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Rezension Rezension (4/5*) zu Über uns: Roman von Eshkol Nevo.

Dieses Thema im Forum "Gegenwartsliteratur" wurde erstellt von Literaturhexle, 4. Juni 2018.

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  1. Literaturhexle

    Literaturhexle Moderator

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    Ein Stadthaus als Modell


    Eshkol Nevo zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern Israels und wurde bereits vielfach ausgezeichnet. Sein Roman „Über uns“ wurde von Markus Lemke übersetzt und erschien im Januar 2018 im dtv-Verlag. Auf dem Cover ist ein mehrstöckiges Stadthaus vor leicht bewölktem Himmel zu sehen. Dieses Haus bildet auch den Rahmen des Romans, der in drei große Abschnitte gegliedert ist: Die Erste Etage, die Zweite Etage und die Dritte Etage. Im Großen und Ganzen steht jede dieser Etagen für sich allein, es gibt nur wenige Berührungspunkte. Allen gleich ist, dass jeweils nur ein Erzähler in der Ich-Perspektive erzählt, und zwar einer dritten Person.

    In der Ersten Etage berichtet Arnon, offensichtlich einem alten Freund, den er seit Jahren nicht gesehen hat. Er wohnt dort mit seiner Frau Ayelet, dem Sohn Yaeli und der gemeinsamen Tochter Ofri. Arnon ist absolut überzeugt, dass Ofri von Ayelet vernachlässigt wird. Das versucht er, mit Liebe und Aufmerksamkeit zu kompensieren. Nebenan wohnt das alte Ehepaar Ruth und Hermann. Hermann leidet unter Alzheimer Demenz, dennoch beaufsichtigt das Rentnerpaar oftmals die kleine Ofri, deren Eltern sich dadurch mehr persönliche Freiräume schaffen. Schnell bemerkt der Leser, dass Arnon dabei absolut berechnend vorgeht. So auch eines Abends, als er zum Sport gehen möchte, Frau und Sohn aber nicht rechtzeitig daheim sind. Die Eheleute hatten sich vorgenommen, Ofri nur noch bei den Nachbarn abzugeben, wenn Ruth zu Hause ist, weil sie Hermann aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr für zuverlässig halten. Darüber setzt sich Arnon hinweg, was in einem Drama endet, weil nämlich Hermann und Ofri anschließend für Stunden verschwinden. Als sie wieder aufgefunden werden, ist der alte Mann derangiert und in Tränen aufgelöst. Das Mädchen verhält sich in der folgenden Zeit auffällig, man vermutet ein psychisches Trauma. In Folge benimmt sich Arnon absolut selbstgerecht und cholerisch, lässt nur seine eigene Wahrheit zu. Dass er selbst sich dazu noch in ein absolut unmoralisches Verhältnis stürzt, das er vor sich selbst zu rechtfertigen versucht, gibt dem Abschnitt weitere Würze.

    In der Zweiten Etage leben Chani und Assaf mit ihren Kindern. Meistens ist Chani jedoch alleinerziehend, da ihr Mann oft geschäftlich unterwegs ist. Sie fühlt sich absolut nicht wohl als Hausfrau, schnell wird klar, dass sie sich bereits früher in psychischer Behandlung befunden hat. Da sie ihren Therapeuten nicht erreicht, beginnt sie, ihrer Freundin Briefe zu schreiben, in der sie sehr ehrlich ihre Erlebnisse und Schwächen schildert. Spannend wird es, als ihr Schwager Eviatar bei Chani auftaucht und sie um Hilfe bittet. Er ist offenbar in schmutzige Immobiliengeschäfte verwickelt, wird sowohl von der Polizei als auch der Unterwelt gesucht und braucht eine Bleibe. Beide lernen sich besser kennen, Eviatar scheint genau der Typ Mann und Vater zu sein, den sie sich früher gewünscht hat. Chani muss zu ergründen versuchen, wie sie selbst leben möchte. In diesem Abschnitt verschwimmen Realität und Fiktion, was einen besonderen Reiz ausmacht.

    In der Dritten Etage wohnt Dvorah, eine pensionierte Richterin. Ihr Ehemann Michael, ein höchst angesehener Mann, der mit seinen festen moralischen Grundsätzen auch Dvorahs Leben bestimmte, ist vor kurzer Zeit gestorben, so dass sie sich nun neu sortieren und befreien muss. Das tut sie, indem sie die ganze Geschichte auf einen Anrufbeantworter spricht, auf dem eingangs noch die Stimme ihres Mannes zu hören ist. Dvorah beschreitet ganz neue Wege. Sie verlässt ihre geborgene Wohnung, um zu demonstrieren, um die Studentenbewegung mit juristischem Rat zu unterstützen. Dort lernt sie den etwa gleichaltrigen Avner kennen, der eine erwachsene Tochter hat. Dadurch wird sie auch an ihren eigenen Sohn erinnert, zu dem sie aufgrund eines Vorfalles seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, was sie natürlich noch immer belastet. Zwischen Avner und Dvorah entwickelt sich eine wunderbare Freundschaft, die man als Leser sehr gerne verfolgt. Dieser dritte Teil ist im Kern eine glaubwürdige Familiengeschichte. In der Vergangenheit sind Dinge passiert, die man nicht ungeschehen machen kann. Dennoch fiebert man mit und wünscht sich eine Verständigung.

    Wie bereits erwähnt, kann man diese drei Abschnitte weitgehend unabhängig voneinander betrachten. Das große Ganze ergibt sich aus dem Interpretationsansatz, den der Autor selbst mitliefert, es soll sich nämlich bei dem Haus um ein Modell zu Freuds Psychoanalyse-Struktur handeln: " Die Enzyklopädie der Ideengeschichte schließlich half mir, dass nach Freuds Theorie in der ersten Etage alle unsere Bedürfnisse und Triebe angesiedelt sind, das Es. In der mittleren Etage wohnt das Ich, das versucht zwischen unseren Begehrlichkeiten und der Realität zu vermitteln. Und in der obersten Etage, der dritten, wohnt seine Majestät, das Über-Ich, das uns immer mit finsterer Miene zur Ordnung ruft und von uns verlangt, auch den Einfluss unserer Taten auf das Gemeinwohl der Gesellschaft zu berücksichtigen." (S. 237)

    Ich persönlich fand die ersten beiden Abschnitte gewöhnungsbedürftig. Die erzählenden, unzuverlässigen Erzähler blieben mir als Personen und in ihren Handlungen fremd. Die Geschichten wirken sehr skurril und nebulös, was für den einen oder anderen aber auch einen Reiz ausmachen könnte. Beide würden von mir 3 Sterne bekommen. Der dritte Abschnitt war im Gegensatz dazu von Anfang an fesselnd. Die verwitwete Richterin, die versucht, sich in ihrem neuen Lebensabschnitt vom Einfluss ihren mächtigen Mannes zu befreien und neue Wege zu gehen, wirkte sehr authentisch. Die Dritte Etage allein hätte von mir 5 Sterne bekommen.

    Freuds Theorie als umspannende Klammer für dieses Buch ist eine interessante Idee, die mich jedoch nicht an allen Stellen überzeugen konnte. „Über uns“ ist ein spezielles Buch, aber kein schlechtes. Da es in Tel Aviv spielt, bekommt man auch einiges über die Probleme, Lebensgewohnheiten und die latente Kriegsgefahr in Israel mit. Dass das Haus auch ein Spiegel der israelischen Gesellschaft sein könnte, wie einige Rezensenten vermuten, konnte ich nicht entdecken.

    Wer sich für psychologische Zusammenhänge in der menschlichen Seele interessiert, der kann mit diesem Buch möglicherweise noch weit mehr anfangen als ich. Das gemeinsame Lesen in unserer Leserunde hat mir mit Sicherheit viele Aspekte des Romans erschlossen, die mir allein verborgen geblieben wären.



    von: Erich Hackl
    von: Antonia Michaelis
    von: Kveta Legátová
     
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