Rezension (5/5*) zu Trügerische Anziehung: Roman von Eshkol Nevo

Bajo

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16. Juni 2023
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Buchinformationen und Rezensionen zu Trügerische Anziehung: Roman von Eshkol Nevo
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grandios konstruiert, ein Meisterwerk !

Dieser Roman besteht aus drei Geschichten, die lose miteinander verwoben sind.

Es geht in allen drei sowohl um das Thema Verlust und damit verbundener Trauer als auch um das Thema Liebe. Eine attraktive junge Frau verliert auf ihrer Hochzeitsreise in Bolivien auf einer Mountainebike Tour ihren Mann. Sie beginnt schon vor diesem Verlust, bei dem unklar bleibt, ob es ein Unfall ist oder gar Mord, einen heißen Flirt mit Omri, ein Israeli wie sie, der auf der Reise die Scheidung von seiner Frau verarbeiten will. Der 68jährige Chefarzt Dr. Caro hat vor kurzer Zeit seine Ehefrau verloren, sie starb an Krebs. Der trauernde Witwer fühlt sich zu seiner deutlich jüngeren Assistenztärztin hingezogen. Die Mitte 40jährige Ehefrau Chelli verliert bei einem Spaziergang durch eine Zitrusplantage ihren Ehemann, er verschwindet zwischen den Bäumen und taucht nicht mehr auf.

Die drei Protagonisten Omri, Dr. Caro und Chelli haben ein ausgeprägt liebevolles Verhältnis zu ihren Kindern, was der Autor in eindrucksvoller Weise durch Rückblicke auf Szenen ihres familiären Alltags schildert. Man spürt förmlich die behagliche Wärme, die Familie geben kann.

Die drei Geschichten haben jeweils Elemente eines Krimis, aber auch einer Liebesgeschichte. Letzteres nicht in einem romantisch, kitschigen Sinn. Geschildert werden vielmehr die vielfältigen Aspekte der Anziehung zwischen Mann und Frau: Erotische Leidenschaft; freundschaftlich väterliche Gefühle, in die auch sexuelles Begehren einfließen; die über die Jahre gewachsene tiefe Liebe zwischen Eheleuten.

Um diese Bandbreite abzubilden, baut der Autor Elemente in die Storys ein, die konstruiert wirken könnten, m. E. aber ein wirksames Mittel im Gesamtzusammenhang des Romans bilden. Was sehr gut deutlich wird ist, dass in den Irrungen und Wirrungen zwischenmenschlicher Beziehungen vieles nicht erklärbar und damit uneindeutig bleibt, je nachdem, aus wessen Sicht berichtet wird und je nachdem, welche Erfahrungen jeder Einzelne in seinem Leben gemacht hat. Wie deute ich die Wahrnehmung anderer, was ist wahr, wo hört die individuelle Interpretation eines Geschehens auf, wo fängt sie an ? All diese Fragen werden durch die psychologisch fein, aber eben nicht eindeutig, ausgeleuchteten Charaktere aufgeworfen.

Hauptschauplatz des Romans ist Israel. Der Leser erfährt vom jüdischen Brauch der Schiw'a, der Trauer in der ersten Woche nach dem Begräbnis mit Besuchen von Freunden, Bekannten und Angehörigen des Verstorbenen. Man bekommt eine Ahnung davon, wie es ist, in Israel zu leben. Auch die beschriebenen Orte, z. B. die wüstengleichen Landschaften, ein Berg in Obergaliläa, von dem aus man den See Genezareth und das Mittelmeer sehen kann, die Wohnsituationen, Staus auf Autobahnen auch hier, die Hitze und schließlich im letzten Teil die Zitrusplantage, tragen dazu bei.

Das hebräische Original des Romans lautet übersetzt "Ein Mann betritt einen Obstgarten", eine Anspielung auf eine Geschichte aus dem Talmud, auf die m. E. die drei Geschichten in ihrer Essenz wie auf einen Höhepunkt zusteuern. Zu erwähnen ist unbedingt der Soundtrack des Romans, der sich über die Bandbreite von King Crimson Rock bis hin zu einer Klaviersonate Schuberts erstreckt, was die Fähigkeit Nevos, Gefühle in Worte zu fassen, noch verstärkt.

Ich bin begeistert von diesem Roman, für mich ein Meisterwerk. 5 Sterne !

 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
20.106
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Wunderschöne Rezension, liebe Bajo! In vielen Punkten kann ich mitgehen, deine Interpretation des Endes war sehr erhellend! Ob ich allerdings auf 5 Sterne komme, weiß ich noch nicht.