Rezension (4/5*) zu Töchter Haitis von Marie Vieux-Chauvet

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29. März 2022
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Mainz
Die emanzipatorische Kraft der Literatur

Haiti war für mich bislang ein weitgehend weißer Fleck, auf der von mir literarisch bereisten Weltkarte. Leider muss ich zugeben, vor der Lektüre von Vieux-Chauvets Roman mit dem Titel "töchter Haitis" wenig über das Land gewusst zu haben. Dankenswerterweise gibt es den Manesse Verlag, der sich darauf spezialisiert hat, weitgehend unbekannte literarische Klassiker zu entdecken und aufzulegen. Der im französischen Orginal bereits 1954 erschienene Roman wurde in einer authentischen und mit viel Fingerspitzengefühl durchgeführten Übersetzung nun auch der deutschen Leserschaft zugängig gemacht. Ein umfangreicher Anmerkungsteil sowie das Nachwort von Kaiama L. Glover helfen dabei, den Kontext der haitianischen Kultur, inklusive den wichtigen Themen der Zeit, in der die Geschichte spielt, besser zu verstehen. Allein dafür lohnt sich die Lektüre bereits.

Die Autorin selbst ist eine Mulattin, die die Bedrohung des schwelenden Konflikts der verschiedenen Bevölkerungsschichten zu Beginn des 20. Jahrhunderts sicher am eigenen Leib erfahren hat. Sie ging später ins Exil. Es ging ihr offensichtlich darum aufzuzeigen, dass Haiti zwar unabhängig geworden ist, aber nach wie vor durch eine hohe politische Instabilität charkterisiert ist, die sich aus Unruhen zwischen der schwarzen Bevölkerung und den 'gemischtrassigen' Mulatten ergeben. Sie zeigt die Nachwirkungen des Kolonialismus auf: die Wunden, die er hinterlasen hat und verknocherte (patriachale) Strukturen, die schwer zu überwinden sind.

Die junge Lotus verkörpert in ihrer Figur die zerrissene Identität, die mit Erfahrungen der Ausgrenzung, der Zerissenheit und der Entwurzelung einhergehen. Als Mulattin sitzt sie zwischen den Stühlen. Sie stammt von einem französischen Vater ab, der sich früh davon gemacht hat und dem sie ihre helle Haut verdankt. Ihre Mutter ist eine Schwarze, der sie nie verzeihen konnte, dass sie ihren Reichtum durch Prostituion erwarb. Für Lotus ergab sich ein Identitätskonflikt, der dadurch verschärft wird, dass sie zwar in der Villa ihrer Mutter lebt, aber von Bewohnern des angrenzenden Elendsviertels ausgegrenzt wird - mit Ausnahme vielleicht von Männern, die in ihr eine leichte Beute sehen. Sie ist also einerseits durchaus privilegiert, insofern sie der besser gestellten Mulattenschicht angehört und sich ein gutes Leben leisten kann. Andererseits aber hat sie durch die Berufstätigkeit ihrer Mutter eine gewisse nähe zum einfachen Volk - ein Widerspruch, mt dem Lotus zunächst nicht umzugehen weiß. Sie probiert sich aus und wirkt in vielem letztlich doch sehr unreif. Verstanden fühlt sie sich letztlich erst durch die Bekanntschaft mit dem Oppositionellen Georges, der ihr zum einen Schutz und Geborgenheit bietet, zum anderen aber auch vor Augen führt, wie viel Leit, Elend und Unterdrückung es im Land gibt. Lotus durchläuft eine harte Schule des Lebens, doch am Ende hat sie ihre Lektion gelernt...

Die Autorin greift in ihrem Roman wichtige Themen auf. Es geht zentral um die Themen Unterdrückung, Rassentrennung und auch das Patriachat. Der größte Reiz des Romans besteht meines Erachtens darin, dass man durch die Lektüre, insbesondere den Anmerkungsapparat sowie das Nachwort, viel über die politische und kulturelle Situation Haitis im frühen 20. Jahrhundert lernen kann. Mit der Geschichte selbst habe ich mich hingegenen etwas schwer getan. Lotus habe ich als sehr wankelmütig und unreif erlebt. Sie reift erst gegen Ende des Romans. Das war teilweise anstrengend und enervierend zu lesen. Dabei ist der Schreibstil von Vieux-Chauvet durchaus sehr angenehm und flüssig zu lesen. Er hat mich letztlich auch bei der Stange gehalten. Das Ende ist recht hoffnungsfroh und verweist auf die emanzipatorische Kraft von Literatur.

In jedem Fall hat mich der Roman auf weitere Werke aus und über Haiti neugierig gemacht. Insofern freue mich mich, dass bereits im kommenden Jahr ein weiteres Werk der Autorin in deutscher Übersetzung erscheinen wird. Ich werde dem sicher eine Chance geben.



 
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