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Rezension Rezension (5/5*) zu Einsame Schwestern von Ekaterine Togonidze.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von Querleserin, 6. Juni 2018.

  1. Querleserin

    Querleserin Platin Mitglied

    Registriert seit:
    30. Dezember 2015
    Beiträge:
    1.369
    Zustimmungen:
    1.940
    Ein Schicksal, das betroffen macht

    Die jugendlichen siamesischen Zwillinge Lina und Diana, die von der Taille an verbunden sind (zwei Beine und zwei Arme, aber auch zwei Herzen und Köpfe) leben im postsowjetischen Georgien - von ihrer Großmutter versteckt.

    Ihre Mutter Elene starb bei ihrer Geburt und der Vater - Rostom hat seine Geliebte während der Schwangerschaft verlassen, da eine Heirat nicht "standesgemäß" gewesen wäre. Aus seiner Er-Perspektive erfahren wir zunächst, dass er vom Krankenhaus eine Rechnung erhält.

    "Für die von uns für Ihre Kinder in Auftrag gegebene Leichenbewahrung" (8)

    Man erfährt auch, dass ein Zirkusdirektor wegen Ausbeutung gesucht wird, was darauf hinweist, wo die beiden gestorben sind.

    Die Geschichte, die zum Tod der Zwillinge führt, wird in Tagebucheinträgen der beiden erzählt.
    Abwechselnd legen Lina und Diana ihre unterschiedlichen Gedanken und Gefühle dar.

    Diana
    "Wenn ich schreibe, fühle ich mich lebendiger als sonst, mein Leben wird auf einmal viel bedeutender." (9)
    "Zum Glück habe ich mein Tagebuch! Das ist der Ort, der nur mir gehört! Der Ort, an dem ich ich selbst bin..."(11)

    In diesen Einträgen kommt die grundlegende Tragik und Problematik der beiden sehr unterschiedlichen Mädchen zum Ausdruck: Sie sind nie allein, nur während des Schreibens, ansonsten sind sie immer auf die Kooperation der anderen angewiesen. Sie haben sich gern, lieben sich, als Teenager bräuchten sie jedoch Raum für sich selbst. Lina steckt deshalb ihren Kopf in eine Waschschüssel mit kaltem Wasser.

    "Ich brauche nur den Kopf ins Wasser zu stecken und schon bin ich woanders, in einer ruhigen, friedlichen Welt." (20)
    "Wasser ist für mich das Gleiche wie der Spiegel für Alice im Wunderland. Ich betrete so eine andere Welt." (24)

    Lina ist die Träumerin, die Mode-Designerin werden will, emotional, sensibel ist und wunderschöne Gedichte schreibt.

    Diane ist die Realistin, die Situationen durchschaut und eher rational an die Gefahren herangeht, die den Mädchen droht, als die Großmutter erkrankt und stirbt. Ein Hochwasser "spült" die beiden Mädchen an die Öffentlichkeit, wo sie zunächst im Krankenhaus untersucht werden, das sie schließlich an einen Zirkus verschachert.

    Währenddessen setzt sich Rostom mit seiner Vaterschaft auseinander, indem er sie zunächst verdrängt. Doch dann holen ihn die Erinnerungen ein, die gemeinsame Zeit mit Elene, der er einst eine Yin und Yang-Kette geschenkt hatte - ein Symbol für die Zwillinge.

    Genau wie der Apfel-Pfirsichbaum, der im Garten des Hauses steht:

    "Ich träumte vom Garten, unserem Garten,
    den prächtigen Farben der Hecken,
    wo Pfirsich und Apfel mitsammen verwachsen,
    als einzelner Baum sich zum Himmel strecken." (114) [Teil eines Gedichtes von Lina]

    Im Zirkus treten die beiden auf, nur als "Freaks" erfahren sie Anerkennung, dabei wäre Lina gerne ein Mensch wie alle anderen, möchte dazugehören, während Diana erkennt:

    "Wir haben nie zu denen gehört und werden es auch nie." (178)

    Bewertung
    Ich fand diesen Roman sehr aufwühlend und verstörend. Das Bild der beiden Mädchen ist immer noch in meinem Kopf und der Versuch zu verstehen, wie man so leben kann. Die Art und Weise, wie mit ihnen umgegangen wurde - selbst die Großmutter ist nicht in der Lage ihnen Zärtlichkeit zu geben - ist menschenverachtend und macht betroffen. Sie gelten als Freaks, die ihren Platz nur im Zirkus finden können. Um auf den Umgang mit Behinderten in Georgien hinzuweisen, hat die Autorin ein extremes Beispiel gewählt, weckt dadurch jedoch Aufmerksamkeit und den Zwang, sich mit der Thematik auseinander zu setzen. Ihre Fähigkeit sich in die beiden hineinzuversetzen, ist erstaunlich, die Tagebucheinträge wirken sehr authentisch.
    Sprachlich ist der Roman sehr poetisch, besonders in den Gedichten und Einträge Linas. Sie findet für das Abscheuliche erträgliche Worte, die trotzdem nahe gehen.
    Ein Roman, der noch sehr lange nachhallt und wirklich empfehlenswert ist.


     
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