Rezension (5/5*) zu Der Verdacht: Roman von Ashley Audrain

Literaturhexle

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2. April 2017
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Intensive Chronografie einer komplizierten Mutter-Tochter-Bezieh

Blythe liebt ihren Mann Fox. Beide haben sich im Studium kennengelernt, Fox hat einen einträglichen Job, Blythe versucht sich als Schriftstellerin. Beide leben glücklich in einer attraktiven Wohnung. Nun wünscht sich Fox ein Kind. Blythe eigentlich auch, aber sie hat Angst vor den Schatten ihrer Vergangenheit, denn sie wuchs als einziges Kind Ihrer lieblosen Mutter Cecilia auf, der sie gleichgültig war und die sie letztlich verlassen hat. Blythe empfindet diese Familienverstrickung als Ballast, fürchtet sich vor einer Schwangerschaft und davor, der Aufgabe als Mutter nicht gewachsen zu sein.

Doch schließlich ist es soweit: Blythe lässt sich überzeugen und mit Vorfreude anstecken. Sie wird schwanger. Die Probleme beginnen jedoch während der Geburt und reißen danach nicht ab. Blythe ist zutiefst verunsichert, sie fühlt sich überfordert von dem kleinen Geschöpf, das ihre ganze Aufmerksamkeit braucht. Tochter Violet macht es ihrer Mutter auch nicht leicht. Sie ist ein Schreikind, macht die Nächte zum Tag und lässt sich nur von Vater Fox beruhigen. Blythe fühlt sich abgelehnt, empfindet die Tochter zunehmend als feindselig und berechnend, nimmt ihre Attacken persönlich und sieht sich deshalb in all ihren negativen Prophezeiungen bestätigt. Blythe zieht sich innerlich zurück, gibt das Kind in fremde Obhut. Doch sie hadert auch mit sich selbst, mit ihren negativen Gedanken. Warum kann sie nicht sein wie alle anderen Mütter?

Als Violet in den Kindergarten kommt, häufen sich die Beschwerden. Es kommt immer wieder zu gewalttätigen, tückischen Attacken des Mädchens. Blythe schämt sich, sieht ihre eigenen Beobachtungen aber auch auf grausame Art von dritter Seite bestätigt. Fox blendet indessen sämtliche Negativberichte über Violet aus, er vergöttert sie und nimmt sie in Schutz.

Diese Diskrepanz des Ehepaars wird unglaublich intensiv herausgearbeitet. Kann man Erzählerin Blythe trauen? Ist sie nicht im Grunde eine egozentrische Frau, die viel zu emotional ist, um objektiv zu sein? Es scheint andererseits unglaublich, wozu Violet in der Lage ist, wie sie andere mit ihrem engelsgleichen Gesicht und den langen dunklen Haaren manipulieren kann... Sie ist doch ein unschuldiges Kind, möchte man sagen.
Als Leser wird man hin- und hergerissen in seiner Beurteilung. Zwangsläufig solidarisiert man sich mit Blythes erzählender Perspektive, die sich immer wieder selbstkritisch hinterfragt und aufrafft, um das Trennende zwischen sich und Violet zu überwinden. Man bekommt tiefen Einblick in Blythes zwiespältige Gefühle, in ihre Bemühungen um Harmonie und ihrem Streben nach einer Bilderbuchfamilie. Schließlich träumt sie von einem Neuanfang mit einem zweitem Kind, mit dem alles anders, alles besser werden wird. Doch stattdessen bahnt sich eine familiäre Katastrophe an…

Dieses Buch ist ein Pageturner, der neben dem fesselnden Plot durch stilistische Feinheit glänzt. Die Ich-Erzählerin wendet sich an ein „Du“, womit sie Fox direkt anspricht und womit sie auch den Leser unmittelbar erreicht. Ergänzt wird diese Perspektive durch Rückblenden in Blythes sowie in Cecilias lieblose Kindheit. Ashley Audrain hat ihre Charaktere wunderbar ausgearbeitet. Jeder hat verschiedene Facetten, so dass man sich nicht komplett auf eine Seite schlagen kann. Es bleiben Zweifel an der Darstellung. Auch Blythe verhält sich im Verlauf des Romans seltsam, so dass man an ihrer psychischen Gesundheit zweifeln kann. Man erwartet gespannt die finale Auflösung.

Die Autorin überzeugt auf ganzer Ebene mit ihrem Debütroman, der immer spannender wird, atemraubende Szenen bereithält und durch psychologische Tiefe brilliert. Er liest sich wie ein Thriller – Schockmomente inklusive. Es ist ein Buch, das einen auch Tage später nicht loslässt. Ich empfehle es allen Freunden subtiler, psychologisch dichter Spannungsromane. Man sollte nicht allzu zart besaitet sein, denn die Gräben, die sich hier auftun, sind tief und wirken überaus glaubwürdig.

Dicke Lese-Empfehlung!

von: George Saunders
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von: Delphine de Vigan
 

Die Häsin

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