Wo ist ein wirklich lesenswerter deutscher Roman? – Eine Nachfrage

wolfmann

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14. Juni 2014
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Hallo,
kann denn keiner mehr einen deutschsprachigen Roman vorlegen, bei dem alle, oder doch wenigstens die meisten, zustimmend nicken können. Ich jedenfalls sehe ihn nicht, und denke wehmütig an früher. Denke an „Berlin Alexanderplatz“, an den „Zauberberg“ und auch noch an „Die Blechtrommel“.
Danach kam nichts Fundamentales mehr. Nichts von Grass, von Böll, von Johnson, und schon gar nicht von Walser (um nur mal die bekanntesten Autoren zu nennen). Es kam ein bisschen was von Dürrenmatt, von Frisch und von Bernhard. Das war es denn schon, was sich aus dem Mittelmaß heraushob..
Also wo ist es, dieses eine alles verbindende deutschsprachige Werk?
Anderswo finden wir doch auch etwas!
Nehmen wir doch nur Tabucchi mit „Erklärt Pereira“, Marias mit „Mein Herz so weiß“ oder Franzen mit „Die Korrekturen“, oder (gerade erst in Deutsch erschienen, obwohl schon vor gut fünfzig Jahren in den USA geschrieben) doch auch Williams mit „Stoner“.
Gerade dieser Roman zeigt mir, was ein wirklich gutes Buch bieten sollte, nämlich, dass es glaubwürdig ist, dass man mitfühlen kann, dass es unterhält und dass es nicht gar zu viele gewollt literarische Wendungen („Schreibe klar und wahr!“) einbringt.
Mehr verlange ich gar nicht, aber diese paar Punkte sollten doch zu annähernd einhundert Prozent erfüllt sein.
Zeige mir nun einer einen deutschsprachigen Autor (aber natürlich ist hier auch eine Autorin gemeint), der dies in den letzten fünfzig Jahren hinbekommen hat!
Grüße
Wolf
 

Helmut Pöll

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9. Dezember 2013
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Hallo,
kann denn keiner mehr einen deutschsprachigen Roman vorlegen, bei dem alle, oder doch wenigstens die meisten, zustimmend nicken können.
...
Also wo ist es, dieses eine alles verbindende deutschsprachige Werk?
Anderswo finden wir doch auch etwas!
Nehmen wir doch nur Tabucchi mit „Erklärt Pereira“, Marias mit „Mein Herz so weiß“ oder Franzen mit „Die Korrekturen“, oder (gerade erst in Deutsch erschienen, obwohl schon vor gut fünfzig Jahren in den USA geschrieben) doch auch Williams mit „Stoner“.

Ich finde schon, dass es aktuell viele sehr lesenwerte Bücher gibt. Aber Du meinst vermutlich dieses eine Hammerwerk, so wie es vor über 20 Jahren "Das Parfum" war, das wirklich alle gelesen hatten und das in 40 Sprachen übersetzt worden ist. @wolfmann

Spontan fällt mir "Der Vorleser" ein, bei dem dieses zustimmende Nicken stattgefunden hat. Der hat es immerhin in die Bestsellerliste der new York Times geschafft. Oder das schon erwähnte Parfum. Ansonsten sind deutschsprachige Bücher in ausländischen Bestsellerlisten tatsächlich die Ausnahme.

Zugegeben ist "Der Vorleser" ein eher dünnes Büchlein, kein Zauberberg. Solche Kaliber wie Thomas Mann gibt es einfach im deutschsprachigen Raum nicht mehr.

Zur Begründung höre ich häufig die Argumentation, dass Angelsachsen nichts Ausländisches lesen, weil sie selber genug Lesestoff haben. Hmm. Wenn ich durch die Hallen von Hugendubel gehe springen mir zuerst ein Dutzend amerikanische Übersetzungen ins Auge und das sagt mir, dass die Verlagsbranche hierzulande stärker ins Ausland schielt, als das in anderen Ländern umgekehrt der Fall ist. Das würden Amerikaner oder Franzosen so nicht tun.

Fairerweise muss man vielleicht auch sagen, die Reihen der Literatur-Mammuts sind überall ausgedünnt. Die Russen haben aktuell auch keinen Tolstoi oder Gogol.
 
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Rainer Zenz

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Wichtige Romane sind doch auch nach der Blechtrommel noch geschrieben worden. Ich glaube, es liegt weniger an den Autoren als an gesellschaftlichen Veränderungen, dass es keine »Großschriftsteller« und »großen Romane« mehr gibt. Die Gesellschaft ist sehr viel vielfältiger und offener geworden als sie noch vor fünfzig Jahren war. Und es gibt nicht mehr nur Literatur, sondern auch Film, Fernsehen, Internet ... Da fällt es einer Gesellschaft schwerer, sich auf bestimmte Künstler oder Werke zu fokussieren, zu einigen. Das ist ja nicht nur in der Literatur so.
 

wolfmann

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14. Juni 2014
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Hallo,
ja, es ist wohl wahr und klar, dass es keine „Großschriftsteller“ mehr geben kann. Die Zeiten sind einfach nicht mehr danach. Aber es müsste doch noch Schriftsteller geben, die sich, angemessen für diese Zeit, adäquat schreibend äußern können, also nicht unbedingt soooo umfangreich, aber glaubwürdig, authentisch und unterhaltsam. Aber ich sehe dies leider nicht, hier im deutschsprachigen Raum. Hier vergeudet man lieber seine Zeit mit Regionalkrimis, mit Frauenliteratur, mit Horror- oder Vampir-Romanen (dieses war nun nicht ganz ernst gemeint, reden wir doch über Literatur).
Aber vielleicht ist es doch einfach so, dass wir zu „gesättigt“ sind, und zwar in jeder Hinsicht. (Genauso wie unsere Fußballprofis, diese „Milchreisbubis“.) Vielleicht hat man so gar nicht mehr das Verlangen nach Beobachtung, nach Analyse, nach Entwicklung, nach Zukunft, also das Verlangen sich fundiert schreibend zu äußern, sich also wirklich zu äußern, und nicht nur in einhundertundvierzig Zeichen.
Grüße (auch an Helmut und Rainer)
Wolf
 
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Rainer Zenz

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16. Mai 2014
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Das klingt mir einen Zacken zu kulturpessimistisch. Ich wage nicht zu behaupten, dass unter den jährlich 80.000 deutschsprachigen Neuerscheinungen keine großartige, relevante Literatur ist. Die 80.000 sind natürlich nicht alle überhaupt Literatur, und die ist zum Großteil übersetzt. Aber es bleibt immer noch mehr übrig, als man überblicken kann.

Noch ein Gedanke zum Gesellschaftlichen: In westlichen Gesellschaften gelten Ideologien, Religionen und strikte Konventionen nicht mehr sehr viel – zum Glück. Auch wenn eine gewisse Sehnsucht danach spürbar ist, gibt es viele damit verbundene Reibungsflächen lange nicht mehr so, was das Potenzial für Dramen, Tragödien, Heldengeschichten und Revolutionen verringert. Wohlgemerkt hier, nicht überall. Solche Bücher können also hier nicht mehr glaubhaft über uns geschrieben werden.
 

wolfmann

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Hallo,
zum „Gesellschaftlichen“ sei gesagt: Natürlich haben sich hier „Strukturen“ entwickelt, die es schwer möglich machen sich elementar („Es muss mich ergreifen.“), oder meinetwegen auch authentisch, literarisch zu äußern. Aber anderswo gibt es doch so etwas noch, nur eben hier nicht mehr, im deutschsprachigen Raum. Wenn ich beispielsweise Genazino, Ortheil oder Timm lese, dann werde ich häufig gut unterhalten, aber letztlich fehlt immer etwas. Es ist das, was ich früher schon mal mit „gesättigt“ meinte. Es fehlt das Elementarische, das Authentische, ... denn wir sind satt.
Aber vielleicht erwarte ich ja auch zu viel.
Gruß
Wolf
 

Helmut Pöll

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Aber vielleicht ist es doch einfach so, dass wir zu „gesättigt“ sind, und zwar in jeder Hinsicht.

Zwei Anmerkungen noch, @wolfmann :

  1. "Große" Bücher gelten oft erst im Nachhinein als groß. Moby Dick, heute einer der Klassiker schlechthin, bekam zu Lebzeiten Melvilles vernichtende Kritiken.
  2. Eventuell ist der Nährboden für Bücher, die später zu Klassikern werden, furchtbares Leid. "Onkel Toms Hütte", "Das Geisterhaus", "Krieg und Frieden" oder der "Archipel Gulag" könnten in dieser Form vermutlich heute nicht mehr entstehen, weil sich die Zustände, die der Empörung in diesen Büchern zugrunde liegen, doch deutlich gebessert haben (auch wenn sie natürlich noch nicht ideal sind).

 
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Hallo, @Helmut Pöll
ja, da ist sicherlich etwas dran. Es bedeutet aber auch, konsequent weiter gedacht, dass wir hier in diesem Land keine "ergreifende" Literatur mehr erwarten können. Oder doch nur noch von jenen, die sich in einer existentiellen Notsituation (was sicherlich schlimm für sie ist) befinden. Das ansonsten alles auf mehr oder weniger gute Unterhaltung hinaus läuft. ... Eigentlich erwartet man von Literatur doch mehr!
Gruß
Wolf
 
20. Mai 2014
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Wenn ich mir die Vorkommnisse in Zentral- und Ostafrika ansehe, dann sehe ich Leid, Leid und nochmals Leid. @Helmut Pöll

In unserem Teil der Welt, dem deutschsprachigen hatten wir seit Ende des Tausendjährigen Reichs (1945) Frieden und mindestens teilweise wachsenden Wohlstand. Es ist wohl schon so, dass "Ein voller Bauch denkt nicht gern" stimmt. ...
 

Helmut Pöll

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Wenn ich mir die Vorkommnisse in Zentral- und Ostafrika ansehe, dann sehe ich Leid, Leid und nochmals Leid. @Helmut Pöll
.
Absolut. Nur, wenn man nicht weiß, wie man den nächsten Tag überlebt, denkt man erstmal nicht ans Bücherschreiben. Literatur und auch unser Bedauern, dass sie manchmal nicht so ist, wie wir es uns wünschen, ist eindeutig ein Luxusproblem. Und: vielleicht kommen die nächsten Tolstois ja tatsächlich aus Afrika.
 

wolfmann

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Hallo,
Richtig. Aber doch nicht die ganze Wahrheit, denn da zu sehr auf das allgemein gesellschaftliche fixiert. Das Individuelle kommt dabei eindeutig zu kurz. Siehe die Romane: Tabucchi mit „Erklärt Pereira“, Marias mit „Mein Herz so weiß“ oder Franzen mit „Die Korrekturen“, und doch auch und besonders Williams mit „Stoner“. Also: Ein voller Bauch denkt durchaus auch mal gern, nur kaum hier in diesem Land. Und dies war ja meine Ausgangsthese. (by the way: Der Vorleser und das Parfum sind gute Bücher, aber keine überragenden, ... finde ich jedenfalls, ... irgendetwas fehlt da, ... vielleicht zu viel Intellekt und zu wenig existentielle Erfahrung.)
Gruß
Wolf
 

Helmut Pöll

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Also: Ein voller Bauch denkt durchaus auch mal gern, nur kaum hier in diesem Land. Und dies war ja meine Ausgangsthese.

Das ist mir irgendwie zu einfach. Ich glaube jetzt nicht unbedingt, dass ein voller amerikanischer oder peruanischer Bauch lieber denkt.

(by the way: Der Vorleser und das Parfum sind gute Bücher, aber keine überragenden, ... finde ich jedenfalls, ... irgendetwas fehlt da, ...

Womit wir wieder beim Geschmack wären. Ich halte das Parfüm tatsächlich für ein überragendes Buch, im Gegensatz zu den Korrekturen ;), die mich eher ein wenig gelangweilt haben. Und "Mein Herz so weiß" fand ich, um es freundlich zu formulieren, "mühsam".
 
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wolfmann

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Hallo,
ja, wie es so ist mit dem Geschmack, und das auch okay so. Aber unabhängig davon, bin ich schon überzeugt, dass es in der deutschsprachigen Literatur zu viel Intellekt, zu viel Gewolltes, aber zu wenig Existentielles gibt. ... Aber ich denke wir drehen uns langsam im Kreis, zumal vielfach das Sowohl als Auch schwer zu widerlegen bzw. zu beweisen ist.
Gruß
Wolf
 

Renie

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Hallo zusammen,

ich habe mit Interesse euren Schagabtausch verfolgt. Dabei ist mit aufgefallen, dass ihr euch immer mehr richtig Kulturpessimismus und Gesellschaftskritik bewegt habt - schwer aus der Nummer rauszukommen. Ihr dreht euch tatsächlich im Kreis. Für mich steht erst mal im Vordergrund, was ein gutes (deutsches) Buch ausmacht. Und diese Frage kann eigentlich nur jeder für sich beantworten. Nicht jedes Werk, das irgendein mehr oder weniger namhafter Literaturkritiker als "großes" Buch bezeichnet, empfinde ich als solches. Da gibt es für mich andere Maßstäbe, und die sind rein subjektiv. Ein Buch, das mich in letzter Zeit z. B. umgehauen hat, ist " Die Bücherdiebin" von Markus Zusak. Dieses Buch hat mich berührt und hat bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen. Das macht es für mich zu einem "großen" Buch, egal was die Literaturkritik vorgibt. :rolleyes:

VG Renie
 

wolfmann

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14. Juni 2014
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Hallo,
ja, es ist richtig, dass man aus so einem Kreis wieder herauskommt. Aber nichtsdestotrotz ist es doch gut, dass man fundierte andere Meinungen hören kann (wie man dazu steht, ist dann doch wieder eine andere Sache).
Noch ein Wort zur Subjektivität: Diese spielt ganz sicher eine Rolle, ... immer, allerdings geht mir dies "rein subjektiv" dann doch zu weit. Ein paar objektive Kriterien müssen denn doch sein.
Gruß
Wolf
PS: "Die Bücherdiebin" kenne ich nicht
 

Rainer Zenz

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16. Mai 2014
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»Lesenswert« ist schon subjektiv. Aber du meinst offenbar was anderes, dir geht es wohl um Relevanz. Ich bezweifle, ob man die so einfach objektiv bestimmen kann. Dazu gehört sicher, dass ein Buch viele ganz unterschiedliche Menschen nicht nur anspricht, sondern nachhaltig bewegt und Diskussionen anstößt. In die Richtung. Wenn diese Wirkung auch noch lange anhält, dann hat so ein Buch das Zeug zum »Klassiker«.
 

wolfmann

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Hallo,
"nachhaltig bewegt und Diskussionen anstößt" ist gut, denn ich behaupte, wenn ein Autor oder eine Autorin mit "Herzblut" (um mal diesen alten Ausdruck zu gebrauchen) schreibt, dass man dies dann auch merkt, und dass dies dann auch schon ein objektives Kriterium ist. Wobei ich das mit der Objektivität weiß Gott nicht übertreiben will. Ehrlich gesagt, habe ich bei so manchem Autor/Autorin und auch bei manchen professionellen Kritikern/Kritikerinnen den Eindruck, das sie nur noch schreiben, weil sie sonst nichts anders gelernt haben. Und da kommt dann schon naturgemäß zu viel Objektivität ins Spiel, ... was langweilig, was schlecht ist.
Gruß
Wolf
 

wolfmann

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Hallo,
sicherlich lese ich seit Jahrzehnten und schreibe seit Jahren, allerdings für die Schublade. Dann habe ich vor knapp einem Jahr begonnen nach und nach zu veröffentlichen, nämlich bei neobooks: http://www.neobooks.com/search unter Wolf Mann, und auch bei Amazon sind die Bücher zu finden.
Gruß
Wolf