Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch

Buchseite und Rezensionen zu 'Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch' von Jirina Prekop
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch"

Der Erziehungsklassiker in erweiterter Neuauflage.

»Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen. Es gilt, den Gästen einen guten Ort anzubieten und ihnen so lange Sicherheit und liebevollen Halt zu geben, bis sie ihren Weg selber gehen können.«

Dieses wunderschöne Motto haben die beiden Autorinnen, eine erfahrene Kinderpsychologin und eine engagierte Kinderärztin, ihrem erfolgreichen Buch vorangestellt. Wichtig ist für sie vor allem, ein Kind in der Besonderheit seines kindlichen Wesens bedingungslos anzunehmen. Konkrete Beispiele aus dem Alltag (die Nächte mit dem Kind, Aggressionen, Sauberkeit, Essen, Geschenke, Pflichten, Berufstätigkeit der Mutter, geschiedene Eltern) zeigen, wie Eltern ihr Kind auf seinem Weg begleiten können. Neu hinzugekommen ist das Kapitel »Der Weg führt durch die Pubertät«.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:160
Verlag: Kösel-Verlag
EAN:

Diskussionen zu "Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch"

read more

Rezensionen zu "Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch"

  1. Eltern als Wegweiser

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Dez 2019 

    Trotzdem die Ersterscheinung schon beinahe 30 Jahre her ist, konnte ich mir aus dem Inhalt einiges Wertvolles herauspicken. Ratgeber, besonders Elternratgeber, sollte man sowieso immer "filternd" lesen. Die Lehren verändern sich im Laufe der Zeit. Was heute aktuell ist und als gut angesehen wird, kann in 10 Jahren, nach den neuesten Erkenntnissen, schon wieder total veraltet und nicht mehr erstrebenswert sein. Deswegen, aber das machen bewusste lesende Eltern ohnehin, habe ich mir aus dem Buch nur das mitgenommen und verinnerlicht, was sich auch gut und stimmig für mich angefühlt hat.

    Aber dass sich hierin so einiges gut und stimmig für mich anfühlen würde, habe ich nicht erwartet. Besonders zum Thema Frust bzw. Frustbewältigung gibt es viel Lesenswertes, das ich als sehr wichtig und wertvoll empfunden habe. Ich dachte immer, ich muss mein Kind vor allem Übel bewahren und außerdem kann ich es nur schwer ertragen, wenn meine Kleine weint oder quengelt. Oft habe ich sie dann abgelenkt - mit Spielsachen oder Blödeleien. Was ich ihr dadurch genommen habe, ist die Möglichkeit, mit Frust umgehen zu lernen. Ich hätte sie in für sie frustrierenden Situationen einfach in den Arm nehmen sollen, um mit ihr gemeinsam ihren Frust zu bewältigen. Dieses Buch hat mir in dieser Hinsicht die Augen geöffnet, wofür ich überaus dankbar bin.

    Was mich sehr überrascht und gefreut hat, war, dass Prekop und Schweizer in ihrem Ratgeber sogar eines meiner kürzlich gelesenen Lieblingsbücher genannt und daraus zitiert haben: »Auf der Suche nach dem verlorenen Glück« von Jean Liedloff. Liedloff befasst sich in ihrem Buch mit dem Getragen bzw. dem nicht Getragenwerden von Babys und dessen Auswirkungen. In »Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen« gibt es auch ein Kapitel zum Thema Babytragen. Allerdings war ich über den Rat, den die Autorinnen der Mutter in dem Fallbeispiel zu einer Trage-Problematik gegeben haben, nicht ganz glücklich ...

    Wenn man Elternratgeber liest, fühlt man sich entweder bestätigt, oder man denkt sich: "Okay, das hab ich die ganze Zeit falsch gemacht." Wenn man eine gewisse Gelassenheit beim Lesen an den Tag legen und sich das für sich stimmig anfühlende aus dem Inhalt herausholen kann, dann ist »Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen« auf alle Fälle zu empfehlen. Denn trotz Erscheinungsdatum Anfang der 1990er ist der Inhalt nicht veraltet, sondern durchaus noch zu gebrauchen.

 

Durch die Nacht: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Durch die Nacht: Roman' von Stig Sæterbakken
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Durch die Nacht: Roman"

»Einer der wichtigsten Autoren meiner Generation« Karl Ove Knausgård

Karl Meyer ist Zahnarzt und führt ein durch und durch bürgerliches Leben. Doch als sein erst achtzehnjähriger Sohn Ole-Jakob Suizid begeht, droht es die Familie zu zerreißen. Karls Frau Eva steht unter Schock, die Tochter Stine verstummt. Auch Karl ist in seiner Trauer gefangen. Er denkt zurück an sein Kind, vor allem aber an das, was die Familie schon vor dessen Tod auf eine Belastungsprobe stellte: Karls Liebschaft mit der deutlich jüngeren Mona. Ist es diese Affäre, die Ole-Jakob in den Tod getrieben hat? Die Schuldfrage steht im Raum – und Karl läuft davon.
Er begibt sich auf eine Reise in die Slowakei. Dort hofft er, Erlösung zu finden: in einem Haus, in dem man, so heißt es, mit seinen tiefsten Ängsten konfrontiert wird – und das man entweder geheilt oder gebrochen verlässt.
›Durch die Nacht‹ ist die Anatomie eines Trauerprozesses und ein Buch, das unter die Haut geht. Stig Sæterbakken schont seine Leser nicht. Dieser so dringlich erzählte Roman schildert die Abgründe, die in uns allen lauern, und wie leicht wir die verletzen, die uns nahestehen.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:289
EAN:

Diskussionen zu "Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch"

read more

Rezensionen zu "Durch die Nacht: Roman"

  1. „Die Welt verhöhnte uns.“

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Okt 2019 

    Karl und Eva führen eine Bilderbuchehe, mit den zwei gemeinsamen Kindern Ole-Jakob und Stine. Da ist ganz viel Liebe, das spürt man beim Lesen immer wieder, doch dann gerät alles aus dem Ruder: Karl verlässt die Familie für ein junges Mädchen, tauscht Liebe gegen flüchtige Lust. Wenig später ist Ole-Jakob tot, vermutlich Suizid, und hinterlässt die Hinterbliebenen mit quälenden Fragen.

    Wer ist schuld? Karl flieht vor dieser Frage, flieht vor sich selbst.

    Stig Sæterbakken erzählt die Geschichte einer Familie, die nach dem Selbstmord des 18-jährigen Sohnes Stück für Stück zerbricht. „Durch die Nacht“ nimmt den Leser mit auf eine Reise durch die Schattengründe von Schuld, Trauer, Scham und Zorn, und das ist keine leichte Kost – umso verstörender, wenn man weiß, dass sich der Autor 2012 das Leben nahm, ein Jahr nach Erscheinen des Romans.

    Wer selbst schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat – vor allem zu jung, vor allem unerwartet –, kennt dieses Gefühl der fassungslosen Trauer, das hier geradezu die Seiten tränkt. Wie man neben sich steht. Wie man den Eindruck hat, dass die ganze Welt aus dem Takt geraten ist, während man selber versucht, wieder Halt zu finden.

    Die Trauer des Lesers, selbst wenn sie nur noch als leises Echo widerhallt, gibt dieser Geschichte einen tiefen Resonanzboden, und das macht sie in meinen Augen so universell und zeitlos.

    Schon nach wenigen Seiten beschlich mich das Gefühl, dass ich leicht den Tritt verlor, auf trügerischem Gelände ins Rutschen kam. Für einen Augenblick gefangen zwischen dem Impuls, das Buch zur Seite zu legen, und dem, mich fallen zu lassen, las ich dann doch direkt weiter – in der dumpfen Erwartung, dass das Buch den emotionalen Tiefpunkt noch lange nicht erreicht hatte.

    Und damit lag ich richtig.

    Der Autor schont weder seine Charaktere noch den Leser (und beim Schreiben sicher auch sich selber nicht).

    Zitat:
    „Kälte kam und ging. Wärme kam nie. Es gab nur Kälte und die Abwesenheit von Kälte.“

    Dennoch will man wissen, muss man wissen, wie es weitergeht. ‚Sogwirkung‘ ist ein überstrapazierter Begriff, aber er trifft es am ehesten: dieses Gefühl der Unvermeidlichkeit und gleichzeitig der gespannten Erwartung.

    Sæterbakken schreibt Charaktere, die man sicher nicht immer mögen muss, die sich aber geradezu schmerzhaft authentisch lesen. Selbst in ihren Fehlern und Schwächen sind sie einfach durch und durch menschlich – man kann ihnen als Leser daher alles verzeihen, auch wenn sie sich selbst rein gar nicht verzeihen können.

    Zitat:
    „Tausend Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jakob tot war. Tausend Mal am Tag fiel es mir plötzlich ein. Beides war unerträglich.“

    Besonders Karl, der trauernde Vater, ist sicher kein strahlender Held. Er setzt seine Familie auf Spiel, wirft die Liebe seines Lebens weg, und wofür? Für eine Affäre, die nicht mehr ist als eine erotische Stichflamme, eine oberflächliche, kurzlebige Verliebtheit. Und dann ist es passiert: Ole-Jakob ist tot und Karl muss sich fragen, ob er seinen Sohn in den Selbstmord getrieben hat. Dennoch konnte ich für ihn nichts empfinden außer ehrliches Mitleid und den Wunsch, er möge in irgendeiner Form seinen Frieden finden – angesichts seiner Trauer wird alles andere bedeutungslos.

    Zitat:
    „Während ich so dastand, ging die Sonne unter, und es wurde Nacht. Seitdem ist Nacht.“

    Tatsächlich verliert er jedoch den Halt und damit jeden Bezug zur Realität.

    Denn sein Freund Boris erzählt ihm von einem Haus in der Slowakei, das man als geläuterter Mensch verlässt – sofern man es im Vollbesitz der geistigen Kräfte überlebt, was nicht gewährleistet ist. Urban Legend? Schauergeschichte? Ammenmärchen? Egal. Karl sieht nur noch diese eine Möglichkeit, die quälenden Schuldgefühle hinter sich zu lassen. So oder so.

    Er bricht auf, dieses Haus zu suchen – den Ort, wo „Hoffnung zu Staub wird“. Die Handlung kippt, während Karl sich zunehmend in Selbstauflösung befindet. Was danach wirklich passiert und was seiner wahnhaften Depression entsprungen ist, dessen kann man sich als Leser nie hundertprozentig gewiss sein.

    Die Geschehnisse lesen sich zunehmend unwirklich und alptraumhaft, Kafka und Edgar Allan Poe lassen grüßen.
    Sæterbakken balanciert gekonnt zwischen Realität und Surrealität, mit ausdrucksstarken Worten voller Dringlichkeit und Atmosphäre. Einfache Antworten liefert er nicht – tatsächlich fühlte ich mich vom Ende im ersten Moment geradezu vor den Kopf gestoßen! –, dafür aber eine Vielzahl möglicher Interpretationen. Zentral steht meines Erachtens auf jeden Fall die Frage, was der Selbstmord eines geliebten Menschen im Leben der Hinterbliebenen anrichtet.

    FAZIT

    Ole-Jakob war erst 18, doch Ole-Jakob ist tot. Zurück bleiben seine Eltern und seine Schwester, die sich fragen müssen, warum er außer dem Freitod keine Lösung sah. Vater Karl geht zugrunde an seiner Schuld, als sein bester Freund ihm von einem geheimnisvollen Haus erzählt, das jeden Besucher von seinen tiefsten Ängsten läutert – oder ihn in den Wahnsinn treibt. Verzweifelt bricht Karl auf zu einer Reise, bei der es für ihn um alles oder nichts geht.

    Das Buch hat mich zutiefst erschüttert – nicht nur, weil ich immer im Hinterkopf hatte, dass sich der Autor etwa ein Jahr nach Veröffentlichung das Leben nahm. Es ist schon ungeachtet dessen sicher keine leichte Lektüre für nebenher. Zum einen atmen die Worte geradezu Trauer und Schmerz, und zum anderen nimmt die Geschichte immer surrealere Wendungen – bis hin zu einem Ende, nach dem ich alles hinterfragte, was ich über die Geschichte zu wissen glaubte.

    Ich erwäge, das Buch direkt noch einmal zu lesen, um zu schauen, wo und wie sich dieses Ende angekündigt hat. Noch einmal durch die Nacht.

    #ThePassionWeShare
    #ReadingThroughTheNight
    #DurchDieNachtLesen

 

Frau im Dunkeln: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Frau im Dunkeln: Roman' von Elena Ferrante
3.5
3.5 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Frau im Dunkeln: Roman"

Leda ist fast fünfzig, geschieden, sie unterrichtet Englisch an der Universität in Florenz. Die erwachsenen Töchter sind jetzt beim Vater in Kanada, und Leda muss sich eingestehen, dass sie statt der erwarteten Sehnsucht vor allem Erleichterung empfindet. Den heißen Sommer verbringt sie in einem süditalienischen Küstenort: Bücher, Sonne, das Meer, was könnte friedlicher sein? Am Strand macht sich neben ihr allerdings eine übermütig lärmende neapolitanische Großfamilie breit, darunter eine noch junge Mutter und deren kleine Tochter. Leda beobachtet die beiden über Tage, zunächst fasziniert, wohlwollend. Allmählich aber schlägt ihre Stimmung um, irgendwann folgt sie einem Impuls und tut dem kleinen Mädchen und der Familie etwas Unbegreifliches an. Und wird selber heimgesucht, von lange verdrängten Erinnerungen – an gravierende Entscheidungen, die sie zu treffen hatte, ganz zum Leidwesen ihrer eigenen Töchter ...


Was bedeutet es, eine Frau und Mutter zu sein? Mit frappierender Ehrlichkeit ergründet Elena Ferrante die widersprüchlichen Gefühle, die uns an unsere Kinder binden.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:188
EAN:

Diskussionen zu "Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch"

read more

Rezensionen zu "Frau im Dunkeln: Roman"

  1. Goldene Himbeere ganz klar

    bewertet:
    2
    (2 von 5 *)
     - 08. Feb 2020 

    Mein Fazit vorab: Das Geld sollte man sich wirklich sparen. Ich bin eigentlich grosser Ferrante Fan, finde sowohl die Themen als auch den Schreibstil fein, tiefgründig, lesenswert, immer... Bis jetzt!
    Das vorliegende Werk, puh... Das Cover und das Papier sind gewohnt schön, es gibt ein Lesebändchen, gut, die Sprache ist Ferrantegemäß schön flüssig zu lesen... That's aber auch all.
    Dass eine fast fünfzigjährige Professorin , die alleinstehend in den Strandurlaub reist um zu arbeiten/auszuspannen/raus zu sein und es stattdessen nötig hat, selbstgefällig über andere anwesende Strandgäste zu urteilen und einer Vierjährigen ihre heißgeliebte Puppe zu stehlen und sich daran ergötzt, ekelhaft. Mit ebensolcher Leichtigkeit und Selbstgefälligkeit erzählt sie in ihrer Geschichte, dass sie ihre Kinder früher für ganze drei Jahre wortlos verließ, einfach so, aus purer Eigenliebe und weil sie sich doch lieber noch ein bisschen mehr entwickeln wollte und überhaupt ihren Mann sowieso ja nicht mehr so liebt... Sorry dafür fehlt mir leider vollkommen das Verständnis. Es gab ersichtlich in ihrer Reflexion weder Leidensdruck, noch Depression, die eine Begründung ansatzweise hätten nachvollziehbar machen können. Keine Geldsorgen, keine eheliche Gewalt, die man als Ursache ihres Verhalten hätte erkennen können, nö nur Eigenliebe. Was will die Schriftstellerin denn damit ausdrücken, bitte? Dass es vollständig gleichgültig ist, Verantwortung zu haben für kleine Menschen, dass man auch eine Ehe, alles einfach aus einer blossen Laune der Eigenliebe heraus einfach so hinter sich lassen kann, ohne Gewissenbisse, vollkommen frei... Nicht genug dessen, erhebt sich die Protagonistin dann auch noch über andere und verurteilt naserümpfend deren Verhalten (am Strand, in ihrem Leben, in deren Ehe, im Umgang mit ihren Kindern), wozu ihr in meinen Augen jedes "Recht" dazu abhanden gekommen ist. Dessen nicht genug, legt sie in der Geschichte fortwährend auch noch ihr Unverständnis über ihre schlechte Beziehung zu ihren Töchtern dar. Ernsthaft?!

    Verstörend auch die Tatsache, dem kleinen Mädchen am Strand ihre Puppe zu stehlen und dies zu verschweigen und sich dann über die entsetzte Reaktion der Mutter, beim Mitteilen dieser Tatsache, auch noch zu wundern... Wo soll ich weiter machen, furchtbar! Ganz klar: KEINE Leseempfehlung, die Sterne sind lediglich der sprachlichen Gewandtheit der Autorin geschuldet und meinem Wissen, dass sie es besser kann!

  1. Die gute Mutter

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Feb 2019 

    Leda ist bald fünfzig. Schon lange geschieden, die beiden erwachsenen Töchter sind nach Kanada zu ihrem Vater gezogen, mietet die Professorin für Anglistik an der Universität Florenz für den Sommer eine Wohnung am Meer. Am Strand trifft sie auf eine Großfamilie, deren Verhalten, laut, ruppig, ordinär, sie an ihre eigene Kindheit und Jugend in Neapel erinnert. Einzig die junge Mutter Nina mit ihrer kleinen Tochter Elena sticht aus dieser Gruppe angenehm hervor. Leda beginnt, Resümee zu ziehen über ihr Leben, ihre Töchter, ihre Rolle als Mutter und Frau.

    Frau im Dunkeln ist ein schmaler Band, Jahre vor der Neapolitanischen Saga geschrieben. Viele Elemente die Elena Ferrante in ihrem epischen Werk verwendet hat, tauchen schon hier bei diesem Roman auf. Ein bisschen erscheint mir die Autorin wie eine italienische Lily Brett, die immer wieder die gleiche Geschichte in diversen Varianten erzählen möchte. Hier ist es die Endvierzigerin Leda, eine beruflich erfolgreiche Frau, selbständig, gebildet, intellektuell, die im Mittelpunkt der Handlung steht. Die Begegnungen, die sie in ihrem Urlaub macht, lassen sie über ihr Leben nachdenken. Leda wollte mehr sein in ihrem Leben als nur Mutter und Ehefrau eines erfolgreichen Mannes. Sie will raus dem Schatten ihres Mannes, hat ein enormes Bedürfnis frei zu sein, nach „Kreativität, Lob, Anerkennung, eigenem Geld“.

    „Körperliche Müdigkeit ist wie ein Vergrößerungsglas. Ich war zu müde, um zu arbeiten, zu denken, zu lachen, zu weinen, diesen Mann zu lieben, der zu intelligent war, zu verbissen damit beschäftigt, seine Wette mit dem Leben zu gewinnen, zu abwesend. Liebe erfordert Energie, und die hatte ich nicht mehr. Wenn er zärtlich wurde und mich küsste, wurde ich nervös, ich fühlte mich missbraucht, als ein Anreiz für seine im Grunde einsamen Gelüste.“
    Elena Ferrante kratzt hier an einem fast verbotenen Thema, in dem sie die absolute Mutterliebe in Frage stellt. Leda geht sehr hart mit sich selbst zu Gericht. Es ist eine ehrliche und offene Innenschau. Mutterliebe ist kein Naturgesetz, man wagt es nur oft nicht daran zu rütteln.

 

Der größte Spaß, den wir je hatten: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der größte Spaß, den wir je hatten: Roman' von Claire Lombardo
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der größte Spaß, den wir je hatten: Roman"

Wie hält man das Glück der eigenen Eltern aus?

Vierzig glückliche Ehejahre: Für die vier erwachsenen Sorenson-Schwestern sind ihre Eltern ein nahezu unerreichbares Vorbild – und eine ständige Provokation! Wendy, früh verwitwet, tröstet sich mit Alkohol und jungen Männern. Violet mutiert von der Prozessanwältin zur Vollzeitmutter. Liza, eine der jüngsten Professorinnen des Landes, bekommt ein Kind, von dem sie nicht weiß, ob sie es will. Und Grace, das Nesthäkchen, bei dem alle Rat suchen, lebt eine Lüge, die niemand ahnt. Was die vier ungleichen Schwestern vereint, ist die Angst, niemals so glücklich zu werden wie die eigenen Eltern. Dann platzt Jonah in ihre Mitte, vor fünfzehn Jahren von Violet zur Adoption freigegeben. Und Glück ist auf einmal das geringste Problem.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:720
EAN:

Diskussionen zu "Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch"

read more

Rezensionen zu "Der größte Spaß, den wir je hatten: Roman"

  1. Die Probleme der Familie Sorenson

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 17. Okt 2019 

    Marilyn und David sind seit 40 Jahren glücklich verheiratet. Die Erotik war immer ein wichtiger Stützpfeiler ihrer Ehe und sie können sich daran erfreuen, dass das auch heute noch so ist.

    Vier mittlerweile erwachsene Töchter sind aus der Ehe hervorgegangen. Wendy hat harte Schicksalsschläge erdulden müssen, die sie zum Alkohol und mitunter in die Arme junger Liebhaber treiben. Violet war bis zur Geburt ihrer zwei Söhne als Anwältin tätig. Jetzt kümmert sie sich um ihre Familie und übernimmt ehrenamtliche Aufgaben. Liza war schon immer sehr ehrgeizig und gehört zu den jüngsten Professorinnen des Landes, was die Eltern sehr stolz macht. Ihr Partner Ryan hat allerdings eine schwierige Phase. Er ist antriebslos und depressiv. Die Beziehung steckt in einer ernsten Krise. Über Nesthäkchen Grace erfahren wir nicht ganz so viel. Aber sie hat ihre Eltern über ihre Ausbildung belogen und leidet sehr darunter.

    Das Auftauchen von Jonah bringt das Familiengefüge ordentlich ins Wanken. Jonah ist der 15-jährige, einst zur Adoption freigegebene, Sohn von Violet. Seine Adoptiveltern sind bei einem Unfall ums Leben gekommen. Der Junge wanderte von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, bis Wendy ihn aufstöberte und ins Sorenson-Nest legt. Der Teenager ist überraschend weitsichtig und sympathisch, trotzdem reißen durch ihn alte Konflikte wieder auf, die zu neuen führen.

    Der Roman liest sich sehr leicht, es gibt viele Dialoge. Der Erzähler verändert die Erzählebenen und springt in der Zeit. Dabei übernimmt er die verschiedenen Perspektiven der Protagonisten. Man weiß aber relativ schnell, wo man sich befindet, zumal die Jahreszahlen über den Kapiteln stehen.

    Alle Familienmitglieder sind sexuell sehr aktiv, darüber gibt es auch zu lesen. Die Art der Beschreibung war mir vielfach zu gewöhnlich: „Und selbst da hatte sie in ihrem Körper das Verborgene gespürt, das weiche Pochen in dem Schlitz zwischen ihren Schenkeln, die Lust auf ihren Mann, den sie am liebsten noch oben ins Schlafzimmer gezerrt hätte, am helllichten Tag, damit er sie nahm, seine sanfte Kraft, sein verlockender Mund.“ (S. 338). Zurückhaltung ist auch nicht Sache der Sorensons. Wenn es mal jugendliche Zuschauer gibt, dann ist das eben so.

    Diese Darstellungen kann man mögen, muss man aber nicht. Mein Haupt-Kritikpunkt liegt woanders: Die Charaktere wirken mir zu unecht, zu aufgesetzt. Sie scheinen amerikanischen Langzeit-Serien entsprungen zu sein. Ihre mitunter harten Schicksalsschläge führen aus meiner Sicht zu völlig abstrusen, theatralischen Verhaltensweisen. Niemand hat ernsthaft Interesse am Anderen, die Beziehungen erscheinen sehr oberflächlich, auch wenn das „Wir sind eine Familie“, sehr betont wird.

    Marilyn und David werden als fürsorgliche, verständnisvolle Eltern gezeichnet. Dennoch werden ihnen von den Töchtern bedeutsame Erlebnisse und Misserfolge verschwiegen. Warum? Alles für den schönen Schein.

    Aus meiner Sicht typisch amerikanisch tauchen viele Themen auf wie zum Beispiel Herkunft/Zugehörigkeit, Tod, uneheliche Kinder, Umgang mit Drogen, Bulimie, Depression, Alkoholismus, usw. Für mich eindeutig zu viel, zumal sich manches auf wunderbare Weise auch schnell wieder auflöst.

    Im Roman gibt es zahlreiche Aktionen und Reaktionen, die für mich so nicht nachvollziehbar sind. Kaum jemand hat Verantwortung für das eigene Tun übernehmen wollen, viel lieber wird die Schuld bei anderen gesucht, so dass man sich in Vorwürfen ergehen und auf eine Entschuldigung hoffen kann… Die Eltern, so sie denn Bescheid wissen, fungieren lediglich als gutmütige Zuschauer, die sich allerdings gerne um Jonah kümmern, als das notwendig wird.

    Ich hätte dieses Buch nicht lesen sollen. Es ist eindeutig nicht meine Kragenweite und weicht von meinem üblichen Lesestoff ab. Die Sprache ist süffig bis einfach, gegen Ende wollte ich auch wirklich kein „Süße“ oder „Kleine“ mehr lesen. Es sträubten sich die Nackenhaare. Für mich waren die 720 Seiten definitiv kein Spaß, aber auch keine Arbeit, denn im Großen und Ganzen liest sich das Buch flott weg.

    Wer also thematisch gerne etwas Drama hat und es schätzt, sich zur Unterhaltung mit Problemen einer schwierigen Familie auseinanderzusetzen, ist hier sicher gut bedient. Man hat eine kurzweilige Geschichte vor der Nase, in der immer was Neues passiert. Ich brauche keine Identifikationsfiguren, aber nachvollziehen können möchte ich Handlungsweisen schon. Das war mir hier selten möglich.
    Vielleicht bin ich einfach zu kritisch? Oder zu alt?
    Wie auch immer: von mir nur eine eingeschränkte Lese-Empfehlung.

 

Drei

Buchseite und Rezensionen zu 'Drei' von Dror Mishani
4.3
4.3 von 5 (10 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Drei"

Eine Frau sucht ein wenig Trost, nachdem ihr Mann sie und ihren Sohn verlassen hat. Eine zweite Frau sucht nach einem Zuhause und nach einem Zeichen von Gott, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Eine dritte Frau sucht etwas ganz anderes. Sie alle finden denselben Mann. Es gibt vieles, was sie nicht über ihn wissen, denn er sagt ihnen nicht die Wahrheit. Aber auch er weiß nicht alles über sie.

Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:321
EAN:

Diskussionen zu "Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch"

read more

Rezensionen zu "Drei"

  1. Subtile Spannung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Jan 2020 

    Dror Mishani, den ich als umwerfenden Autor von Kriminalromanen mit Handlungsort Tel Aviv kenne, legt mit seinem Roman „Drei“ ein Verwirrspiel erster Güte für den Leser vor. Der Verlag hat gebeten, in der Buchbesprechung wenig vom Inhalt zu verraten, was zum einen sicher kluge Marketingstrategie ist, andererseits den Genuss beim Lesen des Buches tatsächlich erhöht.

    Drei gestresste, versehrte und von Leben zurückgewiesene Frauen lernen einen äußerst smarten Mann kennen, treffen sich mit ihm, und nichts ist wie es scheint. Ein Krimi in drei Teilen, die sich jeweils den Geschichten von Orna, Emilia und Ella widmen, die getrennt voneinander alle denselben Mann treffen.
    Am intensivsten fand ich dabei die Geschichte von Orna, eine junge durch Scheidung versehrte Frau mit kleinem Sohn, die den smarten Anwalt Gil über ein online-Dating-Portal kennenlernt und ihn zu treffen beginnt. Es scheint in ihrem Leben langsam und sehr vorsichtig wieder bergauf zu gehen. Doch schon zu Beginn des Buches schleicht sich das Gefühl ein, dass das nur ein Wunsch von Orna ist, und dass sie in einen Strudel gerät, der sie nach unten zieht.

    Letztlich gibt es auch einen Ermittler, der ein Verbrechen aufzuklären hat, doch das ist nicht der Fokus des Buches. Vielmehr zeichnet Dror Mishani mit gekonnter Feder die Psychogramme seiner drei Protagonistinnen als vom Leben gebeutelte und gezeichnete, aber dennoch, wenn auch verschüttet, lebenshungrige und selbstbewusste Frauen. Man fühlt sich wohl an ihrer Seite, der Autor vermittelt ihr Leben und ihre Gefühlswelt voller Empathie für seine Figuren, das läßt den Funken beim Lesen überspringen.
    Von Gil erfährt man lange Zeit sehr wenig. Er ist ein bekannter Anwalt, zurückhaltend und sehr verständnisvoll. Seine Gefühle bleiben versteckt, er dient eher als Projektionsfläche für die drei Frauen, mit denen er sich trifft.

    Nur wenig ist wirklich greifbar, weder für die Protagonistinnen noch für den Leser. Der Autor spielt sehr gekonnt mit subtiler Spannung, die nur kurz den Vorhang lüpft und nie den ganzen Blick freigibt. Alles wirkt zu normal, zu unauffällig und zu liebenswürdig, und ein winziges kleines Gefühl ganz hinten im Kopf warnt, dass nichts ist wie es scheint. Dazu kommt eine düstere, fast depressive Grundstimmung im Buch, die auch schöne Momente nicht wirklich wegwischen können.
    Die Spannung steigt kontinuierlich, und sehr viele unerwartete Wendungen machen das Buch zu einem großen Lesegenuss nicht nur für Krimifans.

  1. Drei Frauen, drei Schicksale – ein Mann

    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Jan 2020 

    „Drei“ – ein Roman, dessen Titel ebenso schlicht wie programmatisch ist. Erschienen ist dieser 335-seitige Roman aus der Feder des israelischen Autors Dror Mishani im August 2019 bei Diogenes.
    Erzählen sollte man von diesem Roman nicht zu viel, da die Gefahr besteht, zu viel vom Inhalt preiszugeben. Aber so viel soll gesagt sein: Der Roman erzählt in drei Teilen von dem Schicksal dreier Frauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und dennoch sind Leben und Schicksal derselben miteinander verbunden durch einen Mann, Gil. Orna ist allein erziehende Mutter eines psychisch auffälligen Jungen. Auf der Suche nach ein wenig Trost und Abwechslung stößt sie im Internet auf den Anwalt Gil. Im Zentrum des zweiten Teils steht Emilia. Sie ist nach Tel Aviv gekommen, um als Altenpflegerin ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der hebräischen Sprache wenig mächtig, führt sie ein einsames Leben. Auch sie ist auf der Suche - nach dem Sinn des Lebens und einem besseren Einkommen. Dabei stößt sie ebenfalls auf Gil. Die dritte Frau, Elli, schließlich trifft in einem Café auf ihn. Als Studentin und Mutter dreier Kinder ist sie mit ihrem Leben eigentlich zufrieden, aber auch sie kann sich der Aura dieses Mannes kaum entziehen.
    Den Roman gattungsmäßig einzuordnen, fällt schwer, denn er hat von vielem etwas: Er ist poetisch, wahnsinnig spannend und entwickelt beim Lesen regelrecht einen Sog. Und ja, er enthält auch einen Kriminalfall, weshalb er oft als Krimi gehandelt wird, doch steht dieser nicht im Zentrum.
    Im Mittelpunkt des Geschehens stehen vielmehr Charakterstudien zu diesen drei Frauen: Was macht ihr Leben aus? Welche Träume haben sie? Welche Sorgen quälen sie? Und noch etwas: Im Dschungel der Großstadt fühlen sie sich, trotz bestehender sozialer Kontakte, verloren. Das Innenleben dieser Frauen wird so präzise nachgezeichnet, dass eine Identifikation leichtfällt, ja regelrecht provoziert wird, und man nicht anders kann, als mit ihnen mitzufühlen. Wobei ich persönlich sagen muss, dass mich das Innenleben der beiden letzten Frauen am meisten angesprochen hat; bei Orna fühlte ich etwas mehr Distanz, was ich allerdings auf das Thema „Internetbekanntschaft“, dem ich eher kritisch gegenüberstehe, zurückführe.
    Über den Mann, der diese drei Frauen miteinander verbindet, erfährt man eher wenig, eigentlich nur so viel, dass er einen undurchsichtigen Charakter hat und sehr wandlungsfähig ist. Und gerade dieses sorgt für Spannung.
    Faszinierend sind zudem die vielen unvorhersehbaren Wendungen, die diesem Buch immanent sind. Zum einen rühren sie von Gil her, dessen Verhalten sehr schwer vorauszusehen ist. Darüber hinaus sorgt wiederum der Aufbau des Buches dafür, dass man vor Überraschungen nicht gefeit ist. Gerade der letzte Teil wird aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert und sorgt damit zusätzlich für Nervenkitzel; sein Ende schlägt ein wie eine Bombe - und lässt Leserinnen und Leser mit einem Gefühl der Befreiung zurück.
    Auch wenn die Handlung des Romans in Israel verortet ist, ließe sie sich eigentlich in viele Teile der Welt verlegen, denn die Themen, die angesprochen werden, sind international: Einsamkeit, Verhaltensauffälligkeit, Geldnot, die Frage nach dem richtigen Weg im Leben. Wer fühlt sich nicht davon angesprochen? Wer braucht nicht im Leben dann und wann eine „starke Schulter“, an die er oder sie sich anlehnen kann? Und ist froh, wenn er auf einen Menschen wie Gil trifft, der Halt und Hoffnung verspricht? Ich denke, gerade diese omnipräsenten Probleme, die jedes Leben einmal berühren, machen diesen Roman so erfolgreich.
    Der Roman lässt sich flüssig lesen, ohne dabei anspruchslos zu sein. Lediglich die ungewöhnlichen Namen haben bei mir anfangs ein wenig für Verwirrung gesorgt, die sich im Laufe des Lesens aber gelegt hat.
    Alles in allem präsentiert Dror Mishani einen Roman, den man meiner Meinung nach einfach gelesen haben muss, und den ich mit viereinhalb von fünf Lesesternen zur Lektüre gerne weiterempfehle.

  1. Wenn Verführung zur Gefahr wird...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 22. Dez 2019 

    Da ich ein Fan von komplizierten Beziehungsgeschichten bin, hat mich dieser Roman sehr gereizt. Ich bekam jedoch etwas gänzlich anderes serviert, was für mich eine Überraschung war.

    In der Geschichte geht es um die Frauen Orna, Emilia und Ella, die sich alle auf ein und denselben Mann einlassen. Jede spürt für sich, dass ihr dieser Mann nicht guttut und dennoch können sie nicht die Finger von ihm lassen. Was will er nur von diesen drei Frauen?

    Es fällt wirklich ungemein schwer etwas über dieses Buch zu schreiben ohne etwas zu verraten oder die Geschichte gar zu spoilern.

    Mich hat am meisten die Handlung um Orna gefesselt, einfach weil ich mich mit ihr am ehesten identifizieren konnte. Ich habe sehr gut nachvollziehen können wie sehr sie als Geschiedene noch an ihrem Mann hängt und es ihr schwer fällt die neue Situation zu akzeptieren, weil ich ähnliches durchgemacht habe.

    Gil als männlicher Part ist einfach nur unglaublich und das meine ich im negativen Sinne. Ich konnte kaum fassen wie sehr er des Lügens mächtig ist und sich immer alles so zurechtlegt, dass es für ihn passt. Rücksicht auf andere zu nehmen kennt er nicht, weshalb ich ihn als Figur natürlich so gar nicht mochte.

    Ansonsten kann ich jedem nur empfehlen das Buch erst dann zu lesen, wenn man emotional gefestigt ist, denn der Roman ist von der Grundstimmung her ungemein düster, fast schon depressiv.

    Nach dieser Lektüre kann ich nur sagen, dass ich deutlich besser aufpasse, wenn ich jemanden kennenlerne und genau in mich hineinhorche, ob mir eine Person gut tut oder nicht.

    Fazit: Völlig anders als erwartet und dennoch gut. Ich habe teils vor Staunen mit offenem Mund gelesen und spreche daher gern eine Leseempfehlung aus. Wirklich mal etwas anderes.

  1. Illusionen und Lügen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 01. Okt 2019 

    Drei: ein Titel mit Programm. Drei Frauen in drei Abschnitten tragen diese Geschichte.
    Orna, die alleinerziehende Mutter, die sich so verzweifelt bemüht nach der Scheidung Eltern- und Paarebene zu trennen. Über eine Partnervermittlungswebsite für Geschiedene sucht sie nach einem Weg aus ihrer Einsamkeit.
    Auch Emilia ist einsam. Die lettische Pflegekraft spricht nur unzureichend hebräisch. Sie sucht nach einem göttlichen Zeichen, um ihrer prekären Situation Sinn zu geben.
    Dagegen ist Ella eine toughe Frau, Mutter von drei Kindern und Studentin.
    Trotz ihrer unterschiedlichen Lebensmodelle begegnen alle drei Frauen demselben Mann. Schicksalshafte Begegnungen für die Beteiligten.
    Der israelische Autor Dror Mishani hat ein sehr gutes Gespür für seine Figuren, für deren Gefühls- und Gedankenwelt. Für ein israelisches Buch ist es erstaunlich unpolitisch, dafür psychologisch ziemlich dicht. Mishanis Erzählweise erzeugt einen starken Sog.
    Der Diogenes Verlag bat im Vorfeld des Erscheinens dieses Buches, bei der Rezension nicht allzu viel vom Inhalt zu verraten. So darf es Überraschungen geben, Wendepunkte und Aha-Erlebnisse.
    Drei war für mich gelungene Unterhaltungslektüre, ein Genre Mix, ein Blendwerk voller Illusionen und Lügen. Das letzte bisschen „großartig“ fehlte mir zum Schluss.

  1. Eigen, erhellend, klug und auch witzig

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 25. Sep 2019 

    Die Welt des Fußballs ist eine Parallelwelt, von der der Zuschauer nur die hübsche Oberfläche zu sehen bekommt. Ein Spiel ist es nur am Rande, eigentlich ist es Showgeschäft, bei dem mit Menschen und Millionen jongliert wird. Hier dürfen wir hinter die Kulisse schauen.

    Ivo Trifunović ist ein Superstar in diesem Geschäft, einer von den ganz Großen, der dick verdient, die Welt bereist, der aber auch überall erkannt wird und es sich gut überlegen muss, ob und wo er seine Frau betrügt.

    „Ivo ist ein gottverdammter Entertainer, der es genießt, wenn die Leute ihm zuschauen. Es entspannt ihn, Blicke auf sich gerichtet zu sehen, deshalb will er den Leuten auch was bieten, …“

    Er hat gelernt, sich zu beherrschen, auch wenn er ab und an dem Reporter mit den dämlichen Fragen lieber in die Fresse schlagen würde. Er steckt im Käfig seit der C-Jugend. Sein Leben wird bestimmt von Trainingsplänen, Terminen, gelenkt durch bereitstehende Busse, Manager, Zuschauerzahlen und Tabellenplätze. Jetzt ist er 27 Jahre alt und kommt schon ab und an ins Grübeln.

    „Um gut zu werden, muss man den Fußball nicht lieben, man muss ihn aushalten! Jedes Kind, jeder blade Fan liebt den Fußball mehr als der Spieler, weil sie nicht wissen, wie dreckig es wirklich zugeht, wie dumm alles ist, wie viel Arbeit hinter allem steckt.“

    Dieses Buch ist schräg und auch irgendwie genial. Man stelle sich vor, es erzählt ein österreichischer Hauptschüler mit außerösterreichischen Wurzeln, Herz, Familiensinn und einem ausgefeilten Ego, der seit frühster Jugend einem ganz speziellen Drill unterliegt, der alles außer Bildung beinhaltet. So jemand spricht eine sehr eigene Sprache, die man nicht besser wiedergeben kann als Tonio Schachinger.
    Er schafft es, dass man ihn gern hat, Ivo, diesen rüpelhaften Antihelden, der das Business kennt und auf höchst unterhaltsame Art analysiert. Seine speziellen Einblicke sind irgendwas zwischen weise und hoch komisch.

    Vermutlich findet man als echter Fußballfan leichter Zugang zu diesem Buch. Despektierliche Betrachtungen zu Ronaldo oder Messi sind für Insider sicher ungleich witziger. Ich habe etwa bis zur Hälfte des Buches beißen müssen, bis ich angekommen war. Und da die Anzahl an Fußballfans, die sich für den Deutschen Buchpreis interessieren vermutlich überschaubar ist, wird die Zielgruppe für dieses Buch nicht allzu groß sein.
    Lesenswert ist es trotzdem, sehr eigen, erhellend, klug und auch witzig.

  1. Roman oder Krimi?

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 23. Sep 2019 

    Bei diesem Buch gibt es als erstes gleich einmal eine Kritik von mir. Aber eher eine Kritik am Marketing. "Über dieses Buch darf man eigentlich nichts verraten." heißt es. Wie jetzt? Über dieses Buch? Und über andere schon, oder was? Über kein Buch sollte man etwas verraten, dies zerstört den Lesezauber und uns Buchbegeisterten das Vergnügen. So etwas sollte nicht bei einem bestimmten Buch stehen, sondern eigentlich jedermann klar sein. Und das Marketing von Verlagen sollte sich mal manchen Slogan etwas näher ansehen und nachdenken!

    Ich verstehe natürlich nach der Lektüre des Buches die Gedankengänge des Marketings von D.. Hier ist es wirklich schwer eine Rezension zu schreiben und bei dieser nicht zu viel zu verraten. Ich versuche es mal.

    Drei verschiedene Frauenschicksale werden hier gezeichnet, alle verbinden gewisse schwierige Lebenssituationen und ihr jeweiliger Umgang damit. Und dann verbindet sie noch etwas. Die Liebe und das Begehren. Und weiter wird beschrieben wie diese Frauen mit ihren Gefühlen umgehen und was dies mit ihnen macht. Es sind Schicksale, die nahe gehen und nachdenklich machen.

    Insgesamt sieht man hier psychologisch recht gut ausgearbeitete Blicke auf die Menschen. Aber für einen literarischen Roman sind diese Blicke doch recht kurz umrissen. Das Geschriebene von Dror Mishani ist sehr spannend, hat insgesamt einen recht hohen Lesesog und beim Lesen wird man ab und zu auch schwer überrascht. Aber der letzte Funken ist schlussendlich bei mir nicht übergesprungen. Drei von Dror Mishani ist in meinen Augen recht gut gemachte und schöne Unterhaltung. Aber nicht mehr.

  1. Rasant. Gut. Unterhaltsam.

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Sep 2019 

    Rasant. Gut. Unterhaltsam.
    Dror Mishani ist ein bekannter und erfolgreicher Romanautor in Israel. Warum das so ist, und wie berechtigt es ist, das versteht man, wenn man seinen neuesten Roman „Drei“ gelesen hat. Wer schon mehrere Romane von ihm gelesen hat, der wird so in etwa wissen, was den Leser in „Drei“ erwartet.

    „Drei“ ist ein ungewöhnlicher Romantitel. Zahlentitel sind aber wohl modern. Auch Paul Auster nennt seinen besten Roman nach einer Zahlenfolge, nämlich 4 3 2 1. Und so wie Austers Betitelung einen Sinn hat, so hat auch „Drei“ als Titel einen Sinn.

    Um drei Frauen geht es. Ihr Leben wird ausschnittsweise vorgestellt. Ihr Alltag wird geschildert und ihre spezielle Lebenssitution. Da ist Orna, eine alleinerziehende Frau mit einem verhaltensauffälligen Kind, da ist Emilia, die aus Riga gekommen ist, um im Pflegebereich in Israel etwas zu verdienen. Ihr Leben geht einem besonders nahe, sie wird ausgebeutet – so ähnlich wird es vielen osteuropäischen Pflegekräften in Europa gehen. Es sei denn, sie treffen auf eine faire Familie. Die es auch gibt. Emilia lernt auf geradezu rührende Weise hebräisch. Und da ist Ella, eine selbstbewusste Mutter dreier Kinder.

    Die Charakterzeichnungen der drei Frauen sind dem Autor sehr gut gelungen. Was mir besonders gefällt, sind die vielen Details, die deren Leben kennzeichneten. Und wie der Autor auch den Nebenfiguren Raum und Zeit widmet, so dass man ein "Buch voller echter Leute" vor sich hat. Anderen Lesern mag dies das Buch zu sehr zu verlangsamen. Es ist - wie so oft - Geschmacksache.

    Man lernt nicht nur die Frauen kennen, sondern auch den Alltag in Tel Aviv. Man hätte sich ein wenig mehr politischen Hintergrund gewünscht, die Bedrohung durch arabisch-palästinischen Raketenbeschuss miterlebt, die Siedlungspolitik hätte durchaus zur Sprache kommen können oder auch das Ringen um die zukünftige, politische Entwicklung, das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten von Amerika, etc.

    Jede der drei Frauen wird vom Autor an einen Schicksalspunkt geführt. Und der anfangs ein wenig traut daherkommende Roman nimmt mehr und mehr Fahrt auf.

    Fazit: Die israelischen Schriftsteller können (fast) alle etwas. Nicht ganz ohne Grund ist uns Ephraim Kishon in ewiger Erinnerung geblieben. Lesenswert!

    Kategorie: Gute Unterhaltung
    Verlag: Diogenes, 2019

  1. Spannende, intelligente Unterhaltung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Sep 2019 

    Wie schreibt man eine Rezension über ein Buch, über das man eigentlich nichts sagen sollte. Nichts, nichts, nichts, gar nichts, kein Wort.
    Noch nicht einmal über das Genre sollte man reden. Dieses Buch ist eine riesige Überraschung. Anfangs schläfert es den Leser ein, der sich mitten in einer Beziehungsgeschichte wähnt, um dann gnadenlos und unerwartet zuzuschlagen.

    Dror Mishani lotet sie aus, die allerfeinsten psychologischen Momente, die Zwischentöne. Hier lernt man jeden sehr gut kennen und verstehen. Höchst nachvollziehbar durchlebt man den Frust, den Orna nach ihrer Scheidung mit sich herumschleppt, oder die Angst und die Unsicherheit, die Emilia in die Arme der Kirche treibt, als sie ihre Stellung verliert. Und Ella versucht auszubrechen aus dem Alltagstrott. Ein Mann und drei Kinder sind zu versorgen und wo bleibt sie?
    Man ist dabei und fühlt mit diesen Frauen, deren Leben eigentlich nichts Besonderes ist, und hat auch noch lange Verständnis, wenn es allmählich unverständlich wird.

    Dieses fein komponierte Buch fesselt sehr und wird nach und nach immer spannender. Es ist wirklich schön erzählt, einzig der Schluss hat mit nicht so gefallen, der zerfasert ein wenig. Wahrscheinlich hätte der Autor eher einen Cut machen sollen, um das Genie und die Atmosphäre dieser Geschichte zu wahren. Stattdessen zerredet man den Plot und vergisst dabei das Leitmotiv.

    Trotzdem ein tolles Buch, spannende, intelligente Unterhaltung, ein Buch, das man grinsend seinen Freunden in die Hand drückt und sagt: Da, lies das!!

  1. Auf der Suche

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Sep 2019 

    Eine Rezension für diesen außergewöhnlichen Roman zu verfassen, ist tatsächlich nicht einfach, weil man wirklich nicht zu viel vom Inhalt vorwegnehmen darf. Dem Leser würde sonst der Genuss überraschender, in die Geschichte eingeflochtener Ereignisse genommen.

    Worum geht es?

    Der Roman ist dreigeteilt. Im Zentrum jedes Teils steht eine Frau, die auf der Suche ist. Zunächst ist es Orna. Sie wurde von ihrem Ehemann Runen verlassen, der ein neues Leben in Katmandu begonnen hat. Der gemeinsame Sohn Eran leidet entsetzlich unter der Trennung und befindet sich deshalb in Therapie. Sein Psychologe ermutigt Orna, sich wieder dem Leben zuzuwenden. So wird Orna Mitglied in einem Dating-Portal, wo sie extrem wählerisch und restriktiv Kontakte knüpft.
    Einer dieser Kontakte ist der geschiedene Gil. Langsam entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden. Eindrucksvoll werden Annäherungen und Rückzüge beschrieben. Orna ist kritisch, erst nach zahlreichen Treffen kommt es zu ersten körperlichen Kontakten…

    Im zweiten Teil steht Emilia, eine Altenpflegerin aus Lettland, im Zentrum. Ihr betagter Schützling Nachum ist kürzlich verstorben, so dass sie sich um eine neue Arbeitsstelle bemühen muss, was aufgrund ihrer Herkunft nicht einfach ist. Zunächst findet sie nur eine Teilzeitstelle im Krankenhaus, Geldsorgen sind die Folge. Emilia behält den Kontakt zu Esther, der Ehefrau des Verstorbenen. Diese rät ihr, sich an ihren Sohn Gil zu wenden, der sich als Anwalt für Arbeitsrecht mit den Problemen von Migranten auskennt und ihr vielleicht helfen kann. Emilia gefällt Gil. Sie setzt viele Hoffnungen auf ihn, träumt von einer Beziehung und hofft, ihrer Misere bald entkommen zu können…

    Ella ist die dritte Frau im Zentrum des Romans und auch die selbstbewussteste. Sie hat einen (eifersüchtigen) Gatten und drei Kinder. Dieses Leben füllt sie nicht aus. Um dem häuslichen Einerlei zu entrinnen, studiert sie an der Universität und schreibt an ihrer Masterarbeit - meistens in dem Café, in dem auch Gil regelmäßig verkehrt. So lernen sich die beiden kennen und beginnen einen Flirt…

    Meine Bewertung:

    Die Sprache ist sehr angenehm zu lesen. Man kann sich in die Charaktere extrem gut hineinversetzen, womit der Autor große Menschenkenntnis und Empathie beweist. Die Annäherung zwischen Gil und den genannten Protagonistinnen erfolgt absolut glaubwürdig. Die Frauen sind einsam, sind auf der Suche und werden von ihrer Lebenswelt zwischen (Ex-)Partnern, Kindern, Beruf, Geldsorgen etc. aufgerieben. Mishani skizziert die Erwartungen, Hoffnungen und Zwänge der Frauen sehr akribisch. Dadurch entfaltet die Handlung von Anfang an einen Sog, der durch bestimmte aufwühlende Geschehnisse noch verstärkt und um kriminalistische Elemente bereichert wird.

    Man ist als Leser sehr nah am Geschehen dran. Das geschieht ohne Pathos und Kitsch, dazu ist der Roman zu sachlich geschrieben.

    Die männliche Hauptfigur Gil bleibt nebulös. Sein Charakter wird erst nach und nach deutlich. Das macht den großen Reiz dieses Romans aus, der mit seiner Dreiteilung zwar eine ungewöhnliche Struktur hat, die sich am Ende jedoch schlüssig zusammenfügt und ein Ganzes ergibt.

    Ich habe diesen überraschenden Roman, auf den man sich am Besten ohne großes Vorwissen einlässt, sehr gerne gelesen und gebe meine volle Lese-Empfehlung!

  1. Drei Frauen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Sep 2019 

    Seit Kurzem ist Orna geschieden, ihr Sohn leidet noch sehr unter der Trennung. Wie jede gute Mutter unternimmt Orna alles, um es ihm leichter zu machen. Doch manchmal muss Orna auch an sich selbst denken. Deshalb hat sie sich in einem Dating-Portal angemeldet. Das scheint nicht viel zu bringen. Irgendwann beginnt sie einen Chat mit einem Rechtsanwalt, der einen ähnlichen Hintergrund hat wie sie. Insbesondere ist er auch geschieden. Treffen will sich Orna erstmal nicht mit ihm. Ihre Scheidung ist noch zu frisch und sie glaubt, noch nicht offen für eine Beziehung zu sein.

    Dieser Roman ist schon besonders konstruiert. Um nicht zu viel zu offenbaren, hält man sich mit näheren Angaben zum Inhalt am besten zurück. Es ist auch zu empfehlen, das Interview mit dem Autor, das am Ende des Romans abgedruckt ist, tatsächlich erst nach der Lektüre des Buches zu lesen. Der Autor ist bisher mehr von seinen Krimis bekannt. Hier wagt er sich auf ein anderes Terrain vor. Eine Art Spannungsroman hat er schon geschaffen, aber doch ganz anders als gewohnt. Schnell findet man sich in Ornas Welt hinein, schimpft über ihren Mann, der sich mit seiner neuen Familie einfach nach Nepal abgesetzt hat. Wie konnte er seinen Sohn verlassen und sich noch nicht mal regelmäßig melden. Man freut sich, dass Orna so langsam wieder etwas auftaut und offener wird für Neues. Nach und nach wird jedoch die Spannungskomponente stärker und man beginnt sich zu fragen, wo das hinführen soll. Der Romanleser wird langsam durch den Krimileser ausgetauscht und das Detektivgen beginnt mit seiner Arbeit. Welche Spuren hat der Autor ausgelegt, welche Lösung hat er parat. Vielleicht werden nicht alle Fragen beantwortet, doch die herausragende Komposition dieses Buches lässt kleine Schwächen schnell vergessen.

  1. Ein Mann und drei Frauen

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Sep 2019 

    Über den Roman "Drei" von Dror Mishani darf man gar nicht viel schreiben. Denn egal, was man schreibt, man läuft Gefahr zu spoilern. Daher fange ich erstmal mit meinem Fazit zu diesem Überraschungsei von einem Buch an:
    Fantasievoll, spannend, überraschend, berührend! Der Roman ist saugut! Unbedingt lesen!

    ... und versuche mich dennoch an ein paar Aussagen, die hoffentlich neugierig machen.

    Es geht um einen Mann und drei Frauen. Die Handlung spielt größtenteils im heutigen Tel Aviv.
    Der Roman besteht aus 3 Kapiteln. Jedes dieser Kapitel behandelt die Verbindung des Mannes zu einer dieser Frauen.
    Frau Nr. 1: Eran, frisch geschieden, Mutter eines kleinen Jungen. Die Scheidung, die von ihrem Ex ausgegangen ist, hat sie zutiefst verletzt. Sie hat Zweifel an dem, was ihr, einer alleinerziehenden Mutter, die Zukunft noch bringen wird. Aus Angst vor dem Alleinsein meldet sie sich auf einem Dating Portal an. Hier lernt sie Gil kennen. Die beiden nähern sich einander ganz langsam an. Meine Güte, ist der Mann sensibel und verständnisvoll.
    Frau Nr. 2: Emilia aus Estland, mit einer Arbeitserlaubnis für Israel. Sie ist Altenpflegerin, spricht kaum Israelisch und wurschtelt sich durch das Leben in Tel Aviv durch. Finanziell geht es ihr dürftig, sie ist einsam. Ein wenig Wärme in ihrem Leben erhält sie durch die Zuwendung zur Religion und zu Gil. Er schenkt ihr seine Gunst (mehr körperlich als finanziell), nachdem sie bei ihm als Putzfrau eine Anstellung findet.
    Frau Nr. 3: Orna, verheiratet, 3 Kinder, mit einem eifersüchtigen Ehemann. Sie versucht, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben und flüchtet sich in ein Studium, das sie neben ihrem Alltag als Hausfrau und Mutter, durchzieht. Sie schreibt gerade an ihrer Masterarbeit, als sie Gil kennenlernt. Ein amouröses Abenteuer lockt.

    "Und tatsächlich gelang es ihm manchmal, sie zu überraschen, ihr das Gefühl zu vermitteln, es gäbe Dinge, die sie nicht von ihm wusste, und dass unter seiner konventionellen Erscheinung ein deutlich interessanterer Mensch steckte, den sie noch nicht kannte."

    Abgesehen von der Verbindung zu diesem Mann, haben die drei Frauen nichts gemeinsam.
    Was hat dieser Mann an sich, dass sich die Frauen in ihn vergucken. Ein Womanizer ist er schon mal nicht. Zumindest, was das Äußerliche angeht: er ist eher unauffälliger Durchschnitt. Vermutlich ist es seine Gabe, den sensiblen Frauenversteher zu spielen, die ihn für die Frauen anziehend macht. Ein weiterer Pluspunkt ist vermutlich sein Beruf: er ist Rechtsanwalt - gut situiert und erfolgreich.

    Die drei Kapitel erzählen also die Geschichten der Frauen und ihrer Beziehung zu Gil. Doch jedes Kapitel ist besonders. Sie unterscheiden sich nicht nur im Sprachstil. Die Kapitel sind aus der Sicht der jeweiligen Frau geschrieben, woraus folgt, dass wir bei 3 unterschiedlichen Frauen auch drei unterschiedliche Sprachstile haben. Man beachte: dieser Roman ist von einem Mann geschrieben, der sich par excellence in das Seelenleben der Frauen hineindenkt und dieses authentisch wiedergibt.

    "Sie empfand weder Kränkung noch echte Wut angesichts seiner Lügen, obgleich sie ihn zuvor aufgezogen hatte, ja nicht einmal Selbstekel. Vielleicht war da nur ein wenig Angst, weil sie inzwischen begriff, dass sie sehr viel weniger über ihn wusste, als sie gedacht hatte."

    Dann hat der Autor Dror Mishani für jedes Kapitel ein besonderes Ende gewählt:
    Kapitel 1 endet mit einer Überraschung wie ein Paukenschlag.
    Kapitel 2 hat ein vorhersehbares, aber unvermeidliches Ende.
    Kapitel 3 endet, wie man es sich als Leser erhofft.

    Vielleicht noch eine Anmerkung zum Genre. Dieser Roman lässt sich auf kein einzelnes Genre festlegen. Es ist leichter, die Genres auszuschließen, zu dem dieser Roman auf gar keinen Fall zuzuordnen ist: Fantasy, historischer Roman, Horror.
    Ansonsten ist er ein bisschen von allem, von dem einen mehr und von dem anderen weniger.

    Der Roman "Drei", der in Israel ein Bestseller war, soll als TV-Serie verfilmt werden. Das wundert mich nicht. Wenn nicht dieser Roman, welcher dann?

    © Renie

 

Der Geschmack von Lebertran: Eine Kindheit in den 50er-Jahren

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Geschmack von Lebertran: Eine Kindheit in den 50er-Jahren' von Cornelia Ertmer
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Geschmack von Lebertran: Eine Kindheit in den 50er-Jahren"

Format:Taschenbuch
Seiten:180
Verlag: OCM
EAN:9783942672634

Diskussionen zu "Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch"

read more

Rezensionen zu "Der Geschmack von Lebertran: Eine Kindheit in den 50er-Jahren"

  1. ein interessanter Rückblick

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 30. Apr 2019 

    Das Buch beschreibt in kurzen Geschichten Episoden aus der Entwicklung eines Mädchens in den 1950er-Jahren.

    Dieses Mädchen ist namenlos und wird im Buch immer nur als „das Kind“ beschrieben. Hier ließe sich trefflich mutmaßen, warum die Autorin dieses Mittel gewählt hat, anstatt z.B. die Ich-Form zu wählen. Denn auch sie ist ein Kind der 50er und es ist daher davon auszugehen, dass das Buch schon wesentliche autobiographische Züge trägt.

    Die Episoden, die die Autorin hier niedergeschrieben hat, geben einen sehr guten Einblick in die damaligen Lebensumstände und auch den moralischen Wertekompass dieser Zeit gibt sie sehr anschaulich und treffend wieder.

    Als Kind der 1970er, das in einem relativ konservativen Elternhaus aufgewachsen ist, habe ich beim Lesen festgestellt, dass sich zwischen diesen beiden Jahrzehnten nicht unbedingt sehr viel geändert hat, zumindest nach meinen Erfahrungen.

    Insofern war das Buch ein Stück weit für mich eine Zeitreise zurück in meine Kindheit, wenn man z.B. den Verlauf eines typischen Sonntags verfolgt.

    In einem sehr flüssigen Schreibstil, in dem ich bisweilen die wörtliche Rede in Form der „Gänsefüßchen“ vermisst habe, wird das Buch durchaus zu einem kurzweiligen Lesevergnügen. Doch ich denke, „DER GESCHMACK VON LEBERTRAN“ sollte nicht unbedingt nur dazu dienen.

    Vielmehr ist es für mein Empfinden ein Buch, das man nach jeder Geschichte gerne einmal zur Seite legen kann. Sei es, um in eigenen Erinnerungen zu schwelgen, oder um sich vor Augen zu halten, unter welchen Lebensumständen die eigenen Eltern und/oder Großeltern herangewachsen sind. Vielleicht schafft das der nachfolgenden Generation auch noch ein wenig zusätzliches Verständnis für die vorhergehende.

    Aufgelockert wird das Buch zudem durch diverse Listen mit Sprüchen, Werbeslogans und einigen mehr oder weniger schmackhaften Gerichten.

    Aus meiner Sicht hat Cornelia Ertmer hier ein sehr schönes Stück gelebte Geschichte niedergeschrieben, das ein Generationen übergreifendes Publikum verdient hat.

 

Mein kompetentes Baby: Wie Kinder zeigen, was sie brauchen

Buchseite und Rezensionen zu 'Mein kompetentes Baby: Wie Kinder zeigen, was sie brauchen' von Nora Imlau
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Mein kompetentes Baby: Wie Kinder zeigen, was sie brauchen"

Babys gehören zu den meist unterschätzten Wesen auf diesem Planeten. Dabei ist es absolut erstaunlich, was Babys ab dem ersten Tag schon können: Sie erkennen die Eltern, reagieren auf Gesichter, nehmen Blickkontakt auf, können Stimmungen unterscheiden. Aus Sicht der modernen Entwicklungspsychologie tragen die Kleinen damit aktiv zum Aufbau der Eltern-Kind-Bindung bei.

Nora Imlaus fundierter und leicht lesbarer Ratgeber durch das erste Jahr zeigt anschaulich, dass Babys genau über die Kompetenzen verfügen, die sie in ihrem jeweiligen Lebensalter und in ihrer Erfahrungswelt brauchen. Sie entwickeln sich nicht vom Unfertigen zum Fertigen, sondern werden von kompetenten Neugeborenen zu kompetenten Babys zu kompetenten Kleinkindern. Dieser revolutionäre Blick auf Babys entlastet die Eltern, denn wer versteht, wie Babys „ticken“, erkennt schneller, was sie brauchen, um ausgeglichen und zufrieden zu sein.



Autor:
Format:Kindle Ausgabe
Seiten:208
Verlag: Kösel-Verlag
EAN:

Diskussionen zu "Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch"

read more

Rezensionen zu "Mein kompetentes Baby: Wie Kinder zeigen, was sie brauchen"

  1. Babys weisen uns den Weg

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 10. Apr 2019 

    Die meisten Menschen denken, dass Babys durch und durch hilflose Wesen sind. Ja, selbstverständlich sind sie auf uns Erwachsene angewiesen und benötigen unsere Hilfe um zu überleben, aber dass Babys durchaus auch in der Lage sind, sich selbst bis zu einem gewissen Grad zu helfen, wissen viele Leute nicht. Oft werden ihre Fähigkeiten nicht erkannt oder missdeutet. Auch durch unsere Erwartungshaltung (Sie können noch nichts!) haben wir eventuell schon einen ganz anderen Blick auf unsere Babys und "übersehen" deshalb ihre Fertigkeiten.

    Babys kommen mit ganz vielen sinnvollen Werkzeugen auf die Welt, die es ihnen ermöglichen, uns zu kommunizieren, was sie brauchen und was ihnen gut tut. Babys Signale nicht zu sehen oder sie zu ignorieren, bedeutet für es, dass es nicht gehört wird, dass man es übergeht und in weiterer Folge kann das dazu führen, dass es später nicht an seine Fähigkeiten glaubt und dass es zu einem unsicheren Menschen wird, der eher passiv, statt aktiv, durchs Leben geht. Dass das keine Mutter und kein Vater will, ist klar, deswegen ist es ganz wichtig, sein Baby/Kleinkind bewusst zu beobachten und es einfach mal machen zu lassen. Oft wissen die Kleinen ganz genau, was, wieviel und wann sie von allem etwas brauchen. Egal, ob es das Stillen/spätere Essen, Schlafen, Ausscheiden, Sozialverhalten, die Kommunikation oder die Motorik betrifft. Babys und Kleinkinder haben ihren ganz eigenen Plan, der perfekt zu ihnen und ihrer Entwicklung passt. Es liegt an uns Eltern, ob wir mit unseren Babys kooperieren und sie gesund wachsen und groß werden lassen, oder ob wir ihnen etwas aufzwingen und sie dadurch ihrer Kompetenzen berauben. Bei manch einem Baby geht es vielleicht gut, bei anderen nicht und diese werden dann zu Erwachsenen, die nicht an sich glauben.

    Da ich immer schon eher intuitiv gehandelt und mir wenig von anderen Leuten vorschreiben habe lassen, habe ich bei meiner Tochter bisher auch wenig fremdbestimmte Dinge unternommen. Oft musste ich mir schon anhören, ich soll doch dies oder das mit ihr machen, soll das genau SO machen, ... oder es wird mir ein schlechtes Gewissen gemacht, wenn ich auf meine Art und Weise mit meinem Baby umgehe oder ich anderer Ansicht bin. Das geht mir sowas von auf die Nerven (besonders von denen, die selbst noch keine Kinder haben!), dass ich mich dann gerne von diversen Menschen abwende.
    In der Zeit, in der ich jetzt Mutter bin, habe ich schon häufig gehört, dass man Babys früher so "entmündigt"/ihnen ihre Kompetenzen abgesprochen hat, dass es mir ganz kalt den Rücken runtergelaufen ist ... Glücklicherweise lebt man heute schon bewusster und erkennt langsam auch wieder an, dass man nicht für alles ein Hilfsmittel braucht. - Weder für Babys Nahrungsaufnahme, Babys Schlaf oder zur Beruhigung ist das zwingend erforderlich.

    Mir hat dieses Buch also SEHR gut gefallen, denn es zeigt auf, dass Babys fähigere Wesen sind, als wir alle denken. Teilweise ziemlich erstaunlich und durch und durch spannend und interessant kommt der Inhalt daher. Ich kann es wirklich jedem frisch gebackenen (und werdenden) Elternteil, aber auch Leuten, die diese Thematik einfach so interessiert, wärmstens empfehlen. Wirklich lesenswert!

 

Das Volk der Bäume

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Volk der Bäume' von Hanya Yanagihara
4
4 von 5 (2 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Volk der Bäume"

Der junge Arzt Norton Perina kehrt mit einer unfassbaren Entdeckung von der Insel Ivu’ivu zurück: Hat er wirklich ein Mittel gegen die Sterblichkeit gefunden? Eine uralte Schildkrötenart soll die Formel des ewigen Lebens bergen. So kometenhaft er damit zur Spitze der Wissenschaft aufsteigt, so rasant vollzieht sich die Kolonisierung und Zerstörung der Insel. Mit gnadenloser Verführungskraft zieht Hanya Yanagihara uns hinein in den Forscherrausch im Urwald und lässt uns auch dann nicht entkommen, als Perina dort eine weitere Entdeckung macht: seine fatale Liebe zu Kindern. Wie betrachten wir eine Lebensleistung, wenn sich das Genie als Monster entpuppt? Ein brillant geschriebener, gefährlicher Dschungel von einem Roman.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:480
Verlag: Hanser Berlin
EAN:

Diskussionen zu "Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch"

read more

Rezensionen zu "Das Volk der Bäume"

  1. Ein beeindruckendes Konstrukt!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 14. Sep 2020 

    Hier habe ich ein Buch gelesen, welches es mir inhaltlich nicht leicht gemacht hat!

    Ein wirklich unsympathischer Hauptcharakter gibt Einblicke in seine Gedankenwelt. Der Arzt Norton Perina macht eine ungeheuer wichtige Entdeckung, ist also auf wissenschaftlichen Gebiet eine Koryphäe, menschlich dagegen zeigt Perina einige unschöne Züge, die sich gen Ende bis ins Unermessliche Steigern, ekelerregend sind. Und hier möchte ich vorwarnen, es geht um Kindesmissbrauch, nicht jeder Leser möchte so etwas lesen. Mit der Zeichnung des Hauptcharakters wird in diesem Buch eine Frage gestellt. was ist wichtiger bei einem Menschen, das Gute oder das Schlechte? Doch kann man beides gemeinsam bewerten? Oder muss man hier nicht trennen? Einerseits eine Koryphäe und andererseits ein Straftäter!

    Gleichzeitig ist dieses Buch ein Bericht, wie die westliche Welt mit anderen Kulturen umgeht/umgegangen ist. Der Schutz einer anderen Kultur oder der Schutz der Tier- und Pflanzenwelt war der westlichen Welt lange vollkommen egal, erst nach und nach regten sich andere Geister, dennoch dauert eine Veränderung im Denken lange, wie man auch momentan beim Klimaschutz beobachten kann. In diesem Bericht wird dem Leser genauso die Frage nach seiner Bewertung des Geschehens gestellt. Besonders gut gelungen fand ich hierbei die Beschreibung des Lebens auf Ivu'Ivu, einer fiktiven mikronesischen Insel, deren Bewohner/ihre Kultur dennoch recht real gezeichnet ist, in ihrer Art manchmal an reale Kulturen erinnert. Oft habe ich bei der Lektüre an werke der Ethnographie aus der Zeit der Entdeckungen denken müssen. Der große westliche Beobachter und sein Blick auf eine andere Welt/auf eine andere Kultur mit der Brille der eigenen Wert- und Moralvorstellungen. Nicht immer korreliert so etwas.

    Genauso interessant wie die Thematik ist auch der Stil des Buches. Die autobiographische Betrachtung von Perinas Leben durch ihn selbst, gespickt mit Beobachtungen und Meinungen eines Freundes von Perina machen dieses Buch zu etwas Besonderem, teilweise zwar etwas schwierig zu lesen, ich finde zum Beispiel, dass die Fußnoten sich nicht über mehrere Seiten hätten erstrecken dürfen. Aber auch das habe ich schon anderswo genauso gesehen. Die Schreibe Hanya Yanagiharas ist aber derartig intensiv und die Thematik so ungeheuer vielschichtig, dass man förmlich gezwungen ist 5 vollkommen verdiente Sterne zu vergeben. Genauso wie die Schreibe Yanagiharas derartig real rüberkommt, dass man sehr geneigt ist alles Geschriebene zu glauben. Dennoch ist dieses Buch eine Fiktion, die aber auf einem wahren Fall basiert, dem Fall von Gajdusek!

  1. Terra incognita

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 31. Mär 2019 

    Norton Perina ist Arzt, Forscher, Wissenschaftler, Nobelpreisträger. Auf einer mikronesischen Insel erforschte er den Mythos der Unsterblichkeit. Eine unbekannte Schildkrötenart soll den Schlüssel zum ewigen Leben bergen. Es sind die „Träumenden, die von dem Schildkrötenfleisch gegessen haben und hunderte Jahre alt werden, während ihre geistige Verfassung demenzartig abbaut. Wochen-, monatelang verbringt Perina mit dem Anthroplogen Paul Tallent und dessen Assistentin Esme auf der einsamen Insel, lernt deren Gebräuche und Initiationsriten kennen. Mit der Zeit adoptiert Perina insgesamt 45 Kinder von der Insel. Als alter Mann wird er wegen Vergewaltigung und Unzucht mit Minderjährigen zu zwei Jahren Haft verurteilt.
    Hanya Yanagihara hat für ihren Erstling Das Volk der Bäume die Geschichte von Daniel Carlton Gajdusek, der auf Papaua Neuguinea die Prionkrankheit erforscht und unzählige Kinder der Eingeborenen adoptiert hat, zum Vorbild genommen.
    Das Buch beginnt mit der Verurteilung Perinas. Während der Zeit in Haft verfasst Perina seine Memoiren. Es ist die zunächst langweilige Selbstbeweihräucherung eines blasierten Studenten und Doktoranden, dem der Zufall zu dem Forschungsauftrag führt, der Perinas Leben verändern wird. Perina ist herablassend, präpotent, dabei ein äußerst unzuverlässiger Erzähler.
    Mir hat dieses Buch einiges an Durchhaltevermögen abverlangt. Hanya Yanagiharas Beschreibungen der Terra incognita sind opulent, ausufernd, bildgewaltig. Perina selbst scheint emotionslos und nahezu angeödet.
    „O Gott, dachte ich, kann sich denn nichts in diesem Dschungel verhalten, wie es soll? Müssen sich Früchte bewegen und Bäume atmen und Süßwasserflüsse nach Ozean schmecken? Warum muss alles so überdeutlich darauf hinweisen, dass Verzauberung hier Realität ist?“ lässt sie Perina schreiben. Ich dachte so ähnlich. Eigentlich wollte ich nur weg von dieser Insel, voller widerwärtiger, mit Parasiten gefüllter Früchten, abscheulicher Beschreibungen von geplagten Kreaturen und primitiver Riten. Dabei wird im Text unzählige Male auf Indexverweise zurückgegriffen. Irgendwann habe ich mir das Blättern nach fiktiven Quellenangaben gespart.
    Genie oder Monster, diese Frage kann man bei diesem Buch nicht unvoreingenommen begegnen. Perina zerstört zum Zwecke der Forschung eine ursprüngliche Zivilisation, vergewaltigt Mensch und Natur. Vielleicht ist es, weil das Buch aus der Sicht des Täters, des Zerstörers der ursprünglichen Zivilisation, des Kinderschänders, geschrieben ist, dass es mich nicht erreichen konnte.
    Martin Pesl schrieb in seiner Rezension im Falter: „Man liest weiter, nicht so sehr, weil einen die Details rund um das ohnehin fiktive Baumvolk interessieren, sondern weil man verdammt noch mal endlich wissen will, wo der Typ eigentlich ang’rennt ist.“ Danke, besser kann man es nicht ausdrücken.

 

Billie: Abfahrt 9:42

Buchseite und Rezensionen zu 'Billie: Abfahrt 9:42' von Sara Kadefors
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Billie: Abfahrt 9:42"

Okay, Billie hat eine Mutter, die sich nie um sie kümmern konnte. Familienleben und Gefühle kennt sie hauptsächlich aus Fernsehserien. Als 12-jährige Frohnatur kann sie aber damit umgehen. Als sie zu
der perfekten Pflegefamilie kommt, mischt sie mit ihren Dreadlocks und ihrer entwaffnenden Offenheit die Provinz auf – und zeigt, worauf es wirklich ankommt . . .
Sie entlarvt die bürgerliche Fassade ganz ohne pubertäre Aufmüpfigkeit, einfach indem sie sich unbedarft auf sie einlässt. Sie lernt zum ersten Mal "Freizeitaktivitäten" kennen, geht zum Tischtennis und zum Gospelchor – und bleibt immer noch sie selbst. Notfalls singt sie mörderisch laut Michael-Jackson-Songs. Sonnigen Charakteren wie ihr sollte man einmal im Leben begegnet sein – und sei es nur zwischen zwei Buchdeckeln.

Format:Kindle Edition
Seiten:176
EAN:

Diskussionen zu "Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch"

read more

Rezensionen zu "Billie: Abfahrt 9:42"

  1. Lebenswelten...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Jan 2019 

    Okay, Billie hat eine Mutter, die sich nie um sie kümmern konnte. Familienleben und Gefühle kennt sie hauptsächlich aus Fernsehserien. Als 12-jährige Frohnatur kann sie aber damit umgehen. Als sie zu der perfekten Pflegefamilie kommt, mischt sie mit ihren Dreadlocks und ihrer entwaffnenden Offenheit die Provinz auf – und zeigt, worauf es wirklich ankommt …

    Billie landet aus der Großstadt Stockholm plötzlich in einem kleinen schwedischen Dorf. 'Langweilg' ist das Erste, was ihr dazu einfällt, doch sie bemüht sich, sich möglichst nichts anmerken zu lassen. Und so gibt Billie sich Mühe, als sie ihre Pflegefamilie kennenlernt, versucht sich anzupassen, eigene Wünsche hintenanzustellen, ihren Sehnsüchten nicht zu viel Raum zuzugestehen.

    Billie ist 12 Jahre alt, und das Jugendamt hat beschlossen, dass ihre Mutter sich nicht länger um sie kümmern kann. Nur für eine Weile, so der Plan, soll sie daher bei der Pfarrerin Petra und ihrer Familie wohnen. Eine neue Familie, eine neue Schule, andere Regeln, aufdringliche Fragen - all das meistert Billie scheinbar mit bemerkenswerter Gelassenheit. Dabei macht sie sich durchaus so ihre Gedanken, und wenn sie glaubt, sie müsse platzen, schleicht sie sich aus dem Haus und in den Wald und singt sich die Seele aus dem Leib, bis es ihr wieder besser geht.

    Doch bald schon merkt sie, dass es auch anderen Personen in ihrem Umfeld nicht immer gut geht. Und mit großem Einfühlungsvermögen gibt sie Dingen, Fragen, Sorgen einen Namen und zerrt sie damit aus ihrem Tabu. Ganz allmählich verliert das Grau im Dorf seine Eintönigkeit und macht Lebendigkeit und Lachen Platz.

    Die Schwedin Sara Kadefors hat hier ein wirklich lesenswertes Jugendbuch mit einer unkonventionellen Protagonistin geschrieben, das mich stellenweise sehr berührt hat. Dabei steht Billie selbst im Mittelpunkt des Geschehens, doch spielen hier auch andere Jugendliche eine Rolle, und so findet die Zielgruppe (empfohlenes Lesealter: 12-15 Jahre) mit Sicherheit passende Identifikationsmöglichkeiten.

    Billie selbst hat mir sehr gut gefallen. Sie ist selbständig ohne zu unabhängig zu wirken, sie ist traurig, nicht bei ihrer Mutter leben zu können, aber realistisch genug um zu erkennen, dass es nicht anders geht, sie will in ihrer Klasse dazugehören, aber nicht um jeden Preis. Ein Mädchen, das durch seine Offenheit besticht, durch seine Lebensfreude und durch seine Weigerung, Regeln einfach nur deshalb hinzunehmen, weil sie jemand aufgestellt hat. In jedem Fall ein Mensch, den man selbst gerne kennen würde...

    Ein schönes Jugendbuch, das tiefgründiger ist als es anfangs den Anschein hat, und dem ich viele Leser wünsche...

    © Parden

 

Das Mädchen mit dem Schmetterling: Wohin das Herz uns trägt

Buchseite und Rezensionen zu 'Das Mädchen mit dem Schmetterling: Wohin das Herz uns trägt' von Kristin Hannah
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Das Mädchen mit dem Schmetterling: Wohin das Herz uns trägt"

Wie die Liebe uns ins Leben zurückholt.

Die Kinderpsychologin Julia Cates steht vor den Trümmern ihrer Karriere. Von Schuldgefühlen gepeinigt, kehrt sie zu ihrer Schwester in ihren Heimatort am Mystic Lake zurück, wo ein schwer traumatisiertes Kind auftaucht. Gemeinsam mit dem Arzt Max versucht sie herauszufinden, was dem Kind angetan wurde. Bis sich ein Mann meldet, der behauptet, der Vater zu sein. Julia muss alles riskieren, um zu verstehen, wer das Mädchen tatsächlich ist – und zu wem es gehört.

Ein berührender Roman darüber, wie ein Kind, das Hilfe braucht, das Leben einer Frau verändert.


Dieser Roman erschien erstmals unter dem Titel "Wohin das Herz uns trägt".

Format:Kindle Edition
Seiten:529
EAN:

Diskussionen zu "Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen: Ein Elternbuch"

read more

Rezensionen zu "Das Mädchen mit dem Schmetterling: Wohin das Herz uns trägt"

  1. Beeindruckend

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 27. Nov 2018 

    Julie und Ellie sind Schwestern und doch grundverschieden. Ellie, die ältere der Beiden, ist Polizeichefin in ihrem kleinen Heimatort am Mystic Lake. Julie dagegen ist eine äußerst erfolgreiche Kinderpsychologin in Los Angeles. Jetzt steht sie vor den Trümmern ihrer einstmals so erfolgreichen Karriere.

    Beide haben seit Jahren nur noch sporadischen Kontakt zueinander. Und doch ist es so, dass ein unvorhergesehenes Ereignis Ellie um die Hilfe ihrer Schwester bitten lässt. Ein sogenanntes Wolfskind ist urplötzlich im Distrikt aufgetaucht. Das völlig verwilderte und verwahrloste Kind ist nicht nur schwer traumatisiert, es spricht auch nicht. Niemand weiß woher das Kind kam, es wird kein Kind vermisst, auf das die Beschreibung und das ungefähre Alter passen könnte.

    Für Julie wird dieses Kind zum Rettungsanker. Sie versucht mit viel Einfühlungsvermögen und ihren Kenntnissen sich dem Kind zu nähern, um so Informationen über das Mädchen zu erlangen und es zu therapieren.

    Das ist eines der Bücher, die mich wieder einmal tief beeindruckt, aber auch betroffen gemacht haben. Die Story, die die Autorin hier geschrieben hat, ist so unfassbar und unglaublich. Gut gefallen haben mir die einfühlsame Beschreibung des Vorgehens der Psychologin als sie versucht mit dem Kind Kontakt aufzunehmen und sich ihr zu nähern. Auch ihre sehr emphatische Darstellung als und auch wie es beiden Schwestern gelingt, wieder ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

    Das Buch liest sich schon durch die Story richtig gut. Pausen während des Lesens fielen mir sehr schwer, weil ich fortwährend wissen wollte, wie es weitergeht. Von mir gibt es eine unbedingte Leseempfehlung und verdiente fünf Sterne!

 

Seiten