Mein kleiner Orangenbaum

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Rezensionen zu "Mein kleiner Orangenbaum"

  1. Rückblicke...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Aug 2018 

    Sesé kann es einfach nicht lassen, ständig fallen dem fantasievollen Jungen neue Streiche ein, für die er auch prompt zu Hause bestraft wird. Um seinem arbeitslosen Vater zu helfen, arbeitet er als Schuhputzer. Oder er schwänzt die Schule, um auf der Straße zu singen. Immer erobert er im Sturm die Herzen der Menschen. Und im Garten findet er in einem Orangenbaum seinen besten Freund, dem er sein Herz ausschütten kann. Eines Tages trifft er sogar 'den besten Menschen von der Welt', ein Glück, das nur von kurzer Dauer ist.

    "Weißt du, man muss ein sehr großes Herz haben, damit alles reinpasst, was man gern hat."

    Der Autor selbst ist es, der hier auf seine Kindheit zurückblickt - genauer gesagt auf ein prägendes Jahr seiner Kindheit. Als Fünfjähriger schon des Lesens mächtig und auch sonst ein pfiffiges Kerlchen, schummelt er bei seinem Alter ein wenig und darf deshalb schon früher in die Schule gehen. Seine Lehrerin ist begeistert von Sesés Arbeitseifer, ebenso wie von seinem Charme - und kann sich gar nicht vorstellen, dass seine Familie diesen liebenswerten kleinen Jungen so anders sieht.

    Sesés Familie ist arm und zieht mit all den Kindern in ein noch kleineres Haus, in ein Armenviertel einer Stadt in Brasilien. Von vielen Kindern das zweitjüngste, scheint Sesé die Rolle des schwarzen Schafes zuzukommen. Sicher, Fantasie und Intelligenz lassen ihn so manchen Streich aushecken, und dass seine Begeisterung für neue Begriffe sich nicht nur auf komplizierte Fremdworte bezieht sondern ebenso auf alle Schimpfwörter, die er aufschnappt, das alles sorgt für ordentlich Trubel. Aber häufig genug wird Sesé auch zu Unrecht beschimpft und geschlagen und muss als Blitzableiter aller älteren Geschwister und seiner Eltern herhalten.

    "Keiner von seiner Familie hat Verständnis für dieses Kind. Ich habe noch nie einen Jungen gesehen, der so sensibel ist."

    Erstaunlich genug, dass Sesé sich lange sein sonniges Gemüt bewahren kann, nach Nischen im Leben sucht, die seine Neugier und seinen Lebenshunger befriedigen und seine Fantasie dazu nutzt, sich in andere Welten zu begeben. So hat er einen kleinen Orangenbaum im Garten des Hauses zu seinem eigenen auserkoren und führt mit diesem lebhafte Diskussionen. Sesé erzählt ihm von allen Vorkommnissen und von den Gedanken, die ihn bewegen. Dieser Orangenbaum ist für den kleinen Jungen so etwas wie ein Freund, ein Vertrauter, ein stets offenes Ohr.

    Sesé nimmt seine Rolle als schwarzes Schaf der Familie lange recht stoisch hin, denn es lässt sich ja auch nichts daran ändern. Nur zu gut versteht er auch die Situation der anderen - die Arbeitslosigkeit des Vaters, die ständige Überarbeitung der Mutter, die Armut der Familie, die Ausweglosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung. Trotz allem aber ist Sesé ein erst fünfjähriger Junge, der bitter enttäuscht ist, als es zu Weihnachten noch nicht einmal eine Süßtigkeit gibt - während die Reichen mit Geschenken überschüttet werden. Gott muss die Reichen also viel mehr lieben als die Armen...

    "Jetzt erst wusste ich wirklcih, was Schmerz war. Schmerz war nicht, wenn man Prügel bekam bis man umfiel. (...) Schmerz war, wenn das ganze Herz so weh tat, dass man nur noch sterben wollte, ohne irgendjemand davon erzählen zu können."

    Sesé macht schließlich die Erfahrung von wirklicher Zuneigung und Zärtlichkeit. Doch wenn solch ein Glück unerwartet zerbricht, zerbricht die ganze Welt...

    Was für ein wunderschönes Buch! Naiv-kindlich erzählt und doch durchdrungen von einer erstaunlichen Reife, schafft der Roman Bilder einer wilden, armen, harten Kindheit und eines kleinen, intelligenten, sensiblen Jungen, der versucht, in dieser Welt mit Witz und Charme, Streichen und Fantasie zu überleben. Dabei ist der Junge dem Zauber der Welt so nah. Das Herz der Natur, die unerschöpfliche Welt der Sprache, die Geschichten, die täglich neu erfunden werden, der Zauber der Musik - all dem gegenüber öffnet sich Sesé reinen Herzens. Und doch muss er so viel Härte in seinem Leben ertragen, bis der Lebenswille als solcher hart auf die Probe gestellt wird...

    Pralle Lebensfreude und bittere Melancholie durchziehen diese Kindheitserinnerungen des bekannten brasilianischen Autors. Eine kleine Perle, die ich einem Zufallsfund zu verdanken habe...

    © Parden

 

Krieg der Bastarde: Roman

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Rezensionen zu "Krieg der Bastarde: Roman"

  1. Neuanfang? Chaos!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Nov 2018 

    Gelegenheit macht Diebe? Dies trifft auf jeden Fall auf Amadeu zu, der seinen Chef um ein Darlehen bitten will, dann aber ungewollt Zeuge wird, wie der einen Mann in seinem Büro erschießt und anschließend selbst einen Herzinfarkt erleidet. Zwei Tote innerhalb weniger Sekunden, weit und breit ansonsten keine Menschseele - und eine leuchtend rote Nylontasche, die geradezu danach schreit mitgenommen zu werden. Ein wahrer Glücksgrif: prall gefüllt mit Kokain, verspricht die Tasche Amadeu einen Neuanfang, ein besseres Leben - er muss den Stoff nur erst zu Geld machen. Dann kann er seinen Job als Pornodarsteller endlich hinschmeißen und die Schulden seiner Freundin Gina begleichen. Als Preisboxerin hat diese in letzter Zeit keinen einzigen Kampf mehr gewonnen und hat sich nun bis über beide Ohren ihres rothaarigen Kopfes verschuldet.

    "Amadeu bleibt allein im Wohnzimmer, aus dem Fenster gelehnt starrt er auf die andere Straßenseite. Dort drüben liegt ein Neuanfang. Endlich wird sein Leben einen anständigen Verlauf nehmen... (S. 38)"

    Doch hier fangen die Probleme erst richtig an. Auch wenn Rio riesig ist, sind die Verstecke rar gesät, denn die Bosse der Unterwelt haben ihre Fühler überall. Kaum hat Amadeu das Kokain verkauft, wird die Jagd auf ihn eröffnet. Ein bunter Reigen an schrägen Charakteren wird fortan in den Strudel der Ereignisse hineingezogen, darunter die Filmregisseurin Edwiges D'Lambert, die ihre Beinprothese als Geheimversteck nutzen kann, sowie das erfolgreiche Auftragskiller-Pärchen Edgar und Pablo, deren Autositze knistern, weil sie mit Plastik überzogen sind (Blut versaut alles...). Immer mehr Menschen werden in die hektische Suche nach Amadeu und dem Diebesgut hineingezogen - und niemand weiß, dass diese Suche vergelbich sein wird, denn Amadeu ist tot. Überfahren und auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben...

    "Ohne das Geld würden sich die nächsten zwanzig Jahre hier in dieser Wohnung abspielen, er würde sich, an einem Zahnstocher kauend, jeden Abend zulaufen lassen, und eine große Delle auf seinem Sofa würde die Umrisse seines Tag für Tag dort festgekeilten Hinterns verraten, eine Delle der Trägheit, des Müßiggangs." (S. 168)

    Eine verrückte Mischung an Situationskomik und absurden Zufällen präsentiert Anna Paula Maia hier und zeichnet dabei ein grellbuntschräges Bild der Halbwelt einer brasilianischen Großstadt. Raub, Mord, Organhandel, illegale Boxkämpfe, Pornofilme und Drogengeschäfte - nichts wird hier ausgelassen, erscheint aber durch die skizzierten Figuren eher nebensächlich. Denn alle träumen im Grunde davon, ihrer jetzigen Situation zu entfliehen, wenn sich nur eine Gelegenheit dazu ergibt - und bis dahin ist es eben so. Anna Paula Maia widmet sich mit Witz, Härte und Melancholie den Verkommenen, Maßlosen und Abtrünnigen und schafft so Sympathien selbst für diejenigen, die ihr Gegenüber am liebsten tot sehen und es dann kleingehackt an Schweine verfüttern. Der Hinweis, dass das Buch verfilmt werden soll, überrascht dabei keineswegs. Oftmals hatte ich tatsächlich schon Kinobilder beim Lesen vor Augen.

    Trash à la Pulp Fiction sorgt hier für quirlige Unterhaltung, die letztlich nur im absoluten Chaos enden kann. Der Schreibstil ist dabei gehoben, oftmals von komplex-verschachtelten Sätzen durchsetzt und durchaus nicht immer einfach runterzulesen. Sicher ist es Geschmacksache, ob einem diese Mischung zusagt - ich fühlte mich jedenfalls gut unterhalten.

    © Parden

  1. Neuanfang? Chaos!

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 28. Nov 2015 

    Gelegenheit macht Diebe? Dies trifft auf jeden Fall auf Amadeu zu, der seinen Chef um ein Darlehen bitten will, dann aber ungewollt Zeuge wird, wie der einen Mann in seinem Büro erschießt und anschließend selbst einen Herzinfarkt erleidet. Zwei Tote innerhalb weniger Sekunden, weit und breit ansonsten keine Menschseele - und eine leuchtend rote Nylontasche, die geradezu danach schreit mitgenommen zu werden. Ein wahrer Glücksgrif: prall gefüllt mit Kokain, verspricht die Tasche Amadeu einen Neuanfang, ein besseres Leben - er muss den Stoff nur erst zu Geld machen. Dann kann er seinen Job als Pornodarsteller endlich hinschmeißen und die Schulden seiner Freundin Gina begleichen. Als Preisboxerin hat diese in letzter Zeit keinen einzigen Kampf mehr gewonnen und hat sich nun bis über beide Ohren ihres rothaarigen Kopfes verschuldet.

    "Amadeu bleibt allein im Wohnzimmer, aus dem Fenster gelehnt starrt er auf die andere Straßenseite. Dort drüben liegt ein Neuanfang. Endlich wird sein Leben einen anständigen Verlauf nehmen... (S. 38)"

    Doch hier fangen die Probleme erst richtig an. Auch wenn Rio riesig ist, sind die Verstecke rar gesät, denn die Bosse der Unterwelt haben ihre Fühler überall. Kaum hat Amadeu das Kokain verkauft, wird die Jagd auf ihn eröffnet. Ein bunter Reigen an schrägen Charakteren wird fortan in den Strudel der Ereignisse hineingezogen, darunter die Filmregisseurin Edwiges D'Lambert, die ihre Beinprothese als Geheimversteck nutzen kann, sowie das erfolgreiche Auftragskiller-Pärchen Edgar und Pablo, deren Autositze knistern, weil sie mit Plastik überzogen sind (Blut versaut alles...). Immer mehr Menschen werden in die hektische Suche nach Amadeu und dem Diebesgut hineingezogen - und niemand weiß, dass diese Suche vergelbich sein wird, denn Amadeu ist tot. Überfahren und auf dem Weg ins Krankenhaus verstorben...

    "Ohne das Geld würden sich die nächsten zwanzig Jahre hier in dieser Wohnung abspielen, er würde sich, an einem Zahnstocher kauend, jeden Abend zulaufen lassen, und eine große Delle auf seinem Sofa würde die Umrisse seines Tag für Tag dort festgekeilten Hinterns verraten, eine Delle der Trägheit, des Müßiggangs." (S. 168)

    Eine verrückte Mischung an Situationskomik und absurden Zufällen präsentiert Anna Paula Maia hier und zeichnet dabei ein grellbuntschräges Bild der Halbwelt einer brasilianischen Großstadt. Raub, Mord, Organhandel, illegale Boxkämpfe, Pornofilme und Drogengeschäfte - nichts wird hier ausgelassen, erscheint aber durch die skizzierten Figuren eher nebensächlich. Denn alle träumen im Grunde davon, ihrer jetzigen Situation zu entfliehen, wenn sich nur eine Gelegenheit dazu ergibt - und bis dahin ist es eben so. Anna Paula Maia widmet sich mit Witz, Härte und Melancholie den Verkommenen, Maßlosen und Abtrünnigen und schafft so Sympathien selbst für diejenigen, die ihr Gegenüber am liebsten tot sehen und es dann kleingehackt an Schweine verfüttern. Der Hinweis, dass das Buch verfilmt werden soll, überrascht dabei keineswegs. Oftmals hatte ich tatsächlich schon Kinobilder beim Lesen vor Augen.

    Trash à la Pulp Fiction sorgt hier für quirlige Unterhaltung, die letztlich nur im absoluten Chaos enden kann. Der Schreibstil ist dabei gehoben, oftmals von komplex-verschachtelten Sätzen durchsetzt und durchaus nicht immer einfach runterzulesen. Sicher ist es Geschmacksache, ob einem diese Mischung zusagt - ich fühlte mich jedenfalls gut unterhalten.

    © Parden