Rezension (5/5*) zu Wellness von Nathan Hill

dracoma

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16. September 2022
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Buchinformationen und Rezensionen zu Wellness von Nathan Hill
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"Das war der einzige Wirkstoff: Glaube."

Mein Hör-Eindruck:

Elizabeth und Jack, jung, dem lieblosen Elternhaus entflohen, die Zukunft vor Augen, jeder in einer winzigen Ein-Zimmer-Wohnung in einer Künstlersiedlung – was für eine wunderschön erzählte Liebesgeschichte! Er stammt aus einer kleinen Farm in der Prärie von Kansas, sie dagegen aus einer gewissenlos reich gewordenen Familie. Aber die Gegensätze sind unwichtig, die Liebe fegt sie hinweg. Das Herz des Lesers geht auf, man möchte nochmals 20 sein!

Einige Jahre später sieht die Sache anders aus. Jack ist Kunstdozent und fabriziert die immer selben fotografischen Kunstwerke, und Elizabeth arbeitet als Neuphysiologin im Institut „Wellness“. Hier testet sie die Wirkung von unterschiedlichsten Placebos an Patienten, die nicht wissen, dass sie Teil einer Versuchsreihe sind. Sie erkennt: das Placebo erhält seine Wirkung durch die Erzählung, die damit verbunden wird.

Und damit ist der Roman beim Thema: Was ist Wahrheit? Was ist Realität, und was ist Künstlichkeit? Ist Wahrheit das, was man glaubt?

Dieses Thema dekliniert der Autor immer wieder in verschiedenen Variationen durch. So erzählt er z. B. sehr ausführlich von Jacks Vater, der sich dem damals neuen Internet annähert und bei facebook landet. Hill erklärt in einem längeren Einschub das Funktionieren und vor allem die Auswirkungen der Algorithmen, die die Informationen filtern und passgenau dafür sorgen, dass der Vater immer tiefer in abstrusen Verschwörungstheorien versinkt. Die Diskussionen zwischen Vater und Sohn haben etwas Beklemmendes, weil jeder seine Wahrheit beweisen kann und will der Verschwörungstheoretiker nicht erkennt, dass seine Wahrheit von Algorithmen zusammengestöpselt wurde und nur ein technisches Produkt ist.

Dieses drängende Thema – die Relativität der Wahrheit bzw. der Placebo-Effekt der Wahrheit – handelt der Autor in ganz unterschiedlich getönten Episoden ab. Heitere, satirische und komische sind dabei, wie z. B. der Besuch in einer Art Swingerclub, aber auch sehr beklemmende, wenn Elizabeth Placebos herstellt und verkauft und ihre Patienten bewusst täuscht.

Schließlich muss sich das Paar auch die Frage stellen, ob ihre eigene Beziehung auch nur ein Placebo ist und nur deswegen funktioniert hat, weil sie so fest daran glaubten.

Alle Szenen des Romans werden verwürfelt erzählt, trotzdem verliert der Leser/Hörer niemals den Überblick über die Zusammenhänge. Episode für Episode enthüllen sich dem Leser immer deutlicher diese Zusammenhänge, und hier sind es ungemein eindringliche Szenen von Schuld und Schuldzuweisung, von Egomanie, Leid, seelischer Grausamkeit und Einsamkeit. Szenen, die man nicht vergessen kann.
Nicht zuletzt dank der perfekten Vorlesekunst von Uve Teschner.

Fazit: Ein gewaltiges Panorama, ein Zeit- und Gesellschaftsroman und ein aufwühlender Roman über menschliche Schicksale.

Ganz große Lese-Empfehlung!








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Wandablue

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Brandenburg
Thema: Was ist Wahrheit? Was ist Realität, und was ist Künstlichkeit? Ist Wahrheit das, was man glaubt?
Ich finde es seltsam, dass das Lit.Quartett bei seiner Besprechung meinte, es handele sich bei Wellness um eine Liebesgeschichte. Basta. Ja, das ist es auch, aber doch nur am Rande. Bin ganz bei dir.
Ausserdem ist das Thema noch die Prärie!
 
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dracoma

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16. September 2022
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Ausserdem ist das Thema noch die Prärie!
Für die Amerikaner immer ein gutes Thema, siehe Willa Cather.
Inwiefern siehst Du die Prärie als Thema, also nicht nur als Setting?

Diese Prärieszenen waren für mich übrigens die eindrücklichsten Szenen des Buches. Das Malen mit der Schwester lässt schon die großen Themen anklingen. Eine Rezensionskollegin (oder wie man das nennt) bezeichnete das alles übrigens als "Geschwafel". Tja.

Ich denke, es gibt noch jede Menge andere Themen, die der Roman streift. Zum Beispiel die Frage nach dem glücklichen Leben, und auch diese Art, auf Teufel komm raus alles positiv und als Chance für die persönliche Entwicklung zu sehen. Dafür gibt es bestimmt einen Term, den ich aber nicht kenne.

Liebesgeschichte? zu kurz gegriffen, finde ich.
 
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Wandablue

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18. September 2019
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Brandenburg
Die Prärie ist das Bild dafür, dass Leben das ist, was man darin sieht. Genau so ging es mir auch, diese Szenen sind einfach great, kein bisschen Geschwafel. Oder, wenn man so will, ist in der Literatur alles Geschwafel, was über blosse Action hinausgeht.
Auch die Art, wie Social Media kritisiert und erklärt wird, finde ich großartig.
Ob das jetzt Thema oder Setting ist, das Setting ist ja vielfältig, wir sind nicht durchgängig in der Prärie. Wellness hätte ich gerne in einer LR diskutiert.
 

Literaturhexle

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2. April 2017
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Diese Prärieszenen waren für mich übrigens die eindrücklichsten Szenen des Buches.
Das ging mir genauso. Schon allein das beschriebene Bild "Great irgendwas", wo das Farmerehepaar mit der Forke im Vordergrund steht und man hinten den Rauch und die ängstlichen Pferde sieht. Ich habe es gegoogelt: welch ein Bild!!!
Dass das später dann noch eine solch tragende Bedeutung bekommt... Großartig!
Der Autor hat ein Ideenfeuerwerk gezündet. Es wurde nie langweilig und die Lesung ist grandios, ich habe beide Varianten wechselweise genutzt, Hörbuch und Buch.
Deine Rezension ist wieder mal sehr gelungen. Die "Kollegin" hat ihren Eindruck auch hier eingestellt. Welche Selbstgerechtigkeit, Teile dieses Romans als Geschwadel abzutun, hier greift wirklich eins ins andere.
 

dracoma

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16. September 2022
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Die Prärie ist das Bild dafür, dass Leben das ist, was man darin sieht.
Ja - für mich hatte es mit dem Thema Echtheit vs. Künstlichkeit zu tun, und damit schon mit dem großen Thema "Was ist wahr? Was ist real?" Wunderbare Szenen, sehr emotionalisierend.
Zum Thema Prärie gehört auch das Bild "American Gothic" von Grant Wood; hier arbeitet der Autor sich auch an dem Thema Echtheit/Künstlichkeit (hier: Satire) ab.
Oder, wenn man so will, ist in der Literatur alles Geschwafel, was über blosse Action hinausgeht.
Richtig. Damit wird Literatur eine sehr vordergründige Aufgabe zugewiesen.

Ich würde sogar noch schärfer formulieren: Alles, was man nicht versteht, ist Geschwafel.
 
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Literaturhexle

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2. April 2017
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Da haben sich unsere Posts überschnitten - genau das Bild meine ich.
Nur dass ich den Namen überhaupt nicht mehr im Kopf hatte...

Ich würde sogar noch schärfer formulieren: Alles, was man nicht versteht, ist Geschwafel.
Genau! Da habe ich jüngst ein schönes Zitat gelesen:
"Wenn ein Buch und ein Kopf zusammenstoßen und es klingt hohl - dann muss das nicht das Buch sein." :rofl
Manche haben in so einem Fall das Bedürfnis, auf das Buch einzuprügeln. Ich sehe das anders:Nicht alles, was ich nicht verstehe, muss schlecht sein. Nathan Hill hat es definitiv drauf. Das Buch ist mal eines, das ich einigen Lesern aus meinem Umfeld bedenkenlos empfehlen würde.
 
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dracoma

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dracoma

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16. September 2022
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und ganz gleich, welche Qualität
Jeder, so gut er kann - denke ich!
Aber wenn ich ein Buch hervorragend finde und dann lese, dass das nur Geschwafel sei, also dann blutet mein Bücherherzchen.
Eine sehr originelle Begründung fürs Geschwafel habe ich gerade in einer Leserunde bei LB erlebt: das alles sei überflüssig, weil es nämlich an ihr vorbeigerauscht sei.
Das ist doch mal ein wirklich originelles Wertungskriterium :smileeye!
 

pengulina

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22. November 2022
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Aber achten die Verlage denn nicht auf die Qualität der Rezensionen für ihre Leseexemplare?
 

dracoma

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16. September 2022
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a, aber man sollte schon auch kritisch seine Grenzen prüfen. Ich stelle mich auch nicht auf die Straße und tanze (was absolut nicht meiner Begabung entspricht).
Aber gerade DAS ist es doch, was diesen Verfassern fehlt: die Selbstreflexion!
Die stellen sich durchaus auf die Straße und tanzen, eben weil sie das Maß aller Dinge sind.

Ich mag mich eigentlich nicht über diese Rezensenten erheben. Sie rezipieren das Buch eben anders als ich, sie haben andere Bewertungskategorien, sie sind ein anderer Lesetyp, und das muss ich dann aushalten. Ich muss dann auch aushalten, dass meine Gedanken als "Überinterpretation" abgekanzelt werden (grad erlebt).
 
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Barbara62

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19. März 2020
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Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Ich mag mich eigentlich nicht über diese Rezensenten erheben. Sie rezipieren das Buch eben anders als ich, sie haben andere Bewertungskategorien, sie sind ein anderer Lesetyp, und das muss ich dann aushalten. Ich muss dann auch aushalten, dass meine Gedanken als "Überinterpretation" abgekanzelt werden (grad erlebt).
Tummle dich mehr bei uns, da passiert dir das nicht!
 
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