Rezension (5/5*) zu Treue: Roman von Hernan Diaz

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
14.546
32.418
49
Buchinformationen und Rezensionen zu Treue: Roman von Hernan Diaz
Kaufen
Ein vielschichtiges, intelligentes Lese-Highlight


Hernan Diaz´ zweiter Roman genießt so viele Vorschusslorbeeren, dass er gleich in zwanzig Sprachen übersetzt wird. Desweiteren steht er auf der Longlist für den diesjährigen Bookerpreis.

Die Inhaltsangabe weist vier Teile mit jeweils verschiedener Urheberschaft aus. Ungewöhnlich, denkt man sich, und liest los. Alle Teile erzählen ähnliche Geschichten aus unterschiedlichen Perspektiven (der Verlag spricht von einer vierteiligen Matroschka). Man braucht jeden einzelnen Teil, um zum Kern vorzudringen. Im Fokus steht ein irrsinnig erfolgreicher Geschäftsmann im New York der 1920er Jahre, der dank vorausschauender, rücksichtsloser und kluger Finanzgeschäfte an der Börse zu enormem Reichtum kommt.

Beim ersten Teil handelt es sich um einen Roman. Dort werden uns Benjamin Rask und seine spätere Frau Helen vorgestellt. Benjamin weiß nach einer eher unglücklichen, einsamen Jugend das Vermögen des Vaters zu vermehren. Er entdeckt seine Passion und sein Talent für die Finanzmärkte. Dank seiner Intelligenz und seinem ausgeprägten Sinn für Logik, Analytik und Mathematik kann er unglaubliche finanzielle Erfolge verzeichnen: „Auf seine wenigen Niederlagen folgten große Triumphe. Wer auf seiner Seite der Geschäfte stand, der wurde reich.“
Auch Helen Brevoort hat eine wechselhafte Jugend erlebt. Sie wurde allein von ihrem Vater unterrichtet, die exzentrische Mutter zerrte das Mädchen durch Europa, man lebte auf Kosten vermeintlicher Freunde, Heimat blieb ein Fremdwort. Es mutet märchenhaft an, als diese beiden, Benjamin und Helen, sich verbinden. Junges Geld findet einen alten Namen – eine bekannte Geschichte wieder neu erzählt, denkt man. Wir dürfen als Leser erleben, wie das Imperium Rask zu wahrer Blüte gedeiht und sogar den Unbilden des desaströsen Börsenjahres 1929 zu trotzen weiß. „Inmitten der allgemeinen Verwüstung stand nur noch Rask aufrecht zwischen den Trümmern. Und er ragte höher auf als je zuvor, da ein Großteil der Verluste der anderen Spekulanten sein Gewinn geworden war.“ Dieser Höhenflug bleibt nicht ohne Folgen.

Beim zweiten Teil lesen wir ein Manuskript für die Autobiografie eines Andrew Bevel, die im Grunde vom dritten Teil, den „Erinnerten Memoiren“ von Ida Partenza, flankiert wird. Der vierte Teil „Vereinbarungen“ liefert den Schlüssel zum Ganzen. Mehr möchte ich über den Inhalt nicht preisgeben. Alles andere sollte sich ein jeder selbst erlesen dürfen. Alle Teile stehen miteinander in Verbindung, schaffen neue Sichtweisen und Perspektiven, die dazu führen, dass man sicher Geglaubtes wieder hinterfragt, dass man kombiniert und rätselt. Immer wenn man meint, der Wahrheit auf der Spur zu sein, schafft es Diaz, seine Leser wieder zu verwirren. Das geschieht auf eine dermaßen raffinierte, intelligente Art, dass es ein Erlebnis ist. Diaz führt uns nebenbei in die Finanzwelt der 1920er Jahre ein. Doch keine Sorge, er erklärt alles, was nötig ist, man sollte sich keinesfalls davon abschrecken lassen, denn geht nicht nur um Geldgeschäfte und Erfolg, sondern nicht unwesentlich auch um die persönliche Beziehung eines Ehepaares, das in dieser Glamourwelt zum Paar des öffentlichen Interesses wird.

Den dritten Teil hat Diaz auf zwei Zeitebenen angelegt. Wir lernen die zauberhafte Ida Partenza kennen, die sich in der Gegenwart auf Spurensuche in die Vergangenheit begibt. Mit ihr wird ein Gegenentwurf zur kalten Finanzwelt geschaffen. Immer wieder blitzt Kritik an den herrschenden Sozialnormen der damaligen Epoche auf, das Zeitkolorit wirkt authentisch. Diaz´ Charakterzeichnungen sind durchgehend treffsicher und vielschichtig. Kleinere Ausflüge in die Klischeeabteilung verzeihe ich gern, weil mit ihnen gleichzeitig Humor verbunden ist.

Hernan Diaz ist ein großartiger Geschichtenerzähler! Hier baut er ein mehrschichtiges Konstrukt, das er in der amerikanischen Vergangenheit ansiedelt, in dem er viele Themen unterbringt und Bezüge zur Gegenwart herstellt. Dafür findet er verschiedene Töne (klassisch, sachlich, modern, fragmentarisch – aber immer gekonnt), absolut faszinierend! Auch die kleinen Fingerzeige und Anmerkungen am Rande, die die Fantasie des Lesers anregen („Die Erwartungen und Ansprüche des Lesers waren dazu da, gezielt durcheinander gebracht und untergraben zu werden“) oder die Bonmots („Reichtum gleicht weniger einem Granitblock als vielmehr einem Flussbecken mit zahlreichen Flüssen und Seitenarmen.“), die man als allgemeingültige Weisheiten herausschreiben möchte… Ich komme aus dem Schwärmen nicht heraus, die Sprache ist ein Genuss!

Es geht natürlich um den (zeitlos) unübersichtlichen Finanzmarkt und seine Profiteure, um die Stellung der Frau und deren Emanzipation, um Diskriminierung, um Einwandererschicksale, um die Verlässlichkeit von Erinnerungen, um Treue/-bruch und Vertrauen – und vieles mehr. Jeder Teil ist für sich fesselnd, die komplette Genialität dieses Romans ergibt sich aber erst mit den letzten Seiten. Erst dann kann man dem Bild das letzte Puzzlesteinchen zufügen - mit einem Aha-Erlebnis ersten Ranges! Es ist Hernan Diaz beeindruckend gelungen, seinen Plot komplett und in sich schlüssig über die Ziellinie zu bringen. Man möchte gleich noch einmal zu lesen anfangen, um auch jeden Fingerzeig zu erkennen. Hannes Meyer hat diesen komplexen Roman kongenial ins Deutsche übertragen. Er ist ein Highlight am Literaturhimmel. Eigentlich reichen hier fünf Sterne nicht. Bitte denkt euch den sechsten hinzu und lest dieses Buch!!!

Riesige Lese-Empfehlung!

von: Axelsson Majgull und Christel Hildebrandt
von: Irene Dische
von: Dubois, Jean-Paul
 

Christian1977

Bekanntes Mitglied
8. Oktober 2021
1.154
4.952
49
45
So ganz habe ich zwar immer noch nicht verstanden, worum es eigentlich geht, aber deine Rezension macht natürlich neugierig auf den Roman - und man spürt deine Begeisterung ganz wunderbar.

Es freut mich, dass das Buch in eurer Leserunde so gut angekommen ist. Ich kannte bislang nur eine Rezension von Deutschlandfunk Kultur, in der sich der Rezensent alles andere als begeistert zeigte. Ich glaube, mit ein bis zwei Ausnahmen werden bei euch wohl alle zur Höchstwertung kommen.

"Bitte denkt euch den sechsten hinzu und lest dieses Buch!!!" - mal schauen ;).
 

Literaturhexle

Moderator
Teammitglied
2. April 2017
14.546
32.418
49
So ganz habe ich zwar immer noch nicht verstanden, worum es eigentlich geh
Das macht die Rezension so schwer. Wenn man zuviel erzählt, gibt man einen Wink auf das Ende hin, das könnte das Lesen verderben und den Aha-Effekt schmälern.
Deshalb habe ich einfach mal versucht, meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen, was Sprache, Komposition, Figuren und Setting betrifft.
Dass der Dlf einen Verriss schreibt - unbegreiflich! Aber die loben ja manches auch ungerechtfertigt in den Himmel...