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Rezension Rezension (5/5*) zu Einsame Schwestern von Ekaterine Togonidze.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von parden, 7. Juni 2018.

  1. parden

    parden Forumlegende

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    Auch ich bin ... ein Mensch!

    Lina und Diana sind Zwillinge. Doch auch wenn Zwillinge keine allzu seltene Laune der Natur sind - die beiden Mädchen sind etwas Besonderes. Sie teilen sich von der Taille abwärts einen Körper - sie sind siamesische Zwillinge. Hinzu kommt, dass sie nicht etwa wie Abby und Brittany Hensel in den USA das Glück haben, eine starke Familie im Rücken zu wissen und im Rahmen ihrer Möglichkeiten alles zu tun, wonach ihnen der Kopf steht - Fahrrad fahren, Führerschein machen, sich im Bikini am Strand aalen - sondern in Georgien aufwachsen. In einer Gesellschaft also, in der Behinderte nicht zum Straßenbild gehören, sondern versteckt werden.

    Von dem Leben der beiden Mädchen erfährt der Leser aus Tagebucheintragungen. Diese kommen nach ihrem mysteriösen Tod ans Tageslicht und landen bei ihrem Vater Rostom, der erst von der Gerichtsmedizin erfährt, dass er Töchter hatte. Abwechselnd wird hier erzählt aus dem Leben von Lina und Diana und von Rostom, ihrem Vater, der nicht wahrhaben will, dass er mit diesen Kindern etwas zu tun hat.


    "Mein Stammbaum weist keinerlei Defekte auf! (...) Hätte ich solche Kinder gezeugt, hätte ich mich gleich umgebracht!" (S. 84 f.)


    Die Tagebucheintragungen von Diana und Lina sind eher leise und dennoch intensiv. Zum Teil typische Gedanken und Stimmungsschwankungen Jugendlicher, zum Teil Notizen, die einen guten Einblick bieten in die Situation, für immer an jemand anderen gebunden und niemals allein zu sein. Die beiden Mädchen leben bis zu ihrem 16. Lebensjahr abseits der Stadt bei ihrer Großmutter, die Mutter starb bei ihrer Geburt. Die bescheidene Rente der Großmutter lässt die Zwillinge in Armut leben, Fleisch gibt es selten, Süßigkeiten sind ein Luxus. Und doch wachsen die beiden recht behütet auf, die Großmutter bringt ihnen Lesen und Schreiben bei, und als sie die Möglichkeit entdecken, jede für sich ein Tagebuch zu führen, haben sie endlich eine Nische entdeckt, ihre so unterschiedlichen Persönlichkeiten zu Wort kommen zu lassen.

    Als die Großmutter stirbt, ist niemand mehr da, der Lina und Diana beschützt - wehrlos werden sie zum Opfer. Erst als Untersuchungsobjekt der Ärzte, später als Freaks im Zirkus. Nie werden sie als das gesehen, was sie sind: zwei jugendliche Mädchen in einem gemeinsamen Körper. Diana ist dabei pragmatischer und eher sachlich veranlagt, Lina dagegen verträumt und romantisch. Stets werden die beiden als eins gesehen, als Monstrosität betrachtet und behandelt - und Misshandlungen ausgesetzt.

    Die Lektüre ist trotz der eher einfachen Sprache in den Tageucheinträgen eine schwere und bedrückende. Der Kniff mit den Tagebüchern ist dabei von Ekaterine Togonidze geschickt gewählt worden, wird so doch der Schwerpunkt nicht auf die Behinderung selbst gelegt, sondern darauf, was das für die beiden Mädchen bedeutet, für ihr Leben, ihre Gefühle, ihre Gedanken. So wird der Leser nicht ungewollt ebenso zum Zuschauer einer Freakshow, wie die Besucher des Zirkus, in dem die Mädchen gezwungen sind aufzutreten.

    Die Lektüre macht betroffen - nicht allein aufgrund der Eindringlichkeit, die gerade auf den letzten Seiten der Tagebücher entsteht. Sie macht betroffen angesichts der Vielfalt des Menschseins - und der Ignoranz dieser Tatsache. Menschen mit Behinderungen - totgeschwiegen, weggesperrt, angestarrt, misshandelt, missbraucht, entseelt.


    "So viel habe ich gewollt und nichts bekommen, nichts ist mir gelungen... Ich wollte allen ins Gesicht sagen: Auch ich bin eine von euch. Auch ich bin ... ein Mensch." (S. 176)


    Leben ist Vielfalt. Und dieser Roman senisibilisiert - für Toleranz, für Akzeptanz, für ein Ja zu allen Facetten des Menschseins. Ein beeindruckendes Debüt, das lange nachhallt...


    © Parden

     
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