Rezension (5/5*) zu Die November-Schwestern: Roman von Josephine W. Johnson

Renie

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19. Mai 2014
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Buchinformationen und Rezensionen zu Die November-Schwestern von Josephine W. Johnson
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Tieftraurig und wunderschön

Die Wahrscheinlichkeit, mit einem Roman den Pulitzerpreis zu gewinnen, geht aufgrund der Vielzahl an jährlichen Veröffentlichungen gegen Null und grenzt daher an ein Wunder. Erst recht, wenn es sich um das Debüt einer jungen Frau handelt, zu einer Zeit, in der nominierte Autoren eher gesetzteren Alters und in der Literaturszene bereits etabliert waren.
Doch im Jahre 1935 ist der 24-jährigen Amerikanerin Josephine W. Johnson mit ihrem Debütroman „Die November-Schwestern“ genau dieses Wunder widerfahren.

In diesem Ausnahme-Roman erzählt sie die Geschichte einer Farmersfamilie zur Zeit der Weltwirtschaftskrise in den 1920er/1930er Jahren im ländlichen Amerika.

Die Familie Haldmarne besteht aus den Eltern sowie den drei Schwestern Kerrin, Ich -Erzählerin Marget und Merle, der Jüngsten. Der Alltag auf der Farm ist beschwerlich und bedeutet einen ständigen Kampf gegen die Natur und das Wetter; der Ertrag, der dabei erwirtschaftet wird, steht in keinem Verhältnis zum Arbeitsaufwand und reicht mehr schlecht als recht zum Überleben. Von klein auf werden die Schwestern in die Arbeit auf der Farm eingebunden. Sie kennen es nicht anders. Durch die Sicht von Marget erleben wir, wie hart der Kampf um den Erhalt der Existenzgrundlage ist. Der Alltag wird von Bangen und Hoffen bestimmt. Marget erzählt die Geschichte eines Jahres im Leben dieser Familie, die am Ende auf eine Katastrophe zusteuern wird.

Die drei Schwestern dieser Familie sind charakterlich völlig unterschiedlich. Das Nesthäkchen Merle, obwohl auch schon eine junge Frau, ist eine ausgeglichene Person, die von allen gemocht wird. Mehr lässt sich kaum über sie sagen. Reibungspunkte bietet das Verhältnis der beiden älteren Schwestern. Auf den ersten Blick scheint Kerrin, die Älteste, ihrer Zeit voraus zu sein. Selbstbewusst, mit dem großen Wunsch nach Unabhängigkeit, kommt sie mit dem Verständnis in der damaligen Gesellschaft, was die Rolle einer Frau betrifft, nicht zurecht und hadert mit dem Schicksal, das ihr als Frau vorbestimmt ist: Heiraten, Kinder kriegen, von einem Mann abhängig sein. Mit den wenigen Möglichkeiten, die ihr zur Verfügung stehen, nimmt sie sich Freiheiten, in dem sie sich über Regeln, die ihr von zuhause auferlegt werden, hinwegsetzt. Sie hat ein unbändiges Temperament, das kaum in den Griff zu bekommen ist. Ich-Erzählerin Marget ist ein ruhiger Mensch, der sich selbst als nichtssagend und durchschnittlich ansieht. Sie ist sehr harmoniebedürftig und gerät mir ihrer aggressiven und forschen Schwester immer wieder aneinander.

Eine Besonderheit dieses Romans ist die Naturbezogenheit, die durch die Ich-Erzählerin immer wieder zum Ausdruck kommt. Marget scheint die Kraft für ihren harten Alltag aus der Schönheit der Natur zu ziehen. In diesen stimmungsvollen Textpassagen wird die große Erzählkunst der Autorin Josephine W. Johnson deutlich. Ihre Erzählweise ruft einen besonderen Zauber hervor, der im krassen Gegensatz zu dem harten und entbehrungsreichen Dasein der Familie Haldmarne steht.
Der Romanaufbau richtet sich nach den Jahreszeiten während dieses einen Jahres, die Handlung entwickelt sich dabei vom Frühling bis hin zum Winter mit seinem Jahresende. Bezogen auf das Leben dieser Familie ist dieser Aufbau sehr gelungen, da er sich auf folgenden hoffnungsvollen Gedanken übertragen lässt: Auf Höhen folgen Tiefen, jedes Ende birgt einen Neu-Anfang.
Marget und ihre Familie halten stoisch an diesem Gedanken fest, so dass sie geduldig ihr Leben fortsetzen, weil doch immer und irgendwie mit einem Funken Hoffnung zu rechnen ist, egal was das Schicksal für sie vorsieht.

Fazit:
Ein schwermütiger und tieftrauriger Roman, dessen wunderschöne Sprache magische Lesemomente beschert.

© Renie



 

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