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Rezension Rezension (5/5*) zu Der Attentäter: Historischer Thriller von Ulf Schiewe.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von Querleserin, 16. Januar 2020.

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  1. Querleserin

    Querleserin Platin Mitglied

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    Packender historischer Thriller


    Der Roman erzählt die Geschichte des Attentats auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand, das als Auslöser des 1.Weltkrieges gilt, äußerst packend und spannend. Betrachtet wird die Woche vor dem Attentat bis zum Tag, an dem der 1.Weltkrieg entfacht worden ist: 22.6.-28.6.1914. Schauplatz ist überwiegend Sarajevo, das Franz Ferdinand anlässlich eines Militärmanövers besuchen will und das, wie ganz Bosnien-Herzegowina, seit 1878 von Österreich-Ungarn annektiert ist.

    Die meisten Figuren des Romans sind historische, erfunden hat Schiewe:

    "Major Markovic [österreichisch-ungarischer Geheimdienstoffizier], Hauptmann Simon [ebenfalls Geheimdienst] und die Bordellbesitzerin Svjetlana[...]. Ich brauche sie und ihre Handlungen, um dem Geschehen noch mehr Spannung und Würze einzuhauchen. In Wirklichkeit hat wohl niemand, weder die Polizei noch der Geheimdienst, geahnt, was an jenem schicksalhaften 28.Juni passieren würde - außer den Verschwörern und Drahtziehern des Attentats." (Anmerkungen des Autors, 497)


    In mehreren Handlungssträngen, gewürzt mit authentischen Zeitungsberichten aus den Archiven, nähert man sich dem Unglückstag. Dabei erleben wir aus der Perspektive aller Beteiligten mit, wie sie die letzte Woche vor dem Attentat erlebt haben.

    Zunächst die Attentäter selbst: Gavrilo Princip, 19 Jahre alt, sowie seine Freunde Trifko und Nedeljko, ebenfalls 19 Jahre alt, die als bosnische Serben den Thronfolger als Vertreter der Besatzungsmacht hassen und die alle an Tuberkulose erkrankt sind und für ihr Vaterland zu sterben bereit sind.

    "Ja, das ist unser Todesurteil, denkt Gavrilo. Nicht die Schüsse, die sie in Sarajevo abfeuern werden, auch nicht die Zyanidkapseln, die Danilo für sie in seinem Rucksack aufbewahrt. Nein, es ist die Krankheit, dieser schleichende Tod, der sie befallen hat, das Blut, das sie sich aus der Lunge husten. Ohne die Schwindsucht säßen sie nicht auf diesem elenden Kahn. Vielleicht wäre dann alles anders." (163)

    Das Zitat wirft die Frage auf, ob die gesellschaftlichen Umstände, die es nur den Reichen ermöglicht, die Tuberkulose zu besiegen, indem sie in Sanatorien reisen können, dazu führen, dass die Jugendlichen aus ärmlichen Verhältnissen, keine Chance mehr sehen und so den radikalen Entschluss fassen, für ihr Vaterland zu sterben.

    Die Innensicht ermöglich so neue Einsichten.


    Pavle, Mitglied der Schwarzen Hand, eines nationalistisch-serbischen Geheimbundes, fungiert als Schleuser, die Jungen über die Grenze bringt. Danilo Ilic ist ihr Ausbilder, Begleiter und "Aufpasser".

    Im Hintergrund agieren "Dimitrijevic, Mitbegründer und Anführer der Schwarzen Hand, und Tankosic, zweiunddreißig Jahre alt, Major der serbischen Armee und ehemaliger Tschetnik im Kampf gegen die Osmanen" (13), der überzeugt ist, dass die Jungen trotz ihrer Jugend den Auftrag meistern werden:

    "Ilic meint, Gavrilo ist lungenkrank und weiß, dass er nicht lange zu leben hat. - Ach, und deshalb ist es ihm egal, dass er dabei draufgeht? - Er will nicht abtreten, bevor er etwas Großes für Serbien getan hat." (17)

    Auf österreichischer Seite spielt Potiorek eine entscheidende Rolle, der Landeschef von Bosnien-Herzegowina schlägt alle Warnungen zu einem möglichen Attentat in den Wind und schätzt die Zustimmung zur Monarchie in Sarajewo falsch ein.

    "Sarajevo ist sicher. Die Bevölkerung freut sich auf den Besuch. Es ist eine Ehre für diese Stadt." (35)

    "Feldzeugmeister Potiorek hat die Armee aus der Stadt verbannt. Wir sollen nicht als Besatzungsmacht auftreten, sagt er. Er will fröhliche Menschen auf den Straßen, die Eure Hoheit mit Begeisterung zujubeln, und keine Soldaten." (49)


    Hinzu kommt das Franz Ferdinand ausgerechnet an einem nationalen Gedenktag der Serben in Sarajevo seinen Auftritt hat. Markovic sieht die Gefahr, die davon ausgeht.

    "Ein Gutteil der Bevölkerung sieht in der Annexion durchaus einen Vorteil, besonders wirtschaftlicher Art. Nicht wenige, vor allem die bosnischen Serben, betrachten die Österreicher allerdings als Besatzer und Unterdrücker." (37)


    Besonders interessant sind die Szenen, die den Thronfolger mit seiner Frau Sophie und den drei Kindern zeigen. Unbekannt dürfte den meisten sein, dass die beiden eine morganatische Ehe führten. Da Sophie von niederem adligen Stand ist, wird sie behandelt wie eine legitimierte Mätresse, die Nachkommen sind von der Thronfolge ausgeschlossen. Aber die beiden lieben sich und Franz Ferdinand hat jahrelang um diese Ehe gekämpft. Im Privaten erscheint er als liebevoller Ehemann und Vater, in der Öffentlichkeit und seinen Untergebenen gegenüber wirkt er jedoch oft cholerisch.

    Sie hingegen ist durchweg sympathisch, will ihre Kinder zur Selbstständigkeit erziehen und freut sich auf den Auftritt in Sarajevo, da sie nur bei militärischen Manövern an der Seite ihres Mannes stehen darf. Bei offiziellen Anlässen in Wien ist ihr dies nicht erlaubt.


    Im Verlauf der Handlung streben die einzelnen Handlungsstränge aufeinander zu. Die Attentäter nähern sich Sarajevo, das Schleusen über die Grenze ist unglaublich spannend beschrieben, während der Geheimdienst ihnen langsam auf die Spur kommt - zwar fiktiv, trotzdem spannend.

    Der Thronfolger reist via Schiff Richtung Sarajevo, Sophie mit der Bahn zu ihrem luxuriösen Domizil, während die Attentäter in ihrem Unterschlupf immer wieder von Zweifeln geplagt werden. Die Innensicht aller Beteiligten ermöglicht den Leser*innen selbst die Attentäter als Menschen wahrzunehmen, ihre Motive nachzuvollziehen, auch wenn man letztlich kein Verständnis für ihre Tat aufbringen kann.


    Ein sehr dichter Roman, vor allem die Schilderung des letzten Tages - den muss man zusammenhängend lesen. Die fiktiven Zeitangaben über den Kapiteln verstärken die Dichte der Ereignisse, nebenbei verleihen sie dem Geschehen wie auch die Zeitungsbericht zusätzlich Authentizität.

    Besser als alle Geschichtsbücher und viel spannender, war der Tenor in der Leserunde, in der der Autor selbst unsere Fragen beantwortet hat.


    Klare Lese-Empfehlung!



     
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