In Flammen: Leben und Werk von Stephen Crane

Buchseite und Rezensionen zu 'In Flammen: Leben und Werk von Stephen Crane' von Paul Auster
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "In Flammen: Leben und Werk von Stephen Crane"

Paul Auster nimmt den Leser mit auf eine lebhafte Reise durch die kurzen 29 Jahre von Stephen Cranes Leben. Crane war der strahlende Stern der US-Literatur zur Jahrhundertwende, ein Frühvollendeter in jeder Hinsicht – wichtigster Vertreter des amerikanischen Naturalismus und Autor des legendären Bürgerkriegsromans «The Red Badge of Courage» («Die rote Tapferkeitsmedaille»). In den wenigen Jahren, die ihm vergönnt waren, verfasste er neben diesem ikonischen Roman ein reiches Werk aus Lyrik, Kurzgeschichten und Novellen und führte ein abenteuerliches, ja fiebriges Leben u. a. als Kriegskorrespondent im Spanisch-Amerikanischen und im Griechisch-Türkischen Krieg. Er erlitt Schiffbruch vor der kubanischen Küste, wurde in eine skandalöse Liebesaffäre verwickelt, die ihn zwang, seine Heimat zu verlassen, bereiste mehrere Kontinente, wurde in Kriegseinsätzen beschossen – all dies vor dem Hintergrund des pulsierenden, sich rapide wandelnden Lebens im blühenden Industriezeitalter. Und so ist Austers liebevoll genaues und detailreiches Porträt des Schriftstellers Crane auch eines seiner Zeit und der Welt im Fin de Siècle des neunzehnten Jahrhunderts am Übergang zum zwanzigsten.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:1200
EAN:9783498001674
read more
 

Machtverfall

Buchseite und Rezensionen zu 'Machtverfall' von Robin Alexander
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Machtverfall"

Zum Ende ihrer Amtszeit hat Angela Merkel ihre wohl größte Herausforderung zu bestehen. Doch die Kanzlerin, die in Notsituationen oft zur Hochform aufgelaufen ist, gerät in dieser Krise an die Grenzen ihrer Autorität. Die Pandemie, so Robin Alexander, ist dabei nur ein weiteres, spektakuläres Kapitel in einem noch größeren Drama: dem Ende einer ganzen Ära. In seinem neuen Buch erzählt der Bestsellerautor die Geschichte hinter den Kulissen: vom harten, langen Kampf in den inneren Machtzirkeln der Republik und vom Showdown um Merkels Nachfolge, der die Union fast zerreißt. Ein glänzend recherchiertes Buch, das zeigt, wie nah in der Politik der unbedingte Wille zur Macht und die Machtlosigkeit beieinander liegen.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
Verlag:
EAN:9783827501417
read more
 

Die militante Madonna: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die militante Madonna: Roman' von Irene Dische
4.35
4.4 von 5 (12 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die militante Madonna: Roman"

Diese unglaubliche Geschichte von Männern und Frauen, Täuschungen und Intrigen, unwahrscheinlichen Affären, heimlichen Fluchten und dramatischen Triumphen ist die Geschichte des Chevalier d’Eon de Beaumont, den es wirklich gab. Er war Diplomat, Soldat, Bibliothekar, Freimaurer, Degenfechter, Schriftsteller und Spion – und verbrachte den größten Teil seines turbulenten Lebens als Frau. Bis zu seinem Tod rätselte ganz London, wer die militante Madonna, die in öffentlichen Degenkämpfen alle Männer in die Knie zwang, wirklich war.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:224
EAN:9783455011968
read more

Rezensionen zu "Die militante Madonna: Roman"

  1. Zwischen den Welten

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 19. Nov 2021 

    In bzw. zu der aktuellen Genderdebatte gibt es ja durchaus Kontroversen und wer glaubt, der „Streit“ um die Geschlechterrolle wäre eine neumodische Erfindung – nun, den muss Irene Dische mit ihrem Roman „Die militante Madonna“ (erschienen im Hoffmann und Campe Verlag; Übersetzung: Ulrich Blumenbach) enttäuschen.

    Denn bereits Chevalier d´Éon (1728 – 1810) hat sich nicht eindeutig einer Rolle als Mann oder Frau zuordnen können bzw. wollen.

    Als französischer Diplomat arbeitete er in London und hatte Zugang zur „Upperclass“. Da er sich gerne als Frau verkleidete, wurde von den Spiel- und Wettsüchtigen Engländern ein irres Wettgelage veranstaltet, welchem Geschlecht Chevalier denn nun angehört. Mit zynischer, spitzer Zunge lässt Irene Dische sich in Gestalt des Chevaliers darüber aus, was sie davon hält bzw. denkt – nämlich gar nichts *g*.

    Generell ist der Roman aus der Sicht des Chevaliers geschrieben und ab und zu wendet sich der Gute auch direkt an das lesende Publikum; ein Kniff, der mir gut gefallen hat. Damit wird der geneigten Leserschaft ein ordentlicher Spiegel vorgehalten und darf sich bei den Passagen gleich die Frage stellen, wie er bzw. sie mit bestimmten Themen (der Zeit) „umgeht“. Mir hat die Autorin da öfter (nicht nur) ein Grinsen entlockt.

    Wir folgen dem Chevalier munter durch die Zeit, erleben ihn als begnadeten Fechter, als Autor, als Mensch mit Herz und Gefühl. Garniert mit Klatsch und Tratsch der französischen und englischen adligen Gesellschaft.

    Ein durchaus amüsantes Buch für alle, die mal ein bisschen „Yellow Press“-Literaturluft schnuppern wollen, ohne auch nur ansatzweise das niedere Niveau selbiger zu erreichen.

    4* und eine Leseempfehlung.

    ©kingofmusic

    Teilen
  1. Wie ich viel Freude an diesem Buch hatte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Nov 2021 

    Wir befinden uns im 18. Jahrhundert. Chevalier D’Eon ist Botschafter für den französischen König in London. Ein Diplomat, begnadeter Spion, Lebenskünstler. Doch es steckt eine zweite Seite in unserem Protagonisten, eine weibliche, die sich schmückt, Frauenkleidung trägt, mit dem Degen aber ganz genau so geschickt umgeht wie mit ihrer spitzen Zunge.

    „…als ich noch gertenschlank und bildhübsch wie eine junge Frau war, konnte ich fechten, fluchen und rauchen wie ein widerlicher alter Mann. Für dieses Gottesgeschenk sollte man mich beneiden und nicht bemitleiden.“

    Es ist eine historische Persönlichkeit, die die amerikanische Schriftstellerin Irene Dische in ihrem Roman „Die militante Madonna“ vorstellt. D‘Eon gilt als erster Transvestit der Weltgeschichte, der Eonismus bezeichnet den Wunsch von Männern, sich wie Frauen zu kleiden.

    Die Handlung setzt ein, als D’Eon für den französischen König Louis XV. in London das Amt eines Botschafters bekleidet. Es ist eine äußerst spannende Zeit, politisch und gesellschaftlich liegen Frankreich und England nicht gleich auf. Es ist eine Zeit der Intrigen, politischer Umbrüche, Gerüchte werden gezielt in Umlauf gesetzt. Doch nicht nur diese Ereignisse lassen uns durchaus auch an heutige Verhältnisse denken. Wir sehen hier ganz klar, dass die Genderdiskussion keine Frage unserer Zeit, keine Modeerscheinung ist. Während in London Wetten auf die Geschlechtszugehörigkeit D’Eons laufen, lässt uns die Autorin darüber im Unklaren.

    Irene Dische trifft nicht nur den manieriert affektierten Ton der damaligen Oberschicht, sie lässt D’Eon sprichwörtlich durch alte Gemäuer spuken und gegenwärtige Befindlichkeiten kommentieren.
    Ob D’Eon nun Mann oder Frau, trans, genderfluid, nicht binär oder schlicht ein Chamäleon war, der sich den Gegebenheiten bestmöglich opportun anpassen konnte? In Irene Disches Roman gibt es nur sehr wenige Personen, die D’Eon gekannt oder erkannt haben.

    Jedenfalls ist D'Eon eine herrlich (sic!) schillernde Figur. Ich glaube, der war wirklich so.

    Teilen
  1. Der Zeit voraus

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 12. Nov 2021 

    Wenn es einen Roman gäbe, der perfekt in die öffentliche Diskussion über Gendergerechtigkeit sowie die Verwendung gendergerechter Sprache eigenen würde, wäre dies momentan für mich „Die militante Madonna“ von Irene Dische. Dankenswerterweise hat der Verlag in diesem Roman jedoch auf Sternchen, Doppelpunkte, Schrägstriche, -innen und -außen verzichtet und die Geschichte einer transsexuellen Persönlichkeit des 18. Jahrhunderts in einer angenehm lesbaren Sprache (unter Verwendung des Genus) veröffentlicht. Dennoch ist dieser Roman ein Paradebeispiel an Gendergerechtigkeit, was allein an dem Protagonisten (immer noch Genus ;-)) liegt:

    Chevalier d’Éon (Charles-Geneviève-Louis-Auguste-André, Thimothée d’Éon de Beaumont, geboren 1728, gestorben 1810) eine historische Figur, die zur Zeit Ludwig des XV. ff. in Europa gelebt hat, hauptsächlich in England und Frankreich.
    Chevalier d’Èon hat kein Aufheben um Gendergerechtigkeit gemacht. Er oder sie fühlte sich sowohl als Mann als auch als Frau wohl. Als Mann war er unschlagbar mit dem Degen, war französischer Diplomat in London, begeisterte die höheren Kreise mit seinem Esprit und spionierte für den französischen König die militärischen Pläne der Engländer aus. Als Frau liebte sie es, schöne Kleider zu tragen, sich zurechtzumachen, Perücken und Schmuck zu tragen und vielleicht sogar den Männern den Kopf zu verdrehen.
    Das Verrückte an diesem Roman ist, dass man als Leser ständig auf der Suche nach Hinweisen ist, welchem Geschlecht d‘Éon nun angehörte. Diese Frage hat mich während der Lektüre dieses Romans permanent begleitet. Da sieht man mal, wie sehr man sich von öffentlichen Strömungen beeinflussen lässt, und wie wichtig diese Kategorisierung ist. Dem ich-erzählenden Protagonisten ist sie jedoch nicht wichtig. Stattdessen legt er in diesem Roman subtile Hinweise aus, die mich ständig schwanken ließen, bei der Antwort auf die Frage nach dem Geschlecht von d‘Éon.
    Die Handlung konzentriert sich auf die Zeit seines Aufenthaltes in London bzw. kurz danach. D’Éon muss in den Dreißigern gewesen sein, war im Auftrag des französischen Königs in London, offiziell als Diplomat, inoffiziell als Spion. Intrigenspiele waren demnach sein Alltagsgeschäft. Zu diesem Zeitpunkt begann sich die Öffentlichkeit massiv mit der Frage nach seinem Geschlecht zu beschäftigen. Solche Fragen waren und sind für die skandalträchtige Öffentlichkeit damals wie heute ein gefundenes Fressen. Doch tatsächlich war es d’Éon selbst, der die schlafenden Hunde weckte, indem er sich die Öffentlichkeit zunutze machte im Kampf gegen Anfeindungen und Ungerechtigkeiten, die ihm aus seiner französischen Heimat drohten. Indem er das Gerücht streute, eine Frau in Männerkleidern zu sein (oder ein Mann in Frauenkleidern?), kombiniert mit öffentlichen Sympathiebekundungen gegenüber seiner Wahlheimat England, machte er sich die öffentliche Meinung zunutze, was ihm vorübergehend Schutz vor dem unangenehmen und womöglich tödlichen Einfluss des französischen Königs verschaffte.
    Als Mitglied der Gesellschaft war es nicht leicht, für den Lebensunterhalt zu sorgen. Insbesondere, wenn man keine reiche Familie hatte und auf die Gunst und finanzielle Zuwendung anderer, insbesondere eines launischen Königs, angewiesen war. Während sich die Öffentlichkeit also intensiv mit der Frage nach seinem Geschlecht befasste, nutzte d’Éon die Gelegenheit, sich seinen Lebensunterhalt auf andere Weise zu verdienen, wobei er einzig seiner eigenen Person gegenüber Loyalität bewies. Sein Alltag war von Intrigen bestimmt – Intrigen, die gegen ihn gerichtet waren, aber auch Intrigen, die d’Éon selbst zu verantworten hatte und die gegen seine Gegner gerichtet waren.

    An diesem Roman haben mich zwei Dinge fasziniert:
    Zum Einen die Tatsache, dass die Frage nach d’Éons Geschlecht eher den Leser und die damalige Öffentlichkeit interessierte, als den Protagonisten selbst. Scheinbar vereinte er, was seine Sexualität betraf, zwei Seelen in einem Körper, die er als Teil seiner Persönlichkeit ansah, sich aber nicht darüber definieren ließ.
    Zum Anderen der Bezug zu unserer heutigen Zeit. Wer die Parallelen nicht von selbst erkennt, wird in diesem Roman von d’Éon höchstpersönlich mit der Nase darauf gestoßen. Denn der Protagonist und Ich-Erzähler richtet sich mehrfach in direkter Ansprache an den Leser und stellt die Bezüge zu unserer heutigen Zeit her und aktuelle öffentliche Meinungen, Verhaltensweisen, Gewohnheiten etc. in Frage.

    Fazit
    Ein origineller historischer Roman, der durch seinen Protagonisten besticht und mich durch seinen Bezug zur heutigen Zeit fasziniert hat. Leser, die diesen Roman in der Erwartung lesen, Aufschluss über das Thema Transsexualität in der damaligen Zeit zu erhalten, werden sicherlich enttäuscht werden. Aber wenn selbst der Protagonist sich nicht über sein Geschlecht definieren lassen möchte, sollten wir Leser dies auch nicht tun.

    Leseempfehlung!

    © Renie

    Teilen
  1. Ein Roman mit Esprit

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 31. Okt 2021 

    Ein Roman mit Esprit

    Der Chevalier d’Éon de Beaumont lädt den Leser ein sein Leben kennenzulernen. Dieser Mann hat wirklich gelebt, und war eine intelligente aber auch skurrile Persönlichkeit. Er war niemand, dem Ansehen und Geld von Geburt mitgegeben worden sind, doch diesen Umstand macht er mit Raffinesse wieder wett. Er arbeitet am französischen Hof als Spion für den König selbst, und erreicht durch seine Ränkespiele ein finanziell sorgloses Arrangement.

    Da er sich in Frauenkleidern wohl fühlte, und seine äußerlichen Attribute durchaus feminin beschrieben werden, erleben wir ihn häufig auch als Frau. Was im weiteren Verlauf der Handlung , als er in England weilt, um dort den Hof auszukundschaften, die Bevölkerung zu Wetten verleitet welches Geschlecht er nun tatsächlich habe.

    Doch natürlich lief auch bei ihm nicht alles rund. Der neue französische König verlangt, dass er nach Frankreich zurückkehrt. Die Bedingung lautet, dass er nun als Frau leben muss. Da er ansonsten vor dem finanziellen Ruin stünde, lässt er sich letztendlich darauf ein. Seine vermeintlichen Freunde, denen er viel geholfen hat, vor allem um an Geld heranzukommen, sind am Ende doch nicht so loyal wie erhofft.

    Dies ist das Grundgerüst der Handlung um diesen wenig bekannten Lebemann. Die Lektüre bot allerdings noch einiges mehr. Der Chevalier bekam von der Autorin eine Portion Zukunft eingehaucht, so dass es ihm möglich war, Gegebenheiten von damals mit heute zu vergleichen. Mir hat dies unheimlich gut gefallen, ebenso wie der Witz der oft durchblitzt. Das Rätsel, ob wir es nun mit einem Mann oder doch mit einer Frau zu tun haben, zieht sich durch das gesamte Werk und war neben den politischen Finessen das Hauptaugenmerk.
    Ein interessanter Einblick und ein spritziges Leseerlebniss!

    Teilen
  1. Eine bemerkenswerte Persönlichkeit

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Okt 2021 

    Der Chevalier d’Éon de Beaumont hat wirklich gelebt und er erzählt uns in diesem Roman seine Geschichte. Er war adlig, gebildet und bewegte sich in höchsten Kreisen. Im Auftrag des französischen Königs agiert er in London als Diplomat und Spion. Doch er kann sich seiner Position nie sicher sein. Er manipuliert und intrigiert und betrachtet das leben als ein Spiel. Mal tritt er als Frau auf und mal als Mann. Die wettlustigen Engländer schließen Wetten auf sein Geschlecht ab. Als der König stirbt und sein Sohn an dessen Stelle tritt, wird es eng für d’Eon. Er muss nach Frankreich zurückkehren und dort als Frau leben, wodurch er keine Ansprüche mehr geltend machen kann. Er ist zum Spielball politischer Ränke geworden.
    Irene Dische hat einen tollen und humorvollen, manchmal einen etwas zynischen Schreibstil. Sie lässt den Chevalier d'Eon de Beaumont seine Geschichte erzählen, wobei er den Leser/die Leserin direkt anspricht und dabei springt er auch schon mal in die jetzige Zeit, um Vergleiche zu ziehen.
    Auch wenn der Protagonist mit anderen sein Spiel treibt und dabei wenig rücksichtsvoll ist, so war er mir dennoch nicht unsympathisch. Sowohl in seiner Dragoneruniform als auch in Frauenkleidern macht er eine gute Figur. Ist es da ein Wunder, dass die wettverrückten Engländer nicht mehr zu halten sind und manchmal ihren gesamten Besitz verspielen. D‘Eon freundet sich mit dem windigen Journalisten Morande und dem raffinierten Pierre de Beaumarchais, in den er sich verliebt, an. Er steht auch zu seinen Freunden, selbst dann, als er erkennt, dass sie nur den eigenen Vorteil im Blick haben. Das Leben des Chevaliers ist ein einziges Auf und Ab, mal luxuriös, mal ärmlich, mal hat er seine Ränke gesponnen, mal geriet er in das Netz von anderen. Er war eine vielschichtige Persönlichkeit und hatte ein turbulentes Leben.
    Ich kann diesen unterhaltsamen Roman nur empfehlen.

    Teilen
  1. Korrupte Politik des 18. Jh.

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 26. Okt 2021 

    “Die militante Madonna” von Irene Dische erzählt uns die Geschichte des Chevalier oder der Chevalière d’Eon, der oder die im Dienste des Kaisers Louis XV. steht. D’Eon ist in verschiedenem Ausland für den Kaiser tätig, in St. Petersburg, wo sie als Frau auftritt und sich in dieser Rolle Zugang zu Zarin Katarina verschaffen kann und ihren Einfluss zu Gunsten Louis ausüben kann, dann in London, wo sie als Mann auftritt und im ständigen Auf und Ab von Machtspielen hin und her wankt und immer darum bemüht ist, Macht, Geld und Einfluss zu erhalten, zu mehren und vor allem nicht zu verlieren. D‘Eon spielt dabei kompromisslos ein Machtspiel, in dem Freunde nur Freunde sind, wenn sie ihm/ihr die Leiter hinauf helfen. Die Ränkeapiele, die dort in dem Roman gesponnen werden, sind oft undurchsichtig, kompromittierend oder erscheinen als pure Korruption. Wenig erfährt der Leser darüber, wie die Figur und andere, die von ihm/ihr benutzt werden, dazu stehen. Der Roman liefert eine pure Aneinanderreihung von Geschehnissen, ohne in meiner Sicht jemals in die einzelnen Figuren vorzudringen. D’Eon tut alles dafür, um in London bleiben zu können, wo er/sie meint, fernab des französischen Hofes und weitgehend außerhalb von dessen Einflussbereich Freiheiten genießen zu können, die er/sie in Paris oder Frankreich nicht haben könnte. Doch die Ränkespiele gehen letztendlich nicht auf. D’Eon wird gezwungen, nach Frankreich zurückzukehren, als Frau dort zu leben und sogar eine ganze Zeit im Nonnenkloster zu verbringen. Auf seinem Lebensweg trifft die historisch verbürgte Gestalt des d’Eon weitere historisch belegte Personen, so zB Beaumarchais, den Autoren des „Figaro“, zu dem er/sie zeitweise in Liebe zu entbrennen scheint, der dann aber doch wieder nur dazu dient, die Stellung von d’Eon möglichst stark zu halten.
    Mein Fazit: Mich hat dieses Ränkespiel in dem Buch eher angeödet. Ich konnte in keiner Weise eintauchen in die Zeit des 18. Jahrhunderts mit allen Absurditäten und Merkwürdigkeiten, die man mit diesem absolutistischen Zeitalter verbindet. Das Thema: Mann oder Frau und der Wechsel des Geschlechts bei d’Eon verkommt für mich in diesem Buch rein in einem Kleiderwechsel und wird zum Verkleidungsspiel ohne jede Tiefe und ohne jegliche inneren Zerwürfnisse und Rollenwechsel. So konnte ich mit historischer und psychologischer Oberflächlichkeit nicht viel anfangen und gebe dem Roman nur blasse 3 Sterne. Keine Leseempfehlung!

    Teilen
  1. Klatschgeschichten aus dem 18. Jahrhundert

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 21. Okt 2021 

    Viele unserer heutigen Stars und Sternchen würden neben Chevalier d'Éon, einem Adligen aus dem 18. Jahrhundert, regelrecht blass aussehen. Er war Botschafter Frankreichs in England, Agent, Soldat, ein Hochstapler, Büchernarr, Freimaurer und genoss es, immer wieder als Frau zu leben.

    "Die Natur hat mir das großzügigste Geschenk gemacht, äußerlich beiden Geschlechtern anzugehören. Hierher rührte die öffentliche Verwirrung. Ich war mit einer Stimme gesegnet, die für einen Mann als sehr hoch und für eine Frau als sehr tief galt. Ich war groß für eine Frau und klein für einen Mann. Hatte schöne Knöchel, sowohl für einen Mann als auch für eine Frau. Meine Uniform betonte meine Stärke und Beweglichkeit, ein Ballkleid hob meine Anmut hervor, und mein Alter spielte keine Rolle. Ich war nie auch nur auf die Idee gekommen, das eine Geschlecht zugunsten des anderen aufgeben zu müssen."

    Die Gesellschaft akzeptierte das mit nicht mehr Geraune als heutzutage, doch immer wieder kam es durch Wetten mit ausufernden Einsätzen darüber, welches Geschlecht der Chevalier habe, zu Eklats. Seine Freunde, der Klatschjournalist Morande sowie der Dramatiker Beaumarchais versuchten dadurch an Geld zu kommen und fädelten eine Reihe Intrigen ein.

    Es ist eine illustre Lebensspanne, die Irene Dische durch den Chevalier selbst erzählen lässt, der sich direkt an sein lesendes Publikum wendet. Es wird gelogen, betrogen, intrigiert und geschmeichelt, wobei die Hauptfigur sich noch zurückhält. Doch wie seine Freunde vorgehen, nur auf den eigenen Vorteil bedacht und ohne Rücksicht auf Verluste, lässt mich nur den Kopf schütteln. Was findet er an diesen entsetzlichen Menschen, dass er ihnen über Jahre hinweg die Treue hält?

    So wenig man eine Antwort auf diese Frage erhält, so wenig erfährt man über die tieferen Beweggründe der einzelnen Figuren. Die Charaktere wirken blass, die einzelnen Personen bleiben nicht im Gedächtnis. In erster Linie ist es ein unterhaltsames Panoptikum, in dessen Zentrum der Chevalier d'Éon steht; ein Buch mit Klatsch- und Tratschgeschichten aus dem 18. Jahrhundert. Heutzutage liest man so etwas in der GALA ;-)

    Teilen
  1. Mann oder Frau?!?!

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 19. Okt 2021 

    Dieses Buch war wieder ein Highlight! Und ich bin sehr froh wieder an einer Leserunde teilgenommen zu haben. Es ist ein historischer Roman. Um einen Menschen, der einmal real existiert hat. Den Chevalier d’Éon de Beaumont. Ein Adliger, Diplomat und Spion, ein Intrigant und manipulativer Mensch, ein Soldat, Degenfechter und Freimaurer, ein Schriftsteller. Jemand Besonderes. Ein Mensch mit einer gewissen Macht, zumindest zeitweise. Und ein Mann, der erst ab und an in Frauenkleidern in der Gesellschaft auftaucht. Der Wetten auf sein Geschlecht forciert und damit eigentlich die Gesellschaft vorführt. Später wird er vom französischen König gezwungen als Frau in Frauenkleidern zu leben, er wird zur Chevalière Charlotte d’Éon. Und damit wird er als Frau zur damaligen Zeit auch mundtot gemacht. Die Frage ist hier auch warum dies geschah. Verletzungen, Übertretungen und Angst. ...

    Irene Dische schreibt einen mitreißenden und auch außergewöhnlichen Roman um diesen Chevalier, treibt in diesem Roman auch ihr Rätselspiel um das Geschlecht des Chevaliers mit den Lesern, nur um gleichzeitig genau dieses Denken auch vorzuführen und zu hinterfragen. Ebenso wie sie Vergleiche zieht zwischen dem 18. Jahrhundert und dem Jetzt, zynische Vergleiche, die mich beim Lesen schmunzeln und laut lachen lassen. Ebenso wie sie die Erzählstimme in den Kontakt treten lässt mit der Leserschaft, nicht durchgehend natürlich, sondern eher pointiert und damit auch passend. Dabei ist diese Erzählstimme, trotz ihrer teilweise etwas eigenwilligen Art mit anderen Menschen umzugehen, dennoch sympathisch gezeichnet, was mir sehr gefällt.

    Eine etwas eigenwillige Ménage à trois steht hier zentral, der Chevalier d’Éon de Beaumont trifft auf den Journalisten Morande und den Theaterschriftsteller Pierre de Beaumarchais. Und alle drei trudeln mit ihren Intrigen durch die Geschichte. Anziehung und Abstoßung par excellence.

    Ein intensives Leseerlebnis, welches mir definitiv sehr gefallen hat!

    Teilen
  1. Damals wie heute

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 18. Okt 2021 

    "Ich betrachte Sie in ihrem seltsamen Jahrhundert voller Verwunderung. Zweihundertfünfzig Jahre nach meiner Zeit glauben sie offenbar, sie hätten die Wahlfreiheit erfunden, ein Mann oder eine Frau zu sein. … In meiner Zeit und in meinen Kreisen sprachen wir, wie es uns gefiel, in den obersten Gesellschaftsschichten, am kultiviertesten Hof der Welt kleideten sich die Männer wie Frauen und die Frauen wie Männer, und niemand regte sich über solche Kinkerlitzchen auf.“

    So spricht der Chevalier d’Éon de Beaumont die Leserschaft gleich an den ersten Seiten seiner Erzählung an. In einer theatralischen selbstgefälligen Sprache erzählt er die Geschichte seines turbulenten Lebens in der Zeit vom 1728 bis 1810. Der Chevalier war ein französischer Diplomat, Soldat, Freimauer, Schriftsteller und Degenfechter. Als treuer Diener und Spion des französischen Königs Ludwig XV. verweilt er einige Zeit unter dem Namen Lea de Beaumont am Hof der Zarin Elisabeth von Russland.

    Da er genauso gern den Dragoneruniform wie auch weibliche Kleider trägt und sein wahres Geschlecht nicht verraten will, wurden in London, wo er zuerst als Interimsbotschafter weiterhin in Diensten des Ludwig XV. steht, mehrere Wetten mit extrem hohen Einsätzen abgeschlossen. Das Thema seiner Identität überwiegt in dem Roman, genauso wie sie auch sein wahres Leben beeinflusst und zum größten Teil bestimmt hat. Denn die Neugier über sein wahres Ich ist unermesslich und, genauso wie die unaufgelösten Wetten, ruft sie unterschiedliche Reaktionen in der Gesellschaft und dem Freundeskreis auf.

    Ausführlich berichtet der Ich-Erzähler d`Eon über das gesellschaftliche Leben in London und Frankreich des 18. Jahrhunderts, über politische Intrigen und Machtspielen, ungewöhnliche Freundschaften, Liebe und Verrat. Bekannte historischen Persönlichkeiten, wie Voltaire oder Benjamin Franklin, durchkreuzen sein Leben, wichtige politische Ereignisse bestimmen es.

    „Die militante Madonna“ ist jedoch keine Biografie des ungewöhnlichen Chevaliers. Es ist vielmehr ein Roman, der auf viele Parallele zwischen Damals und Jetzt aufmerksam macht und der heutigen Leserschaft ermöglicht, einen kritischen Blick nicht nur auf das Leben einer ungewöhnlichen, historisch belegten Figur zu werfen. Der Roman animiert uns auch mit einem kritischen Blick die „Kinkerlitzchen“ der heutigen Welt zu betrachten. Denn wir die Autorin in dem Sinne fast zum Schluss schreibt: „es geschieht nichts Neues unter der Sonne“.

    Mich hat die Figur des Romans fasziniert; ihr Wissen, ihre Gewandtheit, Kampfgeist und Anpassungsfähigkeit in allen Lebenslagen sind bemerkenswert. Der Roman hat mir viele fesselnde, lehrreiche Lesestunden beschert. Ich kann ihn wärmstens empfehlen!

    Teilen
  1. Wenn ein Fuchs den Schwanz verliert ...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 18. Okt 2021 

    Der Chevalier d'Eon de Beaumont lebte von 1728 bis 1810, war von vornehmer Geburt und mit weltlichen Gütern reich gesegnet, lebte als inoffizieller Botschafter Ludwigs XV. mit hohen Bezügen in London, tat sich hervor als Soldat, Degenfechter und Gesellschaftsmensch und war in zahlreiche politische und wirtschaftliche Intrigen verwickelt. Und ein Großteil des Charismas, das ihn umgab, erwuchs offenbar aus der Tatsache, dass niemand so recht wusste, ob er ein Mann oder eine Frau war: Er lebte in beiden Identitäten, trug Männer und Frauenkleidung nach Neigung und Bedarf.

    Irene Dische lässt den Chevalier seine Geschichte selbst erzählen, und zwar - ein interessanter Kunstgriff - aus dem Grab heraus und mit kritischem Blick auf unsere Gegenwart: "Zweihundertfünfzig Jahre nach meiner Zeit glauben Sie offenbar, Sie hätten die Wahlfreiheit erfunden, ein Mann oder eine Frau zu sein", so beginnt er in einem "Vorspruch" zum eigentlichen Roman. Danach folgt in vielen kurzen Kapiteln sein eigentlicher Lebensbericht. Als Botschaftssekretär (und inoffizieller Botschafter) in London lebt er zwar komfortabel und in einer - im Vergleich zu Frankreich - recht offenen Gesellschaft, fühlt sich aber trotzdem unterbezahlt und nicht genügend anerkannt. Er begegnet dem Journalisten Morande, einem Vorläufer der heutigen "Investigationspresse", der d'Eon trotz seines groben und unkultivierten Auftretens fasziniert, und kurz darauf dem Theaterschriftsteller Beaumarchais, in den er sich geradezu verliebt. Die drei fädeln eine Intrige ein, die eine große Geldsumme vom König erpressen soll.

    Das diplomatische Hin und Her wird mit Esprit und Witz erzählt, auch Zeit- und Lokalkolorit sind mit Geschick dargestellt, wenn auch oft nicht so ausführlich, wie sich mancher Leser wohl wünscht: Im Vergleich zu dem erzählten Stoff (der historisch verbürgt ist) erscheint das Buch eher kurz. Die Ereignisse überschlagen sich, nicht alle Pläne gehen auf, aber d'Eon hat immer noch ein As im Ärmel. Im letzten Drittel dann kehrt der Chevalier nach Frankreich zurück, trägt fortan weibliche Kleidung und führt ein vergleichsweise zurückgezogenes Leben. Hier wird der Erzählton etwas langsamer und persönlicher: "Ich setzte alles daran, mich in mein trauriges Los zu finden, kämpfte mit meinen alten Kleidungs und Verhaltensweisen, und in der Öffentlichkeit genierte ich mich wie ein Fuchs, der den Schwanz verloren hat." Der Chevalier, zur Chevalière mutiert, sucht weiterhin seine Situation mit diplomatischem Geschick zu verbessern und ist nicht eben zimperlich in der Wahl seiner Mittel. Man muss die ungeheure Anpassungsfähigkeit bewundern, mit der sich dieser Mensch gleichsam neu erfindet; sogar dem zeitweiligen Klosterdasein weiß er Freude an der Kontemplation abzugewinnen. Nebenbei würzt der Chevalier seine Berichte mit allgemeinen Betrachtungen (und schon mal kleinen Seitenhieben auf heutige Genderdebatten), wie etwa: "Im Vergleich zu Männern hatte ich Frauen immer langweilig gefunden, selbst wenn die intelligentesten Menschen in einem Salon - wie so oft - die Frauen waren. Aber sie waren der Feind, das enttäuschte Geschlecht" . Oder, wieder mit Blick auf unsere Gegenwart: "Wenn Sie ihr Los als Mann oder Frau nicht hinnehmen, schneiden Sie eben etwas ab oder nähen etwas dran. (...) Alle zarten oder sprudelnden Unterströmungen werden ignoriert".

    Das ganze Buch ist mit großem Witz und Feingeist geschrieben, und man kann nur staunen, wie die Autorin die Fäden des oft recht komplizierten Intrigengespinstes und der großen Menge an Personal stets kontrolliert in der Hand hält. Außer den Genannten treten noch viele andere Größen der Zeit auf, wie Voltaire, Benjamin Franklin, die Königin Marie Antoinette und die Kaiserin Maria Theresia ... Trotzdem bleibt einiges undurchsichtig und nicht recht motiviert, vor allem die bis zum Schluss ungebrochene Bewunderung des Erzählers für seine Freunde Morande und Beaumarchais, auf die man zumindest zeitweise den alten Spruch anwenden könnte: wer die zum Freund hat, braucht keine Feinde mehr. Speziell Beaumarchais, der Schöpfer des Figaro-Plots, bleibt bis zum Schluss die "große Liebe" des Erzählers, was die beiden nicht hindert, einander in Briefen und Zeitungsartikeln bloßzustellen. Hier fehlt mir der letzte Rest Tiefe, der diese seltsame Beziehung durchdringen könnte. Der Chevalier nimmt einige seiner Geheimnisse mit ins Grab - sein größtes allerdings verrät er am Ende, mit einem Augenzwinkern. Vielleicht durchaus der passende Ansatz, von dieser schillernden Persönlichkeit zu erzählen. Alles in allem gerne gelesen - vier von fünf Sternen.

    Teilen
  1. Ob Weib, ob Mann, ein Schelm, wer es erraten kann.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 17. Okt 2021 

    Frau Dische befasst sich in ihrem neuesten Roman mit der Figur des Chevalier d`Éon de Beaumont. Sie wurde in Frankreich 1728 geboren und verstarb 1810 in London. Er/Sie hatte ein bewegtes leben als Diplomat, Soldat, Freimaurer, Schriftsteller und Degenfechter. Sie trat in Frauenkleidern auf, wurde sogar am Hofe König Louis XVI dazu genötigt und entfachte in London einen Wettstreit um die Geschlechtszugehörigkeit mit hohen Einsätzen.
    Ob es sich hier um den ersten schriftlich fixierten Transvestiten der Geschichte handelt, spielt in der Schilderung der Ereignisse dieser Zeit eine eher untergeordnete Rolle, denn Beaumont vereinnahmt den Leser gleich mit einer äußerst klugen und sprachwitzigen Gewissheit über seine Lebenszeit hinaus bis in unsere Gegenwart, wo Geschlechterrollen und Erscheinungsbilder immer noch eine wirkmächtige Bedeutung haben. Er wandelt quasi als Geist durch die Epochen und appeliert mit seinen Portraits an die Empathiefähigkeit zum anderen Geschlecht.
    Diese Begabung hat er in seinem eigenen Leben bewiesen, indem er die Kleider und Berufe wechselte, Freundschaften und Bündnisse schloss, aber sich nur von einer einzigen großen Liebe in die Karten schauen ließ. Diese wurde ihm dann auch fast zum Verhängnis, weil Verleumdung, Intrige und Lobbyarbeit sowohl im höfischen Versailles, als auch in London zum Alltag gehörten. Es war aber auch ein gefährliche Zeit, die auf die französiche Revolution zusteuerte und Wellen der Erneuerungen bis ins ferne Amerika mit sich brachte. So tauchen im Dunstkreis des sagenumwobenen Chevaliers so illustre Namen wie Voltaire und Benjamin Franklin auf und vervollständigen das geschichtliche Weltbild des 18. Jahrhunderts.
    Wer nun eine trockene Berichterstattung mit höfischen Gepflogenheiten und männlich dominierter Politik erwartet, sollte sich unbedingt Irene Disches Sicht der Dinge zu Gemüte führen und selbst entdecken, wie überaus trickreich Beaumont die Zwänge der Gesellschaft durchbrach und sich so eine geheimnisvolle Aura schuf, die die Autorin noch einmal zu einem äußerst vergnüglichen Leseerlebnis aufleben ließ, mit viel Mehrwert für die Genderdebatte im Lichte der Vergangenheit.

    Teilen
  1. Das Leben: ein einziges Abenteuer.

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Okt 2021 

    Kurzmeinung: Besser gehts nicht.

    In ihrem neuen Roman unterhält uns Irene Dische mit dem Lebensbild des Chevaliers d’Eon de Beaumont. Seine Lebensdaten (1728 bis 1810) zeigen bereits an, dass die historisch verbürgte Person in Zeiten lebte, in denen sich heftige gesellschaftliche Umbrüche vollzogen. Als einer der wenigen französischen Aristokraten entkam er der Guillotine, die während und nach der französischen Revolution Jagd auf Reichtum und Adel machte, indem er wieder nach London flüchtete, das ihm schon vorher lange Zeit zweite Heimat war. Seine Lebenszentren waren London, Paris und das französische Land. Ein unsteter Charakter.

    Das Leben des Chevalier war überaus bewegt. Er liebte es in Frauenkleidern aufzutreten und spielte ein Spiel mit der höheren Gesellschaft, vor allem der britischen, die hohe Wetten darauf abschloss, ob er ein Männlein oder ein Weiblein sei. Niemand wusste es genau außer seiner Mutter, die aber abgeschieden und friedlich und in Schweigen gehüllt fernab in Frankreich saß, während er als Interimsbotschafter des Königs Louis XV in London Hof hielt. In seiner Jugend spionierte er in Frauenkleidern am russischen Hof, als Soldat nahm er am Krieg teil, erlitt zwei Kriegsverletzungen und es ist mindestens eine militärische Heldentat verbürgt.

    Der Kommentar:
    In „Die militante Madonna“ läßt Irene Dische ihre Figur d’Eon von ihrem Leben erzählen. Das war bunt und reich an Erfahrungen. Darunter manchen, die man selber nicht machen möchte. Die Zeiten waren noch irrer als die heutigen. Frankreich und England waren Zentren der Politik und der Kultur. Beides waren Monarchien, eine ist es bis heute. Frankreich jedoch hat sich weiterentwickelt. Damals aber, im 18. Jahrhundert war England weit liberaler als Frankreich. Deshalb lebte es sich dort viel leichter, wenn man ein Mann oder eine Frau des Geistes war, die Meinungs- und Pressefreiheit zu schätzen wussten. Allerdings wurden vor allem hinter den Kulissen Fäden gezogen. In den Intrigen, die gesponnen wurden, konnte man sich leicht verfangen. D’Eon würde lakonisch sagen: „Mal verliert man, mal gewinnt man“.

    D’Eon spricht gespreizt. So sprachen die Gelehrten halt. Mit dieser Sprache muss man können. Aber selbst in eine gewisse Gestelztheit der Sprache hinein setzt Irene Dische immer einmal wieder wundervolle Bonmots: „Miteinander zu lachen ist eine Umarmung“. Oder „[Heutzutage] wird die Schminke mit dem Chirurgenmesser aufgetragen“, wenn d’Eon Zwiesprache mit dem Leser hält. Was er manchmal macht. Aber nicht zu oft.

    Irene Dische macht deutlich, was für eine Ausnahmeerscheinung ihre Figur zu ihrer Zeit gewesen ist. Blitzgescheit, gelehrt, sich wie ein Chamäleon in unterschiedlichste Lebensbedingungen einfindend, sei es im Soldatenleben, auf dem geschliffenen Parket der Diplomatie, der Hofbälle oder als Finanzberater und Jurist, als Schriftsteller und Ränkeschmied, als Degenfechter oder als schwache Frau. Immer hat d’Eon einen Plan und einen Gedanken im Kopf, der ungewöhnlich ist. Und immer wieder fällt er oder doch sie (??) durch seine Geschicklichkeit und Anpassungsfähigkeit auf die Füße. Historische Sidekicks machen den Roman vollends rund.

    Fazit: Ein rundum gelungener historischer Roman, voller Geschick komponiert und sehr gekonnt gerafft, denn Irene Dische schreibt keinen ausufernden Roman über die Französische Revolution, gleichwohl sie vorkommen muss, weil sie in die Lebenszeit des Chevalier fällt. Auch schreibt Dische keinen Roman über Queerness. Wer dies erwartet, ist bei der militanten Madonna falsch. Doch Queerness kommt vor, weil sie ein Teil des Lebens des Chevalier d’Eon de Beaumont gewesen ist. Der sich hiermit mit mir bekannt gemacht hat. Auf allerschönste Art und Weise. Danke, Irene Dische!

    Kategorie: Historischer Roman: 5 Punkte.
    Unterhaltung: 5 Punkte
    Verlag Hoffmann und Campe, 2021.

    Teilen
 

Der Zauberer: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Zauberer: Roman' von Colm Tóibín
4.8
4.8 von 5 (10 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Zauberer: Roman"

Ein literarisches Ereignis. Colm Toibin erzählt mit einmaliger Empathie das Leben von Thomas Mann als Roman. Von der Kindheit in Lübeck bis zur Heirat in München, von der Gegnerschaft gegen die Nazis bis zum amerikanischen Exil. Wie viele Gesichter hatte der weltberühmte Autor und Familienvater, der sein Gefühlsleben verborgen hielt, zerrissen zwischen homosexuellem Begehren und familiärem Pflichtgefühl, zwischen der Wonne der Bürgerlichkeit und der künstlerischen Askese? Selten wurde so feinfühlig, vorurteilslos und mit frappierender Leichtigkeit über den legendären Schriftsteller und seine schillernde Familie geschrieben. Ein Künstlerroman, wie man ihn in Deutschland noch nie gelesen hat.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:560
EAN:9783446270893
read more

Rezensionen zu "Der Zauberer: Roman"

  1. Über eine Ikone der deutscher Literatur

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Nov 2021 

    Aufgewachsen in der Hansestadt Lübeck, soll der junge Thomas Mann seinen Vater, den Senator, beerben. Doch dem Geschäftsmann kann er nicht auf Dauer etwas vormachen: Für den Handel taugt der kunstinteressierte Thomas ebenso wenig wie dessen Bruder Heinrich. Als der Senator stirbt, bricht die Familie zunächst auseinander. Aber Thomas wird dennoch seinen Weg machen. Auf ihn wartet ein turbulentes Leben. Er wird in bewegten Zeiten ein Schriftsteller von Weltruhm…

    „Der Zauberer“ ist ein Künstlerroman von Colm Tóibín.

    Meine Meinung:
    Der Roman gliedert sich in 18 Kapitel. Er beginnt im Jahr 1891 und endet Anfang der 1950er-Jahre. Erzählt wird in streng chronologischer Reihenfolge aus der Sicht von Thomas Mann. Dieser Aufbau ist insgesamt gut durchdacht. Etwas verwirrend sind lediglich die Ortsangaben und Jahreszahlen zu Beginn der Kapitel, denn sie weisen nur auf Schauplatz und Zeit der ersten Szene hin. Im weiteren Verlauf des Kapitels wechseln diese mit dem Fortschreiten der Handlung.

    In sprachlicher Hinsicht ist der Roman mit seinen verschachtelten Sätzen und der sehr gehobenen Ausdrucksweise zuweilen ein wenig sperrig. Mir gefällt es jedoch ausnehmend gut, wie der Autor in dieser Form den Stil Thomas Manns nachahmt.

    Im Zentrum des Romans stehen neben dem berühmten Schriftsteller dessen Frau Katia und ihre gemeinsamen Kinder. Zudem tauchen die Mutter und Geschwister Thomas Manns mehrfach auf.

    Inhaltlich umfasst der Roman den Großteil des Lebens des Nobelpreisträgers. Von der Kindheit in Lübeck bis kurz vor seinem Tod begleitet man den bekannten Autor bei all seinen Stationen. Zwischendurch gibt es durchaus zeitliche Sprünge. Alles in allem wird aber ein recht vollständiges Bild vermittelt. Daher eignet sich der Roman auch für Unkundige. Für Mann-Kenner kommt auf den immerhin rund 550 Seiten dennoch keine Langeweile auf.

    Der Roman beleuchtet sowohl Manns Privatleben als auch sein schriftstellerisches Schaffen. Mit der Schwerpunktsetzung war ich während des Lesens nicht immer komplett glücklich. So nehmen mir die homoerotischen Abenteuer und Fantasien zu viel Raum ein. Stattdessen hätte ich mir an einigen Stellen Details zur Entstehung und Rezeption der Werke Thomas Manns gewünscht. Im Großen und Ganzen wird Tóibín dem berühmten Autor aber durchaus gerecht, den er authentisch darstellt.

    Colm Tóibín hat für den Roman umfangreich recherchiert und lässt seine Leserinnen und Leser an seinen Quellen teilhaben. Interessiert hätte mich darüber hinaus, an welchen Stellen er von der tatsächlichen Biografie abgewichen ist und Fiktion ins Spiel gebracht hat. Leider lässt uns der irische Autor diesbezüglich im Dunkeln.

    Tolle Arbeit ist bei der Gestaltung des Covers geleistet worden, wenngleich das Motiv ein bisschen vage bleibt. Auch der wörtlich ins Deutsche übertragene Titel (Original: „The Magician“) passt hervorragend.

    Mein Fazit:
    Mit „Der Zauberer“ liefert Colm Tóibín einen umfassenden und unterhaltsamen Roman über das Leben Thomas Manns, der sowohl für Laien als auch Fans der Manns empfehlenswert ist. Ein Buch, das Lust darauf macht, die Werke der Familienmitglieder neu oder wieder zu entdecken.

    Teilen
  1. Künstler- und Geschichtsroman vom Feinsten

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 15. Nov 2021 

    Thomas Mann steht im Mittelpunkt des Romans „Der Zauberer“ von Colm Toibin. Der Autor begleitet diesen weltbekannten Schriftsteller vom Jugendlichen-Alter in Lübeck über die vielen, durch Flucht vor den Nazis im wesentlichen bestimmten Lebensstationen.
    In einer ruhigen, gewählten Sprache mit manchmal auch Mann‘schen Endlossätzen und gewähltesten Formulierungen sowie stimmungsvollen Worten führt der Autor die Leser in die Gedanken- und Gefühlswelt dieses bürgerlichen, politisch eher ungefestigten Literaten ein. Wir erleben ihn im Kreis seiner Familie, der großen, sehr diversen Kinderschar. Wir sehen ihn bei der Verfolgung von Romansujets, die er ansatzweise in seinem Leben zu finden scheint und denen er akribisch und langfristig auf der Spur bleibt. Das tut er in seinem durchstrukturierten Tagesablauf, in dem alle Vormittage - komme was wolle - dem Schreiben und der Arbeit gewidmet sind. Wir sehen ihn in seinen Sehnsüchten und Träumereien, in denen Männer eine große Anziehungskraft auf ihn ausüben. Wir sehen ihn in seinem Ringen um politische Haltung und in dem Zerren der Gesellschaft in Deutschland und der Welt an dieser literarischen Lichtgestalt, wenn sie ihn politisch vereinnahmen und (aus-)nutzen möchte. Das reicht von den Nazis in Deutschland bis zur amerikanischen Regierung und den „verschiedenen Deutschlands“ und ihrer Einwohner nach dem Zweiten Weltkrieg.
    Der Roman ist so übervoll mit Aspekten aus dem reichen Leben Thomas Manns, dass ich es mir nicht zutraue, es auch nur ansatzweise hier zu dokumentieren. Nur so viel: Es spricht aus meiner Sicht komplett für den Roman, dass er diese Fülle erreichen kann und den Leser dabei doch nie abhängt, weil er den Durchblick zu verlieren droht.
    Also kann mein Fazit nur heißen: Mögen möglichst viele Leser dieses Buch zur Hand nehmen. Es ist ein Zeitdokument, das nicht nur ein Stück Geschichte der Literatur vermittelt, sondern auch einen guten Einblick gibt in die Zwänge, Abgründe und den Druck von Exilanten des Dritten Reiches und natürlich nicht zuletzt in das Leben des Schriftstellers Thomas Mann, auf dessen Werk dieser Roman einmal mehr große Lust verbreitet.

    Teilen
  1. Ein Buch, das Lust auf Mann macht

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Nov 2021 

    "Wenn er die Leute sagen hörte, er sei derjenige, der es in der Geschäftswelt zu Ansehen bringen würde, wenn er Besucher mit seinem Wissen über anstehende Lieferungen beeindruckte und die Namen von Schiffen und entlegenen Häfen kannte, erschauderte er fast bei dem Gedanken, dass diese Menschen, wenn sie gewusst hätten, wer er wirklich war, ihn mit anderen Augen betrachtet hätten."
    Nein - wir sind nicht bei Buddenbrooks. "Er", das ist Thomas Mann selbst, zweiter Sohn einer wohlhabenden Lübecker Kaufmannsfamilie, der später seiner verwitweten Mutter die Laufbahn als Schriftsteller förmlich abtrotzen wird. Er leistet passiven Widerstand: Am Schreibtisch des Versicherungsbüros, an den ihn seine Vormünder gezwungen haben, schreibt er in aller Ruhe eine Novelle, statt Kontobücher zu kopieren. Seinen ersten großen Bucherfolg hat er denn auch mit einem Porträt über jene steife Lübecker Gesellschaft, in dem er sich als unverstandenes Kind selbst darstellt.

    In seiner Romanbiographie nennt Colm Tóibín Thomas Mann, den wohl bedeutendsten nachklassischen Schriftsteller Deutschlands, "den Zauberer" - was vordergründig bedeutet, dass er am Familientisch den Kindern gern Zaubertricks vorführte, aber natürlich ist die Anspielung auf den Zauberberg beabsichtigt. Tóibín zeichnet ausführlich Manns Herkunftsfamilie, seinen Werdegang als junger Schriftsteller, Heirat und Familiengründung nach und spart auch den Hintergrund nicht aus, die politische und gesellschaftliche Wandlung Deutschlands zwischen den beiden Kriegen, den beispiellosen Exodus der intellektuellen Oberschicht, während die Nazis an die Macht kamen.

    Auch Thomas Mann musste lange vor Beginn des Zweiten Weltkriegs die Notwendigkeit einer Flucht ins Ausland ins Auge fassen: "... dass irgendwann in naher Zukunft seiner Bücher in Deutschland nicht mehr erhältlich sein würden, und diese Vorstellung machte ihm Angst. Er dachte an 'Buddenbrooks' und 'Der Zauberberg' zurück, die Bücher, denen er vor allem seinen Ruhm verdankte, und erkannte, dass sie weit farbloser ausgefallen wären, weniger selbstsicher, weniger eindringlich, hätte er während des Schreibens gewusst, dass kein Deutscher sie würde lesen dürfen. (...) Die Beziehung zwischen seinen Worten und dem deutschen Leser war ruhig und natürlich gewesen. Er wusste, es würde eine Zeit kommen, da er diese Beziehung würde aufkündigen müssen ..." Auch nachdem die ganze Familie, seine erwachsenen Kinder und der Bruder Heinrich (die er alle finanziell unterstützen muss) Deutschland längst verlassen haben, kann sich Thomas Mann nicht entschließen, sich offen gegen das deutsche Regime auszusprechen: "Ihm graute davor, die Tatsache anzuerkennen, dass Deutschland für ihn bereits verloren war. Wenn er jetzt seine Stimme erhob, würde ihm keine Wahl bleiben." Und ebenso weigert sich Thomas Mann später als inzwischen amerikanischer Staatsbürger, eine Einladung nach Weimar in die Ostzone auszuschlagen (obwohl er damit in den Augen der Amerikaner als "undankbar und treulos" erscheinen wird). Tóibín geht diesen Überlegungen, den Anfechtungen, denen Thomas Mann im Exil ausgesetzt war, sehr genau nach. Überhaupt erfahren wir Thomas Mann in diesem Roman als nachdenklichen, bisweilen verkopften Menschen. Das Emotionale und Spontane lag ihm nicht - auch das ein Umstand, der ihm offenbar bewusst war, und dem Tóibín in einigen genau beobachteten Szenen auf den Grund geht.

    Tóibíns Roman zeichnet sich durch eine gewaltige Fülle an Stoff aus. Wir erfahren, wie Thomas Mann sich durch persönliche Erlebnisse - die Bekanntschaft mit der jungen Katia Pringsheim (seiner späteren Frau) und ihrem Zwillingsbruder, einen Besuch in einer Heilanstalt in Davos, einen Aufenthalt in Venedig etc. - für seine künstlerische Arbeit inspirieren ließ. Wie er mit eiserner Disziplin arbeitete - jeden Morgen am Schreibtisch, jede Störung war verboten. Wie er, obwohl wie gesagt nicht gerade ein emotionaler Familienvater, stets versuchte, für Sicherheit und Wohlstand seiner längst erwachsenen Kinder zu sorgen. Auch Manns Neigung zu homoerotischen Begegnungen, die er sein Leben lang unterdrückte, findet bekanntermaßen Niederschlag in seinem Werk und wird von Tóibín nicht ausgespart - für meinen Geschmack ist es schon ein bisschen zu viel, wie der Autor auch dem gealterten Schriftsteller regelmäßig sexuelle Phantasien unterstellt. Nicht zuletzt wimmelt der Roman von berühmten Namen. Gustav und Alma Mahler, Franz Werfel, Arnold Schönberg, Bertolt Brecht, die amerikanischen Verleger Alfred und Blanche Knopf, Eleanor Roosevelt und viele andere geben sich buchstäblich die Klinke in die Hand.

    Mir persönlich war die Schilderung der Persönlichkeit Thomas Manns über weite Strecken ein wenig zu distanziert. Das mag natürlich damit zusammenhängen, dass "der Mann", der hier porträtiert wird, ein distanzierter Mensch war - jeder Überschwang scheint ihm fremd gewesen zu sein; selbst beim Schreiben, notiert Tóibín, hatte er "zugelassen, dass trockener Humor und Gesellschaftsschilderungen sein Schreiben bestimmten; er fürchtete sich vor dem, was die Oberhand gewinnen könnte, wenn er in seiner Vorsicht und seiner Disziplin erlahmen sollte". Tatsächlich hat man oft den Eindruck, dass Tóibín in seinem Buch Manns ruhigen und artifiziellen Erzählstil anklingen lässt. Demnach mag also eine gewisse Trockenheit im Erzählton angemessen sein, aber in einem Buch, das biographisch sein will, verhindert sie bisweilen eine echte Annäherung an den Menschen, und vor allem passt sie nicht recht zu den häufig auftauchenden, allzu intimen Phantasien, die Thomas Mann beim Anblick fescher junger Männer regelmäßig überfallen.

    Das ist allerdings Kritik auf hohem Niveau, sollte ich dazu sagen. Fünf Punkte - bei ganz leichter Aufrundung - sind angebracht. Abgesehen von den aufgezählten Verdiensten ist dies auch ein Buch, das unbedingt Lust macht, sich mit dem Werk Thomas Manns zu beschäftigen.

    Teilen
  1. Gelungene Annäherung an den Menschen und Schriftsteller Thomas M

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Nov 2021 

    Der Ire Colm Tóibín hat sich bereits vor Jahren in seinem Roman „ Porträt des Meisters in mittleren Jahren“ mit einem weltberühmten Schriftsteller, nämlich Henry James, auseinandergesetzt. Hier, in seinem neuesten Buch, wagt er eine Annäherung an einen der größten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Auf über 500 Seiten erzählt er das an Ereignissen reiche Leben von Thomas Mann und seiner Familie.
    Er beginnt mit den frühen Jahren in Lübeck. Hier wächst der junge Thomas mit seinen Geschwistern im Hause des Kaufmanns und Senators Thomas Mann auf. Seine schöne Mutter Julia stammt aus Brasilien, was sie in den Augen der Lübecker Gesellschaft zu einer Außenseiterin macht. Der Tod des Vaters führt zu einem gesellschaftlichen Absturz und erfordert einen Umzug nach München. Die „ Buddenbrooks“ erscheinen 1901 und machen den jungen Dichter mit einem Schlag berühmt. Doch Freunde hat er sich mit diesem Buch in seiner Heimatstadt und seiner dortigen Verwandtschaft nicht geschaffen. Zu offensichtlich sind die Parallelen von Wirklichkeit und Fiktion.
    Er lernt Katia Pringsheim kennen, eine junge Studentin aus einem liberalen und reichen jüdischen Hause. Die beiden heiraten und bekommen sechs Kinder. Zu einem echten Zerwürfnis mit seinem Bruder Heinrich, der zeitlebens politisch wacher und klarer als Thomas dachte , kommt es während des Ersten Weltkriegs. Während Heinrich den Pazifismus und den Internationalismus propagiert, befürwortet der jüngere Bruder das Kriegstreiben Deutschlands. Sein 1918 erschienener Essay „ Betrachtungen eines Unpolitischen“ wirken zu diesem Zeitpunkt wie aus der Zeit gefallen.
    Auch bei der Machtergreifung Hitlers schweigt Thomas Mann zu lange. Es folgen die Jahre im Exil, erst in der Schweiz, dann in den USA. Obwohl überall hofiert, fühlt sich Thomas Mann nirgends richtig zuhause.
    Nach dem Krieg zieht die Familie nicht mehr nach Deutschland zurück, sondern findet ihr neues Domizil in der Schweiz. Der Roman endet dort, wo er begonnen hat, in Lübeck. Anlässlich der Verleihung der Ehrenbürgerschaft reist der alte Thomas Mann nochmals in seine Geburtsstadt, was ihn aber kaum berührt.
    Colm Tóibín hat für diesen Roman umfangreich recherchiert. Mit dem Werk von Thomas Mann war er schon hinlänglich vertraut, nun las er mehrere Biographien und natürlich auch die Tagebücher des Autors. Die Fakten sind alle gesichert, in die Denkweise und das Seelenleben seines Protagonisten musste er sich einfühlen. Leerstellen füllte er mit seiner Imaginationskraft. Das alles ist ihm nach meinem Dafürhalten außerordentlich gut gelungen.
    Ein ganzes Leben, noch dazu ein so ausgefülltes Leben wie das von Thomas Mann, bietet sehr viel Stoff, den es zu bewältigen gilt. Das geht nicht ohne Auslassungen . Doch Colm Tóibín beschreibt die wichtigsten Lebensabschnitte seiner Hauptfigur und geht dabei streng chronologisch vor.
    Breiten Raum nehmen dabei die nicht ganz unkomplizierten Familienverhältnisse ein. Schicksalsschläge finden sich zuhauf. Nicht nur Sohn Klaus stirbt durch Suizid, schon Thomas Manns Schwestern Carla und Julia haben sich selbst getötet, ebenso seine Schwägerin Nelly, die zweite Frau seines Bruders Heinrich.
    Sehr lebendig und mit z.T. witzigen Dialogen beschreibt Colm Tóibín das Verhältnis von Thomas zu seinen Kindern. Hat Thomas in frühen Jahren seine Kinder noch mit Zauberkunststücken unterhalten und von ihnen deshalb den Kosenamen der „ Zauberer“ erhalten ( da auch der Titel des Romans), so bekam er später sein Versagen als Vater vorgeworfen. So schreibt Michael, der jüngste Sohn in seinem Brief an den Vater, nach der Beerdigung von Klaus Mann, an der die Eltern nicht teilgenommen haben: „ Ich bin mir sicher, dass die Welt Dir für die ungeteilte Aufmerksamkeit dankbar ist, die Du stets Deinen Büchern geschenkt hast, aber wir, Deine Kinder, bringen Dir keinerlei Dankbarkeit entgegen - noch übrigens unserer Mutter, die an Deiner Seite saß.“
    Thomas und auch Katia hatte eindeutige Lieblingskinder. So haben sie bei Erika und Klaus über viele Kapriolen hinweggesehen, bewunderten anfänglich ihre Ältesten um den Mut, mit dem sie ihre Leidenschaften auslebten. Sie tolerierten ihre sexuellen Vorlieben, ihren Drogenkonsum, hatten Respekt vor ihren politischen Äußerungen, die sie lauthals verkündeten und die nicht zum bürgerlichen Image des Dichterfürsten passten. Doch Anerkennung für ihr künstlerisches Schaffen versagte ihnen der Vater. Vor allem Klaus litt darunter, sicher mit ein Grund für seinen späteren Absturz. Elisabeth, die jüngste Tochter, war der Liebling des Vaters. Auch wenn ihr Entschluss, mit Anfang Zwanzig einen um 36 Jahre älteren Mann zu heiraten, auf wenig Beifall stößt. „Was für ein alter Bock!“ lässt Toibin Thomas Mann dazu sagen.
    Bei aller Kritik an Thomas Mann als Familienvater darf man nicht vergessen, wie er sich um alle kümmerte. Er hat seine ständig mittellosen Kinder immer finanziell unterstützt, so wie auch während der Zeit im Exil seinen Bruder und dessen Ehefrau, trotz aller Kontroversen, die zwischen ihnen bestanden.
    Katias Rolle im Familienbund ordnet Tóibín richtig ein. Sie war das Zentrum, diejenige, die zwischen den Kindern und ihrem Mann vermittelte, die für die nötige Ruhe im Hause sorgte, damit ihr Mann seiner täglichen Schreibarbeit nachgehen konnte.Mit ihr konnte er sich über vieles austauschen, ihre Meinung war wichtig für ihn.
    Wie schon in seinem Roman über Henry James interessiert den homosexuellen Colm Tóibín auch hier die verborgene Homosexualität Thomas Manns. So beschreibt er erste Erfahrungen, die der jüngere Thomas mit Mitschülern und Freunden macht. Doch bald entscheidet sich der aufstrebende Dichter für ein bürgerlich annehmbares Leben. Er weiß, was das Ausleben seiner Leidenschaft bedeutet hätte. Nach der Hochzeit mit Katja gönnt er sich nur noch Blicke und verlegt seine Wünsche ins Reich der Phantasie und in die Literatur. So fürchtet er z.B. ,dass die Leser nach der Lektüre von „ Tod in Venedig“ über ihn Bescheid wüssten.
    Seine Frau aber weiß, was in ihm vorgeht, deutet seine Blicke richtig. Doch das Ehepaar hat sich arrangiert. „ Eingeschrieben in ihre stillschweigende Übereinkunft war die Klausel, dass, so wie Thomas nichts tun würde, was ihr häusliches Glück in Gefahr bringen konnte, Katia die Natur seiner Neigungen klaglos anerkennen, die Personen, an denen seine Blicke am liebsten haften blieben, nachsichtig und gutgelaunt zur Kenntnis nehmen und, wenn angebracht, ihre Bereitschaft zum Ausdruck bringen würde, Thomas in all seinen verschiedenen Manifestationen zu würdigen und zu schätzen.“
    Manchen mag dieser Aspekt im Roman zu deutlich herausgearbeitet sein. Doch Tóibín wollte zeigen, was eine unterdrückte, nicht gelebte Sexualität bedeutet und wie sie künstlerisch sublimiert werden kann.
    Das Werk von Thomas Mann wird an einigen Beispielen exemplarisch beleuchtet. Dabei wird deutlich, wie stark Thomas Mann Erlebtes und Personen seines Umfelds in seinen Büchern eingearbeitet hat. So geht Tóibín v.a. auf die „ Buddenbrooks“ und die schon erwähnte Novelle „ Tod in Venedig“ ein, außerdem auf den „Zauberberg“, den „ Dr. Faustus“ und den „ Felix Krull“. Die Bedeutung, die Musik für Thomas Mann hatte, kommt ebenfalls zur Sprache.
    Auch die historischen Umstände werden in vielen Episoden veranschaulicht. War Thomas Mann in seinen jungen Jahren ein eher unpolitischer Mensch, so zwangen ihn die Zeitumstände, sich politisch zu positionieren. Zwar bezieht er erst spät, auf Drängen von Erika, Stellung gegen Nazi- Deutschland. Dabei treibt ihn die Sorge um seine jüdischen Schwiegereltern, aber auch die Angst, nicht mehr publiziert zu werden, zur anfänglichen Zurückhaltung.
    In den USA wird er zum „ Repräsentanten des menschlichen Deutschlands“. Seine Radioansprachen an das deutsche Volk waren eine wichtige Waffe im Kampf gegen die Nazi- Ideologie. Auch während des Kalten Krieges hätten die Amerikaner ihn gerne als Symbolfigur benutzt. Doch vor diesen Karren ließ sich Thomas Mann nicht spannen.
    Seine Stellung im Nachkriegsdeutschland war nicht unproblematisch. Manche warfen im vor, ein gutes Leben im Exil geführt zu haben, während bei ihnen die Bomben fielen. Und nun hielten viele es für seine Pflicht, zurückzukehren. Thomas Mann entscheidet sich gegen Deutschland als neue Heimat.
    Tóibín erzählt dies alles äußerst unterhaltsam. In Stil und Sprache hat er sich dem verehrten Dichter angepasst. Dabei lässt er vor allem den Menschen Thomas Mann lebendig werden, den er über sich selbstironisch sagen lässt: „Käme er zu sich zu Besuch, …, würde er sich vielleicht auch komisch finden.“
    Colm Tóibín hat eine Fülle von Fakten in seinem Roman untergebracht. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Tóibín zuerst vor allem eine angelsächsische Leserschaft anspricht. Eine Leserschaft, die nicht wie viele deutsche Leser mit Leben und Werk eines der bedeutendsten deutschen Schriftsteller vertraut sind. Doch auch wenn man vieles kennt, macht das Buch Freude beim Lesen. Es ruft Bekanntes in Erinnerung und macht Lust, sich erneut mit den Romanen und Erzählungen von Thomas Mann zu beschäftigen. Eine unbedingte Leseempfehlung!

    Teilen
  1. Der Zauberer hat mich für sich eingenommen

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Nov 2021 

    Der Zauberer hat mich für sich eingenommen

    Schon lange habe ich mir vorgenommen ein Werk von Thomas Mann zu lesen. Doch wie es dann so ist, die Zeit fehlt, und es plagen Zweifel, ob es denn überhaupt etwas für einen ist.
    Als ich von diesem autobiografischen Roman hörte, sah ich meine Chance, dass Pferd quasi von hinten aufzuzäumen. Die Idee, erst etwas über den Mann hinter seinen Werken zu erfahren, gefiel mir, wobei ich auch da zu Beginn kleinere Bedenken hatte, ob mir das gelesene zusagen würde.
    Diese Sorgen waren allerdings unbegründet, da der Autor Colm Tóibín einen sehr angenehmen Schreibstil nutzt. Ebenso gefallen hat mir, dass er direkt am Anfang beginnt, also mit der Kindheit des Schriftstellers in Lübeck. Er arbeitet sein Leben und seine Werke chronologisch ab, und seine Art der Deutung von Ereignissen erscheint mir sehr realistisch. Schnell wird klar, dass der Autor sich schlau gemacht hat. Er weiß worüber er schreibt.
    Einiges aus dem Leben von Thomas Mann, wie seine homosexuellen Neigungen, werden sehr ergiebig erörtert. Dieser Teil könnte durchaus mit einigen fiktiven Ansichten des Autors durchsetzt sein, doch das hat mich nicht gestört, es ist halt seine Interpretation der Informationen die von Thomas Mann aus seinen Tagebüchern usw bekannt sind.

    Ebenfalls gut gefallen hat mir die Beschreibung der Familie Mann. Die Ehe mit Katia Pringsheim, die gemeinsamen Kinder, und auch das Verhältnis zu seiner Mutter und seinem Bruder Heinrich wurden mir näher gebracht.
    Ich merkte schnell, dass Thomas Mann niemand war, der mit der breiten Masse mitschwimmen möchte. Seine politischen Einstellungen kommen natürlich im Buch auch zur Sprache, obwohl er definitiv niemand war, der schnell nach außen ging mit seinen Ansichten. Er war von Anfang gegen Hitler, dachte aber lange Zeit, dass sich alles regeln würde. Doch auch in seinem Leben kam der Punkt, an dem er Stellung beziehen musste.

    Thomas Mann und seine Frau verfolgten eine sehr unkonventionelle Erziehung, sehr ungewöhnlich für die damalige Zeit. Die Reibereien und die Sorgen mit den Sprösslingen zeigen, dass auch bei den betuchten Manns nicht immer alles einfach war. Sicher war die Familie finanziell sehr gut versorgt, doch vor Problemen anderer Art schützt Geld auch nicht. Wobei ich einräumen muss, dass die Manns im Roman als sehr abgeklärt beschrieben werden. Aber hinter die Fassade kann ja niemand schauen……

    Seine Flucht aus Deutschland, der Aufenthalt im Exil, finden ebenso Erwähnung wie seine Werke. Alles in allem habe ich das Gefühl, dass gesamte Leben des Nobelpreisträgers mitbekommen zu haben. Ich konnte mir tatsächlich ein umfassendes Bild machen. Meine Erwartungen wurden komplett erfüllt.

    Der Roman hat mir das Leben dieses interessanten Mannes aufgezeigt und mir die Scheu vor seinen Werken genommen. Die Buddenbrooks warten bereits auf mich. Ich bin schon sehr gespannt darauf!

    Teilen
  1. Der Zauberer hat mich für sich eingenommen

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Nov 2021 

    Der Zauberer hat mich für sich eingenommen

    Schon lange habe ich mir vorgenommen ein Werk von Thomas Mann zu lesen. Doch wie es dann so ist, die Zeit fehlt, und es plagen Zweifel, ob es denn überhaupt etwas für einen ist.
    Als ich von diesem autobiografischen Roman hörte, sah ich meine Chance, dass Pferd quasi von hinten aufzuzäumen. Die Idee, erst etwas über den Mann hinter seinen Werken zu erfahren, gefiel mir, wobei ich auch da zu Beginn kleinere Bedenken hatte, ob mir das gelesene zusagen würde.
    Diese Sorgen waren allerdings unbegründet, da der Autor Colm Tóibín einen sehr angenehmen Schreibstil nutzt. Ebenso gefallen hat mir, dass er direkt am Anfang beginnt, also mit der Kindheit des Schriftstellers in Lübeck. Er arbeitet sein Leben und seine Werke chronologisch ab, und seine Art der Deutung von Ereignissen erscheint mir sehr realistisch. Schnell wird klar, dass der Autor sich schlau gemacht hat. Er weiß worüber er schreibt.
    Einiges aus dem Leben von Thomas Mann, wie seine homosexuellen Neigungen, werden sehr ergiebig erörtert. Dieser Teil könnte durchaus mit einigen fiktiven Ansichten des Autors durchsetzt sein, doch das hat mich nicht gestört, es ist halt seine Interpretation der Informationen die von Thomas Mann aus seinen Tagebüchern usw bekannt sind.

    Ebenfalls gut gefallen hat mir die Beschreibung der Familie Mann. Die Ehe mit Katia Pringsheim, die gemeinsamen Kinder, und auch das Verhältnis zu seiner Mutter und seinem Bruder Heinrich wurden mir näher gebracht.
    Ich merkte schnell, dass Thomas Mann niemand war, der mit der breiten Masse mitschwimmen möchte. Seine politischen Einstellungen kommen natürlich im Buch auch zur Sprache, obwohl er definitiv niemand war, der schnell nach außen ging mit seinen Ansichten. Er war von Anfang gegen Hitler, dachte aber lange Zeit, dass sich alles regeln würde. Doch auch in seinem Leben kam der Punkt, an dem er Stellung beziehen musste.

    Thomas Mann und seine Frau verfolgten eine sehr unkonventionelle Erziehung, sehr ungewöhnlich für die damalige Zeit. Die Reibereien und die Sorgen mit den Sprösslingen zeigen, dass auch bei den betuchten Manns nicht immer alles einfach war. Sicher war die Familie finanziell sehr gut versorgt, doch vor Problemen anderer Art schützt Geld auch nicht. Wobei ich einräumen muss, dass die Manns im Roman als sehr abgeklärt beschrieben werden. Aber hinter die Fassade kann ja niemand schauen……

    Seine Flucht aus Deutschland, der Aufenthalt im Exil, finden ebenso Erwähnung wie seine Werke. Alles in allem habe ich das Gefühl, dass gesamte Leben des Nobelpreisträgers mitbekommen zu haben. Ich konnte mir tatsächlich ein umfassendes Bild machen. Meine Erwartungen wurden komplett erfüllt.

    Der Roman hat mir das Leben dieses interessanten Mannes aufgezeigt und mir die Scheu vor seinen Werken genommen. Die Buddenbrooks warten bereits auf mich. Ich bin schon sehr gespannt darauf!

    Teilen
  1. Der Zauberer beherrscht sein Metier

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Nov 2021 

    Welcher Liebhaber ernsthafter, klassischer Literatur kennt nicht (mindestens) einen Roman von Thomas Mann? Seht ihr – ich sehe jetzt alle innerlich aufzählen, was der- oder diejenige bisher gelesen hat. Ich kannte bisher nur den großartigen Roman „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ und die nicht minder gelungene Novelle „Tod in Venedig“. Die „Buddenbrooks“ liegen noch auf dem „Berg ungelesener Bücher“, der nun aber nach der Lektüre von „Der Zauberer“ des irischen Schriftstellers Colm Tóibin (erschienen im Hanser-Verlag und anerkennungswürdig von Giovanni Bandini aus dem Englischen übersetzt!) wohl neu vermessen werden muss, wenn die anderen Romane Thomas Mann´s noch käuflich erworben sind.

    Colm Tóibin hat umfassende Recherche- und Lektürearbeit betrieben und geleistet – davon zeugt nicht nur das recht umfangreiche, am Ende des Buches aufgeführte Quellenverzeichnis, sondern auch der (biografische) Roman als solches.

    Dabei setzt der Roman erst 1891 ein – in dem Jahr also, in dem der Vater von Thomas Mann verstarb – und endet mit Thomas´ letztem Besuch in Lübeck kurz vor seinem Tod 1955. Der Autor spart also bewusst (oder unbewusst?) die ersten Lebensjahre und den Tod aus. Aber er hat auch so genug zu erzählen :-).

    Denn die geneigte Leserschaft wird Zeuge, wie die Mann´s von Lübeck nach München ziehen, wie sich die (lebenslange) Rivalität zwischen Thomas und seinem Bruder Heinrich entwickelt, lernt die (wahrlich) Großfamilie Mann kennen und taucht ein in die politischen Ansichten verschiedener Familienmitglieder.

    Dabei spart sich der Autor, nur eine Seite des Menschen zu betrachten – nein, Tóibin zeigt Thomas mit all seinen Ecken, Kanten, (fragwürdigen) Entscheidungen bzgl. der späten (politischen) Positionsbezüge und lässt häufig die Homosexualität „sprechen“. Aber auch hier zeigt sich der irische Autor von einer sprachlich-eleganten Seite; die entsprechenden Passagen driften nie in das Schmuddelige ab – auch wenn es an der ein oder anderen Stelle etwas weniger ausführlich hätte sein dürfen *g*. Das schmälert aber nicht meine sonstige Begeisterung.

    Denn natürlich erfährt der Leser auch, wie Thomas Mann seine Novellen und Romane geschrieben hat, welche persönlichen Bezüge sie enthalten, wie er als Vater und Ehemann agierte, wie er die schwierigen Umbrüche in seinem Leben gemeistert hat – das alles in einer dem Sprachstil Thomas Mann´ ähnelnden Erzählweise, die jedoch nie einfach nur „abgekupfert“ wirkt, sondern eher ehrerbietig und respektvoll. Ich weiß nicht, wie ich es anders ausdrücken soll.

    Selten hat mir eine (Roman-)Biografie einen Menschen (und die Familie) so nahegebracht, wie es Colm Tóibin mit „Der Zauberer“ gelungen ist. In Verbindung mit der großartigen Gestaltung nicht nur des Schutzumschlags sondern auch dem Buch als solches muss und kann ich hier nur 5* aus meinem Hut zaubern und eine absolute Leseempfehlung aussprechen.

    Kandidat für die „Top 3“ der „King´s Crown Juwels 2021“.

    ©kingofmusic

    Teilen
  1. Annäherung an ein großes Idol

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 11. Nov 2021 

    Der irische Romancier Colm Tóibín hat sich an einen Roman herangewagt, in dessen Mittelpunkt der Schriftsteller Thomas Mann (1875 – 1955) steht. Wie das lange Quellenverzeichnis belegt, hat Tóibín dafür umfangreiche Recherchen betrieben, um sich möglichst genau an das biografisch Hinterlegte zu halten. Tóibín hat sich seinem Protagonisten angenähert, sich in ihn hineingedacht. Er hat versucht, seinen Weg, sein Verhalten und seine Entwicklung auszuleuchten und wo nötig zu interpretieren. Als Romancier war es ihm dabei möglich, Szenen nachzustellen oder Gedanken auszuformulieren, die vielleicht nicht genau so überliefert wurden. Im Zuge der Lektüre fragt man sich zwangsläufig immer wieder, ob sich dies oder jenes wohl wirklich so zugetragen hat. Fest steht, dass das Gesamtkonstrukt glaubwürdig gelungen ist. Tóibín zeigt einen Mann, der bisher eher als unnahbarer Intellektueller beschrieben wurde, in seiner Vielschichtigkeit als Mensch und Familienoberhaupt. Die von Tóibín gewählte personale Erzählperspektive ermöglicht dem Leser einen sehr intimen Einblick in die Gedankenwelt Thomas Manns.

    Der Autor wählt als Einstiegsjahr 1891, das Jahr, in dem der Vater von Thomas Mann nach kurzer schwerer Erkrankung verstarb. Die Familie musste sich neu ausrichten. Während der ältere Bruder Heinrich sofort finanziell von der Mutter unterstützt wurde, um sich ganz der Schriftstellerei widmen zu können, musste sich Thomas diese Freiheit erst erkämpfen. Mit dem Roman „Die Buddenbrooks“ hatte er einen ersten großen Erfolg zu verzeichnen. Er heiratete Katia Pringsheim, die aus wohlhabendem Münchener Bürgertum stammte. Gemeinsam bekamen sie sechs sehr unterschiedlich veranlagte Kinder. Vieles wird von dieser bunten Familie erzählt. Die beiden ältesten Kinder Klaus und Erika dürften eine Herausforderung gewesen sein. Sie zogen Zeit ihres Lebens viel Aufmerksamkeit auf sich. Als Künstler suchten sie den Widerspruch, mischten sich in Politik und Gesellschaft ein, liebten es aufzufallen oder sich zu exponieren. Beide lebten ihre Homosexualität im Gegensatz zu ihrem Vater offen aus. Doch auch ihre Geschwister bekommen Raum im Buch.

    Zahlreiche intelligent ausgearbeitete Dialoge geben Aufschluss über persönliche Beziehungen, Verhältnisse oder Animositäten untereinander. Reine biografische Daten werden mit Leben gefüllt. Man lernt die Familienmitglieder immer besser kennen, teilt Freude, Schmerz und (Miss-) Erfolge mit ihnen. Doch es geht wahrlich nicht nur um Persönliches. Thomas Mann lebte in historisch bewegten Zeiten, allein zwei Weltkriege und damit einhergehende politische Umstürze hat er erlebt. Lange Zeit hielt er sich mit politischen Äußerungen zurück. Erst als die Nationalsozialisten eine ernste Gefahr für die Freiheit wurden, bezog er als Humanist Position – dann aber deutlich und mit persönlichen Konsequenzen. Wunderbar herausgearbeitet werden dabei seine inneren Konflikte. Mann war sich der Tragweite seines Tuns durchaus bewusst. Er fürchtete um seine Sicherheit sowie um die seiner nahen Freunde und Angehörigen. Früh musste er ins Exil, das ihn über mehrere Stationen nach Amerika führte. Auch von dort aus setzte er sich für die Vernichtung des Nationalsozialismus und den Eintritt der USA ins Kriegsgeschehen ein.

    Der Roman beleuchtet auch die lebenslange Rivalität der beiden Brüder Heinrich und Thomas. Zahlreiche prominente Zeitgenossen wie Berthold Brecht, Alma Mahler-Werfel, Agnes Meyer oder Franklin D. Roosevelt flankieren die Handlung. Thomas Mann hatte Zugang und Einfluss in höchsten Kreise. Trotz allem hat er seine Liebe zur deutschen Sprache nie verloren. Nach dem Krieg zog er in die Schweiz.

    Tóibín zeigt eine ambivalente Familie Mann, die sich ihrer umfangreichen Privilegien durchaus bewusst war, diese schätzte und auch zum eigenen Vorteil einzusetzen wusste. Der Autor versucht nicht, sie zu verklären. Nicht alle Familienmitglieder waren glückliche, unbeschwerte Menschen, manche hatten einen Hang zu Depression, Sucht oder Selbstmord. Der vermeintlichen Homosexualität Thomas Manns widmet sich der Autor an verschiedenen Stellen, indem er seinen Protagonisten immer wieder in homoerotischen Fantasien schwelgen lässt. Das geht mir persönlich zu sehr ins Private, was mein einziger Kritikpunkt am Roman ist.

    Im Schreibstil hat sich Tóibín in angenehmer Weise an den Thomas Manns angepasst. Der Roman liest sich flüssig und leicht verständlich. Leben und Werk werden miteinander verwoben, denn offenbar hat sich der Nobelpreisträger immer wieder vom wahren Leben für seine Arbeit inspirieren lassen. Diese Zusammenhänge machen den Roman für passionierte Leser zu einer Fundgrube. Man wird inspiriert, Manns große Werke (wieder) zu entdecken oder sich intensiver mit seiner Biografie zu beschäftigen.

    Der Roman „Der Zauberer“ sollte ein breites Publikum erfreuen. Er eignet sich sowohl für Leser, die sich bislang noch gar nicht mit der Lebensgeschichte Thomas Manns befasst haben, als auch für jene, die sie auf kurzweilige Art auffrischen wollen. Die Parallelen zwischen Leben und Werk sind augenfällig. Historische Begebenheiten laufen eher im Hintergrund ab, im Vordergrund stehen durchgängig die Aktionen der Familie Mann. Thomas Mann wird dabei keineswegs als Held präsentiert, sondern als ein Mann mit Stärken und Schwächen. Seine Kinder hat er als liberaler Patriarch erzogen. Obwohl er sie lebenslang finanziell unterstützte, warfen sie ihm vor, dass er seiner Arbeit stets Vorrang eingeräumt und sie nicht ausreichend respektiert habe. Von seinen Kindern stammt aber auch der Spitzname „Der Zauberer“, da Thomas Mann gerne zur allgemeinen Unterhaltung Zaubertricks im Familienkreis vorführte. Diesen Titel hat Colm Tóibin seinem Roman gegeben, eine schöne Idee finde ich.

    Mich hat er damit von Beginn an gefesselt. Sachlich und unter Verzicht auf jegliche Effekthascherei passt das Buch, das Giovanni Bandini gekonnt ins Deutsche übertragen hat, zu seiner Hauptfigur. Ein Roman, dem ich eine große Leserschaft wünsche und der sich auch bestens als Weihnachtsgeschenk eignen dürfte.

     
               

     

    Teilen
  1. Reiseführer durch Thomas Manns Leben

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Nov 2021 

    Kurzmeinung: Weckt hoffentlich den Wunsch, Thomas Manns Werke persönlich kennenzulernen.

    Die meisten Leser haben schon einmal von dem Schriftsteller Thomas Mann (1875 bis 1955) gehört. Für die „Buddenbrooks“ hat Thomas Mann 1929 den Literaturnobelpreis bekommen. Gut, das ist lange her. Die Buddenbrooks sind allerdings auch heute noch Pflichtlektüre!

    Die Themen, die Thomas Mann in seinen Büchern verarbeitet hat, haben immer etwas Biographisches. An den Buddenbrooks kann man dies besonders deutlich sehen. Thomas Manns Familie war nämlich eine bekannte Unternehmersfamilie und in Lübeck ansässig.

    Der Kommentar:
    Der Autor hat mit dem biografischen Roman „Der Zauberer“ eine Herkulesarbeit vor sich gehabt, die er mühelos bewältigt!

    Colm Tóibín muss chronologisch kühne Schnitte setzen angesichts der historischen Stofffülle, die ihm vorliegt. Das Leben der Manns war turbulent. Zwei Weltkriege fallen in die Lebenszeit von Thomas Mann. Zahlreiche Suizide, aus den unterschiedlichsten Gründen begangen, erschüttern die nicht eben kleine Familie, die die schillerndsten Charaktere hervorgebracht hat. Thomas Manns Kinder waren berühmt und berüchtigt.

    Die wichtigsten Stationen im Lebens der Manns hat Colm Tóibín nachvollziehbar dargestellt. Der Autor verliert sich nicht im Kleinklein, sondern hält dankenswerterweise seine Linie. Er bezieht die Historie ein, aber sie ist nicht sein Hauptaugenmerk. Man könnte "Der Zauberer" mit Fug und Recht als einen kleinen Reiseführer durch sein Leben ansehen.

    Streckenweise ist mir der Duktus des Romans indes zu trocken. Tatsächlich hätte ich mir an vielen Stellen des Romans „Der Zauberer“ eine persönlichere Vorgehensweise des Autors gewünscht, die sicher mehr Emotionalität in die Sache gebracht hätte, denn in Punkto Emotionalität zeigt sich Colm Tóibín zurückhaltend. Andererseits sollte man als Künstler die kritische Distanz zum Sujet nicht verlieren. Es ist ein literarischer Spagat.

    An anderer Stelle liegt, was die Innenansicht des Schriftstellers Thomas Mann angeht, der Fokus zu konzentriert auf dessen homoerotischen Neigungen, zumal sie von dem Literaturnobelpreisträger nicht ausgelebt wurden. Die Szenen, in denen sich Tóibín den sexuellen Träumen und Gedanken Thomans Manns widmet, sind für die Galerie geschrieben! Um nicht missverstanden zu werden, sie sind dezent gehalten.

    Alles in allem führt Colm Tóibín sachlich durch Manns Leben. Für eine Romanfiktion bekommt man jede Menge Fakten und Informationen geliefert. Aber. Im Vergleich mit Oliver Hilmes und Rainer Stach, die beide reine Biografien schreiben, aber als Meister ihres Fachs ihr Sujet so zu präsentieren verstehen als ob es ein Kriminalroman wäre, ist die Romanfiktion „Der Zauberer“ staubtrocken. Sie inspiriert mich nicht.

    Fazit: Leichter zugänglich als eine reine Biografie ist „Der Zauberer“ für alle Leser und Leserinnen zu empfehlen, die mal kurz in Thomas Manns Leben hineinschnuppern wollen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Dafür lohnt sich die Lektüre auf alle Fälle! Für eine Romanfiktion hält sich der Autor hart an die Faktenlage. Was ich jedoch vermisse, ist Leidenschaft und Nähe.

    Kategorie: Biografischer Roman
    Verlag: Hanser, 2021

    Teilen
  1. "Papa ist ein Zauberer"

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 04. Nov 2021 

    "Am nächsten Morgen erzählte Klaus seiner Mutter beim Frühstück, sein Vater habe magische Kräfte und kenne die richtigen Worte, um ein Gespenst zu bannen.
    "Papa ist ein Zauberer", sagte er.
    "Er ist der Zauberer!", wiederholte Erika.
    Anfangs nur ein Witz, oder ein Mittel, die Tischrunde aufzuheitern, blieb der neue Spitzname für ihren Vater haften. Erika forderte jeden Besuchen auf, ihren Vater, wie sie, mit diesem neuen Namen anzureden." (169)

    Der Zauberer - Thomas Mann - ist eine der berühmtesten und bekanntesten deutschen Autoren, der für mich den bürgerlichen, kultivierten, distinguierten Schriftsteller wie kein anderer verkörpert. Unzählige Biographien, wissenschaftliche Arbeiten sind über Thomas Mann und sein Werk verfasst worden, und jetzt dieser Roman eines irischen Autors, der neben vielen Fakten auch Fiktion enthalten muss. Kennt man den Autoren Thomas Mann nach der Lektüre oder nur die fiktive Figur, die Toíbín erschaffen hat? Eine Problematik, die man über dem Lesen irgendwann vergisst, denn allzu flüssig und leicht liest sich die Lebensgeschichte dieses herausragenden Schriftstellers, den Toíbín einem breiten Publikum zugänglich machen will.
    Die Handlung setzt im Jahr 1891 in Lübeck ein, Thomas ist 16 Jahre alt, gemeinsam wartet er mit seinem älteren Bruder Heinrich und mit den jüngeren Schwestern Lula und Carla auf die Mutter, während sein Brüderchen Viktor schläft. Im Haus des angesehenen Kaufmanns und Senator Mann findet eine Gesellschaft statt, auf der Julia Mann, aus Brasilien stammend, die Hauptfigur ist. Unwillkürlich fühlt man sich in Thomas Manns "Buddenbrooks" versetzt, der in seinem ersten Roman, für den er 1929 den Literaturnobelpreis erhalten hat, den Zerfall seiner eigenen Familie verarbeitet hat.

    "Jahre später fragte sich Thomas, ob der Entschluss seines Vaters, statt der bärtigen Tochter eines der heimischen Schiffsmagnaten oder einer der alteingesessenen Kaufmanns- und Bankiersfamilien Julia da Silva-Bruns zu ehelichen, deren Mutter dem Vernehmen nach Blut südamerikanischer Indianer in ihren Adern hatte, nicht der Beginn des Verfalls der Manns gewesen war (...)" (10)

    Und das ist eine der Schwerpunkte des Romans, der immer wieder aufzeigt, dass Mann reale Ereignisse als Grundlage seiner Romane, Novellen und Erzählungen verwendet und literarisch verarbeitet hat.

    Doch zunächst erwartet der Vater, dass Thomas die Firma in nächste Jahrhundert führt, während der verträumte Heinrich früh eine Laufbahn als Dichter einschlagen will. Allerdings ist Thomas Interesse an der Firma nur geheuchelt, wie Heinrich erkennt.

    "Ich habe dich während des Mittagessens dabei beobachtet, wie du den kleinen Geschäftsmann gegeben hast", sagte er zu Thomas. "Alle außer mir sind darauf hereingefallen. Wann wirst du ihnen endlich verraten, dass du nur Theater spielst?" (15)

    Interessanterweise nimmt Toíbín dieses Motiv ganz am Ende wieder auf, nachdem Thomas Mann, der seinen Vater zu dessen Lebzeiten enttäuscht hat, inzwischen selbst ein bedeutender Mann ist.

    "Sein eigener Vater wäre von ihm eingeschüchtert gewesen. Niemand allerdings wäre eingeschüchtert gewesen, der ihn dabei gesehen hätte, wie er allein im Waschraum der Notarkanzlei, mit seinem alternden Gesicht konfrontiert wurde. Er hätte sich vielmehr gewundert über die halb spöttischen Blicke, die er sich im Spiegel zuwarf, das flüchtige listige, wissende Grinsen, das über sein Gesicht huschte, als freute er sich diebisch darüber, dass er, wie sein Felix Krull, wieder einmal nicht "aufgeflogen" war."(544)

    Das ganze Leben als Rolle in einem Schauspiel?

    Damit weist Toíbín auf eine Facette der Persönlichkeit Thomas Manns hin, die dieser zeitlebens unterdrückt bzw. nicht ausgelebt hat: seine homosexuellen Neigungen, abgesehen von einigen (fiktiven?) Erfahrungen in seiner Jugend.

    Sowohl sein Werk als auch seine Tagebuchaufzeichnungen, die größtenteils erhalten sind, sprechen in dieser Hinsicht eine klare Sprache. Doch er hat sich für das Leben eines bürgerlichen Familienvaters entschieden und glaubt man Toíbín und dessen Quellen, führten Katia Pringsheim und Thomas Mann eine glückliche Ehe, die von gegenseitigem Respekt bestimmt gewesen ist. Und sie scheint seine Neigungen toleriert zu haben.

    "Eingeschrieben in ihre stillschweigende Übereinkunft war die Klausel, dass, so wie Thomas nichts tun würde, was ihr häusliches Glück in Gefahr bringen könnte, Katia die Natur seiner Neigungen klaglos anerkennen, die Personen, an denen sein Blicke am liebsten haften blieben, nachsichtig und gutgelaunt zur Kenntnis nehmen und, wenn angebracht, ihre Bereitschaft zum Ausdruck bringen würde, Thomas in all seinen verschiedenen Manifestationen zu würdigen und zu schätzen." (134)

    Als Familienvater scheint er weniger "erfolgreich" gewesen zu sein. Einzig zu seiner Tochter Elisabeth hatte er ein inniges Verhältnis, auch diese Facette des Menschen Thomas Mann stellt Toíbín gut dar.

    Neben der Lebensgeschichte Manns und der Entstehungsgeschichte seiner Werke spiegelt der Roman zwangsläufig auch die politische Geschichte Deutschlands vom Ende des Kaiserreiches bis zum Beginn des geteilten Deutschlands wider. Vor allem mit seinem Bruder Heinrich führte er immer wieder politische Debatten über das Machtstreben Kaiser Wilhelms II und er befürwortet den 1.Weltkrieg. Die Passagen des Romans, die sich mit Manns langem Schweigen zur Nazi-Herrschaft auseinander setzen, seine Rolle im Exil, seine Radioansprachen an die deutsche Nation und seine Stellung in den USA nach dem Krieg gehören meines Erachtens zu den besten Passagen des über 500 Seiten langen Romans.

    Ebenso interessant sind die Stellen, in denen uns der fiktive Thomas Mann Einblick in die Entstehung seiner Werke gibt und auch in seine Arbeitsweise, die sehr diszipliniert gewesen ist. Jeden Vormittag hat er geschrieben und durfte nicht gestört werden. Die literarischen Sujets mussten zu ihm kommen, entstammten oft seinem unmittelbaren Umfeld.

    "Aus der Gegenwart werde ich nicht klug. Sie ist ein einziges Durcheinander. Und über die Zukunft weiß ich nichts." (310)

    Insgesamt ein Roman, der einen Einblick in das Leben dieses großartigen Schriftstellers gewährt.

    Indem er aus Thomas Mann personaler Perspektive erzählt wird, haben wir als Leser*innen das Gefühl direkt in seinen Kopf blicken zu können. Dabei werden die positiven Seiten Manns ebenso herausgestellt wie auch seine Schattenseiten.

    Klare Lese-Empfehlung!

    Teilen
  1. Ein großartiger Künstler- und Familienroman

    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Okt 2021 

    „Es gab zwei Männer, zu denen er nicht geworden war, und wenn es ihm gelänge, ihren jeweiligen Geist auf glaubhafte Weise zu beschwören, ließe sich ein Roman aus ihnen machten. (Zitat Seite 426)

    Inhalt
    Thomas Mann lebt schon als Heranwachsender tiefer in seiner eigenen Traumwelt und in seinen Phantasien, als sein Bruder Heinrich. Doch er zeigt es im Gegensatz zu Heinrich nicht. Nach dem frühen Tod des Vaters wird Heinrich als Ältester finanziell abgesichert und er kann sich dem Schreiben als Beruf widmen. Auch Thomas schreibt seit Jahren eigene Texte und will Schriftsteller werden, die Lehrstelle, die er auf Weisung seiner beiden Vormunde antreten muss, verlässt er bald wieder. Er ist erst einundzwanzig Jahre alt, als er beginnt, einen Roman über den Niedergang einer angesehenen Kaufmannsfamilie zu schreiben: Buddenbrooks. Anfang 1901 wird das Werk veröffentlicht. Das Schreiben wird immer einen wichtigen Stellenwert in seinem Leben einnehmen. Der Zauberer, diesen Namen findet seine Tochter Erika für ihn und das bleibt er auch für seine erwachsenen Kinder: ein Zauberer, oft unerreichbar in seiner Welt der Phantasie, zwischen Realität und Romanfiguren, neuen Ideen, Politik und Alltag.

    Thema und Genre
    Ein Künstlerroman, in dessen Mittelpunkt das Leben und die Werke des berühmten Schriftstellers Thomas Mann stehen und zugleich ein Roman der eigenwilligen, bekannten Mitglieder der Familie Mann. Sein Bruder Heinrich und vier seiner sechs Kinder sind ebenfalls Schriftsteller.

    Charaktere
    Thomas Mann, der Zauberer, der Zögerer, er geht oft den vorsichtigen Weg. Seine Tätigkeit als Schriftsteller übt er immer sehr ernst und diszipliniert aus, seine Stoffe formt er aus eigenen Erlebnissen und Gegebenheiten, auch seine Figuren entnimmt er der Realität. Für das Familienleben, für die Kinder ist seine Frau Katia zuständig, die auch dafür sorgt, dass er in seinem Arbeitszimmer die Ruhe hat, die er zum Schreiben braucht. Andererseits kümmert sich Thomas Mann immer um das Wohlergehen der Familie, er sorgt dafür, das die gesamte Familie emigrieren kann und sie alle sind auch im Exil aktiv.

    Handlung und Schreibstil
    Der Autor schildert das Leben von Thomas Mann in chronologischen Etappen, er stellt ihn in den Mittelpunkt dieses Künstlerromans. Doch dieser Roman ist auch ein Familienroman, ein Generationenroman, denn das Leben dieser berühmten Künstlerfamilie ist kein Einzelbild, sondern die Summe von eigenwilligen und kreativen Künstlern. So zieht sich auch seine Beziehung zu seinem Bruder Heinrich durch den Roman, die unterschiedlichen politischen Ansichten, der künstlerische Wettstreit der beiden Schriftsteller. Jedes der eigenwilligen, kreativen, oft auch schriftstellerisch tätigen Kinder Thomas Manns erhält mit der eigenen Lebensgeschichte einen entsprechenden Anteil an diesem Roman. Thomas Mann hat immer Tagebücher geschrieben, wo er besonders die Ideen und Hintergründe, das Entstehen seiner Romane genau notiert und so fließt vieles davon in die Handlung ein. Einfühlsam nähert sich der Autor dem Künstler, Familienvater und Menschen Thomas Mann, er erzählt, aber er wertet nicht. So entsteht ein auch sprachlich überzeugendes, lebendiges Bild der berühmten Familie.

    Fazit
    Ein Künstlerroman, der auch ein Familienroman ist. Colm Tóibín ist ein interessanter, packender, aber auch leiser, einfühlsamer Roman über diese prägende, berühmte Familie in einer Zeit der Umstürze und Kriege, zwischen Politik, Exil, Träumen, Hoffnung, Beziehungen, Aufbruch und Schicksal gelungen.

    Teilen
 

Der Junge, der das Universum verschlang

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Junge, der das Universum verschlang' von Trent Dalton
4.15
4.2 von 5 (6 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Junge, der das Universum verschlang"

Brisbane, 1983: Wie wird man zu einem guten Menschen? Diese Frage treibt den 11-jährigen Eli Bell um. Auf den ersten Blick hat er nicht gerade die besten Vorbilder um sich herum: Die Mutter und der Stiefvater dealen mit Heroin, sein großer Bruder Gus spricht nicht mehr, sein Vater glänzt durch Abwesenheit und sein Babysitter ist ein hartgesottener Exhäftling. Doch zwischen den Drogen und dem Schmutz erfährt Eli zärtliche Liebe, aufrichtige Freundschaft und die Magie seiner Phantasie. Elis Welt gerät erst ins Wanken, als der Cartellboss Tytus Broz in sein Leben tritt und die Familie auseinanderreißt. Während Eli heranwächst, wird er weiter mit der Frage kämpfen, ob aus einem schlechten Menschen doch noch ein guter werden kann; er wird in das berüchtigte Boggo Road Goal-Gefängnis einbrechen, um seine Mutter an Weihnachten zu besuchen; er wird durch seine Briefe ins Gefängnis einen wichtigen Freund gewinnen und aus Versehen mitten in einer Schießerei zwischen zwei Gangs landen; er wird einen Karriereweg finden, der nichts mit Drogen zu tun hat. Und er wird sich verlieben.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:512
Verlag: HarperCollins
EAN:9783749901418
read more

Rezensionen zu "Der Junge, der das Universum verschlang"

  1. BUCH VERSCHLINGT LESER - Berührend, mitreißend und spannend wie

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 24. Jun 2021 

    Dieses Buch zog schon mit seinem Cover im Adventskalender von Netgalley meine Aufmerksamkeit voll auf sich. Da ich in letzter Zeit nur fast ausschließlich Romance oder Romantasy lese, wollte ich gerne mal wieder das Genre wechseln. Der australische Journalist Trent Dalton debütiert mit diesem Roman sehr erfolgreich und es wurde schon in mehrere Sprachen übersetzt. Mein Dank geht an den HarperCollins Deutschland Verlag und an Netgalley für das Rezensionsexemplar. Gelesen habe ich das Buch bereits im Dezember.

    Coverbild
    Das Cover ist schrill und bunt, geprägt durch knalliges Magenta bis hin zu Rot- und Blautönen. In der Mitte sitzt ein farbenprächtiger Türkisstaffelschwanz auf einem weißen Punkt, in dem das Zitat “Dein Ende ist ein Blauer Zaunkönig” steht. Jetzt weiß ich nicht, ob ein Türkisstaffelschwanz auch hierzulande Blauer Zaunkönig genannt wird, oder die Übersetzung nicht richtig ist, oder lediglich ein falscher Vogel abgebildet wurde. Der Türkisstaffelschwanz ist ein nur in Australien, vor allem in Queensland - wo sich diese Geschichte abspielt - beheimateter Vogel. In großen serifenlosen Lettern steht der Titel des Buches “Der Junge, der das Universum verschlang”. Leider wurde hier der Originaltitel “Boy Swallows Universe” nicht richtig übernommen. Denn gerade die Tatsache, dass der (Original) Titel nur aus drei Wörtern besteht, ist ein elementarer Bestandteil der ganzen Geschichte und ein sich durch den ganzen Roman ziehendes und wiederkehrendes und vor allem wichtiges Element.

    Handlung
    Eli Bell lebt mit seinem stummen Bruder August und seiner Mutter Francis bei Lyle, dem neuen Mann der Mutter und Elis Vaterersatz in Darra, einem Vorort von Brisbane in Queensland. In einer sozial schwachen Gegend, in der sich die Eltern mit Drogengeschäften über Wasser halten. Doch sein großes Vorbild und Vaterersatz ist der alternde “Slim”, Arthur Halliday, ein Exknacki, der wegen seinen mehrfachen Ausbruchversuchen zu einem zweifelhaften Ruhm gelangte. Elis großer Traum ist Journalist zu werden, weil er sich viele Details merken kann, auf viele Einzelheiten achtet. Mit dieser Fähigkeit drängt er sich bei den Geschäften seines Stiefvaters mit auf, was der Familie aber zum Verhängnis wird. Seine Mutter landet im Knast und Lyle ist verschwunden. Sein Bruder August und er gehen zurück zum leiblichen Vater, den von Panikattacken und Alkohol verlotterte Robert Bell. Eli kämpft sich weiter und will seinen Traum, Journalist zu werden, nicht aufgeben, vor allem nachdem er die Kriminalreporterin Caitlyn Spies kennen gelernt hat. Aber seine Vergangenheit holt ihn ein und alte Rechnungen wollen beglichen werden.

    Buchlayout / eBook
    Die Aufmachung des eBooks ist eher schlicht. Die 512 Seiten werden in 23 Kapitel aufgeteilt, die jeweils in mehrere Abschnitte durch ein Sternchen getrennt werden. Die Kapitel werden konsequent nur mit drei Wortsätzen in Versalien betitelt, bei dem der Satz immer mit “JUNGE” beginnt.

    Idee / Plot
    Trotz Gewalt, Dreck und Drogen lieben Kinder unvoreingenommen ihre Eltern, ihre Vorbilder, ihre Bezugspersonen. Auch wenn ihnen traumatische Erlebnisse zugeführt wurden, die sie unterbewusst in Ersatzbilder überführen müssen, um die seelischen Verletzungen ertragbar zu machen, um den Blick auf das Gute nicht zu verlieren. Der Glaube, dass das Verhalten der Peiniger aus Liebe zu ihnen geschieht ist die treibende Kraft, und wird von den Erwachsenen auch bewusst als Druckmittel eingesetzt.

    Emotionen / Protagonisten
    Der 11-jährige Eli ist mit seinem ein Jahr älteren Bruder August sehr eng verbunden. Beide wachsen in einer abgewrackten Umgebung mit einer ambivalenten Beziehung zum gewalttätigen Stiefvater auf. Aber in Elis kindlichen Unvoreingenommenheit und Naivität schaut er zu seinen Vorbildern auf, sucht in jedem Menschen das Gute und empfindet trotz alledem Liebe für seine Eltern. Mit seiner überbordenden Fantasie überlebt er den unterschwelligen Psychoterror nicht nur seines Ziehvaters sondern verdrängt damit auch seine traumatischen Erlebnisse aus seiner Kindheit. Genauso wie sein Bruder Gus, der beschlossen hat nicht mehr zu reden. Dieser nutzt autistische Verhaltensweisen, um sich von seinen traumatischen Erlebnissen abzuschotten.

    Die Suche nach dem Guten in den Menschen, und der Überzeugung, dass auch schlechte Menschen Gutes in sich tragen, bzw. die Frage, wann der Punkt erreicht ist, bei dem ein guter Mensch böses tut, treibt den Jungen an weiter zu machen, selber Gutes zu tun.

    Mich hat Elis Verwundbarkeit aber auch Stärke sehr beeindruckt. Seine anfängliche Situation tut einem als Eltern weh, die Gewalt, ob körperlich aber vor allem auch psychisch, die er erleiden musste, haben mich sehr bedrückt. Er erkennt, dass seine Fantasie sein Schutzschild ist und er trotzdem unbeirrt seinen Weg geht. Er beginnt sich abzunabeln, ohne abzustumpfen und verzweifelt nicht an seiner Situation, sondern schöpft immer neue Kraft daraus.

    Handlungsaufbau / Spannungsbogen
    Am Anfang hatte ich Probleme in die Geschichte zu kommen. Das lag an den verworrenen Gedanken und Ausschnitten, die zunächst sehr zusammenhanglos erscheinen. Aber relativ bald kommt man in das Geschehen rein und beginnt den Faden aufzunehmen. Man durchlebt mit Eli seine Höhen und Tiefen. Die Geschichte nimmt immer mehr Fahrt auf, sei es emotional aber auch spannungstechnisch. Durch geschickte Rückblenden über das gesamte Buch hinweg puzzeln sich die einzelnen Handlungsstränge zusammen. Am Ende wird es sehr packend und gipfelt in einem Thriller ähnlichen Showdown.

    Szenerie / Setting
    Australien in den 80ern. Ich bin wahrscheinlich im ähnlichen Alter wie der Autor, und habe die Zeit gut vor Augen. Keine moderne Technik, das einzige Unterhaltungsmittel waren damals nur 3 Fernsehprogramme. Trostlosigkeit wird in Alkohol ertränkt. Ein perfektes Setting für diese Geschichte.

    Sprache / Schreibstil
    Trent Dalton benutzt einen sehr facettenreichen Stil. Streckenweise reihen sich elendig lange Schachtelsätze aneinander, die aber die verstrickten Gedankengänge des Jungen widerspiegeln. Daneben denkt Eli dann auch in Sätzen mit wenigen Worten, bis hin zu nur noch 3 Worten, bei denen er oft den Gedanken wiederholt, um ihn sich selber zu verdeutlichen. Es ist auch das wiederkehrende Element der Reduktion auf das Wesentliche, die Zusammenfassung eines Inhalts auf nur 3 Worte.

    Die gesamte Geschichte erleben wir aus Elis Perspektive als Erzähler. Der Haupthandlungsstrang wird im Präsens dargestellt, die Rückblenden im Präteritum.

    FAZIT
    Ein in sich absolut gelungener, emotionaler aber auch spannender Roman, der einen berührt und mitreißt. Anfänglich hatte ich etwas Schwierigkeiten den Hauptfaden aufzunehmen, war aber dann von der gesamten Entwicklung ziemlich gefesselt.

    Teilen
  1. Grausam, magisch, voller Liebe - ein echter Schmöker

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Mai 2021 

    Eli, 12 Jahre alt, lebt mit seinem ein Jahr älteren Bruder Gus bei der Mutter und deren Freund, den er wie einen Vater liebt. Die Beiden dealen mit Heroin, währenddessen Slim auf die Jungs aufpasst: ein ehemaliger Häftling, der wegen Mordes nach 30 Jahren vor kurzem aus dem Knast entlassen wurde. Doch trotz dieses nicht gerade kindgerechten Umfeldes ist Elis Leben geprägt von Liebe, Freundschaft und Zuwendung, selbst in den schwierigsten Momenten.
    Obwohl die schrecklichsten Dinge geschehen, die selbst in Eli einen Todeswunsch auslösen, findet er immer wieder zurück zu seinem Vertrauen und dem Glauben an das Gute im Leben und im Menschen. Dabei helfen ihm nicht nur seine Familie und Freunde, sondern auch seine Phantasie, die ihn selbst in den übelsten Momenten nicht verlässt.
    Eli ist der Ich-Erzähler dieser rund 550 Seiten und als Lesende begleiten wir ihn bis zu seinem 18. Lebensjahr. Er ist der geborene Geschichtenerzähler und hat einen Blick für die kleinsten Details: "Wahres Wissen besteht aus Einzelheiten, sagt Slim. Und Wissen ist Macht." Einigen mag dies zu ausufernd sein, doch Eli erzählt witzig und durchaus selbstironisch, wobei es für einen 12-, 13jährigen manchmal aber etwas sehr erwachsen klingt. Bedenkt man jedoch, unter welchen Umständen er lebt, mag es nicht weiter verwundern ("Dad lächelt und nickt. Nächtliche Panikattacken. Suizidal-depressive Phasen. Dreitägiges Komasaufen. Von Fäusten aufgerissene Augenbrauen. Gallige Kotze. Dünnschiss. Braune Pisse. Das ist unsere Wirklichkeit.").
    Einerseits ist es ein hartes, brutales Buch, in dem auch Kinder nicht von Gewalt verschont werden (wie auch, wenn sie in einem solchen Milieu aufwachsen); andererseits spürt man auf beinahe jeder Seite, mit wieviel Wärme und Zuneigung sich die Menschen um Eli und seinen Bruder kümmern (wollen), um ihnen ein besseres Leben und die Verwirklichung ihrer Träume zu ermöglichen.
    Für den Autor Trent Dalton ist Eli eine Art alter Ego, denn auch er ist unter solchen Umständen aufgewachsen und sein bester Freund war zeitweise tatsächlich Slim, der Ausbrecherkönig. Durch Daltons beeindruckenden Schreibstil war ich fast das ganze Buch hindurch fest überzeugt, dass ihm all die schlimmen Dinge ebenso zugestoßen sind und machte mich auf die Suche, u.a. nach Zeigefingern ;-) Mehrere Interviews in diversen australischen Zeitungen (u.a. https://www.townsvillebulletin.com.au/lifestyle/houdini-and-the-escapist...) machen jedoch klar, dass der reale Teil bei ca. 50% liegt - was immer noch eine Menge ist bei einer solchen Geschichte.
    Ein richtiger Schmöker aus einem fast wirklichen Leben.

    Teilen
  1. Eli Bell und das Universum

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 01. Mai 2021 

    Eli Bell wächst in der Nähe des australischen Brisbane in schwierigen Verhältnissen auf. Sein Umfeld wird von Drogen und Gewalt dominiert. Obwohl ihm seine Eltern keine Vorbilder sind, versucht der Elfjährige stets aus eigenem Antrieb heraus ein guter Mensch zu sein. Unterstützung dabei findet er, komischerweise von einem verurteilten Mörder und Knastausbrecher und bei seinem älteren Bruder August, der aufgrund eines traumatischen Ereignisses aufgehört hat zu sprechen.
    Die Verhältnisse in denen Eli Bell und sein Bruder aufwachsen, lässt den Leser erschaudern. Dieses Buch ist definitiv keine leichte Kost auch wenn der locker, flockige Schreibstil etwas die Tragik entschärft. Laut Angabe des Autors handelt es sich um eine zum Teil autobiografische Erzählung. Eigentlich kaum zu glauben.
    Bisher habe ich Australien als Insel bzw. Kontinent der Seligen gesehen, doch scheinbar gibt es doch Schlimmeres als das Ozonloch, das über dem Kontinent schwebt. Auch in Australien gibt es eine gewaltvolle Drogenszene und dies nicht nur im dünn besiedelten, einsamen Outback.
    Es handelt sich hierbei um eine Art Coming of Age Story die teilweise in einen Abenteuerroman übergeht. Wobei ich Eli Bell kaum als Kind oder Teenager wahrgenommen habe, auf mich wirkte er unheimlich reif.
    Im Mittelteil hatte das Buch leider ein paar Längen und nahm erst gegen Ende wieder Fahrt auf. Auch die Sprache, die für die Dialoge verwendet wurde, möchte ich etwas kritisieren. Diese wirkte auf mich zu unauthentisch, man hätte beinahe meinen können, dass jeder Verbrecher, jeder Kriminelle, ob auf Droge oder nicht, ein Poet ist. Möglicherweise handelt es sich hierbei um ein Stilmittel Trent Daltons, mir war es zu übertrieben. Hier hätte ich mir tatsächlich mehr Slang gewünscht.
    Ein Buch, dass trotz vieler gewalttätiger Szenen viel Poesie beinhaltet, teilweise leider zu viel. Eigenwillige Figuren mit viel Tiefgang helfen über die düsteren Szenen hinweg.

    Teilen
  1. Ein guter Mensch

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 21. Apr 2021 

    Im Jahr 1983 führt Eli Bell nicht gerade das Leben eines gewöhnlichen Jungen. Bei seinem Babysitter und besten Freund handelt es sich um einen ehemaligen Sträfling, der mehrfach ausgebrochen ist. Beim letzten Mal hat Slim das Gefängnis allerdings durch die Tür verlassen. Gus, Elis älterer Bruder, spricht nicht mehr, er malt Worte in die Luft und Eli ist einer der Wenigen, die es lesen können. Und Elis Mutter und sein Stiefvater dealen mit Drogen. Dennoch haben Eli und Gus eine Kindheit, denn ihr Stiefvater behandelt sie relativ gut. Doch als Lyle beginnt, auf eigene Faust zu arbeiten, gerät die vermeintlich heile Kinderwelt aus den Fugen.

    Die Kindheit und Jugend zweier außergewöhnlicher Brüder in Australien. Die Jungen müssen einiges ertragen und sie bleiben dabei Jungs. Da ihr Leben eben so ist, finden sie nichts so besonderes daran, dass ihr Stiefvater mit Drogen handelt. Eher wollen sie mitmischen. Allerdings strebt besonders Eli nach einer normalen Zukunft. Sein Traum ist es, Journalist zu werden. Doch erstmal geht er der Frage nach, was es heißt, ein guter Mensch zu sein. Sein großes Vorbild ist dabei Slim, dessen Worte immer in Elis Gedanken sind.

    Es könnte beinahe schon eine Phase sein, der ungewöhnlichen Familienromane, die man in letzter Zeit gelesen hat. Doch dieser Roman ist so speziell, dass er eine Alleinstellung beansprucht. Zum einen, weil die Geschichte von Slim Halliday einen realen Hintergrund hat und zum anderen, weil die Kindheit von Gus und Eli einen viel darüber nachdenken lässt, was Kinder alles aushalten können und wie sie zu einer glücklicheren Zukunft finden. Was heißt es, ein guter Mensch zu sein oder auch ein böser? Kann man sich ändern? Kann man vom Weg, der vorgegeben scheint, abbiegen? Diese beiden Jungen entwickeln eine unglaubliche Kraft, die auch ein wenig auf den Leser abstrahlt. Die Suche nach dem Guten ist eingebettet in eine spannende Story um Drogen und das Verschwinden von Lyle, die zu einem Finale führt, mit dem man nie rechnen würde.
    4,5 Sterne

    Teilen
  1. Aufwachsen unter schwierigen Bedingungen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Apr 2021 

    Der elfjährige Eli Bell wächst in Darra, einem wenig schönen Vorort von Brisbane, unter schwierigen Verhältnissen auf. Die Menschen um ihn herum können nicht als Vorbild dienen, aber Eli möchte ein guter Mensch werden. Doch wie schafft man das bloß?
    Das wunderschön farbige Cover ist anziehend, die Geschichte ist aber eher düster und bedrückend. Man muss sich schon auf diese Geschichte einlassen.
    Eli hat es wahrlich nicht leicht. Sein Vater ist verschwunden, seine Mutter und sein Stiefvater dealen, sein großer Bruder Gus ist traumatisiert und spricht nicht mehr und sein Babysitter ist ein Exhäftling. Überhaupt geht es in seinem Stadtteil sehr kriminell zu, Alkohol, Drogen und Gewalt gibt es überall um ihn herum. Trotz allem liebt Eli seine Familie, aber immer wieder flüchtet er in seine Fantasiewelt, um alles ertragen zu können. Aber auch später ist das Leben für Eli nicht einfach. Trotz Rückschlägen lässt sich Eli nicht unterkriegen. Doch es gibt auch Lichtblicke, denn Eli hat Menschen um sich, die einander lieben und er hat Freunde. Die Charaktere sind speziell und sehr gut dargestellt, aber ganz besonders mochte ich Eli und Gus, die sich ohne Worte verstehen.
    Aber auch den lakonischen Schreibstil, der oft recht ausschweifend ist, finde ich passend.
    Es ist kein Buch für zartbesaitete Personen, zu viele kleine und große Brutalitäten werden beschrieben. Doch mir hat das Buch gefallen.

    Teilen
  1. Vom toten blauen Zaunkönig

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Apr 2021 

    Vom toten blauen Zaunkönig

    Das schräge, farbenfrohe dicke Buch mit seinen 560 Seiten fällt schon allein durch das prächtig gestaltete Cover, farbige Vorsatzblätter und ein wirklich prachtvolles Gesamt-Design auf. Und ich liebe gebundene Bücher mit Lesebändchen! Zwar ist der blaue Vogel auf dem Cover eher eine Meise als ein Zaunkönig(?), macht aber nichts.

    Trent Dalton, der Autor, stammt aus Australien und da ich relativ selten Bücher aus Australien in Händen halte, ist dies in jedem Fall sowieso schon etwas ganz Besonderes. Alexander Weber hat kongenial übersetzt und ein großes Lob gebührt auch ihm.

    Die möglicherweise autobiographische Geschichte des Autors, beginnt in den achtziger Jahren in Brisbane. Eli Bell erzählt in der Ich-Form, am Anfang ist er acht Jahre alt und sein Bruder August, genannt Gus, ist neun. Die Brüder leben zunächst mit ihrer Mum und ihrem geliebten Stiefvater Lyle (Ja, der ist hier ausnahmsweise mal der Gute!) in einem kleinen geerbten Häuschen, das Lyle von seinen Eltern bekommen hat. Wenn Mum und Lyle mal keine Zeit haben, weil sie Drogendeals einfädeln müssen, dann passt Slim, der engagierte Babysitter, auf die Brüder auf. Slim ist ein Ausbrecherkönig, soll einen Taxifahrer ermordet haben, aber er liebt die Kinder und sie lieben ihn. Der „richtige“ Vater der Brüder, Robert Bell, wird später auch noch eine größere Rolle spielen.

    In den etwa zehn Jahren, die diesen Erzählbogen umspannen, da passiert unheimlich viel. Schönes, Schräges und auch sehr Schreckliches, was die Brüder in ihrer starken Gemeinschaft relativ gut verkraften. Manches erinnert an einen Episodenroman, obwohl immer dieselben Figuren eine Rolle spielen, wenn sich auch die Unterkünfte und die Betreuer im Laufe der Zeit ändern.

    Eli, der unerschrockene Gefahrensucher, neigt oft dazu, sich in besonders katastrophale Situationen hinein zu manövrieren, wo er sicher am Anfang nicht abschätzen kann, wo das hinführt.
    Elis Bruder Gus spricht nicht, obwohl er sprechen könnte. Meistens malt er Worte und Sätze in die Luft, die aber nur Eli erkennt. Oder die Brüder verstehen sich ganz ohne Worte.

    Hin und wieder markierte ich Stellen mit Alben, Songs oder Fernsehserien, um mich in die Zeit hineinzuversetzen, in der der Roman spielt. Z. B. wird oft von der US-Amerikanischen Seifenoper „Days of Our Lives“ gesprochen, die startete tatsächlich im Jahr 1965 und wird bis heute(!) 2021 produziert.

    Mit den auf Seite 114 erwähnten Aga-Kröten (Cane Toad) habe ich mich auch beschäftigt. Zitat: „[…] als ich sechs Aga-Kröten in den Gefrierschrank gesteckt habe, damit sie dort eines gnädigen Todes starben, und die zähen unansehnlichen Amphibien stattdessen in ihrem Tiefkühlsarg überlebten und Lyle, als er die Tür öffnete, um sich einen Feierabenddrink zu holen, auf seinen Eiswürfeln hockend anglotzten.“ – Einst, 1935, als Zuckerrohrkäfer-Vernichter ins Land geholt, hat sich diese giftige Krötenart in Australien derart vermehrt, dass inzwischen auf jeden Einwohner 420 Tiere kommen(!). Es hatte also fatale Folgen, das Ökosystem durch Menschenhand zu verändern.

    Eli träumt davon Kriminalreporter bei der Courier-Mail zu werden, dort arbeitet auch die von ihm angebetete Caitlyn. Er möchte auch ein Haus im „Gap“ haben. Darüber unterhält er sich mit seinem Schulfreund und –feind Darren, der gibt seinen Senf dazu, S. 76: „Du musst ’nen Uniabschluss machen und dann bei irgendeinem Arschloch um ’nen Job betteln, damit er dich dreißig Jahre rumkommandiert, und du musst jeden Penny sparen, und wenn du endlich genug zusammengekratzt hast, gibt’s im Gap kein Haus mehr, das du kaufen kannst!“

    Fazit: Wer Schräges und gleichermaßen Unterhaltsames lesen möchte, was teils krass gegen den Strich gebürstet ist, der ist hier genau richtig. Ein paar Lebensweisheiten und Weiterbildung gibt’s gratis dazu, denn wisst ihr, S. 433: […] der Sinn unseres Lebens besteht im Grund darin, das zu tun, was richtig ist, nicht das, was einfach ist.“ Fünf Sterne!

    Teilen
 

70 Jahre

Buchseite und Rezensionen zu '70 Jahre' von Wolfgang Niedecken
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "70 Jahre"

"Ich wollte immer Musik machen, die die ganze Welt einschließt." Ein Traum, den sich Wolfang Niedecken verwirklicht hat. In Für 'ne Moment erzählt er von seinem bewegten Leben als bildender Künstler, Songwriter und Sänger, der politische Wachsamkeit mit humanitärem Engagement verbindet. Und von einer Kindheit zwischen Trümmern im Nachkriegs-Köln. Vom katholischen Internat und der Rebellion gegen Autoritäten. Von der Malerei, den Ausstellungen und der New Yorker Kunstszene der siebziger Jahre. Von den Triumphen mit BAP. Und vom Unterwegssein, von Krisen und dem unbedingten Willen, weiterzumachen. Er hat viel erlebt, und nicht alles war in strahlendes Scheinwerferlicht getaucht. Schließlich kam der Moment, der sein Leben in ein »Davor« und ein »Danach« teilte. in seiner zweiten Biographie Zugabe erzählt Niedecken von seinem Schlaganfall, der erlebten Todesnähe und dieser zweiten Chance, die sein Leben nochmals umgekrempelt hat. Zwei Biographien, zum 70. Geburtstag in einem Band und mit ausführlichem neuem Vorwort. Wolfgang Niedecken erzählt - gegenwärtig und nah, intensiv, ehrlich und voller Poesie.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:896
EAN:9783455011463
read more
 

Career Suicide: Meine ersten dreißig Jahre

Buchseite und Rezensionen zu 'Career Suicide: Meine ersten dreißig Jahre' von Bill Kaulitz
3
3 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Career Suicide: Meine ersten dreißig Jahre"

Als Gesicht der Band Tokio Hotel wurde Bill Kaulitz für sein exzentrisches Auftreten geliebt, belächelt, bewundert und gehasst wie kein Zweiter. Fans verehrten seinen androgynen Style, die Presse reagierte mit Ratlosigkeit und Spekulationen über seine sexuelle Identität. Als der Rummel um die eigene Person gefährliche Ausmaße annahm, floh Bill mit seinem Zwillingsbruder Tom nach Los Angeles. Von dort blickt er auf die ersten dreißig Jahre seines Lebens zurück. Aufgewachsen in der Nähe von Magdeburg, war Bill Anfeindungen und Unverständnis gewohnt, ließ sich aber nie beirren und verfolgte konsequent seine künstlerischen Visionen und seinen Traum eines Lebens abseits von provinzieller Enge. Zum ersten Mal erzählt er hier offen von seiner Kindheit im Nirgendwo, von Tokio Hotels überwältigendem Erfolg, aber auch von Eskapaden, Einsamkeit und der besonderen Beziehung zu seinem Bruder Tom.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:384
EAN:9783550201394
read more

Rezensionen zu "Career Suicide: Meine ersten dreißig Jahre"

  1. ganz okay

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 13. Apr 2021 

    Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Biografie von Bill Kaulitz lesen würde. Entweder liebt man Tokio Hotel oder man hasst sie. Viel dazwischen gab es eigentlich nie. Ich mochte die Musik und auch Bills Style schon als sie rauskamen. Ich war zu dem Zeitpunkt auch vollkommen die Zielgruppe der Band. Ein richtiger Fan war ich nie aber dennoch hatte ich Interesse an diesem Buch.
    Das Cover sowie der Titel passen natürlich wie die Faust aufs Auge. Ich glaube bei einer Biografie mit einem Selbstbildnis auf dem Cover kann man rein gar nichts falsch machen. Die Schrift des Titels wurde auch top getroffen. Ich finde es auf jeden Fall sehr ansprechend.

    Das Vorwort von Benjamin von Stuckrad-Barre fand ich für meinen Geschmack zu lang. Ich bin auch ehrlich, ich habe es nicht komplett gelesen, da ich mit der eigentlichen Biografie anfangen wollte. Ich lese aber auch echt sehr selten die Vorworte.
    Mir haben die persönlichen Bilder hier sehr gut gefallen. Aber das vermutet man ja auch in einer Biografie. Bill Kaulitz hat wirklich von der Geburt an erzählt, was zwischenzeitlich etwas sehr ausholend und langweilig war.
    Er hat zwar einen recht witzigen Schreibstil aber manchmal kam es dann doch zu sehr gewollt und nicht gekonnt herüber. Zu sehr darauf bedacht jung herüber zu kommen. Das ging mir dann zwischenzeitlich doch etwas auf den Keks.
    Alles in allem kann man das Buch lesen, wenn man Bill Kaulitz kennt. Man hat aber auch nicht sonderlich viel verpasst, wenn man es nicht gelesen hat. Denn so viele neue Dinge erfährt man dann doch nicht. Kann man sich alles ein bisschen denken. Komplette Zeitverschwendung war die Lektüre jedoch nicht.

    Teilen
 

Kindheit: Teil 1 der Kopenhagen-Trilogie

Buchseite und Rezensionen zu 'Kindheit: Teil 1 der Kopenhagen-Trilogie' von Tove Ditlevsen
5
5 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Kindheit: Teil 1 der Kopenhagen-Trilogie"

In „Kindheit“ erzählt Tove Ditlevsen vom Aufwachsen im Kopenhagen der 1920er Jahre in einfachen Verhältnissen. Tove passt dort nicht hinein, ihre Kindheit scheint wie für ein anderes Mädchen gemacht. Die Mutter ist unnahbar, der Vater verliert seine Arbeit als Heizer. Sonntags muss Tove für die Familie Gebäck holen gehen, so viel, wie in ihre Tasche hineinpasst, und das ist alles, was es zu essen gibt. Zusammen mit ihrer Freundin, der wilden, rothaarigen Ruth, entdeckt Tove die Stadt. Sie zeigt ihr, wo die Prostituierten stehen, und geht mit ihr stehlen. Aber eigentlich interessiert sich Tove für die Welt der Bücher und hat den brennenden Wunsch, Schriftstellerin zu werden – und dafür ist sie bereit, das Leben, wie es für sie vorgezeichnet scheint, hinter sich zu lassen. „Das Porträt einer Frau, die ihr Leben entschieden zu ihrem eigenen macht. Ein Leben, so frei und ungestüm, ich bin versunken in Tove Ditlevsens Büchern.“ Nina Hoss „Eine monumentale Autorin." Patti Smith „Ein Meisterwerk." The Guardian

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:118
Verlag:
EAN:9783351038687
read more

Rezensionen zu "Kindheit: Teil 1 der Kopenhagen-Trilogie"

  1. Blanke Poesie

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 13. Feb 2021 

    Eigentlich kann es das gar nicht geben, ein Buch, das absolut jeden zu begeistern scheint. Ich bin mit einiger Skepsis an die Sache herangegangen. Und jetzt schreibe ich die 100ste euphorische Rezension? Nein, wir machen das anders. Ich schlage das Buch wahllos auf.

    „Menschen, die so eine sichtbare, unzulässige Kindheit haben, innerlich wie äußerlich, nennt man Kinder, man kann sie behandeln, wie man will, weil man nichts von ihnen zu befürchten hat. Sie besitzen Waffen und keine Masken, es sei denn, sie sind besonders pfiffig. Ich bin ein solches pfiffiges Kind, und meine Maske, auf die ich immer gut aufpasse, damit sie mir niemand wegreißt. Ist die Dummheit.“

    Tove Ditlevsen ist in ein Milieu hineingeboren, das mit Poesie nichts anfangen kann. Es zählt, was zum Überleben wichtig ist bei Arbeiterfamilien in Kopenhagen, da ist keine Zeit für schöne Worte.

    „Dunkel ist die Kindheit, und sie winselt wie ein kleines Tier, das man in den Keller eingesperrt und vergessen hat.“

    Sie erzählt von ihrer Kindheit in so fein gesetzten Worten, dass man sich fast jeden zweiten Satz notieren möchte. Es ist ein trauriges Buch, aber auch philosophisch und poetisch.

    Ab und an werden dezent und elegant historische Begebenheiten eingeflochten, die die 20er Jahre illustrieren. Dieses Buch ist ganz viel auf einmal, eine Biographie, ein Schicksalsbericht, eine Milieustudie, historischer Roman und nebenbei noch blanke Poesie.
    Ich bin beeindruckt und begeistert.

    Teilen
  1. Ein Mädchen kann nicht Dichterin werden...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 08. Feb 2021 

    Dieser autofiktionale Roman fällt auf durch sein ungewöhnliches Format, den blauen Buchschnitt und das collageartige Cover. Da es überall auf den sozialen Netzwerken zu sehen war, musste ich einfach meine Neugier befriedigen.

    In der Geschichte geht es um die Kindheit von Tove, die in den 20er Jahren im Arbeiterviertel von Kopenhagen aufwächst. Während die Erwachsenen malochen, hat Tove nur einen Traum: Sie möchte Dichterin werden. Aber dürfen Fraun das auch?

    Ehrlich gesagt war mir gar nicht bewusst wie man auf so wenigen Seiten so viel sagen und den Leser damit berühren kann.

    Nahezu chronologisch berichtet Tove als Ich- Erzählerin aus ihrem Leben als Arbeiterkind, das von Hunger geprägt ist. Die Erwachsenen sind mit sich selbst beschäftigt. Die Kinder haben zu funktionieren.

    Die Kindheitsschilderungen haben mich tief bewegt, denn fast hat man den Eindruck als wenn die Kinder sich für ihre Existenz entschuldigen müssen.

    Ditlevsen erzählt all dies mit einer Sprachgewalt, die den Leser umhaut. Die wenigen, eingestreuten Gedichte im Buch haben mich verzaubert.

    In meinen Augen erschafft Ditlevson ein authentisches Bild der 20er, die eben nicht überall und für jeden golden waren.

    Fazit: Eine Besonderheit, die nun zu Recht endlich auch den Weg in eine deutsche Übersetzung gefunden hat. Klare Leseempfehlung!

    Teilen
  1. Autobiografische Erinnerungen, eindrücklich erzählt

    5
    (5 von 5 *)
     - 20. Jan 2021 

    „Irgendwann möchte ich all die Wörter aufschreiben, die mich durchströmen. Irgendwann werden andere Menschen sie in einem Buch lesen und sich darüber wundern, dass ein Mädchen doch Dichter werden konnte.“ (Zitat Pos. 287)

    Inhalt
    In diesem ersten Teil der Kopenhagen-Trilogie schildert die Autorin Tove Ditlevsen ihre Kindheit in Vesterbro, einem Vorstadtviertel von Kopenhagen. Tove wächst in einer kleinen Wohnung in einem Hinterhaus in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Der Vater wird arbeitslos und verfällt in Schweigen, doch er vermittelt Tove schon früh die Liebe zu Büchern. Die Mutter zieht den älteren Bruder Edvin vor und hat kein Verständnis für Tove, die unbedingt Schriftstellerin werden will.

    Thema und Genre
    In ihren autobiografischen Erinnerungen schildert die dänischen Autorin ihre Kindheit, das Aufwachsen in einer Arbeiterfamilie im Kopenhagen der 1920er Jahre, ihr Anders-sein, ihre Ängste, aber auch die unterschiedlichsten Bewohner in dem Umfeld der Istedgade.

    Charaktere
    Die nachdenkliche Tove ist eine Außenseiterin. Schon vor der Einschulung kann sie lesen, schreibt bald erste Gedichte und auch alltägliche Eindrücke formen sich in ihren Gedanken sofort zu einer Fülle von Wörtern. Ihre Freundin Ruth dagegen ist aufgeweckt, frech und zeigt Tove die Stadt der Erwachsenen.

    Handlung und Schreibstil
    Ehrlich und offen schreibt die Autorin über das problematische Verhältnis zu ihrer Mutter, die den Bruder Edvin der verträumten, unsicheren Tove vorzieht, die ärmlichen Verhältnisse im Arbeitermilieu der 1920er Jahre. Tove ist eine genaue Beobachterin und versucht, die Welt der Erwachsenen zu verstehen. Daraus ergibt sich eine berührende Mischung zwischen den Ängsten und Konflikten des Heranwachsens und humorvollen Erlebnissen und Eindrücken. Ihre Liebe zu Büchern teilt sie mit ihrem Vater, doch ihre Träume, Schriftstellerin zu werden, behält sie für sich, nachdem auch ihr Vater ihr erklärt hat, dass ein Mädchen kein Dichter werden kann.

    Fazit
    In ihrer präzisen, klaren Sprache führt uns die Autorin in die Stadt Kopenhagen in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts und schildert beeindruckend das Leben von Frauen und Kindern der Arbeiterklasse.

    Teilen
 

Vati: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Vati: Roman' von Monika Helfer
4.5
4.5 von 5 (10 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Vati: Roman"

Ein Mann mit Beinprothese, ein Abwesender, ein Witwer, ein Pensionär, ein Literaturliebhaber. Monika Helfer umkreist das Leben ihres Vaters und erzählt von ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Von dem vielen Platz und der Bibliothek im Kriegsopfer-Erholungsheim in den Bergen, von der Armut und den beengten Lebensverhältnissen. Von dem, was sie weiß über ihren Vater, was sie über ihn in Erfahrung bringen kann. Mit großer Wahrhaftigkeit entsteht ein Roman über das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen, eine Suche nach der eigenen Herkunft. Ein Erinnerungsbuch, das sanft von Existenziellem berichtet und schmerzhaft im Erinnern bleibt. „Ja, alles ist gut geworden. Auf eine bösartige Weise ist alles gut geworden.“

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:176
EAN:9783446269170
read more

Rezensionen zu "Vati: Roman"

  1. Die Abwesenheit des Vaters

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 17. Okt 2021 

    Nachdem sich Monika Helfer im letzten Jahr in "Die Bagage" vornehmlich mit ihrer Großmutter Maria befasste, widmet sie den zweiten Teil ihres autobiografischen Projekts vor allem Vater Josef. Der wollte von seinen Kindern "Vati" genannt werden, weil es so modern klinge, erfahren wir gleich zu Beginn des Romans. Alles andere als modern ist das Buch selbst - muss es aber auch nicht, denn erneut trifft Monika Helfer in ihrer unsentimentalen und dennoch sehr berührenden Geschichte die richtigen Töne.

    Der Sprachstil unterscheidet sich erwartungsgemäß dabei nicht von der "Bagage", fast meinte man, die beiden Romane hätten aufgrund ihrer Kürze durchaus auch in ein Buch gepasst. Die Sätze sind meist kurz, manchmal lakonisch, immer wieder angereichert mit Anekdoten aus der Kindheit und der Gegenwart der Autorin. Zusammen fügen sich diese Anekdoten zu einem stimmigen Bild und einem überzeugenden Roman.

    Die größte Überraschung für mich war, dass die Figuren in "Vati" den Leser:innen nicht so nahe kommen wie in der "Bagage", und das obwohl Monika Helfer diesmal eigentlich viel näher dran sein sollte an der Nachkriegs-Generation ihres Vaters und ihrer Mutter. Vielleicht ist es auch eine bewusst gesetzte Grenze, denn den Schmerz über die lange andauernde Abwesenheit des Vaters ist dem Roman trotzdem fast in jeder Zeile anzumerken. Mal fehlt er nach einem missglückten Suizidversuch, mal wegen der Trauer um die verstorbene Ehefrau. Und selbst wenn er anwesend ist, wirkt er nicht immer präsent und spricht nicht besonders viel mit seinen Kindern. Dennoch ist die besondere Verbindung Monika Helfers zu ihrem Vater zu spüren, die sich nicht allein durch die gemeinsame Liebe für die Bücher und Literatur definiert.

    Unweigerlich vergleicht man "Vati" und "Die Bagage" miteinander, weil sich die Bücher so ähneln, auch wenn es vielleicht nicht ganz gerecht ist. Und während ich mich in der "Bagage" vor allem mit Monika Helfers Onkel Lorenz, in dem Buch noch als Kind auftretend, identifizieren konnte und in ihm eine unglaublich schillernde und spannende Figur erkannte, fehlte mir diese Figur in "Vati" ein wenig. Lorenz selbst darf auch nochmal auftreten, trägt aber erstaunlich wenig zur Handlung bei.

    So komme ich zu dem Schluss, dass mich "Die Bagage" insgesamt noch ein Stückchen mehr berührt und mitgerissen hat, obwohl dies sicherlich Klagen auf hohem Niveau sind. Unbestritten ist jedoch, dass auch "Vati" äußerst lesenswert ist und mit seinem recht unerwarteten, fast schon abrupten Ende die Türen für den dritten Teil, der sich wohl um Bruder Richard drehen soll, weit aufstößt.

    Teilen
  1. Familiengeschichte...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Jul 2021 

    Ein Mann mit Beinprothese, ein Abwesender, ein Witwer, ein Pensionär, ein Literaturliebhaber. Monika Helfer umkreist das Leben ihres Vaters und erzählt von ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Von dem vielen Platz und der Bibliothek im Kriegsopfer-Erholungsheim in den Bergen, von der Armut und den beengten Lebensverhältnissen. Von dem, was sie weiß über ihren Vater, was sie über ihn in Erfahrung bringen kann. Mit großer Wahrhaftigkeit entsteht ein Roman über das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen, eine Suche nach der eigenen Herkunft. Ein Erinnerungsbuch, das sanft von Existenziellem berichtet und schmerzhaft im Erinnern bleibt. „Ja, alles ist gut geworden. Auf eine bösartige Weise ist alles gut geworden.“

    Erster Satz: "Wir sagten Vati - er wollte es so."

    Erneut widmet sich Monika Helfer mit diesem Roman ihrer eigenen Familiengeschichte. Während "Die Bagage" sich mit den Großeltern mütterlicherseits beschäftigte, wendet sie sich hier ihren Eltern zu und dabei, wie schon der Titel verrät, v.a. ihrem Vater.

    Diesmal kann die Autorin auch auf eigene Erinnerungen zurückgreifen, ergänzt diese aber durch Anmerkungen ihrer Schwestern sowie der zahlreichen Geschwister ihrer Mutter und deren Kinder. Ein Puzzle breitet Monika Helfer hier aus, wobei nach und nach ein Bild entsteht, bei dem die verschiedenen Versionen abgeglichen und eingefügt werden. Und man erhält hier ein sprödes, unprätentiöses Bild von einem Leben in Armut, von einer Wortkargheit, aber auch von einer großen Liebe zwischen dem Vater und der Mutter - bis diese stirbt.

    Dieser Roman stellt einen Versuch dar, sich einer Person zu nähern, die zeitlebens unnahbar blieb - trotz kleiner Gesten der Zuneigung und des Wohlwollens. Wohlwollend ist auch die Annäherung der Autorin, die Betrachtung der Eltern, der Versuch des Verstehens - auch wenn eigene Verletzungen dabei offenkundig werden.

    Der Ton der Erzählung gerät oft leicht melancholisch - weniger aufgrund der nicht immer einfachen Lebensumstände, sondern eher deshalb, weil deutlich wird, dass auch innerhalb einer Familie jeder Einzelne in einer Einsamkeit gefangen ist. Wie gut kennt man einen anderen wirklich? Bleibt das Gegenüber nicht immer ein pixeliges Bild aus einzelnen Mosaiksteinen?

    Für Monika Helfer ist das Bild ihres Vaters sicher deutlicher als es das für den Leser / die Leserin sein kann. Bei mir hat sich der Eindruck eines kleine, zarten, dunkelhaarigen, fast asiatisch anmutenden Mannes festgesetzt, der wenig Worte verloren hat, seine eigenen Wurzeln verleugnete, kriegsversehrt durch die Liebe zur Mutter der Autorin neuen Lebensmut gewann und diesen erneut verlor, als die Mutter starb. Eine große Liebe zu den Büchern kennzeichnete ihn, ebenso wie der ungelebte Traum vom Beruf eines Chemikers.

    Ich mag die langsame Erzählweise der Autorin, den eingängigen und einfachen Schreibstil, der vieles zwischen den Zeilen mitschwingen lässt. Der große Wunsch Monika Helfers, eines Tages ihren eigenen Namen auf einem Buchdeckel zu lesen, ist jedenfalls ein weiteres Mal in Erfüllung gegangen. Und berührend der Stolz, den der Vater empfunden hat, als sie ihm ihr erstes eigenes Buch mitbrachte, das sogleich in die Regalreihe bedeutender Autoren einsortiert wurde.

    Eine Annäherung an die eigene Familiengeschichte, die ich erneut gern gelesen habe...

    © Parden

    Teilen
  1. Tief berührende Familiengeschichte

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 24. Apr 2021 

    Nach dem vielgelobten Roman „Bagage", in dem die österreichische Autorin Monika Helfer die bewegende Familiengeschichte ihrer aus einem ärmlichen Vorarlberger Bergdorf stammenden Mutter und Großeltern zu Zeiten des 1. Weltkriegs erzählt, hat sie mit „Vati“ nun einen weiteren Erinnerungsroman geschrieben, der eine gelungene Fortführung von „Bagage“ darstellt, aber auch ohne Vorkenntnisse problemlos zu lesen ist.
    In ihrer bemerkenswerten autofiktionalen Geschichte widmet sich Monika Helfer der Lebensgeschichte ihres Vaters Josef Helfer und den Erinnerungen an ihre eigenen Familiengeschichte.
    In sehr einfühlsam und eindringlich erzählten Episoden fügt sie die unterschiedlichsten Erinnerungsfragmente zu einem berührenden Portrait ihres Vaters zusammen, das jedoch eine faszinierende und glaubwürdige Annäherung an seine vielschichte Persönlichkeit mit vielen Unschärfen und Leerstellen bleibt. Allmählich lernen wir einen sehr eigenwilligen und doch faszinierenden Menschen kennen, voller Rätsel und Widersprüche, wortkarg und unnahbar. Als Kriegsversehrter ist er aus dem 2. Weltkrieg mit nur einem Bein zurückgekehrt, heiratet die ihn pflegende, resolute Krankenschwester Grete und statt seinen ehrgeizigen Traum von einem naturwissenschaftlichen Studium zu realisieren, lebt er mit seiner kleinen Familie in den Nachkriegsjahren als Verwalter eines Kriegsversehrtenerholungsheims in den Bergen. Ein idyllischer Zufluchtsort wird dies für die Familie und den Vater, der hier ungestört seiner großen Liebe für schöne Bücher nachgehen kann, und doch durch eine fatale Fehlentscheidung alles zerstört.
    Gekonnt greift die Autorin in Rückblenden immer wieder in „Bagage“ erzählte Begebenheiten auf, lässt die vermeintlich unbeschwerte Nachkriegszeit lebendig werden und lässt zudem einige Anekdoten aus der jüngeren Vergangenheit mit einfließen.
    Mit faszinierender Leichtigkeit und voller Herzenswärme trägt die Autorin die verschiedenen Facetten dieses Mannes zusammen, erzählt über seine Herkunft, Verletzlichkeiten, Passionen, kleinen Fluchten und Unzulänglichkeiten.
    „Vati“ lässt er sich von seinen Kindern nennen, da es modern klinge und doch vermittelt uns die Autorin von ihm ein eher traditionelles Vaterbild, das doch recht typisch für jene Zeit ist – traumatisiert von Kriegserlebnissen, geprägt durch seiner Erziehung und Herkunft, gefangen in unüberwindbaren Umständen, die keine Träume zulassen, und hineingepresst in eine Rolle, aus der er sich bisweilen zu befreien versteht. Schonungslos und doch ohne jede Anklage schildert sie schließlich das schmerzvolle Abwenden des Vaters nach dem frühen Krebstod der geliebten Mutter, den unaufhaltsamen Verfall der Familie und konfrontiert uns mit seiner unverständlichen Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Kindern.
    FAZIT
    Ein tief berührender, wundervoll warmherzig erzählter Erinnerungsroman, der tiefe Einblicke in Helfers persönliche Familiengeschichte gewährt. Ein feines, ganz besonderes Leseerlebnis!

    Teilen
  1. Mehr wahr als erfunden

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Mär 2021 

    Der Vater war ein kleiner Mann mit einer großen Liebe zu Büchern. Aus dem Krieg kehrte er verletzt zurück, ein Bein wurde ihm angenommen Fortan lebte er mit einer Beinprothese. Im Lazarett lernte er Grete kenne. Mit ihr gründete er eine Familie, leitete ein Kriegsversehrtenheim. Gretes Tod warf ihn aus der Bahn, die Kinder wurden in der Verwandtschaft verteilt.
    Eines dieser Kinder ist die Vorarlberger Schriftstellerin Monika Helfer. „Vati“ ist ein Erinnerungsbuch, eine Annäherung an den Vater, eine Entfernung von der kindlichen Sicht.

    „Alles kriegt seinen Namen erst hinterher – was Kindheit ist, was Kompliziertheit, Blödsinn, Ruhe, Undurchsichtigkeit…“

    Einige Jahre nach dem Tod des Vaters befragte die Autorin die Stiefmutter, lässt sich von den vielen Geschwistern der früh verstorbenen Mutter erzählen. Monika Helfer hat sich Zeit gelassen, mit ihren Erinnerungen, gewartet mit dem Buch, dass niemand mehr da ist, den sie verärgern könnte.

    „Wenn man einen Menschen ein Leben lang kennt, und erst spät erfährt man, wer er im Grunde ist, dann kann man das vielleicht schwer ertragen.“

    Monika Helfer beschreibt ihre Kindheit, in der es einen mächtigen Einschnitt gibt. Aufgewachsen ist sie auf der Tschengla, einem Hochplateau in Vorarlberg, dem „Paradies“, in dem Kriegsversehrtenheim, das der Vater leitete. Nach dem Tod der Mutter ist auch der Vater fort, unfähig sich um seine Kinder zu kümmern.

    Bei allem was die Autorin erzählt, wertet sie nicht, beschreibt, liefert Bruchstücke eines Lebens in sehr einfachen wirtschaftlichen Verhältnissen. Immer wieder kommt sie auf die große Liebe des Vaters zu Büchern zu sprechen. Bücher waren ein Heiligtum. Um eine Bibliothek zu retten, setzt der Vater einiges aufs Spiel. Die junge Monika verspürte damals den heftigen Wunsch, einmal ihren Namen auf einem Buchrücken zu sehen. Sogar der zukünftige Schwiegersohn musste beim Vater den richtigen Eindruck machen, wie er denn ein Buch zur Hand nimmt.

    Auf wenigen Seiten schafft die Autorin ein feinfühliges Portrait der Nachkriegszeit. Wie es so ist mit dem Erinnern kommt sie auch vom damals ins heute. Auch die eigene Trauer um ihre viel zu früh verstorbene Tochter lässt sie spüren. Sie wiegt behutsam autobiografische Nähe und erzählerische Distanz ab. Ein ständiges Bemühen, nichts verloren gehen zu lassen. Ein Roman, mehr wahr als erfunden.

    Teilen
  1. Mein Vater, der Leser...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 20. Feb 2021 

    Auf ein Wiedersehen mit der Bagage hatte ich mich schon sehr gefreut, weshalb ich direkt mit der Lektüre startete und wieder kurzweilig und gut unterhalten wurde.

    In der Geschichte geht es dieses Mal um die Eltern der Autorin, vorzugsweise um ihren Vater, der während des Krieges ein Bein verlor und vernarrt in Bücher ist.

    Monika Helfer ist als Ich- Erzählerin unterwegs und beschreibt wie sie die Zeit in der Familie erlebt hat und lässt auch ihre Schwestern zu Wort kommen.

    Schön war zu lesen, dass sich das Leben der Nachfolgegeneration der Bagage etwas verbessert hat und dennoch werden schnell große Unterschiede zu heute klar. Da erscheint trotz der Verletzten das Kriegsversehrtenheim wirklich der schönste Ort gewesen zu sein, mitten in der Idylle und viel Platz.

    Sympathisch war mir der Vater in jedem Fall, teile ich doch seine enorme Leidenschaft für Bücher. Das ist kein Gebrauchsgegenstand, sondern das Zuhause von Figuren, die wir lieb gewinnen.

    Die Paarbeziehung der Eltern empfand ich als tragisch und gleichzeitig so echt. Einfach gut, dass hier nichts geschönt wurde seitens der Autorin, denn genauso ist nun mal die Liebe und das Leben.

    Schön fand ich auch das Wiedersehen mit den Kindern aus "Die Bagage", nur das jetzt alle erwachsen sind und ihren eigenen Weg gehen, sofern sie dies denn umgesetzt bekommen.

    Der nüchterne Schreibstil Helfers trägt dazu bei, dass allein die Familie im Fokus steht, fast so als würde man mittels Zielfernrohr drauf schauen, um ja nichts zu verpassen.

    Fazit: Steht seinem Vorgänger in nichts nach. Ich habe mich wieder gut unterhalten gefühlt. Gern spreche ich eine Empfehlung aus.

    Teilen
  1. Die Familiengeschichte geht weiter

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 05. Feb 2021 

    In hohem Alter erzählte Tante Kathe der Nichte Monika Helfer die Geschichte ihrer Familie mütterlicherseits mit der Auflage, sie erst nach ihrem Tod für einen Roman zu verwenden. Unter dem Titel Die Bagage war er eines meiner Lese-Highlights 2020. Die bitterarmen Lebensverhältnisse, in denen die Familie Moosburger als verachtete „Bagage“ im hintersten Bregenzerwald lebte, und das Schicksal ihrer Mutter Grete als vermeintliches Kuckuckskind erzählte Monika Helfer äußerst knapp, mit Unschärfen, ohne Dramatisierung oder Pathos und ebenso lebendig wie elegant.

    In ihrem neuen Roman, Vati, steht nun ihr Vater Josef im Mittelpunkt. Man muss den Vorgängerband nicht kennen, da alle notwendigen Informationen kurz zusammengefasst werden, trotzdem macht es mit Vorkenntnissen noch mehr Spaß. Ich habe mich jedenfalls sehr gefreut, so viele „alte Bekannte“ wiederzutreffen.

    Anders ist bei diesem neuen Buch das Schöpfen aus eigenen Erinnerungen. Darüber hinaus hat Monika Helfer ihre Stiefmutter befragt – und auf deren Wunsch bis nach ihrem Tod mit dem Schreiben gewartet – und eigene Erinnerungen mit denen ihrer beiden Schwestern verglichen.

    Auf und ab
    Die Lebensumstände ihres Vaters als unehelich geborener Sohn einer Magd im Lungau waren ähnlich prekär wie die der Mutter. Allerdings nahm sich ein Pfarrer des begabten Jungen an und sorgte dafür, dass er in Salzburg Aufnahme ins Gymnasium und Schülerwohnheim fand. Schon damals fiel seine ungewöhnliche Liebe zu Büchern auf, die ihn ein Leben lang begleitete.

    Ein halbes Jahr vor der Matura erhielt er die Einberufung und verlor in Russland ein halbes Bein und viele Hoffnungen. Weder über seine Kindheit noch über den Krieg sprach der Vater, eher schon, wie er im Lazarett die Mutter kennenlernte. Völlig mittellos lebten die beiden zunächst bei der „Bagage“.

    Ab 1955 leitete der Vater das Kriegsversehrtenheim auf der Tschengla, rückblickend ein Paradies für die 1947 geborene zweite Tochter Monika Helfer. Fast wäre ihm seine rücksichtslose Büchersucht dort zum Verhängnis geworden. Als das Unglück abgewendet war, starb die zeitlebens zurückgezogene, den Alltagsanforderungen nicht gewachsene Mutter und Monika Helfer kam mit ihrer älteren Schwester Gretel und der jüngeren Renate zur Tante Kathe:

    "Ohne Mutti ist ohne Würde. Sie konnte nicht kochen, aber sie war unsere Würde. Natürlich wusste ich damals nicht, was dieses Wort bedeutete, aber heute weiß ich es. Alle wissen: Die Gretel und ich sind noch dazu nur untergestellt bei den Armen, wir sind sogar noch ärmer als die Armen, die Ärmsten der Armen sind unsere Wohltäter." (S. 109)

    Immer wieder greift die „Bagage“ ohne viele Worte bei größter Not ein:

    "Tante Kathe sagte: „Es geht niemand verloren.“ Diesen Satz habe ich später sehr oft von ihr gehört." (S. 111)

    Zuletzt vermitteln sie dem Vater sogar eine neue Frau und eine Stelle. Die vier Kinder bekommen wieder ein Zuhause:

    "Das waren trotz allem schöne Abende. Das Paradies waren sie nicht, das war oben, 1220 Meter über dem Meer, für uns nicht mehr erreichbar." (S. 117)

    Große Literatur auf nur 172 Seiten
    Es ist bei weitem nicht nur die anrührende Lebensgeschichte des Vaters, die Monika Helfer „mehr wahr als unwahr“ (S. 9) in puzzleartigen Versatzstücken erzählt. Es ist ihre eigene Geschichte bis zur Gegenwart und eine Reflexion über das Schreiben und Erinnern, letzteres am greifbarsten in der Übergangsphase zwischen Wachsein und Schlaf. Vor allem aber ist es wieder ein großes Stück Literatur.

    Teilen
  1. Leise Annäherung an den Vater

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 26. Jan 2021 

    Monika Helfers Roman „ Die Bagage“ war im vergangenen Jahr sehr erfolgreich, hochgelobt von der Kritik, geliebt von den Lesern. Darin erzählt sie die Geschichte der Großeltern mütterlicherseits. Nun hat sie mit „ Vati“ ihre Familiengeschichte weitergeschrieben.
    Zehn Jahre nach dem Tod des Vaters nähert sie sich ihm auf literarische Weise an. Dabei soll „ mehr wahr als erfunden sein“. Sie greift hier auf die eigenen Erinnerungen zurück und befragt noch lebende Verwandte, so z.B. ihre Schwester und ihre Stiefmutter.
    „ Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern.“ Wohl wollte er damit auch seine eigene Vergangenheit hinter sich lassen.
    Wie die „ Bagage“ stammt er ebenfalls aus sehr ärmlichen Verhältnissen. Er war das ledige Kind einer Magd, von dem jeder wusste - aber darüber schwieg- dass der Bauer sein Vater war. Josef war ein sehr kluges, wissbegieriges Kind; er konnte bei Schuleintritt schon lesen und schreiben. Die Honoratioren im Ort ermöglichten ihm den Besuch des Gymnasiums. Doch kurz vor der Matura kam der Einberufungsbefehl. Josef kam nach Russland und holte sich dort solche Erfrierungen, dass ein Bein amputiert werden musste.
    Im Lazarett lernte er eine resolute, junge Frau kennen, die ihm , dem Schüchternen, einen Heiratsantrag machte. Die beiden heiraten und bekamen vier Kinder; Monika ist die zweitälteste Tochter.
    Bald begannen glückliche Jahre für die junge Familie. Zwar kann Josef seinen Traum, Chemiker zu werden, nicht verwirklichen, doch er bekam eine Stelle als Verwalter eines Kriegsopfer- Erholungsheims auf der Tschengla, in Vorarlberg. Das Leben hier oben, auf 1225 Metern Höhe , inmitten der wunderbaren Berglandschaft, war für Monika und ihre Geschwister das Paradies.
    Doch sollten sie bald wieder daraus vertrieben werden. Einige Schicksalsschläge trafen die Familie, der schlimmste davon war der frühe Krebstod der Mutter.
    Den Vater warf das völlig aus der Bahn, „ er verliert den Tritt“.
    Die Kinder wurden auseinandergerissen und bei verschiedenen Verwandten untergebracht. Die hatten zwar wenig Platz und Geld, aber „ die Bagage lässt die Ihren nicht im Stich“.
    Doch es war keine leichte Zeit für die Kinder, ohne Mutter, ohne Vater, nirgends zugehörig. Und niemand sprach mit ihnen über das Geschehene.
    Trotzdem heißt es am Ende : „ Wir alle haben uns sehr bemüht.“
    Monika Helfer nähert sich behutsam ihrem Vater. Alle seine Geheimnisse kennt sie nicht, will sie auch nicht kennen. „ Wenn man einen Menschen ein Leben lang kennt, und erst spät erfährt man, wer er im Grunde ist, dann kann man das vielleicht schwer ertragen.“
    Über seine Kriegstraumata hat der Vater nie gesprochen, doch was er mit seiner Tochter geteilt hat, was sie sicher auch geprägt hat, war die große Liebe ihres Vaters zu Büchern. „ Er wollte alle Bücher lesen.“ „Aber lesen war ihm nicht genug. Lesen war ihm sein Leben lang nicht genug.“ „ Heilig war ihm das Buch.“ „ Er wollte ein Buch nicht nur lesen, er wollte es besitzen.“
    In schöner Erinnerung sind der Autorin die „ berühmten Vorlesestunden“ des Vaters, der Inbegriff von Gemütlichkeit.
    Als Monika Helfer 18 Jahre alt war, antwortet sie auf seine Frage, was sie sich vom Leben wünsche: „ Ich wünsche mir, dass irgendwann auf einem Buchrücken mein Name steht.“
    Und heute noch sitzt ihr der Vater beim Schreiben als Korrektor im Nacken; seine Stimme zwingt sie, die Dinge präzise und klar auszudrücken.
    Monika Helfer schreibt auch hier wieder in ihrem ganz besonderen Stil: reduziert, verdichtet, manches kommt ganz einfach daher. So läuft sie nie Gefahr, sentimental oder pathetisch zu werden. Gerade dadurch berührt und fesselt sie den Leser. Sie versteht es, mit ganz wenigen Worten Wesentliches auszudrücken.
    Monika Helfer erzählt nicht chronologisch, sondern fügt Ereignisse und Episoden kunstvoll zusammen, schlägt den Bogen in die Gegenwart und reflektiert immer wieder über das Schreiben und das Erinnern.
    Neben der zentralen Vaterfigur wird auch die große Verwandtschaft lebendig, die vielen Onkels und Tanten mit ihren Besonderheiten.
    Einzig die Mutter, eine stille Frau, die mehr mit den Tieren spricht als mit den Menschen, bleibt etwas blass. „ Sie ist wie ein flüchtiger Vogel. Kaum ist sie da, schon ist sie wieder weg.“
    Monika Helfers „ Vati“ hat die gleiche literarische Qualität wie das Vorgängerbuch. Und man muss „ Die Bagage“ nicht kennen, um „ Vati“ zu lesen und zu verstehen. Aber man wird sie kennenlernen wollen nach der Lektüre von „ Vati“.

    Teilen
  1. Beeindruckende Familiengeschichte aus der Nachkriegszeit

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 23. Jan 2021 

    Monika Helfer legt mit „Vati“ ihren zweiten biografischen Roman vor. Während im Zentrum des ersten Romans „Die Bagage“ die Herkunftsfamilie ihrer Mutter steht, nähert sie sich in „Vati“ ihrem Vater an. Sie greift dabei nicht nur auf eigene (Kindheits-)Erinnerungen zurück, sondern ergänzt sie um die Perspektiven der Schwestern, der Stiefmutter oder anderer Verwandter, wodurch sich am Ende ein stimmige Annäherung an das Leben des Vater ergibt, das naturgemäß eng mit dem Leben der Tochter verbunden ist.

    Die Autorin erzählt nicht chronologisch. Die Haupthandlung wird immer wieder von kleinen Erinnerungssplittern, Episoden, Gesprächen und Reflexionen unterbrochen. Trotzdem verliert Helfer nie den roten Faden, sondern kehrt zu ihrer Kerngeschichte zurück. Wunderbar, dass sie den Anschluss an die Figuren aus der Bagage findet, so dass der Leser beider Romane schnell die Verwandtschaftsverhältnisse wieder im Blick hat. „Vati“ ist aber auch ohne Kenntnis des Vorgängerromans gut lesbar und verständlich.

    Der Vater war das ledige Kind einer Bauernmagd. „Die Familie des Ärmsten war besser dran als mein Vater und seine Mutter“ (S. 11) Der Junge wurde mit einem überdurchschnittlichen Verstand gesegnet, konnte schon vor Schulbeginn lesen und schreiben. Mit ein bisschen Glück und Protektion gelingt der Schritt aufs Gymnasium, doch kurz vor der Matura muss Josef in den Krieg, wo er ein Bein verliert. Im Spital lernt er Krankenschwester Gretel kennen. Beide gründen eine Familie, Monika wird eines von insgesamt vier Kindern und deren zweite Tochter sein.

    Was sich nun anschließt, ist die Nachkriegsgeschichte einer Familie, die einiges an Schicksalsschlägen zu verwinden hat. Monika Helfer beschreibt ihre eigene Kindheit. Es gab glückliche Zeiten, als ihr Vater Leiter eines Kriegsopfererholungsheims in den Bergen auf der Tschengla war. Der Vater liebte den Wald, verehrte Bücher: „Ihm war sein ganzes Leben hindurch der Gegenstand ebenso wichtig wie der Inhalt. Das ist untertrieben. Heilig war ihm das Buch.“ (S. 21) Eine Liebe, die er an die Tochter weitergibt und deren Ziel es sein wird, ihren eigenen Namen einst auf einem Buchrücken lesen zu können. Es geht im Roman aber auch um Monikas Mutter, die wenig mit Menschen spricht, sondern häufiger mit den Tieren. Eine Mutter, die sich nicht um das Notwendige kümmert (das macht Tante Irma), die zwar präsent und doch irgendwie flüchtig erscheint.

    Die Familie wird von Krankheit und Tod heimgesucht, die unbeschwerte Zeit auf der Tschengla findet ein jähes Ende und die Verhältnisse ändern sich vollkommen. Die vier Geschwister werden vor große Herausforderungen gestellt… Es ist große schriftstellerische Kunst, wie sich Monika Helfer als Erwachsene dem selbst Erlebten annähert, wie sie versucht, für die Eltern und besonders für den Vater Verständnis aufzubringen, warum er so gehandelt hat, wie er es tat.

    Monika Helfer schreibt in kurzen, verdichteten Sätzen, die relativ nüchtern wirken, oftmals aber gerade durch ihre vermeintliche Schlichtheit große Resonanz beim Leser erzeugen: „Ich kann mich an die Vorlesestunden erinnern, nicht deutlich, aber hätte ich Worte gehabt, auch ich hätte gesagt: Das ist Glück. Dieses Wort, so will mir scheinen, kommt erst vor, wenn bereits das Gegenteil eingetreten ist. Dann erinnert man sich daran, wie es vorher gewesen war.“ (S. 55)

    Die Autorin erzeugt Gefühl und Empathie, ohne große Emotionalität oder Sentimentalität zuzulassen. Das gelingt ihr auch durch eine Position aus der Distanz heraus: Sie schildert, aber sie (be)wertet nicht. Manch einen Satz muss man erst einmal wirken lassen, vieles bleibt ungesagt und steht zwischen den Zeilen: „Schon fast am Ende des Krieges war er (Ferdinand) eingezogen worden. Und wurde gleich zusammengeschossen und lag im Dreck, und ein Kriegsfahrzeug fuhr ihm über das Bein und ein nächstes über den Arm. Als er zurückkam, konnte er mit nichts mehr etwas anfangen…“ (S. 50) So wenige Worte für ein ganzes Schicksal!

    Bildhaft werden Umgebungen, Gegenstände und Menschen beschrieben, wie sie sie als Kind wahrgenommen hat. Dabei werden alle Sinne angesprochen. Auch die verschiedenen Mitglieder der Großfamilie haben ihre Schwächen und sind völlig heterogene Typen. Wenn es aber hart auf hart kommt, wird Rat gehalten und man hält felsenfest zusammen. Das hat schon etwas sehr Imponierendes. Die Bagage hilft einander in der Not, ist füreinander da. Bei aller Tragik, die der kleine Roman verströmt, hat diese Erkenntnis etwas ungemein Tröstliches: Familie muss zusammenhalten, in guten wie in schlechten Zeiten.

    „Vati“ ist ein überaus lesenswerter Roman, der mich von den ersten Seiten gefesselt hat. Der Sprachstil Helfers ist wunderbar. Das Buch lädt gewiss zu einer zweiten Lektüre ein und eignet sich bestens für Diskussionsrunden und Lesekreise. Große Empfehlung!

    Teilen
  1. Wo ist Vati?

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 22. Jan 2021 

    Nachdem sie in "Die Bagage" bereits die Geschichte ihrer Familie mütterlicherseits aufgearbeitet hat, widmet sich Monika Helfer nun ihrem Vater. Dieser, vom Krieg versehrt, leitet ein Kriegserholungsheim in den Bergen, in welchem er auch mit seiner Familie lebt. Nach und nach erzählt Helfer vom Zusammenleben mit ihrem "Vati", wie er stets genannt werden will, und seinen Eigenheiten. Er ist ein stiller Mann, sehr in sich zurückgezogen, seine Bücher und die kleine Bibliothek des Erholungsheimes bedeuten ihm viel.

    Darüber hinaus fällt es mir schwer, etwas über ihn zu sagen, denn während der ganzen Kindheit Helfers bleibt "Vati" vor allem eines - merkwürdig abwesend, stets irgendwie woanders. Die nüchterne Erzählweise und die betonte Neutralität darin, die anfangs noch mein Interesse weckten, bewirkten auf Dauer, dass mir alle Figuren seltsam fremd blieben, ich habe mich beim Lesen wie ein unbeteiligter Aussenstehender gefühlt, der zufällig kurze Episoden aus dem Leben Helfers und ihres Vaters beobachtet hat.

    Keine der Figuren hat wirklich meine Sympathie geweckt, zu groß war die Distanz, die hier über die sprachliche Ebene aufgebaut wurde. Auch die junge Monika erscheint eher als stumme Beobachterin anstatt als Tochter dessen, von dem das Buch handeln soll. Sie enthält sich nahezu jeglicher Wertung über das Verhalten ihrer Eltern und deren Geschwister, bis auf einige Ausnahmen erfährt man als Leser kaum etwas darüber, wie sie empfindet; ein wenig fühlt es sich an, als würde man einen Stummfilm schauen. Besonders aber "Vati" selbst ist eher passiv, obwohl im Mittelpunkt stehend, irgendwie abwesend - gerade die zweite Hälfte des Buches handelt weniger von ihm als vielmehr von seiner Abwesenheit. Und wie schreibt man ein Buch über jemanden, der nicht da ist?

    Die Geschichte tröpfelt von Seite zu Seite, ohne einen wirklichen Sog zu entwickeln, obwohl das Potential dahinter spürbar ist. Es gibt einige schöne Beschreibungen, einige Figuren wurden in groben Zügen durchaus interessant skizziert - mich störten die stets aufrechterhaltene Distanz und Sachlichkeit aber zu sehr.

    Teilen
  1. Annäherung an den Vater

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 22. Jan 2021 

    Monika Helfer hat in ihrem autobiografischen Roman ihren Vater zum Mittelpunkt gemacht. Josef ist ein stiller Mann, der Krieg hat ihm viele Pläne zunichte gemacht und ein Bein genommen. Aber sein Streben „etwas zu werden“ glimmt immer weiter. Schließlich war er der erste seiner Familie der aufs Gymnasium konnte, doch kurz vor dem Abitur wurde er noch eingezogen. Geheiratet hat er die Krankenschwester, die ihn nach der Kriegsverletzung pflegte, eine stille, aber wohl glückliche Ehe aus der sechs Kinder hervorgingen.

    Vati und Mutti sollten die Kinder sagen, denn das klingt modern und die neue, moderne Zeit gilt etwas für Josef. Bücher liebte er, den Geruch, das Haptische, das Sinnliche daran. Das brachte ihn sogar einmal fast an den Rand der Legalität.

    Monika Helfer teilt ihre Erinnerungen mit uns, in kleinen Episoden und Anekdoten, in Rückblenden und Deutungsversuchen lässt sie die Nachkriegszeit, den beginnenden Wohlstand lebendig werden. Wo ihre Erinnerungen nicht reichen, teilen die Geschwister, die Stiefmutter ihre Gedanken mit.
    Daraus wurde ein schönes Buch, das mir richtig nahe ging, weil ganz unvermutet immer das Bild meines eigenen Vaters aufblitzte.

    Eine Hommage an den Vater und eine gelungene Fortsetzung zu Monika Helfers erstem autobiografischen Roman „Bagage“.

    Teilen
 

Der Mann im roten Rock

Buchseite und Rezensionen zu 'Der Mann im roten Rock' von Julian Barnes
4.6
4.6 von 5 (15 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Der Mann im roten Rock"

Julian Barnes lässt uns teilhaben am Leben von Dr. Samuel Pozzi (1846–1918), dem damals bekannten Arzt, Pionier auf dem Gebiet der Gynäkologie und Freigeist, ein intellektueller Wissenschaftler, der seiner Zeit weit voraus war: So führte er Hygienevorschriften vor Operationen in Frankreich ein und übersetzte Darwin ins Französische. Julian Barnes zeichnet das Bild einer ganzen Epoche am Beispiel dieses charismatischen Mannes. Man kann Julian Barnes nur bewundern: Kenntnisreich, elegant und akribisch recherchiert, beschreibt er das privat turbulente Leben Dr. Pozzis und erzählt Kulturgeschichten über den Fin de Siècle und seine Protagonistinnen und Protagonisten: Maler, Politiker, Künstler, Schauspieler, Schriftsteller. Dr. Pozzi reiste, um Erkenntnisse zu gewinnen, und stand für einen engen Austausch zwischen England und dem Kontinent. Julian Barnes beleuchtet diese fruchtbaren Beziehungen und schreibt zugleich ein spannendes Plädoyer, an der Idee Europas festzuhalten.

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:304
EAN:9783462054767
read more

Rezensionen zu "Der Mann im roten Rock"

  1. Ein literarisches Puzzle

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 03. Mär 2021 

    Julian Barnes war mir bisher eher als Romanautor bekannt. Dass er jedoch auch andere "Gattungen" erfolgreich "bedienen" kann, beweist er mit seinem famosen Portrait über den französischen Arzt Samuel Pozzi (1846-1918) mit dem Titel "Der Mann im roten Rock", welches in hochwertiger Qualität vom Kiepenheuer&Witsch-Verlag herausgebracht wurde. Ein definitives Schmuckstück in jeder Sammlung!

    Barnes schreibt allerdings keine schnöde 08/15 Biografie über einen Arzt, der mir (zugegeben) bis zum jetzigen Zeitpunkt völlig unbekannt war. Stattdessen entwirft er zusätzlich zu den biografischen Einsprengseln Kaleidoskop artig ein Portrait der sog. „Belle Èpoque“, verbindet nützliches Wissen über Kunst, Literatur, Politik etc. mit anekdotischen Absätzen, über die man bei der Lektüre schmunzeln oder den Kopf schütteln kann und schafft es trotzdem, die geneigte Leserschaft „bei der Stange“ zu halten, indem er immer wieder den „Running Gag“-Satz „Wir wissen es nicht.“ einstreut. Am Ende trägt er alles „Nichtwissen“ mit einem Augenzwinkern noch einmal zusammen.

    Ein zusätzlicher Pluspunkt dieses einzigartigen Portraits sind die vielen Abbildungen, die das Buch und die Lektüre „lebendig“ gestalten. Man lernt dadurch viele Zeitgenossen von Dr. Pozzi und seinen beiden Begleitern, dem Grafen Montesquiou und dem Prinzen Edmonde Polignac kennen, trifft auf (literarische) Bekannte wie Oscar Wilde, Marcel Proust, die Brüder Goncourt und Gustave Flaubert (um nur ein paar zu nennen) und wird „Zeuge“ von fortschrittlichen Entwicklungen im Gesundheitswesen, für die sich Samuel Pozzi vehement eingesetzt hat.

    Auch werden die teilweise gravierenden Unterschiede zwischen Frankreich und England (etwa im Prozesswesen) eingestreut. Den Abschluss des Buches bildet ein leidenschaftliches Plädoyer Julian Barnes´ für Europa; wer mag es ihm verübeln, wo sein Heimatland doch gerade erst aus der EU ausgetreten ist…

    Obwohl die Lektüre an der ein oder anderen Stelle alles andere als leicht ist, sei dieses Buch all jenen empfohlen, die gerne „puzzeln“ und ein wenig Geduld aufbringen.

    Volle Leseempfehlung und entsprechend 5*.

    ©kingofmusic

    Teilen
  1. Sittenbild der Belle Epoque

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Mär 2021 

    Julian Barnes, einer der Großen der englischen Autoren, hat mich mit seinem neuen Buch überrascht.

    „Der Mann im roten Rock“ ist Dr. Samuel Pozzi ( 1846-1918 ), einem Pariser Arzt, der nicht nur Modearzt der eleganten Welt, sondern auch als Gynäkologie wegweisend war. Pozzi wurde von John Singer Sargent gemalt, in eben diesem titelgebenden roten Rock. Auf dem Cover sehen wir nur einen Ausschnitt, aber das Gemälde zeigt einen eleganten Mann in den besten Jahren, gekleidet in einen luxuriösen Hausmantel, dessen kostbaren Stoff Singer Sargent in ineinanderfließenden Rottönen malt. Darunter blitzen Rüschen an Kragen und Manschetten. Der Ausschnitt lenkt den Blick des Betrachters auf die feingliedrigen Hände eines begabten Operateurs.
    Aber Barnes wählt nicht die direkte Methode um Pozzi zu charakterisieren, er nimmt sich gleich der ganzen Epoche an. Die Belle Epoque, die vielleicht erst in der Rückschau zur „schönen“ wurde.

    Seit einer gemeinsamen London-Reise waren Dr. Pozzi, der Graf Montesquiou, ein Homme de lettre und Prince Edmonde Polignac befreundet. Pozzi, aus bürgerlicher Kreisen stammend, suchte und genoss die illustre Gesellschaft. Die Ehe mit Therese, beziehungsweise deren Mitgift, ermöglichte es ihm auch finanziell mitzuhalten, zumindest zu Beginn seiner Laufbahn.

    Erstaunlich fand ich immer wieder, dass Pozzi trotz seiner Prominenz und seiner Patientinnen aus Adel, Geldadel und Gesellschaft, ein Anliegen war, auch das allgemeine Krankenhauswesen zu verbessern. Er sorgte für einen vorbildlichen, nach allen neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen Neubau eines Krankenhauses.
    Barnes nähert sich seiner Figur auf vielfach mäandernden Schleifen, dabei fließt viel aus der Politik und der Gesellschaft dieser Epoche ein. Man trifft Sarah Bernhardt, (Pozzi hat wohl eine Affäre mit ihr) die Brüder Goncourt, Alphonse Daudet, Oscar Wilde und viele mehr. Es ist ein großes Vergnügen von Julians Barnes überbordenden Kenntnissen der Zeit zu profitieren. Malerei, Literatur, Musik und Theater, der Autor breitet diese aufregende Epoche vor dem Leser aus.

    Immer wieder kommt es zu Vergleichen zwischen Frankreich und Großbritannien, zum Beispiel bei Gerichtsprozessen. Honoriert in Frankreich der Richter Ironie und Schlagfertigkeit des Angeklagten, wird ein Crime passionel generell mit Milde beurteilt, wird Oscar Wilde bei seinem Prozess in London die gegenteilige Erfahrung machen müssen.

    Mit seiner eleganten Erzählweise wird die Lektüre immer zu einem unterhaltsamen, wenn auch nicht einfachem Lesevergnügen.

    Im Buch finden sich unter anderen Illustrationen auch viele Portraitfotos der Sammlung Potin, so dass die meisten erwähnten Persönlichkeiten auch visuell greifbar werden.

    Ganz zum Schluss ergreift Barnes auch noch leidenschaftlich für ein gemeinsames Europa das Wort und verurteilt neu aufkommenden Nationalismus wie Brexit gleichermaßen

    Teilen
  1. Überall Pozzi

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 25. Feb 2021 

    „Im Juni 1885 kamen drei Franzosen in London an.“

    Einer dieser drei Franzosen war Dr. Samuel Pozzi, die anderen beiden der Prinz Edmond de Polignac und Graf Robert de Montesquiou. Das 19. Jahrhundert näher sich seinem Ende. Für die, die es sich leisten konnten, war es die Belle Époque, eine Zeit der schönen Künste, der Reisen, der Ausschweifungen. Der britische Schriftsteller Julian Barnes ließ sich von dem markanten Gemälde „Dr. Pozzi at home“ des zu der Zeit gefragtesten Portraitmalers John Singer Sargent zu dieser absolut ungewöhnlichen Homestory über Samuel Pozzi inspirieren. Pozzi ist der „Mann im roten Rock“.

    Wer war nun dieser Samuel Pozzi? Arzt, Politiker, Liebhaber schöner Frauen. Trotz seiner bürgerlichen Herkunft bewegte er sich in den Salons der Adeligen wie ein Fisch im Wasser.

    „Pozzi war überall!“

    Doch Barnes hat hier weit mehr als eine Biografie verfasst. Das Buch ist ein Panoptikum der Epoche, das Sittenbild einer dekadenten Gesellschaft. Barnes spart nicht mit pikanten Details, Klatsch und Tratsch. Er vermittelt sein ungeheures Wissen über die damalige Zeit und erstreckt seine Schilderungen auf die Kunst in Wort und Bild, aber auch Justiz und Politik, beleuchtet das gesellschaftliche und damit einhergehende politische Ränkespiel zwischen Frankreich und England. Wobei Barnes sehr pointiert eine Brücke zu der aktuellen politischen Entwicklung in seiner britischen Heimat schlägt und seinen Unmut darüber kaum verhehlen mag.

    „Wir könnten auch mit einer Kugel beginnen und mit der Waffe, aus der sie abgeschossen wurde. Das funktioniert eigentlich immer: Eine eherne Theaterregel besagt, wenn man im ersten Akt eine Waffe sieht, wird sie im letzten garantiert abgefeuert. Aber welche Waffe und welche Kugel? Es gab so viele zu jener Zeit.“

    Barnes wird etliche Kugeln zum Rollen bringen. Eine Karambolage vieler Ereignisse, elegant über die Bande gespielt erledigt er die Liebschaft Pozzis zu Sarah Bernhardt, den Prozess gegen Oscar Wilde, streift hier an den Brüdern de Goncourt an und dort an der Dreyfus Affäre. Und noch an so viel mehr.

    Diese Lektüre ist ungemein fordernd, bereichernd und lehrreich. Barnes geschliffene Sprache, aber auch die elegante Aufmachung des Buches mit unzähligen (historischen) Abbildungen macht aus diesem Buch ein Schmuckstück.

    Letztlich ist das Buch auch Barnes Auseinandersetzung mit dem eigenen Schreiben, insbesondere dem Schreiben einer Biografie, über gute und schlechte Bücher und darüber, was wir alles nicht wissen.

    Teilen
  1. Biographie einer Epoche

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 14. Feb 2021 

    2015 stieß der frankophile englische Autor Julien Barnes bei einem Besuch der National Portrait Gallery in London auf das übermannsgroße Gemälde „ Pozzi at home“ des amerikanischen Portraitmalers John Singer Sargent ( 1856 - 1925 ) und sein Interesse war geweckt.
    Wer war dieser Dr. Pozzi?
    Samuel Jean Pozzi, 1846 in der Dordogne geboren, 1918 gestorben, war ein Pariser Frauenarzt und Chirurg, ein Modearzt, der sehr viele Berühmtheiten seiner Zeit - Künstler und Adelige- zu seinen Patienten zählte, aber auch 35 Jahre lang an einem öffentlichen Krankenhaus gearbeitet hat. Er war ein Reformmediziner, der den ersten Lehrstuhl in Gynäkologie in Frankreich innehatte und dessen „ Lehrbuch der Gynäkologie“ jahrzehntelang das Standardwerk auf seinem Gebiet war. Gleichzeitig aber war Pozzi ein Lebemann und umschwärmter Liebling der Frauen ( „ ekelhaft gutaussehend“ ). Obwohl verheiratet waren seine Affären stadtbekannt.
    Trotz seiner Herkunft - bürgerlich und aus der Provinz stammend - schaffte er es aus eigener Kraft ( und mit dem Geld seiner Frau ) in die höchsten Kreise der Pariser Gesellschaft. Er war bekannt und befreundet mit allen, mit den Dandys und Lebemänner dieser Zeit, mit den Dichtern und Künstlern. Schon als Student hatte er eine Affäre mit der legendären Sarah Bernhard, der er ein Leben lang freundschaftlich verbunden blieb.
    Er war Prozessbeobachter im Fall Dreyfus, auf dessen Seite er stand und den er auch als Arzt betreute.
    Das Leben dieses Doktor Pozzi faltet Barnes mit sehr vielen Episoden und Details vor uns auf. Dabei weiß der Autor um die Schwierigkeiten beim Verfassen einer Biographie. „ Wir wissen es nicht“ , heißt es daher oft und „ Eine Biografie ist eine Ansammlung von Löchern, die mit Bindfäden zusammengehalten werden ,...“ ( S. 127 )
    Doch Julian Barnes hat mit „ Der Mann im roten Rock“ nicht einfach eine Biographie dieses außergewöhnlichen Mannes geschrieben, sondern er erzählt an dessen Leben entlang die Biographie einer ganzen Epoche. ( Denn „ Pozzi war überall.“)
    Jener Zwischenkriegszeit zwischen 1870/71 und 1914, die wir heute als „ Belle Epoque“ kennen. „ Die Belle Epoque : der Inbegriff von Friede und Freude, von Glamour mit mehr als einem Hauch von Dekadenz, eine letzte Blüte der Künste und letzte Blüte einer etablierten Society,...“ ( S. 34 )
    Und so entwirft Barnes ein riesiges Wimmelbild dieser Jahre. Dazu lässt er jede Menge bekannter und heute weniger bekannter Personen auftreten, von Maupassant über die Brüder Goncourt, von Oscar Wilde bis Marcel Proust. Über sie erzählt er unendlich viele Anekdoten und skurrile Begebenheiten, oftmals Klatsch und Tratsch ( viele Bettgeschichten), Wichtiges und eher Nebensächliches.
    Dabei greift Barnes eine Besonderheit dieser Zeit auf, das Duell und zeigt an vielen Beispielen, wie nichtig oftmals die Gründe waren, die zum Austausch von Kugeln geführt haben. Mit dieser Unsitte hat der Erste Weltkrieg glücklicherweise aufgeräumt, wie Barnes etwas zynisch schreibt.
    Immer wieder geht Barnes höchst amüsant auf die Unterschiede zwischen Engländern und Franzosen ein . Dabei kommen die englischen Frauen und die englische Hauptstadt wenig gut weg. Auch über die Liebe herrschen unterschiedliche Ansichten. Während die Briten an die Gemeinsamkeit von Liebe und Ehe glauben, sieht der Franzose das pragmatischer. „ Man heiratete um der gesellschaftlichen Stellung, um des Geldes und Besitzes Willen und um die Familie fortzuführen, aber nicht aus Liebe. ...Die Ehe war lediglich ein Basislager, von dem das abenteuerlustige Herz zu neuen Ufern aufbrach.“
    ( S. 51 )
    Und während für politisch Verfolgte in Frankreich oft England das Ziel war, wohin sie flüchteten, so floh man von der Insel eher, um einem Skandal zu entgehen. „ Sie schickten uns ihre geschassten politischen Köpfe und gefährlichen Revolutionäre, wir schickten ihnen unser nobles Gesindel.“ ( S. 44 )
    Als zweite Hauptfigur neben Pozzi wählte Julian Barnes den Grafen Montesquiou, einen homosexuellen Dandy und mittelmäßigen Dichter. Dessen exzentrischer Lebensstil war Anregung für andere Literaten; so war er Vorbild für eine Figur in Marcel Prousts „ Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ und der dekadente Held in Joris- Karl Huysmans‘ Buch „ Gegen den Strich“ trägt eindeutige Züge des Grafen.
    Obwohl Pozzi mit Montesquiou regen Umgang pflegte und obwohl er auch den Freuden des Lebens niemals abgeneigt war, so war er doch ein ganz anderer Typ Mensch. Pozzi war aufgeschlossen und wissbegierig, ein moderner Wissenschaftler, dem es um den Fortschritt und die Verbesserung in der Medizin ging. Während der Dandy, eine Erscheinung der „Belle Epoque“ , nur um sich selbst kreist, nur die Selbstinszenierung und die Ästhetisierung des eigenen Lebens im Blick hat. „ Wem gilt die Liebe des Dandys? Sich selbst, natürlich.“ ( S. 71 )
    Weshalb Julian Barnes Sympathie dem Arzt Samuel Pozzi gilt, macht er nochmals in seinem Nachwort deutlich. Gerade Pozzis Maxime „ Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz“ hat es ihm angetan. Pozzi ist für den englischen Autor der Gegenentwurf zur Ignoranz und Selbstgefälligkeit der Engländer, die sich aktuell bei der Brexit - Abstimmung wieder gezeigt hat. Pozzi war zwar ein Patriot, aber kein Chauvinist. Er war weltoffen und zukunftsorientiert und jederzeit bereit, vom Ausland zu lernen.
    Hervorzuheben ist auch die wunderbare Machart des Buches. Einige Porträts, neben dem titelgebenden „ Mann im Rock“ , des Societymalers Sargent erfreuen den kunstliebenden Leser, sowie die klugen Interpretationen des Autors . Dazu machen zahlreiche Photos sowie die Schokoladen - Sammelbilder der Firma Potin die Figuren lebendig.
    Julian Barnes hat mit „ Der Mann im roten Rock“ eine äußerst kluge und elegant geschriebene Biographie einer beachtenswerten Person und einer spannenden Epoche geschrieben. Dazu hat er sehr, sehr gründlich recherchiert und eine Unmenge an Material zusammengetragen. Das wirft zwar einen sehr detaillierten Blick auf die Gesellschaft und das Denken jener Zeit, allerdings hätte ich es in dieser Fülle nicht gebraucht.
    Barnes reiht, zwar gekonnt, Episode an Episode, Betrachtung an Überlegung, verknüpft leichthändig die verschiedenen Themen, doch ab und an fehlte mir hier die Stringenz.
    Trotz dieser leichten Vorbehalte ist „ Der Mann im roten Rock“ eine literarisch anspruchsvolle, sehr erkenntnisreiche und unterhaltsame Lektüre, die ich gerne weiterempfehle.

    Teilen
  1. Eine Biografie der anderen Art

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 12. Feb 2021 

    "Der Mann im roten Rock" ist ein Gemälde von John Singer Sargent aus dem Jahr 1881 und zeigt Dr. Samuel Jean Pozzi. Der Klappentext, und auch der Titel, lassen vermuten, dass es sich um die Biografie von Dr. Pozzi handelt. Tatsächlich lebte dieser ein sehr bewegtes Leben. Er war seinerzeit ein berühmter Arzt, Vorreiter auf dem Gebiet der Gynäkologie und ärztlichen Hygiene, vielfältig interessiert, weit gereist und verkehrte in den besten Kreisen. Dies alles hätte genug Stoff für eine Biografie (oder zwei) hergegeben.

    Das titelgebende Gemälde und die Person Dr. Pozzis nutzt Julian Barnes jedoch nur als Aufhänger für eine Reise ans Ende des 19. Jahrhunderts. Spinnennetzartig erzählt er gefühlte tausend Geschichten unzähliger historischer Persönlichkeiten, die teils nur lose oder gar nichts mit Dr. Pozzi zu tun haben. Anhand von Anekdoten und Anekdötchen sowie unzähligen, sicherlich profund recherchierten Informationen mäandert Julian Barnes durch die Zeit und lässt die sog. Belle Époque wiederauferstehen.

    Das alles ist zweifelsohne interessant zu lesen. Dem Buch ist zudem anzumerken, dass Julian Barnes die Recherche für das Buch und die Niederschrift unendlich viel Freude gemacht haben. Sein Stil ist makellos und eloquent. Allein schon deshalb lohnt es sich, das Buch zu lesen. Als kleiner Kritikpunkt verbleibt allerdings, dass er weniger an seine Leser gedacht hat. Ein stärker ausgeprägter roten Faden oder Rahmen hätten es mir erleichtert, die vielen Einzelinformationen zu verorten und einprägsam nachzuvollziehen. Meine Kapazitäten hat Julian Barnes jedenfalls ziemlich ausgereizt. Daher vergebe ich vier Sterne.

    Teilen
  1. Dr. Samuel Pozzi oder "Der Mann im roten Rock"

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 10. Feb 2021 

    Dr. Samuel Pozzi oder " Der Mann im roten Rock"

    Julian Barnes ist mir durch mehrere Werke positiv im Gedächtnis geblieben, daher war ich sehr neugierig auf die neueste Veröffentlichung von ihm.
    Doch hier handelt es sich um eine Biografie, deshalb lässt es sich im Grunde gar nicht mit den mir bekannten Werken vergleichen. Dass lesen ist mir zeitweise schwer gefallen, da ich mit vielen Künstlern und Lebemännern aus der Zeit der Belle Époque , zu deren Zeit die Biografie ansetzt, wenig, mitunter gar nichts anfangen konnte. Größen wie Oscar Wilde oder Marcel Proust waren mir natürlich ein Begriff, doch Barnes verknüpft noch viel mehr Personen miteinander und mit dieser Zeit. Die am Ende des Buches auch so ziemlich ihren Glanz verloren hat.

    Hauptperson stellt der damals sehr erfolgreiche Gynäkologe Dr. Samuel Pozzi dar, der zu Beginn mit zwei weiteren Herren eine Reise antritt. Ob die drei gute Freunde waren, konnte ich nicht mal erkennen, aber sie gehörten wohl zur damaligen High-Society und passten daher gut zusammen. Jeder kannte damals wie heute jeden der Rang und Namen hatte.
    Im weiteren Verlauf erfahren wir einiges aus dem Leben der drei Männer. Ebenso erfahren wir über viele andere Künstler wo sie verkehrten, mit wem sie sich umgaben und so weiter. Einiges hat einen direkten Bezug zu Pozzi, doch bei vielen Personen fehlte mir dieser, oder ich konnte ihn einfach nicht nachvollziehen.

    Der Autor schaffte es dann irgendwann doch mich zu fesseln, und mir die Epoche und die Menschen aus dem gehobenen Stand näher zu bringen. Seine Intensität der Recherche muss immens gewesen sein, dafür verdient er große Anerkennung. Vor allem weil ihm hier und da Informationen fehlten, da beispielsweise Briefe oder Tagebücher, die Aufschlüsse hätten geben können, zerstört oder unauffindbar waren. Doch Barnes stellte sich dieser Aufgabe und ließ nur die echten Fakten sprechen. Und räumte an gegebener Stelle ein, dass es nicht nachvollziehbar sei, dass sich alles so und nicht anders abgespielt hat.

    Doch warum legte er sein Hauptaugenmerk auf Pozzi? War es das Gemälde, welches Pozzi noch in jungen Jahren abbildete, von dem Barnes als Kunstkenner so begeistert war? Oder wollte er mehr über diesen durchsetzungsstarkes Mann erzählen, der auf dem Gebiet der Wissenschaft viel erreicht hat? Wollte er den Leser am Leben dieses Menschen teilhaben lassen? Ich bin am Ende zu dem Schluss gekommen, dass es eigentlich gar keine Rolle spielt warum, sondern dass er es getan hat.
    Trotz meiner anfänglichen Schwierigkeiten aufgrund der Fülle an Personen, bilde ich mir ein gutes Bild der Zeit und dieses Mannes im roten Rock bekommen zu haben.
    Ein Buch, das Zeit erfordert. Zeit und Geduld, doch es hat sich am Ende gelohnt.

    Teilen
  1. Kaleidoskop einer Epoche

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 08. Feb 2021 

    "Im Juni 1885 kamen drei Franzosen in London an.""

    Mit diesem Satz beginnt Julian Barnes die ungewöhnliche Biografie über den französischen Gynäkologen Dr. Samuel Pozzi. Der zu seiner Zeit sehr bekannte Arzt schrieb ein fortschrittliches Standardwerk über Gynäkologie und war DER Arzt der gesellschaftlichen Oberschicht während der sogenannten "Belle Époque". Das Gemälde "Dr. Pozzi at Home" des amerikanischen Porträtmalers John Singer Sargent weckte das Interesse des Autors sich näher mit dem Leben Pozzis und vor allem dieser faszinierenden Epoche zu beschäftigen. Und so ist dieses Buch auch weniger eine Biografie einer einzelnen Person, sondern eher eine Sammlung von Anekdoten und Geschichten der Zeit. Es enthält eine Fülle an Informationen; Namen und Begebenheiten, aber auch Klatsch und Tratsch. Nicht alles ist interessant, vieles nebensächlich, aber wenn man sich intensiv mit Buch befasst, erfährt man viel Wissenswertes und kann viel Freude an diesem Plauderton haben. Die wunderbare Gestaltung des Buches hat es mir besonders angetan. Das Papier ist etwas fester, es gibt viele Fotografien, aber auch farbige Bilder von Gemälden, die sehr aufmerksam und detailreich beschrieben werden, unter anderem das schon erwähnte "Dr. Pozzi at Home". Die Bildbeschreibungen haben mir am besten gefallen und auch der leichte Plauderton Barnes' mit dem er durch diese Zeit wandelt, traf genau meinen Nerv. Ich hatte bisher noch nichts von diesem Autor gelesen, was ich jetzt schnell nachholen möchte.

    Wer eine reine Biografie des durchaus interessanten und beschreibenswerten Lebens Pozzis erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein, mir hat in dieser Hinsicht auch ein wenig die Gradlinigkeit gefehlt, aber es ist ein interessantes Buch mit vielen Geschichten und Geschichtchen einer faszinierenden Epoche.

    Teilen
  1. Klatsch und Tratsch im 19. Jahrhundert

    bewertet:
    3
    (3 von 5 *)
     - 07. Feb 2021 

    Samuel Pozzi, der von 1848 bis 1918 lebte, war für mich bisher ein völlig Unbekannter. Er war Arzt, ein Pionier auf dem Gebiet der Gynäkologie. Und auch sonst ein sehr umtriebiger Mensch, der seiner Zeit in Vielem weit voraus war. Julian Barnes hat es sich zur Aufgabe gemacht, uns diesen Mann ein wenig näher zu bringen – und nicht nur ihn. Wir lernen seine Freunde, weitere Bekannte und Unbekannte kennen und die Zeit, in der er lebte.
    Im Plauderton erzählt Barnes nicht nur von Dr. Pozzi und seinen zahlreichen amourösen Verhältnissen, sondern auch eine Vielzahl von Anekdoten über bekannte und weniger bekannte Persönlichkeiten. Beispielsweise worauf Charles de Gaulles Abneigung gegenüber den Briten zurückzuführen war (Faschoda) oder Näheres zum Entdecker des Tourette-Syndroms. Keine Frage, wer sich für die Belle Époque interessiert, wird hier eine reichhaltige Fundgrube an historischen wichtigen aber auch belanglosen Informationen entdecken. Und nicht nur an Schriftlichem: Der Verlag hat aus dieser Lektüre ein wunderschönes Buch gemacht, gedruckt auf hochwertigem Papier mit zahlreichen Farb- und Schwarzweißbildern, die viele der damaligen Persönlichkeiten auf Gemälden oder Photos abbilden. Nur die Biographie des Herrn Dr. Pozzi kommt leider etwas zu kurz, wie ich finde.
    Julian Barnes‘ Begeisterung an dieser Epoche und seinen Menschen (zumindest denen aus der gehobenen Schicht) ist überdeutlich zu spüren, was bedauerlicherweise nicht immer zum Vorteil der Lesenden gereicht. Es scheint, als wolle er uns so viel wie möglich an seinem immensen Wissen teilhaben lassen, und so werden viele der erzählten Dinge nur angerissen – zu knapp, wie ich häufig fand. Gerade Dr. Pozzi, dessen Gemälde das Cover des Buches zeigt, kommt meiner Meinung nach leider, wie schon erwähnt, viel zu kurz. Dies mag daran liegen, dass es über und von seiner Person nicht sehr viele Hinterlassenschaften gibt wie beispielsweise Briefe, Tagebücher o.ä. Wenn, dann sind es meist Dokumente aus zweiter oder dritter Hand wie beispielsweise das Tagebuch seiner Tochter oder die Briefe Sarah Bernhardts an Dr. Pozzi. Damit entsteht zwangsläufig ein ziemlich fragmentarisches Bild des titelgebenden Mannes ‚im roten Rock‘, während sein Freund Robert de Montesquiou-Fezensac wesentlich häufiger Erwähnung findet.
    So ist dieses Buch trotz des Titels kein Porträt einer einzelnen Person, sondern vielmehr ein Panorama der Belle Époque mit vielen Informationen aus jener Zeit – Klatsch, Tratsch und Belangloses mit inbegriffen.

    Teilen
  1. Mit Vergnügen durch die Belle Époque

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 06. Feb 2021 

    An seinen Romanen wie "Vom Ende einer Geschichte" oder "Die einzige Geschichte" hatte ich in den vergangenen Jahren schon viel Freude, ohne zu wissen, dass Julian Barnes auch Sachbücher schreibt. Sein neuestes, "Der Mann im roten Rock", konnte ich nun lesen, mit großer Hochachtung vor Barnes‘ enormem Quellenstudium sowie seiner Gabe, Mosaiksteine der Geschichte gekonnt zu einem Gesamtbild anzuordnen und unzusammenhängende Fäden scheinbar spielerisch zu verweben. Allerdings ist der Gegenstand des Buches nicht in erster Linie, der französische Chirurg und Frauenarzt Dr. Samuel Jean Pozzi (1846 – 1918), der diese beiden Fachrichtungen in seinem Heimatland revolutionierte, sondern vielmehr die Gesellschaftsschicht, in der er sich bewegte: die „ferne, dekadente, hektische, gewalttätige, narzisstische und neurotische“ Belle Époque zwischen 1870 und 1914. Duelle und Attentate, Tratsch, Klatsch und Gerüchte, sexuelle Orientierungen, Kunst, Literatur, Sammlerleidenschaft, Mäzenaten- und Dandytum, Aufschneiderei und Exzentrik, Freundschaften und Feindschaften, Ehen und Liebschaften und immer wieder Vergleiche zwischen Frankreich und Großbritannien, all das interessiert Julian Barnes ungleich mehr als antiseptische Operationsverfahren oder politische Entwicklungen. Wie elegant er allerdings darüber schreibt, ließ mich zunehmend vergessen, dass ich eigentlich mehr über die Meilensteine der Medizingeschichte erfahren wollte, ähnlich wie in der detailreichen Biografie "Der Horror der frühen Medizin" über Pozzis Zeitgenossen und Vorbild Joseph Lister, in der die Medizinhistorikerin Lindsey Fitzharris völlig andere Interessen bedient.

    Panorama einer Epoche
    Erstmals begegnete Julian Barnes dem „Mann im roten Rock“ 2015 in der National Portrait Gallery in London auf dem 1881 entstandenen Gemälde Dr. Pozzi at Home von John Singer Sargent, das als Ausschnitt das Cover ziert. Seine Neugier war geweckt. Ausgehend von einer Bildungs- und Einkaufsreise, die Pozzi im Jahr 1885 mit dem Prinzen Edmond de Polignac und dem Grafen Robert de Montesquiou-Fezensac nach London unternahm, katapultiert uns Barnes in das Leben der Pariser High Society. Vor allem der Graf, ein mäßig erfolgreicher Romancier, homosexueller Dandy und Exzentriker, nimmt viel Raum ein. Er war Vorbild für mehrere Romanfiguren, darunter die Hauptfigur in Joris-Karl Huysmans‘ Roman Gegen den Strich (der wiederum eine Rolle in Oscar Wildes Das Bildnis des Dorian Gray und beim Prozess gegen ihn spielte), und im Werk von Marcel Proust. Aber auch die Brüder Goncourt, die Familie Proust, Paul Hervieu, Lucien Daudet, Sarah Bernhardt, Guy de Maupassant, Jean Lorrain, Claude Monet, Alexandre Dumas d. J. und viele, viele andere tauchen als Freunde, Feinde, Patienten oder Geliebte Pozzis auf. Von allen gibt es Abbildungen, häufig Schokoladenbildchen der Firma Potin, in diesem opulenten, auf hochwertigem Papier gedruckten und doch überraschend preiswerten Band.

    Ein Tausendsassa
    Samuel Pozzi, Nachfahre italienischer Protestanten aus der Dordogne und mit einer englischen Stiefmutter zweisprachig aufgewachsen, war Begründer der französischen Gynäkologie, erster Lehrstuhlinhaber, Lehrbuchautor, Kosmopolit, Modearzt und für medizinische Neuerungen aus aller Welt aufgeschlossen, aber auch Kunstsammler, Senator, Dreyfusien und Salonlöwe. Er setzte sich für den medizinischen Fortschritt und für schonende, ganzheitliche Behandlungsformen ein, schreckte aber nicht vor Affären mit Patientinnen zurück. „Pozzi war überall“, wie Barnes wiederholt betont, um dann gelegentlich augenzwinkernd einzuschränken: „Pozzi war doch nicht überall“.

    Anders - aber gut
    Auch wenn mir zu Beginn falsche Erwartungen und ein zunächst verwirrendes Füllhorn von Akteuren und eher amüsanten als wissenswerten Anekdoten den Einstieg erschwerten, so steckten mich doch Barnes‘ Begeisterung, sein Humor, seine (Selbst-)Ironie und sein Spiel mit Wissen und Nichtwissen zunehmend an. Nicht nur, aber auch aufgrund seines Mottos: „Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz“ ist Pozzi für den überzeugten Europäer und Brexit-Gegner Barnes „so etwas wie ein Held“.

    Teilen
  1. Das Who is Who der Belle Époque

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Feb 2021 

    Liebe Damen, schnürt die Korsetts und rafft die Kleider, liebe Herren, bürstet eure Melonen und haltet die Schusswaffen bereit, wir reisen in das Herz Europas der Belle Époque (1871 - 1914).

    Mit dieser Collage erheischt schon der Schutzumschlag Aufmerksamkeit; er zeigt den Rumpf eines Menschen im roten Rock, verbirgt darunter aber die außerordentlich hochwertige Gestaltung und Prägung des Buches von Kiepenheuer & Witsch. Ein Kompliment an den Verlag, man sieht und spürt einfach, mit wieviel Liebe zum Detail hier gearbeitet wurde!
    Gleich einer der ersten Seiten präsentiert uns dann das vollständige Gemälde eines charismatischen Mannes, rot in Rot, dessen Leben und Wirken der Dreh- und Angelpunkt dieses vergnüglichen Abenteuers in die Zeit des Überdrusses, des Pomp und Protzes ist; Barnes stellt vor, Samuel Jean de Pozzi, erfolgreicher Mediziner und Modearzt der Bohème, Franzose.
    Aber Samuel Pozzi ist nur der Nagel, der das Bild einer Epoche hält, in die wir gleich mit einer illustren Reisegesellschaft hineingezogen werden. Drei Männer, machen sich auf den Weg von Frankkreich nach London, um dort all die schönen Dinge, Stoffe und Kunstwerke zu kaufen, die Heim und Leben schmücken sollen. Drei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Pozzi wird begleitet vom Prinzen Edmond de Polignac und dem Grafen Robert de Montesquiou-Fezensac.
    Die schillernde Figur des Letztgenannten beschert und dann auch die größten Einblicke in diese Zeit der Eitelkeiten, der Auffassung von Moral, der Verletzungen des Ehrgefühls (es ist noch die Zeit der Duelle, meine Herren, deshalb seien sie immer bewaffnet), aber vor allem die Verabschiedung vom Alten und der Aufbruch in eine neue Zeit, was uns Pozzis fortschittliche Neuregelungen in der Gynäkologie sehr schön vor Augen führt.

    Streitigkeiten werden nicht nur auf dem morgendlichen, nebelbverhangenen Feld mit der Waffe verhandelt, sondern auch, quasi durch die Hintertür, in schriftlicher Form, pressetauglich, mit dem verabscheuungswürdigen Jean Lorrain, wenn es schnell gehen musste, oder aber im Romanformat ausgetragen. So tauchen denn auch bald Namen auf wie Marcel Proust, Oscar Wilde und Joris-Karl Huysmans als Weg- und Zeitgefährten auf. Huysmans Roman "Gegen den Strich" stellte fast unverhohlen das nicht ganz skandalfreie Leben des Grafen Montesquiou dar und obwohl es nur auf französisch erschien, musste sich später Oscar Wilde für seine Anspielungen auch auf diesen Roman vor Gericht wegen Homosexualität, welche in Frankreich, aber nicht in England legal war, verantworten.

    Dieses Namedropping ist nur ein kleiner Auszug, der verdeutlichen soll, wie Barnes die Be- und Empfindlichkeiten jener Zeit kongenial erfasst hat, aber mit dem bürgerlichen Pozzi auch eine Verbindung schafft, zu Verbesserungen in der Medizin und seinem Bestreben, den Mensch in den Mittelpunkt der Wissenschaft zu stellen. Beschränken wir uns beim Lesen aber allein auf Pozzis Biografie, so entgeht uns nicht seine unglückliche Ehe, seine Liebschaften und die große Hilfsbereitschaft für Personen mit heiklen, medizinischen Problemen, welche ihm letztendlich, schicksalsträchtig zum Verhängnis wird.

    Julian Barnes hat hier einen, fragmentarisch anmutendes, letztendlich aber doch die Essenz jener Zeit erfassenden Überblick des Fin de Sciècle an der Biografie eines außergwöhnlichen Arztes festgemacht, dessen Bild rahmenhandlungstauglich das Buch eröffnet und beschließt.

    Eine vergnügliche, wenn auch für mich nicht immer einfache Exkursion in die Geschichte zwischen zwei Kriegen, in denen sich Deutschland und Frankreich feindlich gegenüberstanden, die Voraussetzungen für eine vereintes Europa aber schon erkennen lassen. Ob es noch eine barnsche Beleuchtung des einfachen Volkes jener Zeit geben wird, wir wissen es nicht! ;-)

    Teilen
  1. Die Belle Èpoque auf ganz besondere Art nah gebracht

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Feb 2021 

    “Der Mann im roten Rock” von Julian Barnes wurde vom Kiepenheuer & Witsch-Verlag ohne eine Angabe des Genres in diesem Jahr veröffentlicht. Und auch mir fällt nach Lektüre des Buches nicht wirklich ein, um was es sich hier eigentlich handelt. Ein Roman ist es ganz sicher nicht. Dafür sind die non-fiktionalen Anteile einfach zu dominierend (mit ausführlicher Wiedergabe von Bildquellen aus der Zeit). Ein rein non-fiktionales Sachbuch ist es aber auch nicht, dafür ist die Sprach- und Gestaltungskreativität des Autors zu hervorstechend. Barnes schafft es, ein Buch zu schreiben, das den Lesern collagenhaft in die Zeit der Belle Époque entführt, die letztlich der wirkliche Held dieses Buches ist und die über eine große Auswahl von Vertretern der Gesellschaft in dieser Zeit vorgestellt und sehr anschaulich gemacht wird. Es ist dem Buch anzumerken, dass sich Barnes irgendwie in diese Zeit, in diese Gesellschaft verliebt hat und ihr vielleicht kein Denkmal setzen, aber diese Zeit doch in die Köpfe seiner Zeitgenossen zurückholen wollte. Er sieht in ihr einen Wert, der hochgehalten werden soll. Aber dazu später.
    Das Buch ist gestaltet rund um eine Person und deren gesellschaftliches Umfeld: Dr. Samuel Pozzi, erfolgreicher Arzt, Dandy, Gebildeter, Bourgeois, Frauenheld, Ehemann, Reisender. Für die Nachwelt festgehalten hat diese Person der Maler John Singer Sargent mit einem glamourösen Portrait: „Dr. Pozzi at home“, auf dem der Protagonist unseres Buches im roten Morgenrock weltmännisch an uns vorbeischaut. Über das Buch hinweg erfahren wir als Leser einiges aus dem Leben dieses Arztes – seine Familie, seine Profession, seine Affären, seine Reisen – und doch wird er nie wirklich zum Helden dieses Buches, auch wenn er dessen Titelgeber ist. Dafür ist das „Drumherum“ zu übermächtig, denn immer wieder verlässt Barnes diese Person, wenn an den Seiten von Pozzis Leben eine Situation oder eine Person auftaucht, die dem Autoren gerade besser geeignet erscheint, Einblicke in die Zeit und ihr Lebensgefühl zu geben. So tauchen Personen auf und sofort wieder ab (manchmal erscheint das als pures „name dropping“), andere begleiten uns über die Seiten der Geschichte immer wieder und geben dem Buch einen festen Halt. Neben der Sprache und Worten über diese Zeit spielt in dem Buch auch das Visuelle eine ganz besondere Rolle. Nicht nur das oben schon erwähnte Sargent-Portrait von Dr. Pozzi ist im Buch abgedruckt, sondern es finden sich Fotografien von fast allen angesprochenen Personen, wurden sie doch in eine zeitgenössische Schokoladenbildchen-Sammlung aufgenommen und hier erneut als „Who is who?“ der Zeit textuell und visuell für die Nachwelt festgehalten. Diese Schokoladen-Bildchen-Sammlung befindet sich nach Informationen aus dem Anhang im Besitz von Barnes und scheint so etwas wie ein Wegweiser für ihn durch das Labyrinth des Angesichts der Belle Époque gewesen zu sein: Wer hier abgebildet wurde, muss auch Bedeutung für die Zeit haben, also wird diese Person von Barnes herausgegriffen und in das Buch aufgenommen.
    Mein Fazit:
    Immer wieder während der Lektüre habe ich mich gefragt, was an dem Buch trotz seines collagenhaft, ja manchmal geradezu stückhaften Charakters so begeisternd, so soghaft funktioniert? Ich bin dem Geheimnis nicht ganz auf die Spur gekommen. Aber einige Punkte sind sicher hervorzuheben:
    - Der Sprachkunst Barnes gelingt eine meisterhafte Schilderung dieser Zeit des Dandytums mit seinen Spleens und Sonderbarkeiten.
    - Die distanziert ironische Haltung des Erzähltons gibt dem Text eine ganz besondere Note und Stimmung, in der nie ganz klar ist: Ist Barnes eigentlich der größte Fan dieser besonderen Zeit oder deren größter Skeptiker? Er schafft es tatsächlich manchmal, sich innerhalb eines Satzes von einer zur anderen Haltung komplett zu wenden.
    Dieses ganz besondere Portrait einer Epoche ist ein unvergessliches und unvergleichliches Leseerlebnis, nach dem auch ich als Leserin nicht mehr weiß: Bin ich Fan oder Skeptikerin dieser Zeit???
    Barnes allerdings löst für sich diese Frage auf in seinem Nachwort zum Buch. Hier stellt er diese weltoffene, nach unterschiedlichsten Einflüssen hungernde und diese nutzende Gesellschaft seiner zeitgenössischen chauvinistischen Heimat England gegenüber, die mit dem Votum für den Brexit solche positiven Einflüsse gerade hinweggeschoben und sich entschieden haben „in der Vergangenheit zu hocken“.
    Aber: Ist der Brexit die Motivation Barnes gewesen, gerade dieses besondere Buch als Reaktion darauf zu schreiben? Auch diese Sichtweise über das Buch erscheint eher abwegig.
    Und so gebe ich für ein Buch, das mir jede Menge Rätsel aufgibt, dennoch gerne 5 Sterne!

    Teilen
  1. Patchworkbild der Belle Èpoque

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 02. Feb 2021 

    Der "Mann im roten Rock" ist Dr. Samuel Pozzi, geboren 1846 in Bergerac (Frankreich). Julian Barnes' Interesse an dem erfolgreichen Arzt und Gesellschaftsmenschen Pozzi entzündete sich an einem Porträt J.S.Sargents, das Pozzi "theatralisch inszeniert" in einem scharlachroten Hausmantel darstellt.

    Schon im ersten Kapitel des prächtig aufgemachten Buchs exerziert Barnes in launiger Weise mehrere Möglichkeiten durch, wie er beginnen könnte - mit Sargents Bild, mit einem anderen Bild, mit Oscar Wilde, mit Pistolenschüssen, mit einer Operation -? Nein, er beginnt mit dem roten Rock und den eleganten Händen. Jeder der kurz "angerissenen möglichen Anfänge" wird im späteren Verlauf des Buches erklärt und vertieft. Dieser Beginn ist symptomatisch für das ganze Buch, das nicht so sehr eine Biographie des Arztes Pozzi darstellt als vielmehr ein umfassendes Bild vom geistigen und gesellschaftlichen Leben der Belle Époque in England und Frankreich.

    Barnes liegt nichts daran, ein geordnetes Gesellschaftsbild zu liefern. Sein Wissen über tausenderlei Aspekte der Zeit, über Berühmtheiten der Kunst, Politik und der "hautevolee", über die medizinischen und technischen Möglichkeiten, gesellschaftliche Strömungen, über Presse und Klatsch ist umfassend. So ist auch "Der Mann im roten Rock" ein Patchwork aus Szenen, Tagebucheinträgen, Zitaten aus Briefen und Büchern und vielem anderem mehr. Barnes führt eine Unzahl bekannter und weniger bekannter Zeitgenossen vor; neben Oscar Wilde, Maupassant, Proust und Henry James, Sarah Bernhardt und anderen heute noch geläufigen Personen nehmen auch vergessene, aber damals angesagte Leute ihren Raum wieder ein, wie der Graf von Montesquieu und der Prinz von Poligny, bekannte Dandys der Zeit. Und alle, alle waren Bekannte oder Freunde von Pozzi. "Pozzi war überall", bemerkt Barnes mit literarischem Schmunzeln. Wir erfahren den typischen Ablauf eines Duells, Einzelheiten über das Verfahren gegen Wilde wegen "Sodomie", alles über Schlüsselromane und die richtige Interpretation alter Gemälde, Klatsch und Tratsch über schwule Dandys und über die "nymphomanische" Bernhardt. Aber auch über die rasante Entwicklung der Technik und der Medizin. Vor allem über Neuerungen, die Pozzi - der nicht nur ein umschwärmter Salonlöwe, sondern auch ein gewissenhafter und fleißiger Mediziner war - speziell im Bereich der Gynäkologie einführte; seine neuen und schonenden Behandlungsmethoden, verbesserte Ausstattung seiner Klinik und sein Bemühen um Verständnis für die Patientinnen.

    Kurz, Julian Barnes erschlägt die Leserin fast mit der Fülle der Einzelheiten, die er darbietet. Aber alles ist so kunstvoll verwoben und leichthändig ausgebreitet, dass es ein Vergnügen ist, ihm zu folgen (und notfalls bei Bedarf auch nochmal zurückzulesen oder etwas nachzuschlagen). Dazu enthält das Buch eine Vielzahl schöner und informativer Bilder: Porträts der Hauptfiguren von bekannten Malern der Zeit und eine Reihe Fotografien, darunter die "Schokolade-Sammelbildchen" der Firma Potin mit Porträtfotos von Berühmtheiten. Es ist eine Freude, das schön ausgestattete Buch zur Hand zu nehmen; es führt auf sehr unterhaltsame Weise durch die Epoche und lädt dazu ein, vielleicht mal wieder Maupassant, Proust oder Wilde zu lesen oder eine Gemäldegalerie zu besuchen.

    Nicht zuletzt handelt das Buch auch von dem regen Kulturaustausch zwischen England und dem Kontinent zur damaligen Zeit. "Chauvinismus ist eine Erscheinungsform der Ignoranz" zitiert Barnes seinen Helden Pozzi und gibt im Nachwort seiner Unzufriedenheit über den Austritt Großbritanniens aus der EU Ausdruck. Sein Buch kann auch als Plädoyer für den europäischen Gedanken gelesen werden. Pozzi war ein weltoffener, neugieriger und offenbar fröhlicher Mensch, "fortschrittlich, international und unentwegt wissbegierig" - wie der Autor selbst.

    Teilen
  1. Elegant geschriebenes Sittenbild über die Belle Èpoque

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Feb 2021 

    „Der Mann im roten Rock“ ist wohl am ehesten eine Biografie, geht jedoch weit über das Leben des im Titel genannten Mannes, des Arztes Dr. Samuel Pozzi (1846 – 1918), hinaus. Pozzi ist der Aufhänger, anhand dessen uns eine ganze Epoche, die Belle Èpoque, vorgestellt wird. Handlungsschauplatz ist überwiegend Paris, mit kleinen Abstechern in London, in den USA und noch kleineren im Rest der Welt.
    „Der Ausdruck (Belle Èpoque) für diese Zeit des Friedens zwischen der katastrophalen französischen Niederlage von 1870/71 und dem katastrophalen französischen Sieg von 1914-18 hielt erst 1940/41 in die Sprache Einzug und war der Inbegriff von Friede und Freude, von Glamour mit mehr als nur einem Hauch von Dekadenz, eine letzte Blüte der Künste und letzte Blüte einer High Society, bevor dieses kuschelige Fantasiegebilde – mit einiger Verspätung – vom metallischen 20. Jahrhundert hinweggefegt wurde.“ (vgl. S. 34/35)

    Insofern steht nicht der normale Bürger im Zentrum, sondern eben jene High Society bestehend aus Adeligen, Künstlern und Mäzenen, die Einlass zu dieser Welt hatten. Barnes beginnt mit einer Einkaufstour dreier Franzosen unterschiedlichen Alters im Juni 1885 in London. Sehr eloquent werden die Teilnehmer vorgestellt, die gleichzeitig wiederkehrende Hauptpersonen dieses Buches sind: Der Bürgerliche Dr. Samuel Pozzi wird als charmanter, ehrgeiziger und erfolgreicher Arzt beschrieben. Der Prinz Edmond de Polignac, gilt als eher zurückhaltender heimlicher Homosexueller, der unerfüllte musikalische Ambitionen hegt. Der Graf Robert de Montesquiou-Fezenac ist wohl der Auffälligste, Schillerndste in diesem Trio. Auch er gilt als homosexuell, aber auch gesellig und umtriebig. Man kann ihn sich als Dandy und Connaisseur in Reinkultur vorstellen. Er war dermaßen ein Mann der Gesellschaft, dass er in mehrere Bücher (z.B. von Huysmans oder Proust) als literarische Figur Eingang fand – allerdings nicht zu seinem Gefallen.

    Auch im vorliegenden Buch nimmt der Graf viel Raum ein, man kann ihn als Prototypen eines Dandys begreifen. Durch seine Ich-Bezogenheit, Dekadenz und Arroganz war er bekannt wie ein bunter Hund und stellt einen Gegenentwurf zum zumeist ehrenwerten Dr. Pozzi dar, der als ein Pionier seines Berufsstandes galt. Pozzi verbesserte als Gynäkologe und Chirurg die hygienischen und sonstigen Verhältnisse in Krankenhäusern, brachte Operationstechniken voran und veröffentlichte ein über Jahre populäres medizinisches Standardwerk. Pozzi war ein Weltbürger, der auf seinen Reisen viel lernte und für die eigene Praxis umsetzte. Er hatte zahlreiche Förderer, wurde von seinen Zeitgenossen geschätzt – auch von den Frauen. Angepasst an die Gewohnheiten in der Belle Époque soll er zahlreiche Liebschaften gehabt haben, die auch mit seiner Heirat mit Thèrése Loth-Cazalis im Jahr 1879 nicht endeten, was ihn schon zu Lebzeiten zum Objekt der öffentlichen Gerüchteküche machte. Er selbst verhielt sich in derlei Dingen diskret, so dass sich viele Amouren nicht verifizieren lassen. Sein Familienleben galt allerdings nicht als glücklich – auch Dr. Pozzi hatte seine Schattenseiten.

    Die Epoche selbst liebte das Spekulieren: Gerüchte wurden gern zu bösartigem Klatsch ausgeweitet, auf das sich Presse und Literaten stürzten, so dass sie bald zur Pseudo-Wahrheit mutierten. Besonderes Interesse galt der Sexualität in allen Facetten, insbesondere eben auch „wer mit wem“ und andere pikante Details aus dem Privatleben.

    Abgesehen von der Dreyfus-Affäre ist „Der Mann im roten Rock“ kein Buch, dass sich vertieft mit Politik auseinandersetzt, den Zeitgeist jedoch spitzzüngig einfängt: „Die Franzosen glaubten damals ebenso wie die Briten, sie hätten eine einzigartige mission civilisatrice in der Welt; und wie nicht anders zu erwarten, hielt jede Nation die eigene zivilisatorische Mission für zivilisierter als die der anderen. Auf die Objekte der Zivilisierung wirkte das allerdings anders – wie eine Eroberung.“ (S. 36)
    Darüber hinaus behandelt das Buch die Kunst. Nicht nur die Kunst der Epoche, sondern die Kunst als Ganzes, als Bewahrer und Antiquar: „Die Kunst überdauert persönliche Launen, Familienstolz, gesellschaftliche Dogmen; die Kunst hat immer die Zeit auf ihrer Seite.“ (S.9)

    Barnes lässt uns an seinem umfangreichen Wissen teilhaben. Es tauchen viele historische Figuren auf. Interessantes wird über Schriftsteller Oscar Wilde, Schauspielerin Sarah Bernhardt und viele andere berichtet. Je mehr der Leser bereits über die Epoche weiß, desto mehr wird er vom Buch profitieren können (ansonsten bietet Google eine schnelle Alternative). Doch auch für den Einsteiger bietet der Autor eine Fülle an Eindrücken, Fakten, Gerüchten und Episoden, die ein umfangreiches Panorama der Zeit abbilden. Keinesfalls sollte man sich durch die vielen Namen irritieren lassen, die meiner Meinung nach mehr der Vollständigkeit als dem tieferen Verständnis dienen. Zahlreiche Portraits und Fotografien zeigen Persönlichkeiten der Belle Èpoque. Barnes gliedert sie in seine höchst unterhaltsamen Streifzüge ein. Er koloriert die Blütejahre der französischen Kunst, führt uns in die Salons und Raucherzimmer der gehobenen Gesellschaft, die sich routinemäßig in Duellen misst, um die vermeintliche Ehre wiederherzustellen. Dabei begnügt sich der Autor nicht mit dem Beschreiben: Gezielt nimmt er Stellung zu fragwürdigen Praktiken, verallgemeinert oder überträgt zuweilen auf die Gegenwart.

    Besondere Aufmerksamkeit widmet Barnes auch den Unterschieden zwischen Frankreich und England. Sei es die Stellung der Frau in Ehe und Familie, politische Korrumpierbarkeit, unterschiedliche Rechtsauffassungen oder bestehende Vorurteile: Barnes legt den Finger auf höchst intellektuelle Weise in die Wunde und deckt Widersprüchlichkeiten auf. In seinem Nachwort outet er sich denn auch als überzeugten Europäer und kritisiert den sektiererischen Austritt seines Heimatlandes aus der EU scharf.

    „Der Mann im roten Rock“ ist ein faszinierendes Buch. Es gibt unglaublich viel zu entdecken und bei Bedarf zu vertiefen. Der Autor springt durch die Zeit. Er fordert seine Leser zuweilen, hält sie aber durch seine elegante Schreibweise, durch die unterhaltsamen, interessanten und spannenden Episoden immer bei der Stange. Freunde von Kunst und Literatur werden dieses auch haptisch hochwertig ausgestaltete Buch lieben. Zahlreiche zeitgenössische Zitate sowie zeitlose philosophische Gedanken runden den Text dieses erzählenden Sachbuches ab.

    Außergewöhnlich, elegant und absolut lesenswert!

    Teilen
  1. La Belle Époque (fast) nur für echte Blaustrümpfe

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 01. Feb 2021 

    Es ist ungewöhnlich eine Rezension mit einem Zitat aus Wikipedia zu beginnen:
    (Die) „Belle Époque ist die Bezeichnung für eine Zeitspanne von etwa 30 Jahren um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, hauptsächlich in Europa. Eine genaue Datierung kann nicht vorgenommen werden. Meist wird die Zeit von 1884 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 genannt. Für die Zeit vor der Jahrhundertwende ist auch der Begriff Fin de Siècle gebräuchlich.“

    Besser kann man es kaum sagen und genau darum geht es: um einen bestimmten Zeitabschnitt in der Geschichte, und unsere Geschichte in der Geschichte, spielt sich hauptsächlich in Frankreich ab und ein bisschen in England.

    In Frankreich, weil dort die Hauptpersonen der Handlung leben und in England, weil ein Gentleman seinen intellektuell geschärften Blick auf das in vielen Dingen eine Vorreiterrolle spielende England gerichtet hält.

    Dennoch, fanden die Gentleman, waren die Engländerinnen durchweg hässlich und rotgesichtig, die Männer und die Sitten „seltsam“, man hatte natürlich in Frankreich den besseren Geschmack und sah den Leidenschaften der Menschen als einer Art Naturgewalt viel mehr nach als die steifen Engländer, die nur die Ratio gelten lassen.

    Das galt insbesondere vor Gericht. Es war möglich, dass eine durch die Presse angefeindete Frau in eine Redaktion spazierte, den Chefredakteur zu sprechen wünschte, ihn mit einem gerade erworbenen Revolver erschoss und vor Gericht freigesprochen wurde. In England wäre dies undenkbar gewesen. Auch in Frankreich ging das nur, wenn man der Oberschicht angehörte, natürlich.

    In dieser vor spannenden Details wimmelnden Zeit, darunter manche Pikanterien, die uns Jules Barnes genüsslich in die Ohren reibt, er serviert uns Hunderte von kleinen, nicht allgemein bekannten Leckerbissen über Maler, Literaten, Wissenschaftler, Grafen, Prinzen, dem ganzen Gesocks der Oberschicht, also Insiderwissen, sind Barnes Hauptfiguren, ein Graf, ein Prinz und ein Arzt.

    Es handelt sich um die Personen Dr. Samuel Jean de Pozzi, Edmond de Polignac und Robert de Montesquiou.

    Das Hauptinteresse des Autors gilt Pozzi, der altersmäßig von dem jüngeren Grafen M. und dem älteren Prinzen P. eingerahmt ist. Alle drei kannten sich und man unterhielt mehr oder weniger innige Beziehungen zueinander. Über den snobistischen Grafen M. hatte Barnes jedoch am meisten Stoff.

    Barnes umkreist seine Personen. Er umkreist sie mit der Zeit, in der sie leben. Das ist das Raffinerte, aber auch das Blaustrümpfige. Der Mann im Roten Rock ist kein Roman für Lieschen Müller.

    Wenn Barnes sich mehr mit dem Leser als mit seinen Figuren verbündet, indem er immer wieder satirische Nadelstiche über das Geschriebene und die Beschriebenen in den Roman setzt, dann ist er ganz auf der Linie und einig und kongruent mit seinem Thema.

    Auch die Literaten ihrer Zeit vergnügten sich mit derartigen Nadelstichen. Es gab nichts Besseres als sich gegenseitig in ihre Romane einzuschreiben und zu karikieren. Nach Herzenslust und mit spitzer Feder.

    Davon wissen wir heutigen Leser zu wenig und lesen naiv darüber hinweg. Aber mit Barnes Hilfe kommen wir den Satirikern der Zeit auf die Spur.

    Erst so nach und nach enthüllt Julian Barnes die zentralen Ereignisse im Leben der drei Männer, die er ins Auge gefasst hat und darunter imponiert ihm der Arzt und Lebemann Pozzi am meisten. Zu Recht, denn Pozzi war alles und er war überall, wie Barnes immer wieder süffisant feststellt („Pozzi war überall.“ „Pozzi war doch nicht überall.“) Ich höre Barnes kichern.

    Unser Pozzi: Lebemann, Womanizer, Modearzt, Pionier, Professor für Gynäkologie, Erneuerer, Reisender, Literat, Sammler. Politiker mit Homestory. Das titelgebende Bildnis von John Singer Sargent lautet „Dr. Pozzi at home“.

    Pozzi war Ehemann und Vater, wobei er sich in diesen häuslichen Rollen nicht so besonders hervortat. Er führte eine Ehe zur linken Hand und hatte dennoch zahlreiche Affären. Er hatte ein ausgefülltes und reiches Leben. Sogar sein Sterbevorgang war besonders; selbst dabei erwies er sich als kaltblütig und beherzt.

    Die Themen der Zeit werden von Barnes, vergnüglichst mit Klatsch und Tratsch versehen, über den ganzen Roman verteilt: Dabei ist eine seiner Quellen die Tagebücher der Brüder Goncourts, die selber unzertrennlich waren und von denen einer an Syphilis starb. Pikante Details überall. Diese Tagebücher lesen sich wie die Yellow Press heutzutage und ein wenig ist auch Barnes Roman Yellow Press des Fin de Siècle.

    Was macht einen Gentleman aus. Was dürfen Männer? Alles. Was dürfen Frauen? Stillhalten und Leiden.Sie dienen auch als Goldesel: Besonders, wenn sie amerikanische Erbinnen sind, kann man sie heiraten. Heiraten, nicht lieben. Wenn das doch einmal geschieht, finden die anderen Männer dies aus der Art gefallen. Heiraten, ausnehmen, bevormunden, Kinder machen, alleine lassen.

    Die Gerüchteküche kochte fast ständig und oft focht man Verleumdungsklagen vor den Gerichten aus. Doch die französischen Gerichte, ich wollte nicht vor ihnen stehen, hatten viel Nachsicht mit Ideen! Wer also von einer Idee getrieben eine Straftat beging, konnte mit Milde rechnen. Nicht so in England, wo man Oscar Wilde anhand eines Romans den Prozess machte und ihn ins Gefängnis steckte. Homosexualität war in. Gleichzeitig anrüchig. Homosexualität war überall. Nur nicht offiziell. Das intellektuelle Gerangel zwischen England (eigentlich London) und Frankreich (eigentlich Paris) feiert bis heute fröhliche Urständ.

    Ein Gentleman hatte Geschmack und hielt seine Ehre hoch. In Frankreich duellierte man sich, in England versuchte man die Dinge rationaler anzugehen. In Duellen verletzte man sich, Pistolenkugeln flogen hin und her, sie sind ein Schlüsselelement des Romans. And so on. Ich könnte noch stundenlang erzählen.

    Fazit: „Der Mann im roten Rock“ ist eine äußerst originelle und raffiniert aufgebaute Dreier-Biographie, eingebaut in ein vergnügliches Sammelsurium von Kuriositäten und Insiderwissen über das Fin de Siècle beziehungsweise die Belle Epoque.

    Ich gebe eine Leseempfehlung an Blaustrümpfe. Gut, dafür sollte man wissen, was ein Blaustrumpf ist. Smiley.

    Teilen
  1. "Pozzi, ein vernünftiger Mensch in einer verrückten Zeit." (188)

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Jan 2021 

    Das erzählende Sachbuch beginnt mit einer Reflektion über den richtigen Erzählanfang:
    1. "Im Juni 1885 kamen drei Franzosen in London an." (7)
    Gemeint ist dabei die Hauptfigur Dr. Samuel Pozzi, ein Bürgerlicher, der gemeinsam mit zwei Adligen zur Shopping Tour nach London reist, wobei sie bei Henry James logieren.
    Die anderen beiden sind der Graf Robert de Montesquiou-Fezensac sowie der Prinz Edmond de Polignac.
    Neben den Hauptfirguren wird die Verbindung zwischen Frankreich und England gezogen und wir sind direkt in der Zeit verortet und wissen, warum sie dorthin gereist sind. Klassischer Einstieg in einen Bericht ;)

    2. In seinen Flitterwochen liest Oscar Wilde einen französischen Roman, den er wiederum in "Das Bildnis des Dorian Gray" erwähnt.
    Gemeint ist "´À Rebours" von Joris-Karl von Huysmans, der 1884 erschienen ist (dt. "Gegen den Strich") und dessen Hauptfigur ein 29-jähriger Aristokrat ist, der erhebliche Parallelen zu Montesquiou aufweist, der sich im Verlauf der Ausführungen Barnes als schillernde Figur der Belle Époque erweist, heute würde man ihn einen Prominenten nennen, der die Klatschmagazin ziert.
    „Montesquiou war das Musterbeispiel eines aristokratischen Dandypoeten“ (67)

    Und immer wieder kommt Barnes auf die Unterschiede zwischen Frankreich und England zu sprechen:
    „Als Angehöriger der Mittelschicht, geschweige denn der Arbeiterklasse, konnte man in England schwerlich ein Dandy sein. In Frankreich durfte man in den Kreisen der künstlerischen Boheme ein Dandy sein.“ (67)
    Neben dem Grafen widmet sich Barnes auch dem Leben Oscar Wildes, dessen Prozess, seine Amerikareise finden Erwähnung sowie die Tatsache, dass auch er ein klassischer Dandy gewesen ist.

    3. "Wir könnten auch mit einer Kugel beginnen und mit der Waffe, aus der sie abgeschossen wurde." (7) Kugeln sind ein Leitmotiv. Eine Kugel, die Puschkin getötet haben soll, ist angeblich im Besitz des Grafen Montesquiou. Gleichzeitig verweist die Kugel auch auf die Duelle, die mehrmals thematisiert werden. Eine in Frankreich bis zum 1.Weltkrieg verbreitete Praxis, während sie "in England schon in den 1830er-Jahren aus der Mode gekommen [waren]." (57)
    "Wo war Pozzi bei all diesen wütenden Balgereien, die dieser Clown - die Ehre - angezettelt hatte?" (61)
    Er stand als Arzt zur Stelle und leistete Beistand, womit man zum nächsten möglichen Erzählanfang überleiten kann:

    4. In Kentucky hat im Jahr 1809 Ephraim McDowell erfolgreich die erste Ovarektomie durchgeführt. Anlässlich des 100. Jahrestag dieser Operation reist Pozzi, inzwischen ein erfolgreicher Gynäkologe und der Inhaber des ersten Lehrstuhls für Gynäkologie in Frankreich, nach New York (vgl. S.240).

    Dieser Erzählanfang verweist auf Pozzis berufliche Tätigkeit, der als Pionier auf dem Gebiet der Gynäkologie gilt und dessen beruflichen Werdegang Barnes anschaulich darlegt, wobei er vor allem seine Innovationen im Bereich der Hygiene, Operationstechnik, aber auch sein Empathie gegenüber den Patientinnen hervorhebt.
    Barnes beschreibt Pozzi als charmant, gastfreundlich, großzügig, bei allen beliebt, erfolgreich, wissenschaftlicher Atheist, dem jedoch der Ruf vorauseilt, ein notorischer Verführer gewesen zu sein - allein es mangelt an entsprechenden weiblichen Quellen. Gibt es nichts zu erzählen oder schwiegen die Damen?
    Lediglich Pozzis Tochter Catherine äußert sich in ihrem Tagebuch dazu, aber kann man einer Jugendlichen Glauben schenken?

    Die Ehe Pozzis mit Thérèse Loth-Cazalis basierte jedenfalls auf einem Arrangement. Pozzi ist der Überzeugung, sie liebe ihn nicht genug, daher wendet er sich anderen Frauen (Geliebten) zu, seine Frau wahrt jedoch nach außen den Schein, während es im Inneren zu Streitigkeiten und unschönen Szenen gekommen sein soll.
    Die französische Einstellung der Zeit:
    "Die Ehe war lediglich ein Basislager, von dem das abenteuerlustige Herz zu neuen Ufern aufbrach." (51) "Die Briten glaubten an Liebe und Ehe - dass die Liebe zur Ehe führt und darin fortbesteht" (51).

    5. Ein Mann liegt im Bett und "weiß, was er machen soll, er weiß nur nicht, wann und ob er machen kann, was er machen will." (8) Hätte Barnes damit begonnen, hätte er die Geschichte von hinten aufgerollt.
    Der Mann, der im Bett liegt, hat etwas mit Pozzis Tod im Jahr 1918 zu tun (s. auch Erzählanfang 3).

    6. Stattdessen entscheidet sich Barnes dafür, mit einer sehr genauen Bildbeschreibung von "Dr. Pozzi at home" (1881) von John Singer Sargent, das auch das Buchcover ziert, zu beginnen.

    "Mich zog das Porträt von Sargent zu Dr. Pozzi, ich wurde neugierig auf sein Leben und Werk, schrieb dieses Buch und halte das Bild noch immer für ein wahres und elegantes Abbild." (229)

    Wer erwartet, eine Biografie Pozzis zu lesen, wird zwangsläufig enttäuscht. Vielmehr ist der Roman ein Lesebuch der Belle Époque -
    "eine Periode neurotischer, ja hysterischer nationaler Angst, gezeichnet von politischer Instabilität, Krisen und Skandalen" (35) -
    das erzählt, welche politischen Themen à la mode waren, z.B. die Dreyfus-Affäre, welche wissenschaftlichen Entwicklungen im Bereich der Medizin stattfanden, welche Klatsch- und Tratschgeschichten kursierten - ein Bereich, der sehr viel Raum einnimmt - und vor allem, ein Buch über das "Who´s Who".

    Passend dazu sind ein Teil der Fotografien abgebildet, die Félix Potin von 1898-1922 herausbrachte und die jeweils seiner Tafel Schokolade beigegeben waren.

    "Wie schon viele Biografen festgestellt haben, kann man sich die Freunde seiner wichtigsten Figur leider nicht aussuchen." (83)

    Gemeint ist Jean Lorrain, der neben dem Grafen und dem Prinzen immer wieder Erwähnung findet und der in der Tat sehr unsympathisch wirkt. Zudem steht er in ewiger Konkurrenz zum Grafen, der ihn jedoch ignorierte. In seinem Roman "Monsieur de Phocas" erschuft Lorrain "die zweite literarische Schattenversion von Montesquoiu", wobei insgesamt vier davon existieren.
    In der Leserunde kam die Frage auf, warum dem Leben des Grafen Montesquiou so viel Raum gegeben wird.
    Ich denke, dass der Graf neben der Tatsache, dass er eine berühmte zeitgenössische Person gewesen ist, auch als eine Art Negativfolie wirkt. Ein adliger Dandy, der seine Umgebung manipuliert, ausnutzt und sein Luxusleben genießt, während Pozzi sich als erfolgreicher Arzt einen Namen macht, wobei auch er weit davon entfernt ist, als Heiliger dargestellt zu werden. Barnes selbst begründet sein Interesse an Pozzi damit, dass er "ein vernünftiger Mensch in einer verrückten Zeit" (188) gewesen ist.

    Polignac ist dagegen "die Sorte Aristokrat, die mühelos zur Revolution anstachelt. Polignac war sanft, verschroben und ziemlich hoffnungsloser Fall: die Sorte Aristokrat, die eher harmlos erscheint und womöglich sogar leichtes Mitleid erregt." (140)
    Die Ehe mit der reichen amerikanischen Erbin Winnaretta Singer verläuft trotz aller Erwartungen harmonisch.

    Ist man zu Beginn von der Vielzahl an Namen überfordert, findet man sich schnell in Barnes scheinbar assoziativem Erzählen von Ereignissen, Figuren, Themen zurecht und genießt das Eintauchen in die Epoche. Neben der Kunst und dem Betrachten von Gemälden wird auch der "Schaffensprozess" selbst sowie die Problematik, eine Biografie zu schreiben, thematisiert.
    „Wir wissen es nicht. Sparsam gebraucht, ist das eine der stärksten Aussagen in der Biografensprache.
    Der Satz ruft uns in Erinnerung, dass die eingängige Lebensbeschreibung, die wir lesen, bei aller Detailfülle und Ausführlichkeit, bei allen Fußnoten, faktischen Gewissheiten und zuversichtlichen Hypothesen nur eine öffentliche Version eines öffentlichen Lebens und eine unvollständige Version eines privaten Lebens sein kann. Eine Biografie ist eine Ansammlung von Löchern, die mit Bindfäden zusammengehalten werden" (127).

    Auch die Wirkung von Literatur wird diskutiert. Flauberts Leitsatz dazu: „Man kann die Menschheit nicht ändern, man kann sie nur kennen.“ (219)
    Barnes merkt an, die Menschheit zu kennen und sie so zu beschreiben, wie sie ist, sei schon eine Korrekturmaßnahme, da man vieles aus neuer Sicht sehe. Was der Leser bzw. die Leserin daraus mache, liege jedoch nicht mehr im Ermessen des Autors bzw. der Autorin.

    Und was machen wir aus dieser Biografie, die eher eine Kulturgeschichte der Belle Époque ist?
    Lesen, staunen, genießen und Wissen anhäufen, an das wir zu gegebener Zeit, vielleicht bei der nächsten Lektüre, anknüpfen können.

    Vieles wissen wir nicht, aber wir haben viel dazugelernt ;),

    insofern kann ich jedem dieses intellektuelle "Lesebuch" ans Herz legen!

    Teilen
 

Seiten