Rezension (5/5*) zu Die November-Schwestern: Roman von Josephine W. Johnson

kingofmusic

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30. Oktober 2018
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Buchinformationen und Rezensionen zu Die November-Schwestern von Josephine W. Johnson
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Poetisch-lyrische Entschleunigung

„November ist für mich das Norwegen des Jahres.“ (Emily Dickinson)

Allgemein kommt der November ja nicht gut weg, aber allein durch das einleitende Zitat sollte man ins Nachdenken kommen – ganz unrecht hat Frau Dickinson nicht ha ha ha.

Und auch die Ich-Erzählerin Marget in Josephine W. Johnson´s Roman „Die November-Schwestern“, für den die Autorin 1935 den renommierten Pulitzer-Preis gewann und der 2023 dank des Aufbau-Verlags und der überragenden Übersetzung von Bettina Abarbanell endlich auch in Deutschland erschienen ist, kann dem November etwas „abgewinnen“:

„Jetzt im November sehe ich unsere Jahre im Ganzen. Dieser Herbst ist zugleich wie ein Ende und ein Anfang für unser Leben […]“ (S. 7)

Sie blickt zurück – auf ein Jahr im Kreislauf der Natur und auf private Tragödien, die die Geschichte und Geschicke der Familie Haldmarne lenken und nachhaltig beeinflussen. Dabei spielt eins ins andere – ohne die vorherrschende Dürre wäre Grant wahrscheinlich nie in das Leben der Haldmarne´s getreten und hätte die Schwestern Marget, Merle und Kerrin nicht in so ein (Gefühls-)Chaos stürzen können.

Die Geschichte könnte also vorhersehbar sein (Mann verdreht Frau(en) den Kopf), ist sie aber nicht. Stattdessen ist es der Autorin hervorragend gelungen, mit eindrucksvollen Natur- und Stimmungsbeschreibungen von Anfang an eine poetisch-bedrohliche Spannung zu erzeugen, die es in der (meiner Meinung nach) heutigen Literatur nicht bzw. nur sehr selten und punktuell gibt und die leider in der Masse der Veröffentlichungen untergeht. Aber das ist ein anderes Thema…

Jetzt, wo ich die Lektüre von „Die November-Schwestern“ Revue passieren lasse, komme ich immer mehr zu der Überzeugung, dass der Roman zu den besten poetisch-lyrischen Entschleunigungen gehört, die ich je gelesen habe – trotz der Schwere des Schicksals, trotz der „Heimtücken“ von Mutter Natur und der großen „Konkurrenz“ ähnlich gelagerter Geschichten. Aber Sätzen wie den folgenden kann ich einfach nicht (mehr) abschwören:

„Einmal ging mir plötzlich auf, ohne Grund, aber mit einer Gewissheit, die nichts erschüttern oder ändern konnte, dass weder Mutter noch Grant zu irgendjemandem aufschauten, irgendwen beneideten. Das war nicht etwa Hochmut oder das Gefühl, anders zu sein. Überhaupt nicht. Sondern eine Art Glaube an die Würde des menschlichen Geistes. Ich stammle nur bei dem Versuch, es zu erklären. Es ist nichts, was sich in kleinen Buchstaben einfangen und kleinen Kindern vorlesen lässt.“ (S. 138)

„Wenn ich laut geschrien und gekreischt hätte, dass ich es nicht ertragen könne, hätten sie geglaubt, ich wäre verrückt geworden; dabei ist es das Schweigen, das wirklich verrückt ist, das Stummbleiben, Stillhalten, Weitermachen, als wäre alles wie immer.“ (S. 205)

„Es gab keine Berührung von ihm, an die ich mich hätte erinnern können – nur seine Worte; und Worte sind etwas Kaltes, Grabähnliches, möglich, dass sie länger halten als selbst die stärkste und leidenschaftlichste Berührung, aber sie sind steinern.“ (S. 207)

Ich könnte jetzt hier das ganze Buch zitieren…Nein, Spaß. Kauft es euch lieber oder lasst es euch schenken und lasst euch be- bzw. verzaubern von dieser poetischen Sprachgewalt.

Glasklare Leseempfehlung und 10 von 5*.

©kingofmusic


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