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Rezension Rezension (5/5*) zu Der Boxer von Szczepan Twardoch.

Dieses Thema im Forum "Historische Romane" wurde erstellt von Renie, 1. Oktober 2018.

  1. Renie

    Renie Moderator
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    Gewalt und Charisma

    "Meinen Vater hat ein großer, gutaussehender Jude mit breiten Schultern und dem mächtigen Rücken eines makabääischen Kämpfers getötet."

    Ein erster Satz, der es in sich hat und neugierig macht, auf das, was da noch kommen wird. Und der Anspruch ist hoch. Denn Szczepan Twardoch, der diesen vielversprechenden Einstieg in seinen Roman gewählt hat, gilt als einer der herausragenden Autoren der polnischen Gegenwartsliteratur.
    In seinem Buch "Der Boxer" befasst sich Twardoch auf eindrucksvolle Weise mit dem Leben in Warschau kurz vor dem 2. Weltkrieg - insbesondere mit dem jüdischen Leben.
    Twardoch führt uns mit seinem Roman in die Szene des organisierten Verbrechens. Hier haben Juden das Sagen. Einer davon ist Jakub Shapiro, Boxer und Mann für's Grobe in der Verbrecherszene. Er ist der "große, gutaussehende Jude", der den Vater des Ich-Erzählers getötet hat, ebenfalls Jude.
    Jakub Shapiro ist die rechte Hand des Paten Kaplica, der das organisierte Verbrechen Warschaus dominiert. Jakub hat sich nicht nur durch seine Boxkünste Respekt und Ansehen innerhalb der jüdischen Bevölkerung Warschaus verschafft, sondern auch aufgrund seines übermäßigen Gerechtigkeitsempfinden. Und trotzdem folgt er bedingungslos den Anweisungen des Paten. Er treibt Schutz- und Erpressungsgelder ein, wenn nötig mit Gewalt. Und die ist häufig nötig.

    "An dem Tag, an dem wir Marylka gerächt haben, müssen wir noch in eine weitere Wohnung eindringen, das Rad des Todes weiterdrehen, Gewalt säen und Gewalt ernten, wie beim Boxen, du steckst einen Schlag ein, gibst zurück, isst und wirst gefressen, ..."

    Einer, der seine Schulden nicht zahlen konnte, war Naum Bernstein, der Vater des Ich-Erzählers Mojsche - woraufhin er von Jakub und seinen Handlangern auf bestialische Weise umgebracht wird. Ist es das schlechte Gewissen gegenüber dem Jungen? Denn Shapiro nimmt sich seiner an und weist ihn in die kriminelle Szene von Warschau ein. Mojsche möchte aus der Rolle des Opfers, die einem Juden in der damaligen Zeit zwangsläufig zugesprochen wurde, ausbrechen. Er will Stärke beweisen. Was liegt da näher als sich dem berühmt-berüchtigsten Juden Warschaus anzuschließen - Jakub Shapiro. Und so gilt er fortan als sein Junge.

    Warschau ist kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges ein Pulverfass. Die jüdische Bevölkerung ist verhasst, wird bestenfalls geduldet. Einzig der jüdischen Verbrecherszene begegnet man mit Angst und daraus resultierendem Respekt. Die Faschisten liefern sich mit den Juden Straßenschlachten. Polen steht kurz vor einem Putsch. Innerhalb dieses Szenarios bleibt der Pate, der sich bis dato als unantastbar ansah, auf der Strecke. Shapiro erkennt, dass sich das Leben in Warschau verändern wird. Er beschließt, sich in Palästina ein neues Leben aufzubauen.
    Ob ihm das am Ende gelingen wird, ist zweifelhaft. Zumindest deutet der Ich-Erzähler an, dass Shapiros Auswanderung nicht ohne Probleme abgelaufen ist. Der Roman behandelt zwei Zeitebenen. Zum Einen geht es um die Zeit damals in Warschau, zum Anderen schreibt ein alt gewordener Ich-Erzähler in Israel Jahre später seine Erinnerungen zu den damaligen Geschehnissen nieder. Der in die Jahre gekommene Auswanderer blickt auf ein langes Leben zurück. Scheinbar ist er seinen Weg im israelischen Bürgerkrieg gegangen. Und seine Erinnerungen an die Zeit in Warschau werfen Zweifel an der Person Shapiro auf.

    "Ich habe das Gefühl, mich in diesen Erinnerungen aufzulösen. Es gibt keinen Mojsche Bernstein, keinen Mojsche, keine Mojzesz, keinen Mosche Inbar, es gibt nur Jakub, Jakub, Jakub, Jakub."

    Die Zeitung "Die Welt" schreibt:
    "Mit Szczepan Twardoch ist Polen zurück auf der Bühne der Weltliteratur."
    Eine äußerst gewagte Aussage, die sich schlecht überprüfen lässt. Und doch kann ich bescheinigen, dass einiges an den literarischen Qualitäten von Twardoch dran ist. Mit "Der Boxer" hat er einen atmosphärischen Roman geschaffen, der ein von Gewalt geprägtes Bild der damaligen Zeit präsentiert. Der Autor lässt seinen Charakteren dabei sehr viel Raum. Fast schon detailverliebt beschreibt er seine Protagonisten und gewährt ihnen zwischenzeitlich eine Bühne auf der ihr bisheriger Lebenweg geschildert wird. Sein Protagonist Shapiro ist eine Urgewalt - stark, brutal, willensstark. Und dennoch zeigt ihn Twardoch auch von seiner schwachen und verletzlichen Seite.

    "Jakub hat Angst. Keine körperliche Angst, körperlich fürchtet Shapiro nichts und niemand auf der Erde. Jakub Shapiro fürchtet weder Hitler noch seine Legion Condor, die in Spanien gegen die Republik kämpft. Jakub Shapiro fürchtet auch Franco, Stalin und Rydz-Smigly nicht. Er fürchtet weder Haie noch Bären, nicht einmal Eisbären. Fürchtet weder Kugeln, Messer noch Knüppel noch jene, die damit hantieren. Etwas fürchtet Jakub Shapiro dennoch."

    "Der Boxer" ist neben aller Spannung und Thrillermentalität auch ein politisches Buch. Und an dieser Stelle hat mich Twardoch manches Mal abgehängt. Mir fehlen leider die Kenntnisse, was die politische Situation seinerzeit in Polen anging. Das Auftreten der damaligen politischen Gruppierungen bzw. realen Persönlichkeiten war für mich daher ein wenig verwirrend.

    Fazit:
    Dieser Roman hat das Zeug für eine Verfilmung. Spannend, mit einem charismatischen Protagonisten, hat er Ansätze eines Thrillers. Aber dieser Roman ist noch viel mehr. Er ist politisch, historisch und ein Paradebeispiel für hohe Erzählkunst. Twardoch macht neugierig auf weitere Werke von ihm. Er wird seinem Ruf als meisterhafter Autor mehr als gerecht. Leseempfehlung!

    © Renie

     
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