Rezension (5/5*) zu Zweckfreie Kuchenanwendungen: Roman von Yeoh Jo-Ann

Christian1977

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8. Oktober 2021
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Buchinformationen und Rezensionen zu Zweckfreie Kuchenanwendungen: Roman von Yeoh Jo-Ann
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Wie backe ich mir einen schmackhaften Roman?

Sukhin befindet sich mit gerade einmal 35 Jahren in einer Midlife-Crisis. Sein Lehrerjob nervt ihn ebenso wie die Anwesenheit vieler Menschen. Und auch der einzige Freund, sein homosexueller Kollege Dennis, ist oftmals eher Plage denn Unterstützung. Da bleiben ihm nur seine geliebten Bücher als Rückzugsort - und natürlich seine Vorliebe für Kuchen. Als er in Singapurs Straßen im wahrsten Sinne des Wortes über eine Obdachlose stolpert, hat dies nicht nur für ihn ungeahnte Folgen. Denn diese Obdachlose ist niemand Geringeres als Jinn - seine Ex-Freundin, die ihn vor langer Zeit Hals über Kopf verließ....

"Zweckfreie Kuchenanwendungen" ist der Debütroman von Yeoh Jo-Ann, der jüngst in der deutschen Übersetzung von Gabriele Haefs beim Alfred Kröner Verlag erschienen ist. In Singapur war das Buch ein "Sensationserfolg", wie es auf dem Schutzumschlag heißt, und gewann den Epigram Books Fiction Prize. Es ist dabei tatsächlich so seltsam, wie sein Titel es vermuten lässt. Seltsam im positiven Sinne, denn Yeoh Jo-Ann backt darin eine wunderbare Überraschungstorte aus luftigem Hefeteig in Form eines nicht erdrückenden Plots, einer Prise Liebeszucker, die den Roman aber kaum einmal zu süß werden lässt, sprachlichen Sahnehäubchen und einer bunten Mischung an Figuren, denen der Roman seine Verzierung und somit seine Besonderheit verdankt.

Spricht man von der Verzierung, kommt man jedoch nicht umhin, zunächst einmal die wirklich schöne Ausgabe des Buches zu loben. Der Schutzumschlag leuchtet nicht nur in den verschiedenen Farbschichten der abgebildeten Torte, sondern der Zuckerguss und der Buchtitel lassen sich sogar erfühlen. Und auf dem Einband findet man die Torte ein zweites Mal. Ein gelungenes Plädoyer des Kröner Verlags für Printexemplare.

Das große Plus des Romans sind zweifelsfrei die Figuren und die Warmherzigkeit, die das Buch in nahezu jedem Moment ausstrahlt. Sukhin ist trotz seiner überwiegend schlechten Laune ein liebenswerter Protagonist. Man kann seinen Missmut sehr gut nachvollziehen, was bei mir für ein hohes Identifikationspotenzial sorgte. Und auch Jinn strahlt in ihrer Eigenheit eine große Faszination aus. Warum lebt diese Frau auf der Straße, obwohl sie doch eigentlich aus einer betuchten Familie stammt? Und was ist damals eigentlich genau vorgefallen und hat zur Trennung der beiden geführt?

Stück für Stück nähert sich Yeoh dem Geheimnis und beweist dabei große Empathie für ihre Charaktere. Trotz der Fehltritte, die beide begehen, verurteilt sie sie nicht und verzichtet wohltuend auf jede Form von Zynismus. Und so spürt man sukzessive und eindringlich die Veränderungen, die ihr Wiedersehen auf beiden Seiten bewirkt.

Ferner ermöglicht "Zweckfreie Kuchenanwendungen" der deutschsprachigen Leserschaft die Auseinandersetzung mit einem literarisch bislang noch nicht so häufig in Erscheinung getretenen Land wie Singapur. Gesellschaftliche Themen wie Armut, Homosexualität, Bildung und Essen erlauben einen unverstellten Blick auf den Stadtstaat, der in Europa häufig nur mit Dingen wie Urlaub, Luxus, Sauberkeit und unglaublichen Wolkenkratzern in Verbindung gebracht wird. Auch wegen des informativen Glossars bekommt man das Gefühl, Singapur zu riechen und vor allem zu schmecken, denn neben den titelgebenden Kuchen nehmen auch herzhafte Gerichte einen nicht geringen Raum ein.

Sprachlich gelingt Yeoh Jo-Ann nahezu mühelos der Spagat zwischen Witz und Ernsthaftigkeit, zwischen Schalk und Melancholie. Während ich mich auf den teils recht skurrilen Humor im Haupthandlungsstrang erst einlassen musste, waren es vor allem die kursiv gedruckten kurzen Zwischenparts, die mich sehr berührten und mein Interesse an der Geschichte stets aufrechterhielten. Sie waren für mich die oben genannten sprachlichen Sahnehäubchen, die die Geschichte im Finale kongenial und schmackhaft abrunden.

So habe ich "Zweckfreie Kuchenanwendungen" mit großem Gewinn gelesen. Thematisch und sprachlich hallt der Roman lange nach und die Figuren bleiben lange in Erinnerung. Doch Vorsicht: Der Appetit auf Süßes und weitere kulinarische Köstlichkeiten wird durch die Lektüre sicherlich nicht kleiner...

 
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Literaturhexle

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Yeoh Jo-Ann backt darin eine wunderbare Überraschungstorte aus luftigem Hefeteig in Form eines nicht erdrückenden Plots, einer Prise Liebeszucker, die den Roman aber kaum einmal zu süß werden lässt, sprachlichen Sahnehäubchen und einer bunten Mischung an Figuren, denen der Roman seine Verzierung und somit seine Besonderheit verdankt.
Christian, diese Rezension ist mal wieder ein besonderes Sahnestück! Einfach genial fängst du die Stimmung des Buches ein. Und das Schöne: ich weiß, dass ich deine Rezi auch lesen kann, ohne das Buch schon beendet zu haben. Spoiler: Fehlanzeige :thumbsup
Mir gefällt es bislang ebenso gut wie dir und es scheint sein Niveau ja zu halten...