Was macht für euch einen guten Krimi aus?

Joyce Summer

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28. Oktober 2015
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Moin zusammen,

ich würde gerne mal von den hier versammelten Viellesern hören, wie eure Meinung zu dem Thema ist:

Was macht einen guten Krimi aus?

Hier sind ein paar Fragen, die ich mir dazu gestellt habe.

Lieber Cosy oder Hard Core?
Muss ein Krimi vor Blut und Leichen nur so überquellen? Oder darf es auch gemütlich zu gehen? Wollt ihr den Tod in all seiner Deutlichkeit beschrieben haben? Soll ein Krimi Gänsehaut und schlaflose Nächte bereiten?

Wie sollen die Charaktere sein?
Brauche ich Protagonisten, mit denen ich mich identifizieren kann? Oder kann der Kommissar, Ermittler oder – wer auch immer das Verbrechen aufklären will – unsympathisch, gebrochen oder sogar selber kriminell sein?

Welche Rolle spielt der Ort des Geschehens?
Wie wichtig ist euch der Ort des Geschehens? Soll der Autor den Ort genau beschreiben? Oder spielt er eher eine untergeordnete Rolle? Mögt ihr lieber Krimis, die in warmen Ländern spielen?
Oder den Krimi, der in der Heimat, im Ort um die Ecke spielt, so dass man vielleicht etwas wiedererkennt? Oder doch lieber den klassischen Skandinavien Krimi?

Und was ist mit der Stimmung?
Soll der Krimi eher düster sein? Oder darf es auch mal mit einem Augenzwinkern zu gehen?

Wollt ihr einen realen Bezug?
Kann der Krimi völlig der Fantasie des Autors entspringen, oder mögt ihr es lieber, wenn es einen realen Bezug auf reale Ereignisse und Personen gibt?

Seid ihr Mitrater?
Wie steht es damit? Soll der Täter eine der Hauptfiguren sein? Die Hinweise im Text so, dass man die Chance hat mitzuraten? Oder spielt das keine Rolle und auch wenn der Mörder jemand ist, der erst am Ende des Buches eingeführt wird, nehmt ihr das dem Autor nicht übel?

Vielleicht fallen euch noch ganz andere Dinge ein, die für euch einen guten Krimi ausmachen. Ich bin gespannt.

Meine Meinung zu dem Thema habe ich vor einiger Zeit in meinem Blog geposted.

Ich freue mich auf eine rege Diskussion :).
 
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Sakuko

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Lieber Cosy oder Hard Core?
Ich mag lieber Cosys, weil es mir um die sozialen Aspekte geht, aber nicht zu cosy, weil echte cosy mysteries meist gar keine Morde beinhalten.
Wenn die Morde zu blutig geschrieben werden ist es für mich eher Thriller.

Wie sollen die Charaktere sein?
Glaubwürdig und sympathisch. Ich möchte keine perfekten Ermittler, aber jemand den ich verstehen und mögen kann. Gewisse Fehler, Probleme etc. sind ok, sogar nötig,, ernsthaft kriminell (im Gegensatz zu setzt sich schon mal über Prozeduren hinweg) finde ich wenig sympathisch, auch echt schwerwiegende Probleme, die dann viel Seitenzeit einnehmen, mag ich nicht. Es sollte nicht primär um den/die Ermittler und deren Schwierigkeiten gehen.


Welche Rolle spielt der Ort des Geschehens?
Lege ich keinen Wert besonderen drauf. Natürlich sollte der Ort des Geschehens adäquat beschrieben werden, aber ich erwarte keine akkurate Beschreibung realer Orte, ich kann auch gut mit ausgedachten Orten leben.

Wobei exotische Orte (im Sinne von wird selten als Backdrop benutzt) natürlich wieder einen gewissen Reiz ausüben, mal etwas über ein anderes Land zu erfahren. Aber dann muss der Autor auch wissen, wovon er redet. Wenig stört mich mehr, als wenn ein Land das ich kenne schlecht wiedergegeben ist.

Und was ist mit der Stimmung?
Ich mag Krimis lieber locker gehalten, durchaus auch mal etwas lustig.
Oder den typisch englischen Krimi, der eher das Umfeld des Opfers beleuchtet, die Umstände die zur Tat geführt haben, als sehr alltägliche Stimmung, nicht zu düster, nicht zu flapsig

Wollt ihr einen realen Bezug?
Nein, lieber was ausgedachtes.

Seid ihr Mitrater?
Ich rate nicht mit, aber ich finde man sollte eine gewisse Chance haben zu raten, wer es war. Also am Ende eine unbekannte Person aus dem Hut zu zaubern, die es dann war, ist nicht so spannend.


Generell mag ich auch lieber historische Krimis im viktorianischen Zeitalter, weil da auch der soziale Aspekt generell wichtiger ist (gab ja noch nicht so viel Forensik).
Wichtig ist mir immer das alles wissenschaftliche, forensische korrekt und verständlich wiedergegeben wird. Ich mag es nicht wenn der Gerichtsmediziner irgendwas von sich gibt was keinen Sinn macht, oder wo die Schlussfolgerung dann völlig zufällig ist.
 

Helmut Pöll

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Wann ich im Rückblick einen Krimi gut finde, das hängt eigentlich nicht von einer einzelnen Sache ab, @Joyce Summer . Bei #harry quebert beispielsweise waren es die Vielschichtigkeit der Geschichte und die Spannung bis zum Ende, die mich beeindruckt haben. Mir hat gefallen, dass #joel dicker auch ganz „normale“ Menschen mit ihren Schwächen, Fehlern und ihrer Vergangenheit geschildert hat, die durch eine Verkettung von Zufällen in ein Verbrechen mit hineingezogen wurden.

>>Muss ein Krimi vor Blut und Leichen nur so überquellen?
Das stößt mich sogar eher ab. Ich sage mir dann immer, wer als Autor diese Gewaltorgien braucht, der kann sich wohl sonst keine spannende Geschichte ausdenken. Es ist wie mit diesen Filmen, die eigentlich kaum Handlung haben, die Schauspieler sind schlecht, die Dialoge fad, aber die Special Effects haben 500 Millionen gekostet.

>>Wie sollen die Charaktere sein?
Authentisch, also nicht immer nach Schema F konstruiert. Den Ermittler mit kaputter Ehe und Alkoholproblemen finde ich nicht mehr besonders prickelnd.

>>Welche Rolle spielt der Ort des Geschehens? Wollt ihr einen realen Bezug
Jeder Ort kann interessant sein. Es kommt auf das Drumherum an. Leichen im Dorfteich finde ich eher unspannend. Ich glaube es gibt kein perfektes Kochrezept für einen guten Krimi. Letztlich spiegeln sich in jedem Buch Lebenserfahrung, Fantasie, Empathie, Werte und Denkschema des Autors. Hat der Autor wenig Empathie, werden seine Figuren genauso hölzern sein. Hat er keine Fantasie, dann hilft auch kein noch so ausgefallener Ort.

Der Autor soll auch nicht versuchen mich zu beeindrucken. Entweder bin ich beeindruckt oder nicht. Die Geschichte soll aber nicht aufgesetzt wirken.

Um nochmal auf den Dorfteich zu kommen: #agatha christie hätte ihren Hercule Poirot im Schlamm zwischen Schafen herum schlurfen lassen, sich über schlechtes Schuhwerk mokieren und auf das Wetter schimpfen – und es wäre vermutlich ein Klassiker geworden.
 
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Hallo @Joyce Summer !
Ich würde da den Ausführungen von @Helmut Pöll in Gänze zustimmen. Schöner hätte ich es auch nicht ausformulieren können.

In letzter Zeit lese ich nicht so viele Krimis, aber insgesamt kommen schon einige zusammen. Mir geht es da wirklich um die Geschichte. Gern habe ich einen Mord, der dann intelligent aufgelöst wird. Wenn ich im Verlauf noch Angst um die Ermittler haben muss, das ist meine Sache nicht. Interessante Charaktere sind das Salz in der Suppe...

Der Ort der Handlung spielt keine Rolle für mich. Wenn ich einen Krimi lese, sollte er schon ernst sein (das Lustige im Buch ist meine Sache nicht), aber eben nicht so viele Thrill-Elemente enthalten.

Ich hoffe, Du kannst dir ein Bild machen ;)
 

Joyce Summer

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Moin Sakuko,

echt schwerwiegende Probleme, die dann viel Seitenzeit einnehmen, mag ich nicht. Es sollte nicht primär um den/die Ermittler und deren Schwierigkeiten gehen.

Dem kann ich mich nur anschließen. Warum müssen Ermittler immer Alkoholprobleme haben, in zerrütteten Ehen oder in Scheidung leben? Fast jeden, den man fragt, liegt ein solcher Ermittler eher nicht. Warum tauchen sie dennoch immer wieder in den Krimis, ob Fernsehen oder im Buch, auf?

LG, Joyce
 
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Joyce Summer

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Moin Helmut,
Um nochmal auf den Dorfteich zu kommen: #agatha christie hätte ihren Hercule Poirot im Schlamm zwischen Schafen herum schlurfen lassen, sich über schlechtes Schuhwerk mokieren und auf das Wetter schimpfen – und es wäre vermutlich ein Klassiker geworden.

Ja, es kommt dann doch manchmal auf den Namen des Autors an... Aber ich muss mich auch als großer Fan von Inspektor Barnaby outen. So eine kleine verwunschene englische Ortschaft, wo jeder jeden kennt, und dann eine Leiche nach der anderen... Finde ich immer wieder schön! Obwohl ich den "alten" Barnaby besser fand als den neuen.
LG,
Joyce
 
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Moin Literaturhexle :)
Mir geht es da wirklich um die Geschichte. Gern habe ich einen Mord, der dann intelligent aufgelöst wird.

Ja, das finde ich auch. Neulichst habe ich einen Krimi gelesen, wo der Mord und die Auflösung so profan war, dass ich dachte, das hätte man sich auch schenken können. Total durchsichtiger Plot und wenig spannend.
Schlimm finde ich aber auch, wenn der "Mörder aus dem Hut" präsentiert wird. Jemand, der in keiner Weise vorher eine Rolle gespielt hat und auf einmal heißt es "Das ist jetzt der Mörder". Dann fühle ich mich wirklich vom Autor betrogen.
LG,
Joyce
 
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Moin Sakuko,



Warum müssen Ermittler immer Alkoholprobleme haben, in zerrütteten Ehen oder in Scheidung leben?

Die Macher wollen aber vielleicht auch ein wenig gesellschaftliche Realität im DEN Krimi einflechten. Viele Paare sind geschieden, haben Probleme mit Kinderbetreuung, Berufstätigkeit etc. Andere flüchten zum Alkohol.

Das mag hier und da übertrieben sein. Aber da sehe ich die Ursache. Der Beruf des Kommissars ist wegen seiner unregelmäßigen Arbeitszeiten evtl. Auch besonders krisenanfällig...

Mich hat das bislang nicht gestört. Es bringt, wenn auch die Nebenhandlung schlüssig gemacht ist, ein bisschen Salz in die Suppe.
 

Joyce Summer

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Ich tippe mal auf die Nachahmeritis. Irgenwann gab es vermutlich mal einen höchst erfolgreichen Thriller mit einem Ermittler mit privaten Problemen. Das haben dann alle nachgemacht und schließlich ist es geblieben.
Wahrscheinlich hast du recht. Hercule Poirot oder Miss Marple waren es wahrscheinlich nicht, ich tippe da eher auf Marlowe ;-)
 
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Die Macher wollen aber vielleicht auch ein wenig gesellschaftliche Realität im DEN Krimi einflechten. Viele Paare sind geschieden, haben Probleme mit Kinderbetreuung, Berufstätigkeit etc. Andere flüchten zum Alkohol.

Das mag hier und da übertrieben sein. Aber da sehe ich die Ursache. Der Beruf des Kommissars ist wegen seiner unregelmäßigen Arbeitszeiten evtl. Auch besonders krisenanfällig...

Mich hat das bislang nicht gestört. Es bringt, wenn auch die Nebenhandlung schlüssig gemacht ist, ein bisschen Salz in die Suppe.

Sicher, der Job des Kommissars ist heftig und der ein oder andere Kommissar, den ich kenne, hat auch Probleme mit den Frauen (Alkoholprobleme dagegen nicht). Früher sah ich es so wie du, wenn es die Haupthandlung nicht stört, ist es ok. Mittlerweile, wahrscheinlich weil es einfach zu oft als Element verwendet wird, stört es mich nur noch.
 
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Xirxe

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19. Februar 2017
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Ich schließe mich hier @Helmut Pöll und @Literaturhexle voll und ganz an. Es gibt Krimis, die völlig blutleer sind ;) aber trotzdem total spannend.
Leider konnten wir zu diesem Buch keine Daten ermitteln.
ist beispielsweise ein Briefroman, aber nach meinem Geschmack total spannend.
Vielleicht sind die ErmittlerInnen auch deshalb so häufig drogen- oder alkoholabhängig, damit sie nicht als solche Supermänner bzw. -frauen dastehen. Solche perfekten Menschen sind doch im Normalfall viel uninteressanter als die mit Brüchen in ihren Lebensläufen.
 
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