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Rezension Rezension (4/5*) zu Walnussdonner von Cosima Thomas.

Dieses Thema im Forum "Liebesromane" wurde erstellt von parden, 25. März 2018.

  1. parden

    parden Forumlegende

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    Von der Unmöglichkeit der Liebe...

    Der Roman beginnt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, und die Menschen und Ereignisse werden noch von dem Grauen überschattet. Mit 21 Jahren gerade volljährig, sucht Mathilda, die ihre Eltern bei einem Bombenangriff verloren hat und danach bisher im Waisenhaus lebte, händeringend ein preiswertes Zimmer. Sie hält sich mehr schlecht als recht mit zwei Jobs über Wasser, macht gleichzeitig eine Ausbildung zur Lehrerin und hat kaum genug Geld zum Überleben.

    Ihre Freundin Margot hat eine Idee, die sie Mathilda jedoch nur zögerlich unterbreitet. Margot hat einen Bruder, der in seinem Haus ein kleines Zimmer vermietet - doch so einfach gestaltet sich die Situation nicht. Theo wurde 1944 schwer verwundet und ist seither blind. Schwer traumatisiert, lebt er seit seiner Verwundung im Haus seiner verstorbenen Eltern und ist nicht in der Lage, dieses auch nur für einen Schritt zu verlassen. Der Kriegsversehrte lebt mit den Gespenstern des Krieges, eingeschlossen in seinem Kopf, und wartet auf den Tod. Er bevorzugt die Einsamkeit und erträgt Gesellschaft nur schwer - und bislang hat er alle Mieter des kleinen Zimmers nach kurzer Zeit vergrault. Doch es gibt keine Alternative, alles andere ist für Mathilda nicht bezahlbar, und so zieht sie tatsächlich in Theos Haus. Doch zunächst bekommt sie ihn gar nicht zu Gesicht...


    "Wenn sie abends in der Dunkelheit in ihrem Bett lag, dachte sie manchmal daran, dass Theo tagein, tagaus so lebte. Dunkelheit und relative Stille. Einsam und irgendwie zurückgelassen. Ähnlich wie sie selbst, nur dass Mathildas Einsamkeit endlich war und sie sich mit dem Gedanken, zurückgelassen worden zu sein, arrangiert hatte. Sie hatte weitergemacht, Theo war stehen geblieben, mit dem Rücken zur Wand, und traute sich nicht weiterzulaufen. Weil das Grauen, das er durchlebt hatte, zu tief in seiner Seele verankert war."


    Theo wird durch seine inzwischen verheiratete Schwester versorgt, doch ist dies durch ihre Schwangerschaft irgendwann nicht mehr möglich. Mathilda springt ein, so gut sie kann, doch es soll noch Wochen dauern, bevor Theo sie in seine Wohnung lässt. Trotz seiner Widerstände beginnen sich die beiden zu arrangieren, und Mathilda lässt sich auch durch Theos Kratzbürstigkeit nicht abschrecken. Die Tage sind ausgefüllt mit Arbeit und Lernen, und ganz allmählich beginnt aus der Pflichterfüllung und dem Mitleid Theo gegenüber eine echte Zuneigung zu werden, die sich Mathilda anfangs selbst nicht einzugestehen wagt. Durch Mathildas respektvolle aber unerschrockene Art holt sie Theo ganz allmählich aus seinem Schneckenhaus heraus. Sie bevormundet ihn nicht, lässt ihm sein Tempo, wendet sich aber auch nicht von ihm ab, egal wie er sich verhält.

    Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine Routine zwischen den beiden, Veränderungen geschehen nur zögerlich und schrittweise, doch die Zuneigung wächst. Einseitig, wie Mathilda lange glaubt, doch ist Theo, der jede Nacht den Krieg erneut durchlebt und der durch das herbstliche Herabprasseln der Walnüsse auf das Blechdach des Schuppens in Todesangst versetzt wird, überhaupt in der Lage zu lieben? Mathilda beschließt, sich mit dem zufrieden zu geben, was eben möglich ist, und was sie genau weiß ist, dass sie die Nähe zu Theo braucht. Dieser ermutigt Mathilda immer wieder, sich einen Mann zu suchen und dann ihren Lebenstraum zu verwirklichen und Kinder zu bekommen doch die junge Frau ist stur. Sie weiß, wen sie liebt, und mit weniger kann sie sich einfach nicht zufrieden geben. Aber wird es für Theo einen Weg in die Zukunft geben?


    "'Interessiert Sie das wirklich, was ich davon halte?' - 'Nicht im Geringsten', antwortete Mathilda fröhlich. 'Ich habe heute Morgen die Zeitung von gestern von den Nachbarn abgestaubt. Ich lese Ihnen was vor.' - 'Großartig', sagte Theo freudlos und schloss das Fenster. Mathilda lachte leise in sich hinein. Theo war ein Griesgram, trotz allem hatte sie einen Narren an ihm gefressen. Sie wusste gar nicht genau, warum, aber sie mochte ihn wirklich gerne."


    Cosima Thomas hat hier eine langsame Erzählweise gewählt, was mir über weite Strecken sehr gut gefallen hat. Die Charaktere werden auf diese Weise behutsam immer vertrauter, und man erhält so einen guten Einblick in die damaligen Zustände - alles wirkt überaus authentisch. Gesellschaftlich-politische Zusammenhänge (das Lehrerinnenzölibat, die Strafbarkeit von Ehebruch u.v.m.) finden hier ebenso Eingang wie die zahlreichen sichtbaren wie unsichtbaren Verwundungen durch den Krieg. Während Mathilda und Theo im Laufe der Erzählung immer älter werden, spaziert der Leser sozusagen nebenher durch die Nachkriegszeit und die Wirtschaftswunderjahre, durch die wilden sechziger Jahre und die Musik von Elvis, Frank Sinatra und Hildegard Knef und tanzt dazu mit den beiden, die nicht zueinander finden können, durchs beengte Wohnzimmer...

    Ein Satz aus dem Klappentext hat mir sehr gefallen: 'Gemeinsam leben sie ein halbes Leben, Theo im Krieg, Mathilda im Frieden.' Doch als Leser wünscht man sich für die beiden auf Dauer ein ganzes Leben. Die zwischenzeitliche Ungeduld und Frustration von Mathilda wird zunehmend auch zu der des Lesers - zumindest war das so bei mir. Etwa ab der Hälfte des Buches war ich zunehmend fassungslos, wie die Jahre der beiden vorbeiflogen, ohne dass sich tatsächlich etwas Gravierendes veränderte. Für mich war das irgendwann überstrapaziert und teilweise nicht mehr vorstellbar, aber Cosima Thomas ließ sich in ihrem Erzähltempo nicht beirren - sie blieb trotz flüssigen Schreibstils konsequent in der besonderen Situation der beiden Hauptcharaktere.

    Wie der Roman endete, wird hier natürlich nicht verraten, aber das Nachwort sei noch einmal lobend erwähnt. Hier erklärt die Autorin, wie sie auf das Thema kam und wieviele 'echte Vorbilder' in die Erzählung eingeflossen sind. So viel sei verraten: den Walnussbaum beispielsweise gab es wirklich.

    Ein eindringliches Portrait der Nachkriegszeit - Kriegstrauma vs. Liebe: eine Geduldsprobe! Atmosphärisch gelungen, authentisch geschildert, und in jedem Fall ein besonderes Leseerlebnis...


    © Parden

     
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