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Rezension Rezension (5/5*) zu Nichts weniger als ein Wunder: Roman von Markus Zusak.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von parden, 8. März 2019.

  1. parden

    parden Forumlegende

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    Bridge of Clay...

    Dies ist die Geschichte der fünf Dunbar-Brüder. Nach dem Tod der geliebten Mutter und dem Weggang ihres Vaters leben sie nach ihren ganz eigenen Regeln. Sie trauern, sie lieben, sie hassen, sie hoffen und sie suchen. Nach einem Weg, mit ihrer Vergangenheit klarzukommen, nach der Wahrheit und nach Vergebung. Schließlich ist es Clay – angetrieben von den Erinnerungen an ihren tragischen Verlust –, der beschließt, eine Brücke zu bauen. Eine Brücke, die Vergangenheit zu überwinden und so sich selbst und seine Familie zu retten. Dafür verlangt er sich alles ab, was er geben kann, und mehr: nichts weniger als ein Wunder.

    13 Jahre hat Markus Zusak, der vor allem durch 'Die Bücherdiebin' weltberühmt wurde, an diesem 640 Seiten starken Roman gefeilt und gearbeitet. Eine lange Zeit voller Zweifel und stetiger Änderungen, und doch wollte und konnte Zusak nichts anderes schreiben. Und für mich kann ich sagen: ich bin froh darum...

    'Bridge of Clay' lautet der Originaltitel des Romans, in meinen Augen aussagekräftiger und passender als der sperrigere deutsche Titel, auch wenn sich dieser im Verlauf der Lektüre ebenfalls erschließt. Doch wer ist nun dieser Clay?

    Clay ist der vierte der fünf Dunbar-Brüder, einer australischen Familie, deren Geschichte hier erzählt wird.


    "Es gab einen Jungen, einen Sohn, einen Bruder. Ja, für uns gab es immer einen Bruder, und er war derjenige von uns fünfen, der alles auf seine Schultern lud. Wie immer, sagte er ruhig und besonnen zu mir, und natürlich traf er damit ins Schwarze." (S. 9 f. )


    Und nun sitze ich hier und zerbreche mir den Kopf, wie ich diesem so besonderen Roman mit einer Rezension gerecht werden kann? Ich fühle mich überfordert, maßlos. Denn diese Erzählung ist ein Erlebnis - man kann davon berichten, aber man versteht es erst, wenn man es selbst gelesen hat.

    Der Inhalt lässt sich nicht beschreiben, ohne zu viel zu verraten - oder zu wenig. Soll ich schreiben, dass Zusak hier eine Familiengeschichte präsentiert? Eine Erzählung voller wilder Jungen, einer Mutter und einem Vater, die trotzig dem Schicksal begegnen? Einem Schicksal, das die Familie sprengt und den Vater für die Jungen zum Mörder werden lässt? Clay, der viel auf seine Schultern lädt und der eine Brücke baut, in der viel Arbeit und noch mehr von ihm selbst steckt - und die so vieles symbolisiert? Wer soll das verstehen? Schreibe ich aber mehr, so entzaubere ich den Roman für jeden, der mit dem Gedanken spielt, ihn zu lesen - und ich wünsche ihm, dass das viele sein werden.

    Dieser Roman ist anders als 'Die Bücherdiebin', vollkommen anders. Und wer mit der Hoffnung beginnt, hier auf ein ähnliches Werk zu stoßen, wird womöglich enttäuscht sein. Aber wer bereit ist, sich auf ein ganz besonderes Leseerlebnis einzulassen, der wird, zumindest wenn man sich an den eigenwilligen Schreibstil gewöhnt hat, unbedingt belohnt.

    Dabei ist nicht nur die Geschichte auf eine ganz eigene Art gewoben, episodenhaft und immer wieder wechselnd in Perspektive und Zeitebene, wodurch sich die Figuren und ihre Entwicklung fast mosaikartig und wie aus grob behauenem Stein ganz allmählich herausschälen. Es ist vor allem der Schreibstil, der hier erwähnenswert ist, und der vor allem zu Beginn fast schon experimentell wirkte und sich für mich etwas sperrig las, dabei aber rasch einen ganz eigenen Zauber entwickelte.

    Voller Bilder und Metaphern, befrachtet mit einer nicht immer gleich verständlichen Symbolik, durchzogen von altgriechischen Heldensagen (die auch Einfluss auf die eigenwillige Namensgebung der Haustiere hatten), oft nur in angerissenen Satzfragmenten, erzeugt diese Art des Schreibens einen zunehmenden Sog, der einen das Buch kaum noch aus der Hand legen lässt. Und trotz der oft fast sachlichen Darstellung - schließlich schreibt hier der älteste der Dunbar-Brüder die Ereignisse aus seiner Sicht - sorgt manchmal ein einzelnes Wort, ein kleiner Satz dafür, dass einem beim Lesen die Luft wegbleibt und die Tränen kommen.

    Ein Roman, durchzogen von Melancholie und Schmerz, Liebe und Hoffnung, Zusammenhalt und Verzweiflung, Schuld und Vergebung, Trauer und Humor. Und am Ende legt Markus Zusak gekonnt das letzte Steinchen in das Mosaik dieser Familienerzählung, und alles bekommt einen Sinn, jedes Teilchen ist an seinem rechten Platz, alle Fagezeichen lösen sich auf. Kunstvoll gewebt ist diese Geschichte, und damit umgarnt der Autor den Leser und zieht ihn in eine emotionsgeladene und stimmungsvolle Erzählung hinein, aus der er sich erst nach der letzten Seite allmählich wieder zu lösen vermag.

    Ein leiser Roman von ungeheuerer Wucht, ein Leseerlebnis, das seinesgleichen sucht - es lohnt sich unbedingt, sich darauf einzulassen! Und einmal am Ende angekommen, würde man am liebsten gleich von vorne anfangen, weil man beim zweiten Mal womöglich auf einer tieferen Ebene liest. Wirklich ein besonderes Werk...


    © Parden

     
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  2. Literaturhexle

    Literaturhexle Moderator

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    Ja, @parden, ich kann jedes von dir geschriebene Wort nachvollziehen. Du wirst diesem Roman mit deiner Rezi wunderbar gerecht.
    Auch ich habe vor, ihn in nicht allzu langer Zeit noch einmal zu lesen. Ein einzigartiges Buch!
     
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