Literaturhexle

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2. April 2017
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Reinhold und seine Bande sind in Unruhe. Sie hoffen, dass Franz tot ist, denn sollte er noch leben, halten sie es für wahrscheinlich, dass Franz sie verraten und anzeigen wird.

Franz hat sich aber schwer verletzt an seine alten Freunde Herbert und Eva erinnert, die dafür sorgen, dass er in einer Magdeburger Klinik ohne weitere Fragen operiert wird. Franz muss der rechte Arm amputiert werden. Die Kosten übernimmt Herbert. Zurück in Berlin stellen ihm die beiden Mieze vor, eine Freundin von Eva, die sich ebenso wie sie von einem reichen Gönner aushalten lässt. Aus Leidenschaft wird eine "richtige" Beziehung.

Zurück in Berlin kommt es zu einem Missverständnis, als die Pums-Truppe Franz Schweigegeld anbieten will: Eva glaubt, ihr Freund solle erschossen werden und schreit den Überbringer des Geldes in die Flucht.

Franz hat große Stimmungsschwankungen, geht bei Selbstmitleid gerne einen trinken, besucht politische Veranstaltungen, denen er aber nicht wirklich etwas abgewinnen kann. Das ruhige Leben mit Mieze, von deren Geld er lebt, scheint ihm nicht genug. Er ist ja nun ein "Lude" (Zuhälter) und seine moralischen Ansprüche, anständig bleiben zu wollen, sinken allmählich.

Wie den Verbrecher an den Ort seiner Taten zieht es Franz immer wieder zu Reinhold zurück. Das kann ich so recht nicht nachvollziehen. Bei diesen Begegnungen bekommt der Leser beide Innensichten/ Gedanken der Kontrahenten mitgeteilt, so dass einem insbesondere Reinhold suspekt vorkommt. Franz beschließt, wieder (im Grunde erstmalig) bei Pums mitmachen zu wollen.
 

ElisabethBulitta

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8. November 2018
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Wie den Verbrecher an den Ort seiner Taten zieht es Franz immer wieder zu Reinhold zurück. Das kann ich so recht nicht nachvollziehen.

Du hast es beim vierten Buch geschrieben: Er wurde wohl zu Treue und Gehorsam erzogen. Und er zeigt insbesondere die Treue, nur eben den Falschen gegenüber.
Vielleicht ist es auch der schnöde Mammon? "Was schnell Geld bringt, will er. Arbeiten, Quatsch." (in meiner suhrkamp-Ausgabe auf S. 270)
Geld und auch der Alkohol sind Motive, die sich durchs ganze Buch ziehen.
Dazu passt auch gut die "Hure Babylon": Franz ist dem glänzenden Leben der Großstadt verfallen.

Interessant und sehr realistisch finde ich den Satz: "Ein anderer Erzähler hätte dem Reinhold wahrscheinlich jetzt eine Strafe zugedacht, aber ich kann nichts dafür, sie erfolgte nicht." Ein Phänomen, dass ebenfalls die Menschheitsgeschichte(n) durchzieht: Wie oft hat man nicht das Gefühl, dass gerade die Dreistesten und Unverschämtesten am besten durchs Leben kommen? Dass da der ein oder andere denkt, das sei der beste Weg, ist nachvollziehbar.
Durch ein redliches Leben schafft Franz (wie so viele andere zu allen Zeiten) es offensichtlich nicht, seine Träume zu verwirklichen. Also schlägt er wieder einmal einen anderen Weg ein. Die Frage ist für mich allerdings nach wie vor: Wer ist schuld?
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Geld und auch der Alkohol sind Motive, die sich durchs ganze Buch ziehen.
Dazu passt auch gut die "Hure Babylon": Franz ist dem glänzenden Leben der Großstadt verfallen.
Absolut! Berlin war in den 20er Jahren sicherlich nicht nur das aufstrebende Zentrum der Unterhaltung, sondern von vielen anderen auch. Es gab dort etwas zu holen. In den Kanon von Alkohol und Geld passt die Prostitution: wie selbstverständlich die Frauen sich verkauft und ihre "Liebsten" mit dem Geld mitversorgt haben...
Wie oft hat man nicht das Gefühl, dass gerade die Dreistesten und Unverschämtesten am besten durchs Leben kommen
Ja, das stimmt. Man hat auch den Eindruck, dass der Spruch "Frechheit siegt" immer stärker an Bedeutung gewinnt. Ob es wohl schon immer so war? Dass die Alten den Vergang der guten Sitten beklagen ;)
 
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Reaktionen: Querleserin

Querleserin

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30. Dezember 2015
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Wadern
querleserin.blogspot.com
Interessant fand ich zu Beginn das offensichtliche Auftreten des Erzählers, der sich direkt an die Leser*innen wendet, um sie davon zu überzeugen, dass sie nicht verzweifeln sollen. Franz ist ein gewöhnlicher Mann (der exemplarische Verlierer?) und dient dazu uns ein Beispiel vor Augen zu führen. Am Ende des Abschnittes, der gleichzeitig den Wendepunkt markiert, weist uns der Erzähler erneut ausdrücklich daraufhin, dass Franz wieder zum Verbrecher wird - eine Wendung rückwärts. Er fasst uns das Wichtigste nochmals zusammen:
Zuerst stürzten die Dächer auf ihn ein, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde - seine Ängste drohten ihn zu ersticken.
Doch er kommt auf die Beine und will anständig bleiben.
Dann betrügt ihn sein Freund Lüders - doch auch davon erholt er sich.
Er steht Schmiere- naiv und gutgläubig- für die Verbrecherbande und gerät unter ein Auto, der Arm wird amputiert - und erneut kommt er wieder auf die Beine - allerdings gibt er seine Anständigkeit auf.
"Den Eid hat man ihn nicht halten lassen."
Die Frage ist für mich allerdings nach wie vor: Wer ist schuld?
Genau, wer ist man? Die gesellschaftlichen Umstände? Seine Sozialisation, über die wir wenig erfahren? Warum kann er nicht anständig bleiben?
In dem Abschnitt wird es auch zunehmend politischer, indem die marxistischen Ideen bzw. der Kommunismus unter die Lupe genommen wird. Döblin bezeichnet sich selbst als Sozialist...
 

MRO1975

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11. August 2018
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Ein langer Abschnitt und ich habe zu lange dafür gebraucht. Daher sind meine Gedanken auch nicht mehr ganz frisch...

Viele interessante Dinge habt ihr schon geschrieben. Hinzufügen kann ich da nicht mehr viel. Das Kapitel bringt eine Wende in Franzens Leben. Er entscheidet sich für das Ganoventum. Damit verhält er sich diametral zu Hiob, der (S. 318) sich trotz aller Qual entschieden hat, weiter Gott zu folgen und auch seinen Sohn opfern will. Das muss er zum Glück aber nicht. Was wäre wohl aus Frant geworden, wenn er weiter versucht hätte, von anständiger Arbeit zu leben?
 

kingofmusic

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30. Oktober 2018
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Ein langer Abschnitt und ich habe zu lange dafür gebraucht. Daher sind meine Gedanken auch nicht mehr ganz frisch...

Viele interessante Dinge habt ihr schon geschrieben. Hinzufügen kann ich da nicht mehr viel. Das Kapitel bringt eine Wende in Franzens Leben. Er entscheidet sich für das Ganoventum. Damit verhält er sich diametral zu Hiob, der (S. 318) sich trotz aller Qual entschieden hat, weiter Gott zu folgen und auch seinen Sohn opfern will. Das muss er zum Glück aber nicht. Was wäre wohl aus Frant geworden, wenn er weiter versucht hätte, von anständiger Arbeit zu leben?
Dann wäre das Buch womöglich kürzer gewesen. Aber das wollte Döblin wahrscheinlich nicht. Wenn ich das Buch in Musik ausdrücken würde, würde ich sofort an "Child in time" von Deep Purple denken. Der Untertitel lautet "The story of a loser - it could be you!" :D
 

MRO1975

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11. August 2018
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Dann wäre das Buch womöglich kürzer gewesen. Aber das wollte Döblin wahrscheinlich nicht. Wenn ich das Buch in Musik ausdrücken würde, würde ich sofort an "Child in time" von Deep Purple denken. Der Untertitel lautet "The story of a loser - it could be you!" :D
Ja, und wahrscheinlich deutlich langweiliger und deshalb nicht existent. ;)
 

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