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Rezension Rezension (5/5*) zu Einsame Schwestern von Ekaterine Togonidze.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von Leseglück, 12. Juni 2018.

  1. Leseglück

    Leseglück Aktives Mitglied

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    Untrennbar verbunden und doch einsam

    Wie fühlt es sich an, wenn man mit seiner Zwillingsschwester einen Körper teilen muss? Zunächst ein verstörender Gedanke. In ihrem Debütroman: "Einsame Schwestern" der Georgerin Ekatarine Togondize wird das Leben eines siamesischen Zwillingspaars beschrieben. Als Vorbild für die Art der körperlichen Behinderung diente der Autorin wohl ein amerikanisches Geschwisterpaar, das in den USA durch soziale Medien und TV bekannt ist. Im Gegensatz zu diesen amerikanischen Schwestern, die wohl ein glückliches und erfülltes Leben führen, haben die beiden Schwestern Diana und Lina im Roman "Einsame Schwestern" ein überwiegend unglückliches Leben, das schon in ihrem 17. Lebensjahr tragisch endet.

    Der Roman spielt in Georgien, also dem Heimatland der Autorin. Die siamesischen Zwillinge wachsen dort völlig isoliert von der Gesellschaft bei ihrer Großmutter auf. Die Mutter der Schwestern ist bei ihrer Geburt gestorben und ihr Vater hatte schon zu Beginn der Schwangerschaft die Beziehung zur Mutter beendet.
    Die Zwillingsschwestern werden von der Großmutter unterrichtet. Ab und zu taucht ein entfernter Verwandter auf, der für die kleine Familie Besorgungen macht. Außer ihrer Großmutter und diesem Verwandten sind die Geschwister noch keinem anderen Menschen begegnet. Von der Außenwelt erfahren sie lediglich durch Fernsehen und Zeitschriften.
    Beide Schwestern lieben es, Tagebuch zu schreiben. Dabei versuchen sie es jeweils so einzurichten, dass die Schwester diese Tagebucheintragungen nicht zu lesen bekommt. Dies gibt ihnen das Gefühl einer Privatsphäre und einer eigenen Identität.
    Als die Großmutter schwer krank wird und stirbt, sind die Zwillinge plötzlich auf sich allein gestellt, zumal sich der Verwandte der beiden seit dem Tod der Großmutter nicht mehr meldet. Wenige Monate später werden die siamesischen Zwillinge in einem Zirkus tot aufgefunden. Im Zuge der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, erfährt der leibliche Vater von der Existenz der Mädchen, findet ihre Tagebücher und lernt von Eintragung zu Eintragung seine Kinder und dessen Schicksal kennen.

    Der Roman besteht hauptsächlich aus den chronologisch geordneten Tagebucheintragungen von Diana und Lina, unterbrochen von Erinnerungen des leiblichen Vaters Rostom an die Affäre mit der Mutter der Kinder. Rostom sperrt sich lange dagegen, die siamesischen Zwillinge als seine eigenen Kinder anzusehen.

    Die Tagebucheintragungen der beiden Schwestern sind sehr berührend. Sie wirken authentisch. In einer einfachen und poetischen Sprache berichten die Mädchen von ihren Ängsten und Hoffnungen. Dabei wird klar, dass sie sehr unterschiedliche Persönlichkeiten haben: Diana wirkt vernünftig und realistisch, während Lina die Gefühlvollere aber auch Naivere ist.
    Dadurch, dass sich der Roman hauptsächlich auf das Seelenleben der beiden Teenager konzentriert, gerät deren körperliche Besonderheit in der Wahrnehmung in den Hintergrund. Für mich persönlich wurde die Behinderung weniger verstörend. Beide Mädchen suchen - eigentlich wie alle Teenager - einen Platz für sich im Leben. Aber sie müssen erleben, dass sie nicht als Menschen, sondern als Freaks, als Kuriosum behandelt werden - und verzweifeln daran. Es ist erschütternd wenn Lina in ihrem Tagebuch fragt: "Zähl ich als Mensch oder gehör ich nicht dazu?"

    Es bleibt die Frage, warum die Großmutter ihre Enkelkinder versteckt hat. Warum den Zwillingen keine Hilfe von der Gesellschaft zuteil geworden ist - wie das wohl bei den bekannten amerikanischen Zwillingen der Fall war. Vielleicht liegt die Antwort an dem Ort, an dem die Handlung spielt: Georgien. Dort scheinen wohl noch große Vorbehalte gegenüber jeder Art der Behinderung zu bestehen. So ist der Roman sicher auch als Plädoyer für mehr Toleranz und Respekt vor Menschen mit Behinderungen zu lesen.

    Einsame Schwestern ist ein Roman der unter die Haut geht. Ein Roman wie er sein sollte: er hinterlässt Spuren beim Leser und verändert ihn damit ein Stück weit im positiven Sinne.

     
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