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Rezension Rezension (5/5*) zu Eine Liebe zwischen den Welten von Marina Vlady

Dieses Thema im Forum "Biografien" wurde erstellt von Tiram, 1. Juni 2018.

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  1. Tiram

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    Eine wunderbare Liebeserklärung an einen wunderbaren Menschen

    Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen, das ich abgöttisch liebe, und dass ich wie einen Schatz hüten werde. Ich habe es jetzt das zweite Mal gelesen und musste einfach drauf los schreiben, um euch diese beiden Menschen nahezubringen.

    "Wie der ganze Saal bin ich bis ins Mark erschüttert von der Gewalt, der Verzweiflung, der unerhörten Stimme des Schauspielers."

    So erging es Marina Vlady 1967, als sie Wladimir Wyssozki das erste Mal auf der Bühne sah. Nach der Aufführung treffen sich die beiden und er gesteht ihr, dass er sie schon sehr lange liebt. Und das, wo er verheiratet ist, Kinder hat, doch er weiß, das Marina mal seine Frau wird. Und sie ist beeindruckt von ihm. Seine Augen haben es ihr angetan. Und seine Verwegenheit bringt sie aus der Verfassung. Und so treffen sie sich wieder.

    Marina erzählt hier ihr Leben mit Wladimir, und sie spricht ihn dabei direkt an. Als wenn sie dieses Buch nur für ihn geschrieben hätte. Eine schöne Idee, wie ich finde.

    Als Liebespaar ist es für sie nicht leicht. Niemand hat eine eigene Wohnung. Die Hotelzimmer sind Ausländern oder zugereisten Sowjetbürgern vorbehalten. Und so müssen sie die wenigen guten Freunde bitten, ihnen ihre Wohnung zu überlassen, was aber auch als ganz selbstverständlich angesehen wird.

    Marina versucht alles, um Wladimir besuchen zu können. Mal wird sie zu einem Filmfestival eingeladen, dann schafft sie es, einige Wochen für Dreharbeiten einzureisen. Und dank ihrer beider Bekanntheit und der Bewunderung, die Wladimir in allen Schichten der Bevölkerung genießt, klappt es immer wieder mal.
    Bei einem ihrer Besuche erleidet Wladimir einen Zusammenbruch. Er ist Alkoholiker und hat Glück, dass Marina schnell reagiert hat und ihn in ein Krankenhaus gebracht hat. Nach sechzehn Stunden des qualvollen Wartens erfährt sie, dass ein Blutgefäß in seiner Gurgel geplatzt ist und er keinen Schluck Alkohol mehr trinken darf. In den Ärzten, die ihn behandelt haben, haben sie lebenslange Freunde gefunden.

    Marina erlebt, was der Zweite Weltkrieg in dem Land angerichtet hat. In einem Dorf erzählt ihr ein altes Muttchen, was sie hätte in vielen Dörfern erfahren können. Neun Frauen zwischen 15 und 45 leben 1944 in diesem Dorf. Die Deutschen sind zwar auf dem Rückzug, aber all ihre Männer sind an der Front oder bei den Partisanen umgekommen. Als ein kleiner Trupp junger sowjetischer Soldaten durchs Dorf kommt, fragt die Verwegenste den jungen Hauptmann:

    "Worum ich Sie bitten will, wird Sie schockieren. Versuchen Sie uns zu verstehen. Der Krieg hat uns alle Männer genommen. Damit das Leben weitergeht, brauchen wir Kinder. Schenkt uns Leben."

    In dieser Nacht, die Marina und Wladimir in diesem Dorf verbringen, entstehen die meisten Lieder seines Zyklus über den Krieg.

    "Bei deinen Konzerten hören dir ordensgeschmückte Veteranen unter Tränen zu, die jungen Leute sind nachdenklich und ernst. Deine Lieder vollbringen mehr für den Frieden und zur Ehre des Andenkens der Toten als alle Filme, Dokumente, Monumente und offiziellen Reden zusammen."

    Das Zusammenleben mit Wladimir ist nicht einfach. Immer, wenn Marina ihn für die Arbeit verlassen muss, triftet er ab. Trifft sich mit vermeintlichen Freunden, trinkt bis zur Besinnungslosigkeit. Die kleine Gruppe von Ärzten stehen ihnen immer bei und wenn sie ihm wieder mal das Leben gerettet haben, beginnt Marinas Arbeit. Sie schließt sich zum Entzug mit ihm ein. Für Wladimir ist es stets ein böses Erwachen. Denn danach kommen die Erinnerungen an das, was er angestellt hat.

    Im Dezember 1969 heiraten die beiden.

    Und dann beginnt der "Ehealltag". Marina muss weiterhin viel reisen, für die Arbeit. Damals mussten immer noch Visa ausgestellt werden. Und die waren zeitlich begrenzt. Sie überlegte, mit der Familie ganz nach Moskau zu ziehen, doch das machten ihre Söhne nicht mit. Ferien? Ja. Aber nicht dort leben. Wenn sie nicht da war, trank Wladimir, sodass sie oftmals ganz schnell wieder einreisen musste. Sie war glücklicherweise sehr beliebt in der Sowjetunion, Wladimir sowieso. So war für sie einiges leichter.
    Aber sie wollte ihrem Mann auch Paris zeigen, ihr Leben, ihre Freunde. Erst nach sechs Jahren stellten sie einen Antrag für Wladimir. Bei sechs Freunden hat es schon geklappt. Und keiner von ihnen ist in Frankreich geblieben oder hat aufsehenerregende Erklärungen abgegeben.

    Nach Wochen des bangen Wartens ist die Entscheidung gefallen. Der Reisepass wird ihnen sogar ins Haus geliefert. Wladimir kann es gar nicht glauben.

    Als Künstler lebt Wladimir ein unglückliches Leben. Er war beim Volk - und das in jeder Schicht - beliebt, doch offiziell erfährt er als Künstler keine Anerkennung. Ganz im Gegenteil: Jede dritte Theateraufführung wird nicht genehmigt, er muss Konzerte in dem Moment abbrechen, in dem er auf die Bühne gehen will. Und dann wird auch noch eine Krankheit vorgeschoben. "Weder Rundfunk noch Fernsehen haben jemals eines deiner Lieder gesendet. Keine Zeitschrift, keine Zeitung hat eine Zeile von dir publiziert." Glücklicherweise gab es das Wunder der Technik, namentlich: Tonbandgerät. Während seiner Reisen im Land und später auch im Ausland ist er immer wieder verwundert, wo die Leute ihn überall hören. Bis zum Schluss hat er vergeblich um offizielle Anerkennung als Dichter gerungen.

    "Von den vierundzwanzig Stunden des Tages, der für dich immer zu kurz ist, verbringst du im Schnitt drei oder vier am Schreibtisch. Vor allem nachts. Als wir nur ein einziges Zimmer haben, schlummere ich auf dem Bett daneben ein. Später, in unserer großen Wohnung, versuche ich auf dem Sofa deines Arbeitszimmers ein bißchen zu schlafen, während ich warte, bis du kommst, mir das gerade Geschriebene vorzulesen. Dieser einzigartige Augenblick in der Stille der Nacht, wenn du mir sanft über das Gesicht streichst, um mich zu wecken, um mir mit geröteten Augen und einer vom zu vielen Rauchen rauhen Stimme deinen neuen Text vorliest, ist einer der intensivsten Momente in unserem Leben. Es ist jedesmal ein tiefes Gefühl, eine innige Gemeinsamkeit, du schenkst mir das Kostbarste, was du besitzt, dein Talent..."

    Marina berichtet weiter über Episoden aus ihrer beider Leben. Und dann ist es vollbracht: Wladimir ist das erste Mal in seinem Leben im Ausland, in Freiheit:

    "Auf der polnischen Seite werden wir kaum kontrolliert, und sobald die Grenze durch eine Baumgruppe verdeckt ist, halten wir an. Du tollst herum wie ein Zicklein, schreist dir mit aller Kraft dein Glück aus dem Leibe, die ganze Gewalt deiner langen Geduld, deines Ungestüms, das durch diese endlich erlangte Freiheit verzehnfacht wird. Die Grenze deines Landes überschritten zu haben, das du niemals verlassen zu können glaubtest, zu wissen, daß wir die Welt sehen, so viele Schätze entdecken werden, das macht dich vor Überschwang fast verrückt, wir sind beide wie beschwipst."

    In Paris dann gibt Wladimir ein kleines Konzert in einem Theater und ist glücklich, dass ihm die Leute zuhören. Seine erste Schallplatte im Westen entsteht. Marina und Wladimir stehen gemeinsam auf der Bühne. Sie liest seine Texte auf Französisch vor und er spielt sich die Finger wund. Und dann steht er vor 200.000 Menschen auf der Bühne, die ihn auspfeifen, weil sie Rockgruppen erwartet haben. Doch er legt los und endet unter einem donnernden Applaus. "Ich hätte so lange draußen bleiben können, wie ich wollte, ich hab sie gekriegt!" Bei seinen Glücksmomenten muss ich immer ganz tief Luft holen und ich bekomme feuchte Augen.

    Und nun schließe ich schweren Herzens. Ich würde euch gerne weiter über die beiden wunderbaren Menschen berichten. Wie schon geschrieben, das Zusammenleben mit Wladimir war nicht leicht, vor allem wegen seiner Alkoholkrankheit. Und doch hat sie diesen Mann geliebt, respektiert, hat ihn für seine Kunst bewundert. Dieses Buch ist eine einzige wunderschöne Liebeserklärung an Wladimir Wyssozki, der leider viel zu früh gestorben ist.
     
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