Rezension (5/5*) zu Nicht ohne meine Schwester von Marion Kummerow

claudi-1963

Bekanntes Mitglied
29. November 2015
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Der Kampf ums Überleben und die Hoffnung auf ein Wiedersehen

<strong>"Du brauchst keine Angst zu haben, solange ich hier bin. Weil ich dich beschützen werde." (Buchauszug)
Hessen 1944:</strong>
Familie Epstein ist bisher der Deportation entgangen, was sicher an dem abgelegenen Bauernhof in einem kleinen Dorf liegt. Zwar mussten sie diesen als Juden abgeben, doch sie konnten weiter dort arbeiten und leben. Eines Tages allerdings werden ihre Eltern abgeholt. Während die Brüder fliehen, werden Rachel und Mindel von der Gestapo gefasst und ins KZ nach Bergen-Belsen deportiert. Für die vierjährige Mindel ist ihre Schwester Rachel nun der einzige Halt, den sie noch hat. Doch bei der Ankunft verlieren sie sich aus den Augen. Jetzt muss jeder selbst um sein Überleben kämpfen. Während Rachel zur anstrengenden Zwangsarbeit eingeteilt wird, harrt Mindel einsam im Sternenlager, dass sie ihre Schwester wiedersieht. Einziger Lichtblick ist ihre Puppe Paula und ihr kleiner Freud Laszlo, mit dem sie sich anfreundet. Währenddessen versucht Rachel alles, um ihre kleine Schwester zu finden. Doch gibt es Hoffnung für die beiden?

<strong>Meine Meinung:
Ein kleines trauriges Mädchen am Stacheldrahtzaun passt sehr gut zum Inhalt. Erschütterndes Setting und beeindruckende Charaktere in einem unterhaltsamen, emotionalen Buch. Ausgang ist ein einsamer Bauernhof, bei dem eine jüdische Familie mit vier Kindern unbescholten lebt. Doch dann verstirbt der Besitzer, an den sie ihren Hof damals abtreten mussten und alles verändert sich. Was mit den Eltern und den beiden Brüdern geschieht, erfahren wir erst am Ende des Buches. Hier geht es allein um die beiden Schwestern, die zwar im selben Lager, jedoch durch Zäune voneinander getrennt sind, sodass sie sich nicht begegnen. Die Beschreibung der Begebenheiten des KZ Bergen-Belsen gibt mir eine Vorstellung, wie es dort aussah und was die Betroffenen alles erleben und mitmachen mussten. Neu für mich war, dass dort so viele Kinder untergebracht waren. Ich dachte immer, die Mehrzahl der Kinder wurde sofort bei der Ankunft getötet. Ebenso neu ist für mich der Kannibalismus unter den Insassen und dass es wohl vereinzelte Züge in die Schweiz gab, bei dem einige Insassen mitfahren und überlebt haben. Wie muss es für ein vierjähriges Mädchen gewesen sein, ganz allein unter diesen Zuständen zu überleben! Ich bin echt erstaunt, wie mutig und wie viel Kraft die kleine Mindel hat. Mitunter kam sie mir ebenso wie der siebenjährige Laszlo etwas zu übertrieben und reif für ihr Alter vor. Ich dachte, dass gerade so kleine Kinder doch eher mit bestimmten Situationen überfordert sind. Klar wächst der Mensch mit seinen Aufgaben und Ansprüchen allerdings, ob das für so kleine Kinder zutrifft? Gut fand ich es, diese Perspektive einmal durch kindliche Augen mitzuerleben. Einige der Kapitel haben mich dabei emotional extrem berührt, besonders wenn Kinder den Tod so brutal und real begreifen müssen. Erschüttert hat mich, dass selbst Kinder zu langen Appellen anstehen mussten. Berührt hat mich auch Rachels Handlung, besonders als sie in den Fabriken arbeiten musste, wo sie dann zudem noch gesundheitliche Probleme bekam. Sehr stark betont die Autorin, wie schnell bei jedem Einzelnen die Kräfte zehren und nachlassen. Erschüttert war ich vor allem über die Härte der Aufseher gegenüber den Kindern. Trotzdem das Buch fiktiv ist, ist es für mich eine bemerkenswerte Geschichte, die mich schwer erschüttert hat. Allerdings zeigt sich hier, wie stark Hoffnung und Kampf das Überleben bestimmen kann. Deshalb von mir eine Leseempfehlung und 5 von 5 Sterne.<strong>

 
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