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Rezension Rezension (5/5*) zu Nichts weniger als ein Wunder: Roman von Markus Zusak.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von Literaturhexle, 16. Februar 2019.

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  1. Literaturhexle

    Literaturhexle Moderator

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    Ein außergewöhnlicher Familienroman in poetischer Sprache


    Wie soll man dieses 635 Seiten starke Kleinod beschreiben? Wie soll ich eine Rezension schreiben, die dem Roman gerecht wird, die dem Interessenten einen guten Eindruck vermittelt, ohne zu viel vom Inhalt vorweg zu nehmen? Es wird schwer, aber ich will es versuchen.

    Der Roman ist in 10 Teile gegliedert: „Vor dem Anfang“, Teile 1 – 8, die wiederum in überschaubare Kapitel unterteilt sind, und „Nach dem Ende“. Der Erzähler ist Matthew, der älteste der 5 Dunbar-Brüder, der die Geschichte seines Bruders Clay aufschreibt. Clay wird dadurch zur Hauptperson, im Original heißt der Roman „The Bridge of Clay“. Dieser Junge kann nicht lachen, hat immer eine kaputte Wäscheklammer in der Tasche, kämpft beständig ohne gewinnen zu wollen, hat eine Sonderstellung und wird von den anderen ziemlich drangsaliert, was er als seine Strafe hinzunehmen scheint.

    „Es gab einen Jungen, einen Sohn, einen Bruder.
    Ja, für uns gab es immer einen Bruder, und er war derjenige von uns Fünfen, der alles auf seine Schultern lud.“ (S. 9)

    Schon während der ersten Seiten wird die „tragische Bruchbude von einer Familie“ vorgestellt: Matthew, Rory, Henry, Clayton und Thomas. Sie alle wohnen in der Archer Street Nr.18, die Mutter ist tot, der Vater, der fast das gesamte Buch über nur „der Mörder“ genannt wird, hat die Jungen verlassen. Zur Familie gehört ebenso ein „kleiner Zoo aus dysfunktionalen Haustieren“ – von der Taube bis zum Maultier ist einiges dabei. In direkter Nachbarschaft befindet sich das sogenannte Umfeld, zu dem auch eine (später stillgelegte) Galopprennbahn gehört und das viel Bewegungsmöglichkeit bietet. Die Jungen haben zu Hause eine Art Villa Kunterbunt, niemand schreibt irgendwelche Regeln vor. Aber es ist kein Paradies, trotz aller Ausgelassenheit herrscht eine unbestimmte Schwere auf der Szenerie, die den Leser neugierig macht und regelrecht einfängt. Die Jugendlichen gehen äußerlich recht grob miteinander um, im Zuge der Geschichte wird aber deutlich, wie sehr sie sich umeinander sorgen und Verantwortung füreinander übernehmen.

    Der Mörder kommt zurück, um seine Söhne um Hilfe zu bitten. Er wohnt nun weiter weg auf dem Land und will eine Brücke bauen, die ihm den Zugang zu seinem Haus gewährleisten soll, wenn der zur Zeit ausgetrocknete Fluss wieder Wasser führt. Dafür braucht er Hilfe. Clay ist der einzige, der sich entschließt, mit dem Mörder zu gehen – gegen den erklärten Willen seiner Geschwister.

    In den folgenden Teilen wird die Familiengeschichte der Dunbars erzählt. Dies geschieht in der Regel abwechselnd, ein Handlungsstrang spielt in der Gegenwart und handelt unter anderem vom Brückenbau, einer führt uns in die Vergangenheit an verschiedene Stationen.

    Die Mutter Penelope (Penny) stammt aus Polen, kam über Umwege nach Australien. In ihrem Gepäck hatte sie die Bücher ihrer Kindheit in englischer Sprache, die Ilias und die Odyssee von Homer. Die Liebe zu diesen Büchern gibt sie an ihre Kinder weiter, Anspielungen darauf durchziehen den gesamten Roman. So gibt es erdschwarze Augen, ein weinrotes Meer oder Tiere mit Heldennamen. Clay ist derjenige, der diese und andere Geschichten am meisten liebt. Dadurch erfährt er mehr als die anderen.

    Durch einen Zufall lernt Penelope Michael kennen und lieben, der auch eine Vergangenheit hat, die auf ihm lastet. Beide scheinen füreinander bestimmt zu sein und bekommen diese fünf Söhne.

    „Am Anfang gab es uns alle, und jeder von uns hatte eine kleine Rolle im Ganzen. Unser Vater hatte bei jeder Geburt geholfen, ihm wurden wir als Erstes in die Arme gelegt. Penelope erzählte uns immer, dass er neben dem Bett gestanden hatte, hellwach, strahlend, tränenüberströmt. (…) Für Penelope war das die Welt.“ (S. 286)

    Das harmonische Familienleben wird vom Schicksal erschüttert, als Penny schwer erkrankt und sie alle lernen müssen, damit klarzukommen.

    „Genau wie in der Odyssee und in der Ilias, wo die Götter sich einmischten, bis alles in eine Katastrophe mündete, so war es auch im Hier und Jetzt. Sie (Penny) versuchte, sich wieder zusammenzusetzen, die Fragmente zu ordnen, dass sie sich wieder ähnlich sah, und manchmal glaubte sie sogar daran.“ (S. 566)

    Zutiefst berührende Szenen wechseln mit aufgelockerten Begebenheiten ab, auch mit teilweise humorvollen Dialogen. Zu keinem Zeitpunkt driftet Zusak in Kitsch und Tränen ab.

    Clay verliebt sich in Carey, ein Mädchen, das seine Berufung im Rennsport gefunden hat. Diese intensive Freundschaft bereichert bald sein Leben. Rory hat Schwierigkeiten in der Schule, die überwunden werden müssen. Thommy liebt seine Tiere, die manchem Bruder lästig sind. Vieles klingt alltäglich.

    Doch Krankheit und Verlust der Mutter schwebt über allem, insbesondere Clay scheint stark zu leiden. Er ist die Hauptfigur dieses Romans. Er ist auch derjenige, der sich akribisch auf den Brückenbau vorbereitet, bis zur Erschöpfung daran arbeitet. Diese Brücke hat natürlich enorme Symbolkraft und wirkt viel weiter.

    Zusak erzählt in einer einzigartigen Sprache. Er verwendet viele Bilder und Metaphern. Teilweise formuliert er sehr poetisch, dann auch wieder in normaler Prosa. Manche Sätze sind kurz:

    „Ich war der Vernünftige.
    Der ausdauernde Brotverdiener.
    Rory war der Unüberwindliche.
    Die menschliche Fußfessel.“ (S. 36)

    Sie erinnern an ein Versmaß, schaffen große Intensität, schweben einen Moment im Raum. Manchmal spricht uns der Erzähler direkt an, legt Fährten aus, lässt Andeutungen fallen, die auf Zukünftiges schließen lassen. Das tut er geschickt. Spätestens ab dem dritten Teil war ich eingesponnen, eingesogen von diesem wunderbaren Schreibstil, der Rhythmik der Worte, dieser traurig-melancholischen Grundstimmung.

    Das hätte ohne die tragfähigen Handlungsstränge jedoch nicht funktioniert. Die Schauplätze wechseln, die Stimmungen verändern sich, es wird nie langweilig.
    Ja, und dann das Ende. Ein Ende, an dem alle Fäden zusammenlaufen, an dem der Nebel sich lichtet, an dem aus Vermutung Wahrheit wird. Ein Ende, an dem angelangt man sofort noch einmal von vorne anfangen möchte zu lesen, um auch wirklich alles zu verstehen und kombinieren zu können. Das ist große Kunst, das ist Literatur vom Feinsten.

    „Nichts als ein Wunder“ wird sich in die Reihe meiner 10 Lieblingsbücher gesellen, „Die Bücherdiebin“ ist übrigens auch schon dort. Bitte lasst euch nicht vom 1. Teil des Romans abschrecken, denn er liest sich noch ein bisschen holprig. Danach geht es los und man möchte das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

    Ein großer Wurf, volle Lese-Empfehlung!



     
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