Querleserin

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Wadern
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letzter Satz: ...man kann nie wissen, den kann man immer brauchen.

Zu Beginn jedes Buches erfolgt einen kurze Inhaltsangabe dessen, was geschehen wird - das steht jeweils vor dem ersten Teilkapitel (in meiner Ausgabe kursiv gedruckt).
 

Literaturhexle

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Ich habe nun das zweite Buch gehört und die Lücken gelesen. Es ist mir nicht möglich eine Zusammenfassung zu liefern. Franz versucht auf ehrliche Weise Geld zu verdienen, verdingt sich als Händler. Er scheint dabei wenig Vorbehalte zu haben. Weder die sexuell anregenden Zeitungen noch die Homosexuellen stoßen ihn ab. Er scheint sehr tolerant und auch unpolitisch zu sein. Er übernimmt die Nazi-Armbinde, um Arbeit zu bekommen. Er versucht, die jungen, heißblütigen Kommunisten zu beruhigen. Wirklich etwas gegen sie hat er nicht. Er scheint eher ein Opportunist zu sein.

Tatsächlich ist es schwer, die vielen vielen Einschübe zuzuordnen. Sie spiegeln die Zeit der späten 20er Jahre wider, im denen die junge Republik ständig neue Regierungen hatte und das Elend der einfachen Leute anstieg. Auch wenn ich mir nicht alles einprägen kann, finde ich den Text sehr authentisch.

Den brutalen Todschlag an seiner Freundin Ida traut man Franz Biberkopf, so wie man ihn bisher kennengelernt hat, nicht zu. Er wirkt doch eher wie ein recht gemütlicher, gerne ein Bierchen trinkender Mann. Dass er Ida prostituiert hat....noch schwer vorstellbar.

Die Einleitungen reimen sich teilweise und manche Liedzeile wird immer wieder eingestreut.

Ich habe gelesen, dass man das Buch mehrfach lesen müsste , um alle ausgestreuten Fadenenden am Ende verknüpfen zu können. Das will ich gerne glauben.
 

MRO1975

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Dass er Ida prostituiert hat....noch schwer vorstellbar.
Das muss ich überlesen haben. Woraus hast du das erlesen?

Die Sexualmoral scheint ja recht locker/billig. Franz bändelt ja auch mit Idas Schwester an und diese gibt sich ihm hin, obwohl sie verheiratet ist. Sex mit einer Prostituierten kostet 3 Mark, Schuheputzen oder ähnliches 2 Mark. Das sagt doch recht viel.
 

MRO1975

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11. August 2018
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Mir ist in diesem Abschnitt aufgefallen, dass noch mehr Perspektiven und Versatzstücke eingestreut werden.

S. 51 ff. werden Schilder von verschiedenen Gewerken, Ämtern usw. in Berlin abgebildet. Es folgen Text aus behördlichen Bekanntmachungen oder Zeitungen?

Es werden auch einige Geschehnisse erzählt, die mit der Haupthandlung offenbar nichts zu tun haben (S. 53 ff., 80 ff.).

Das alles dient meiner Ansicht nach dazu, uns einfach Berlin auf möglichst vielfältige Weise zu zeigen.

Auffällig sind auch die Zitate aus der Bibel (S. 51) und die wiederholten Einstreuungen von Lied- und Gedichttexten.

Ungewöhnlich fand ich auch den Vergleich mit der Geschichte um Agamemnon. Dank der Odyssee-LR sagte mit die Geschichte etwas. ;) Vielleicht kann @Querleserin uns auf die Sprünge helfen, was das für ein Stilmittel ist?

Ach so, mathematische Formeln gab es auch noch und die Newtonschen Gesetz wurden zu „njutenschen“. Ich habe nicht nachgeprüft, ob die Formeln korrekt sind...

Insgesamt gab es also viel zu entdecken.
 

MRO1975

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Sie spiegeln die Zeit der späten 20er Jahre wider, im denen die junge Republik ständig neue Regierungen hatte und das Elend der einfachen Leute anstieg. Auch wenn ich mir nicht alles einprägen kann, finde ich den Text sehr authentisch.
Das finde ich auch. Die einfachen Leute haben Angst abgehängt zu werden und habe es satt, dass Dinge über ihren Kopf entschieden werden. Daher hat sich Franz ja auch so über die Geschichte auf der Frankfurter Messe ereifert, denke ich - eigentlich ging ihn das doch gar nichts an, da er nicht betroffen war, dennoch war er gleich solidarisch und ist in den Händlerverband eingetreten, obwohl er noch gar keinen Handel hatte.
 

MRO1975

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Nicht so klar geworden ist mir, warum sich Franz ausgerechnet von den Nazis so angezogen fühlt. Mit den Sozies will er offenbar nichts zu tun haben, da nach seiner Ansicht keiner von denen im 1. WK gedient hat und er sich von denen daher wohl nicht verstanden fühlt. Aber wie ist er zu der Nazibinde gekommen?
 
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Literaturhexle

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2. April 2017
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Das muss ich überlesen haben. Woraus hast du das erlesen?
Das hat der auktoriale Erzähler im ersten Teil gesagt, als es hieß, Franz habe gesessen, weil er seine Verlobte Ida umgebracht habe. In etwa "Er hat die unbescholtene Tochter eines Schlossers zur Hure gemacht, zusammengeschlagen und umgebracht..."
Die Sexualmoral scheint ja recht locker/billig.
Berlin soll in den 20er Jahren das Mekka der Freizügigen und Homosexuellen und Andersartigen gewesen sein. Man war dort wohl sehr tolerant. Diesen Tendenzen haben die Nazis dann ein Ende bereitet.
Mir ist in diesem Abschnitt aufgefallen, dass noch mehr Perspektiven und Versatzstücke eingestreut werden
Das hat Döblin extra so gemacht. Er nennt es Montagestil. Dazu kommen die unterschiedlichen Redeformen und Perspektiven, die uns zuvor schon aufgefallen sind. Berlin ist in jener Zeit zur Metropole avanciert. Es veränderte sich viel, wurde viel gebaut. Einfache Menschen fühlten sich überfordert .Ich finde, die mitunter getriebene, hektische Atmosphäre wird sehr gut rübergebracht.
 

Literaturhexle

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Nicht so klar geworden ist mir, warum sich Franz ausgerechnet von den Nazis so angezogen fühlt. Mit den Sozies will er offenbar nichts zu tun haben, da nach seiner Ansicht keiner von denen im 1. WK gedient hat und er sich von denen daher wohl nicht verstanden fühlt. Aber wie ist er zu der Nazibinde gekommen?
Bis jetzt kommt mir Franz recht unpolitisch und opportunistisch vor. Er redet denen nach, von denen er sich einen Vorteil erhofft. Er sagte dich auch mal, er habe nichts gegen Juden. Als er aber Krawattennadeln verkaufen will, betont er seine arische Herkunft.
Er hält die Kommunisten für Faulenzer, die alles besser wissen und nicht gedient haben. Aber im Grunde würde er sie in Ruhe lassen.
 

MRO1975

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Das hat der (allwissende?) Erzähler im ersten Teil gesagt, als es hieß, Franz habe gesessen, weil er seine Verlobte Ida umgebracht habe. In etwa "Er hat die unbescholtene Tochter eines Schlossers zur Hure gemacht, zusammengeschlagen und umgebracht..."
Stimmt. Die Informationsflut ist offenbar groß. Das ist an mir vorbeigegangen. ;)
 

Querleserin

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Die Einleitungen reimen sich teilweise und manche Liedzeile wird immer wieder eingestreut.
Ich muss noch einmal auf das Experiment "Franz Biberkopf" zu sprechen kommen. In der Einleitung zum zweiten Buch verweist der auktoriale Erzähler darauf, dass Franz nur eine Gnadenfrist hat. Man wird schauen, wie er zurecht kommt, wenn es im schlechter geht, ob er dann auch noch anständig bleiben kann.

Ich habe gelesen, dass man das Buch mehrfach lesen müsste , um alle ausgestreuten Fadenenden am Ende verknüpfen zu können.
Die "Versatzstücke" sind wirklich vielfältig und sicherlich nicht beim ersten Mal alle zu erfassen. Immer wieder die eingestreuten Bibelstellen: Dieses Mal die Schilderung des Paradieses zu Beginn, der Zustand, in dem sich Franz mehr oder weniger zurzeit befindet. Aber die Vertreibung wird folgen, noch ist alles "nicht schwer", wie es in dem Kinderlied heißt - noch unbeschwert.
Die Bilder zu Beginn des Buches zeigen die Komplexität der Stadt Berlin, dazu dienen, wie ihr schon geschrieben habt die vielen verschiedenen Eindrücke und Textbausteine, die uns diese geschäftige Metropole mit all ihren Unruhen - auch den politischen- verdeutlichen will. Das ist teilweise schon schwierig zu lesen und verstehen. Zu Beginn des 2.Buches gibt der Erzähler die Unterhaltungen auf dem Rosenthaler Platz wider - die Gleichzeitigkeit des Geschehens wird durch diese Montage fast erlebbar, verschiedenen Personen werden vorgestellt, kleine Geschichten erzählt, bis endlich Franz Biberkopf, als einer unter vielen wieder auftritt.
Der naiv wirkende Franz ist begeistert vom Redner beim Handelsverein, reden zu können, scheint ihm erstrebenswert und er lässt sich von diesem einwickeln. Er ist verführbar. Gleichzeitig erklärt er seinem Freund, wie wichtig es sei, sich aus allem herauszuhalten. "laß dich nicht mit die Menschen ein, geh deiner eigenen Wege." Und "anständig" will er bleiben.
Dazu gehört für ihn auch die Ordnung:
"Er hat nichts gegen die Juden, aber er ist für Ordnung. Denn Ordnung muß im Paradiese (Verweis auf die Einleitung) sein, das sieht ja wohl ein jeder ein. Und der Stahlhelm, die Jungens hat er gesehn, und ihre Führer auch, das ist was."
Die Faszination für den NS ist bei Franz spürbar - es ist kein reiner Opportunismus.
@MRO1975, der Vergleich mit dem antiken Helden Orestes dient als Kontrast zu Franz Situation, da letzterer nicht von seinem schlechten Gewissen bzw. den "Erinnyen" geplagt wird. Es ist ein intertextueller Verweis - die Leser*innen, die den antiken Text kennen, können einen Bezug zu Franz Situation herstellen.

Die wissenschaftlichen Bezüge habt ihr schon herausgestellt - besonders auffallend fand ich die Beschreibung von Idas Verletzungen, wie es zu ihrem Tod kam - wie ein Obduktionsbericht liest sich das - dadurch schafft der Autor Distanz, so dass man sich nicht emotional auf den Text einlässt ;)
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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die Gleichzeitigkeit des Geschehens wird durch diese Montage fast erlebbar, verschiedenen Personen werden vorgestellt, kleine Geschichten erzählt, bis endlich Franz Biberkopf, als einer unter vielen wieder auftritt.
Das bleibt auch bis zum Ende erhalten. Für mich ist das literarisch sehr wertvoll konstruiert. Man kann dieses lebendige, vielseitige Berlin auf diese Weise erleben!

Ab dem.3. Buch kann ich das Hörbuch empfehlen. Es ist wahnsinnig authentisch und hervorragend gelesen. Die Kürzungen scheinen nur Teil 1 und 2 zu betreffen. Warum man gekürzt hat, weiß kein Mensch:confused:
 

Helmut Pöll

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9. Dezember 2013
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München
Den brutalen Todschlag an seiner Freundin Ida traut man Franz Biberkopf, so wie man ihn bisher kennengelernt hat, nicht zu. Er wirkt doch eher wie ein recht gemütlicher, gerne ein Bierchen trinkender Mann. Dass er Ida prostituiert hat....noch schwer vorstellbar.
Also mir geht es da etwas anders. Mir ist dieser Franz Biberkopf nicht besonders sympathisch. Es ist auch nicht die eine Sache, an der ich es festmachen kann. Vielleicht ist es eher die Abwesenheiten von Eigenschaften, die mich für ihn einnehmen könnten. @Literaturhexle
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Mir ist dieser Franz Biberkopf nicht besonders sympathisch.
Er wird auch keinesfalls als Sympathieträger aufgebaut. Er hat seine Anstellung verloren, wie viele in dieser Zeit. Nun schlägt er sich so durch. Viel über sein Leben VOR dem Zuchthaus erfährt man bis zum Ende des Buches nicht.

Franz lebt so in den Tag hinein. Er hat ein paar Grundprinzipien, zum Beispiel will er ehrlich bleiben. Später wird man sehen, dass er auch kein Verräter ist.

Aber er ist sehr gutgläubig und teilweise naiv. Manchmal auch cholerisch. Aber so richtig BÖSE ist er nicht.
Aber lest selbst ;)
Ich bin heute fertig geworden. Für mich ein klares 5-Sterne-Buch ☆☆☆☆☆
 

ElisabethBulitta

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8. November 2018
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Das finde ich auch. Die einfachen Leute haben Angst abgehängt zu werden und habe es satt, dass Dinge über ihren Kopf entschieden werden. Daher hat sich Franz ja auch so über die Geschichte auf der Frankfurter Messe ereifert, denke ich - eigentlich ging ihn das doch gar nichts an, da er nicht betroffen war, dennoch war er gleich solidarisch und ist in den Händlerverband eingetreten, obwohl er noch gar keinen Handel hatte.

Ähnlich habe ich es auch verstanden bzw. empfunden. In dieser Hinsicht scheint Biberkopf mir ein einfaches Gemüt zu sein, ein Mitläufer, der sich von anderen beeindrucken lässt, ohne hinter das Ganze zu sehen - entweder, weil er unfähig ist, nicht über das nötige Hintergrundwissen verfügt, oder aber weil es ihm schlichtweg egal ist. Hauptsache ich vertrete eine Meinung. Wahrscheinlich eine Mischung aus beidem.
In gewisser Weise hat mich diese Szene an die heutige Zeit erinnert (wobei es wahrscheinlich auch ein Phänomen ist, das sich durch die Menschheitsgeschichte zieht): Präsentation ist alles, eine Meinung zu haben ebenfalls ... Hauptsache ich stelle was dar. Der Inhalt ist einerlei.
 

ElisabethBulitta

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8. November 2018
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Auch nach dem zweiten Buch habe ich noch so meine Probleme mit der Lektüre.
Es gibt schon Stellen, die mich beeindrucken, Idas Tod z.B. Wie er so rein wissenschaftlich dargestellt wird, ohne Emotionen. Erschreckend.
Franz Biberkopf ist mir absolut unsympathisch. Da nützt es für mich auch nichts darüber nachzudenken, dass er im Grunde ein armer Kerl ist.
Für mich ist er ein Sinnbild des Proleten im abwertigen Sinne (eigentlich nehme ich dieses Wort nicht in den Mund). Er ist grobschlächtig, ungehobelt, "verlottert"(steht auch irgendwo), hat ein gestörtes Verhältnis zu Frauen, versäuft das Geld, so wie er es verdient, ist cholerisch, vergnügungssüchtig ... und schafft es nicht einmal, Mitleid in mir zu erregen. Hat Döblin das intendiert? Ich glaube, ich müsste mir wirklich eine Lektürehilfe besorgen.
Aber auch die Gesellschaft, wie sie dargestellt ist, ist ganz und gar nicht mein Fall. Dieses ständige "Trink, trink, Brüderchen trink" ist für mich ein Zeichen der Vergnügungssucht, Flucht aus der Realität, man möchte sich den Problemen und Sorgen nicht wirklich stellen. Ich weiß, warum ich was gegen Alkohol habe ... Zudem fehlt es mir einfach an Ästhetik.

Probleme habe ich auch mit den vielen Bezügen zur griechischen Mythologie. Namen wie Agamamnon, Orestes etc. sagen mir schon etwas, aber ich müsste alles erst noch einmal nachlesen.
 

kingofmusic

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Das zweite Buch fand ich etwas anstrengender zu lesen als das erste. Keine Ahnung ob es an dem Montagestil liegt oder weil man wirklich genau lesen muss, wer was sagt oder denkt.
Nichts desto trotz finde ich den Roman faszinierend, weil er so authentisch das Großstadtflair und die Atmosphäre der 1920er Jahre rüber bringt, dass man als Leser mittendrin statt nur dabei ist!
 

kingofmusic

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30. Oktober 2018
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Was ich auch noch sehr interessiert fand, war das Gedicht, welches Franz von seinem Knastbruder rezitiert (S. 97). Werde ich mir auch noch ein paar Mal durchlesen; vielleicht ergibt sich dann hier noch Gesprächsstoff :D.
 

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