Der tragische Kanzler: Hermann Müller und die SPD in der Weimarer Republik

Rezensionen zu "Der tragische Kanzler: Hermann Müller und die SPD in der Weimarer Republik"

  1. Portrait eines zu unrecht vergessenen Staatsmanns

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Feb 2020 

    Peter Reichel bricht eine Lanze für den "tragischen Kanzler" Hermann Müller. Der SPD-Politiker war zweimal Kanzler in der Zeit der Weimarer Republik, zuerst 1920, für gut drei Monate, dann von Juni 1928 bis März 1930. Zuvor hatte er als Außenminister die undankbare Aufgabe übernommen, den Versailler Vertrag zu unterzeichnen, was ihm lebenslänglich den Hass rechter Fanatiker eintrug. Nach dem gescheiterten Kapp-Putsch der rechten Republikgegner wurde er Nachfolger kurzzeitig Nachfolger des sich in der dadurch hervorgerufenen Krise zwiespältig verhalten habenden Reichskanzlers Bauer, ebenfalls von der SPD. Doch die Kanzlerschaft währte nur kurz, denn bei den anstehenden ersten Wahlen zum Reichstag verlor die Weimarer Koalition, vor allem die MSPD, an Stimmen. Doch Müller blieb ein wichtiger Politiker der Weimarer Republik. Er leistete zum einen einen großen Beitrag zur Wiedervereinigung von MSPD und USPD. Als SPD-Vorsitzender war er zum anderen an weiteren Regierungsbildungen/Sondierungen dazu beteiligt, bis er dann 1928 wieder Kanzler einer großen Koalition wurde. Doch auch die zweite Kanzlerschaft war von großen Belastungen gekennzeichnet, außenpolitisch ging es um die Regulierung der Reparationszahlungen durch den Young-Plan, Voraussetzung für die endgültige Räumung der von Frankreich und Belgien besetzten Gebiete in Deutschland. Gegen die Anfeindungen von rechts kam es in diesen Fragen zu einer für das Deutsche Reich durchaus positiven Entscheidung, innenpolitisch scheiterte Müller aber am Streit der Flügelparteien SPD und DVP über die Finanzierung der Arbeitslosenversicherung, die durch die Weltwirtschaftskrise zusätzliche Brisanz bekam. Angesichts der immensen Belastungen konnte Müller, wie viele andere auch, eigentlich nur scheitern, doch daraus hat er zumindest das beste gemacht. Bescheiden mögen seine Erfolge sein, aber mehr war auch nicht zu erwarten. Durch sein Naturell hat er sich durchaus Achtung bei seinen innen- und außenpolitischen Gegnern verschafft, sieht man mal von den Extremisten von links und rechts ab, die ihn über den Tod hinaus verachteten.

    Peter Reichel gebührt der Verdienst, diesen zu unrecht weitgehend vergessenen Politiker der Weimarer Republik in angebrachte Erinnerung zu rufen. In Detailfragen kann man allerdings bisweilen anderer Ansicht als Reichel sein, so etwa bei der Darstellung der Vorgeschichte des Versailler Vertrags. Auch Reichel rügt zu recht das Verhalten des Vorgängers Müllers als Außenminister, Graf Brockdorff-Rantzau, der absichtlich den diplomatischen Fauxpas beging, während seiner Erklärung zur Vertragsübergabe sitzen zu bleiben. Doch ob ein klügeres Verhalten angesichts des virulenten Hasses nach dem Weltkrieg einen für Deutschland günstigeren Vertrag ermöglicht hätte, darf meiner Ansicht nach bezweifelt werden. Und was Reichels mehrfach geäußerte Kritik an der angeblichen Kompromissbereitschaft der SPD betrifft: Wie weit soll eine Partei im Sinne der Staatsraison mit der Selbstverleugnung gehen? Drei Mal (!) stellte die Reichstagsfraktion die Parteihaltung über das Staatsinteresse, beim ersten Mal wegen der Ungleichbehandlung der Reichsländer Sachsen und Bayern im Punkt Radikalismus (im linken Sachsen kam es zur sogenannten Reichsexekution, im rechten Bayern konnten sich Rechtsradikale munter ungehindert ausbreiten), in der Panzerkreuzerauseinandersetzung ging es um Kosten der Aufrüstung angesichts steigender Staatsausgaben und drohender Verelendung großer Volksteile. Und, negativer Höhepunkt aus Sicht Reichels, der erzwungene Rücktritt Müllers wegen der Weigerung seiner Partei, einer vom Koalitionspartner DVP gewünschten Reduzierung der Arbeitslosenhilfe zuzustimmen. Aber erstens gehören zum Scheitern einer Ehe immer zwei, außerdem liefen hinter den Kulissen längst Bestrebungen des konservativen Reichspräsidenten Hindenburg und ihm nahe stehender Konservativer, die Republik abzuschaffen und den Einfluss der SPD ein für alle mal auszuschalten. Wenn Reichel an dieser Stelle den sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten vorwirft, zu den Totengräbern der Republik zu gehören, so ist das meiner Ansicht nach falsch. Von diesen Ausnahmen abgesehen haben die Sozialdemokraten sich nämlich sehr oft verbiegen müssen, um Politik möglich zu machen. Doch irgendwo sollte auch Selbstachtung ins Spiel kommen, oder?

 

Sommerhaus am See: Fünf Familien und 100 Jahre deutscher Geschichte

Buchseite und Rezensionen zu 'Sommerhaus am See: Fünf Familien und 100 Jahre deutscher Geschichte' von Thomas Harding
NAN
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»Ein leidenschaftliches Erinnerungsbuch über Deutschland.« Neil MacGregor

In den 1920er-Jahren war das Holzhaus am idyllischen See von Groß Glienicke das Ferienparadies für die jüdische Familie Alexander gewesen. Für Elsie Alexander, die Großmutter von Thomas Harding, blieb es trotz Verfolgung und Vertreibung durch die Nazis ein Ort für die Seele. Wie durch ein Wunder steht das Haus noch immer, über Jahrzehnte Zufluchtsort für fünf Familien, deren Schicksale das deutsche 20. Jahrhundert spiegeln. Nach Kriegsende lag es auf DDR-Gebiet. Die Mauer wurde durch den Garten gebaut, am Seeufer entlang. Zuletzt stand es leer, verfiel und sollte abgerissen werden. Doch Thomas Harding und seine Mitstreiter vor Ort sorgten dafür, dass dies nicht geschah. Er beschloss, dem Haus seine Geschichte wiederzugeben.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:403
EAN:
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Deutsch sein und schwarz dazu: Erinnerungen eines Afro-Deutschen

Buchseite und Rezensionen zu 'Deutsch sein und schwarz dazu: Erinnerungen eines Afro-Deutschen' von Theodor Michael
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Format:Taschenbuch
Seiten:224
EAN:9783423348577
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Rezensionen zu "Deutsch sein und schwarz dazu: Erinnerungen eines Afro-Deutschen"

  1. Die Lebenserinnerungen eines Afro- Deutschen...

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 16. Jun 2019 

    Dieses Buch wollte ich unbedingt lesen, weil es etwas schildert, dass Seltenheitswert besitzt, denn den Nationalsozialismus als Farbiger zu überleben, ist schon etwas Besonderes. Das Buch war dann jedoch anders als erwartet.

    Bei dem vorliegenden Sachbuch handelt es sich um die Autobiografie von Theodor Michael, der zur Zeit der Weimarer Republik als Farbiger in Deutschland geboren wird und die Zeit des Nationalsozialismus miterlebt hat.

    Die erste Hälfte des Buches dreht sich um die Kindheit und Jugend des Autors, die sich immens spannend las. Man fiebert jedes Mal mit, dass Theodor auch wirklich entkommt. Zudem berührt einen zutiefst, was der Junge alles miterleben musste, gerade den Weg durch Pflegefamilien und Heime gehen zu müssen, stelle ich mir nicht sonderlich schön vor.

    Das Buch sorgt dafür, dass ein Teil deutscher Geschichte beleuchtet wird, der sonst eher ein Schattendasein lebt, denn von verfolgten Juden und ähnlichem hat jeder schon einmal gehört, aber dass es auch Farbige während des zweiten Weltkrieges in Deutschland gab, das wird kaum thematisiert.

    Ab der zweiten Hälfte verliert das Buch leider seinen Charm. Mir ist natürlich klar, dass dies echte, reale Lebensereignisse waren und sind, aber hier kam Herr Michael sehr egoistisch rüber, tut er doch viel für sein persönliches Vorankommen, aber wenig für seine Familie. Hier haben mir seine Frau und die vier Kinder unheimlich Leid getan. Das Leben der Familie wird wenig bis gar nicht beleuchtet, dafür aber umso mehr der berufliche Werdegang Theodors, der mich dann doch des Öfteren gelangweilt hat.

    Positiv anmerken möchte ich noch die Bilder in der Mitte des Buches, die dafür sorgen, dass man sich die darin geschilderten Menschen noch besser vorstellen kann.

    Für mich ganz klar ein wichtiges Buch und durchaus interessant, allerdings konnte es nicht mit den Büchern von Hans J. Massaquoi ("Neger, Neger, Schornsteinfeger" und "Hänschen klein, ging allein...") mithalten, die doch um einiges fesselnder geschrieben sind.

    Fazit: Bedingt spreche ich eine Leseempfehlung aus, da hier Zeitgeschichte vermittelt wird, die Seltenheitswert hat.

 

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