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Rezension Rezension (5/5*) zu Ein einfaches Leben: Roman von Min Jin Lee.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von parden, 3. Dezember 2018.

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  1. parden

    parden Forumlegende

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    Menschen zweiter Klasse...

    Sunja, Tochter eines Fischers, wird genau im falschen Moment schwach, genau beim falschen Mann. Um keine Schande über ihre Familie zu bringen, verlässt sie Korea und bringt ihre Söhne Noa und Mozasu fernab der Heimat in Japan zur Welt. Koreanische Einwanderer, selbst in zweiter Generation, leben dort als Menschen zweiter Klasse. Während Sunja sich abzufinden versucht, fordern ihre Söhne ihr Schicksal heraus. Noa studiert an den besten Universitäten und Mozasu zieht es in die Pachinko-Spielhallen der kriminellen Unterwelt der Yakuza.

    Wenn mich ein Roman sehr beeindrucken konnte, habe ich das Gefühl, mindestens eine ebenso beeindruckende Rezension schreiben zu müssen, um dem Leseerlebnis gerecht zu werden und anderen vermitteln zu können, weshalb diese Erzählung eine unbedingte Leseempfehlung erhalten muss. Wenn der Roman aber derart vielschichtig ist wie hier, sowohl von den Handlungssträngen und Charakteren her als auch von den gelungen eingeflochtenen Informationen und Botschaften - dann wollen mir die geeigneten Formulierungen nicht wirklich einfallen. Und so sitze ich hier auch noch Tage nach der letzten Zeile des Romans und fühle mich etwas verzagt.


    "Sie sah nicht den Menschen in ihm, und Noa verstand, dass er sich das am allermeisten wünschte: als Mensch gesehen zu werden." (S. 356)


    Mit Sunja, der Tochter eines koreanischen Fischers und seiner hart arbeitenden Frau, beginnt dieser Roman. Selbst nur harte Arbeit kennend, blüht das Mädchen auf, als sich ein reicher Mann für sie zu interessieren beginnt. Als sie bemerkt, dass sie schwanger ist, freut sie sich zunächst, doch als sie erfährt, dass der Mann bereits verheiratet ist, weiß sie, dass diese Schwangerschaft Schande über sie und ihre Familie bringen wird. Als Sunja die Gelegenheit erhält, nach Japan zu gehen, ergreift sie diese und beginnt damit ein neues Leben.

    Der Leser begleitet Sunja durch den Roman und begegnet ihr immer wieder, aber sie ist nur einer der Hauptcharaktere. Ihre Söhne Noa und Mozasu wachsen in der fremden Kultur auf, die Bedingungen alles andere als einfach - und müssen ihren eigenen Weg im Leben finden. Anpassen und in der Masse aufgehen, seine Wurzeln versuchen zu verleugnen und unsichtbar werden? Oder die Chancen nutzen, die Koreanern in Japan überhaupt geboten werden, reich und unabhängig werden und damit nicht darauf angewiesen sein, gesellschaftlich anerkannt zu werden? Die Söhne gehen unterschiedliche Wege, und in beiden zeigt sich das Dilemma der Wurzellosigkeit, der Problematik von 'Heimat', 'Zugehörigkeit', 'Identität'. Erkenntnisse, die wie ein Hintergrundrauschen erscheinen, die die Geschichte selbst aber nicht belasten.

    In Japan lebende Koreaner - eine vollkommen neue Welt, die sich mir mit diesem Roman erschloss. Mit diesem Werk, an dem die Autorin zwanzig Jahre lang gearbeitet, mit dem sie sich dreißig Jahre lang gedanklich beschäftigt hat, gelingt es der in Seoul geborenen Min Jin Lee, auch dem westlichen Leser die ihm fremdartig anmutende Kultur sowie die gesellschaftlichen und historischen Hintergründe nahezubringen. Ein Leben eng gepfercht in Konventionen, mit der Einteilung in Menschen verschiedener Klassen sowie mit klar vorgegebenen Rollenbildern. Wissen, das unaufdringlich in die Handlung eingeflochten wird, das manche Ereignisse - wenn schon nicht nachvollziehbar - doch immerhin verständlich werden lässt.


    "...während man in Japan alles Schwierige ertragen musste. Sho ga nai, sho ga nai. Wie oft hatte er diese Worte gehört? Da kann man nichts machen." (S. 516)


    Neben der Problematik der Koreaner als Menschen zweiter Klasse, die kaum eine Chance haben, diesem Status zu entkommen, richtet die Autorin auch ein klares Augenmerk auf die Rolle der Frau in dieser Gesellschaft. Ihr Los ist es, lebenslang zu leiden, und auch diesem Schicksal ist kaum zu entrinnen. Beklemmende Szenarien tauchen so immer wieder auf, und doch dominieren diese Hintergründe nicht, sondern das Familienepos als solches steht im Vordergrund.

    Die ruhige Erzählung lässt sich Zeit, nimmt den Leser an die Hand, schockiert durch manche Entscheidungen und Wendungen, deutet Schicksalsschläge aber oft nur an und erspart so meist den Fall in ein emotionales Tief. Eine überaus gelungene Mischung aus einer intelligent und stimmig komponierten komplexen Generationen- und Familiengeschichte mit interessanten Charakteren sowie aus einem historisch und gesellschaftlich authentisch vermittelten Eindruck einer Kultur vom anderen Ende der Welt.

    Für mich ein Jahres-Highlight. Unbedingt lesenswert!


    © Parden

     
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