Rezension Rezension (5/5*) zu Beale Street Blues von James Baldwin.

Renie

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19. Mai 2014
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Buchinformationen und Rezensionen zu Beale Street Blues von James Baldwin
Rassismus, Hass, Wut und Poesie

"Es gehört zum Wesen des Blues, große Tragik mit Schönheit zu verbinden und selbst dem schrecklichsten Leid noch Poesie abzugewinnen ....."

Diese Aussage von Daniel Schreiber, Verfasser des Nachwortes zu "Beale Street Blues" von James Baldwin, bringt es auf den Punkt. Denn er beschreibt in einem Satz die Essenz dieses Romans: Tragik und Leid, vereint mit Schönheit und Poesie.
Dieser Roman kommt also wie ein Blues daher. Tatsächlich geht es hier jedoch nicht um Musik, sondern um menschliche Schicksale.

Eine Beale Street gibt es in jeder Stadt Amerikas. Denn sie steht stellvertretend für die Schwarzenviertel in diesen Städten. Die "echte" Beale Street befindet sich in New Orleans. In der Beale Street New Yorks lebt Tish (Ich-Erzählerin) mit ihrer Familie: Vater Joseph, Mutter Sharon und Schwester Ernestine. Tish ist die jüngere der beiden Schwestern. Mit Anfang 20 beschließt sie, ihren Freund Fonny zu heiraten. So weit, so gut. Aber nichts ist gut. Denn Fonny sitzt unschuldig im Gefängnis und wartet auf einen Prozess, den er unmöglich gewinnen kann. Denn er ist ein Farbiger. Das reicht, um ihn der Willkür der weißen Behörden auszuliefern, die sich entweder gleichgültig gegenüber der Schuld- bzw. Unschuldsfrage zeigen, oder aus Hass gegenüber anderen Hautfarben kein anderes Ziel vor Augen haben, als Fonny für lange Jahre ins Gefängnis zu bringen.

"Und ich schäme mich nicht für Fonny. Wenn überhaupt, dann bin ich stolz auf ihn. Er ist ein Mann. Das merkt man an der Art, wie er mit dieser Scheiße umgeht. Angst hab ich allerdings schon manchmal - keiner hält die Scheiße mit der sie uns bewerfen, ewig aus."

Tish's Familie kämpft einen fast aussichtslosen Kampf, um Fonny frei zu bekommen. Ihre Bemühungen sind sehr kostspielig. Doch die Familie hält zusammen. Sie kämpft leider allein auf weiter Flur. Denn von Fonnies eigener Familie kommt nicht viel Unterstützung. Ganz im Gegenteil. Die bigotte Mutter verteufelt ihren einzigen Sohn, die beiden Schwestern halten zu ihrer Mutter. Einzig der Vater versucht, seinen Sohn zu unterstützen.

Fast Tag für Tag besucht Tish Fonny im Gefängnis. Eine Stunde am Tag, mehr Zeit lässt man den beiden nicht. Tish ist bemüht, Fonny Hoffnung zu geben, was anfangs auch gelingt. Denn die Beiden bekommen ein Baby. Grund genug für Fonny, an dem Glauben an einen guten Ausgang seiner Tragödie festzuhalten. Doch mit der Zeit schwindet sein Optimismus, und es wird immer schwieriger für ihn, an ein positives Ende zu glauben.

"Wahrscheinlich kommt es nicht so oft vor, dass zwei Menschen lachen und sich dabei lieben können, sich lieben, weil sie lachen, lachen, weil sie sich lieben. Die Liebe und das Lachen sitzen an derselben Stelle, da gehen nur nicht viele Leute hin."

Die Schilderung der Liebe zwischen Tish und Fonny ist für mich ein Fels in der "Lesebrandung". Denn das dominante Gefühl in diesem Roman ist Hass, hervorgerufen durch übelste Diskriminierung. Es liegt zwar nahe, dass in diesem Roman die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung angeprangert wird. Doch dies ist nur ein Teilaspekt. Tatsächlich macht der farbige Autor James Baldwin keinen Unterschied bei der Hautfarbe. Denn hier diskriminiert jeder jeden, unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Geschlecht. Die Diskriminierung kann subtil stattfinden, in Gedanken oder durch Worte, die zunächst wie selbstverständlich erscheinen.

Aber in der Regel taucht sie bei Baldwin mit aller Wut und Brutalität auf. Diese Wut und Brutalität findet sich auch in seinem Sprachstil wieder. Wüsste ich es nicht besser, hätte ich angenommen, dass dieser Roman von einem jungen Mann geschrieben wurde, der seine Wut über die Ungerechtigkeit in dieser Welt hinausschreit. (Tatsächlich war Baldwin 49 Jahre alt, als er diesen Roman schrieb)

Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, benennt die Dinge beim Namen und zeigt sie ungeschönt in all ihrer Hässlichkeit. Das Lesen dieses Romanes wühlt daher auf. Um so besonders und wohltuend sind daher die Momente seiner poetischen und liebevollen Schilderung der Beziehung von Tish und Fonny sowie das Miteinander und der starke Zusammenhalt ihrer Familie.

Fazit:
Ein Roman, der die Diskriminierung in der Gesellschaft aufs Heftigste kritisiert. Er fasziniert durch den Sprachstil des Autors, dem es gelingt, Kraft und Wut mit Poesie zu vereinen.
Leseempfehlung!

© Renie

 
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