Trüber Tag Feld - Kerker (Ende Faust I)

Querleserin

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30. Dezember 2015
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Wadern
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Auffällig an Trüber Tag Feld ist, dass dieser Teil nicht in Versen konzipiert ist, sondern in Prosa, um die innere Zerrissenheit Fausts besonders deutlich zu machen.
Faust ist verzweifelt, nachdem er erfahren hat, dass Gretchen als „Missetäterin im Kerker“ (S.137, Z.3) sitzt und wirft Mephisto vor, ihm das verheimlicht zu haben und für ihr Schicksal verantwortlich zu sein.
Sie hat in ihrer Verzweiflung ihr Kind getötet, d.h. seit Fausts Flucht sind 9 Monate vergangen.

Mephisto weist die Vorwürfe zurück und erinnert ihn an die Wette: „Drangen wir uns dir auf, oder du dich uns?“ sowie „Wer war´s, der sie ins Verderben stürzte? Ich oder du?“
Mephisto erinnert ihn daran, dass er sich in der Stadt in Gefahr begibt, da er wegen des Mordes an Valentin unter „Blutschuld“ ist. Trotzdem bittet Faust ihn, ihm bei der Befreiung Gretchens zu helfen. Mephistos Macht ist jedoch beschränkt, so dass Faust sie „mit Menschenhand“ aus dem Kerker herausführen muss.
In der Szene Nacht Offen Feld reiten Faust und Mephisto am Rabenstein vorbei, das ist der Ort, an dem Gretchen hingerichtet werden soll.
Im Kerker trifft Faust auf eine völlig verwirrte Gretchen, die ihn zunächst nicht erkennt. Sie kann Realität von Traum nicht unterscheiden, glaubt, ihr Kind lebe noch. Aber sie hat auch klare Momente, in denen sie erkennt, dass Faust sie nicht mehr liebt und dass sie, als verurteilte Mörderin keine Chance in der Gesellschaft haben wird. Da sie ihre Sünden bereut und Buße tut und weil sie aus wahrhaftiger Liebe gehandelt hat, kann sie am Ende gerettet werden.

Der dunkle Drang, der Irrweg, den der Herr im Prolog beschreibt und den Faust geht, führt zu Gretchens Verderben und Tod. Faust lädt Schuld auf sich, da er sich an Mephisto gebunden hat und Gretchen verführt hat, zudem hat er sich der Verantwortung entzogen.
Gretchen hat sich verführen lassen und ihr Kind getötet. Jedoch wird deutlich, dass sie dies aus gesellschaftlichen Zwängen heraus getan hat. Als Mutter eines unehelichen Kindes wäre sie geächtet worden, hätte keine Chance gehabt, sie hat den Kindsmord auf gesellschaftlichen Zwängen heraus begangen (vgl. am Brunnen). Ihre Rettung ist moralisch gerechtfertigt, da sie ihr eignen Schuld im Kerker anerkennt und aus Liebe zu Faust schuldig geworden ist.
Letzteres kann man natürlich diskutieren ;).
 

Emswashed

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9. Mai 2020
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Ich habe nun auch den letzten Leseabschnitt beendet und bin erstaunt, wieviel mir doch wieder neu war.
Ich denke, dass meine Lesart diesesmal eine andere war und das habe ich zum großen Teil Dir, liebe @Querleserin zu verdanken. Danke! Danke, für Deine Mühe der Vorbereitung und Danke für die Rückmeldungen, die einem Zwiegespräch gleichkam. Ich bin erleichtert, dass mir hier im kleinen Kreis das große Kulturgut behutsam ein Stück näher gebracht wurde.
 
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Ich habe nun auch den letzten Leseabschnitt beendet und bin erstaunt, wieviel mir doch wieder neu war.
Ich denke, dass meine Lesart diesesmal eine andere war und das habe ich zum großen Teil Dir, liebe @Querleserin zu verdanken. Danke! Danke, für Deine Mühe der Vorbereitung und Danke für die Rückmeldungen, die einem Zwiegespräch gleichkam. Ich bin erleichtert, dass mir hier im kleinen Kreis das große Kulturgut behutsam ein Stück näher gebracht wurde.
Es freut mich, dass dir die Vorarbeit das Stück näher gebracht hat. Auch mir hat es Spaß gemacht :)