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Rezension Rezension (5/5*) zu Die Gesichter: Roman von Tom Rachman.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von Literaturhexle, 3. Oktober 2018.

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  1. Literaturhexle

    Literaturhexle Moderator

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    Wie man sich aus der Allmacht eines berühmten Vaters befreit


    Es ist ein Buchcover, das absolut ins Auge fällt: Strahlende Farben, die bei näherer Betrachtung von einem Pinsel ineinanderlaufend aufgetragen wurden. Dazu der Buchtitel, der so gar nichts mit dem Äußeren des Buches zu tun zu haben scheint. Der Einband selbst ist weiß und geriffelt wie eine Leinwand. Spätestens die Einteilungen der einzelnen Abschnitte: „Kindheit“, „Jugend“, „Erwachsensein“, „Alter und Portrait eines Künstlers“ mit dem Zusatz, welcher Art das gezeigte Kunstwerk ist und woher es stammt, machen deutlich, dass es sich hier um einen Künstlerroman handelt muss.

    Bear Bavinsky ist ein gefeierter Maler, der in dritter Ehe mit Natalie verheiratet ist, mit der er einen Sohn, Charles (genannt Pinch), hat. Es ist das Leben dieses Sohnes, das im Roman über mehrere Jahrzehnte begleitet wird. Zu Beginn ist der Junge fünf Jahre alt. Die kleine Familie lebt in einem engen Atelier in Rom, der Vater hat erst wenige Wochen zuvor seine alte Familie verlassen. Bear ist ein absoluter Egozentriker, besessen vom Malen und seiner Kunst. Alles andere hat sich dem unterzuordnen, er nimmt keine Rücksicht auf die Interessen anderer Menschen. Trotzdem himmelt Pinch ihn an, vergöttert ihn fast, macht ihn zu seinem (lebenslangen) Vorbild und strebt nach seiner Anerkennung.

    Pinchs Charakter ähnelt jedoch eher dem seiner Mutter. Er ist sensibel, schwach, nicht durchsetzungsstark. Er hat Probleme, Freundschaften zu schließen sowie Beziehungen zu pflegen und ist dadurch eher ein Einzelgänger. Die Kindheit und Jugend des Jungen sind nicht einfach mit diesem dominierenden Vater und einer Mutter, die psychisch labil ist, sich unterordnet und dem Heranwachsenden keine Stütze sein kann, weil sie selbst keinen Halt hat und ständig an sich zweifelt.

    Aus einer Laune heraus gibt Bear seinem Sohn eines Nachmittags einen Schnellkurs in Malerei, er erklärt ihm Grundbegriffe, Perspektiven, Techniken und erläutert seine Vorbilder. Diese Episode wird den Jungen sein gesamtes Leben lang prägen, in Folge versucht auch er, in der Kunst Fuß zu fassen, arbeitet akribisch, taucht beim Malen ab und hat sehr hohe Ansprüche. Pinch vernichtet unwürdige Werke, ebenso wie es der Vater immer getan hat.

    Bear hat seine Familie in Rom schon bald wieder verlassen, um sich einer neuen Liebe zuzuwenden. Er ist kein beständiger Mensch. Nach Jahren gelingt es Pinch, seinen Vater in Amerika besuchen zu dürfen. Er muss erleben, dass Bear nach wie vor sehr unzuverlässig ist und sich keine Zeit für den Sohn nimmt. Mit großer Hoffnung präsentiert er schließlich sein bisher gelungenstes Bild. Die Reaktion des Vaters wird Pinchs Lebensweg in eine neue Richtung steuern.

    Wie erwähnt begleitet der Roman Charles Bavinsky. Der Leser verfolgt die Stationen seines Lebens und lernt im Zuge dessen wichtigste Bezugspersonen kennen: seinen Freund Marsden, der ihm auch in schweren Situationen zur Seite steht, seine Halbschwester Birdy, die viel mehr Selbstbewusstsein im Umgang mit dem Vater an den Tag legt, seine große Liebe Barrows, die er nicht vergessen kann, und viele andere mehr. Die wechselhafte Vater-Sohn-Beziehung ist jedoch das tragende Thema des Romans. „Die Gesichter“ ist ein Entwicklungsroman im besten Sinne. Man braucht kein Vorwissen über die Kunst, sondern bekommt eindrucksvolle Einblicke in das exzentrische Künstlermilieu. Es tauchen Fragen auf wie: Was ist Kunst? Was ist eine Interpretation? Welche Eigenschaften muss ein Künstler haben, um erfolgreich zu sein? Wie viel Narzissmus darf man beim Künstler tolerieren?

    Lange leidet man mit Pinch mit. Er ist sicher kein völliger Sympathieträger, nicht alle seine Entscheidungen finden unseren Beifall. Doch sind seine Handlungsweisen im Lichte seiner Erziehung zutiefst menschlich und nachvollziehbar. Man wünscht ihm schon früh, dass er sich aus der gefühlten Allmacht des Vaters wird befreien können. Man drückt ihm die Daumen, dass er seinen eigenen Weg und ein bisschen Glück finden möge. Man begleitet den Protagonisten stets mit Empathie.
    Der Roman gewinnt zunehmend an Tempo, unerwartete Wendungen steigern den Lesefluss. Nach „Vom Aufstieg und Fall großer Mächte“ war dieses mein zweites Buch von Tom Rachman, das mir persönlich weit besser gefallen hat als das erste. Der Autor hat einen flüssigen Stil, streut hin und wieder ein paar Weisheiten und tiefgehende Gedanken ein, ist niemals trivial. Das Ende passt zur erzählten Geschichte, hallt nach…

    Der Inhalt des Romans entsprach dem besonderen, außergewöhnlichen Äußeren. Ich gebe gern meine volle Leseempfehlung mit 5 Sternen.



     
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