch eine reife Leistung der Autorin. Dennoch blieben mir zu viele Fragen unbeantwortet und ich hasse einfach Bücher mit offenem Ende. Für mich äußerst unbefriedigend.

    Ich muss wirklich gestehen, dieses Buch ist weder Fisch noch Fleisch für mich. Es ist interessant, faszinierend und irgendwo abgrundtief geschrieben aber ich lasse mich nicht gern beim lesen manipulieren. Ich lasse mir nicht vorschreiben wie ich ein Buch zu lesen habe, und genau das tut die Autorin mit dem Kapitel „Wir sind die Erzählung“. Man könnte aber meinen es sei Melodie selbst die dort spricht, denn Manipulation, um den Verstand reden, einreden, das Denken anderen überlassen ist hier der Fokus.

    Die Geschichte ist ein Roman und kein Krimi, das sollte hier beachtet werden. Wie gesagt, ich hatte andere Erwartungen an die Story: warum musste Elisabeth sich dieser Lichttherapie unterziehen? Was war ihre Intention? Was trieb sie dahin? Ihre Einsamkeit? Viele, viele offene Fragen.

    Die zwei Sterne gibt es nicht nur für die interessante Ausführung sondern auch für das gelungene Cover: der offene Kühlschrank mit dem Licht. Jeder hätte essen können, der Weg zum Kühlschrank stand offen aber niemand tat es. Er war das Licht zum Leben mit Nahrung. Zudem finde ich diese Geschichte als Zeugnis unserer Gesellschaft (da traf das Kapitel „Wir sind die Nachbarschaft“ sehr genau ins Schwarze), denn es muss immer erst etwas passieren bis alle Aufwachen aus ihrem Tiefschlaf…

    2 von 5 Sterne für dieses Werk.

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  1. Originell

    Originell

    Gerda Blees hat mich mit ihrem Debüt voll und ganz überzeugt. Es ist erfrischend anders wie sie es schafft die einzelnen Erzählperspektiven zu einem tollen Leseerlebnis zu vereinen. Allerdings muss man dazu sagen, dass an reiner Handlung nicht viel passiert. Es sind definitiv der Stil und die Gedanken, die Spekulationen die das gelesene hervorrufen, die ihn zu etwas Besonderem machen.

    In der Wohngruppe “ Klang und Liebe“ ist etwas schreckliches geschehen, zumindest ist man als Leser zutiefst betroffen. Elisabeth, die Schwester der Gruppenleiterin Melodie , ist gestorben. Sie war so müde, so erschöpft und ist dann für immer entschlafen. Melodie sieht dies jedoch eher positiv, ihre Schwester ist ins Licht geglitten. Einen Zusammenhang zu dem Mantra, dass sie der Gruppe auferlegt, zu gut wie nichts zu essen, sieht Melodie nicht.
    Auch Muriel und Petrus, die beiden anderen Mitglieder dieser speziellen Gruppe, stellen Melodies Ausführungen nicht in Frage.
    Die Polizei wird vom Arzt hinzugezogen und die Gruppe muss in Untersuchungshaft und wird dort verhört.
    Über die einzelnen Abschnitte erfahren wir einiges über Melodies Gründe diese Gruppe ins Leben gerufen zu haben. “Wir sind das Licht“, ist ein Konzekt was sich Lichtnahrung nennt, eine Lebensphilosophie eines Guru, wo durch Nahrungsentzug das Licht empfangen wird. Diese Erfüllung , diese Reinheit strebt Melodie für sich und ihre Schäfchen ebenfalls an. In Muriel, die immer jemanden braucht der den Ton angibt und in Petrus der Probleme hat seine Wut zu kontrollieren, findet sie willenlose Befürworter. Ihre Schwester Elisabeth ist stark in sich gekehrt, redet kaum, und fällt in der Gruppe kaum auf. Sie wird nur für kurze Zeit zu deren Mittelpunkt, als sie verstirbt.

    Der Roman macht deutlich, wie sensibel einige Menschen auf Manipulation reagieren. Ebenso wird gezeigt, dass jeder Mensch andere Bedürfnisse hat. Melodie tut es gut, anderen ihre Ideale aufzuzwingen. Muriel fühlt sich gut, wenn sie jemand an die Hand nimmt und ihren Weg vorzeigt. Oder hegt sie manchmal doch leise Zweifel und ist nur nicht willensstark genug?
    Das sind Themen mit denen Gerda Blees sich auseinandersetzt. Sie lässt die Nacht, die Erzählung, den Entsafter und vieles andere durch die Geschichte führen. Sie vermittelt einen meist emotionslosen, objektiven Blickwinkel aus der Sicht der jeweiligen Perspektive, die Objektivität des Leser mag allerdings ganz anders gelagert sein…….

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  1. 3
    12. Feb 2022 

    grandios und oberflächlich

    Der Roman „Wir sind das Licht“ ist das Debüt der niederländischen Autorin Gerda Blees. Allein das Setting reicht schon aus, um unglaublich gespannt zu sein, auf das, was der Roman zu bieten hat:

    „Eine Wohnung, drei Frauen, ein Mann. Eine der Frauen ist tot.“ Der Notarzt stellt fest, dass diese Frau, Elisabeth, vor den Augen ihrer Mitbewohner verhungert ist.
    Nach diesem packenden Einstieg beschäftigt sich die Handlung mit der Zeit unmittelbar nach diesem Vorfall. Die Mitbewohner – Melodie, Muriel und Petrus – kommen zunächst in Untersuchungshaft. Die Kriminalpolizei geht der Frage nach, ob es sich bei dem Vorfall um ein Verbrechen handelt, bzw. ob die drei Mitbewohner sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht haben.

    Diese Wohngemeinschaft ist sehr speziell und erinnert an eine Sekte. Alle vier sind bzw. waren mindestens psychisch labil, wenn nicht sogar psychisch krank. Melodie nimmt die Position der Anführerin ein. Sie dominiert die Gruppe und gibt die Regeln des Zusammenlebens vor. Die Gruppe richtet sich nach ihr.
    Muriel fehlt jegliches Selbstbewusstsein. Sie „gehört zu der Art Mensch, die andere Menschen braucht, um zurechtzukommen“. Melodie nimmt diese Rolle ein.
    Petrus hat ein Aggressionsproblem und daher Schwierigkeiten, sich auf andere Menschen einzulassen. Melodie weiß ihn zu nehmen.
    Die verstorbene Elisabeth war Melodies ältere Schwester. Mehr erfahren wir nicht über sie.
    Irgendwann beschließt die Wohngemeinschaft, dass Klang, Licht und Liebe ausreichend sind, um ein erfülltes Leben zu führen.

    Gerda Blees beschreibt das Miteinander dieser Personen in einer Art, die das Groteske dieser besonderen Lebenseinstellung mehr als verdeutlicht. Melodie ist das Paradebeispiel einer Esoterik-Tante, die das Vokabular der Spiritualität aus dem Eff-Eff beherrscht. Als Leser hat man zwei Möglichkeiten, auf Melodies Abgedrehtheit zu reagieren – entweder mit Humor oder mit Ärger über soviel dummes Geschwätz einer verblendeten Möchtegern-Therapeutin.

    „Wir sind das Licht“ ist ein Roman, dessen Besonderheit in der originellen Erzählweise der Autorin liegt. Gerda Blees erzählt diese Geschichte aus ungewöhnlichen, teilweise verrückten Perspektiven. Jedes der 25 Kapitel wird aus einer anderen Sichtweise erzählt. Erzähler sind dabei nicht die Charaktere dieses Romans, sondern Objekte bzw. Subjekte am Rande des Geschehens, die den Leser mit ihrer Vorstellung zu Beginn eines Kapitels jedes Mal aufs Neue überraschen. Die Autorin beweist mit der Wahl dieser unterschiedlichen Perspektiven einen unglaublichen Einfallsreichtum. Keine Frage, die Erzählweise dieses Romans ist einfach grandios.

    Doch allein eine grandiose Erzählweise macht für mich keinen grandiosen Roman aus.
    Leider bleibt Gerda Blees mit der Geschichte an der Oberfläche und schafft es nicht, die Geschichte über das Setting hinaus weiterzuentwickeln. Die Charaktere dieses Romans sind allesamt psychisch labil bis gestört. Natürlich möchte ich wissen, wie sie zu den Menschen geworden sind, als die sie sich in diesem Roman präsentieren. Bei einem derartig verstörenden Setting erwarte ich Erklärungen, insbesondere, was die Motivation der Protagonisten betrifft. Doch leider schweigt sich die Autorin zu den Hintergründen aus.
    Dadurch ergibt sich ein gravierendes Ungleichgewicht zwischen dem „was sie erzählt“ und dem „wie sie es erzählt“. Gerda Blees‘ originelle Erzählweise dominiert diesen Roman und macht die eigentliche Geschichte zur Nebensache. Sehr schade!

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  1. Ein Todesfall bei Klang und Liebe

    Schon während der ersten Zeilen gelangt man sofort ins Zentrum der Geschichte von Gerda Blees´ Debütroman, in dem man als Leser die letzten Atemzüge der unterernährten Elisabeth van Hellingen miterleben darf. Ihre Schwester Melodie hält ihre Hand, springt anschließend sofort beseelt auf, freut sich über den „fließenden Übergang“ der Verstorbenen, der „doch ach so natürlich“ war – befremdlich. Petrus und Muriel, die auch zur spiritistischen Wohngruppe „Klang und Liebe“ gehören, machen eher einen betretenen Eindruck. „Beide sind nur noch Haut und Knochen, wie die Sterbende; ihre Wangen sind eingefallen, ihre Augen liegen tief in den Höhlen. Sie sind zwar nicht im Begriff zu sterben, aber wir können ihre Skelette schon durch die Haut schimmern sehen.“ S. 8

    Es ist dieser Todesfall, dessen Aufarbeitung im Mittelpunkt des Romans steht. Der herbeigerufene Notarzt kann keine natürliche Todesursache feststellen, Elisabeth war nicht krank und ihr Alter, das irgendwo in den 50ern liegt, nicht sterbensnah. Die Tote kommt also zur Rechtsmedizin, ihre Mitbewohner landen in Untersuchungshaft.

    Was die Autorin uns jetzt serviert, ist ein großes Feuerwerk verschiedener literarischer Stimmen, die uns jeweils einen kleinen Ausschnitt rund um Elisabeth, ihr Leben und Sterben, ihre Familie sowie natürlich die Wohngruppe liefern. Dabei kommen unterschiedliche Figuren, Zustände und Dinge (sogenannte Entitäten) zu Wort. Ihr Ton hört sich überzeugend und unbeirrbar an, sie sprechen in der 1. Person Plural (oder ist es der Pluralis Majestatis, der laut Wikipedia eine Person als besonders würdig oder mächtig auszeichnen soll?). Man neigt dazu, ihnen ihre selbstgerecht wirkenden Elegien abzunehmen und zu glauben, was sie erzählen. Dabei berichten sie nicht nur über ihre Beobachtungen, Erlebnisse und Ansichten. Sie werfen Fragen auf (auch kritische), sie diskutieren, disputieren, ziehen Rückschlüsse, interpretieren und kommentieren. Faszinierend, dass jedes Kapitel einen eigenen Ton hat und manche auch eine eigene Form besitzen: die Nacht muss sich beeilen, weil der Tag anbricht; der Demenz verschwimmen Personen und Inhalte (was sich unglaublich berührend liest, wenn man die Tücken der Krankheit kennt); die Familie korrespondiert überschneidend und missverständlich via WhattsApp usw.

    Völlig zurückgezogen von der Welt lebten Melodie, Elisabeth, Petrus und Muriel als Wohngemeinschaft in Melodies Haus. Sie machten jeden Schritt gemeinsam, ernährten sich von Luft und Licht, was Ihnen ein Scharlatan als glückverheißendes Lebensmodell verkauft hatte. Zeremonienmeisterin der Gruppe war Melodie. Sie dominierte, kontrollierte und manipulierte, sie achtete darauf, dass die konsequenten Ernährungs- und Abstinenzregeln eingehalten wurden. Aber hat sie sich dadurch im engen Sinne wirklich strafbar gemacht? Hat sie nicht das Beste für ihre labilen Schäfchen gewollt? Hat sich Elisabeth vielleicht selbst vom Ballast ihres Lebens befreit oder fiel sie tatsächlich einem Tod durch unterlassene Hilfeleistung zum Opfer? Die Polizei ermittelt, allen voran Liesbeth, die nicht ganz unbefangen an den Fall herangeht, weil ihre eigene Tochter an Magersucht leidet.

    Zum ersten Mal seit langem sind die Mitglieder der Wohngruppe nun allein in ihren Zellen, wo sie sich unbeeinflusst ihren Gedanken hingeben können. Doch sie haben keine eigenen Stimmen. Nur mittelbar berichten uns Rechtsbeistand, Fakten, Wollsocken, Eltern und die rund 20 anderen Sprachrohre auch deren Sicht der Dinge. Für jede Perspektive ein Kapitel. Das mag sich verrückt anhören, ist aber ungemein stimmig konzipiert. Obwohl das Grundthema ein ernstes ist, versteht es die Autorin, den Stimmen mitunter Leichtigkeit mitzugeben. Teilweise strotzen sie dermaßen vor Ironie und Sarkasmus, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Das elitäre, esoterische Geschwafel Melodies ist kaum zu ertragen und hat parodistische Züge – wenn es nur nicht so dramatische Folgen gehabt hätte. Melodie ist auch nicht grundsätzlich böse, sie glaubt an das, was sie predigt. Man könnte sie als komplett verblendet bezeichnen. Insofern empfinde ich die Figurenzeichnung als mehrschichtig und gelungen.

    Nicht jede neue Stimme bringt auch grundlegend neue Fakten ans Licht. Oft ist es nur eine weitere Facette, die den Blick auf das gesamte Drama schärft, dabei aber keine grundlegend neuen Inhalte präsentiert. Das mag man kritisieren. Mich persönlich hat der Roman von Kapitel zu Kapitel mehr begeistert. Ich war neugierig, was sich die Autorin als nächstes einfallen lassen würde. Sie enttäuscht ihre Leser nicht. Gerda Blees ist eine neue, innovative und mutige Stimme am Literaturhimmel. Sie hat den tragischen Tod eines Menschen zum Anlass genommen, um seine Hintergründe zu beleuchten.

    In einem solchen Fall wird man vielleicht nie alles herausfinden können: jeden Hintergrund, jede schwierige Biografie, jedes „Wie ist es dazu gekommen?“. Manches muss eben offen bleiben. Im Reinen bin ich auch mit der letzten Szene, deren Kapitel bezeichnenderweise mit dem titelgebenden Satz „Wir sind das Licht“ eingeleitet wird. Blees bleibt bis zum Schluss realistisch und glaubwürdig.

    Ein wirklich tolles, ideenreiches, nachdenkliches Buch über eine skurrile Wohngruppe mit einem tragischen Todesfall. Unbedingt selber lesen!

    Große Empfehlung!

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  1. Dünner Stoff

    Gerda Blees Debütroman handelt von einer nicht näher verorteten Wohngemeinschaft in den Niederlanden. Drei ihrer Bewohner schauen tatenlos zu, wie Elisabeth, die Schwester von Melodie, vor ihren Augen das Bewusstsein verliert und stirbt. Nachdem sicher ist, dass Elisabeth tot ist, wird ein Notarzt gerufen. Dieser informiert die Polizei, weil er festgestellt hat, dass Elisabeth verhungert ist. Die Polizei verhaftet Melodie, Muriel und Petrus und leitet Ermittlungen ein.

    Die erste Zeugin, die dem Geschehen beigewohnt hat, ist die Nacht. Sie erzählt von den letzten Minuten Elisabeths und von den Reaktionen der drei Umstehenden. Anschließend meldet sich das Haus zu Wort, das jetzt zum Tatort geworden ist und schamlos von Ermittlern durchsucht wird.
    Das Brot entschlüsselt das schwierige Verhältnis der WG zum Essen. Es stellt sich heraus, dass ihre Mitglieder der Nahrung entsagen wollen, damit sie allein von der Lichtenergie leben können.
    Nach und nach melden sich also Dinge, aber auch Instanzen, wie ein Orangenduft und die Fakten zu Wort. Sie entlarven das Gepäck der Menschen, nicht nur die Haltlosigkeit Muriels und Petrus, sondern auch die Peristase der Ermittlerin, die selbst mit der Magersucht ihrer Tochter kämpft.

    25 Kapitel beschreiben also den Tod Elisabeths, ihre Familie, die Menschen der "Klang und Liebe" Gemeinschaft und enthüllen so nach und nach die grausame Wahrheit. Sie wurde Opfer einer kruden, spirituellen Idee. Die Menschen, die ihr hätten helfen können, waren selbst gefangen in ihren Gedanken, kämpfen mit ihren eigenen Dämonen, die Mutter Muriels und Elisabeths gar mit ihrer Demenz und so bleibt die Schuld schließlich allein bei den Umständen.

    Der außergewöhnliche Aufbau des Romans besticht durch sein Ideenreichtum, den Dingen, Gerüchen, Gefühlen eine authentische Stimme zu geben. Ich war überrascht von den vielen kleinen Dingen, die etwas zur Geschichte beitragen konnten und gleichzeitig ganz bei ihrer Natur blieben, so der Kugelschreiber, der sich darauf freut, etwas längeres als eine Liste zu schreiben. Die kognitiven Dissonanzen, die sich schleunigst wieder ins Gleichgewicht bringen wollen. Ich war regelrecht geblendet von dieser Vielfältigkeit, so dass ich erst nach der Lektüre merkte, dass mir etwas fehlte.

    Es fehlte mir das Voranschreiten der Ereignisse, es fehlte mir ein Ergebnis. Die glitzernden Schussfäden ergeben ein wunderbares buntes Bild, die Kettfäden allerdings sind zu dünn und drohen bei längerem Nachdenken zu reißen.

    Die Erzählung, das 17. von 25 Kapiteln bringt es zur Sprache. Sie beschwert sich über ihre Autorin, die abgelenkt ist und sich keine richtigen Gedanken mehr um ihren Roman macht. Ist dieser Schachzug genial, oder frech? Gerda Blees traut sich was und damit hat sie gewonnen. Jetzt fehlt nur noch ein wenig Konsequenz, dann würde der Fan in mir jubeln.

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  1. 5
    05. Feb 2022 

    Wir sind die Bewunderung

    Wir sind die Überraschung. Selten stellen wir uns noch beim Lesen ein, da alles schon einmal dagewesen scheint. Aber nein, schon beim ersten Satz des gelesenen Romans war unsere Leserin überrascht. Er beginnt nämlich mit dem Satz "Wir sind die Nacht." und lässt gleich im ersten Kapitel die Nacht davon erzählen, was sich in dieser merkwürdigen Wohngemeinschaft zugetragen hat, dass hier jemand gestorben ist und danach alles ganz schnell ging, bis zum nächsten Tag. Als Überraschung erscheinen wir meist nur einmal kurz, denn wir sind per definitionem eigentlich ein kurzfristiges, einmaliges Gefühl. Aber während unsere Leserin dieses Buch las, traten wir gleich mehrfach auf. Mindestens 24 Mal, denn so viele Kapitel hat das Buch und - "Überraschung!" - jedes Kapitel wird von unterschiedlichen Entitäten (konkrete oder abstrakte Gegenstände, wer es nicht weiß und von diesem Wort "überrascht" ist) erzählt.

    Wir sind der Plot. Unsere Leserin hat einen Roman über ein anorektisches Mädchen vielleicht Anfang 20 erwartet, die in ihrer WG an Unterernährung verstirbt. Dann wird geforscht, wie es dazu kommen konnte, usw. usf. Aber nein, wir sind kein aufgrund des Klappentextes vorhersehbarer Plot. Denn es geht um eine ältere Frau, mit grauen Haar, emotional sensibel, wortkarg, die einfach verhungert und es sitzen drei erwachsene Menschen währenddessen um sie herum, schauen zu und tun: nichts. Danach erfahren unsere Leser, wenn sie sich nicht durch die Überraschung über die Erzählperspektiven zu stark ablenken lassen, wie es zu der eingestellten Nahrungsaufnahme kam, wer die alternative Wohngruppe anleitet und vielleicht auch diese eine Person, Elisabeth ist ihr Name, in den Tod geführt hat.

    Wir sind das Gehirn. Wir haben gern etwas zu tun. Und bei der Lektüre dieses Romans hatten wir ganz schön viel zu tun. Gar nichts so sehr auf der inhaltlichen Ebene (verratet es nicht "dem Plot") sondern vielmehr dadurch, dass wir uns immer wieder auf neue Erzählperspektiven einstellen mussten. Da tun nämlich nicht nur "die Nachbarn" ihre Meinung kund, sondern auch "das Brot", "der Orangenduft" oder (ganz grandios) "die Demenz".

    Wir sind das Bücherregal. Häufig bekommen wir die Last von unglaublich dicken, schweren Büchern aufgebürdet. Dann wieder von viel zu dünnen, leichten Heftchen, die wir fast gar nicht auf unserem Rücken spüren. Mit dem vorliegenden - oder für uns eher "aufliegenden" - Werk haben wir aber genau das richtige Gewicht zum Aufbewahren bekommen. Es hat, wie es die Menschen sagen würden, genau die richtige Länge. Es endet an der perfekten Stelle, ist anspruchsvoll zwischendurch, aber nicht zu "schwer" trotz des Themas einer verhungerten Person im Inneren. Mit solchen Büchern sind wir immer sehr zufrieden, die bewahren wir noch sehr gern lange auf unseren Holzbrettern auf und vielleicht nimmt unsere Leserin ja genau dieses Buch in ein paar Jahren noch einmal aus uns heraus, um es noch einmal zu lesen. Denn wir haben gehört, auch das würde sich bestimmt lohnen. Wir wissen aber schon jetzt: Nie wieder werden wir dieses tolle Exemplar seiner Art wieder gänzlich abgegeben.

    Wir sind die Leselampe. Wir sind eigentlich immer sehr pflichtbewusst. Bescheinen mit angenehmen Leselicht die Bücher, die unsere Besitzerin gerade lesen möchte. Normalweise bekommen wir dadurch nie den Schutzumschlag eines Buches zu sehen, weil dieser zuvor sicherheitshalber zur Seite gelegt wird. Den Sinn dahinter verstehen wir nicht, denn er soll ja das Buch "schützen". Aber gut, wir sind ja "nur" eine Leselampe. Bei "Wir sind das Licht" hat uns aber ganz besonders das Cover interessiert. Also haben wir, ganz schnell, wenn unsere Leserin mal gezwinkert hat, unser Licht auf den Umschlag geworfen. Das Umschlagbild erschien uns dabei sofort ganz passend. Das können wir beurteilen, denn wir lesen immer heimlich den Inhalt mit, während wir Licht spenden. Das Cover ist unheimlich und anlockend zugleich. Es ist stilsicher und gefällt auf den ersten Blick.

    Wir sind die Bewunderung. Uns verspürt unsere Leserin nicht bei jedem Buch, nein, wir entstehen nur, wenn ihr etwas ganz Besonderes vorgelegt wird. Und der Roman "Wir sind das Licht" ist so etwas Besonders. Er ist innovativ und mutig für eine Debütantin im Feld der literarischen Veröffentlichungen. Hier hat sich jemand etwas gewagt - und gewonnen. So klingen wir noch lange in unserer Leserin nach, die gar nicht aufhören kann von diesem Roman zu schwärmen. Wir als Bewunderung versuchen so häufig wie möglich gefühlt zu werden, deshalb würde unsere Leserin diesen Roman von Gerda Blees auch so ziemlich allen Leser*innen weiterempfehlen. Also sagen wir: Lest dieses umwerfende Debüt!

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  1. 4
    04. Feb 2022 

    Das Brot

    In der Wohngruppe Klang und Liebe wohnen Melodie, ihre Schwester Elisabeth, Muriel und Petrus. Sind auf der Suche und auf diesem Weg wollen sie entsagen. Besonders Melodie ist der Meinung, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen haben. Doch eines Abends verspürt Elisabeth das Bedürfnis, sich hinzulegen. Ihr wird alles zu viel. Elisabeth stirbt. Und der Arzt, der den Totenschein ausstellen soll, kann keinen natürlichen Tod bescheinigen. Die drei verbliebenen Hausbewohner werden vorläufig festgenommen. Damit hat die Polizei zwei Tage Zeit, um herauszufinden wieso Elisabeth vor der Zeit gestorben ist.

    Aus wirklich sehr verschiedenen Perspektiven schildert die Autorin das Geschehen. Und lernen der Leser Melodie kennen, die nach dem Scheitern nie wieder richtig auf die Füße gekommen ist und nun den Vorsitz genießt. Ebenfalls zu treffen ist Muriel, die sich nicht mehr im Einzelnen an den Abend erinnern kann. Und Petrus, der mit seiner Wut beschäftigt ist, er konnte nicht bemerken, dass es Elisabeth nicht wohl war. Kann die Polizei überhaupt eine Chance haben, hier Licht ins Dunkel zu bringen? Besonders die Beamtin Lies engagiert sich, sie fühlt sich in bestimmten Momenten an ihre Tochter erinnert, die ihr viel Kummer bereitet.

    Dieser Roman ist irgendwie kurios, ungewöhnlich und außergewöhnlich. Gerade die unterschiedlichen Perspektiven, die die Autorin wählt; darunter unter anderem ein Brot; machen die Handlung sehr speziell und damit fesselnd. Für Menschen, die gerne Kriminalromane lesen, hat dieses Werk einen gewissen Reiz, nur könnte der Ausklang als etwas zu offen empfunden werden. Dennoch ist das Lesevergnügen groß, diesen Roman muss man möglicherweise einmal entdecken und dann nochmal genießen. Auch wenn die handelnden Personen vielleicht als eher eigen auftreten, so ist die Art wie man sich ihnen annähert fast schon genial. Dieser Roman besticht wahrhaftig durch seine wunderbare Form, ein Feuerwerk an Anreizen fürs Denkorgan.

    4,5 Sterne

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  1. Wenn sich Klang und Liebe streiten

    Drei Frauen und ein Mann leben in einer nicht näher bezeichneten niederländischen Stadt in der Wohngruppe "Klang und Liebe" zusammen. Doch das Ziel, sich vornehmlich von Licht zu ernähren, geht fürchterlich schief: Elisabeth stirbt völlig unterernährt. Als der herbeigerufene Notarzt einen unnatürlichen Tod feststellt, geraten die drei anderen Bewohner:innen ins Visier polizeilicher Ermittlungen. Wie konnte es zu einer solchen Radikalisierung kommen und wieso konnte niemand Elisabeths Tod verhindern? Darüber schreibt Gerda Blees in ihrem Debütroman "Wir sind das Licht".

    Es ist ein bemerkenswert innovativer Roman geworden, der vor allem aufgrund der Erzählperspektive aus dem Rest der zeitgenössischen Literatur heraussticht. Denn Gerda Blees traut sich unheimlich viel - und das in einem Erstling. In den 25 Kapiteln gibt es sage und schreibe 25 verschiedene Erzähler:innen, die die Leser:innen mit einem umarmenden "Wir" im jeweils ersten Satz sofort für sich einnehmen. Dabei macht die Autorin auch vor unbelebten Gegenständen oder Abstrakta keinen Halt. "Wir sind die Nacht", heißt es gleich zu Beginn, "wir sind ein Cello" an einer anderen Stelle. Manchmal geraten sie sich sogar in die nicht vorhandenen Haare, wenn man bei "Klang und Liebe" völlig anderer Auffassung über die Bewohner:innen ist - und sich trotzdem arrangieren muss.

    Nichts ist erwartbar in diesem Buch, alles ist neu, alles ist aufregend. Stück für Stück sorgt die Multiperspektivität dafür, das Puzzle um die Wohngruppe zusammenzusetzen. Während der Inhalt eher langsam voranschreitet, ist dennoch für eine anhaltende Spannung gesorgt. Denn ich fragte mich immer, welche der Stimmen sich als Nächstes zu Wort meldet.

    Besonders gelungen ist dies, wenn sich auch die Form des Textes dem Inhalt anpasst. Wenn die Nacht kurz vor ihrem Ende steht und schon der Morgen graut, muss das Geschehen eben mal in einer Seite ohne Punkt und Komma heruntergerattert werden. Wenn die Demenz eingreift, verschwimmen nicht nur die Inhalte des Erzählten, sondern der Text selbst verliert seine Form. Das ist genial und bewegend, und ich fühlte mich wohl noch nie den Gedankengängen einer/s Demenzkranken so nahe. Wenn dann noch die Erzählung selbst eingreift und sich über die Ideenlosigkeit ihrer eigenen Autorin beklagt, sollten auch die Letzten bemerken, in welch klugem literarischen Meisterwerk wir uns bewegen.

    Dabei störte es mich nicht einmal, dass ich zu keiner der Figuren irgendeine Art von Bindung aufbauen konnte, was sonst für mich viel zur Qualität eines Romans beiträgt. Vielmehr gab ich mich uneingeschränkt diesem erzählerischen Rausch hin und konnte letztlich nur staunend konstatieren: "Wir sind die Literatur".

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  1. Manipuliert bis zum Tod

    Es geht hier um die Wohngemeinschaft „Klang und Liebe“ mit vier Personen, die versuchen von Licht zu leben. Melodie, Petrus, Melodies Schwester Elisabeth und Muriel wohnen hier. Alle nehmen „erfolgreich“ an einem sehr, sehr teuren 9-tägigen Online-Seminar teil, währenddessen nichts gegessen werden darf. Ob der Seminarveranstalter sich nun daheim an seine eigenen Regeln hält, darf bezweifelt werden. Auf jeden Fall purzeln die Taler in seine Börse.

    Melodie, in deren Haus sich sowohl das stille Leiden von Elisabeth wie auch die laut raus gebrüllte Verzweiflung von Petrus ereignen, hält jedoch ihre kleine Sippe immer wieder mit höchst raffinierter Manipulation zusammen. Glück und Liebe sehen wohl anders aus. Wird Muriel es schaffen, dieser Dominanz etwas entgegenzusetzen?

    Zitat, Seite 26, 27: „Und auch wenn sie oft genug laut aussprechen, wie nett sie sich gegenseitig finden […] und warum sie miteinander so glücklich sind, können sogar wir, ein einfaches Achtzigerjahrehaus, von ihren Gesichtern ablesen, dass mehr als die Hälfte von dem, was sie sagen, gelogen ist. Und jeden Tag legt sich jemand auf das Sofa und weint, oder tritt seinen Fuß an der Hauswand kaputt.“

    Ich hatte über Lichtnahrung gelesen und dass man im Sommer damit anfangen soll, weil es dann „erfolgreicher“ sein könnte, als im Winter. Die Dame, die das propagierte, sah so „normal“ aus, dass ich mich gewundert habe. Ich sah auch einen Film über ein Ehepaar, er Lichtgenährter, der nur Flüssigkeit zu sich nahm und sie Esserin. Die saßen zusammen am Tisch, sie aß, er trank nur. Der Mann hatte sogar ein kleines Bäuchlein, was ich recht erstaunlich fand.

    Im Buch stirbt Elisabeth im Beisein ihrer drei Genossen eines Nachts an Unterernährung. Ein leiser, unspektakulärer Tod im Schlaf. Einzig Muriel möchte einen Arzt rufen, aber die dominante Melodie erstickt dies Ansinnen im Keim. So stirbt Elisabeth ohne im System noch einmal reanimiert zu werden.

    Zitat, Seite 47, Melodie beklagt sich über das System: „Meine Schwester stirbt, nachdem ich jahrelang versucht habe, ihr zu helfen, und dann stecken sie mich, dann stecken sie uns in eine Zelle. So unmenschlich. Die hören nicht zu, die ziehen einfach ihr Ding durch. Verstecken sich hinter Regeln und Verfahren. Was für ein schreckliches System. Ein schreckliches und kaltes System. […] Als wären wir keine Menschen, sondern Hunde.“

    Was der geschätzte Leser nun in der Jetztzeit über die o. g. Regeln etc. so denkt, das bleibt jedem selbst überlassen. Die Autorin übt m. E. nach jedenfalls herbe Kritik am System und das nicht nur in Sachen Unterernährung, dem Thema ihres Romans.
    Sie antwortet zudem sehr deutlich auf die Frage nach der politischen Dimension ihres Romans, denn ihr Buch erschien in den Niederlanden mitten im ersten Lockdown.
    Zitat der Autorin im Interview: „Aber mit der Zeit ist mir klargeworden, dass der Roman sehr anschaulich vor Augen führt, wie sich Menschen eine eigene Realität schaffen, ein Problem, das uns während der Krise sehr beschäftigt. In meinem Buch sind die Ursachen eine Kombination aus sozialer Isolation auf der einen und dem unbegrenzten Zugang zu sehr viel (Des-)Information auf der anderen Seite. Die Geschichte zeigt, wie schwer es ist, Menschen von ihren Überzeugungen abzubringen, selbst wenn für die Außenwelt ganz klar ist, dass sie sich mit dieser Denkweise Schaden zufügen.“

    Fazit: Dieses Buch ist sehr unkonventionell und ich fand es elektrisierend. Dennoch hat mir etwas Namenloses gefehlt, möglicherweise Spannung, Überraschung, Unvorhergesehenes, der Kick, deshalb ein kleiner Stern Abzug. Und Gerda Blees’ Lichtnahrungsliteratur ist sicher nichts für die Leute, die einen „normalen“ Roman erwarten. Denn die Wir-Erzähler wechseln in jedem Kapitel und sie sind Häuser, Gefühle(?), Nahrung, Gegenstände, Flüchtiges – oder ganz Gruseliges ... - aber lest selbst. ****

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Muttermilch: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Muttermilch: Roman' von Melissa Broder
NAN
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Inhaltsangabe zu "Muttermilch: Roman"

Statt Thora liest Rachel lieber Kalorientabellen und kann sie runterbeten. Statt in die Synagoge geht sie lieber in den Frozen-Joghurt-Laden. Rachel hadert nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit ihrer Mutter. Die Therapeutin empfiehlt ihr ein mütterliches Kommunikations-Detox. Doch auch das Topping auf dem Frozen Joghurt kann das emotionale Loch nicht schließen. Da taucht Miriam auf, eine junge orthodoxe Jüdin, die die besten Eisbecher der Stadt kreieren kann. Rachel ist hingerissen von dieser Frau – ihrem Hunger, ihrem Körper, ihrem Glauben und ihrer Familie und begibt sich auf eine Reise voller Spiegel, Mystizismus, Mütter, Milch und Honig. So pointiert und witzig wurde noch nicht über Essverhalten, so schonungslos über verkorkste Mutter-Tochter-Beziehungen und Selbsthass geschrieben. Dabei verliert Melissa Broder aber auch das große Ganze nicht aus dem Blick: die Oberflächlichkeit unserer Welt, den Glauben an Etwas und die Rolle des weiblichen Körpers. Eine zärtliche und wilde Meditation über Liebe und Sein.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:352
Verlag:
EAN:
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Tage ohne Hunger: Roman (Taschenbücher)

Buchseite und Rezensionen zu 'Tage ohne Hunger: Roman (Taschenbücher)' von Delphine de Vigan
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Tage ohne Hunger: Roman (Taschenbücher)"

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:177
Verlag:
EAN:
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Rezensionen zu "Tage ohne Hunger: Roman (Taschenbücher)"

  1. 5
    03. Nov 2020 

    Ein verstörender und berührender Blick auf das Empfinden einer a

    Ein verstörender und berührender Blick auf das Empfinden einer anorektischen Laure

    Ich habe "Tage ohne Hunger" gelesen und es hat mir sehr gefallen! Ich arbeite in einer Psychiatrie und habe schon Patientinnen mit einer Anorexie auf Station gehabt und von daher fand ich die Beschreibungen der Erzählstimme absolut real, sehr bedrückend und dem Leser viele Einblicke in die Gedankenwelt einer Erkrankten bietend und damit baut dieses Buch ein Verständnis für die Erkrankten auf. Was wichtig ist! Denn die Denkweise der Blauen, einem Charakter aus dem Buch, ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Dass eine Therapie fehlt, nicht angeschnitten wird, hat mich nicht gestört, dies wäre in meinen Augen auch etwas weit gegriffen. Das psychologische Verändern der Denkmuster der Erkrankten ist ein langwieriger und absolut individueller Prozess, denn die Ursachen werden bei jeder Erkrankten/bei jedem Erkrankten in der Vita zu finden sein und sind unterschiedlich anzugehen. Man bekommt ja aber durchaus eine Ahnung von den verschiedenen Gründen bei Laure. Auf jeden Fall finde ich es sehr mutig von Delphine de Vigan dieses Buch geschrieben zu haben! Und es ist ein sehr wichtiges Buch! Für Erkrankte, wie auch für die Therapeuten, wie auch für die interessierte Bevölkerung. Denn Verständnis für diese Erkrankung ist hier lebenswichtig! Es ist schon sehr erschreckend was dauernder Druck bewirken kann, was dieser erzeugen kann! Und weiterer Druck ist noch zerstörerischer, noch tödlicher, dass sollte jedem klar sein, der mit Patienten mit einer Anorexie in Berührung kommt. Nur Verständnis für Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen hilft diesen. Verständnis und Zeit für die Patienten. Und das wird in unserer Welt, in der die Medizin ein Wirtschaftszweig geworden ist, immer schwieriger. Denn hier zählt immer mehr der schnöde Mammon und nicht mehr der Mensch. Auch das sollte jedem klar sein und jeden mit etwas anderen Augen auf die Medizin blicken lassen. Vielleicht passiert das ja nach dem Corona-Klatschen!!! ...

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Jägerin und Sammlerin: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Jägerin und Sammlerin: Roman' von Lux, Lana
5
5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Jägerin und Sammlerin: Roman"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
Verlag:
EAN:9783351037987
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Rezensionen zu "Jägerin und Sammlerin: Roman"

  1. Jagen und Sammeln

    Alisa steht kurz vor dem Abitur. Sie teilt sich eine Wohnung mit Mascha, hat gute Noten, mehrere Nebenjobs. Kleine Dinge bereiten ihr Freude, sie sammelt, Kakteen, Perlen, Kuscheltiere. Aber Alisa ist kein glückliches Mädchen. Sie hasst ihren Körper, bei jeder Situation, die sie überfordert, beginnt sie unkontrolliert zu essen und alles wieder zu erbrechen. Darauf folgen Verzweiflung und Selbstvorwürfe, weitere Überforderung, ein ewiger Kreislauf. Auf ihre Freundin Mascha kann sie nicht zählen, die hat ihre eigenen Schwierigkeiten mit einer Essstörung. Alisa findet eine neue Freundin – Mia – kurz für Bulimia nervosa. Mia hat Alisa voll im Griff, hält sie aufrecht, ist immer für sie da. Alisas Mutter Tanya sieht nicht was mit ihrer Tochter vorgeht, verleugnet die Situation, ist immer nur mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Tanya ist die geborene Jägerin, immer auf der Jagd nach mehr Anerkennung, Erfolg, Schönheit.
    Lana Lux verhandelt in ihrem Roman „Jägern und Sammlerin“ ein toxisches Mutter-Tochter-Verhältnis. Dabei ist sie wertfrei, empathisch und bringt mir die Protagonistin Alisa sehr nahe.
    Es sind schwierige Verhältnisse, in die Alisa geboren wurde. Alisa konnte schon als kleines Kind nie den Ansprüchen der Mutter genügen. Die Familie, die aus der Ukraine nach Deutschland emigriert ist, findet in der neuen Heimat keinen Anschluss. Der Vater, wesentlich älter als die Mutter, war in der Ukraine ein erfolgreicher Geschäftsmann und hat für Tanya und Alisa seine Frau und ältere Tochter verlassen. Nun kann er keine Arbeit finden, will die neue Sprache nicht lernen. In Alisas Kindheitserinnerungen hört sie die Mutter immer nur fordern, streiten, schreien. Der Vater resigniert solange, bis er allein in die Ukraine zurückkehrt. Statt der Tochter eine liebevolle Stütze zu geben, beansprucht Tanya Alisa immer wieder Alisas Unterstützung und Trost. Das Mädchen, später der Teenager, die junge Frau begreift noch nicht, dass sie sich aus dieser Situation lösen muss, um zu überleben.
    „Ich weiß nicht mehr was real ist. Alles ist irreal. Alles ist real. Ich verstehe die Welt überhaupt nicht, oder ich bin ganz nahe dran, sie voll und ganz zu verstehen, Ich schwanke zwischen diesen Zuständen.“
    Alisa erreicht einen Punkt, wo sie begreift, dass sie so nicht mehr weiter machen kann. Sie erkennt den Tiefpunkt ihres Lebens, wird ihn später mit Datum und Uhrzeit nennen können.
    „Ein Tiefpunkt ist jedoch kein Todeszeitpunkt, denn anders als zu einem Todeszeitpunkt ist an einem Tiefpunkt noch nichts entschieden. Noch nicht einmal, ob er wirklich der endgültige Tiefpunkt ist. Ein Tiefpunkt kann außerdem lange andauern, bis er zu einem exakten Todeszeitpunkt wird. Mir war klar, dass ich nur noch wenige Monate hatte, bevor ich obdachlos werden und einsam auf der Straße sterben würde.“
    Alisa schafft den wichtigsten Schritt ihres jungen Lebens, den Schritt in die Therapie. Herzstück dieses Buches wird ein Brief sein, den Alisa ihrer Mutter Tanya schreibt. Ein Brief, der die letzte Kontaktaufnahme zu Tanya wird.
    „Du bist nicht schuld.“ schreibt Alisa. „Aber du bist mir auch keine Hilfe gewesen, du hast mich nicht in meiner Not gesehen, du hast mir nicht die Hilfe zukommen lassen, die ich gebraucht habe.“
    Selbst in diesem Moment kann Tanya nicht die Not ihrer Tochter erkennen, sieht sich selbst in einer Opferrolle, verharrt in ihrem „Tanya-Universum“, in dem sich alles nur um sie dreht.
    Das Beste für sich und seine Kinder zu wünschen ist nicht verkehrt. Doch wer immer nur das Beste im Auge hat, kann das Unglück anderer nicht sehen. Lana Lux widmet sich der kaputten Mutter-Tochter-Beziehung mit einer Eindringlichkeit die schmerzt.

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  1. 5
    10. Jul 2020 

    Ich habe einfach noch nicht gelebt.

    Ein wunderbares Buch! Ein grandioser Blick auf eine Mutter-Tochter-Beziehung! Ein empathischer Blick! Ein berührender Blick! Ein Blick, der weh tut! Aber das Wichtigste, es ist kein wertender Blick! Lana Lux schafft es hier eine Geschichte und zwei Charaktere zu zeichnen und diese Zeichnung berührt ungemein. Dem Leser wird vermittelt, was eine Bulimie bedeutet und dem Leser wird vermittelt, dass diese Erkrankung Ursachen hat. Ursachen, die man als Betroffene/Betroffener wenig beeinflussen kann und von daher dürfte ins Bewusstsein des Lesers die Einsicht vordringen, dass diese Erkrankung auch jeden treffen kann. Es gibt ein schönes Sprichwort; der Krug geht solange zum Wasser bis er bricht; und wir alle sind Krüge, brechen können wir alle. Vielleicht ein Buch, welches den Blick auf psychiatrische Erkrankungen verändern kann. Und definitiv ein Buch, welches das Potenzial zum Helfen hat, für die richtigen Leser! Ein wichtiges Buch, welches v i e l e Leser finden sollte! Eine tolle Leistung von Lana Lux! Ein weiteres Thema des Buches ist eine gewisse Wurzellosigkeit, denn es geht um Einwanderer und ihre Integration. Und es geht um Lebensziele und Lebensinhalte; und ebenso um Wünsche und die Realität. Dieses Buch ist ein 5 Sterne Kandidat für mich! Ich liebe es und empfehle es sehr gern weiter!

    Um wen geht es in "Jägerin und Sammlerin"? Da ist erst einmal der eine Hauptcharakter, Alisa, ein junges Mädchen, ein kämpfendes Mädchen, ein krankes Mädchen. Und auch eine junge Frau, die ihren Weg sucht. Und der zweite Hauptcharakter ist Tanya, die Mutter von Alisa, sie geht in jungen Jahren mit ihrer Familie von der Ukraine nach Deutschland, auf der Suche nach Wohlstand, nach einem besseren Leben. Kann man es ihr verübeln? Ihre Lebensgeschichte gibt eine Antwort darauf. Nur leider verrennt sich Tanya, immer mehr steht das gute/bessere Leben im Vordergrund und ihre Tochter übersieht Tanya. Immer nur das Beste versucht sie aus dem Kind heraus zu holen und drängt damit das Kind in eine Abwärtsspirale, eine Abwärtsspirale, die ein Herauskommen schwierig gestaltet.

    Lana Lux schafft es auf dieses schwierige Thema empathisch und nicht wertend zu schauen, dies gelingt ihr bewundernswert und vor den Augen der geneigten Leser entsteht eine Welt, die berührt. aber auch weh tut. Aber etwas zu diesem Thema muss weh tun! Denn man darf nicht vergessen, diese Krankheiten verursachen einen Tod in Raten! Und dagegen muss man ankämpfen. Mit allen möglichen Mitteln!

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