Die Nackten fürchten kein Wasser

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Nackten fürchten kein Wasser' von Matthieu Aikins
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5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Nackten fürchten kein Wasser"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:400
EAN:9783455015133
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Rezensionen zu "Die Nackten fürchten kein Wasser"

  1. Packend, informativ, wichtig

    „Ich war zuversichtlich, dass wir Afghanistan in jedem Fall gemeinsam verlassen würden. Und mit unserer Flucht würde sich ein Kreis schließen, denn seitdem wir uns kannten, meinte ich, eine Parallelwelt im Verlauf unseres jeweiligen Lebens zu erkennen.“ (Zitat Pos. 183)

    Thema und Inhalt
    Dieses Buch ist der Tatsachenbericht einer Flucht, teilweise geführt von Schleusern, mehrmals gefasst und zurückgeschickt. Millionen von Flüchtlingen nehmen diesen gefährlichen Weg durch die Wüste, über Gebirgspfade in die Türkei und dann über das Meer bis nach Griechenland auf sich.
    Omar, ein afghanischer Journalist und Übersetzer, hatte in Afghanistan einige Jahre lang als Dolmetscher für die USA gearbeitet und als er den Entschluss fasst, sein Land zu verlassen, sucht er daher um ein Special Immigrant Visa für Amerika an. Sein Ansuchen wird abgelehnt und so bleibt nur die Schleuserroute nach Europa. Seit 2009 ist er mit dem Journalisten und Kriegsberichterstatter Matthieu Aikins befreundet und dieser beschließt spontan, seinen Freund zu begleiten, ebenfalls als afghanischer Flüchtling und mit einer passenden, genau einstudierten Identität. Dies war im August 2015, im Juli 2016 fällt die endgültige Entscheidung zum Aufbruch. Der ursprünglich geplante Flug nach Istanbul mit einem gekauften Visum im Pass ist jedoch nicht mehr möglich. Dies bedeutet Plan B. Ende August 2016 treten sie den ersten Abschnitt ihrer Reise an: viereinhalbtausend Kilometer über Land, von Kabul aus durch den Iran nach Istanbul.

    Umsetzung
    Die Geschichte ist in vier große Teile gegliedert: Der Krieg – Der Weg – Das Lager – Die Stadt. Beginnend mit einem kurzen Abschnitt über Geschichte der Familien von Omar und Matthieu und prägende Kindheitserlebnisse, berichtet der Journalist chronologisch über den Verlauf der Reise. Täglich spricht er seine Notizen über den Ablauf und die Ereignisse des Tages auf sein Smartphone und ergänzt diese mit Fotos und Videos. Wo sich ihre Wege zwischendurch trennen, schildert er seine eigenen Erlebnisse und ergänzt diese später mit Omars Erzählungen. Dieser Bericht zeigt auch die Hilfsbereitschaft und den Zusammenhalt, die ihnen begegnen, unter den Flüchtlingen, aber auch von unerwarteter Seite. Auch die Tätigkeit der Schleuser sieht man nach diesem Buch wohl etwas differenzierter. Ergänzt wird die Geschichte ihrer gefährlichen Reise durch Fakten und Daten aus aktuellen Forschungsberichten und Expertenarbeiten, aus Berichten über die politischen Hintergründe, Entscheidungen und Gesetze dieser Jahre und ihre Auswirkungen. Im Anhang folgt ein Namens- und Literaturverzeichnis mit ausführlichen Quellenangaben aller Zitate.

    Fazit
    Gerade die sachliche, empathische Sprache dieses packenden Tatsachenberichtes prägt sich ein und führt zu einem besseren Verständnis dafür, welche Strapazen und Lebensgefahren jeder Flüchtling voller Zukunftsträume und Hoffnungen auf sich nimmt, wenn das Leben in der Heimat unmöglich geworden ist.

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1000 Jahre Freud und Leid: Erinnerungen

Buchseite und Rezensionen zu '1000 Jahre Freud und Leid: Erinnerungen' von  Ai Weiwei
5
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Inhaltsangabe zu "1000 Jahre Freud und Leid: Erinnerungen"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:416
EAN:9783328602316
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Rezensionen zu "1000 Jahre Freud und Leid: Erinnerungen"

  1. Zwei inspiriende Leben

    Ich hatte mich vor dem Lesen nie groß mit der Person Ai Weiwei beschäftigt. Durch die Medien war mir der Name zwar ein Begriff, aber ich wusste nicht mehr, als dass er etwas sonderbare, moderne Kunst fabriziert und in China als politischer Gegner gilt. Dann ging es los mit dem Lesen...

    Zunächst einmal hat mir das Erzähl-Konzept zugesagt. Recht chronologisch erzählt Ai Weiwei zuerst die Geschichte seines Vaters Ai Qing, dann seine eigene Geschichte. Ai Weiwei selbst sagt, dass er seinem verstorbenen Vater durch das Erzählen von dessen Geschichte näher kommen wollte. Und in Hinblick auf seinen eigenen Sohn Ai Lao wollte er auch seine eigene Geschichte niederschreiben, damit sein Sohn später lesen kann, was Ai Weiwei für ein Mensch gewesen sei.

    Beide Lebensgeschichten sind eng mit der politischen Geschichte Chinas verknüpft. Der Vater, Ai Qing, war Kommunist und ein berühmter Dichter. Als Kommunist war er unter den Kuomintang im Gefängnis. Später, als die Kommunisten in China an die Macht gelangten und Ai Qing es wagte, zaghafte Kritik an der Politik Maos zu üben, wurde er als Rechtsabweichler gebrandmarkt und es folgten Jahre der Schikane in Arbeits- und Umerziehungslagern.

    Ai Weiwei selbst verbrachte Jahre seiner Kindheit zusammen mit seinem Vater in einem solchen Lager. Die Zustände, die er schildert, sind erschreckend. Sie lebten in einem Erdloch, wo alles aus gestampfter Erde bestand. Sie heizten mit einem selbstgebautem Ofen. Ai Weiwei, der damals noch ein Junge war, hatte die Aufgabe, das Brennholz zu sammeln. Zuerst ging er zu Fuß und wurde dabei im Wald von einem Wolf beobachtet. Später hatte er ein Fahrrad, das aber zu groß war, sodass er nur eine halbe Umdrehung lang in die Pedale treten konnte, wenn diese oben war. Er transportierte dann das Holz auf dem Gepäckträger und hielt manchmal an einer Pfütze, um daraus zu trinken. Im Frühling bekam er davon immer Durchfall. Das sind Schilderungen, die sich bei mir sehr eindrücklich eingebrannt haben.

    Später, nach dem Tod Mao Zhedongs, wurde Ai Qing begnadigt und die Familie zog zurück in ihr Haus in Peking.

    Als junger Mann ging Ai Weiwei zum Kunststudium nach New York. Er war damit einer der ersten Chinesen, die China seit Beginn der kommunistischen Ära verließen. Das Studium brach er nach kurzer Zeit ab und irrte als illegaler Einwanderer durch die Straßen New Yorks, schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Irgendwann entschloss er sich, nach China zurück zu kehren. Er war sehr rebellisch und engagierte sich für die unterschiedlichsten Angelegenheiten. Zum Beispiel fuhr er mit einem Filmteam nach Sechuan, nachdem dort bei einem Erdbeben viele Schulen eingestürzt waren. Er interviewte die Menschen vor Ort und untersuchte Baumängel an den Schulen. Außerdem betrieb er einen Blog, in dem er die Unterdrückungskultur der chinesichen Regierung offen kritisierte. Ich staune wie viel er hatte provozieren können, bevor er verhaftet wurde. Bestimmt hat es damit zu tun, dass ihm in der Kunstszene inzwischen international der Durchbruch gelungen war, und dass er eben der Sohn einer berühmten Dichters war. Ich glaube, wenn sich eine gewöhnliche Person der chinesischen Führung gegenüber Ähnliches erlaubt hätte, wäre sie bereits tot. Aber ja, irgendwann wurde auch Ai Weiwei verhaftet und in ein Geheimgefängnis gebracht, wo zwei Wärter jede seiner Aktionen auf Schritt und Tritt begleiteten, wo alle seine Aktionen zeitlich genau getaktet waren und wo er vor jeder Handlung nach Erlaubnis fragen musste. Die Schilderungen aus diesem Gefängnis sind wirklich absurd. Nach der Haft folgte ein Jahr Hausarrest, bevor sich Ai Weiwei die Gelegenheit bot, seiner Freundin und seinem Sohn zu folgen, die mittlerweile nach Berlin ausgereist waren. Seitdem lebt Ai Weiwei im Exil, bringt sich aber auch dort politisch ein, zum Beispiel mit einer Dokumentation über Flüchtlinge auf den griechischen Mittelmeerinseln.

    Ich finde, die Erfahrungen Ai Weiweis inspirieren dazu, mutiger zu sein und außerhalb von festen Mustern zu denken. Sie zeigen aber auch auf, was für Schrecken daraus entstehen kann, wenn Autokraten an der Macht sind. Politik geht uns eben doch alle etwas an. Sie ist mit unserem Leben verwoben.

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Wie ich das chinesische Lager überlebt habe

Buchseite und Rezensionen zu 'Wie ich das chinesische Lager überlebt habe' von Gulbahar Haitiwaji
NAN
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Inhaltsangabe zu "Wie ich das chinesische Lager überlebt habe"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:259
Verlag: Aufbau
EAN:9783351039417
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Befreit: Wie Bildung mir die Welt erschloss

Buchseite und Rezensionen zu 'Befreit: Wie Bildung mir die Welt erschloss' von Tara Westover
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Befreit: Wie Bildung mir die Welt erschloss"

Format:Taschenbuch
Seiten:448
EAN:9783462054002
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Rezensionen zu "Befreit: Wie Bildung mir die Welt erschloss"

  1. Blick in eine Parallelwelt

    Schlimmer kann man es wohl nicht erwischen. Tara Westover ist im tiefsten Idaho in einer extrem gläubigen Mormonenfamilie aufgewachsen, die ihre Glaubensgrundsätze über jede Vernunft stellten und mit aller Brutalität durchsetzten. Sie durfte keine Schule und keine Ärzte besuchen und war den Launen ihres verrückten Vaters und Bruders hilflos ausgesetzt. Schlimme körperliche Verletzungen waren gottgegeben und wurden von ihrer Mutter mit Kräutern behandelt.

    Sehr nachvollziehbar erzählt sie, wie es sich in so einer Familie lebt und wie sie sich daraus befreit hat. Es dauert lange, bis sie überhaupt merkt, dass etwas nicht in Ordnung ist und noch länger dauert es, bis sie daran etwas ändern kann. Diese Gehirnwäsche ist nachhaltig.

    Dieses Buch ist schonungslos, erklärt aber auch Unerklärliches, erzählt von einem bewegenden Schicksal und schafft es dabei, objektiv zu bleiben. Tara musste viel erleiden, liebte aber auch ihre Familie. Ein Zwiespalt, der es noch einmal schwerer machte, sich zu emanzipieren.

    Ein erschütterndes und erhellendes Buch, ein verstörender Blick in eine Parallelwelt und die Geschichte einer bewundernswerten Frau.

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  1. Erschreckend und unglaublich

    Tara wächst als jüngstes Kind von sieben in der Einöde Idahos auf. Ihr Leben ist geprägt vom religiösen Fanatismus und paranoiden Wahnvorstellungen des Vaters. Gene Westover lässt seine Kinder lieber auf seinem Schrottplatz schuften statt ihnen Schulbildung zu ermöglichen. Nicht einmal eine Geburtsurkunde existiert für Tara bis sie neun ist. Alles was der Familie zustößt ist von Gott gewollt, Frauen und Mädchen zählen nichts, schon eine entblößte Schulter ist unsittsam und macht Tara zur „Dirne“. Erst kurz vor dem Erwachsenwerden kann Tara durchsetzen, eine Schule zu besuchen. Bildung macht es der jungen Frau möglich, aus einem Leben voller Einschränkungen auszubrechen und ihren eigenen selbstbestimmten Weg zu gehen.
    Es ist eine unglaubliche Geschichte, dass so ein Leben in unserer Zeit, in einem entwickelten, voll industrialisierten Land überhaupt möglich ist. Zornig machte mich Taras Lebensgeschichte. Frauenleben, die nichts wert sind, ausgeliefert einem religiösen Spinner und was ich eigentlich noch viel gefährlicher hielt, dem vollkommen irren und aggressiven Bruder. Wo waren hier die existierenden Großeltern, der Priester aus der Kirchengemeinde, die Nachbarn.
    Manches an der Geschichte ließ mich allerdings auch zweifeln. Die Familienmitglieder überleben zum Teil bizarre Unfälle mit lebensgefährlichen Verletzungen. Ereignisse, die durchaus nach außen drangen und niemand, keine Einsatzkräfte, keine Unfallzeugen, bezieht Position. Schwerste Verbrennungen heilen mit Homöopathie und Kräuterölen – weil Gott es so will? Als Tara dann das kirchliche College besucht, weiß sie nicht, was der Holocaust ist oder dass Europa ein Kontinent ist, graduiert aber bald darauf in Philosophie? Nicht auf alles in dieser erschreckenden Biografie konnte ich mir einen Reim machen.

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Der Junge muss an die frische Luft

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Junge muss an die frische Luft' von Hape Kerkeling
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Junge muss an die frische Luft"

Mit »Ich bin dann mal weg« hat er Millionen Leser inspiriert, persönliche Grenzen zu überschreiten. Jetzt spricht Hape Kerkeling über seine Kindheit; entwaffnend ehrlich, mit großem Humor und Ernsthaftigkeit. Über die frühen Jahre im Ruhrgebiet, Bonanza-Spiele, Gurkenschnittchen und den ersten Farbfernseher; das Auf und Ab einer dreißigjährigen, turbulenten Karriere - und darüber, warum es manchmal ein Glück ist, sich hinter Schnauzbart und Herrenhandtasche verstecken zu können. Über berührende Begegnungen und Verluste, Lebensmut und die Energie, immer wieder aufzustehen.
»Was, um Himmels willen, hat mich bloß ins gleißende Scheinwerferlicht getrieben, mitten unter die Showwölfe? Eigentlich bin ich doch mehr der gemütliche, tapsige Typ und überhaupt keine Rampensau. Warum wollte ich also bereits im zarten Kindesalter mit aller Macht "berühmt werden"? Und wieso hat das dann tatsächlich geklappt? Nun, vielleicht einfach deshalb, weil ich es meiner Oma als sechsjähriger Knirps genau so versprechen musste ...«
Hape Kerkeling, der mit seinem Pilgerbericht »Ich bin dann mal weg« seine Fans überraschte und Leser jeden Alters begeisterte, lädt auf die Reise durch seine Memoiren ein. Sie führt nach Düsseldorf, Mosambik und in den heiligen Garten von Gethsemane; vor allem aber an die Orte von »Peterhansels« Kindheit: in Recklinghausens ländliche Vorstadtidylle und in die alte Bergarbeitersiedlung Herten-Scherlebeck. Eindringlich erzählt er von den Erfahrungen, die ihn prägen, und warum es in fünfzig Lebensjahren mehr als einmal eine schützende Hand brauchte.

Format:Audio CD
Seiten:0
EAN:9783869522463
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Rezensionen zu "Der Junge muss an die frische Luft"

  1. 5
    09. Jul 2022 

    Beileibe nicht nur komisch!

    Mit »Ich bin dann mal weg« hat er Millionen Menschen inspiriert, persönliche Grenzen zu überschreiten. Jetzt spricht Hape Kerkeling über seine Kindheit; entwaffnend ehrlich, mit großem Humor und Ernsthaftigkeit. Über die frühen Jahre im Ruhrgebiet, Bonanza-Spiele, Gurkenschnittchen und den ersten Farbfernseher; das Auf und Ab einer dreißigjährigen, turbulenten Karriere - und darüber, warum es manchmal ein Glück ist, sich hinter Schnauzbart und Herrenhandtasche verstecken zu können. Über berührende Begegnungen und Verluste, Lebensmut und die Energie, immer wieder aufzustehen. (Klappentext)

    Dass das Leben nicht nur schöne Seiten bereit hält, offenbart Hape Kerkeling (eigentlich Hans Peter) gleich schon zu Beginn. Kurz bevor er das Kostüm des Horst Schlämmer endgültig in den Schrank hing, hatte er in dieser Rolle eine überaus berührende Begegnung mit einem krebskranken Mädchen, das sich das Treffen mit ihm so sehr gewünscht hatte. Manchmal fällt es eben auch versierten Stars schwer, in ihrer Rolle zu bleiben - und für mich war das ein Einstieg wie ein Weckruf.

    Stationen seiner Karriere tauchen als Fixpunkte natürlich auch auf in dieser Autobiografie, der Schwerpunkt allerdings liegt auf der Kindheit des so wandelbaren Mimen. Als dicker kleiner Junge wuchs er mit seinem älteren Bruder in den 1970er Jahren der alten Bergarbeitersiedlung Herten-Scherlebeck auf. Natürlich schildert Hape Kerkeling auch amüsante Episoden, doch im Grunde steuert er in immer engeren konzentrischen Kreisen auf eines der traumatischsten Erlebnisse in seinem Leben zu: den Selbstmord seiner Mutter.

    Dem voran ging eine lange depressive Episode der Mutter, die den damals 8jährigen Hans Peter sehr belastete. Er fühlte sich dafür verantwortlich dafür zu sorgen, dass es seiner Mutter nach Möglichkeit besser ging und spielte z.B. Sketche für sie, bis sie tatsächlich zu lachen begann. Doch er litt auch unter ihrer dunklen Seite, der stundenlangen Lethargie und Apathie, der Ungerechtigkeit im Umgang mit ihm, der impulsiven Gewalttätigkeit. Der Zustand der Mutter war derartig raumfüllend, dass der Junge wochenlang keine Hausaufgaben mehr machen konnte. Das alles schildert Herr Kerkeling zwar auf der einen Seite fast distanziert, auf der anderen Seite aber auch derart eindringlich, dass ich hier mehrfach schlucken musste.

    Die Situation des Selbstmords der Mutter und die Rolle, in die der kleine Junge da völlig überfordert hereinrutschte, waren dann doch harter Tobak - ebenso wie die Tatsache, dass niemand aus der durchaus großen Familie die Gefühlswelt des Kindes im Auge hatte, so dass er im Grunde damit ganz auf sich allein gestellt war. Die anderen Familienmitglieder waren zu sehr mit sich und ihrer Trauer und Fassungslosigkeit beschäftigt, um da noch das Kind wahrzunehmen und auf seine Gefühlslage einzugehen. Für mich waren diese Szenen tatsächlich schwer zu ertragen.

    Doch letztlich war es genau die Familie, die Hape seinen Halt zurückgab. Vor allem die starken Frauenfiguren waren die Hauptbezugspersonen des Jungen. Beide Großmütter haben ihm da ein ordentliches Pfund an Liebe und Glauben an seine Person mitgegeben und waren zeitlebens wie selbstverständlich für ihn da. Aber auch zahlreiche Tanten, bei denen ich im Verlauf irgendwie den Überblick zu verlieren drohte, waren immer wieder mal von Bedeutung. Die männlichen Familienmitglieder dagegen spielten offenbar eine eher untergeordnete Rolle, wobei Hape Kerkeling seine teilweise sehr skurrile gesamte Famile sehr liebe- und verständnisvoll beschreibt - und stets mit einem leichten Augenzwinkern.

    Dem Autor gelingt es, in lockerem, einfachen Schreibstil nahezu plaudernd durch die Stationen seines Lebens zu führen und meistert dabei gelungen den Spagat zwischen den teilweise eindringlichen Gefühlen des kleinen Jungen und der verständnisvollen Erwachsenensicht. Hape Kerkeling scheint seinen Frieden gemacht zu haben mit den einschneidenden Erlebnissen in seinem Leben.

    Mir hat die Offenheit gefallen, mit der der Autor aus seinem Leben erzählt, wobei er zu keinem Zeitpunkt in Selbstmitleid versinkt oder mitleidheischend schreibt, sondern stets betonend, dass er ohne diese Erlebnisse und v.a. ohne seine Familie nicht der geworden wäre, der er heute ist. Auch seine Mutter versucht er v.a. als die fröhliche, lebenslustige Frau in Erinnerung zu behalten, die sie in seiner frühen Kindheit war.

    Dass Hape Kerkeling die ungekürzte Hörbuchausgabe (7 Stunden und 45 Minuten) selbst liest, versteht sich fast von selbst - und ist ein großes Glück. Denn trotz seines versierten und professionellen Vortrags sind die Emotionen dahinter durchaus erkennbar, was das Hörerleben unglaublich authentisch macht. Die eingestreuten leisen (oder manchmal auch lauten) Seitenhiebe auf gesellschafts-politische Umstände oder auch auf die katholische Kirche (mit der der Autor offenbar mehr als nur ein Hühnchen zu rupfen hat), haben mir ebenfalls gefallen.

    Auch wenn ich persönlich nicht bei allem mitschwingen konnte (die subtile Werbung für andere Werke Kerkelings, die immer wiederkehrende Bedeutung seines Glaubens an Gott), hat mich das Gehörte überzeugen können: das ist Hape Kerkeling. Das Hörbuch hat auf mich einen ganz eigenen Sog entwickelt, ich wollte immerzu weiterhören - das geht mir beileibe nicht immer so. Lachen, Weinen, Nachdenken - hier war alles dabei.

    Alles in allem beeindruckende Einblicke in die Kindheit und das Leben des bekannten TV-Stars - viel tiefgehender als erwartet, traurig-komisch-berührend... Empfehlenswert!

    © Parden

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