Rezension Rezension (5/5*) zu Maschinen wie ich von Ian McEwan.

Anjuta

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8. Januar 2016
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Maschine und Mensch

Künstliche Intelligenz – immer mehr umgibt uns davon, nimmt uns vieles ab und/oder eher weg? Das ist eine große Frage, die in Ian McEwans neuem Roman den Weg in die Belletristik gefunden hat. Der britische Autor hat sich wieder einmal ein großes Zeitthema herausgegriffen und daraus einen Roman gemacht: „Maschinen wie ich“, erschienen im Diogenes Verlag.
Adam, einer von einer Gruppe von gerade auf den Markt gekommenen humanoiden Robotern, ist Charlie Friends große Anschaffung. Der Roboter zieht bei Adam in seine eher heruntergekommene Wohnung im Norden Londons mit ein. Und so beginnt ein Zusammenleben, das sich komplett neu finden und entwickeln muss. Aber die Entwicklung einer Beziehung ist nicht allein eine anspruchsvolle Situation in dem Beziehungsgeflecht Mensch-Maschine, sondern auch im Geflecht Mensch-Mensch läuft das auf komplizierten Bahnen. Das zeigt uns die zeitgleich stattfindende Beziehungsanbahnung Charlies mit seiner Nachbarin Miranda. Und insgesamt ist in McEwans Roman zu beobachten: Er führt die Maschine Adam nicht als kompletten Außenseiter in das Geschehen ein, sondern verknüpft sie mit dem „rein menschlichen“ Geschehen um ihn herum. Adam ist Teil des Geschehens, manchmal als Ausgangspunkt eines Konflikts, manchmal auch als Konflikt- und Problemlöser. Er ist mittendrin dabei und versucht, das Geschehen um ihn herum in seine programmierte Lebenserfahrung und -weisheit einzufügen, um es auf dieser Basis verstehen zu können. Nicht immer ganz leicht.
Ein besonderer Kunstgriffs McEwans ist bei der Geschichte die gewählte Zeitkonstruktion. Er entführt uns in „Maschinen wie ich“ in unsere Vergangenheit, wie wir sie noch nie gesehen haben. Denn es ist zwar unsere eigene Vergangenheit, aber in einer ausgedachten Form, in der an vielen Stellen die Weichen des Geschehens literarisch anders gestellt wurden als es historisch tatsächlich der Fall war. So begegnen wir Adam, Charlie und Miranda in einer ausgedachten Vergangenheit, in der Großbritannien den Falkland-Krieg verliert, der britische Mathematiker Alan Turing hat nicht nach chemischer Kastration als Behandlung gegen seine Homosexualität Selbstmord begangen und konnte so die Computerwissenschaft und die künstliche Intelligenz schneller entwickeln als in unserer wirklichen Vergangenheit, das Attentat auf JF Kennedy ist fehlgeschlagen, dafür aber hat der Bombenanschlag auf das Grand Hotel in Brighton „geklappt“, die Beatles haben sich Anfang der 80er Jahre wiedervereinigt und eine wenig erfolgreiche Platte herausgebracht. So spielt McEwan mit der Geschichte und zeigt uns, dass so vieles Historische eben doch irgendwie zufällig und nicht alternativlos war und ist. Das heißt eben auch: Wir haben Vieles selbst in der Hand! Und werden so auch unser Verhältnis zur Künstlichen Intelligenz in unserem Leben selbst zu verantworten haben.
Das Zusammenleben von Mensch und Maschine geht im Roman durch verschiedene aufeinanderfolgende Stadien, die ich so wahrgenommen habe:
1. Die Maschine als reiner Dienstleister (Adam putzt und spült)
2. Die Maschine als überlegene Intelligenz (Adam verdient das Geld mit Online-Börsengeschäften)
3. Die Maschine als moralische Instanz (Adam leitet Charlie und Miranda in der Aufarbeitung einer Lüge und eines Verbrechens der Vergangenheit)
Fazit:
Ich hatte beim Lesen von McEwans neuem Roman großen Spaß an der aus meiner Sicht meisterlich konstruierten und angelegten Geschichte und an den daraus gewonnenen Erkenntnissen. McEwan lässt das Experiment der Adam-Maschinen zwar scheitern (sie löschen sich größtenteils selbst aus, wenn sie an der mehrdimensionalen Regellosigkeit des menschlichen Lebens und Handelns verzweifeln und ihr gelerntes eindimensionales Regelwerk dadurch ausgehebelt wird), zeigt uns aber sehr eindringlich, was möglich ist und weist auf unsere moralisch-historische Verantwortung hin. Mal wieder ein großer Roman eines großen Autoren, dem ich gern 5 Sterne gebe.


 
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