Worauf wir hoffen: Roman

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Rezensionen zu "Worauf wir hoffen: Roman"

  1. 4
    31. Jan 2020 

    Einfühlsame Familiengeschichte

    Der Roman erzählt die Geschichte einer muslimischen Familie in den USA. Die Eltern stammen aus Indien, nach ihrer Hochzeit ziehen sie gemeinsam nach Florida. Die beiden bekommen zwei Mädchen und später den ersehnten Sohn.
    Es beginnt mit der Hochzeit der ältesten Tochter Hadia. Sie hat mit der Tradition einer arrangierten Ehe gebrochen und stattdessen erst ihr Medizinstudium beendet und dann den Mann geheiratet, den sie liebt. Zu dieser Hochzeit bittet sie ihren jüngeren Bruder Amar zu kommen. Amar, der drei Jahre zuvor im Streit das Elternhaus verlassen hat.
    Danach erzählt die Autorin in zahlreichen Rückblenden und auf verschiedenen Zeitebenen vom Aufwachsen der Kinder. Abwechselnd kommen Laila, die Mutter, Hadia und Amar zu Wort. Zwar sind alle Familienmitglieder in Liebe verbunden, trotzdem ist das Zusammenleben problematisch. Der Vater ist streng, die religiösen Gebote und Sitten sind wichtig. Den Kindern wird vieles verboten, was andere Jugendliche dürfen. Die Mutter versucht es allen recht zu machen. Die beiden Mädchen sind brav, gläubig und klug und erfüllen die Erwartungen der Eltern. Amar dagegen rebelliert von frühester Kindheit an. Er hinterfragt den muslimischen Glauben, macht Probleme in der Schule und es gibt immer wieder Streitereien, v.a. zwischen Vater und Sohn. Auch die beiden Mädchen kämpfen eifersüchtig um die Liebe und Anerkennung ihrer Eltern.
    Etwas zu ausführlich beschreibt die Autorin die verletzten Gefühle ihrer Figuren. Trotz der Liebe, die sie füreinander empfinden, führen die falschen Erwartungen aller zu Spannungen. Interessant wird der letzte Teil des Buches, in dem der Vater zu Wort kommt. Am Ende seines Lebens gibt er sich Rechenschaft darüber, welche Fehler er unabsichtlich gemacht hat. Und es bleibt ihm nur die Hoffnung auf eine Versöhnung nach dem Tod. Trotz einiger Längen ist „Worauf wir hoffen“ eine berührende Familiengeschichte.

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  1. 4
    01. Dez 2019 

    Ein Spagat zwischen den Kulturen...

    Eine Hochzeitsfeier führt die indisch-amerikanische Familie von Laila und Rafik seit Jahren erstmals wieder zusammen: Da ist Hadia, die kluge älteste Tochter, die keine gemäß der muslimischen Tradition arrangierte Ehe eingeht, sondern aus Liebe heiratet, Huda, die ihrer älteren Schwester in allem nacheifert, – und zur Überraschung aller auch Amar, der sensible, aufrührerische jüngste Sohn, der eines Nachts vor drei Jahren einfach verschwand. »Worauf wir hoffen« erzählt die berührende Geschichte einer Familie zwischen Tradition und Moderne, von den ersten Jahren in den USA bis zur Gegenwart, von Liebe und Verrat, vom Ankommen und Loslassen.

    In ihrem Debüt erzählt Fatima Farheen Mirza die Geschichte einer strenggläubigen muslimisch-indischen Familie in den USA. Der Vater Rafik lebt bereits seit seiner Kindheit in Amerika, die Mutter Laila kam erst nach der von den Familien arrangierten Heirat aus Indien in die USA. Die drei Kinder Hadia, Huda und Amar wachsen traditionell muslimisch auf, sprechen bis zum Schuleintritt der ältesten Tochter nur Urdu und nehmen mit ihren Eltern an den religiösen Ritualen der muslimischen Gemeinde teil.

    „So etwas wie Freunde gibt es nicht“, sagt Rafik, „es gibt nur Familie, und nur die Familie lässt euch nie im Stich.“

    Schwierig wird es, als die Kinder mit zunehmendem Alter auch anderen Einflüssen unterliegen. Der liebevoll-strenge Erziehungsansatz der Familie kollidiert mit den eher liberalen Ansätzen in Schule und Gesellschaft. Die Suche nach dem richtigen Weg für sich selbst gestaltet sich für jedes der Kinder nicht ohne Komplikationen. Während sich die Töchter Hadia und Huda zunächst überaus angepasst verhalten und erst später versuchen, ihren individuellen Platz im Leben zu finden, verhält sich das jüngste Kind - Amar - von Anfang an rebellisch.

    Er akzeptiert Grenzen nicht ohne Weiteres, seine Wutanfälle sind legendär, und er hinterfragt vieles, das als gegeben präsentiert wird. Von seiner Mutter eindeutig bevorzugt, wird er von seinem Vater um so strenger behandelt. Als einziger Sohn der Familie hat er eine Sonderstellung, die seine Schwestern oftmals verärgert. Sensibel wie er ist, hat Amar jedoch trotz der bedinungslosen Liebe seiner Mutter oftmals das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören. Er schwankt zwischen Gleichgültigkeit gegenüber dem, was andere über ihn denken, und dem dringenden Wunsch, genauso geliebt und akzeptiert zu werden, wie er nun einmal ist.

    „,Amar‘, sagt sie und die Regentropfen bilden Ringe in der Pfütze.
    ,Ich kann meinen Eltern das nicht länger antun.‘
    ,Und ich? Bin ich niemand?‘
    ,Du verlangst von mir, dass ich allen, die ich liebe, den Rücken kehre.‘
    ,Ich würde das umgekehrt sofort für dich tun.‘
    ,Dir ist es egal, wie sich dein Handeln auf andere auswirkt.‘“

    Wechselnde Perspektiven und Zeitsprünge von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück lassen das Familienportrait zunehmend plastischer erscheinen, beleuchten bedeutsame Ereignisse aus verschiedenen Blickwinkeln und zeigen auf, dass der Spagat zwischen den Kulturen für alle Familienmitglieder nicht ohne Probleme geleistet werden kann. Allerdings verwirren diese ständigen Sprünge auch durchaus und verwässern mitunter den Eindruck, den die intensive Darstellung einer einzelnen Perspektive hätte schaffen können. Merkwürdigerweise wird auch nichts aus der Sicht der mittleren Schwester Huda geschildert, so dass die Erzählung für mich in dieser Hinsicht unvollständig bleibt.

    Während nach einem interessanten Start die beiden mittleren Teile für mich durchaus Längen aufwiesen und ich zwischendurch gerne beim Lesen pausierte, konnte mich das letzte Viertel des Romans wieder überzeugen. Da übernimmt der Vater Rafik erstmals die Erzählung, und er, der zuvor so streng und unnahbar erschien, zeigt sich nun zunehmend verletzlich und demütig.

    Das enge Korsett des Glaubens, das manchen Halt gibt, andere aber zu ersticken droht, Erwartungen an sich selbst, an andere und das Leben, erfüllte Hoffnungen und Enttäuschungen, erstarrte oder berührende Begegnungen, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit - und über allem: die Suche nach dem Platz im Leben, der für sich selbst der richtige scheint, wo man so akzeptiert und geliebt wird, wie man ist und dabei den eigenen Grundsätzen treu bleiben kann - all dies und mehr thematisiert dieser Roman.

    Ein buntes Potpourri verschiedener Themen, verwebt in einem Netz von nicht spannungsarmen Beziehungen, dargestellt aus einer Vielzahl wechselnder Perspektiven und Zeiten, eingebettet in einen kulturellen Hintergrund voll strenger Normen. Anspruchsvoll aber eindringlich - ein ambitioniertes Debüt, das in meinen Augen über weite Strecken überzeugen kann...

    © Parden

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  1. 5
    02. Mai 2019 

    Tradition und Moderne

    Egal, ob Christentum, Judentum oder Islam. In jeder Glaubensrichtung werden Kinder von klein auf an Religion herangeführt.
    Es gehört in den meisten Familien zur Erziehung, dass Kinder, sehr früh lernen, dass es einen Gott gibt, der sowohl über die guten als auch die schlechten Menschen richtet. Gute Menschen kommen in den Himmel, böse in die Hölle. Und welches Kind will schon in die Hölle?
    In einigen Elternhäusern wird die Religion intensiver gelebt, in anderen werden die Glaubensgrundsätze sehr großzügig ausgelegt. Aber egal wie, Religion ist immer präsent.

    Um eine dieser Familien, in welcher die Religion sehr intensiv gelebt wird, geht es in dem Roman "Worauf wir hoffen" von Fatima Farheen Mirza. Die Familie stammt aus Indien, die Eltern Rafik und Leila sind kurz nach ihrer arrangierten Hochzeit nach Amerika ausgewandert. Hier sind sie ein wichtiger Bestandteil der islamisch-indischen Gemeinde ihrer Stadt geworden. Über die Jahre haben sie zwei Töchter, Hadia und Huda, bekommen. Zum Schluss kam der ersehnte männliche Nachkomme, Amar.

    Der Roman beginnt mit der Hochzeit von Hadia.
    Bereits hier zeichnet sich ab, dass ein Bruch durch die Familie gegangen sein muss. Amar hat vor ein paar Jahren den Kontakt zu seiner Familie abgebrochen. Er folgt jedoch der Einladung seiner Lieblingsschwester Hadia und kommt zu ihrer Hochzeit.
    Wie es zu dem Bruch innerhalb der Familie gekommen ist, beschreibt dieses Buch. Die Erzählperspektiven wechseln zwischen Leyla, Hadia und Amar. Huda ist zunächst eine Randfigur, die im Hintergrund wahrgenommen wird. Und auch der Vater Rafik ist zwar allzeit präsent, wird aber immer nur aus Sicht der anderen geschildert. Das Bild, das dabei von ihm gezeichnet wird, ist das eines Patriarchen, der gottgleich über allem herrscht und den es aus Sicht seiner Kinder zu beeindrucken und stolz zu machen gilt. Nur so verdienen die Kinder seine Liebe.
    Dieser befremdliche Umgang mit dem Vater resultiert aus der traditionellen und religiösen Erziehung der Kinder. „Du sollst Vater und Mutter ehren“.

    Trotzdem wachsen die 3 Geschwister in einem liebevollen Elternhaus auf, wozu nicht zuletzt Leyla einen großen Beitrag leistet. Die Mädchen entwickeln sich, wie es sich für „anständige“ muslimische Frauen gehört. Ihnen wird am Ende die Gratwanderung zwischen ihrer traditionellen Kultur Indiens und der mordernen Kultur Amerikas gelingen. Einzig Amar schlägt aus der Art. Von klein auf lässt er sich nicht in die Verhaltensmuster pressen, die man einem muslimischen Jungen auferlegt. Das sorgt für ständiges Konfliktpotenzial, insbesondere zwischen seinem Vater und ihm. Amar kann den Ansprüchen seines Vaters einfach nicht gerecht werden, so sehr er sich auch anstrengt. Irgendwann wird es zum Eklat zwischen Amar und Rafik kommen, woraufhin der Sohn die Familie verlassen wird.

    Dieser Roman beschreibt die Anfänge der Familie bis hin zum Erwachsenenalter der Kinder. Erzählt wird in Rückblenden, wobei die Erinnerungen von Leyla, Rafik und Hadia in nichtchronologischer Reihenfolge wiedergegeben werden. Dabei kommt es zu enormen Zeitsprüngen, die das Lesen nicht einfach machen. Gerade zu Beginn eines Kapitels braucht man einige Zeit, um festzustellen, in welcher Zeit wir uns gerade befinden. Es werden die kleinen und großen Geschichten einer Familie erzählt, und welche Auswirkungen diese Geschichten auf die Entwicklung der einzelnen Familienmitglieder haben. Dabei steht das Leben innerhalb von Tradition und Religion im Vordergrund. Zwischenzeitlich muss man sich als Leser in Erinnerung rufen, dass die Geschichte tatsächlich im heutigen Amerika spielt. Denn der amerikanische Alltag findet nicht statt. Die Familie ist in die indische Gemeinde integriert. Die Freunde und Bekannten sind Bestandteil dieser Gemeinde. Und das komplette Gemeindeleben wird von der indischen Tradition bestimmt.

    Fazit:
    Dieses Buch ist ein sehr berührender Familienroman, der das Familienleben unter dem Einfluss von Religion und Tradition schildert. Er zeigt auf, wie schwierig es ist, zwischen den Traditionen und dem modernen Leben zu bestehen. Dennoch ist gerade die junge Generation, die ein Leben in Indien nie gelebt hat, mit den Traditionen tief verwurzelt. Und die meisten von ihnen schaffen das Kunststück, sowohl Tradition als auch Moderne miteinander in Einklang zu bringen.

    Für mich war dieser Roman so etwas wie ein Aufklärungsroman, gewährt er doch tiefe Einblicke in das muslimische Leben. Da mein Verständnis vom Islam und der damit verbundenen Lebensweise sehr oberflächlich ist, habe ich die Lektüre als Bereicherung empfunden.

    Leseempfehlung!

    © Renie

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  1. Was eine Familie zusammenhält

    Die Schwestern Hadia und Huda sowie ihr Bruder Amar wachsen als Kinder indischer Einwanderer in Kalifornien auf. Der einzige Sohn von Laila und Rafik ist sensibel, aber auch rebellisch. Mitten in der Nacht läuft Amar nach einem Streit mit dem Vater von seinem Zuhause weg. Drei Jahre später, als junger Mann, kehrt er zurück, um bei der Hochzeit von Hadia dabei zu sein, die nach und nach seinen Platz eingenommen hat. Seine ältere Schwester heiratet aus Liebe und gegen die Gebote der muslimischen Tradition. Die Familie versucht, mit Selbstbewusstsein und neuem Selbstverständnis in die Zukunft zu gehen. Als Amar seine Jugendliebe Amira trifft, kommt ein Geheimnis ans Licht. Es wird klar, wie hoch der Preis ist, den alle – außer Amar - für diese Zukunft zu zahlen bereit waren.

    „Worauf wir hoffen“ ist der Debütroman von Fatima Farheen Mirza.

    Meine Meinung:
    Der Roman besteht aus vier Teilen, die wiederum mehrere Kapitel beinhalten. Erzählt wird aus der Sicht verschiedener Personen, vor allem aus der von Hadia, Amar und Laila, wobei sich einzelne Passagen auch innerhalb eines Kapitels abwechseln. Später wird in der Ich-Perspektive auch aus der Sicht von Rafik erzählt. Der Roman ist nicht chronologisch aufgebaut, immer wieder gibt es längere Rückblicke. Ich kann nachvollziehen, dass man sich an diesem anspruchsvollen Aufbau mit seinen Sprüngen etwas stören kann. Für mich hat die Geschichte so allerdings wunderbar funktioniert. Ich habe es genossen, unterschiedliche Sichtweisen und Teile des Mosaiks Stück für Stück zu entdecken.

    Der Schreibstil wirkt zunächst schnörkellos, hat aber eine poetische Note. Er ist zugleich einfühlsam, anschaulich und bildhaft. Immer wieder beweist die Autorin, wie gut sie mit Sprache umgehen kann.

    Die größte Stärke des Romans sind die Charaktere. Die Protagonisten sind sehr authentisch, interessant und vielschichtig. Sie werden detailliert und ohne jegliche Klischees dargestellt. Ihre inneren Konflikte, ihre Gedanken und Emotionen sind nachvollziehbar. Auch wenn mir ihr Verhalten manchmal fremd war, konnte ich mich gut in die Protagonisten einfühlen.

    Tiefgründig und komplex sind auch die Themen. Es geht um Integration, um Traditionen und Religion, aber auch um Liebe, Zusammenhalt, Eifersucht, Missverständnisse und Verletzungen. Das sorgt einerseits dafür, dass man faszinierende Einblicke in eine andere Kultur und den muslimischen Glauben erhält. Andererseits entsteht eine Geschichte, die mich sehr berühren konnte. Immer wieder regt das Buch außerdem dazu an, über das eigene Leben und die eigene Familie nachzudenken. Dazu tragen auch tiefsinnige Sätze bei, die ab und zu eingestreut werden.

    Der Roman kommt unaufgeregt daher und verzichtet auf übermäßige Effekthascherei. Dennoch bietet er einige Überraschungen, hat – trotz der annähernd 500 Seiten – keine nennenswerten Längen und versteht zu fesseln.

    Der Titel der amerikanischen Ausgabe lautet „A place for us“, den ich inhaltlich passender finde als die deutsche Version. Das liebevoll gestaltete Cover gefällt mir allerdings besser als das Original.

    Mein Fazit:
    „Worauf wir hoffen“ von Fatima Farheen Mirza ist ein gelungener Roman, der emotional bewegende Einblicke in eine andere Kultur bietet. Diese besondere Familiengeschichte hat mir tolle Lesestunden beschert, sodass ich das Buch wärmstens empfehlen kann.

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  1. Was zählt wirklich?

    Was zählt wirklich?

    Worauf wir hoffen von Fatima Farheen Mirza

    Die Autorin erzählt uns hier eine Geschichte um eine indische Familie. Das Ehepaar Laila und Rafik zog von Indien nach Kalifornien und bekam drei Kinder: Hadia, Hudar und den kleinen Amar. Die Familie richtet sich streng nach dem schiitischen Glauben, die Kinder wachsen vollkommen in diesem Glauben auf. Als Amar rebelliert und wegläuft, merkt man, dass seine Schwester Hadia, zu der er ein enges Verhältnis hat, genau über alles nachdenkt. Wir bekommen verschiedene Sicht und Denkweisen präsentiert, es fällt gar nicht leicht zu entscheiden, was gut oder schlecht ist.

    Dieser Roman spiegelt sehr gut den Konflikt wieder, der häufig zwischen zwei Generationen entsteht. Laila hat ihren Mann Rafik geheiratet, weil es so bestimmt wurde. Sie wurde in dem Glauben erzogen, dass dies das einzig richtige ist. Dies und die anderen Gebräuche und Sitten versucht das Paar nun an ihre Kinder weiterzugeben. Bei den beiden Mädchen scheint dies auch zu funktionieren, doch der jüngere Sohn Amar will sich nicht in dieses Raster pressen lassen. Er widersetzt sich, gibt sich Alkohol und Drogen hin, und verlässt schließlich das Elternhaus.
    Kann ein junger Mann, der in Kalifornien aufwächst in allen Punkten der Religion und dem Glauben gerecht werden und gleichzeitig in diesem Land bestehen? Ist Amars Rebellion also gerechtfertigt, gibt es keinen Mittelweg?
    Auf der anderen Seite sind da Laila und Rafik, die immer gut gelebt haben mit diesen Sitten und es daher als gut und richtig ansehen ihre Kinder nach den Regeln zu erziehen.

    Die Thematik dieses Romans ist sehr interessant und hat mich von Anfang an mitgenommen. Schwer getan habe ich mich ein wenig mit den vielen indischen und muslimischen Begriffen. Die Bedeutung erschließt sich zwar aus dem Zusammenhang, aber das ein oder andere mal hätte ich mir doch eine Randnotiz gewünscht, da es den Lesefluss doch beeinträchtigt hat. Aber ich klage hier auf hohem Niveau, denn diese einfühlsame Geschichte macht alles wieder wett!

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  1. Verzweifelte Suche

    Fatima Farheen Mirza hat mit ihrem Roman „Worauf wir hoffen“ eine vielstimmige und mitreißende Geschichte geschrieben über indische Migranten zwischen Tradition und Moderne. Zeitgemäß und mit aktuellem Bezug erzählt das Buch von der Suche und Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Liebe der drei Kinder muslimischer Auswanderer, die fest in ihrer traditionellen kulturellen Situation verankert sind und gemäß ihren Neigungen und Prägungen ihren Weg suchen müssen. Dabei bekommt man als Leser ungewöhnliche Einblicke in die kulturelle Lebenssituation und das Umfeld der Familie.

    Amar, jüngstes Kind und einst Hoffnungsträger der muslimischen Familie, kommt nach drei Jahren Streit nach Hause, zur Hochzeit seiner ältesten Schwester Hadia. Nach jahrelangem Tauziehen mit seinen muslimischen Eltern beim rebellischen Kampf und der gleichzeitigen Suche nach Zugehörigkeit und Zuneigung war Amar nach einem letzten Streit mit seinem Vater weggelaufen. Hadia hatte ihn immer beschützt und behütet, bis sie selbst den ersten Platz in der Hierarchie der Kinder einnimmt und ihre eigenen Interessen durchzusetzen versucht. Sie studiert Medizin an einer Universität weit weg von zu Hause und heiratet den Mann, den sie sich selbst ausgesucht hat. Amar kehrt auf ihre Bitte hin zurück, aber mit ihm kehrt auch die geschwisterliche Eifersucht, die Verzweiflung und der Kampf um Akzeptanz heim.

    Amar ist der Rebell, der nicht weiß, wohin er gehört und was er tut. Auch nach drei Jahren Abwesenheit hat sich daran nichts geändert. Während seine Schwestern Hadia und Huda immer bestrebt waren, den Eltern zu gefallen und sich anzupassen hatte er schon als Kind große Schwierigkeiten damit. Amar bewegt sich seine ganze Jugend hindurch Abgrund entlang, aus Sicht der muslimischen Gemeinde ist er ein Abtrünniger, der sich Alkohol und Zigaretten zuwendet und sich heimlich mit einem Mädchen trifft.

    Hadia rettet ihn mehr als einmal, bis sie sich fragt, wozu sie ihn beschützt, der Wege hat, die ihr als muslimischer Frau immer verschlossen bleiben werden. Sie gleitet aus der Mutterrolle in die Konkurrenz zu ihrem Bruder, was für ihn schmerzhafte Folgen hat. Die große Strenge und Traditionalität der Familienoberhauptes kommt ohne Bollwerk zum Tragen, Amar ist dem nicht gewachsen und läuft letztlich weg.

    Huda, die mittlere der drei Geschwister, unterwirft sich willig den Eltern und den muslimischen Traditionen und scheint im großen Schatten zwischen den beiden andereren ihren Platz gefunden zu haben. Sie ist das Kind, das bei der Familie zwischen den Fronten unbemerkt aufwächst ohne ihre Interessen vornan zu stellen und auch im Roman wenig Stimme bekommt.

    Neben den inneren Spannungen spielen auch Einflüsse von außen eine große Rolle. Die posttraumatischen 9/11-Verfolgungen und Ängste bekommen die Kinder in der Schule genauso zu spüren wie die strenge Einhaltung des traditionellen Lebens durch alle andern Kinder der muslimischen Gemeinde. Kein Abweichen von der Norm wird geduldet, und das Weglassen des Kopftuches bei den Mädchen in der Schule nach den Anschlägen ist der Angst und nicht der Offenheit geschuldet. Amar scheint der einzige in der gesamten muslimischen Gemeinde des Ortes in Kalifornien, der ernsthaft aufbegehrt. Das erscheint mir ein klein wenig irreal, auch wenn es zur Geschichte passt.

    Vielstimmig, aus verschiedenen Erzählperspektiven und mit vielen Zeitsprüngen spult die Autorin die Geschichte ab. Sie bewegt sich immer ganz eng bei den Figuren, die nie klischeehaft wirken trotz der Klischees, die sie bedienen. Man spürt beim Lesen Wut und Schmerz von Amar genau so wie die Sehnsucht nach dem Auflehnen bei Hadia, die sie zunächst hinter ihrer Beschützerrolle für den kleinen Bruder im Zaum hält.
    Wie eine indische Patchworkdecke fügen sich im Laufe des Buches die einzelnen Stückchen zu einem Gesamtbild der Familie, das die wesentlichen Eckpunkte aufzeigt, zerrissen und zersplittert bis auf einen einzigen wertvollen Augenblick - einen sonnigen Nachmittag am Fluss.
    Sprachlich bewegt sich der Roman auf gut lesbarem, mir persönlich stilistisch ein wenig zu simplem Niveau ohne große Ecken und Kanten. Das kann aber an der Übersetzung liegen, denn allein der deutsche Titel „Worauf wir hoffen“ ist meilenweit entfernt vom Originaltitel „A Place For Us“, der in meinen Augen die wesentliche Botschaft des Buches im Gegensatz zur deutschen Version bereits in sich trägt.

    Das Buch als Sittengemälde einer indischen Auswandererfamilie empfehle ich als sehr lesenswerten, spannenden Roman aus sehr jugendlicher Sicht, der den Status quo feiert mit letztlich übergroßer Liebe der Familienmitglieder und dem damit verbundenen Schmerz und Leid. Verzeihen und Zurücktreten ist ebenso wie Kompromisse ausgeschlossen, was die Geschichte zum einen so überaus reizvoll und jung, zum anderen aus meiner ganz persönlichen Sicht (auf durchaus angenehme Art) etwas euphorisch-verschoben werden lässt. Unbedingt lesen!

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  1. Zerrissen zwischen Tradition und Moderne

    Der erste Satz: „Als Amar sah, wie sich die Halle mit Gästen füllte, die zur Hochzeit seiner Schwester eintrafen, nahm er sich vor zu bleiben.“, katapultiert den Leser mitten hinein ins Geschehen. Es ist der große Tag von Hadia und Tarik. Amar, Hadias Bruder, war lange unterwegs und nur auf die ausdrückliche Einladung seiner Schwester hin erschienen. Sehr schnell spürt man, dass ein ungelöster Familienkonflikt im Raum steht, an dem primär Amar und sein Vater Rafik beteiligt sind.

    Die Familie lebt in den USA, hat aber Indische/pakistanische Wurzeln und ist muslimischen Glaubens. Die Ehe der Eltern Laila und Rafik wurde damals noch arrangiert, es ist selbstverständlich, dass die Frau sich den Wünschen ihres Mannes beugt. Beide Eheleute sind sehr gläubig und leben ein traditionelles Familienbild. Sie bekommen drei Kinder: Hadia, fleißig und ehrgeizig, Huda, von der man nicht sehr viel erfährt, und Amar, der ersehnte Sohn, der jedoch gegen den Vater aufbegehrt und den Erwartungen der strengen, religiösen Eltern nicht immer entsprechen will, was wiederholt zu Auseinandersetzungen führt.

    Alle Kinder leiden unter der Enge ihres Elternhauses. Sie dürfen nur sehr eingeschränkt Freundschaften pflegen, nicht zu Partys gehen. Auch werden Kontakte zum anderen Geschlecht nicht toleriert, selbst auf Festen und in der Moschee werden Frauen von Männern getrennt.
    „Baba meint: „So etwas wie Freunde gibt es nicht, es gibt nur Familie, und nur die Familie lässt euch nie im Stich.““ (…)
    „Babas Worte wecken in ihr (Hadia) die Vorstellung von einem Haus als einer Festung, die sie nur verlassen können, um in die Schule oder die Moschee zu gehen oder zu einer befreundeten Familie, die ihre Sprache spricht, und in dieser Festung können sie und ihre Geschwister von Glück sagen, dass sie sich wenigstens gegenseitig haben.“ (S. 90/91)

    Hadia versucht durch besonderen Ehrgeiz dieser Enge zu entkommen und glänzt durch gute Leistungen, die ihr am Ende ein Medizinstudium ermöglichen. Dennoch leidet sie in ihrer Jugend darunter, dass sie keine Anerkennung bekommt und ihr Bruder als Sohn vorgezogen wird: „Amar ist ihr Sohn. Schon das Wort Sohn klingt leuchtend wie Gold, wie die wirkliche Sonne, die ihre Tage beherrscht.“ (S. 205). Hadia liebt ihren Bruder, war für ihn schon verantwortlich, als er noch ein Junge war. In Bezug auf ihre Eltern hat sie ihm gegenüber jedoch ambivalente Gefühle, neidet ihm seinen Status und fühlt sich oft zurückgesetzt. Eifersucht sowie Konkurrenz um Liebe und Anerkennung durchziehen die komplette Familie.

    Amar stellt die Werte und Überzeugungen seiner Eltern in Frage. Je älter er wird, umso heftiger und rigoroser fallen die Reaktionen des autoritären Vaters aus. Amar ist sensibel, er hat großes Vertrauen zu Hadia. Es gibt einige Zerwürfnisse, die zunächst den Jungen und später den Mann prägen. Er wendet sich von der Familie ab, verliebt sich in Amira, findet aber keinen dauerhaften Halt. Amar ist die tragische Figur des Romans. Seine Entwicklung habe ich teilweise als etwas zu krass empfunden.

    Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Der erste und dritte Teil berichten von Hadias Hochzeit. Im zweiten Teil erfahren wir von vielen Ereignissen und Alltäglichkeiten, die sich in der Vergangenheit der Familie abgespielt haben. Diesen Wechsel der Perspektiven und Zeiten empfand ich als sehr spannend, weil die Episoden sich wie Puzzlesteine zu einem großen Ganzen zusammensetzen und man letzten Endes nachvollziehen kann, warum Amar fortgegangen ist. Man kombiniert als Leser permanent und lernt die Protagonisten in ihrer Vielschichtigkeit kennen. Die nicht chronologischen Sprünge führen aber auch dazu, dass kein leichter Lesefluss zustande kommt und man gefordert ist. Im vierten und letzten Teil bekommt Vater Rafik das Wort, womit sich die letzten Lücken schließen.

    Mir gefällt der Schreibstil des Buches: er ist nicht verschnörkelt und in angenehm ruhigen Sätzen geschrieben. Die Gedanken und Handlungen der Protagonisten zeigen die Schwierigkeiten auf, die durch die Diskrepanz zwischen Tradition und Moderne für junge eingewanderte Muslime bestehen. Der eine kommt damit besser zurecht als der andere.
    Mitunter schreibt die Autorin wunderschöne Sätze, die viel Tiefe haben: „ Weißt du – darum geht es doch -, kein Mensch ist nur gut. Jeder versucht, gut zu sein. Und jeder hat manchmal das Gefühl, dass er nicht gut ist und sogar bei dem Versuch scheitert, gut zu sein.“ (S. 352). In diesem Sinne haben alle Figuren auch Graubereiche, die sie sehr menschlich machen.

    Mit Sicherheit können Leser, die mit den muslimischen Traditionen besser vertraut sind, noch mehr aus dem Roman ziehen. Ich hätte mir bei den vielen unbekannten Begriffen ein Glossar gewünscht.
    Das Buch ist wunderschön gestaltet. Ich würde es allen empfehlen, die Interesse an komplexen Familiengeschichten und fremden Kulturen haben. Der Roman, der die innere Zerrissenheit junger Migranten widerspiegelt, ist zutiefst menschlich und hochaktuell.

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  1. 5
    31. Mär 2019 

    Wer bestimmt die Herkunft eines Menschen?

    Mir hat diese Lektüre ausgesprochen gut gefallen. Die Thematik, kulturelle und religiöse Unterschiede einer indischen Familie, die in Amerika lebt, hat mich sehr nachdenklich und auch betroffen gestimmt. Ein wichtiges Buch, das in die westliche und in die islamische Gesellschaft gehört. Die Auseinandersetzung damit hilft, die Welt ein bisschen besser zu machen für Menschen, die offen und bereit sind, aus ihrem Tellerrand zu schauen.

    Ich möchte nicht zu viel verraten, aber ich muss Zitate einfügen, weil sie so treffend die Problematik unterstreichen. Wen das stört, die oder der möchte bitte mit dem Cursor diese Textstellen runterscrollen.

    Am Ende werde ich einen kleinen Diskurs über diese Thematik halten.

    Die Handlung
    Obwohl die Thematik facettenreich beschrieben ist, ist die Handlung schnell erzählt.

    Der Familienvater Rafik Jaan wanderte von Indien nach Amerika aus, da er auch schon sehr früh in seiner Jugend seine Eltern verloren hatte. Seine spätere Ehe mit Leila wurde von Indien aus arrangiert. Leila lebte noch in Indien, und folgte dem Wunsch ihrer Eltern, Rafik nachzureisen, um dort mit ihm einen Lebensbund einzugehen. Aus dieser Ehe gehen drei Kinder hervor …

    Das älteste Kind, ein Mädchen, ist Hadia, ein Jahr später folgt die Schwester Huda und nach weiteren drei Jahren kommt endlich der langersehnte Sohn namens Amar auf die Welt. Alle drei Kinder wachsen kulturell und religiös streng traditionell auf. Mit neun Jahren ist die Kindheit der Mädchen abgeschlossen. Sie dürfen zwar frei entscheiden, ob sie ihre Haare bedecken, aber sie stehen unter einem ganz strengen mütterlichen Einfluss, dass sie gar nicht anders können, als ihre Haare unter eine Haube zu legen ...
    Hadia hat es besonders schwer, denn sie wird als die ältere Schwester mit zur Verantwortung herangezogen, wenn vor allem der Bruder Amar Sorgen macht.

    Denn Amar ist das Sorgenkind, das schwarze Schaf in der Familie. Schon früh lehnt er sich gegen die Konventionen der Eltern und der islamischen Gemeinde auf. Er weigert sich, Muslim zu werden. Er fühlt sich eher der amerikanischen Kultur zugehörig. Da die Kinder in Amerika geboren wurden, haben sie alle drei die amerikanische Staatsbürgerschaft …

    Die beiden Schwestern sind eher dazu geneigt, sich den Erwartungen der Eltern anzupassen. Sie haben keine Schulprobleme, sie halten die muslimische Kleiderordnung ein, und versuchen für sich einen Weg zu finden, der auch mit dem amerikanischen Kulturverständnis konform geht, was ganz schwer ist, da die Eltern nicht einmal amerikanische Freunde im Haus dulden. Auch amerikanisch darf innerhalb der vier Wände nicht gesprochen werden, sie sprechen zu Hause nur Urdu. Leila hat den Anspruch, die Kinder, vor allem die Mädchen, immer im Auge zu behalten, um sie besser formen und lenken zu können. Da auch ihr Leben, ihre Ehe mit Rafik, von ihren Eltern arrangiert wurde, verlangt sie nun dasselbe auch von ihren Mädchen. Sie beeinflusst das Gewissen der Kinder z. B. in der Form, dass jede Sünde im Herzen einen schwarzen Fleck hinterlassen würde. Mehrere Sünden würden das Herz vollkommen schwärzen. Doch was der Mensch als Sünde begreift, kann weltweit unterschiedlich ausgelegt werden.

    Zitat:
    "Ein Fleck, der nicht mehr weggeht. So fett und schwarz, dass das Herz nicht mehr imstande ist, Gut und Böse zu unterscheiden." (2019, 237)

    Hadia, die überzeugte Kopftuchträgerin, wünscht sich dennoch hin und wieder mal eine ganz normale Jugendliche zu sein, um auf Partys gehen zu dürfen, um sich mit Gleichaltrigen Jungen und Mädchen auszutauschen. Sie hegt den Wunsch, sich die Haare blau zu färben, wie es ihre beste Freundin Danielle macht. Huda dagegen kann es kaum abwarten, endlich neun Jahre alt zu werden, damit sie ihren Kopf verkleiden kann …

    Die Auseinandersetzung mit beiden Kulturen ist bei allen drei Kindern unterschiedlich, doch alle drei stellen sich dieselbe Frage, wieweit sie eigene Wege ausprobieren dürfen, um von den Eltern noch geliebt und nicht verstoßen zu werden …

    Zitat:
    "Hadia kennt ihren Vater. Seinen Stolz, seine Werte, sein striktes Befolgen der religiösen Vorschriften. All dies ist ihm wichtiger als die Liebe zu seinen Kindern. Hadia hat immer gespürt, dass die Liebe ihrer Eltern an Bedingungen geknüpft ist. Für Amar ist das eine Herausforderung, er möchte herausfinden, wie weit er gehen kann, bis sie ihn aufgeben." (230)

    Amar kommt mit dem Vater nicht zurecht, da er hohe Maßstäbe setzt, die er nicht erfüllen kann. In der Schule hat er Probleme mit dem Lernstoff, ganz anders die Schwestern, die Musterschülerinnen sind. In der Pubertät weigert er sich, Muslim zu werden, schreit es dem Vater regelrecht ins Gesicht, dass er kein Muslim sei. Amar zweifelt die Religion seiner Eltern vehement an …

    Der Junge hat sich allerdings in das Mädchen Amira Ali aus der islamischen Gemeinde verliebt. Sie kennen sich von Kindesbeinen an ...

    Amar wird mit den Problemen zu Hause nicht fertig, greift zu Drogen und zu Alkohol. Die ständige Konfrontation mit seinem Vater zermürbt ihn. Auch die islamische Gemeinde lehnt ihn ab. Es folgt ein Zitat, das richtig gut dazu passt.
    Nimm dich in Acht mit Schuldzuweisungen. (…) Denk immer daran, dass jedes Mal, wenn du mit dem Finger auf jemand anderen zeigst, drei Finger auf dich selbst zurückweisen.

    Probleme hat Amar auch mit der amerikanischen Gesellschaft, die ihn nicht als amerikanischen Staatsbürger aufgrund seines Namens anerkennt. Durch den terroristischen Anschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center geraten alle Menschen unter einem Generalverdacht, die irgendetwas mit dem Arabischen zu tun haben.

    Amar gerät in der Schule in eine Prügelei mit rassistischem Hintergrund. Seine Schulkameraden bezichtigen seinen Vater als Terrorist, weil er Muslim ist und einen Bart trägt. Und auch vor den Anschlägen hatte es Amar schwer, als Amerikaner anerkannt zu werden. Ständig wird er auf die Herkunft seiner Eltern reduziert.

    Zitat:
    "Seit Kurzem hat Amar das Gefühl, in eine fremde Welt hineingeboren zu sein. Welche Rolle spielt es schon, dass seine Geburtsurkunde aus einem Krankenhaus in dieser Stadt stammt und dass das einzige Haus, in dem er je gelebt hat, hier steht. Wo kommst du denn her?, lautet die freundliche Version einer oft gestellten Frage. Als könnte er gar nicht von hier stammen. Als habe er etwas missverstanden, nicht die anderen. Er hat den Versuch aufgegeben, es zu erklären. Indien, murmelt er dann als Antwort. Obwohl er insgesamt höchstens zwei Wochen dort gelebt hat und seine Eltern inzwischen hier ihr halbes Leben verbracht haben. Manchmal stellt diese Antwort die Fragenden zufrieden, manchmal wirken sie verwirrt und haken nach: Aber haben Menschen aus Indien nicht dunklere Haut?"(179)

    Später, nach mehreren Jahren, setzt sich Rafik, der mittlerweile Großvater zweier Enkel geworden ist, mit sich und seinem Sohn mental auseinander und erkennt seine Fehler, die er bereut. Gedanklich spricht er mit Amar:

    Zitat
    "Weißt du - darum geht´s doch-, kein Mensch ist nur gut. Jeder versucht, gut zu sein. Und jeder hat manchmal das Gefühl, dass er nicht gut ist, und sogar bei dem Versuch scheitert, gut zu sein." (352)

    Warum Rafik nicht persönlich mit dem Sohn spricht, um mit ihm diese Dinge zu klären, möchte ich nicht verraten. Daher sind weitere Details dem Buch zu entnehmen.

    Welche Szene hat mir gar nicht gefallen?
    Der Grundschüler Amar wünscht sich von den Eltern dieselben roten Schuhe, wie sein Schulfreund sie hat. Die roten Schuhe stehen für ein kindliches amerikanisches Statussymbol. Amar möchte dazu gehören. Der Vater lehnt die Schuhe ab. Das Kind kann sich damit nicht abfinden, und schreibt seinem Daddy eine Petition. Dieser macht daraufhin mit dem Sohn einen Deal. Er bekommt die Schuhe, wenn er im nächsten Diktat null Fehler hat. Der Junge geht auf den Deal ein und paukt die Rechtschreibung. Seine Schwester hilft ihm, gibt ihm Tipps … Er kommt tatsächlich mit der Höchstnote nach Hause, und weil er den Test nicht ehrlich bestanden hat, wie sich dies erst später herausstellt, bekommt er die roten Schuhe nicht. Das fand ich ganz furchtbar für das Kind, denn wieder fühlt es sich als Versager, niemals schafft er es, die hohe Messlatte seines Vaters zu erreichen.

    Welche Szene hat mir besonders gut gefallen?
    Rafiks Selbstreflexion vor allem seinem Sohn gegenüber auf den letzten Seiten. Und seine Weisheit hat mir gefallen. Eine Wiedergutmachung mithilfe seiner Enkelkinder, die er abgöttisch zu lieben gelernt hat.

    Zitat:
    "Ich habe ihnen gegenüber keine andere Pflicht, als sie zu lieben, und werde deshalb auch von ihnen vorbehaltlos wieder geliebt." (382)

    Welche Figur war für mich ein Sympathieträger?
    Alle drei Kinder. Und die Krankenschwester der Schule.

    Welche Figur war mir antipathisch?
    Keine. Jeder Erwachsene war irgendwie in seiner Welt gefangen.

    Meine Identifikationsfigur
    Amar.

    Cover und Buchtitel
    Finde ich farblich sehr ansprechend. Über den Buchtitel muss ich noch weiter nachdenken.

    Zum Schreibkonzept
    Das Buch ist auf 478 Seiten in vier Teilen gegliedert. Und in jedem Teil wird die Anzahl der Kapitel neu nummeriert. Der Schreibstil ist flüssig, aber nicht chronologisch aufgebaut. Es finden jede Menge retro- und prospektivische Zeitsprünge statt. Man kann sich die Details zwar gut behalten, aber am Ende habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr wusste, welche Szenen wann zugeordnet waren.
    Der dritte Teil hat sich stark gezogen. Vieles wiederholt sich, wo ich nah dran war, Seiten zu überspringen. Man hätte hier den Stoff ein wenig raffen können.
    Doch am Ende, als Rafik sein und das Lebens seines Sohnes reflektiert, wird man erneut daran erinnert, wann gewisse Szenen aufgetaucht sind, und so war ich durch diesen Part wieder ausgesöhnt. Leider hat am Ende ein Glossar gefellt, in dem die fremden Begriffe hätten näher erläutert werden können. Dafür viele Seiten zur Danksagung.

    Meine Meinung / Ein kleiner Diskurs
    Ich konnte mich gut in Amar hineinversetzen. Auch hier in Deutschland gibt es viele Kinder, die mit mehreren Sprachen und Kulturen aber nicht in dem Land ihrer Eltern aufwachsen oder aufgewachsen sind. Auch sie werden trotz der deutschen Staatsbürgerschaft immer wieder als die nationalen Stellvertreter ihrer Eltern betrachtet und auf deren kulturellen Herkunft reduziert, statt dass man sie wertschätzt mit ihrem Wissen, das sie mitbringen, das ein Kind aus einer Monokultur nicht besitzt. Mittlerweile wächst hier die vierte Migrantengeneration auf, und es hat sich in der Aufnahmegesellschaft vom Bewusstsein her nur sehr wenig verändert. Menschen mit dunkler Hautfarbe und/oder mit einem ausländischen Namen haben es besonders schwer, hier als vollwertige Deutsche anerkannt zu werden. Viele Deutsche sind der Meinung, dass Integration schwierig sei. Meine Frage: Was genau ist daran schwierig? Und wer sind die Schwierigen? Viele sind integriert und werden trotzdem in die Ausländerschublade gesteckt, mit allen Klischees und Vorurteilen beladen. Andere sind sogar assimiliert, und auch das reicht nicht, um zu den Deutschen zu gehören ... Soll tatsächlich das Blut die Zugehörigkeit eines Landes bestimmen, wo es weltweit nur vier Blutgruppen gibt?

    Vielleicht wäre es hilfreich, die Fehler nicht immer im Anderen zu suchen und anzufangen, das eigene Weltbild zu hinterfragen, warum man denn Probleme hat, diese Kinder als vollwertige Deutsche anzuerkennen?

    Ich bin dankbar für dieses Buch, das exakt die Missstände nicht nur bei dem vertrauten ewigen Fremden sucht, sondern in der Lage ist, diese auch bei der Aufnahmegesellschaft zu finden. Letztendlich sind die meisten Kinder, die hier aufwachsen, nicht integriert, sondern in dieser Kultur hineingewachsen, wie dies auch bei deutschen Kindern der Fall ist. Man sagt ja auch nicht, dass deutsche Kinder in Deutschland integriert sind.

    Massive, psychische Probleme entstehen nämlich auch, wenn Menschen besonders in den Medien erfolgreich aus einer Gesellschaft ausgeschlossen werden, obwohl sie das Recht hätten, sich als zugehörige deutsche Menschen zu bezeichnen. Und viele Deutsche lassen sich stark von den Medien leiten und beeiflussen.

    Und Kinder, die nicht dazugehören dürfen, flüchten häufig in die Herkunftsidentität der Eltern. Andere stehen drüber, und verteidigen ihre sog. deutsche Identität.

    Und diese Wurzeltheorie macht Hiergeborene, ganz gleich aus welcher Generation sie kommen, zu ewigen Ausländer.

    Bei anderen, von draußen kommenden Menschen, die später nach Deutschland eingewandert sind, werden hier einem Integrationsprozess ausgesetzt, der leider noch zu sehr einseitig verläuft, der aber beidseitig, zwischen dem Deutschen und dem Migranten, sich abspielen sollte, denn Integration ist immer ein beidseitiger Prozess, wenn er gelingen soll. Aber das ist leider noch nicht in das Bewusstsein vieler Menschen, die deutsche Eltern haben, ganz gleich, aus welchem Bildungsniveau sie kommen, eingedrungen. Hierbei muss noch viel nachgearbeitet und nachgeholt werden. Die deutschen Medien machen über diese Menschen hauptsächlich negative Schlagzeilen, sprechen immer über Ausländer, die kriminell geworden sind, oder von denen, die nicht integriert sind und sie diese als die Integrationsversager bezeichnen. Von anderen, die sich hier zu Hause fühlen, sprechen sie nicht, weil sie nicht zu den Deutschen zählen dürfen.

    Ein Prozess zum Verständnis der Integration wäre für mich, nicht über die Migranten zu sprechen, sondern mit ihnen. Nur so kann man erfahren, wie differenziert die Lebensweise dieser Menschen ist. Zu erleben, was sie innerlich fühlen und was sie denken, was sie können und was sie durch den Umgang mit mehreren Sprachen und Kulturen an Ressourcen mitbringen, wäre mal spannend als Außenstehende daran teilhaben zu können …

    Mein Ideal wäre, nationale Identitäten abzuschaffen und die Identität als Mensch einzuführen. Das klingt utopisch, aber das geeinte Europa war ein Ideal, von dem der verehrte Friedrich Schiller einmal geträumt hat. Und heute leben wir in einem geeinten Europa, auch wenn wir alle im Prozess stecken, mit den vorhandenen politischen Problemen EU-weit fertig zu werden.

    Der Mensch ist das, was er innerlich fühlt und denkt, und nicht das, was der Mensch zu fühlen und zu denken hat.

    Mein Fazit
    Eine sehr differenzierte, lesenswerte fiktive Familienbiografie, die Mut macht und die ich jedem Menschen ans Herz legen möchte, der bereit ist, sein eigenes Welt- und Menschenbild zu hinterfragen, und der aufhören möchte, integrative Fehler immer im Anderen zu suchen.

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  1. Tradition ist eine Möglichkeit, keine Tatsache

    Vor drei Jahren hat Amar sein Elternhaus im Streit verlassen. Jetzt kehrt er zur Hochzeit seiner ältesten Schwester Hadia zurück. Nach und nach erzählt die Autorin Fatima Farheen Mirza die Geschichte einer Familie, erzählt von Traditionen, Glauben, Erwartungen und Enttäuschungen.

    Es ist eine Familie muslimischen Glaubens mit indischer Herkunft. Lailas Ehe mit Rafik war arrangiert, sie folgt sie dem Ehemann in die USA. Bald haben sie drei Kinder, die zwei Töchter Hadia und Huda und den Nachzügler Amar. Die Eltern sind tief im Glauben verwurzelt und wollen diesen auch an die Kinder weitergeben. Laila hinterfragt die für sie getroffenen Entscheidungen nicht immer. Wenn sie den Eltern, später dem Mann gefällt, gefällt sie auch Gott. Überhaupt wird sämtliches Tun in der Familie auf ein Bestehen vor Gott ausgerichtet. Die Eltern haben hohe Erwartungen an ihre Kinder. Doch Amar ist so ganz anders als seine Schwestern, impulsiv, verspielt, sensibel. Alle Hoffnungen werden in Hadia gesetzt, sie soll die Eltern mit Stolz erfüllen.

    Worauf hoffen wir, wenn wir an Familie, an unsere Kinder denken. Darauf, dass unsere Kinder als eigenständige, selbstbewusste, unabhängige Persönlichkeiten in ein erfülltes Leben entlassen werden.

    Religiöser Glauben und das unkritische Festhalten an Traditionen lässt den Kindern in diesem Roman nicht viel Raum, nicht viele Freiheiten. Mir lag sehr viel an Amar, er hatte sowas Besonderes, Verletzliches an sich. Ein Kind, später ein junger Mann, ständig an der Leistung der großen Schwester gemessen. An den Fehlern der Eltern reibt er sich auf, verliert den Boden unter den Füßen. Aber niemand in dieser Geschichte ist ausschließlich „gut“ oder „böse“. Die Eltern nicht, denn viele ihrer Fehler machten sie nicht aus Bösartigkeit, sondern im Glauben im Guten zu handeln. Auch Hadia hat ihre Schattenseiten. Die mittlere Schwester Huda bleibt die meiste Zeit über farblos, vielleicht das typische Schicksal eines Sandwichkindes.

    Fatima Farheen Mirza erzählt die Geschichte nicht linear, sie springt zwischen den Zeiten, lässt Erinnerungen aufeinanderfolgen, gibt vor allem Hadia, Amar und Laila eine Stimme. Verbundenheit und Aufbegehren liegen emotional ganz nah aneinander. Mich ließ dieser Roman viel nachdenken, über Eltern-Kind-Beziehungen, gegenseitigen Respekt und Toleranz und darüber dass Tradition wohl eine Möglichkeit aber keine Tatsache ist.

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  1. 5
    11. Mär 2019 

    Eine Familiengeschichte zwischen den Welten

    Fatima Farheen Mirza hat mit ihrem Roman "Worauf wir hoffen" ein wunderbares Buch geschrieben. Es ist aber definitiv kein leicht zu lesender Roman. Die Art des Schreibens ist eine sehr eigenwillige, es sind artikelartige, episodenhafte Blicke auf das Leben einer Familie, die aber trotz dieser gestückelten Art eine ganzheitliche Sicht auf die Strukturen in dieser Familie ermöglichen, aber durch die Art des Schreibens den Leser fordern. Dabei ist die Erzählweise nicht chronologisch aufgebaut, die kurzen Blicke springen zu den verschiedenen Stationen im Leben der Betreffenden, alle fünf Familienmitglieder kommen zu Wort und erzählen ihre Sicht auf die Geschehnisse in dem Leben dieser Familie. Und der Leser bekommt sehr intensive Einblicke in das Leben der Hauptcharaktere und durchläuft beim Lesen ein Wechselbad der Gefühle. Es gibt in diesem Roman keine Schwarz-Weiß-Einteilung der Protagonisten. Am Anfang des Lesens dachte ich das meine Sympathien einem Hauptcharakter gelten, aber nach und nach erschließt sich das Bild auf diese Familie, und jeder der fünf Hauptcharaktere ist für mich nachvollziehbar, und mein Herz ist geöffnet für alle fünf Familienmitglieder und ich wünsche mir, dass jeder der fünf seinen Platz im Leben finden wird!

    Es ist ein Blick auf das Leben einer indischen Familie muslimischen Glaubens in den USA, genauer gesagt in Kalifornien. Rafik, der Vater, ist von Indien in die USA ausgewandert, um dort zu arbeiten. Er holt dann Laila nach, seine Ehefrau, beide sind aber in keiner Liebesheirat verbunden, es ist eine von den Eltern arrangierte Ehe, in Indien damals und heute üblich, obwohl sich in ihrer Ehezeit deutliche Gefühle zwischen den Beiden entwickelt haben. Beide sind in Indien konservativ erzogen worden, bekommen nach und nach drei Kinder, Hadia, Huda und Amar, die nun auch konservativ, nach althergebrachten Werten erzogen werden. Die Kinder müssen sich strengen Reglements beugen, dass hat mich beim Lesen sehr berührt und gleichzeitig auch zu Bewusstsein geführt, wie gut es uns doch geht. Diese strengen Regeln sind vielleicht in einer in sich geschlossenen Welt durchführbar, in den USA aber schwer durchzusetzen, die indische Gemeinde lebt zwar in engen Kontakt zueinander, aber die Kinder/jungen Erwachsenen werden durch Schule/Ausbildung/Studium mit Kontakten zur Außenwelt konfrontiert. Und natürlich kommt es zur Rebellion der Jugend gegen die althergebrachten Werte.

    Fatima Farheen Mirza ist hier eine wunderbare Zeichnung menschlichen Verhaltens gelungen, eine wunderschöne Sezierung menschlicher Gefühle und schlussendlich ein hervorragendes Buch, welches mich in letzter Zeit richtig gefangengenommen hat. Gleichzeitig ist es auch ein schöner und sehr informativer Blick auf den muslimischen Glauben und die Menschen dahinter.

    Ich gebe eine klare Leseempfehlung!

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WELTENGEWITTER: Spiegel unserer Zeit

Buchseite und Rezensionen zu 'WELTENGEWITTER: Spiegel unserer Zeit' von Andreas Lukas
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "WELTENGEWITTER: Spiegel unserer Zeit"

Format:Broschiert
Seiten:208
EAN:9783985031023
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Rezensionen zu "WELTENGEWITTER: Spiegel unserer Zeit"

  1. Ein Spiegel unserer Zeit

    Adalbert Wiedemann plagen Zweifel ob er die richtige Entscheidungen,den richtigen Weg eingeschlagen hat.Er hinterfragt sich selbst.Ist es die Sehnsucht nach Freiheit?Oder die Ungewissheit der Zukunft?

    Der Schreibstil ist sehr leicht,bildhaft und ist nicht ganz so zügig zu lesen.Die Protagonisten sind authentisch dargestellt und die Spannung baut sich langsam auf.

    Fazit:Die Geschichte die an Silvester 2000 anfängt beinhaltet 19 Kapitel.Ich bin sehr gut in dieses Buch hinein gekommen und mir kam es sogleich wie eine Zeitreise zurück in die goldenen 1920er Jahre.Der Autor schreibt eher ruhig um dann an Tempo aufzunehmen.Zudem erschienen mir manche Sätze wie abgehackt um dann fast schon ins sehnsuchtsvolle hineinzugleiten.Aber genau darum wird das lesen meiner Meinung nach kurzweilig.Auch die lyrischen "Gedanken" oder fast schon Gedichte zwischen den Kapiteln machen diese Themen zu einem Ganzen. Diese Erzählung wirft Fragen über unsere Gesellschaft auf.So kam ich schon im ersten Kapitel zum nachdenken. Deshalb konnte ich mich mit diesen Roman oder mit Adalbert identifizieren weil die Erzählung lebensnah und hochaktuell ist.Ich fand es sehr gut wie der Autor z.B.die Menschen auf der Straße beschreibt,es könnte jeder von uns sein.Diese Erzählung greift Themen auf die auf unsere Umwelt und viele unserer Lebensbereiche abzielen und so kam es mir persönlich vor als ob ich in einen Spiegel sah.Besonders gut fand ich den Epilog.Es ist kein Buch für zwischendurch-im Gegenteil.Ich hielt immer mal wieder inne weil die Zeilen mich manchmal sehr nachdenklich machten.Ich finde es ist ein sehr gutes Buch das sehr kritisch auf unsere Gesellschaft blickt und deshalb vergebe ich gerne fünf Sterne.

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Die Insel der Albträume und andere unbedingt geheim zu haltende Dinge

Buchseite und Rezensionen zu 'Die Insel der Albträume und andere unbedingt geheim zu haltende Dinge' von Bob Konrad
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die Insel der Albträume und andere unbedingt geheim zu haltende Dinge"

Autor:
Format:Taschenbuch
Seiten:200
Verlag: Arena
EAN:9783401509006
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Fremdes Land: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Fremdes Land: Roman' von Thomas Sautner
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Fremdes Land: Roman"

Format:Taschenbuch
Seiten:250
EAN:9783746628646
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Purpurstaub Magie

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Rezensionen zu "Purpurstaub Magie"

  1. wupfeltastisch

    Liebe Serafina,
    dein Abenteuer hat meiner Tochter Valentina (9) und mir sehr gut gefallen. Wir haben uns das Buch abwechselnd vorgelesen und hatten ein tolles Abenteuer. Wir fanden es ganz zauberhaft, wie du die ganzen Probleme lösen konntest und wie stark und tapfer du bist.
    Deine Autorinnenmama hat dein Abenteuer auch ganz gut beschrieben , sie hat eine Sprache genommen, die jeder gut lesen kann und sie hat sich ganz viele zauberhafte Wesen ausgedacht, die beim Lesen und Erleben jede Menge Emotionen bieten. Und man konnte beim Lesen des Buches seine ganzen Emotionen in das Buch wünschen. Mobbing, Krieg, Tod und Liebhaben. Misstrauen , Zweifel und wie man wohl heutzutage sagen würde" Bodyshaming", das ist ja auch etwas, was du gut kennst , liebe Serafina, nicht gut genug zu sein, zu anders, eventuell sogar hässlich genannt zu werden. Keine Freunde zu finden.
    All das kennst nicht nur du , sondern auch ganz viele Kinder, ich denke da kann das Buch gut helfen die eigenen Feenkräfte zu finden und zu aktivieren. Man konnte allen Ebenen gut folgen und wir fanden die putzigen Fantasybewohner sehr lustig. Am coolsten ist natürlich Pampusch. So einen flatterigen , verfressenen Freund hätte wohl jeder gerne. Leihst du uns den mal aus? Und noch etwas zeigt das Buch , auch wenn man klein ist hat man große Gefühle , die jeder Erwachsene ernst nehmen sollte und man kann große Dinge tun. Tula retten, Louise Kontra geben, auf einem Brombelflügler reiten, das Seil ganz hinaufklettern und natürlich an Oma denken.
    Liebe Serafina ,Valentina und ich wünschen dir noch ganz viele tolle Erlebnisse in Pipinea und sagen ganz doll danke schön, dass wir deine Geschichte miterleben durften.

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Sipbachzeller Hofgeschichten

Buchseite und Rezensionen zu 'Sipbachzeller Hofgeschichten' von Rosemarie Johanna Sichmann
5
5 von 5 (1 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Sipbachzeller Hofgeschichten"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:60
EAN:9783754389911
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Rezensionen zu "Sipbachzeller Hofgeschichten"

  1. Abenteuerliche Geschichten mit liebenswerten Tieren

    Bauer Franz und Bäuerin Maria gehört der Sipbachzeller Hof in dem sich viele Tiere tummeln-so wie der Hahn Fedino der als Küken auf den Hof kam.Als er älter wurde verliebte er sich in die weiße Henne Pickina.Es entstand eine schöne Freundschaft aber als Maria vier braune Hennen geschenkt bekommt ziehen dunkle Wolken auf.Denn plötzlich ist Pickina nicht mehr die Nummer eins für Fedino...

    Der Schreibstil ist leicht, bildhaft und zügig zu lesen.Die Protagonisten sind äußerst sympathisch und liebenswert dargestellt.Der Spannungsbogen verläuft genau richtig.

    Fazit:In diesem sehr schön gestaltetes Kinderbuch gibt es zehn Geschichten die sich um den Sipbachzeller Hof drehen.Die Illustrationen sind bunt,sehr detailliert und mit Liebe gestaltet.Die Seiten sind aus hochwertigem und festen Papier.Dieses Kinderbuch ist für kleine Leser von 3 bis 7 Jahren geeignet.Meiner Meinung nach sollte das Kind aber schon etwas lesen können da es zwischendurch doch mal schwierigere Wörter und Sätze gibt.Mir persönlich gefiel sehr gut dass die einzelnen Geschichten relativ kurz gehalten sind.So eignet sich dieses Buch hervorragend zum vorlesen.Zudem ist jede Geschichte für sich abgeschlossen.Die Autorin hat sehr viel Gefühl und Wärme in dieses Buch hineinfließen lassen.Die Hoftiere habe ich fast alle in mein Herz geschlossen und da gefielen mir der Stier Randallo und der Hahn Fedino am besten.In diesen Geschichten geht es um die alltäglichen Dinge unseres Lebens:Glück,Freundschaft,Auseinandersetzung,Zusammenhalt,Kameradschaft, Angst,Mut ,Liebe und Eifersucht.Meiner Meinung nach hat die Autorin die Lösungen der Konflikte der Tiere sehr gut in die Geschichten miteinfließen lassen.Die Abenteuer regen auch hin und wieder zum nachdenken und diskutieren an.Auf den Seiten gibt es die ganze Bandbreite der Gefühle zu lesen.Die großen und kleinen Abenteuer auf dem Hof haben mich auf jeden Fall überzeugen können und vergebe daher sehr gerne fünf Sterne.

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Hört einander zu!

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Im Atlas

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Rezensionen zu "Im Atlas"

  1. Eine spannende Reise durch Marokko und durch eine Beziehung

    „Im Laufe einer jeden Reise, gegen Ende hin, gibt es diesen Moment, wo alles, was David in einem Land erlebt hatte, in eine zeitliche Ferne gerückt scheint, sich weit in der Vergangenheit abgespielt hat, obwohl er sich noch in diesem Land befindet.“ (Zitat Seite 266)

    Inhalt
    David ist Bühnenbildner, sein Freund Stefan ist studierter Betriebswirtschaftler. Beide sind beruflich eingespannt, doch Anfang Oktober ist es so weit, acht Tage Marokko, von Marrakesch aus weiter in Richtung Süden. Stefan hat alles organisiert, inklusive Mietwagen und Fahrer. Obwohl am Tag vor Beginn ihrer Reise über die Ermordung von zwei jungen Touristinnen nahe Imhil berichtet wird, überredet David Stefan, die Reise nicht abzusagen. Rasch kommt es zu Spannungen, sie halten es für besser, in einem Land wie Marokko ihre Beziehung zu verheimlichen, aber ihren Fahrer Kalifa können sie mit ihren Geschichten nicht täuschen, doch ist das überhaupt wichtig? Es zeigt sich, dass im Hintergrund ihrer gemeinsamen Reise die Frage, ob und wie es mit ihnen beiden weitergehen soll, immer präsent ist. Als David ausgerechnet nach Imhil will, um mehr über die Hintergründe der beiden Morde zu erfahren, verschwindet ihr Fahrer samt Auto, und David und Stefan sind auf sich alleine gestellt.

    Thema und Genre
    Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht eine Reise durch Teile Marokkos, doch dieser Roadtrip ist nur der vordergründige Rahmen für eine Reise in die jeweils eigene Vergangenheit von David und Stefan, es geht um Geheimnisse, Ehrlichkeit in einer Beziehung und den Mut, den Partner wirklich in das eigene Leben zu lassen.

    Charaktere
    David ist sechsundvierzig Jahre alt und hat bisher länger dauernde Beziehungen vermieden, hat immer für eine rasche Trennung gesorgt. Als Künstler hofft er immer noch auf den großen Durchbruch. Stefan ist ein Jahr älter, er ist der organisierte, erfolgreiche Geschäftsmann, provoziert David auch rhetorisch bewusst, fordert ihn heraus, endlich ehrlich Stellung zu beziehen.

    Handlung und Schreibstil
    Der Erzähler schildert diese Tage chronologisch, ergänzt durch Rückblenden in Form von Erinnerungen an prägende Ereignisse. Er berichtet personal, wird aber einige Male in seinen Andeutungen auch allwissend, was das Lesen abwechslungsreich, intensiv und interessant macht. Im Mittelpunkt der Geschichte steht David, wir kennen seine Gedanken und Gefühle, seine Hoffnungen als Künstler, durch ihn erhalten wir Einblick in die Welt des Theaters, das Erarbeiten einer neuen Inszenierung, während wir von Stefan nicht mehr wissen, als David von ihm erfährt. Die Gedanken, die Stefan vor David geheim hält, kennen auch wir nicht. Mit jedem Tag dieser Reise lesen wir lebhafte Beschreibungen der Schönheiten und Eigenheiten des Landes Marokko, seiner Menschen, Landschaften und Natur. Andererseits tauchen wir immer weiter in die Hintergründe dieser noch relativ jungen Beziehung ein und verfolgen gespannt Seite um Seite nicht nur die abenteuerlichen Erlebnisse von David und Stefan, sondern fragen uns, ob die Erfahrungen dieser acht Tage sie verändern werden.

    Fazit
    Ein Roman mit vielen Facetten, die Schilderung einer Reise durch Marokko, ein Roadtrip, das Reisen aber auch als Metapher für die Wege in eine Beziehung und zu den Möglichkeiten, welche die Zukunft bietet, wenn man bereit ist, Entscheidungen zu treffen.

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Die letzte Tür vor der Nacht: Roman

Buchseite und Rezensionen zu 'Die letzte Tür vor der Nacht: Roman' von António Lobo Antunes
NAN
(0 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Die letzte Tür vor der Nacht: Roman"

Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:560
EAN:9783630876283
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Eine Liebe (Quartbuch)

Buchseite und Rezensionen zu 'Eine Liebe (Quartbuch)' von  Sara Mesa
3.4
3.4 von 5 (8 Bewertungen)

Inhaltsangabe zu "Eine Liebe (Quartbuch)"

Autor:
Format:Gebundene Ausgabe
Seiten:192
EAN:9783803133519
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Rezensionen zu "Eine Liebe (Quartbuch)"

  1. Stadtflucht auf Spanisch

    Natalia hat sich ein baufälliges Haus in La Escapa, einem kleinen Ort in der spanischen Einöde gemietet. Es wirkt verwahrlost, dreckig, marode und voller Ungeziefer, aber sie kann sich nichts Besseres leisten. Nat arbeitet hart, um Haus und Grundstück auf Vordermann zu bringen – mit mäßigem Erfolg. Der Vermieter ist wenig kooperativ, ein misogyner Macho, der ohne Voranmeldung in der Wohnung steht, Nat einschüchtert und Angst verbreitet. Von ihm bekommt Nat wunschgemäß einen Hund, der leider auch nicht ihren Erwartungen entspricht: anstatt sie zu bewachen und ihr die Einsamkeit zu vertreiben, verhält sich das Tier scheu und kann mit Nähe schwer umgehen. Im Ort wohnen nur wenige, zumeist schrullige, Leute. Es fällt Nat schwer, Anschluss zu finden. Die meisten Menschen stehen der Neubürgerin offensichtlich skeptisch gegenüber. Ausnahme ist Piter, genannt „der Hippie“. Er nimmt sich als Erster der jungen Frau an, lädt sie ein, informiert sie über regionale Gepflogenheiten und gibt ihr Tipps. Sexuelle Interessen scheint er entgegen Nats Befürchtungen nicht zu haben, aber uneigennützig ist er auch nicht. Piter möchte Einfluss auf Nat ausüben. Sie soll das umsetzen, was er ihr rät, sich nach ihm richten. Seine Dominanz führt zu ihrem Rückzug. Als heftige Regenfälle Nats Dach durchdringen und sich in der Wohnung wiederholt Seen bilden, weiß Nat sich keinen Rat mehr: Der Vermieter verweigert die Reparatur, das Geld für einen Handwerker fehlt. In dieser ausweglosen Situation kommt „der Deutsche“, ein zurückgezogen lebender Einsiedler, ins Spiel: Er bietet Nat an, das Dach zu reparieren, allerdings möchte er eine besondere Gegenleistung dafür. An dieser Stelle ist ein Höhepunkt erreicht, von dem aus sich das Romangeschehen höchst fesselnd weiter entwickelt…

    Der Roman gibt in personalem Erzählstil fast ausschließlich Nats Perspektive wider. Man kommt ihren Gedanken und Innensichten sehr nah. Sie ist eine Anti-Heldin, hat wenig Durchsetzungskraft und Selbstbewusstsein. Sie wirkt an diesem Ort mit seinen kauzigen, aufeinander eingespielten Bewohnern seltsam fremd und hilflos. Offensichtlich sucht sie einen Neuanfang, an dem ihre Träume und Vorstellungen jedoch zu scheitern drohen. Von Beginn an wird die Geschichte von einer latenten Melancholie durchzogen, die Stimmung ist gedrückt, die dörfliche Atmosphäre fast feindselig. Auch als Nat eine Beziehung mit einem Mann anfängt, entwickelt sich diese kompliziert und distanziert, „eine Liebe“ sucht man vergeblich. Mit der Zeit entwickelt Nat jedoch eine ungesunde Obsession ihm gegenüber. Als ihre Gefühlswelt zusätzlich durch eine folgenschweren Unfall erschüttert wird, bringt das nicht nur ihres, sondern auch das Gleichgewicht unter den Dorfbewohnern durcheinander…

    Sowohl Figuren wie Atmosphäre werden präzise eingefangen, man kann sich das Szenario wunderbar vorstellen. Man versucht, das Verhalten der Protagonistin nachzuvollziehen. Sie ist eine einsame, schwierige Frau. Über ihre erlittenen Verletzungen wird man weitgehend im Dunklen gelassen. Manchmal teilt sie Fragmente aus ihrer Vergangenheit mit, jedoch zeigt sie oft auch widersprüchliches Verhalten, das man schwer einordnen kann. Auch ihre Interaktion mit anderen Menschen erleben wir nur durch ihre Wahrnehmung. In Konfliktsituationen zeigen sich Unterschiede. Der Leser darf selbst werten, denn Nats Perspektive ist nicht objektiv. Mich hat das Erlebnis- und Gedankenkarussell der Protagonistin von Anfang an gefesselt. Nat durchläuft eine Entwicklung. Sie nimmt sich selbst zunächst sehr wichtig, ist süchtig nach Anerkennung, dabei aber auch innerlich zutiefst gespalten. Bleibt die Bestätigung aus, verunsichert sie das.

    Sara Mesa hat den dörflichen Mikrokosmos sehr glaubwürdig eingefangen. Sie schreibt in einer höchst kraftvollen, klaren Sprache. Sie hat ein Gefühl für Dramatik und menschliche Befindlichkeiten. Man wird trotz der ruhigen Erzählweise in den Bann dieses stimmig konstruierten Romans gezogen, der mehrere Wendepunkte bereithält und zu überraschen weiß. Er zeigt die Dynamik kleiner, ländlicher Gemeinschaften, in der mehr übereinander als miteinander gesprochen wird und fast jeder ein Geheimnis zu haben scheint. Es finden nur wenig offene Dialoge statt, auch die Autorin verschweigt manches, was den Leser wiederum neugierig halten sollte.

    „Eine Liebe“ ist ein sehr besonderes, intensives Leseerlebnis. Man darf nicht den Anspruch haben, Natalia mögen zu wollen. Das dürfte angesichts ihres ambivalenten Charakters schwer fallen. Doch sie ist in all ihrer persönlichen Zerrissenheit eine glaubwürdige Figur, der ich gerne gefolgt bin. Sara Mesa zeigt großes schriftstellerisches Talent, sie beweist viel Empathie mit ihren Figuren. Das Ende hält sie realistisch und in Teilen offen, auch im realen Leben ist nicht alles logisch erklärbar.

    Aus meiner Sicht ist die Romankonstruktion überaus gelungen: Der Anfang passt zum Ende, in der Rückschau zeigt sich, wie stimmig Mesa ihre Handlung rund um Nat gewebt hat. Die Autorin lässt dabei Leerstellen, über die man diskutieren kann. „Eine Liebe“ ist kein Liebesroman. Er behandelt die großen Themen menschlichen Zusammenlebens vor einem zeitgenössischen Hintergrund und liefert das Psychogramm einer verletzten jungen Frau auf der Suche nach sich selbst und einem Neuanfang.

    Gewiss ist dies kein Buch für Jedermann. Mich hat der Roman jedoch fasziniert und begeistert. Wer psychologisch dichte Literatur schätzt, sollte hier zugreifen.

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  1. Konnte mich leider nicht überzeugen

    Konnte mich leider nicht überzeugen

    Nat zieht ins kleine Dörfchen La Escapa. Sie hat nur wenig Geld, will dort in der Abgeschiedenheit als Übersetzerin arbeiten. Ihr Vermieter nimmt zwar ihr Miete, das mehr als baufällige Häuschen instand setzen will er aber nicht, und in Nat hat er jemanden gefunden, der sich das auch gefallen lässt.
    Nat wirkt wenig gesellig, doch zu Píter entwickelt sich nach einiger Zeit eine leichte Freundschaft, obwohl Nat sich oft von ihm bevormundet fühlt. Doch es ist von Vorteil in der Einöde Freunde zu haben, die einem hier und da helfen können.
    Nat hatte vom Vermieter einen Hund erbeten, doch der Hund scheint wenig von ihr Wissen zu wollen. Sie hat sich das Zusammenleben mit einem Tier ganz anders vorgestellt, bleibt aber am Ball, bemüht sich das Vertrauen des Tieres zu erlangen.
    Als ein länger andauernder Starkregen zeigt, dass das Dach undicht ist, gerät Nat unter Druck, da sie den Vermieter wegen seines Verhaltens ihr gegenüber nicht bitten möchte das Dach zu reparieren. Dennoch ist ihre Not groß, so kann es nicht weitergehen.
    Als der Deutsche, Andreas, ihr ein Angebot macht, muss Nat erst überlegen, doch am Ende lässt sie sich darauf ein.

    Der Roman konnte mich leider von Anfang an nicht begeistern. Nats Verhalten war für mich nicht nachvollziehbar. Auch alle anderen Charaktere konnten mich nicht wirklich überzeugen. Die Beweggründe von Nat, die wahrscheinlich aus alten Wunden und Erlebnissen resultieren, erschlossen sich für mich nicht. Auf mich wirkte Nat als eine Frau, die in allem immer nur etwas negativ sehen möchte. Vorprogrammiert waren so sicherlich auch die geschilderten Niederlagen. Mein größtes Problem an der ganzen Geschichte war die Tatsache, dass nichts davon zu meiner Zufriedenheit aufgeklärt wurde.
    Da ich das Buch in einer Leserunde gemeinsam mit anderen interessierten Lesern gelesen habe, möchte ich erwähnen, dass einige zu dem ganzen eine ganz andere Interpretation hatten.
    Der Roman scheint auf die Leser unterschiedlich zu wirken, daher enthalte ich mich hier ganz bewusst, man sollte sich stattdessen lieber ein eigenes Urteil machen.

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  1. 4
    18. Sep 2022 

    Ein Schrei nach Liebe

    Im Mittelpunkt dieses fordernden und gleichzeitig auch triggernden Buches steht ein ambivalenter und auch unsteter Charakter. Es geht hier in "Eine Liebe" um Nat, eine junge Frau, die alleinlebend in einem kleinen Dorf einen Neuanfang beginnt. Und dieser Charakter der Nat hat es in sich! Denn mit ihrem unsicheren und gehemmten Verhalten einerseits, dann wieder mit gewissen obsessiven Elementen und mit einem besserwisserischen Ton, der besonders den Stadtbewohnern in neuer dörflicher Umgebung eigen ist und auch mit einem trotzigen, fast kindlichen, um sich selbst kreisenden Denken macht es diese Nat der Leserschaft nicht einfach. Man gerät schnell in das Fahrwasser diesen Charakter zu verurteilen, abzulehnen, unglaubwürdig zu finden und fragt sich sehr, wohin die Reise in diesem Buch geht. Dennoch liest sich das Ganze spannend und auch soghaft weg. Ich habe mich bei der Lektüre gefragt, warum dieses Buch ausgezeichnet wurde, denn dieser ambivalente Charakter Nat macht etwas mit mir, er triggert mich, eine Abscheu und ein Widerwillen dieser Frau gegenüber entsteht in mir und dieses Empfinden lässt mich dieses Buch negativ bewerten. Und genau diese Intensität muss man als Autor ja auch erst einmal erreichen können, genau diese Empfindung in mir erreicht ja die Autorin in dem sie ihren Charakter nur berichten lässt. Dann fragt man sich als Leser wieder nach dem Warum. Warum ist Nat so ambivalent und auch so sprunghaft? Warum entsteht dieser Gedanke der Unglaubwürdigkeit? Dadurch, dass die Erzählstimme des Buches Nat ist, begrenzt der Charakter selbst auch die Sichtweise auf sich selbst, zu einer Reflektion des eigenen Verhaltens erscheint Nat unfähig. Nats unsichere und um sich selbst kreisende Denke strengt an, ihr ständig alles Tun der Anderen auf sich selbst beziehen nervt gewaltig. Dennoch zeigt diese Beschreibung auch recht gekonnt das Innenleben eines ungewöhnlichen Menschen. Die Erklärung des Warums kommt, aber nur als kleiner Einwurf, der etwas zu unausgeformt und unausgefüllt erscheint. Aber der Erzählstimme Nat ist etwas anderes nicht möglich. Ihre Vergangenheit sitzt ihr als schwerer Fels im Nacken und bestimmt ihr Leben, steuert sie und macht ihr Leben extrem schwer. Aber diese Erkenntnis kommt mir erst sehr spät bei der Lektüre, was einerseits ja nachvollziehbar ist, aber auch als Nachteil des Buches und der Handlung gedeutet werden kann. Daher blieb ich lange bei meiner anfänglichen Punktevergabe von drei Punkten, obwohl ich innerlich schon sehr geschwankt habe. Denn diese Intensität, dieses negative Schwingen, was dieser Charakter in mir erreicht, erzielt, ist außergewöhnlich und auch perfekt gelungen. Und genau wegen diesem perfekt gelungenen Psychogramm von Nat erhöhe ich schlussendlich meine Punkte auf vier Punkte, denn diese Intensität in mir gehört gewürdigt. Ich verlange ja immer, dass ein Buch etwas mit mir macht. Und voilà. Genau dies macht dieses Buch!
    Auch der Titel des Buches klingt markierend und auch etwas unpassend. Vielleicht wäre die Übersetzung Liebesabenteuer besser gewählt gewesen, denn nach einer Liebe sucht man in diesem Buch vergeblich. Aber im Klappentext steht ja auch "Dies ist keine Liebesgeschichte - oder etwa doch?". Aber was ist dies? Ein Schrei nach Liebe. Ein gequälter Geist. Ein unendliches Grauen!
    Und wenn man bedenkt, warum dies passiert, denn Nat ist hier nur ein Beispiel, wird man wütend!

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  1. Geschichte einer Obsession

    Die etwa 30-jährige Natalia (genannt Nat) kündigt ihre Arbeit, verlässt die Stadt und zieht aufs Land ins Dorf La Escapa. Warum es sie ausgerechnet dorthin verschlägt und weshalb sie trotz aller Schwierigkeiten ausharrt, bleibt unklar. Ihr Vermieter überlässt ihr nicht nur ein baufälliges Haus, sondern auch einen verwahrlosten Hund. Angesprochen auf notwendige Reparaturen, entzieht sich der Vermieter seiner Verantwortung. Das Dorfleben stellt sich beschwerlicher dar als erwartet, die Atmosphäre ist bedrückend. Fast durchgängig erscheinen die Dorfbewohner:innen als verschrobene, eigensinnige und zuweilen unheimliche Zeitgenossen. Nur wenige begegnen der unsicheren Frau mit Freundlichkeit. Nat sieht sich nicht in der Lage, ihr neues Haus nach ihren Vorstellungen zu gestalten und gibt Pläne schnell wieder auf. Als es wiederholt durchs Dach regnet, unterbreitet einer der Dorfbewohner Nat ein ungewöhnliches Tauschangebot. Sie lehnt zunächst ab, doch der Vorschlag beschäftigt sie und schließlich schlittert sie mitten hinein in eine emotionale Abhängigkeit und eine obsessive Beziehung.

    „Eine Liebe“ gliedert sich in drei Abschnitte. Im ersten folgen wir Natalia auf ihren unsicheren Schritten durchs Dorf, begegnen dem schmierigen Vermieter, der Nats persönliche Grenzen übertritt und mehr als einmal spontan in ihr Haus eindringt. Der zweite Abschnitt widmet sich ganz der obsessiven Liebesbeziehung zwischen Nat und dem „Deutschen“. Im letzten Teil kommt es zu einer Katastrophe, Nat verliert zunächst alles, hat am Ende jedoch eine für sie persönlich wichtige Erkenntnis.

    Positiv an diesem Roman ist, wie eindrücklich und intensiv es Mesa gelingt, Nats Unsicherheit, Verzweiflung und Besessenheit sprachlich zu vermitteln. Die Geschichte hinterlässt davon abgesehen bei mir vor allem Fragezeichen. Mesa geht äußerst sparsam mit Informationen um. Wie erhalten nur sehr spärlich Hinweise auf Nats Leben und auch über die anderen Dorfbewohner:innen wird fast nichts erzählt. Ich habe beim Lesen gerne Raum für eigene Gedanken, nicht alles muss für mich auserzählt sein. Hier fehlte mir aber ein Gerüst, ein paar Eckpunkte, an denen ich mich hätte orientieren können. Ein tieferes Verständnis für die Protagonist:innen konnte ich daher nicht entwickeln, die einzelnen Charaktere blieben mir bis zuletzt nicht nur fremd, sondern ein unlösbares Rätsel. Ich spürte beim Lesen eine unüberwindbare Distanz, ähnlich einer Scheibe aus Milchglas zwischen mir und dem Erzählten. Schemenhaft erkannte ich die Menschen, vermochte aber weder ihre Worte noch den Sinn ihrer Bewegungen zu deuten. Ich denke mich gerne in fremde Lebensumstände, Probleme und Gefühlswelten ein, liebe es, wenn Literatur ein Fenster in eine unbekannte Welt öffnet. Genau das gelingt in "Eine Liebe“ aber nicht. Nats Leben, wie auch das der anderen, bleibt eine einzige große Leerstelle für mich, nicht greifbar und das, obwohl gerade Nats ambivalente Gefühle sehr intensiv gezeigt werden. Mir ist nicht klar geworden, was die Autorin mit ihrer Geschichte zeigen will und so lässt mich diese zum Glück nur etwa 190 Seiten umfassende Erzählung nicht nur ratlos, sondern auch unzufrieden zurück.

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  1. Drama in drei Akten

    Autorin
    Sara Mesa wurde 1976 in Madrid geboren und zog als Kind mit ihren Eltern nach Sevilla. Sie studierte Journalistik und Spanische Philologie. Sie gehört zu den bekanntesten Schriftstler*innen der jungen Generation. Ihre schriftstellerische Arbeiten umfassen eine umfangreiche Bibliografie. Die nachfolgen Werke geben eine kleine Auswahl wieder.
    Sie hat Erzählungen veröffentlicht: La sobriety del galápago (2008), No es fáil der Verde (2009) und Mama letra (2016). Erschienen sind zahlreiche Romane El trepanador de cerebros (2010), Un incendio invisible (2011), Cuatro por cuatro (2013), Cicatriz (2015), Cara de pan (2018) und Un amor (2020). Der letzte Roman, Un Amor übersetzt ins Deutsche Eine Liebe, ist zu einem am meisten von der Kritik gefeierten Roman des Jahres 2020 geworden.
    2021 erhielt sie die Auszeichnung Premios de los libreros in der Kategorie Fiktion für die Erzählung Un Amor.
    Inhalt
    Natalie, genannt Nat, ist eine junge, alleinstehende Frau. Sie arbeitet als Übersetzerin. Nachdem man ihr einen Diebstahl nachgewiesen hat, kündigt sie ihren Job, obwohl ein großzügiges Entgegenkommen ihr eine Weiterbeschäftigung ermöglicht. In La Escapa am Berg Glauco findet sie ein Haus zum Mieten. Der Vermieter ist ein unsympathischer, ungepflegter Mann, der ihr bei ihrer Ankunft einen vernachlässigten, scheuen und verwahrlosten Hund schenkt, aber wenig bereit ist, ihr bei anfallenden Reparaturproblemen des alten, heruntergekommenen Hauses zu helfen. Nat bemüht sich Zugang zu den Dorfbewohnern bekommen, doch diese verhalten sich ihr gegenüber zurückhaltend. Auch Nat findet sich nur schwer mit dem Landleben und deren Bewohner zurecht. Sie fühlt sich beobachtet und aus dem Dorfleben ausgeschlossen.

    Nat lernt Píter, einen Hippie kennen, der alles im Dorf genau beobachtet und genauestens informiert ist. Píter unterstützt sie, wenn sie Hilfe benötigt. Weitere Dorfbewohner sind die alte und verrückte Roberta, die Stadtfamilie, die ihre Wochenenden in La Escapa verbringen, das Mädchen aus dem Laden und Andreas „Der Deutsche“ genannt.
    Als die Zeit des Regens beginnt, stellt sich heraus, dass ihr Dach undicht ist. Doch der Vermieter ist nicht bereit, es zu reparieren. Da taucht Andreas „Der Deutsche“ auf. Er ist bereit, das Dach abzudichten. Als Gegenleistung macht er ihr ein unmoralisches Angebot.

    Für Nat ist es der Beginn einer Reise, von der sie nicht weiß, wohin sie führt.

    Sprache und Stil
    Sara Mesa`s Roman „Eine Liebe“ beginnt mit einem kurzen, prägnanten Satz, der bereits die Atmosphäre widerspiegelt und im weiteren Verlauf des ersten Absatzes Ort und Menschen bildlich entstehen lässt.

    „Als es dunkel wird, spürt sie, wie die Last auf sie stürzt, so schwer, dass sie sich setzen muss, um Luft zu holen.“ (S. 7)

    „Eine Liebe“ beginnt mit einem vertrauten Thema. Eine Frau beschließt, ihr Leben zu ändern; sie verlässt die Stadt und ihre vertraute Umgebung, um auf dem Land über ihren weiteren Lebensweg nachzudenken.

    Der Roman „Eine Liebe“ ist in drei Kapiteln aufgeteilt und gleicht einem Drama in drei Akten. Im ersten Kapitel wird der Schauplatz, die Zeit und die Situation beschrieben.

    La Escapa ist der Ort, in dem sich die Protagonistin Nat zurückzieht. Die lange Trockenheit hat die Landschaft in eine trostlose, trockene Umgebung mit „vereinzelten Olivenbäumen, Kork- und Steineichen“ verwandelt. In weiter Ferne wird, wie hinter einem Schleier, der niedrige Berg Glauco, der Graugrüne, sichtbar. In dieser Umgebung hat die Protagonistin Nat ein einfaches, marodes Haus gemietet, um dort Abstand von ihrem bisherigen Leben zu gewinnen. Sie ist zurückhaltend und findet nur langsam Kontakt zu den anderen Dorfbewohnern.

    Die Dorfbewohner werden beschrieben mit all ihren Eigenheiten. Der Mangel an Kommunikation, unter dem diese abgelegene Stadt La Escapa leidet (das Wortspiel ruft ein Gefühl der „Flucht“ hervor) führt dazu, dass sich ihre Einwohner verschlossen und zurückhaltend zeigen.

    Sara Mesa beschreibt Charaktere in einer dörflichen Umgebung, deren soziale Beziehungen durch eine Vielzahl von Sitten, Brauchtum, Festen, eigenen Normen und Gesetzen geprägt sind. Die Vorgeschichte Nats, der Diebstahl, wird erwähnt, der Aufschluss über ihre Beweggründe nach la Escapa zu ziehen gibt. Fremden begegnet man misstrauisch. So ist der „Deutsche“ Andreas ein Fremder wie sie, aber bereit, ihr bei der Dachreparatur zu helfen. Als Gegenleistung verlangt er, dass sie ihn ein Weilchen in sie reinlässt.

    „»Ich kann dein Dach reparieren, und dafür lässt du mich ein Weilchen in dich rein.«“ (S. 66)

    „Der Deutsche“ Andreas leitet mit seinem unmoralischen Angebot in das zweite Kapitel ein. Das zukünftige Geschehen mit dem Begriff „Hereinlassen“ lässt sich erahnen.

    Im zweiten Kapitel entwickeln sich die Ereignisse zu dramatische Aktionen. Der Konflikt entfaltet sich. Das Dorf, das sich zunächst als eine geordnete, in sich geschlossen Gruppe präsentiert, bekommt nach und nach Risse. Ab nun werden die Charaktere, insbesondere Nat, weiter offengelegt. Nat verändert sich, aus einer zurückhaltenden Frau wird plötzlich eine abhängige Frau. Die Autorin dringt tiefer und tiefer in die Charaktere ein. Das Verhältnis zwischen Nat und Andreas entwickelt sich zu einem Verhältnis wie in einem Psychodrama. Die Verbindung der beiden gleitet in einer dysfunktionalen Struktur ab.

    Sara Mesa legt mit wenigen Worten gezielt die Tiefen der Charaktere ihrer beiden Hauptfiguren offen. Die scheinbare Überlegenheit von Nat gegenüber Andreas zerfällt.

    „Andreas gegenüber hat Nat sich zunächst mächtig gefühlt. Die Vorstellung, dass ihre Jugend auf ihn – den zwölf Jahre Älteren – verführerisch wirkte, gefiel ihr.“ (S. 129)

    Andreas, der in Nats Augen zunächst als schwach zu erkennen war, gewinnt an Konturen und seine bewegte Vergangenheit wird offengelegt.
    Nat hingegen verliert ihr Selbstvertrauen, erniedrigt sich, verliert an Würde und steigert sich in eine Obsession hinein, ihre Gedanken kreisen nur noch um Andreas. Doch Andreas zeigt schonungslos ihre Defizite auf.

    „Erbarmungslos zerlegt er ihre Vorurteile, gräbt er sich in ihre Unsicherheit hinein, trägt ihr Selbstvertrauen schaufelweise ab. Was sie immer kleiner und ihn immer stärker macht. Sie immer abhängiger und ihn immer freier.“ (S. 126 )

    Im dritten Kapitel findet die klassische Auflösung des Dramas statt. Die Katastrophe löst sich auf.
    Ziele sind nie direkt erreichbar, wie ein Pendelschlag müssen diese verfolgt werden. Eine Liebe, die um Suche geht, um Liebe zu finden, um sich selbst zu lieben, um Liebe zu geben.

    Sara Mesa verarbeitet in ihren Figuren Themen mit der Frage nach Schuld, Ausgrenzung, nicht nur Nat wird ausgegrenzt, sondern aus früheren Zeiten ein Inzestpaar.
    Ein Konflikt zwischen Erwartungen und Realität, Flucht vor Konflikten, Misstrauen und Selbsttäuschung, Hass und Eifersucht tritt an die Oberfläche.

    Der Roman ist in der dritten Person geschrieben, aus der Erzählperspektive von Nat aufgebaut. Ihre Gedanken verwebt die Autorin mit den Dialogen der übrigen Charaktere auf eine Weise, dass schwer zu erkennen ist, ob eine dritte Person etwas sagt oder ob es eine Projektion der Protagonistin selbst ist.
    Dadurch entstehen Leerstellen der Figuren, Raum und Zeit, die Freiheit an Interpretation für den /die Leser*in bieten.
    Sara Mesa nutzt eine bildliche Sprache für ihre Geschichte. Bilder wie im Traum, die manchmal abrupt enden oder nur verschwommen zu sehen sind.

    „Nicht nachdenken ist besser, aber die Gedanken kommen wie von selbst, schweben durch sie hindurch, verbinden sich.“ (S. 7)

    Das Cover zeigt unterschiedliche Insekten in einer wohlgeordneten Formation auf weißen Hintergrund. Der Bezug zum Roman ist gegeben, wie ein roter Faden ziehen die Insekten hindurch.
    Ungeziefer zählen zur langen Liste der Tiere, die zur Verunglimpfung von lästigen, unbeliebten oder angeblich gefährlichen Menschen herhalten. Zumindest in der Literatur. In Kafkas Roman „Die Verwandlung“ erleben wir die Metamorphose von einem Menschen in ein Ungeziefer. In „Eine Liebe“ finden ebenfalls Veränderungen statt, Andreas findet ersten Zugang durch dem Regen, der ihm die Möglichkeit verschafft, in Nat einzudringen, sowohl körperlich als psychisch und sie sich dadurch verändert. Das marode Haus mit Rissen, wo besonders bei Regen Insekten mit angespült werden. Die Ameisen auf dem Berg oder im Haus hinterlassen ihre Spuren, ebenso der Vermieter, der wie ein lästiges Insekt auftritt.

    Fazit
    „Sie hat sich nicht für Andreas entschieden, hat nicht nach ihm gesucht – er hat sich ihr aufgezwungen. Sie müsste sich dagegen auflehnen, aber das ist unmöglich, sie ist gefangen. So sieht sie es jetzt. So erklärt sie es sich, auf kindliche, magische Weise. Dass diese Erklärung unhaltbar ist, weiß sie genau. Um sich nicht widersetzen zu müssen, gibt es jedoch nichts Besseres.“ (S. 92)

    „Eine Liebe“ ist ein überraschender Roman, in dem es der Autorin gelingt, den/die Leser*in mit den Grenzen seiner/ihrer eigenen Moral zu konfrontieren.

    Sara Mesa`s Roman „Eine Liebe“ verläuft in ruhigen Bahnen und doch zieht der besonderere Stil nach und nach den/die Leser*in in seinen Bann, ohne es zu merken. Die Autorin konzentriert sich auf Details, auf die es ankommt. Sie schreibt, als ob sie lautlos und schlagartig in den Fokus des Geschehens gleitet, mit einer erstaunlichen Charakterbeschreibung, die mit wenigen Strichen umrissen ist.

    „Eine Liebe“ bedeutet zwei hergesagte Worte, die doch nicht das sind, was sie sein sollten. Auch Liebe ist brüchig.

    „Schau' nach vorn
    Nicht zurück
    Zwingen kann man kein Glück
    Denn kein Meer ist so wild wie die Liebe
    Die Liebe allein
    Nur die kann so sein“ *

    *
    Aus: Mercie Cherie
    Autoren: Udo Jürgens, Thomas Hörbiger
    Verlag: Vogue
    Veröffentlicht:1966

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    14. Sep 2022 

    Keine Liebe

    Sara Mesa, 1976 in Sevilla geboren, gehört zu den wichtigsten Autorinnen der spanischen Gegenwartsliteratur. Ihr Roman „ Eine Liebe“ war in ihrer Heimat ein großer Erfolg und wurde mit dem Preis des unabhängigen Buchhandels ausgezeichnet.
    Deshalb waren meine Vorfreude groß und die Erwartungen hoch.
    Die Protagonistin Natalie, genannt Nat, eine Frau Mitte Dreißig, hat aufgrund eines Vorfalls ihren Arbeitsplatz gekündigt und zieht nun in einen kleinen Ort mit dem bedeutsamen Namen La Escapa. Sie will hier ein neues Leben beginnen, sucht Ruhe für ihre Arbeit als freiberufliche Übersetzerin. Doch das gemietete Haus ist dreckig und verwahrlost, der Vermieter ein schmieriger Widerling. Der gewünschte Hund, den er ihr bringt, erweist sich als hässlich und scheu. Trotz Nats Bemühen findet sie keinen Zugang zu ihm.
    Auch der Kontakt zu den Dorfbewohnern gestaltet sich schwierig. Eine junge Frau allein - das erregt das Misstrauen vieler. Argwöhnisch wird ihr Tun beobachtet. Piter, der Hippie, bietet seine Hilfe an, doch er ist Nat etwas zu aufdringlich und weiß alles besser. Nebenan wohnt ein Ehepaar aus der Stadt mit ihren beiden Kindern; die Familie ist aber nur am Wochenende da. Zu den Außenseitern im Dorf zählt eine Roma- Familie, ein alter Mann und seine demente Frau, die von allen nur „ die Hexe“ genannt wird und Andreas, „ der Deutsche“, ein Mann um die Fünfzig.
    Wie marode das Haus ist, zeigt sich beim ersten Regen: Das Dach ist undicht.
    Dann steht „ der Deutsche“ vor der Tür und macht ihr ein unmoralisches Angebot. Er bietet seine handwerklichen Dienste an gegen Sex.
    So endet der erste von drei Teilen des Romans.
    Was nun folgt ist keine Liebesgeschichte im üblichen Sinn, wie der Titel vermuten lässt. Nat ist empört, hat Skrupel und lässt sich dann doch auf das Angebot ein. Eine fatale Beziehung, die für die Frau zur Obsession wird. Hielt sie sich anfangs für die Überlegene, verkehren sich bald die Machtverhältnisse. „ Erbarmungslos zerlegt er ihre Vorurteile, gräbt er sich in ihre Unsicherheit hinein, trägt ihr Selbstvertrauen schaufelweise ab. Was sie immer kleiner und ihn immer stärker macht. Sie immer abhängiger und ihn immer freier.“
    Nat erniedrigt sich, spioniert ihm hinterher und bringt sich immer mehr in eine unwürdige Lage.
    Dann macht sie ein furchtbares Geschehen endgültig zur Ausgestoßenen.

    Hat der Roman meine großen Erwartungen erfüllt?
    Anfangs schon. Die Autorin versteht es sehr gut, Atmosphäre zu schaffen. Die Landschaft entsteht bildhaft vor dem Leser, der karge Boden, der graue Berg im Hintergrund. Es entwickelt sich gleich zu Beginn eine dichte, leicht bedrohliche Stimmung, ohne dass viel passiert.
    Auch die verschiedenen Figuren und ihre Stellung im Dorfgefüge haben das Potential für eine interessante Geschichte. Doch dann konzentriert sich die Autorin zu sehr auf die Hauptfigur und ihre obsessive Beziehung zu diesem Mann. Nat ist eine äußerst ambivalente Figur. Völlig selbstbezogen kreist sie unentwegt um sich und ihre Befindlichkeiten. Das nervte mich zusehends. Man fragt sich, warum sie nichts an ihrer Situation ändert, statt in der Opferrolle zu verharren. Warum ist sie überhaupt in dieses Dorf gekommen und warum ist sie dann hier geblieben, obwohl die Umstände so wenig einladend waren?
    Leider erhält man als Leser nur wenig Informationen zum Hintergrund der Figur. Dann hätte sich etwas Nähe und Verständnis für sie entwickeln können. „ Sara Mesa verzichtet auf den Luxus des Details…“ heißt es dazu im Klappentext. Schade! Mir müssen die Figuren in einem Roman nicht sympathisch sein, aber ich möchte verstehen, warum sie sind wie sie sind. Hier blieb die Protagonistin seltsam blass und fremd.
    Das haben auch die letzten paar Seiten nicht geändert, wo sich eine ansatzweise Entwicklung der Figur angezeigt hat.
    Der Roman ließ mich ratlos und unbefriedigt zurück. Der erste Teil und die Sprache der Autorin sorgen für den dritten Stern, doch empfehlen kann ich das Buch leider nicht.

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  1. 2
    13. Sep 2022 

    Nicht die große Liebe

    In Sara Mesas von mir heiß erwarteten neuen Roman „Eine Liebe“ zieht eine Anfang 30-Jährige aus einer größeren Stadt aufs spanische Land. Mitten in die Provinz, nicht ans Meer, denn das kann sie sich nicht leisten. Nat ist Übersetzerin und versucht sich nun mit einer freien Literaturübersetzung über Wasser zu halten. Aber schon das Ankommen im neuen Dorf und im gemieteten Haus wird ihr nicht leicht - man könnte gar sagen besonders schwer - gemacht. Nicht nur vom schmierigen Vermieter auch von vielen der Ortsbewohner, die die Zugezogene nicht gleich ins Herz schließen wollen. Mit Píter freundet sie sich an, einen verwahrlosten Hund bekommt sie vom Vermieter abgetreten und so macht sie sich auf, das Haus in Stand zu setzen und den Garten zu bewirtschaften. Als das undichte Dach geflickt werden muss, macht ihr ein Anwohner, genannt „Der Deutsche“ ein scheinbar unmoralisches Angebot. Er schlägt ihr ein Tauschgeschäft vor: Sex gegen Handwerkerleistung.

    Aus diesem Angebot entspinnt sich nun eine nicht nachvollziehbare Obsession von Nat bezüglich einer „Liebes-“Beziehung mit Andreas, Dem Deutschen. Nicht nachvollziehbar bleibt diese merkwürdige Geschichte, weil uns Sara Mesa zwar ausgedehnt an dem unablässigen Hinterfragen der Protagonistin bezüglich ihrer Einstellungen, Gedanken, Eindrücke etc. teilhaben lässt, jedoch nie irgendwelche Hintergründe bzw. tiefgründige Informationen zur Protagonistin anbietet. Nat ist unglaublich neurotisch angelegt in ihrer Persönlichkeit. Das kann funktionieren, sofern sie als Person im Roman dann auch irgendeine Arte von – wenn auch leichter – Veränderung durchlaufen würde. Tut sie aber nicht und das führte bei mir zu einer unglaublichen Abneigung der Protagonistin gegenüber. Unangenehm nervig schieben sich die Überlegungen von Nat in den Vordergrund, wobei sie trotzdem als Figur flach bleibt. Ebenso wie die vielen Nebenfiguren des Dorfes. Hier wäre Potential da gewesen, um eine interessante Studie zum Dorf aufmachen zu können. Aber auch das macht die Autorin nicht. Wir verbringen zu viele der nur 190 Seiten in der abstrusen Beziehung zwischen Nat und Andreas. Ein Einblick in die Vergangenheit Nats oder eine ausführlichere Erklärung ihres kuriosen Beziehungsverhaltens über eine zwei Zeilen lange Erwähnung eines Missbrauchs in der Kindheit hinaus, hätten den Roman eventuell noch interessant machen können. Aber nein, die Autorin wirft den Missbrauch als mögliche Erklärung mal eben so nebenher den Lesenden vor die Füße und diskreditiert damit das Thema vollkommen. Selten habe ich einen unglücklicheren Umgang mit einem solchen Thema in einem Buch gelesen.

    Ein Paukenschlag, eine erklärende Wendung, irgendetwas dieser Art am Ende des Romans wären auch ein Weg gewesen, diesen noch zum Besseren zu führen. Aber auch hier verpasst die Autorin eine Chance und lässt ihn ausplätschern. Auf gefühlt einer halben Seite gibt es plötzlich eine Veränderung bei Nat, die aber in dieser Form nicht nachvollziehbar gestaltet wurde und die Lesenden ratlos zurücklässt. Von den nur 190 Seiten war ich in einem Maße genervt, dass man der Autorin schon fast anrechnen könnte, dass sie zumindest das mit dem Roman bewirkt hat. Ansonsten konnte sie bei mir leider gar nichts bewirken. Der Roman konnte mir nichts geben und ich bin froh, die Lektüre endlich beendet zu haben.

    Empfehlen kann ich die Lektüre leider gar nicht. Mit den gegebenen 2 Sternen möchte ich lediglich anerkennen, dass die Autorin eine flüssige Schreibe hat, die sich – trotz Qualen ob des Inhalts – zügig bewältigen lässt. Mal davon abgesehen, dass man diskutieren kann, warum die Autorin ihren Roman überhaupt „Eine Liebe“ genannt hat, kann ich nur resümieren, dass der Roman für mich nicht die große Liebe war, im Gegensatz eher eine literarische Schreckensbeziehung.

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  1. Unter Dorfleuten

    Als Natalia ihre neue Unterkunft in dem spanischen Dörfchen La Escapa bezieht, ahnt sie noch nicht, welche Folgen das für sie und ihre Arbeit als Übersetzerin haben wird. Beim unsympathischen Vermieter eckt sie ohnehin an, weil sie sich seiner Meinung nach zu stark über die zahlreichen Mängel des heruntergekommenen Hauses beschwert. Doch auch zu den anderen Dorfbewohner:innen findet sie - mit Ausnahme von Althippie Píter - kaum Zugang. Als Starkregen einsetzt, nimmt das Unheil seinen Lauf, denn das verwitterte Dach hat viel zu viele undichte Stellen. Und so sieht auch Natalia ihre Felle langsam aber sicher davonschwimmen...

    Sara Mesas neuer Roman "Eine Liebe", der in der Übersetzung von Peter Kultzen jetzt bei Wagenbach erschienen ist, war in Spanien ein Bestseller und wurde dort 2021 mit dem Preis des unabhängigen Buchhandels ausgezeichnet. Durchaus überraschend, denn das Buch ist recht schwer verdaulich und wird die Leserschaft wahrscheinlich spalten.

    Bereits in Mesas wunderbarem Debütroman "Quasi" erzählte die Autorin die Geschichte zweier Außenseiter:innen, schaffte es aber durch ihre enorme Empathie, die Figuren in die Herzen der Leser:innen zu schreiben. Bei "Eine Liebe" gelingt ihr das nicht, soll es wohl aber auch gar nicht, denn Nat - so der Spitzname der Protagonistin - ist eine ambivalente Figur, die mit ihrer Passivität und permanenten Unzufriedenheit durchaus zu nerven weiß.

    Dabei ist der Auftakt des Buches verheißungsvoll. Mesa beschreibt die neue ungewohnte Umgebung so plastisch, dass man das Gefühl bekommt, alles durch Nats Augen sehen und hören zu können. Die ländlichen Geräusche in der Nacht, der Geruch des modernden Holzes und der bedrohlich über La Escapa wachende Berg - Mesa zieht die Leser:innen mit großer Unmittelbarkeit in die Handlung hinein. Auch die Figuren wirken zunächst gelungen. Die dörfliche Dynamik sorgt mit ihren merkwürdigen Charakteren für eine subtile Spannung und man spürt genau wie Nat eine permanente Bedrohung. Warum Natalia diesen Ort ausgewählt hat, um ihrer Vergangenheit zu entfliehen, bleibt dabei unklar. Doch man bekommt das Gefühl, dass das Dorf nicht ohne Grund "La Escapa" heißt und mehr als deutlich auf Fluchtgedanken, auf ein Ausbrechen aus dem bisherigen Leben hinweist. Die Bewohner:innen, die vornehmlich mit ihren Spitznamen "der Hippie", "der Deutsche", "der Dicke" oder "die Hexe" eingeführt werden, scheinen jedenfalls alle ihre Gründe für das Leben an diesem unwirtlichen Ort zu haben.

    Mit einem veritablen Spannungsbogen beendet Sara Mesa den ersten ihres aus drei Teilen bestehenden Romans, erfüllt jedoch die daraus resultierenden hohen Erwartungen im Rest des Buches leider nicht. Denn der zweite Teil befasst sich fast ausschließlich mit einer wahrlich ungewöhnlichen Beziehung, die Nat mit einem der Dorfbewohner eingeht und die wohl Grundlage des Romantitels ist. Doch von Liebe ist nichts zu spüren, vielmehr schildert die Autorin eine eher dysfunktionale Abhängigkeit, die sich auch stilistisch recht eintönig liest. Ständig schlüpft der Erzähler in die Hauptfigur und nervt nicht nur Nat, sondern auch die Leser:innen mit permanenten Fragen an sich selbst. Die Hintergründe dieser Beziehung erschließen sich dabei nicht, da Natalia zwar urteilt und behauptet, man selbst aber einfach keinen Zugang zu den Charakteren findet.

    Und auch das Ende enttäuscht mit einer gewissen Unterkomplexität und spürbaren Lustlosigkeit. Während die Abneigung und Negativität der Dorfbewohner:innen gegenüber Nat deutlich zunehmen und auch für die Leser:innen fast unerträglich werden, erstreckt sich die Lösung auf gerade einmal einer halben Seite. Dadurch bleiben viel zu viele Fragen im Raum, auf die keine befriedigenden Antworten gefunden. Nicht einmal über Natalias Vergangenheit erfahren wir - bis auf eine erschreckend klein gehaltene Missbrauchserfahrung aus der Kindheit - gar nichts. Und auch die Figuren selbst lassen kaum eine Entwicklung erkennen.

    So ist "Eine Liebe" ein nur in Teilen überzeugender Roman geworden, der lediglich zu Beginn die hohen Erwartungen des tollen Debüts "Quasi" erfüllen kann. Wenn meine Lieblingsfigur dieses Romans ein renitenter Wachhund ist, spricht das nicht gerade für den Sympathiefaktor des Personals, das dadurch selten einmal Identifikationspotenzial bietet.

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