Rezension (5/5*) zu Elizabeth Finch: Roman von Julian Barnes

Naibenak

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2. August 2021
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Schleswig-Holstein
Buchinformationen und Rezensionen zu Elizabeth Finch: Roman von Julian Barnes
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"Über das eine gebietet man, über das andere nicht."

Der Erzähler Neil besucht ein kulturhistorisches Seminar für Erwachsene. Die Dozentin Elizabeth Finch hat es ihm sofort angetan. Schwer begeistert von ihrem selbstsicheren, stoischen Auftreten, ihrer gleichzeitigen Zurückgezogenheit und ihren teils gewagten Thesen und Aufforderungen zum Selbstdenken, bewundert nicht nur Neil diese Frau. Schnell werden Eigenschaften auf EF projiziert, einiges wird in ihr karges Verhalten hineininterpretiert...

Neil selbst ist erfolglos im Job und im Eheleben sowie der Meister der unvollendeten Projekte, und so verwundert es nicht, dass er einen Seminar - Aufsatz, der von Elizabeth Finch eingefordert wird, nicht schreibt. Dennoch entwickelt sich zwischen Neil und EF eine lose platonische Freundschaft. Regelmäßig treffen sie sich in den Folgejahren und diskutieren über hochgeistige Themen. Niemals jedoch tauschen sie Privates aus.

Dann stirbt Elizabeth Finch und hinterlässt Neil überraschend ihre Bibliothek und Aufzeichnungen. Ein neueres Projekt startet: Neil schreibt den versäumten Seminaraufsatz und will posthum EF imponieren. In diesem Aufsatz greift er das ehemalige Seminarthema auf über den römischen Kaiser Julian Apostata, der 363 n.Chr. versucht hat, auf seine eigene Art das Christentum zurückzudrängen. Er ist ein Kaiser gewesen, der für Polytheismus steht und diesen verteidigt hat. In diesem Zusammenhang werden Gedankenspiele und Theorien wach, die durchaus provozieren können. Der Aufsatz bildet den Mittelteil von Barnes' Roman. Er wirkt ein bisschen aus dem Rahmen gefallen, fesselt aber in seiner geschichtlichen Fülle an Informationen und vielerlei Quellen aus den letzten Jahrhunderten, sowie aufgrund der mitreißenden und philosophisch spannenden Vortragsweise des Autors. Es wird eine Annäherung an den Kaiser versucht, jedoch mit der späteren Erkenntnis, dass vieles nur (teils aufgehübschte) Geschichten sind und diese viel zu wenig hergeben, um wirklich beurteilen zu können.

Dies ist auch der Grund, warum Neils neueres Projekt- eine Biografie über Elizabeth Finch - am Ende doch nicht verwirklicht wird. Bei seinen intensiven Recherchen über mehrere Jahre ist EF's Bruder nur bedingt hilfreich. Eine ehemalige Seminarteilnehmerin und Affäre von Neil - Anna - kann da schon mehr erwirken, nämlich einige weitreichende Erkenntnisse, die Neil verdeutlichen, dass er im Grunde nichts über EF weiß:

(Seite 229) "Vielleicht ist es so, dass ich Elizabeth Finch nicht besser - wenn auch auf andere Art-" kenne" und "verstehe", als ich den Kaiser Julian "kenne" und "verstehe". Und als ich das erkannt hatte, war es Zeit aufzuhören."

Im dritten Teil des Buches also werden Zusammenhänge klarer, die Sicht auf die Dinge wirkt weniger verklärt. Einsichten und sinnvolle Schlussfolgerungen entwickeln sich. Der Roman endet mit einem Augenzwinkern.

Fazit: Mein erster Barnes, und er hat mich fasziniert, gefordert, zum Nachdenken angeregt und aufgrund der Fülle von Historie und Philosophie beeindruckt. Die Fähigkeit des Autors, dies alles unheimlich fesselnd zu vermitteln, muss ich ebenfalls hervorheben. Und gleichzeitig ist in allem immer dieses zutiefst Menschliche, dieses Augenzwinkern, dieses: "Vielleicht ist es so, vielleicht auch völlig anders..." Ich will ab jetzt noch mehr von diesem Autor!

 
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