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Rezension Rezension (5/5*) zu Kleine Feuer überall: Roman von Celeste Ng.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von Literaturhexle, 14. Mai 2018.

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  1. Literaturhexle

    Literaturhexle Moderator

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    Geschichten hinter dem Offensichtlichen

    Bereits der erste Roman der Autorin (Was ich euch nicht erzählte) hatte mich völlig in seinen Bann gezogen. Umso gespannter war ich, was mich nun hier erwarten würde. Das Cover zeigt einen blauen Himmel mit kleinen Wölkchen, im Vordergrund ein typisch amerikanisches Holz-Wohnhaus mit großem überdachtem Vorbau und Garage.

    Tatsächlich handelt es sich um einen tiefgründigen amerikanischen Familien- und Gesellschaftsroman, der sich rund um das Leben der sechsköpfigen Familie Richardson aufbaut. Der Vater ein gut verdienender Anwalt, die Mutter Elena Lokal-Journalistin, die vier Kinder Lexie, Trip, Izzy und Moody sind Teenager, die noch zu Hause wohnen. Zu Hause, das ist eben dieses schicke Einfamilienhaus im Stadtteil Shaker Heights, wo alles wohlsituiert, ordentlich und durchstrukturiert zugeht und man stets nach Perfektion strebt. Dieses Streben wird am besten durch Mutter Elena verkörpert, die ihr ein paar Straßen weiter stehendes Elternhaus bewusst an Menschen vermietet, denen es finanziell nicht so gut geht. Das ist Teil ihres „Sozialprojektes“. Seit rund einem Jahr lebt dort die künstlerische Fotografin Mia Warren mit ihrer etwa 15-jährigen Tochter Pearl.

    So richtig nimmt man Elena ihr soziales Engagement von Anfang an nicht ab – zu sehr ist sie sich des immensen Standesunterschiedes zwischen der Künstlerin „am Hungertuch“ und sich selbst bewusst.
    Der Einstieg in den Roman beginnt analog zum Titel: Das Haus der Richardsons wurde offensichtlich mit lauter kleinen Feuern angezündet. Zum Glück wurde niemand verletzt, aus dem Gespräch der Familienmitglieder wird deutlich, dass man Izzy, die jüngste Tochter, für die Brandstifterin hält. Sie scheint einen schwierigen Charakter zu haben und ist auch die einzige, die an diesem Abend nicht zu Hause ist. Kurz zuvor haben aber auch Mia und Pearl ihr Haus und die Stadt verlassen: Zufall? Von Beginn an möchte man wissen, wer für das Feuer verantwortlich war. Im Folgenden wird deshalb die ganze Geschichte in Rückblicken erzählt und zeigt die Entwicklung bis zum Feuer sorgsam auf.

    Mia und Pearl sind zwei Reisende, die bisher niemals lange an einem Ort geblieben sind. Pearl freut sich darauf, nun sesshaft zu werden, hat sie damit zum ersten Mal die Chance, sich einen Freundeskreis aufzubauen und eine Schule längerfristig zu besuchen. Sie freundet sich schnell mit dem gleichaltrigen Moody Richardson an. In Folge ist sie oft bei der Familie zu Gast, wird von den Familienmitgliedern freundlich empfangen, so dass sie auch mit den Geschwistern in Kontakt kommt. Izzy, die sich meist aus der Familie zurückzieht und dort als schwarzes Schaf gilt, freundet sich währenddessen mit Pearls Mutter Mia an. Das Mädchen ist fasziniert von deren künstlerischem Schaffen, von ihrer Freiheitsliebe. Sie besucht sie bald regelmäßig, um ihr zu assistieren. Nach und nach fasst Izzy Vertrauen zu Mia, die sich viel besser in sie hineinversetzen kann als die eigene Mutter. Zusätzlich wird Mia auch als Hausangestellte von den Richardsons eingestellt. Beide Familien vermischen sich auf diese Weise miteinander, was großes Konfliktpotential birgt, da hier zwei vollkommen unterschiedliche Lebensmodelle aufeinander prallen und sich aneinander reiben. Am Ende werden aber beide auch voneinander gelernt und profitiert haben…

    Das an sich ergibt schon einen spannenden Plot. Dieser wird aber gekonnt flankiert durch weitere Handlungsstränge: Da ist das Ehepaar McCullough, enge Freunde der Richardsons, die im Begriff stehen, ein asiatisches Mädchen zu adoptieren, das einst ausgesetzt wurde. Als die leibliche Mutter ihr Kind zurückfordert, kommt es zum Prozess, in dem sowohl Familie Richardson als auch Familie Warren Stellung beziehen werden.

    Auch die Frage nach Pearls Vater und damit Mias Vergangenheit wird gestellt. Hier greift Mrs Richardson in deren Privatsphäre ein und fördert das ein oder andere Geheimnis zutage.
    Ein großes Thema in diesem Roman ist das Muttersein: Was bedeutet Mutterschaft? Unter welchen Bedingungen kann man sie zurückweisen oder sich das Recht darauf verdienen, ohne selbst schwanger gewesen zu sein? Jede Mutter hat ihren festen Standpunkt und ist im Verlauf dennoch in der Lage, sich zu entwickeln.

    Ein weiteres Thema ist das Feuer. Celeste Ng schafft wunderbare Bilder und Metaphern, die in Bezug zum titelgebenden Feuer stehen.

    Das Besondere an diesem Roman ist, dass er niemals stigmatisiert und einfache Wahrheiten liefert. Er bietet wenig falsch/richtig oder gut/böse an, sondern zeigt die Zwischenräume auf, die Graubereiche. Er erzählt die Geschichten hinter dem Offensichtlichen, nimmt Bezug auf Biografien, die jeden Protagonisten zu dem gemacht haben, was er heute ist. So bleibt die gesamte Entwicklung nachvollziehbar und lässt ungemein viel Raum für eigene Gedanken, die man sich zwangsläufig machen muss.
    Der Erzählstil ist unaufgeregt und dennoch ganz nah bei den handelnden Personen. Der Roman hat mir außerordentlich gut gefallen, hat sich zum regelrechten Pageturner entwickelt, ganz ohne trivial oder oberflächlich zu sein. Er verbindet das Unterhaltsame mit dem Literarischen. Er ist einfach großartig und erhält meine volle Leseempfehlung!



     
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