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Rezension (5/5*) zu Eine Ehe in Wien: Roman von David Vogel.

Dieses Thema im Forum "Klassiker" wurde erstellt von Literaturhexle, 10. Januar 2018.

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  1. Literaturhexle

    Literaturhexle Moderator

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    Ein unspektakulärer Titel für ein spektakuläres Buch

    „Auf dem Gang erwachte rumorend der Wasserhahn. Sofort erfüllte der Lärm die gesamte Umgebung, drang in die noch morgendlich dämmrigen Zimmer und sickerte durch den Schlummerschleier auch in Rudolf Gordweils Körper ein.“ (S. 7)

    So lauten die ersten zwei Sätze des Romans und geben wieder, was mich von den ersten Zeilen an fasziniert hat: ein unglaublich feiner Schreibstil, der das Beschriebene greifbar macht und den Leser ins Geschehen eintauchen lässt.

    Rudolf Gortweil bewohnt mit seinem Freund Ulrich zusammen ein Zimmer bei einer gutmütigen alten Zimmerwirtin. Er hat zur Zeit keine Beschäftigung, verdingt sich als Schriftsteller, was ihm dann und wann ein paar Münzen einbringt. Zu gerne flaniert er durch die Stadt Wien. David Vogel scheint eine außergewöhnliche Beziehung zu dieser Stadt gehabt zu haben, so detailliert beschreibt er die Kaffeehäuser, die Gassen, Gebäude und Menschen. Rudolf ist ein beliebter Mann, der auf einen Kreis enger Freunde zählen kann, die ihm auch finanziell regelmäßig aushelfen. Neben Ulrich sind das der Anwalt Dr. Mark Astel und Bürgertochter Lotte Bodenheim, die in ihn verliebt zu sein scheint. Regelmäßig treffen sie sich auch zusammen mit anderen Bekannten in den Lokalitäten der Stadt oder amüsieren sich im Prater. Die Figuren werden sehr genau beschrieben. Gordweil scheint ein Schnorrer (egal, ob es sich um Geld oder Zigaretten handelt) und ein Tagedieb zu sein, allerdings einer von der sympathischen Sorte. Selbst als er eine Anstellung im Buchladen zunächst nicht bekommt, erscheint er erleichtert, muss er doch seine Freiheit nicht kürzen.

    Die Situation ändert sich, als im Lokal ein fremdes Mädchen einige Tische entfernt Platz nimmt, hier taucht Gefahr für unseren Protagonisten auf: „Gordweil vermochte die Augen nicht von ihr zu lösen, spürte plötzlich eine vage Beklommenheit, wie man sie vor einem nahenden Unheil empfindet.“ (S.28)

    Diese Begegnung ist schicksalhaft. Gordweil empfindet eine undefinierbare Anziehungskraft zu dieser Baronin Thea von Tako, die nicht nur einen herrischen Zug hat, sondern auch genau weiß und tut, was sie will. Bereits nach 14 Tagen der Bekanntschaft macht sie ihm einen unromantischen Heiratsantrag: „Du wirst mich doch zur Frau nehmen, Rudolfus? Nicht wahr? Du gefällst mir, das kann ich dir offen sagen.“ (S.52)

    Gordweil ist ein kleiner, zierlicher Mann mit spärlichem Bartwuchs. Ist es das, was die dominante Frau an ihm reizt? Ist es die Namensgleichheit mit ihrem Vetter Rudolf, den sie selbst für „ein Rindvieh“ hält? Oder will die protestantische Thea ihrer Familie durch die Heirat mit einem Juden eines auswischen? So recht erfahren tut der Leser das nicht. Was jedoch schnell deutlich wird, ist Theas Vorliebe, ihren zukünftigen Ehemann zu bevormunden, zu betrügen und zu tyrannisieren. Bereits die erste Liebesnacht übersteht er nicht ohne Blessuren, Schmerz und Lust halten sich jedoch zunächst die Waage für ihn.

    Schon vor der Hochzeit bekommt Gordweil Warnungen aus seinem Bekanntenkreis, auch er selbst hat zuweilen Schwierigkeiten, seine Gefühle für Thea einzuordnen. Seine treue Freundin Lotte wird jedoch deutlich: „Die nicht…du wirst sehen…wirst es zum Schluss noch merken…Sie liebt dich nicht…Eine Frau spürt das gleich… Sie hat kein Herz…Das wirst du schon noch erfahren…“ (S.81). Ein böses Omen?

    Lotte ist das komplette Gegenteil von Thea: Sie stammt aus gutem Hause, ist ehrlich, aufrichtig und gefühlvoll. Folglich finden die beiden Frauen keinen Zugang zueinander, sie bleiben den ganzen Roman hindurch Gegenspieler.

    Wie der Buchtitel schon sagt, steht die Ehe von Rudolf und Thea im Mittelpunkt der Geschichte. Es handelt sich keinesfalls um eine typische Beziehung, da Gewalt eine Rolle spielt – mit umgekehrter Geschlechterverteilung, als man allgemein erwarten würde. Das gilt auch für die Erwerbstätigkeit: Während Rudolf überwiegend die Hausarbeit erledigt, kocht und sich später um den Nachwuchs kümmert, ist Thea fürs Geldverdienen zuständig. Dennoch wirkt die Beschreibung dieser für die 1920er Jahre untypischen Ehe an keiner Stelle lächerlich, die Ernsthaftigkeit bleibt gewahrt, obwohl die Marotten Theas immer stärker zutage treten.

    Die Auswirkungen dieser speziellen Verbindung sind für Rudolf und seine Freundin Lotte besonders deutlich spürbar. Ihrer Gefühlslage und –entwicklung wird weiter Raum eingeräumt, aber auf eine dermaßen packende Weise, dass man das Buch kaum aus der Hand legen möchte. Mitunter geschieht dies auch durch Träume und traumähnliche Sequenzen, die Rückschlüsse zulassen. Handelt es sich hier um Einflüsse Arthur Schnitzlers und Siegmund Freuds, die ja Zeitgenossen des Autors Vogel in Wien waren?
    Hinzu tritt eine starke Symbolik, die mir beim Aufschlüsseln immer wieder Freude gemacht hat.
    So unnatürlich einem die Ehe in Wien auch anmuten mag, ist es dem Autor dennoch gelungen, ein Stück Wiener Gesellschaftsstudie in diesem Buch abzubilden. Die bildhaften Beschreibungen zeigen das Leben und die Nöte der Menschen, zeigen die Stadt Wien mit ihren Sonnen- und Schattenseiten, bei Tag und Nacht. Wer die Stadt kennt, wird Straßen und Plätze wiedererkennen. Dementsprechend schreibt auch Maxim Biller in seinem Nachwort:
    „So ist Wien neben all den Menschen die wichtigste Figur in Vogels Roman, es ist wahrscheinlich sogar die, die er am meisten liebt.“ (S.521)

    Dieser Roman erschien erstmalig 1929. Dank der vorliegenden Neuauflage des Aufbau-Verlages bin ich auf ihn gestoßen. Das Cover ist sehr auffallend gestaltet. Es zeigt eine junge Frau in einem rotem Kleid. Der Hintergrund ist schwarz, leichte Sprenkel könnte man als Sterne deuten. Ein absoluter Hingucker mit Bezug zum Inhalt. Kontrastierend dazu der eher unspektakuläre Buchtitel „Eine Ehe in Wien“ - Wie viel spannender und vielschichtiger sind doch Handlung und Charaktere!

    Dieses ist kein einfaches Buch, es ist auch kein Gute-Laune-Schmöker. Wer sich aber darauf einlässt, wird belohnt. Unbedingt lesen!


     
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    Liebe @Literaturhexle ,
    eine sehr aussagekräftige Rezension, die mir aus dem Herzen spricht und auch meine Eindrücke der Lektüre wiedergibt!
     
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