Rezension (5/5*) zu Die Schuld von Samuel W. Gailey

Renie

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19. Mai 2014
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Buchinformationen und Rezensionen zu Die Schuld von Samuel W. Gailey
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Der Moment, der alles verändert

Samuel W. Gailey ist ein amerikanischer Krimi-Autor, dessen Bücher in seiner Heimat gern mit den Werken von John Steinbeck und Cormac McCarthy verglichen werden. Die Erwartungen sind daher hoch, wenn man zu einem Roman von Gailey greift. Zuletzt hat er den Roman „Die Schuld“ veröffentlicht, in dem es um eine junge Frau geht, die vor Jahren von zu Hause ausgerissen ist und seitdem ein Leben im Abseits der Gesellschaft führt. Miese Jobs und dem Alkohol verfallen, keine Bindungen zu anderen Menschen, hat ihr jetziges Leben wenig mit ihrem alten gemeinsam. Als 15-Jährige war sie ein Teenager wie viele andere auch, mit einem geregelten Alltag als Schülerin, mit liebevollen Eltern und einer 4-jährigen Nervensäge von einem Bruder. Eines Tages trat das Unvorstellbare ein: Als die beiden Kinder allein zuhause sind, kommt der kleine Bruder auf tragische Weise ums Leben. Alice, die auf den Kleinen aufpassen sollte, fühlt sich für den Tod ihres Bruders verantwortlich.
Kurze Zeit danach beschließt sie, von zuhause wegzulaufen, denn die seelische Last ist für sie, genau wie für ihre Eltern kaum zu ertragen. Das junge Mädchen bricht darauf hin jeglichen Kontakt zu ihren Eltern ab.
Sechs Jahre später kommt es zu einer weiteren entscheidenden Episode in diesem Roman: Alice gerät per Zufall zwischen die Fronten von Kriminellen aus der Drogenszene. Dabei stiehlt sie eine große Geldsumme, die sie als Chance ansieht, ihrem verkorksten Leben eine Wendung zu geben. Da ihr klar ist, dass der Diebstahl nicht unbemerkt bleiben wird, flieht sie mit dem Geld. Sie macht sich auf den Weg zu einem Freund, der ihr schon einmal geholfen hat, damals, als sie von zuhause ausgerissen ist. Was sie nicht weiß: der eigentliche Besitzer des Geldes – ein Krimineller namens Sinclair – ist ihr auf der Spur.
Der Roman „Die Schuld“ erzählt die Geschichte von Alice, erzählt die Geschichte ihrer Flucht, auf der ihr die unterschiedlichsten Menschen begegnen, erzählt aber auch ein Stück weit die Geschichte von Sinclair, der sich als ein Bösewicht der besonderen Art erweist. Natürlich läuft die Handlung in diesem Roman auf einen Showdown zwischen den beiden Charakteren hinaus.

Alice und Sinclair sind sehr ambivalente Protagonisten.
Alice, die von der wohlbehüteten Tochter zu einer Frau mutiert ist, die nicht mehr ohne Alkohol durch den Alltag kommt, ist am Bodensatz der Gesellschaft angekommen. Die Menschen, mit denen sie zu tun hat, sind Kriminelle und Drogenabhängige, und machen auch den größten Teil der Charaktere in diesem Roman aus. Die Welt von Alice ist hässlich geworden, doch die junge Frau hat über die Jahre gelernt, in diesem Milieu zu überleben. Sie versucht zwar, sich so weit es geht von anderen Menschen fernzuhalten, scheut sich aber auch nicht, sich körperlich zur Wehr zu setzen, wenn die Situation dies erfordert.
Natürlich hat man als Leser Mitleid mit Alice, die seit dem Tod ihres Bruders eine unvorstellbare Last mit sich durchs Leben trägt. Dennoch hegt man insbesondere am Anfang des Romans nur wenige Sympathien für sie, dafür hat sie sich zu sehr an ihr negatives Umfeld angepasst. Im Verlauf der Handlung macht sie aber eine Entwicklung durch, die sie immer mehr ins positive Licht rückt. Einen großen Anteil an dieser positiven Entwicklung hat die emotionale Verbindung zu weiteren Figuren in diesem Roman, die Alice mit ihrer Zuneigung und ihrem Vertrauen wieder auf den rechten Weg bringen.
Alices Widersacher in diesem Roman ist Sinclair, der sich als eine interessante Mischung aus bildungsnahem und kultiviertem Schöngeist entpuppt, kombiniert mit der Skrupellosigkeit eines perfiden Fieslings. Stets höflich und liebenswürdig, manipuliert er die Menschen und erreicht seine Ziele durch den Einsatz von Psychotricks, die er perfekt beherrscht. Und sollte er damit einmal nicht weiterkommen, hat er immer noch seinen „Gorilla“, einen Handlanger mit vielen Muckis und wenig Hirn, der sich für Boss Sinclair die Hände schmutzig macht.
Der böse Sinclair ist also hinter Alice her, denn schließlich ist es sein Geld, das sie gestohlen hat.

Im Verlauf des Romans verändert sich die Stimmung sowie der Erzählton. Der Roman beginnt als hard-boiled Milieustudie. Mit Alice bewegen wir uns in einer Umgebung, die von Kriminalität, Gewalt, Boshaftigkeit und Hässlichkeit geprägt ist. Gewaltszenen werden dargestellt, als habe man es mit einem Auszug aus einem Tarantino-Film zu tun. Hinzu kommt die Dauer-alkoholisierte Alice, die perfekt in dieses Szenario passt. Genauso wie sich Alice im Verlauf der Handlung wandelt, ändert sich auch die Stimmung in diesem Roman. Mit der positiven Entwicklung von Alice, erscheint das Setting gemäßigter und weicher als zuvor, bietet aber gleichzeitig einen krassen Kontrast zu dem finalen Showdown des Romans, der es in sich hat.

Auch wenn der Vergleich mit Steinbeck und McCarthy, den ich anfangs erwähnte, nur bedingt richtig ist, sich eher auf das Milieu sowie das Seelenleben der Figuren bezieht als auf die Sprachkunst, hat mir der Roman „Die Schuld“ sehr gut gefallen, was insbesondere an Alice und ihrer Entwicklung liegt, die sie während der Handlung durchläuft. Die spannende Geschichte hat mich durchweg in Atem gehalten, so dass ich auch über manchen fragwürdigen und irritierenden Moment im Handlungsverlauf hinweglesen konnte, ohne diesen in Frage stellen zu wollen. Von einem Krimi erwarte ich eine Handlung, die schwer vorhersehbar ist, Höchstspannung und dass am Ende die Bösen auf der Strecke bleiben. Samuel W. Gailey hat mit „Die Schuld“ meine Erwartungen dahingehend voll und ganz erfüllt.

©Renie

von: Lyl Boyd
von: Linda Dantony
von: Christiane Dieckerhoff
 
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