Die einzige Geschichte

Buchseite und Rezensionen zu 'Die einzige Geschichte' von Julian Barnes
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die einzige Geschichte"

Ungekürzte Ausgabe, Lesung. 490 Min.
Audio CD
Eine Liebe gegen alle Konventionen
"Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage." Die erste Liebe hat lebenslange Konsequenzen, aber davon hat Paul im Alter von 19 Jahren keine Ahnung. Mit 19 ist er stolz, dass seine Liebe zur verheirateten, mehr als 20 Jahre älteren Susan den gesellschaftlichen Konventionen ins Gesicht spuckt. Er ist sich ganz sicher, in Susan die Frau fürs Leben gefunden zu haben, alles andere ist nebensächlich. Erst mit zunehmendem Alter wird Paul klar, dass die Anforderungen, die die Liebe an ihn stellt, größer sind, als er es jemals für möglich gehalten hätte.

Format:Audio CD
Seiten:0
Verlag: Argon Verlag
EAN:9783839817001
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Rezensionen zu "Die einzige Geschichte"

  1. Vom Wesen der Liebe...

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 26. Mai 2019 

    Die erste Liebe hat lebenslange Konsequenzen, aber davon hat Paul im Alter von neunzehn keine Ahnung. Mit neunzehn ist er stolz, dass seine Liebe zur verheirateten, fast 30 Jahre älteren Susan den gesellschaftlichen Konventionen ins Gesicht spuckt. Er ist ganz sicher, in Susan die Frau fürs Leben gefunden zu haben, alles andere ist nebensächlich. Erst mit zunehmendem Alter wird Paul klar, dass die Anforderungen, die diese Liebe an ihn stellt, größer sind, als er es jemals für möglich gehalten hätte.

    "Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden, oder weniger lieben und weniger leiden? Das ist, glaube ich, am Ende die einzig wahre Frage."

    Los oder Schicksal? Darüber sinniert der alte Paul in seinen Erinnerungen an seine erste Begegnung mit der großen Liebe seines Lebens. Denn bei einem Tennisturnier vor über 50 Jahren entschied das Los über die Zusammenstellung der Paare für das Mixed - und so spielten seinerzeit Paul und die fast 30 Jahre ältere Susan MacLeod ganz zufällig gemeinsam bei dem Turnier.

    Paul, damals Student und nur während der Semsterferien zu Besuch bei seinen Eltern, widerte die biedere englische Nachkriegsbürgerlichkeit des kleinen Städtchens an. Nichts Schlimmeres konnte er sich vorstellen als in die vorgezeichneten Fußstapfen seiner Eltern zu treten, Beruf, Häuschen, Garten, Familie, Punkt.

    Da kam Susan ihm gerade Recht, unkonventionell, verheiratet und mit bereits erwachsenen Töchtern, aber stets fröhlich und überraschend in ihrem Tun, erfrischend anders. Mit ihrer Liebe stießen sie alle vor den Kopf - nicht nur Pauls Eltern und Susans Ehemann Gordon, sondern das ganze Städtchen. Nach dem moralisch begründeten Ausschluss der beiden aus dem Tennisclub fiel dann die Entscheidung, gemeinsam fortzuziehen - nach London, in ein heruntergekommenes Haus.

    "Meiner Meinung nach ist jede Liebe, ob glücklich oder unglücklich, eine wahre Katastrophe, sobald man sich ihr voll und ganz hingibt."

    In drei Abschnitten gewährt der Autor dem Leser einen Einblick in die eine große Liebe Pauls. Der erste Abschnitt widmet sich im Wesentlichen den Gefühlen Pauls und Susans zu Beginn ihrer Beziehung, ohne jeden Zweifel, dass ihre Liebe allen Widrigkeiten würde trotzen können. Im zweiten Abschnitt wächst dann die Desillusion im Laufe der gemeinsamen Jahre, die Probleme, die alle Gefühle zu überlagern drohen. Und im letzten Abschnitt wird aus der Rückblende des nun alten Paul deutlich, wie sehr ihn diese eine große Liebe geprägt hat - über Resignation und Melancholie fand er letztlich seinen Frieden in einer großen Gleichgültigkeit.

    Erzählt wird aus der Perspektive Pauls, wobei der Autor immer wieder wechselt zwischen 'Ich', 'Du' und 'Er' als Erzähler und damit auch eine wachsende Distanzierung vom Geschehen und den Gefühlen zum Ausdruck bringt. Die geschilderten Erinnerungen werden nicht chronologisch vorgebracht, sondern springen in den Zeiten. Dennoch setzt sich zusehends das Bild einer großen Liebe zusammen, die letztlich den Widrigkeiten des Lebens nicht gewachsen ist.

    "Manchmal stellt er sich eine Frage über das Leben: Welche Erinnerungen sind wahrer, die glücklichen oder die unglücklichen?"

    Gespickt wird die Erzählung um Paul und sein Leben mit philosophischen Anklängen über das Wesen der Liebe. Immer wieder fügt Julian Barnes Zitate über die Liebe ein - jedoch ohne Nennung der Urheber, da die Worte für sich stehen sollen. Gerade der letzte Abschnitt des Romans befasst sich schwerpunktmäßig mit solchen Lebensweisheiten, was mir in der Häufung jedoch ein wenig zu viel war, da dadurch Längen entstanden, die das Lesen etwas zäh gestalteten. Die sprachliche Versiertheit Barnes jedoch war für mich von vorne bis hinten ein Genuss.

    Frank Arnold erfüllt seine Aufgabe als Sprecher der ungekürzten Hörbuchausgeabe (8 Stunden und 49 Minuten) auf angehme Weise. Ruhig und unaufgeregt folgt er dem langsamen Fluss der Erzählung, und vor allem die genannten Lebensweisheiten gewinnen dadurch an Prägnanz.

    Kein Wohlfühlroman, aber eine leise, feine Erzählung, durchzogen von einem Hauch von Melancholie, gewürzt mit einem bittersüßen Humor und dazu angetan, das eigene Leben ein wenig Revue passieren zu lassen. Gibt es tatsächlich stets nur die einzige Geschichte?

    © Parden

 

Alter Rabe Alkohol: Einsichten aus einem Entzug

Buchseite und Rezensionen zu 'Alter Rabe Alkohol: Einsichten aus einem Entzug' von Heyne Winterfeldt
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Alter Rabe Alkohol: Einsichten aus einem Entzug"

Warum trinken, wenn man doch davon betrunken wird? Natürlich gerade deshalb, als Wahrnehmungsfilter. Wir alle müssen trinken. Aber saufen wir uns auch alle die Sinne zu? Wo ist die Grenze, der schmale Grat zwischen Genuss und Sucht und wo führt das hin und was steckt dahinter? Gibt es eine Philosophie des Saufens? Wie oft trinkst du? Was hast du mit Alkohol zu tun? Und wer von deinen Freunden, Kollegen, Bekannten oder in deiner Familie, schaut gern mal zu tief in die Flasche? Kann man aus der Sucht, dem unstillbaren Verlangen, wieder herausklettern? Und wieso hilft Laufen gegen das Saufen?

Freundlich textet der zahnlose Bettnachbar mit Berliner Akzent den frisch eingelieferten Patienten zu. Die Oberschwester berichtet über den charmanten, aber doch unnahbaren Chefarzt der Entzugsklinik, der selber gern mal einen Wein trinkt und Genussraucher ist. Die Anwältin, Dr. jur., die sich für was besseres hält, schimpft über ihren Mann und erzählt, was sie sich für die Zeit nach dem Entzug vorgenommen hat. Natürlich muss sich was ändern. - Und wer trifft sich noch im geistigen Zentrum der Klinik in der Raucherecke? Oder was denkt die Putzfrau über die Sauereien, die sie tagtäglich wegmachen muss?

Ein Erfahrungsbericht? Hat denn nicht jeder Erfahrung mit dem Alten Raben Alkohol? Flog er vorbei? Ist es ein Sachbuch? - Vielleicht eher ein poetischer Reiseführer durch die Entzugsklinik Grauenbrietzen bis hin zur Stammkneipe des Schreibers und seiner Wohnung als Rückzugshöhle während der nassen Bommerlunderwochen. Aber auch im Lehrerzimmer der Entgiftung gilt es, die blaue Fahne zu verbergen...

"Alter Rabe Alkohol" beschreibt die Sucht poetisch und amüsant aus zehn Blickwinkeln von Menschen, die mit der Klinik und dem Alkohol zu tun haben. Dazwischen sind wunderbare Gedichte vom Suff eingestreut. Der Autor war Quartalssäufer und legt mit diesem Buch sein fulminantes Debüt vor.

Format:Kindle Ausgabe
Seiten:248
EAN:
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Rezensionen zu "Alter Rabe Alkohol: Einsichten aus einem Entzug"

  1. Einblicke, die nachdenklich stimmen...

    bewertet:
    5
    (5 von 5 *)
     - 31. Mär 2019 

    Ich weiß nicht, wie es anderen geht. Aber mich persönlich macht der Umgang mit einem Alkoholiker hilflos. Den ersten Obdachlosen, der mitten auf dem Bürgersteig eingeschlafen war, erlebte ich fassungslos als Kind - und die Reaktionen der Erwachsenen um mich herum machten mich nicht weniger fassungslos. Später sind mir noch einige Alkoholiker im Bekanntenkreis begegnet, vielleicht auch im Verwandtenkreis - und unter Kollegen.

    Eine Kollegin war denn auch der Grund, weshalb ich mich für dieses Buch interessierte. Stets die Hilflosigkeit im Gepäck, wusste niemand so recht mit der Alkoholkrankheit der Kollegin umzugehen, die sie zu verheimlichen suchte, die aber offensichtlich war - und uns auf eine gewisse Art und Weise auch zu Co-Abhängigen machte. Für niemanden eine schöne Situation, und die Gefühle dazu waren sehr widersprüchlicher Natur: Mitleid, Unverständnis, das Gefühl, beschützen zu müssen, Wut, Hilflosigkeit, Ohnmacht. Eine Situation, die das Arbeitsklima lange belastet hat - bis die Kollegin in Rente ging.

    "Wir sind hier, weil es letztich kein Entrinnen vor uns selbst gibt. Solange der Mensch sich nicht selbst in den Augen und Herzen seiner Mitmenschen begegnet, ist er auf der Flucht. Solange er nicht zuläßt, daß seine Mitmenschen an seinem Innersten teilhaben, gibt es für ihn keine Geborgenheit. Solange er sich fürchtet, durchschaut zu werden, kann er weder sich noch andere erkennen - er wird allein sein." [Richard Beauvais, 1964] (S. 31)

    Von diesem Buch erhoffte ich mir zumindest einen Einblick in die Erfahrungswelt eines Alkoholikers, und den bekam ich auch - und gleichzeitig noch viel mehr.

    Dieses Buch ist mehr als ein Erfahrungsbe richt - aber dies ist es eben auch. Der Autor ist / war ein sogenannter Epsilon-Alkoholiker, im Volksmund auch bekannt als 'Quartalssäufer'. Er schildert seinen letzten Entzug in einer Suchtklinik, bietet aber auch Einblicke in das Leben als Alkoholiker. 'Einsichten aus einem Entzug' lautet denn auch der Untertitel - und doch fasst es das auch nicht komplett.

    Es ist kein Ratgeber für Betroffene oder Angehörige, es ist auch kein Sachbuch, das über Symptome aufklärt oder über die verschiedenen Arten von Alkoholismus. In diesem Buch gewährt ein Alkoholiker einen Einblick in sein Leben - aber ohne Tränendrüse, Selbstmitleid oder halbherzige Erklärungen. Und er präsentiert dies auf eine unerwartet poetische Art, mit dazwischengeschobenen Versen, philosophischen Anklängen - und gnadenlos ehrlich.

    Dabei erzählt Heyne Winterfeldt keineswegs nur aus seiner eigenen Perspektive. Er fühlt sich erstaunlich sensibel in die verschiedensten Rollen ein - in die anderer Betroffener, in die der Nachtschwester, der Oberschwester, des leitenden Arztes, des Kneipenbesitzers, der Putzfrau - und konfrontiert den Leser so nicht nur mit den Dunkelkammern des Lebens, sondern ebenso mit der Hilflosigkeit der Gesellschaft (können Entzugskliniken wirklich mehr erreichen, als einen Ertrinkenden kurzzeitig aufs Trockene zu holen?) und womöglich auch mit seinen eigenen Gedanken.

    "Jedes Tier läuft in seiner Furcht fort und verbirgt sich, wenn es Angst hat und verletzt wurde. Der Mensch harrt aus. Bis alle Kräfte verschlissen sind und die entzündete Seele geflutet wird. Dann endlich treibt einen das Gift sicher fort, aber es spült einen ins Abseits. Mit dem Fluch, daß noch nie gefunden wurde, was man anzusteuern meinte." (S. 231)

    Mich konnte diese Mischung beeindrucken, wobei die Ohnmacht des Süchtigen, seine Verzweiflung am Leben, die Sackgasse, die er sehenden Auges einschlägt, erlebbar wird - aber gleichzeitig auch Poesie, (Selbst-)Ironie, ein Augenzwinkern und Humor ihren Raum finden. Die verschiedenen Blickwinkel auf die Erkrankung machten mich immer wieder nachdenklich, und auch wenn ich nie viele Seiten am Stück lesen konnte, weil die Melancholie doch oft greifbar war, bin ich dankbar für diesen Einblick.

    © Parden

 

Ich wollte Liebe und lernte hassen!: Ein Lebensbericht

Buchseite und Rezensionen zu 'Ich wollte Liebe und lernte hassen!: Ein Lebensbericht' von Fritz Mertens
4
4 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Ich wollte Liebe und lernte hassen!: Ein Lebensbericht"

Format:Taschenbuch
Seiten:336
Verlag: Diogenes
EAN:9783257300536
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Rezensionen zu "Ich wollte Liebe und lernte hassen!: Ein Lebensbericht"

  1. keine Entschuldigung, aber eine Erklärung

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 02. Aug 2018 

    Es steht ja viel Inspirierendes in der Bibel, aber auch Fragwürdiges. Und der nachfolgende Spruch gehört für mich zu Letzterem:
    Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn; wer ihn aber liebhat, der züchtigt ihn bald. (Neues Testament, Sprüche 13,24)

    Der biblischen These nach zu urteilen, müssen Fritz Mertens Eltern ihren Sohn über alle Maßen geliebt haben. Und sie waren noch nicht einmal religiös. Doch sie brauchten Gottes Segen nicht, um ihren Sohn von klein auf zu züchtigen. Prügel waren an der Tagesordnung. Die Rute des Vaters war ein Gürtel, die Rute der Mutter war eine Reitgerte. Wenn es glimpflich abging, reichten Schläge mit der Hand und Tritte. Aber es ging selten glimpflich ab. So schleppte sich Fritz grün und blau geschlagen in die Schule, wenn überhaupt. Denn oft schaffte er es nicht in die Schule, musste er doch den Haushalt in Ordnung halten und in der Kneipe seiner Mutter von morgens (bestenfalls mittags) bis in die Nacht hinein arbeiten. Um Schmerzen und Müdigkeit ertragen können, entdeckte Fritz relativ jung Schmerz- und Aufputschmittel für sich. Weder die Lehrer noch die Nachbarn noch die Gäste von Mutters Kneipe haben sich an seinem desolaten Zustand gestört.
    Als 20-Jähriger wird Fritz des Mordes an zwei Menschen angeklagt.

    Die Anklage beauftragt einen Psychologen mit der Ausarbeitung eines Gutachtens über das Seelenleben des jungen Mannes. Der Psychologe fordert Fritz auf, sich seine Kindheitserinnerungen von der Seele zu schreiben.

    Das vorliegende Buch ist Fritzs Lebensbericht, der nahezu in seiner Urform belassen wurde. Der Verlag hat nur rudimentäre Änderungen vorgenommen, die Rechtschreibung, Grammatik und Verständnis betreffen. Das Ergebnis ist ein 100%-ig authentisches Zeugnis einer entsetzlichen Kindheit, das mir beim Lesen emotional einiges abverlangt hat.

    "Es ist nicht unser Verdienst, wenn wir nicht straffällig werden, wenn wir in unserem Leben niemanden durch unsere Schuld töten." (aus dem Vorwort, verfasst durch den Gutachter Reinhart Lempp)

    Ich gehöre nicht zu denen, die einem Straftäter automatisch Absolution erteilen, sobald seine schwierige Kindheit in die Waagschale geworfen wird. Insofern habe ich zweimal überlegt, ob ich dieses Buch überhaupt lesen soll. Ich war voreingenommen und habe fast schon damit gerechnet, dass in Fritz Mertens Lebensbericht um Verständnis für seine Morde gebuhlt wird. Doch das ist hier nicht der Fall. Das Buch ist keine Entschuldigung, sondern eher eine Erklärung.

    "Da Pappa, wenn er unter Alkohol war, zu einer brutalen Sau wurde, ging das meistens auch nicht ohne blaue Flecken ab. Ich fing deswegen an, Pappa die Pest zu wünschen, wenn er abends besoffen nach Hause kam. Das machte mich nicht nur körperlich fertig, sondern auch seelisch, denn ich hatte Angst vor ihm bekommen, und jedes Mal wenn er nach Hause kam, hatte ich ein Gefühl zwischen Angst, Hass und dem Wunsch, ihn umzubringen."

    Es ist der ungeschönte Bericht eines Menschen über seine lieblose Kindheit, eine schmerzvolle Dokumentation über das Versagen unserer Gesellschaft. Denn wie kann es sein, dass Fritz' offensichtliche Spuren der Misshandlung von Nachbarn, Bekannten und Lehrern ignoriert wurden, und er in seinem Elend allein gelassen wurde?
    Am Ende hat Fritz Mertens für sein Verbrechen gebüßt und hat wieder den Weg in die Gesellschaft gefunden, die ihn als Kind so sträflich ignoriert hat. Er ist Schriftsteller geworden - Fritz Mertens ist ein Pseudonym - und engagierte sich später gemeinnützig in der Jugendarbeit. Ob er die seelischen Wunden seiner Kindheit jemals überwunden hat, ist zu bezweifeln.

    © Renie

 

Nachtlichter

Buchseite und Rezensionen zu 'Nachtlichter' von Amy Liptrot
4
4 von 5 (3 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Nachtlichter"

Gebundenes Buch
Die ursprüngliche Kraft einer einzigartigen Landschaft lässt alte Wunden heilen: Mit Anfang dreißig spült das Leben Amy Liptrot zurück an den Ort ihrer Kindheit - die Orkney Islands, im dünn besiedelten Schottland wohl die abgelegenste Region. Hier schwimmt die britische Journalistin morgens im eiskalten Meer, verbringt ihre Tage als Vogelwärterin auf den Spuren von Orkneys Flora und Fauna und ihre Nächte auf der Suche nach den "Merry Dancers", den Nordlichtern, die irgendwo im Dunkeln strahlen. Und hier beginnt sie nach zehn Jahren Alkoholsucht wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Mit entwaffnender Ehrlichkeit erzählt Amy Liptrot von ihrer Kindheit, ihrem Aufbruch in die Stadt, nach Edinburgh, weiter nach London. Vom wilden Leben, dem Alkohol, dem Absturz. Vom Entzug und der Rückkehr zu ihren Wurzeln auf Orkney, wo sie der Natur und sich selbst mit neuen Augen begegnet.

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:352
Verlag: btb Verlag
EAN:9783442757336
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Rezensionen zu "Nachtlichter"

  1. Einfühlsam und Berührend

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 05. Nov 2017 

    Inhalt:Die ursprüngliche Kraft einer einzigartigen Landschaft lässt alte Wunden heilen: Mit Anfang dreißig spült das Leben Amy Liptrot zurück an den Ort ihrer Kindheit - die Orkney Islands, im dünn besiedelten Schottland wohl die abgelegenste Region. Hier schwimmt die britische Journalistin morgens im eiskalten Meer, verbringt ihre Tage als Vogelwärterin auf den Spuren von Orkneys Flora und Fauna und ihre Nächte auf der Suche nach den »Merry Dancers«, den Nordlichtern, die irgendwo im Dunkeln strahlen. Und hier beginnt sie nach zehn Jahren Alkoholsucht wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Mit entwaffnender Ehrlichkeit erzählt Amy Liptrot von ihrer Kindheit, ihrem Aufbruch in die Stadt, nach Edinburgh, weiter nach London. Vom wilden Leben, dem Alkohol, dem Absturz. Vom Entzug und der Rückkehr zu ihren Wurzeln auf Orkney, wo sie der Natur und sich selbst mit neuen Augen begegnet.

    Mein Fazit:
    In diesem Buch schildert die Autorin ihre Alkoholsucht auf eine besonders einfühlsame Art und Weise die beim Lesen sehr Nahe geht - vermutlich da es sich um ihre persönliche Erfahrung handelt. Auf Grund dieser persönlichen Note ist das Buch etwas ganz besonderes. Ich kann es absolut weiterempfehlen.
    Auch nach dem Lesen beschäftigte mich das Buch noch eine Weile - es handelt sich also um nichts, was mann sofort wieder beiseite legt.

  1. Berührend

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 16. Okt 2017 

    Amy ist auf den Orkneys aufgewachsen. Die kargen, rauen, sturmumtosten Inseln im Norden Schottlands. Ihr Vater litt seit seiner Jugendzeit unter manisch-depressiven Schüben, verbrachte oft viele Monate in Kliniken auf dem Festland. Die Mutter flüchtete sich immer mehr in eine übersteigerte Religiosität, wurde eine „wiedergeborene Christin“. Die Verhältnisse waren prekär, die langen Abwesenheiten des Vaters führten den kleinen Bauernhof oft bis an den Rand des Ruins. Kein Wunder, dass Amy gleich nach Schule und Ausbildung die Flucht nach London antrat. Sie wollte unbeschwert leben, Freunde und ihren Platz in der Welt finden. Doch zwischen Studium und kleinen Jobs überwiegen bald die Partys, die Drogen und der Alkohol. Immer mehr verliert Amy ihr Ziel aus den Augen. Dies alles erfahren wir aus den Rückblenden, inzwischen ist Amy nach langer Alkoholsucht auf die Orkneys zurückgekehrt. Sie sucht in der Einsamkeit seelische Heilung und einen Neuanfang.
    In ihrem autobiographischen Roman lässt mich die Autorin Amy Liptrot teilhaben an ihrem Leben, ihren Nöten und den Weg zurück in eine fragile Normalität. Das hat eine ganz besondere Eindringlichkeit, der ich mich nicht entziehen konnte. Wie die Natur ihr hilft, wieder in ein seelisches Gleichgewicht zu kommen, ist berührend geschrieben. In ihrem Bericht schont sie sich nicht, sie legt ihr Leben offen. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Buch auch ein Baustein zur ihrer Heilung war, vielleicht habe ich deshalb so unmittelbar von ihrer Ehrlichkeit angesprochen gefühlt.
    Dazu kommt die raue, abweisend wirkende Natur der Inseln, die wunderschön beschrieben werden. Man spürt den ewigen Wind, die salzige Luft auf der Haut, sieht mit Amy das magische Strahlen der Nordlichter, so eindringlich und lebendig ist die Schilderung.
    Das Buch hat mich sehr berührt, wie Amy in gefundenem Treibholz oder im Vogelzug eine Parallele zu ihrem Leben zieht, sind schöne Bilder, die lange nachklingen.

  1. Ein stürmisches Leben am Rand der Klippen

    bewertet:
    4
    (4 von 5 *)
     - 13. Okt 2017 

    Amy Liptrot ist Anfang dreißig, als sie zurückkehrt zu den Orkney-Inseln, den Ort, an dem sie geboren und aufgewachsen ist. In der rauen, abgelegenen Gegend im äußersten Norden Schottlands, umgeben von viel Meer, will sie nach langer Alkoholsucht wieder zurück in ein geregeltes, zufriedenes Leben finden. Dabei konnte sie es mit 18 Jahren gar nicht erwarten, ihr Zuhause zu verlassen und in die Großstadt nach London zu ziehen. Ihr Vater ist manisch-depressiv, ihre Mutter extrem religiös. Doch in der Metropole vermisst sie erstaunlich oft ihre alte Heimat. Immer ausgiebiger greift sie zum Alkohol. Auch mit Drogen hat sie Erfahrungen gemacht. Sie verliert die Kontrolle, ihre Beziehung geht in die Brüche. Nach einer Therapie soll schließlich die Heimkehr auf die Orkneys dafür sorgen, dass sie wieder heilt.

    Mit erstaunlicher Direktheit und Offenheit schildert Amy Liptrot in dem Memoir "Nachtlichter" von ihrer Kindheit auf den Inseln, ihren Erfahrungen auf dem britischen Festland und ihrem wilden Leben.

    Meine Meinung:

    Besonders eindrucksvoll sind die Schilderungen der Natur. Eindringlich und intensiv zeichnet sie die Landschaft der Orkneys, sodass viele Bilder vor dem inneren Auge auftauchen und Fernweh nach den Inseln auslösen. Der Wind, der fast niemals still ist. Die rauen und gefährlichen Klippen. Das ungestüme Meer. Dabei scheint die Außenwelt auch ein Sinnbild für die Gefühle der Journalistin zu sein, die bis zu ihrer Rückkehr - metaphorisch formuliert - ein stürmisches Leben am Rand der Klippen geführt hat.

    Kunstvoll verwebt die Autorin aktuellere Ereignisse mit Rückblenden in die Vergangenheit. Mit mutiger, schonungsloser Ehrlichkeit und Deutlichkeit beschreibt und reflektiert sie ihre Sucht und ihren Absturz. Damit konnte sie mich fesseln und berühren. Allerdings macht sie es dem Leser mit dem ungewohnten Erzählstil nicht immer leicht. Wörtliche Rede ist nur sehr selten im Buch zu finden. Hinzukommt, dass die deutsche Übersetzung offensichtlich an einigen Stellen nicht besonders elegant ist und kleinere Schwächen offenbart, beispielsweise bei der Passage, als es um ihren zweiten Vornamen geht.

    Positiv bewerte ich dagegen wiederum neben dem geschmackvollen Cover die Landkarten am Anfang des Buches und das Glossar.

    Mein Fazit:
    Die autobiografische Lektüre ist definitiv ein besonders, ein außergewöhnliches, ein beeindruckendes Buch. Es ist jedoch inhaltlich wie sprachlich keine leichte Kost.