Rezension (5/5*) zu Nachleben: Roman. Nobelpreis für Literatur 2021 von Abdulrazak Gurnah

Irisblatt

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15. April 2022
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Buchinformationen und Rezensionen zu Nachleben: Roman. Nobelpreis für Literatur 2021 von Abdulrazak Gurnah
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Kolonialzeit und ihre Auswirkungen

Abdulrazak Gurnahs Roman Nachleben spielt überwiegend in Deutsch-Ostafrika bzw. Tansania/Tanganyika und umfasst eine Zeitspanne vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1960er Jahre. Ilyas wurde als 11-jähriger von den Askari, der kolonialen deutschen Schutztruppe, zwangsrekrutiert. Ein deutscher Kaffeeplantagenbesitzer rettet den Jungen aus den Klauen des Militärs und nimmt sich Ilyas an. Er darf die Missionsschule besuchen, lernt Deutsch, arbeitet für den Plantagenbesitzer, der ihn gut behandelt. Die Jahre auf der Plantage und in der Missionsschule prägen Ilyas für sein gesamtes Leben und lassen in ihm eine tiefe Verbundenheit und Dankbarkeit gegenüber den Deutschen heranwachsen. Als junger Mann kehrt er zunächst zum Arbeiten in eine kleine Hafenstadt an der ostafrikanischen Küste zurück und reist schließlich in sein Heimatdorf. Dort findet er nur noch seine jüngere Schwester, die, wie eine Sklavin, bei Verwandten lebt. Ilyas nimmt Afiya mit in die Stadt, bringt ihr lesen und schreiben bei. Als der erste Weltkrieg ausbricht, meldet sich Ilyas freiwillig zum Militärdienst. Er möchte als Askari für die Deutschen gegen die Briten in den Krieg ziehen. In den folgenden Abschnitten des Romans bleibt Ilyas vor allem durch seine Abwesenheit, seine Sorge um ihn und sein ungewisses Schicksal präsent. Ein weiterer junger Mann, Hamza, taucht auf. Auch er hat sich, wie so viele afrikanische Männer, den Askari angeschlossen. Mit Hamza tauchen wir tief ein in das Leben der Askari, den Umgangston, den kriegerischen Auseinandersetzungen, Grausamkeiten und Verwüstungen. Hamza überlebt den Krieg, findet Arbeit in der ostfrikanischen Küstenstadt und trifft dort auf Ilyas Schwester Afiya.

Gurnah berichtet aus Sicht der Kolonisierten. Er zeigt eindrücklich, welche Auswirkungen Kolonialismus bis heute hat. Sein Blick ist differenziert, zeigt das ambivalente Verhältnis der multiethnischen afrikanischen Bevölkerung zu den Kolonialisten, die auch nicht über einen Kamm geschert werden können. Sein Stil ist schnörkellos, eher sachlich. Zu Beginn erzählt Gurnah berichtartig, zusammenfassend, liefert die Eckdaten zu seiner Geschichte. Mit dem Auftauchen Hamzas lässt sich Gurnah Zeit mit dem Erzählen, so dass ein Eintauchen in diese Welt mit ihren Facetten und Widersprüchen möglich wird. Neben den Grausamkeiten des Krieges und dem Wirken der Kolonialmächte zeichnet Gurnah auch ein lebendiges Bild des städtischen Lebens in Ostafrika mit all seinen arabischen, indischen und afrikanischen Handwerkern und Händlern. Über Afiya erhalten wir Einblicke in das familiäre Leben, die Rolle von Frauen und Männern, in die gesellschaftlichen und religiösen Regeln, aber auch in traditionelles afrikanisches Wissen und Weltbilder. Obwohl auch in diesen Abschnitten Gurnahs Stil sachlich bleibt, gelingt es ihm, sehr lebendige Bilder und vielschichtige Figuren zu erschaffen. Der Roman nimmt am Ende eine erstaunliche, unvorhergesehene Wendung, die betroffen macht. Während des Lesens haderte ich anfänglich mit der sehr schnellen, verdichtenden, berichtenden Erzählweise jeweils im ersten und letzten Teil des Romans. Je länger die Lektüre zurückliegt, umso mehr schätze ich auch diese Teile in der Gesamtkomposition. Gurnah erzählt eine Geschichte, die mir im Gedächtnis bleiben wird. Sie hat mich emotional berührt und meinen Blick auf diese Epoche der Geschichte bereichert. „Nachleben“ war mein erstes Buch des letztjährigen Literaturnobelpreisträgers, aber mit Sicherheit nicht mein letztes.