Rezension (5/5*) zu Eine Liebe (Quartbuch) von Sara Mesa

Renie

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Irgendeine Liebe

Auch wenn "Eine Liebe" der spanischen Autorin Sara Mesa kein Liebesroman ist, ist es dennoch ein Roman über Liebe …. irgendeine Liebe. Diejenige, die auf irgendeine Art liebt, ist Natalia, genannt Nat, Protagonistin dieses Romans, der aus ihrer Perspektive erzählt wird.
Nat versucht einen Neuanfang in dem kleinen Dorf La Escapa, irgendwo in Spanien. Hier kennt jeder jeden. Nat lebte zuvor in der Stadt, ein unangenehmer Zwischenfall im Beruf und begrenzte finanzielle Möglichkeiten lassen sie ein heruntergekommenes Haus in La Escapa anmieten. Der Vermieter ist ein aufdringlicher und unverschämter Macho, mit den Einwohnern, die sie nach und nach kennen lernt, wird sie auch nicht richtig warm. Nat und die Dorfgemeinschaft verbinden eher Höflichkeit und räumliche Nähe als Sympathie und Zuneigung.
Unter den Einwohnern gibt es jedoch einen, dem Nat näherkommt - sehr nahe, denn zunächst geht es um Sex. Für ihn wird es nicht darüber hinausgehen, doch für Nat wird daraus eine Liebe, die keine ist und die fast schon zur Obsession wird.
Doch derartige „Lieben“ sind selten von Dauer. Nat und ihr Liebhaber trennen sich und so blickt Nat zurück auf eine Liebe, die keine war, …. oder irgendeine war? Oder eine beliebige von vielen war?

Dies ist ein Roman, so herrlich abseits der Norm, denn vieles in dieser Geschichte ist nicht so, wie man es erwartet, genauso wie „Eine Liebe" kein Roman ist, der vergleichbar mit anderen wäre, die aktuell in den Verlagsprogrammen zu finden sind.
Die Geschichte wird in der personalen Erzählperspektive aus der Sicht von Nat erzählt. Und eben diese Erzählperspektive wird beim Leser im Verlauf der Handlung für Verwirrung sorgen. Denn man sollte den Aussagen einer Erzählerin wie Nat nicht blind vertrauen!
Zunächst scheint Nat ein Mensch zu sein, der Schwierigkeiten hat, allein durchs Leben zu gehen: kein Selbstbewusstsein, schüchtern, jemand, dem es schwerfällt, sich anderen gegenüber zu öffnen. Diesen Charakter als introvertiert zu bezeichnen, würde das Ausmaß ihrer Ich-Bezogenheit nicht einmal ansatzweise wiedergeben. Denn Nat hat sich gedanklich isoliert; Probleme, die sie beschäftigen, trägt sie ausschließlich mit sich selbst aus. Dabei kommt es zu Gedankenspielen, die sie die Wirklichkeit auf sehr eigenwillige Weise betrachten lässt. Der Leser ist durch diese Erzählperspektive der subjektiven Realität von Nat hilflos ausgeliefert. Zu dieser Erkenntnis kommt man aber erst im Verlauf der Geschichte. Anfangs überwiegt noch das Mitgefühl für eine schüchterne und hilflose Frau, die mit den Schwierigkeiten eines Neuanfangs zu kämpfen hat. Erst später, wenn Sara Mesa nach und nach Unstimmigkeiten im Verhalten von Nat zu Tage treten lässt, beginnt man am Seelenzustand der Protagonistin zu zweifeln.
Die Handlung steuert schließlich auf ein Ende zu, das dem Leser einen sehr großen Interpretationsspielraum bietet.
Daher mein Fazit:
„Eine Liebe" ist ein Roman, der dem Leser die Sichtweise einer geistig labilen Protagonistin aufzwingen will. Man muss sich gedanklich schon sehr zur Wehr setzen, um sich ein eigenes Bild machen zu können. Gleichzeitig kann man sich jedoch nie sicher sein, was tatsächlich der Wirklichkeit entspricht. Diese Gedankenspiele machen diesen Roman für mich so besonders. Großes Erzählkino!

©Renie


 

Wandablue

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Oh, eine positive Rezension! Es haben sich wohl nicht allzu viele Leser auf die Sicht der Protagonistin oder der Autorin einlassen wollen, denn viele urteilen negativ. Wie (fast) immer, ganz anders: Renie. Du machst mich neugierig. Schon allein das Setting ist interessant. Ich setze es mal auf die WuLi.
 
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Renie

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Oh, eine positive Rezension! Es haben sich wohl nicht allzu viele Leser auf die Sicht der Protagonistin oder der Autorin einlassen wollen, denn viele urteilen negativ. Wie (fast) immer, ganz anders: Renie. Du machst mich neugierig. Schon allein das Setting ist interessant. Ich setze es mal auf die WuLi.
Du weißt doch: ich habe ein Herz für merkwürdige Protagonisten ;)
 
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