Rezension (5/5*) zu Der Heumacher von Edvard Hoem

Barbara62

Bekanntes Mitglied
19. März 2020
4.085
15.650
49
Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Eine neue Zeit

Knut Hansen Nesje, genannt Nesje, wurde 1838 als elftes Kind von Marta Kristine Anderdatter Nesje geboren, den Leserinnen und Lesern der familienbiografischen Romane von Edvard Hoem bestens als "Die Hebamme" bekannt, und war der Urgroßvater des Autors. Kaum mehr als die Daten der Kirchenbücher und die Erzählungen des Großvaters sind verbürgt:

"Ich musste ihn herbeidichten, aus Luft und aus dem Nichts, aus dem Licht über Molde und Rekneslia, aus dem Wind, der meine Haare zaust, und aus dem Regen, der auf Felder und Menschen fiel – zu seiner wie zu meiner Zeit." (S. 5)

Ein entbehrungsreiches Leben
Nesje lebte als Kleinbauer das harte Leben seiner Vorfahren, bestehend aus der Anstellung beim Großbauern, den Pflichttagen zur Bezahlung der Pacht auf dem Gut Reknes und der Arbeit auf dem gepachteten Land, 160 Ar in Rekneslia oberhalb der Kleinstadt Molde in der norwegischen Provinz Møre og Romsdal.

Der Roman beginnt kurz vor der zweiten Hochzeit des Witwers Nesje 1875 mit Serianna vom Bortehof in der Siedlung Hoem, auf dem Edvard Hoem heute wieder teilweise lebt. Serianna war die Großnichte von Lars Olsen Hoem, Protagonist von "Der Geigenbauer". Vier Kinder wurden dem Paar geboren, darunter der Großvater des Autors.

40 Jahre lang machte Nesje Heu auf dem Gutshof und war stolz auf seine Meisterschaft mit der Sense und auf sein kleines „Nesje-Stück“. Nur selten haderte er mit seinem geplatzten Traum vom eigenen Grund und Boden. Trotz aller Mühsal, Sorge und fehlendem Wahlrecht kam ein Weggehen für ihn nie in Betracht, obwohl es diese Möglichkeit durchaus gegeben hätte. Hunderttausende norwegische Bauernfamilien wanderten damals aufgrund der schlechten Lebensbedingungen in die USA aus:

„Mutter Norwegen schafft es nicht, alle ihre Kinder zu ernähren“, […] „Also müssen einige von ihnen hinaus in die Welt.“ (S. 36)

Der Traum vom besseren Leben
Auch in Nesjes Verwandtschaft grassierte das Auswandererfieber. Seriannas jüngste, abenteuerlustige Schwester Gjertine, die zweite Protagonistin des Romans, überredete 1886 ihren Mann Ole zur Auswanderung, um ihrem Traum von einem besseren und freieren Leben für sich und ihre Kinder näherzukommen, andere aus der Familie folgten nach. Doch auch in South-Dakota wartete ein entbehrungsreiches, hartes Leben auf die Neuankömmlinge und längst nicht jeder Traum wurde wahr, obwohl darüber in den Briefen nach Hause oft geschwiegen wird.

Edvard Hoem – ein begnadeter Geschichtenerzähler
"Der Heumacher", im Original 2014 und erstmals auf Deutsch 2024 im Verlag Urachhaus erschienen, ist der Auftakt zum mehrbändigen Romanzyklus Edvard Hoems über die norwegische Auswanderung. Wie alle seine familienhistorischen Romane, die ich im Laufe der letzten Jahre mit immer größerer Begeisterung gelesen habe, ist auch "Der Heumacher" absolut mitreißend und von Antje Subey-Cramer hervorragend übersetzt. Ich liebe die Bücher des begnadeten Geschichtenerzählers Edvard Hoem für die knappe, leicht verständliche, unverwechselbare Sprache in Verbindung mit den poetischen Landschaftsbeschreibungen, das ruhige Erzähltempo, die Bilder voller Intensität, die akribische historische Recherche und die empathische Figurenzeichnung. Mittendrin im Leben der Menschen war ich beim Lesen, teilnehmend an ihren Sorgen und schwierigen Entscheidungsprozessen ebenso wie an den sonnigen Momenten und voller Freude, wenn mir vertraute Figuren aus anderen Romanen wiederbegegneten.

Ich hoffe sehr, dass bald auch die Folgebände auf Deutsch erscheinen, denn ich möchte unbedingt erfahren, wie es in der Alten und Neuen Welt weitergeht.

 

otegami

Bekanntes Mitglied
17. Dezember 2021
1.911
6.661
49
71
Habe ich schon auf Grund meiner bisher gelesenen Bücher von Edvard Hoem mit diesem Buch geliebäugelt, m u s s ich es jetzt nach Deiner begeisterten Rezi auf jeden Fall lesen! ;)
 
  • Haha
  • Stimme zu
Reaktionen: RuLeka und Barbara62

Barbara62

Bekanntes Mitglied
19. März 2020
4.085
15.650
49
Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Mit dem Auswanderungsthema kommt noch einmal eine ganz neue Seite der Familiengeschichte zum Vorschein. Edvard Hoem ist einfach genial.

Übrigens ist Edvard Hoem gerade auf Deutschlandreise:

12. April, 19.00 Uhr: Bellheim, Altes Sägewerk/Mittelmühle, Mittelmühlstr. 7a

15. April, 19.00 Uhr: Nürnberg, Bibliothek im Südpunkt, Pillenreuther Str. 147

16. April, 19.00 Uhr: Leipzig, Grieg-Begegnungsstätte, Talstr. 10

17. April, 19.00 Uhr: Berlin, Felleshus der Nordischen Botschaften, Rauchstr. 1

Ich werde voraussichtlich am Freitag nach Bellheim fahren. Wer kommt auch?
 

RuLeka

Bekanntes Mitglied
30. Januar 2018
6.790
25.618
49
66
Ich freue mich auch schon auf den Roman, muss aber zuvor noch den Geigenbauer lesen.
 
  • Stimme zu
Reaktionen: otegami

Barbara62

Bekanntes Mitglied
19. März 2020
4.085
15.650
49
Baden-Württemberg
mit-büchern-um-die-welt.de
Ich freue mich auch schon auf den Roman, muss aber zuvor noch den Geigenbauer lesen.
Mir hat "Der Heumacher" sogar noch besser gefallen und mindestens so gut wie "Die Hebamme". Den Geigenbauer muss man nicht vorher gelesen haben, er wird nur ein Mal im Nebensatz erwähnt. Er lebte in einer anderen Zeit und war etwas vom "Hauptfamilienstamm" entfernt.
 
  • Like
Reaktionen: RuLeka und otegami

Beliebteste Beiträge in diesem Forum