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Rezension Rezension (5/5*) zu Die Farben des Lebens von Lorraine Fouchet.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von parden, 18. Mai 2018 um 08:47 Uhr.

  1. parden

    parden Forumlegende

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    Das Leben ist, was man daraus macht...

    Nach dem Tod ihrer Großmutter flieht Kim von der bretonischen Insel Groix und reist gen Süden, um in Antibes eine dickköpfige alte Dame zu betreuen. Gilonne wird schnell zu ihrer Ersatzgroßmutter. Außer Kim kümmert sich auch Gilonnes Sohn rührend um sie. Umso überraschter ist Kim, als sie herausfindet, dass Gilonnes Sohn angeblich vor Jahrzehnten verschwunden ist. Ist die alte Dame einem Hochstapler aufgesessen? Kim will Gilonne beschützen und macht sich daran, lang gehütete Familiengeheimnisse zu lüften…

    Für Kim bricht die Welt zusammen, als sie erfährt, dass ihre Großmutter beschlossen hat, sich in der Schweiz das Leben zu nehmen - die Großmutter, die ihre einzige Familie war, da Kims Mutter bei ihrer Geburt starb und niemand weiß, wer ihr Vater ist. Auch ihr Freund Clovis kann Kim nicht trösten, denn diese (ver-)zweifelt plötzlich an allem. Sie braucht eine Auszeit, und so beschließt sie, die bretonische Insel Groix zu verlassen und gen Süden zu reisen. Ihre Freundin verschafft ihr in Antibes eine Stelle als Betreuerin einer alten Dame - denn Kim will herausfinden, was das eigentlich ist: das Alter.

    Gilonne ist eine exzentrische alte Dame, eine ehemalige und gut betuchte Schauspielerin, die nun in einer exklusiven Residenz lebt. Ihr Sohn Côme kümmert sich am Wochenende um seine Mutter, doch für die alltäglichen Belange benötigt Gilonne eine persönliche Betreuerin. Da Kim rothaarig ist, wird sie von der ansonsten recht unnahbaren alten Dame sogleich in die 'Liga der glücklichen Rothaarigen' aufgenommen - und engagiert. Mit der Zeit gewinnt Kim das Vertrauen von Mutter und Sohn und erhält Einblicke in die Familiengeschichte. Doch dann erfährt sie, dass Gilonnes Sohn Côme angeblich schon seit Jahren tot ist. Kim setzt alles daran, hinter das Geheimnis zu kommen, denn womöglich sitzt die an beginnender Demenz leidende alte Dame hier einem Betrüger auf!


    "Habe ich Sie zu sehr angestrengt?", frage ich besorgt. "Sie haben mich beruhigt. Machen Sie sich vom Acker. Ich verschreibe Ihnen ein Leben voller Abenteuer." (S. 151)


    Kim führt während der Wochen im Süden in einem indigoblauen Notizbuch eine Liste - die Pros und Contras des Lebens. Und da kommt eine Menge zusammen. Jeder Tag lehrt sie etwas dazu, und auch die Lebensgeschichte Gilonnes trägt ihren Teil dazu bei. Dumm nur, dass sie plötzlich Grund hat, an der Treue ihres Freundes Clovis zu zweifeln - er belügt sie offensichtlich pausenlos. Aber auch Kim hat ihre Geheimnisse... Was wird gewinnen - das Pro oder das Contra?

    Neben der Geschichte um Kim und Gilonne gibt es einen weiteren Handlungsstrang um einen kleinen Jungen, dessen Vater versucht hat, die Mutter des Kindes umzubringen. Dieser Handlungsstrang wird immer wieder aufgegriffen, der Junge jedesmal ein wenig älter geworden. Zu Beginn kann man sich darauf überhaupt keinen Reim machen, doch unversehens verwebt sich dieser Handlungsstrang gekonnt mit den anderen Erzählsträngen. Als besonderes Detail hat Lorraine Fouchet immer wieder auch die Perspektive unbelebter Gegenstände eingestreut: so kommt eine Kaffeemaschine zu Wort, ein Kühlschrank, ein Klavier. Das irritierte mich zunächst, doch empfand ich dies zunehmend als geschickt, da so ein erhellender Blick von außen auf das Geschehen geworfen wird.


    "Der Kühlschrank hat den Unterschied sofort bemerkt, den fremden Druck der Finger, das neue Naturell, das Zögern beim Öffnen, die Sanftheit beim Schließen. Eine solche Verwandlung ist nicht normal. Der Kühlschrank hat keine Augen, kann keine Gesichter sehen. Trotzdem sagt ihm sein Instinkt, dass da etwas faul ist. Ihn fröstelt, als hätte er ein Eisfach." (S. 62)


    Lorraine Fouchet hat hier einen sorgfältig komponierten, intelligent gestrickten Roman geschrieben, der Spannung, Überraschendes, Liebevolles und Berührendes in wohlaustarierter Balance bietet. Es ist eine ruhige Erzählung, die von der inneren Spannung und den Emotionen getragen wird. Kleine berührende Gesten oder Sätze setzen winzige Sahnehäubchen auf die Geschichte, ohne jemals am Kitschigen zu kratzen. Eine für mich überaus gelungene Mischung.

    Das Leben ist nicht schwarz oder weiß - es bietet viele Farben, auch wenn es manchmal sehr düster zu sein scheint. "Das Leben ist, was man daraus macht." (S. 247) scheint mir demnach abschließend eine gute Erkenntnis zu sein. Für den Roman jedenfalls gibt es von mir eine uneingeschränkte Empfehlung!


    © Parden

     
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