Rezension (5/5*) zu Eine Liebe (Quartbuch) von Sara Mesa

petraellen

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11. Oktober 2020
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Drama in drei Akten

Autorin
Sara Mesa wurde 1976 in Madrid geboren und zog als Kind mit ihren Eltern nach Sevilla. Sie studierte Journalistik und Spanische Philologie. Sie gehört zu den bekanntesten Schriftstler*innen der jungen Generation. Ihre schriftstellerische Arbeiten umfassen eine umfangreiche Bibliografie. Die nachfolgen Werke geben eine kleine Auswahl wieder.
Sie hat Erzählungen veröffentlicht: La sobriety del galápago (2008), No es fáil der Verde (2009) und Mama letra (2016). Erschienen sind zahlreiche Romane El trepanador de cerebros (2010), Un incendio invisible (2011), Cuatro por cuatro (2013), Cicatriz (2015), Cara de pan (2018) und Un amor (2020). Der letzte Roman, Un Amor übersetzt ins Deutsche Eine Liebe, ist zu einem am meisten von der Kritik gefeierten Roman des Jahres 2020 geworden.
2021 erhielt sie die Auszeichnung Premios de los libreros in der Kategorie Fiktion für die Erzählung Un Amor.

Inhalt
Natalie, genannt Nat, ist eine junge, alleinstehende Frau. Sie arbeitet als Übersetzerin. Nachdem man ihr einen Diebstahl nachgewiesen hat, kündigt sie ihren Job, obwohl ein großzügiges Entgegenkommen ihr eine Weiterbeschäftigung ermöglicht. In La Escapa am Berg Glauco findet sie ein Haus zum Mieten. Der Vermieter ist ein unsympathischer, ungepflegter Mann, der ihr bei ihrer Ankunft einen vernachlässigten, scheuen und verwahrlosten Hund schenkt, aber wenig bereit ist, ihr bei anfallenden Reparaturproblemen des alten, heruntergekommenen Hauses zu helfen. Nat bemüht sich Zugang zu den Dorfbewohnern bekommen, doch diese verhalten sich ihr gegenüber zurückhaltend. Auch Nat findet sich nur schwer mit dem Landleben und deren Bewohner zurecht. Sie fühlt sich beobachtet und aus dem Dorfleben ausgeschlossen.
Nat lernt Píter, einen Hippie kennen, der alles im Dorf genau beobachtet und genauestens informiert ist. Píter unterstützt sie, wenn sie Hilfe benötigt. Weitere Dorfbewohner sind die alte und verrückte Roberta, die Stadtfamilie, die ihre Wochenenden in La Escapa verbringen, das Mädchen aus dem Laden und Andreas „Der Deutsche“ genannt.
Als die Zeit des Regens beginnt, stellt sich heraus, dass ihr Dach undicht ist. Doch der Vermieter ist nicht bereit, es zu reparieren. Da taucht Andreas „der Deutsche“ auf. Er ist bereit, das Dach abzudichten. Als Gegenleistung macht er ihr ein unmoralisches Angebot.
Für Nat ist es der Beginn einer Reise, von der sie nicht weiß, wohin sie führt.

Sprache und Stil
Sara Mesa`s Roman „Eine Liebe“ beginnt mit einem kurzen, prägnanten Satz, der bereits die Atmosphäre widerspiegelt und im weiteren Verlauf des ersten Absatzes Ort und Menschen bildlich entstehen lässt.

„Als es dunkel wird, spürt sie, wie die Last auf sie stürzt, so schwer, dass sie sich setzen muss, um Luft zu holen.“ (S. 7)

„Eine Liebe“ beginnt mit einem vertrauten Thema. Eine Frau beschließt, ihr Leben zu ändern; sie verlässt die Stadt und ihre vertraute Umgebung, um auf dem Land über ihren weiteren Lebensweg nachzudenken.
Der Roman „Eine Liebe“ ist in drei Kapiteln aufgeteilt und gleicht einem Drama in drei Akten. Im ersten Kapitel wird der Schauplatz, die Zeit und die Situation beschrieben.

La Escapa ist der Ort, in dem sich die Protagonistin Nat zurückzieht. Die lange Trockenheit hat die Landschaft in eine trostlose, trockene Umgebung mit „vereinzelten Olivenbäumen, Kork- und Steineichen“ verwandelt. In weiter Ferne wird, wie hinter einem Schleier, der niedrige Berg Glauco, der Graugrüne, sichtbar. In dieser Umgebung hat die Protagonistin Nat ein einfaches, marodes Haus gemietet, um dort Abstand von ihrem bisherigen Leben zu gewinnen. Sie ist zurückhaltend und findet nur langsam Kontakt zu den anderne Dorfbewohnern.
Die Dorfbewohner werden beschrieben mit all ihren Eigenheiten. Der Mangel an Kommunikation, unter dem diese abgelegene Stadt La Escapa leidet (das Wortspiel ruft ein Gefühl der „Flucht“ hervor) führt dazu, dass sich ihre Einwohner verschlossen und zurückhaltend zeigen.
Sara Mesa beschreibt Charaktere in einer dörflichen Umgebung, deren soziale Beziehungen durch eine Vielzahl von Sitten, Brauchtum, Festen, eigenen Normen und Gesetzen geprägt sind. Die Vorgeschichte Nats, der Diebstahl, wird erwähnt, der Aufschluss über ihre Beweggründe nach la Escapa zu ziehen gibt. Fremden begegnet man misstrauisch. So ist der „Deutsche“ Andreas ein Fremder wie sie, aber bereit, ihr bei der Dachreparatur zu helfen. Als Gegenleistung verlangt er, dass sie ihn ein Weilchen in sie reinlässt.

„»Ich kann dein Dach reparieren, und dafür lässt du mich ein Weilchen in dich rein. «“
(S. 66)

„Der Deutsche“ Andreas leitet mit seinem unmoralischen Angebot in das zweite Kapitel ein. Das zukünftige Geschehen mit dem Begriff „Hereinlassen“ lässt sich erahnen.

Im zweiten Kapitel entwickeln sich die Ereignisse zu dramatische Aktionen. Der Konflikt entfaltet sich. Das Dorf, das sich zunächst als eine geordnete, in sich geschlossen Gruppe präsentiert, bekommt nach und nach Risse. Ab nun werden die Charaktere, insbesondere Nat, weiter offengelegt. Nat verändert sich, aus einer zurückhaltenden Frau wird plötzlich eine abhängige Frau. Die Autorin dringt tiefer und tiefer in die Charaktere ein. Das Verhältnis zwischen Nat und Andreas entwickelt sich zu einem Verhältnis wie in einem Psychodrama. Die Verbindung der beiden gleitet in einer dysfunktionalen Struktur ab.
Sara Mesa legt mit wenigen Worten gezielt die Tiefen der Charaktere ihrer beiden Hauptfiguren offen. Die scheinbare Überlegenheit von Nat gegenüber Andreas zerfällt.

„Andreas gegenüber hat Nat sich zunächst mächtig gefühlt. Die Vorstellung, dass ihre Jugend auf ihn – den zwölf Jahre Älteren – verführerisch wirkte, gefiel ihr.“ (S. 129)

Andreas, der in Nats Augen zunächst als schwach zu erkennen war, gewinnt an Konturen und seine bewegte Vergangenheit wird offengelegt.
Nat hingegen verliert ihr Selbstvertrauen, erniedrigt sich, verliert an Würde und steigert sich in eine Obsession hinein, ihre Gedanken kreisen nur noch um Andreas. Doch Andreas zeigt schonungslos ihre Defizite auf.

„Erbarmungslos zerlegt er ihre Vorurteile, gräbt er sich in ihre Unsicherheit hinein, trägt ihr Selbstvertrauen schaufelweise ab. Was sie immer kleiner und ihn immer stärker macht. Sie immer abhängiger und ihn immer freier.“ (S. 126 )

Im dritten Kapitel findet die klassische Auflösung des Dramas statt. Die Katastrophe löst sich auf.

Ziele sind nie direkt erreichbar, wie ein Pendelschlag müssen diese verfolgt werden. Eine Liebe, die um Suche geht, um Liebe zu finden, um sich selbst zu lieben, um Liebe zu geben.

Sara Mesa verarbeitet in ihren Figuren Themen mit der Frage nach Schuld, Ausgrenzung, nicht nur Nat wird ausgegrenzt, sondern aus früheren Zeiten ein Inzestpaar.
Ein Konflikt zwischen Erwartungen und Realität, Flucht vor Konflikten, Misstrauen und Selbsttäuschung, Hass und Eifersucht tritt an die Oberfläche.
Der Roman ist in der dritten Person geschrieben, aus der Erzählperspektive von Nat aufgebaut. Ihre Gedanken verwebt die Autorin mit den Dialogen der übrigen Charaktere auf eine Weise, dass schwer zu erkennen ist, ob eine dritte Person etwas sagt oder ob es eine Projektion der Protagonistin selbst ist.
Dadurch entstehen Leerstellen der Figuren, Raum und Zeit, die Freiheit an Interpretation für den /die Leser*in bieten.
Sara Mesa nutzt eine bildliche Sprache für ihre Geschichte. Bilder wie im Traum, die manchmal abrupt enden oder nur verschwommen zu sehen sind.

„Nicht nachdenken ist besser, aber die Gedanken kommen wie von selbst, schweben durch sie hindurch, verbinden sich.“ (S. 7)

Das Cover zeigt unterschiedliche Insekten in einer wohlgeordneten Formation auf weißen Hintergrund auf. Der Bezug zum Roman ist gegeben, wie ein roter Faden ziehen die Insekten hindurch.
Ungeziefer zählen zur langen Liste der Tiere, die zur Verunglimpfung von lästigen, unbeliebten oder angeblich gefährlichen Menschen herhalten. Zumindest in der Literatur. In Kafkas Roman „Die Verwandlung“ erleben wir die Metamorphose von einem Menschen in ein Ungeziefer. In „Eine Liebe“ finden ebenfalls Veränderungen statt, Andreas findet ersten Zugang durch den Regen, der ihm die Möglichkeit verschafft, in Nat einzudringen, sowohl körperlich als psychisch und sie sich dadurch verändert. Das marode Haus mit Rissen, wo besonders bei Regen Insekten mit angespült werden. Die Ameisen auf dem Berg oder im Haus hinterlassen ihre Spuren. Der Vermieter, der wie ein lästiges Insekt auftritt.


Fazit

„Sie hat sich nicht für Andreas entschieden, hat nicht nach ihm gesucht – er hat sich ihr aufgezwungen. Sie müsste sich dagegen auflehnen, aber das ist unmöglich, sie ist gefangen. So sieht sie es jetzt. So erklärt sie es sich, auf kindliche, magische Weise. Dass diese Erklärung unhaltbar ist, weiß sie genau. Um sich nicht widersetzen zu müssen, gibt es jedoch nichts Besseres.“ (S. 92)

„Eine Liebe“ ist ein überraschender Roman, in dem es der Autorin gelingt, den/die Leser*in mit den Grenzen seiner/ihrer eigenen Moral zu konfrontieren.

Sara Mesa`s Roman „Eine Liebe“ verläuft in ruhigen Bahnen und doch zieht ihr besonderer Stil nach und nach den/die Leser*in in seinen Bann, ohne es zu merken. Die Autorin konzentriert sich auf Details, auf die es ankommt. Sie schreibt, als ob sie lautlos und schlagartig in den Fokus des Geschehens gleitet, mit einer erstaunlichen Charakterbeschreibung, die mit wenigen Strichen umrissen ist.


„Eine Liebe“ bedeutet zwei hergesagte Worte, die doch nicht das sind, was sie sein sollten. Auch Liebe ist brüchig.


 
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